Montag, 2. Juni 2014

Historische Romane und die schwierige Recherche/ Wahrhaftigkeit

Eine der unmöglichen Dinge bei einem historischen Roman ist die Recherche.

Die meisten Autoren historischer Romane sind keine Historiker und müssen sich "ihre" Epoche erst aneignen. Also entwerfen sie mit ihrem bisherigen Wissen einen Plot und beginnen dann die historischen Hintergründe zu recherchieren, die noch zusätzlich für die Geschichte notwendig sind.

Hilfreich sind dafür eine ganze Menge an Sachbüchern, die einen Überblick zu bestimmten Themen des Mittelalters bieten:

1. Borst, Otto                  : Alltagsleben im Mittelalter, Frankfurt a.M., 1983
                                        : Lebensformen im MA.
3. Gurjewitsch, Aaron J. : Das Weltbild des mittelalterlichen Menschen, München, 1980,
4. Shahar                         : Die Frau im Mittelalter, 1981
                                        : Kindheit im Mittelalter, 1993
5. Feld, Helmut               : Frauen des Mittelalters", Köln, Weimar 2000
6. Bumke                         : Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im hohen MA.
7. Boockmann                 : Die Stadt im späten MA, 1986
8. Ennen                          : Die europäische Stadt des MA
9. Gleba, Gudrun             : Klöster und Orden im Mittelalter, Darmstadt, 2002 
10. Henning                     : Landwirtschaft und ländliche Gesellschaft in Dtland.
11. Otto Brunner              : Land und Herrschaft
12. Mitteis                        : Lehnrecht und Staatsgewalt/ Der Staat des hohen MA
13. Patzold                       : Das Lehnswesen, 2012
14. Rösener                      : Bauern im MA/ Strukturen der Grundherrschaft im frühen MA


Leider bilden diese Werke immer nur den Forschungsstand bis einige Monate vor ihrer Veröffentlichung ab. Das bedeutet nicht s anderes, als dass gerade bei älteren Werken immer auch neuere Literatur ergänzend einbezogen werden muss.
Generell dienen diese Bücher dazu sich einen Überblick zu machen und eine Grundstimmung zu finden. Ein Buch, dass die mittelalterliche Stadt behandelt, muss generalisieren. Die Situation in einer bestimmten mittelalterlichen Stadt muss man gesondert betrachten und neben der aktuellen Forschung über die Stadt im allgemeinen auch die Situation regional betrachten.

Im Anschluss sind unendlich viele Details zu prüfen: Welche Kleidung tragen die Figuren; Wie wird man Mitglied in einer Zunft, welche Regalien liegen beim König,....

Ich habe viele Laien getroffen, sich in bestimmten Bereichen oder Details besser auskennen- aber ihnen fehlt oft das vernetzte Wissen und die Verbindungen, bzw. die Möglichkeit bestimmte Dinge umfassend einzuordnen. Das führt auch bei sehr belesenen Laien manchmal zu Fehlschlüssen (, die Historiker manchmal finden, weil sie im Studium und danach jede Menge selber geschossen haben und weiterhin schießen.)

Ich persönlich finde die meisten Fehler aber nur dann störend, wenn sie die Wahrhaftigkeit der Geschichte stören.

Wahrhaftig ist für mich ein historischer Roman, wenn er aus der Gegenwart die Vergangenheit betrachtet und versucht auf viele Fragen einige Antworten zu bekommen, die eben nicht 1+1=2 sind, indem er z.B. das Rittertum in seinem Glanz und seinem Scheitern zeigt und dem Leser die Schlussfolgerung überlässt.
Dazu ist es notwendig glaubwürdige Figuren in der Geschichte (auch mal gegen historische Fakten) handeln zu lassen und sie mit den Mitteln auszustatten, diese Frage zu stellen.
Viele Romane, unabhängig vom Geschlecht der Hauptfigur oder des Autors, gelingt es nicht wahrhaftig zu sein. (Das gilt aber auch für alle anderen Bereiche, in denen Romane eingeordnet werden). Manches wirkt eher wie eine Kulisse für ein Stück, dass nicht in die Zeit der Kulissen passt. Mancher historischer Roman wirkt wie ein Flickenteppich von Geschichte, der beliebig wie ein Rezept mit einer beliebigen Zeit ausgestattet wird. Einige Romane scheitern, manche sogar großartig. Manchmal passen die Figuren nicht zur Zeit, mit ihren Haltungen und Einstellungen, was aber nicht immer der Geschichte schadet.

Deshalb finde ich es schwierig ein generelles Urteil über historische Romane abzugeben. Wer etwas über die Zeit Heinrich VIII lesen möchte, kann sich mit einem buckligen Juristen (C.S. Sansom) nähern, er kann sich über Maria Tudor nähern, über eine der Romanbiographien zu Heinrich dem VIII und den anderen Tudorkönigen (z.B. Margaret George), ....
Manche Bücher sind auf widersprechende Weise wahrhaftig. Denn es gibt in der Geschichte wie in der Fiktion nicht die eine Wahrheit, sondern nur Möglichkeiten, Spektren der Wahrheit, so dass jede Betrachtung der Geschichte immer mehr über die Zeit aussagt, aus der sie stammt, als über die Zeit, die sie betrachtet.


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