Samstag, 29. Juni 2013

Hundstage

Unleidlich quittiert unser Hund jeden Morgen die mit drohender Stimme vorgetragene Anweisung in den Garten zu verschwinden, um seinen Geschäften nachzugehen. Mindestens sechs Mal dreht er sich dabei um, und versucht Anzeichen von Gnade zu erkennen- einem leichten Kopfnicken, einem gesäuselten "Na gut", was auch immer. Auf dem Rückweg stellt er sich vor seine Hundebox, hakt seine Hundekrallen in die Tür und schleicht sich wieder in den Schlaf.
Nun gut, dieses Procedere geschieht eigentlich jeden Morgen bei meiner Frau und mir. Und Tyson, unsere englische Bulldogge, spielt darin in der Tradition des französischen Films "Pierre Richard". O.k. eine englische Hunderasse und ein französischer Komiker scheinen nur auf den ersten Blick nicht zusammen zu passen.
Im Moment gibt es aber Hundstage: die Hundedecke ist in der Waschmaschine und die Hundebox steht gewaschen draußen vor der Tür. Der Hund steht also vor der nicht vorhandenen Hundebox, eine faltbare Hundehütte ohne Tür steht im Moment in Vertretung dort, und versucht mit seinen Krallen in die Gitter zu fassen. Nicht einmal, nicht nur an einem Tag. Es lebe die Routine und Pierre Richard.

Nun gut, irgendwie sind Tyson und ich uns viel ähnlicher als gedacht....

Sonntag, 23. Juni 2013

Ist das das Ende des Bachmannpreises?

Am 21.06.2013 erschien in der "Kleine Zeitung" ein erster Artikel über die Ankündigung des ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz die Übertragung des der Tage der deutschsprachigen Literatur 2013  findet man bisher keine Antwort oder Kommentar.
Der ORF-Generaldirektor begründet die Einstellung übrigens damit, dass "man die 350.000 Euro, die der Bewerb kostet, zusätzlich bekommen müsste". Nun, es geht also nicht um die Einstellung des Wettbewerbs, sondern um die Einsammlung weiterer Sponsorengelder. Die Begründung Sparmaßnahmen, um die Qualität des Programms halten zu können, ist übrigens ein wunderbares Statement, was öffentlich-rechtliche Fernsehunternehmen für Qualität halten und welche Bedeutung Deutsche Literatur darin hat.

Nun, das Konzept der "Tage der deutschsprachigen Literatur" ist an die Tagungen der findet sich von Georg Diez eine interessante Aufstellung/ Zusammenfassung über die Kritik am Bachmann-Preis. Letztlich, so Georg Diez , laden die Kritiker die Autoren der deutschen Ausbildungsinstitute (DLL aus Leipzig, "Kreatives Schreiben" Uni Hildesheim) ein, und durchschnittliche Literatur wird vor durchschnittlichen Literaturkritikern vorgestellt und genauso besprochen. Deshalb folgert er, dass das Ende des Bachmann-Preis zu etwas Neuem führen könnte.
Im Literaturcafé sammelt Wolfgang Tischer einige Fakten zum Bachmann-Preis  und seinen Kosten und stellt heraus, warum man diesen Preis fortsetzen sollte. "Einmal im Jahr", so Tischer, " kann die Literatur – wenngleich auch in anderen Dimensionen – zu anderen Fernsehereignissen aufsteigen". Und gerade die Diskussionen über Autoren und Texte, sowie über den Preis und die Auswahl an Kritikern und Autoren ist eben Teil der Inszenierung.

Letztlich muss man die Diskussion erst einmal als Statement nehmen, welche Rolle Literatur in den heutigen Medien, selbst bei gebührenfinanzierten, noch hat. Sie darf halt weder Geld kosten, noch die "qualitativen Programme" der Sender gefährden. Wobei hier die Kosten wirklich ironisch zu verstehen sind, denn die "Tage der deutschsprachigen Literatur" gehören sicherlich zu den preiswertesten Programmen des ORF, wenn man die Kosten pro Sendeminute berechnet. Und zu den "qualitativen Programmen" würde ich gerne etwas schreiben, aber da wäre jedes Wort verschwendet- denn da arbeiten sich ja die Tageszeitung als Neidhammel schon genug auf.
Die "Tage der deutschsprachigen Literatur" verdienen sicherlich viel Kritik: Die Auswahl der Kritiker und Autoren verdient sicherlich eine Überprüfung und sicherlich könnte man hier mutigere Texte und Autoren präsentieren.
Platz für Neues, wie Georg Diez fordert, wäre sicherlich etwas willkommenes. Nur leider wird es keine Nachfolgesendung irgendwelcher Art geben: Denn der "open-mike" findet unberechtigter Weise leider nur auszugsweise im Fernsehen statt. Generell werden Sendungen über Literatur im deutschen Fernsehen immer weniger statt und auch das Feuillton beschäftigt sich immer weniger damit. Wo findet Literatur also statt und wie wird sie vermittelt?

Inzwischen bin ich soweit zu sagen, dass die "deutschsprachige Literatur" sich intensiver mit dem Internet beschäftigen sollte. Eine socialmedia Internetseite, auf der Lesungen gesammelt werden, Übertragungen vom Open-Mike und den "Tagen der deutschsprachigen Literatur, wo Bücher empfohlen und besprochen werden, wo Publikum und Autoren zusammenfinden können, Leseproben und mehr vorliegen. Das sollte vernetzt werden mit den vielen guten und weniger guten Angeboten im Internet, mit Autorenhomepages und vielem mehr.
Denn auf die öffentlich-rechtlichen Programme und das Feuilleton kann man nicht mehr auf Dauer zählen. Wenn diese Infrastruktur nicht geschaffen wird, findet diese Literatur bald nur noch ohne Öffentlichkeit statt. Und das macht mir Angst.

Trotzdem sollte man versuchen den "Ingeborg-Bachmann-Preis" zu retten, nicht nur vor dem ÖRF und den Beteiligten, sondern auch vor dem selbst verschuldeten Bedeutungsverlust. Aber ob das funktioniert... ich glaube da eher an die Internetseite.

"Die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten"... ein deutsches Volkslied

Manchmal gelingt es Liedern, Geschichten und Romanen weit über ihre Entstehungszeit eine besondere Bedeutung zu gewinnen, so dass sie immer wieder aktuell werden. Im 13. Jh. gab es eine erste Version des Liedes von Walther von der Vogelweide und Freidank, gegen 1780 wurde das Lied wieder aktuell und es entstanden verschiedene Fassungen u.a. 1842 eine Fassung von Hoffmann von Fallersleben. Nun, gerade in der Werbung von einem großen Internetprovider erscheint nun ein Kind, dass dieses Lied singt....


Irgendwie liegt eine Ironie in dieser Werbung, einer Neuauflage der Werbung vor einigen Jahren, die diesem Internetunternehmen nicht klar war oder sein konnte. Denn gerade gibt es verschiedene Veröffentlichungen über das Vorgehen verschiedener Länder, die in einer Weise in die Privatsphäre der Internetnutzer eingreifen, die in einer früheren Zeit einfach nicht machbar und unvorstellbar waren.

Wenn meine E-Mails überwacht werden, mein Blog, meine Socialmedia-Aktivitäten, meine Handynutzung, es Regierungstrojaner gibt, dann dringen die Regierungen tief in meine Privatsphäre und Gedanken ein. Nun, in einer Dikatur gehört die totale Überwachung zum Regierungssystem. In einer Demokratie, gerechtfertigt durch die Bedrohung durch Terroranschläge, ist sie eine ständige Gefahr für die Regierungsform.
Der Begriff "vom Volk für das Volk" beinhaltet nämlich eine bestimmte Vorstellungswelt, die anscheinend bei vielen Menschen verloren gegangen ist. Die Vorstellung, die leider in Deutschland von keiner Partei mehr richtig vertreten wird: "Liberalismus".

Das Mandat des Volkes beinhaltet eben nicht den gerade so beliebten "Fürsorgestaat", einen "Nannystaat", der in alle Lebensbereiche der Menschen eingreift. Eine Regierung darf der Meinung sein, sie müsse die Menschen beschützen- er darf sie aber nicht vor sich selber schützen.  Somit müssen die Eingriffe der Regierung sich immer daran messen. 
Natürlich darf eine Regierung auch das Internet überwachen- dazu ist sie gewählt. Aber es muss eine demokratische Überwachung dieser Maßnahmen durch einen Richter gebeben und dieser Richter muss die Rechte der Regierung so einschränken, dass eben der normale Mensch nicht zufällig in eine Überwachung gerät.


Genau an diesem Punkt versagen die demokratischen Staaten, die sich gerade für eine Datensammlung über die Bürger entschieden haben. Die Überwachung ist nicht demokratisch legitimiert, weil sie nicht demokratisch überwacht wird. Kein Gesetz darf sich hier über die Rechte der Bürger hinwegsetzen. 
Niemand darf versuchen sich der Gedanken der Bürger zu bemächtigen, weil die Gedanken und die Rede frei sind. Nur wer durch seine Taten gegen das Gesetz verstößt, darf an seinen Taten gemessen und verurteilt werden.

Leider legitimieren die demokratischen Staaten ihr Vorgehen mit der "Angst". Regelmäßig wird vor echten und gescheiterten Anschlägen gewarnt, eine wage Bedrohungslage wird beschrieben... und nur die Überwachung kann die Menschen davor schützen.
Aber wäre die demokratische Überwachung und Begrenzung der Überwachung wirklich eine Gefahr? Ja. Denn natürlich scheitern die überwachenden Staaten immer wieder, weil sie eben die Daten auch geeignet auswerten müssen. Aber sicherlich haben sie so auch Menschen gefunden, die eben langsam durch die Kontakte mit bestimmten Menschen abgeglitten sind in eine Vorstellungswelt, in der Attentate gerechtfertigt sind. Und Anschläge verhindert, die gerade in der Planungsphase waren.
Somit ist die Folge einer demokratischen Überwachung und Begrenzung mehr erfolgreiche Anschläge. Ich will nicht auf die Vorstellung der Freiheit zurückgehen, die regelmäßig mit dem Blut der Patrioten bezahlt werden muss. Sondern darauf, dass ein demokratischer Staat immer in Gefahr ist durch die Einschränkung der Rechte der Bürger langsam abzugleiten. Nur wer den Bürgern Verantwortung und Freiheiten zugesteht, wird einen starken Bürgerstaat erhalten. Wer mit der Angst der Bürger arbeitet, wird keine mündigen Bürger erhalten. Ein Grund für die immer schlechter werdenden Wählerzahlen ist schließlich auch das Gefühl der Bürger, dass ihre Stimme keine Bedeutung hat, dass sie keine Auswirkung hat- und dass ihre Teilhabe und Verantwortung eben immer weiter eingeschränkt wird.

Aber vielleicht täusche ich mich. Manchmal denke ich, dass ich das nur hoffen kann.

Samstag, 8. Juni 2013

Eine Geschichte im Werden (Ideen revisited)

Von der ersten Idee dauert es eine ganze Menge Gedankenzeit, bis eine Idee groß genug wird, um einen Roman oder eine längere Geschichte zu füllen. Denn die besten Ideen bestehen aus einigen, wenigen Zeilen. Die schlechten übrigens auch.
Wie jedes andere Konstrukt muss eine Idee dann angefüllt werden, sie braucht Figuren, Kleider, Gerüche, Licht und vieles mehr, zumindest bei einem Roman. Nun, in diesem Prozess muss eine Idee beweisen, ob sie einen Roman tragen kann.

Wenig überraschend sind es nicht immer die großen Ideen, die einen Roman tragen- große Romane werden meist von kleinen Ideen tragen, die eigentlich nur die große Idee unterfüttern. Das ist übrigens eine der großen Wahrheiten des Schreibens, meiner Meinung nach.

Viele Autoren verwenden bestimmte Versatze, Standardelemente, um eine mäßige Idee zu tragen- nicht nur bei bestimmten Genrestoffen. Das mag dann das Ken-Follet-Schema sein: Zwei ungleiche Brüder/ Cousins, die wetteifern, wobei einer gut und der andere nicht gut ist, aus der Familie unterstützt wird, obwohl er weniger begabt ist (und eine intrigante weibliche Figur um sich hat, oft die Mutter)- Am Anfang unterliegt der Gute, später versagt der Böse, der das Geschäft leitet, und der Gute rettet die Situation. Meist heiratet der Böse dann auch noch die Frau, die beide begehren- wobei sie aber nur widerwillig zustimmt/ oder gezwungen wird und eigentlich den anderen liebt, den sie am Ende der Geschichte heiratet. Dabei greifen sie dann um Umfeld der Figuren auf bestimmte Archetypen zurück. Bei diesen Versatzstücken spielt die eigentliche Idee nur die Rolle schmückenden Beiwerks.
Da es nur eine bestimmte Vielzahl an Grundideen gibt, ist es in Ordnung auf bestimmte Konstellationen zurückzugreifen. Schwierig wird es, wenn man die Schematas und Versatzelemente so wiederholt wie Follet und/ oder dabei nicht hinterfragt, die Geschichte frei weiterentwickelt, Wendungen einbaut (die nicht im Schema vorgesehen sind). Oder anders gesagt: Wenn man die Tore der Welt/ Pfeiler der Macht einfach nacherzählt... nur mit anderen Namen und anderen Orten (und der mutigen Entscheidung ein Minidetail zu ändern).

Es gibt aber eine Menge Konstellationen, die eine Menge Kraft enthalten: eine Dreiecksbeziehung, die Schwierigkeiten Vater- Sohn, die Rivalität zwischen zwei Geschwistern.... Diese produktiv in einen Roman zu bringen, gehört zu den Leistungen eines Romans und macht ihn stark und kräftig, wenn man es richtig macht. Und richtig bedeutet in diesem Fall stark, spiegelnd (über die Figuren hinaus), Konflikt- und Spannungsreich, mit gelungenen Wendungen und starken Figuren- eine Kleinigkeit, oder??

Ein weiteres Geheimnis sind die Fragen, die ein Roman aufwirft- und auf die er keine Antworten findet.  Gelungene Romane sind immer auch eine Frage des Autors an die Welt, die er versucht (nicht abschließend) in ihrem Roman zu beantworten. Ich frage in meinen Texten fast immer: Wie gehen Menschen mit Schicksalsschlägen umgehen?7 Wie verändern die Schicksalsschläge diese Menschen?/ Wie entwickeln Menschen sich?7 Welche Rolle spielt Familie?/ Was ist der Tod? Dabei werden die Vorschläge geprüft, Varianten dargestellt und durchgespielt, Möglichkeiten untersucht...  Bei vielen Romanen bildet gerade solche Fragen den eigentlichen Reiz der Geschichte.

Nun, wenn die Idee nun mit genug Futter ausgestattet ist, Fragen aufgeworfen, die Idee geprüft, geht alles in eine weitere Prüfung: die ersten Kapitel. Dort wird aus den abstrakten Ideen die ersten konkreten Szenen. Und dann beginnt der nächste Teil