Dienstag, 15. Oktober 2013

Qualität, Anspruch und Erfolg

Ich bin im Verlauf zu einer interessanten Theorie gelangt: Qualität und Anspruch haben nur sehr wenig mit dem Erfolg zu tun. Ein Buch wird aus ganz anderen Gründen ein Bestseller:

1. Manche Romane werden ein großer Erfolg wegen des Themas. Ein bestimmtes Thema liegt in der "Luft"- und dem Autor/ der Autorin gelingt es sich bei diesem Thema zu positionieren.
2. Manche Romane erinnern den Leser an ihre Lektüre in der Jugend... Die begeisterten Leser von Internatsgeschichten werden sicherlich ein wenig davon auch bei Harry Potter entdeckt haben.
3. Manche Romane verkaufen sich als eine Wunschvorstellung... Die meisten Menschen können sich bei bestimmten Romanen an ihre eigenen Wunschvorstellungen erinnern... und finden z.B. in Figuren von Harry Potter eine Idee von Bedeutung und Macht, die ja viele sich zumindest gewünscht hätten.
4. Manche Romane erzählen uns von faszinierenden Welten außerhalb unserer Vorstellungskraft...
5. Manche Romane stellen Fragen an die Welt.... in der Vergangenheit, Zukunft oder Gegenwart.
6. Manche Romane erzählen uns von einem besonderen Schicksal, dass einen Anschluss an eigene Erfahrungen bildet.
7. Manche Romane berühren eine Angst oder einen Schrecken in uns....
8. Manche Romane spiegeln unsere Welt in einer anderen... ob in der Vergangenheit, Zukunft oder Gegenwart.
9. Manche Romane wecken unsere Neugier....
... 

Die meisten Leser sind bereit drastische Abstriche bei Qualität und Anspruch hinzunehmen, wenn ein Roman sie durch eine oder mehrere der oberen Punkte packt. Denn dann überlesen wir viele Dinge, die uns bei einem Buch stören würden. Packt uns das Buch aber nicht so, dann steigt unser Anspruch.

Montag, 14. Oktober 2013

Komposition und intuition

Über viele Jahre habe ich mich intensiv mit der Komposition von Texten beschäftigt. Manchmal kann ich nicht einmal genau erklären, was ich da alles gemacht habe.
Irgendwie hat alles damit angefangen, dass ich die Geschichte bei meinen ersten, längeren Texten einfach nicht mehr unter Kontrolle hatte. Ich hatte keine Ahnung vom Aufbau eines Textes (von Kurzgeschichten einmal abgesehen), kein Gefühl für eine Struktur (von Szenen hin zu Kapiteln oder einem Roman), kein Gefühl für den Unterschied zwischen dem Blick als Autor und Leser, kein Gefühl für die Verwendung von bestimmten Worten (von Konjunktionen zu rhetorischen Figuren) und keine Ahnung, wie bestimmte Dinge wirken oder wirken könnten. Und das schlimmste von all dem: wenn ich die verschiedenen Zutaten zusammen gerührt habe, kam da nicht gerade ein leckeres Gericht heraus.
Ich habe im Anschluss knapp 15 Jahre damit verbracht, mich mit allen diesen Elementen zu beschäftigen und jeden längeren Text dadurch zu versauen. Denn ich habe alles immer bis zum Extrem (oft in allen Richtungen) ausprobiert. Nun, Extreme sind halt für das Lernen nahezu ideal geeignet. Nur leider sind sie nur wenig geeignet, um einen Text zu schreiben.
Vielleicht war es die längere Pause. Vielleicht waren es auch die vielen Hundert Überarbeitungen der vielen Hundert Seiten, die ich gemacht habe. Vielleicht auch bestimmte Einsichten. Ich kann es nicht sagen.
Wie die meisten Dinge, die man sich erarbeitet, werden auch viele Einsichten über das Schreiben einfach selbstverständlich. Ohne noch einen Gedanken daran zu verschwenden, greift der Geist und die Hände einfach auf die Erfahrung zurück. Aus Arbeit und Erfahrung wird Intuition.
Manchmal muss man korrigieren, manchmal durch Überarbeitung ausbessern- letztlich entwickelt sich dann nach und nach der individuelle Stil. Die Feinabstimmung würde ich dann als Komposition bezeichnen, sowohl nach dem Text, den Figuren und nach der eigentlichen Szene.

Samstag, 5. Oktober 2013

Scrivener

Eine der großen Geheimnisse des Schreibens ist eine verdammt gute Recherche, denn das Leben findet seinen Weg in einen fiktiven Roman über seine Anleihen an die Wirklichkeit. Nur ist es verdammt schwierig bei einem Erzähltext wirklich den Übersicht über die Recherchen zu behalten und seine Ideen ordentlich zu verpacken. Manches geht dann leider verloren. Manche Idee ist ohne den Zusammenhang ihrer Entdeckung nichts mehr wert. Nun, seit einigen Jahren gibt es ein Softwareprogramm für Autoren: Scrivener.

Irgendwann im Jahr 2006 hat jemand sich an ein Programm gesetzt, dass bei der Erstellung von längeren Texten helfen soll. Die Grundidee ist den eigentlichen Text, Informationen zum Text und Recherche in einem Programm zusammenzuführen. 
Eine der besonderen Anforderungen bei der Erstellung von längeren Texten ist, dass längere Texte eigentlich aus kleinen Elementen bestehen. Und das bei der Erstellung dieser Texte oft genug der Punkt kommt, wo diese Textelemente neu geordnet werden müssen, getauscht oder ersetzt. Genau dies sieht Scrivener vor: die Texte liegen einmal als Langtext, aber auch als geschnipselte Teiltexte vor. Es kann kommentiert werden, Fußnoten können gesetzt werden, und alles kann verschoben und versetzt werden.
Im Prinzip folgt das Programm einem Baukastenprinzip für den Text, dass durch direkte Verlinkung z.B. von Rechercheseiten im Netz, von Notizen und viele mehr zu verbinden ist.

Ich bin beeindruckt.



Sonntag, 28. Juli 2013

SUB stituiert...

Auf meinem Stapel ungelesener Bücher haben sich allerlei Bücher angesammelt, die ich mir wohl nie gekauft oder mir geliehen hätte:
Zwei Krimis/ Thriller aus dem skandinavischen Raum mit dem inzwischen standardisierten Serienkillermüll: Der Killer ist hoch intelligent, es legt Spuren, sein heimliches Ziel ist der gebrochene Ermittler, getötet wird besonders detailliert und besonders grausam...
Ein weiterer Autor/ Autorin hat sich überlegt, dass man aus einem Mythos einen Jugendroman stricken kann: Aus den Geschichten der antiken Götter/ des Vampirs/ die Magier... wird mit Hilfe einer Urgeschichte wie die Konkurrenz der beiden Brüder/ die Dreiecksbeziehung/ die Liebe des Unsterblichen zur Sterblichen eine ziemliche dünne Soße mit Hilfe der Heldengeschichte gekocht. Die junge Hauptfigur muss mindestens die Welt retten, seine Fähigkeiten übersteigen die alle Anderen, es gibt einen Lehrmeister und einen Ratgeber, immer mindestens einen Love-interest. Die Schurken sind besonders schurkisch, die Helden fehlerfrei und die Narren übernärrisch. Nur leider werden die jugendlichen Leser und ihre Probleme nie ernst genommen: die erste Liebe, die Probleme des Heranwachsens.... (Wie sehr vermisst man dann, dass im SUB die Strouds und die JKR fehlen). Das der Zufall dem Helden hilft, nachdem er ihn in Schwierigkeiten geschickt hat... naja.
Die Pseudofeminstinnen, die im Liebesroman entdecken, dass sie viel lieber das Leben ihrer unterdrückten Großmutter leben würden...
...


Für alle diese Bücher habe ich aber eine Empfehlung bekommen....

Donnerstag, 18. Juli 2013

Die Macht der Sprache oder wie Literatur entsteht...

Im Moment, so scheint es, muss ein Autor in Deutschland "sprachmächtig" sein, um zu den Aspiranten für bedeutsame Literatur zu gehören. Dabei wird die "Sprachmächtigkeit" fast zu einer Kategorie, um den Wert eines Schriftsteller zu messen.
Das ist nur leider eine Betrachtungsweise, die dem Autor und dem Werk nicht gerecht wird. Denn die ausgefeilte oder "sprachmächtige" Sprache benötigt immer einen allwissenden Erzähler oder zumindest eine Erzählfigur, die als "sprachmächtiger Erzähler" auftritt. Beides ist aus der Literaturgeschichte der deutschen Sprache weitgehend bekannt. Dies ist bei manchen Romanen sicherlich notwendig für die Geschichte, aber leider bilden diese Erzähler oder Erzählfiguren eine Einheit mit bestimmten Inhalten. Üblicherweise wird eine bestimmte Art Geschichte erzählt, von einem fontanischen Dampfplauderer, der seine eigene Sprachmacht beleuchtet... und kommentiert, statt zu erzählen. Manchmal wird die Geschichte aus Sicht eines Interlektuellen erzählt, was sicherlich seine Reiz hat. Aber leider besteht die Welt nicht nur aus Orten, wo diese Menschen hinkommen. Und oft genug verpassen Interlektuelle die interessanten Geschichten. Es gibt eine breite Auswahl an Klassikern und großer Literatur. die so aufgebaut ist.

In der deutschen Literatur wird im Moment vergessen, dass "Sprachmächtigkeit" oft genug bedeutet, dass der Erzähler sein Handwerk Sprache nicht der Geschichte unterordnet. Das es auch bedeutet, dass bestimmte Geschichte so nicht erzählt werden können. Deshalb wäre es für die Autoren wichtig, sich genau das einmal zu überlegen. Denn "Sprachmächtigkeit" bedeutet eben auch die Sprache als Handwerk zurückzunehmen, wenn es der Geschichte dient. Ob das den Kritikern gefällt- im Moment offensichtlich nicht. Aber was für Geschichten so schon geschrieben wurden.... Es könnte es wert sein.

Samstag, 6. Juli 2013

Pompöse Worte

In der letzten Zeit wird wieder verstärkt in Texten und Rezensionen auf "pompöse Worte" zurück gegriffen. Da wird ein Autor zum "sprachmächtigen" was-auch-immer und mit mehrsilbigen Mode- und Fremdworten wird eine einfach Sache ganz umständlich dargestellt.
Dies machen die Autoren/ Kritiker,  weil die "pompösen Worte" wie "sprachmächtig" die Überbleibsel von einer besonders gelungenen Rezension sind, in der sie wirklich eine Bedeutung hatten. Mit der häufigen Verwendung haben sie sich abgenutzt und wirken formelhaft. Ein schönes Beispiel aus einem anderen Kontext ist "den Geist aufgeben". In der Bibel und der frühen deutschen Sprachgeschichte war das eine geniale, tiefgründige Wendung- und nur der Sohn Gottes konnte das. Heute kann das jeder Toaster.

Das bedeutet nicht, dass diese Formeln schlecht sind. Die meisten Menschen haben zu ihnen einen schnellen Zugang und verstehen sie sofort. Und die abgenutzten Assoziationen können leicht mit dem begleitenden Text ausgeglichen werden.

Genau wie die meisten rhetorischen Figuren  sollen "pompöse Worte" eigentlich einen besonderen Effekt erzielen, indem der Leser für einen Bruchteil einer Sekunde aus seiner üblichen Leseroutine gerissen wird wie z.B. bei Signalworten. Nur leider wirken viele "pompöse Worte" schnell formelhaft.

Typische Signalwörter sind die oft beleumundeten (wie pompös) Klassiker wie: Plötzlich; Auf einmal; In einem Moment; Für einen Moment... Diese signalisieren dem Leser, dass sich nun der langsam mäanderte Lesefluss (und direkt ein pompöses Wort untergebracht, dass so was von in ist) nun dynamisch wird- eine Handlungssequenz wird nun übernehmen. Pompös sind diese Worte eigentlich nicht. Die Ersetzung dieser Worte kann aber recht pompös sein, zumindest wenn man nicht nur die Erzählzeit wechselt, was eine übliche Form der Ersetzung dieser Signalworten ist. "Die Zeit schien still zu stehen", bekommt nur ein kleines Glitzerpünktchenchen, genau wie das bedrohliche "Nichts würde je wieder so sein, wie früher". Drei Glitzersterne in pink bekommt: "Die Schallwelle eines Pistolenschuss durchbrach die Stille", wobei Schallwelle noch langweilig ist. Den Glöckler-Extrapompösstern bekommt: "Die Kakaphonie eines Pistolenschusses..."

Im Gegensatz zu den Signalworten stehen bestimmte Verben, die eigentlich kein Leser mehr bewusst wahrnimmt: Bsp. sagte er, sagte sie. Diese Worte stören niemanden, wenn man nicht jeden Satz wie Thomas Bernhard so verziert.
Pompös werden dann die Ersetzungen, wenn ein Autor sie permanent ersetzt und dabei Schritt für Schritt von murmelte sie, fluchte sie leise bis hin zu kotzte er wütend quer durch den Raum steigert. Wenn dann noch ein pompöser Wort dazukommt: Seine Stimme manäderte (ja, das Wort ist sowas von ihn) durch den Satz... Somit scheinen die Worte pompös zu sein, die ohne direkte Notwendigkeit die Sprachmächtigkeit (und wieder eins) des Autors illuminieren (und noch eins) sollen.

Extravagante Vergleiche wie die blasenwerfende Zitrone in einem Colaglas und überzeichnete rhetorische Figuren sind nur dann pompös, wenn sie in der Wortwahl mindestens drei Spuren überzeichnet sind und die meisten Leser zum Stolpern bringen. Der katatonisch murmelnde Zwerg ist ein Anfang, die Kakophonie der Katastrophe, der Blitzhall der nordischen Götter im Gewitter, der homerische Singsang einer alten Frau beim Einkaufen, die Tanzsinfonie der Ballets Russes, die transzendale Schwere der Currywurst und das Bullshitbingo wie der Rollout des MCP-KANU Projekts in einem dissonaten Marktumfeld sind einfach wunderbar pömpös.

Natürlich darf man pomösieren, den Widerhall der Geschichte (und noch eins) im Geiste einer neuer Zeit antizipieren (und noch eins)- wenn die Geschichte es an einer Stelle verlangt oder wenn eine Figur sich auf diese Weise ausdrückt.
Eine gelungene Variante bringt viel Aufmerksamkeit auf eine besondere Textstelle- und nimmt sie den restlichen Zeilen darum. Das mag gerade zum Verstecken einer wichtigen Neuigkeit interessant sein, als Betonung einer Stelle- nur ist pompös oft difficile (und wieder eines).  Denn eines kann man von den Fachleuten im Marketing lernen: Indem Dinge immer wieder mit englischen Begriffen bezeichnet, wirkt das nur so lange klug, bis die anderen verstehen, was man da sagt.

Somit sollte die sprachgewaltigen (und wieder eins) Autoren nur beim dissolvieren (tata!!) einer wichtigen Szene mit pompösen Worten donquichtieren (Tatata), beim Characterbuildung (hurra) und bei den Patterson-Nuggets. Aber das habe ich ja schon verständlich vorher geschrieben.

Montag, 1. Juli 2013

Ideenschwemme

Ob ein Roman funktioniert, bemerkt man nicht am Anfang oder dem ersten Kapitel. Die eigentliche Bewährungsprobe ist das zweite Kapitel, wenn der Handlungsstrang sich auffächert und wichtige Figuren vorgestellt werden. Hier entscheidet sich, ob der Roman etwas taugt oder nicht.

Bei meinen letzten Romananfängen habe ich das erstes Kapitel geschrieben und bin am zweiten Kapitel gescheitert. Leichtsinnigerweise habe ich dann lieber an anderen Kapiteln und Szenen geschrieben, statt mich intensiv an das Kapitel heranzusetzen. Denn dann hätte ich gemerkt, woran meine Geschichte hapert/ scheitert.

Nun, heute habe ich einen Moment Zeit gehabt, um das zweite Kapitel sorgsam durch zu planen. Im Moment brauche ich noch eine Erklärung für einen Zufall, der Rest der Geschichte passt aber. Nun muss ich sie nur noch schreiben.... das Problem aller Schriftsteller.

Samstag, 29. Juni 2013

Hundstage

Unleidlich quittiert unser Hund jeden Morgen die mit drohender Stimme vorgetragene Anweisung in den Garten zu verschwinden, um seinen Geschäften nachzugehen. Mindestens sechs Mal dreht er sich dabei um, und versucht Anzeichen von Gnade zu erkennen- einem leichten Kopfnicken, einem gesäuselten "Na gut", was auch immer. Auf dem Rückweg stellt er sich vor seine Hundebox, hakt seine Hundekrallen in die Tür und schleicht sich wieder in den Schlaf.
Nun gut, dieses Procedere geschieht eigentlich jeden Morgen bei meiner Frau und mir. Und Tyson, unsere englische Bulldogge, spielt darin in der Tradition des französischen Films "Pierre Richard". O.k. eine englische Hunderasse und ein französischer Komiker scheinen nur auf den ersten Blick nicht zusammen zu passen.
Im Moment gibt es aber Hundstage: die Hundedecke ist in der Waschmaschine und die Hundebox steht gewaschen draußen vor der Tür. Der Hund steht also vor der nicht vorhandenen Hundebox, eine faltbare Hundehütte ohne Tür steht im Moment in Vertretung dort, und versucht mit seinen Krallen in die Gitter zu fassen. Nicht einmal, nicht nur an einem Tag. Es lebe die Routine und Pierre Richard.

Nun gut, irgendwie sind Tyson und ich uns viel ähnlicher als gedacht....

Sonntag, 23. Juni 2013

Ist das das Ende des Bachmannpreises?

Am 21.06.2013 erschien in der "Kleine Zeitung" ein erster Artikel über die Ankündigung des ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz die Übertragung des der Tage der deutschsprachigen Literatur 2013  findet man bisher keine Antwort oder Kommentar.
Der ORF-Generaldirektor begründet die Einstellung übrigens damit, dass "man die 350.000 Euro, die der Bewerb kostet, zusätzlich bekommen müsste". Nun, es geht also nicht um die Einstellung des Wettbewerbs, sondern um die Einsammlung weiterer Sponsorengelder. Die Begründung Sparmaßnahmen, um die Qualität des Programms halten zu können, ist übrigens ein wunderbares Statement, was öffentlich-rechtliche Fernsehunternehmen für Qualität halten und welche Bedeutung Deutsche Literatur darin hat.

Nun, das Konzept der "Tage der deutschsprachigen Literatur" ist an die Tagungen der findet sich von Georg Diez eine interessante Aufstellung/ Zusammenfassung über die Kritik am Bachmann-Preis. Letztlich, so Georg Diez , laden die Kritiker die Autoren der deutschen Ausbildungsinstitute (DLL aus Leipzig, "Kreatives Schreiben" Uni Hildesheim) ein, und durchschnittliche Literatur wird vor durchschnittlichen Literaturkritikern vorgestellt und genauso besprochen. Deshalb folgert er, dass das Ende des Bachmann-Preis zu etwas Neuem führen könnte.
Im Literaturcafé sammelt Wolfgang Tischer einige Fakten zum Bachmann-Preis  und seinen Kosten und stellt heraus, warum man diesen Preis fortsetzen sollte. "Einmal im Jahr", so Tischer, " kann die Literatur – wenngleich auch in anderen Dimensionen – zu anderen Fernsehereignissen aufsteigen". Und gerade die Diskussionen über Autoren und Texte, sowie über den Preis und die Auswahl an Kritikern und Autoren ist eben Teil der Inszenierung.

Letztlich muss man die Diskussion erst einmal als Statement nehmen, welche Rolle Literatur in den heutigen Medien, selbst bei gebührenfinanzierten, noch hat. Sie darf halt weder Geld kosten, noch die "qualitativen Programme" der Sender gefährden. Wobei hier die Kosten wirklich ironisch zu verstehen sind, denn die "Tage der deutschsprachigen Literatur" gehören sicherlich zu den preiswertesten Programmen des ORF, wenn man die Kosten pro Sendeminute berechnet. Und zu den "qualitativen Programmen" würde ich gerne etwas schreiben, aber da wäre jedes Wort verschwendet- denn da arbeiten sich ja die Tageszeitung als Neidhammel schon genug auf.
Die "Tage der deutschsprachigen Literatur" verdienen sicherlich viel Kritik: Die Auswahl der Kritiker und Autoren verdient sicherlich eine Überprüfung und sicherlich könnte man hier mutigere Texte und Autoren präsentieren.
Platz für Neues, wie Georg Diez fordert, wäre sicherlich etwas willkommenes. Nur leider wird es keine Nachfolgesendung irgendwelcher Art geben: Denn der "open-mike" findet unberechtigter Weise leider nur auszugsweise im Fernsehen statt. Generell werden Sendungen über Literatur im deutschen Fernsehen immer weniger statt und auch das Feuillton beschäftigt sich immer weniger damit. Wo findet Literatur also statt und wie wird sie vermittelt?

Inzwischen bin ich soweit zu sagen, dass die "deutschsprachige Literatur" sich intensiver mit dem Internet beschäftigen sollte. Eine socialmedia Internetseite, auf der Lesungen gesammelt werden, Übertragungen vom Open-Mike und den "Tagen der deutschsprachigen Literatur, wo Bücher empfohlen und besprochen werden, wo Publikum und Autoren zusammenfinden können, Leseproben und mehr vorliegen. Das sollte vernetzt werden mit den vielen guten und weniger guten Angeboten im Internet, mit Autorenhomepages und vielem mehr.
Denn auf die öffentlich-rechtlichen Programme und das Feuilleton kann man nicht mehr auf Dauer zählen. Wenn diese Infrastruktur nicht geschaffen wird, findet diese Literatur bald nur noch ohne Öffentlichkeit statt. Und das macht mir Angst.

Trotzdem sollte man versuchen den "Ingeborg-Bachmann-Preis" zu retten, nicht nur vor dem ÖRF und den Beteiligten, sondern auch vor dem selbst verschuldeten Bedeutungsverlust. Aber ob das funktioniert... ich glaube da eher an die Internetseite.

"Die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten"... ein deutsches Volkslied

Manchmal gelingt es Liedern, Geschichten und Romanen weit über ihre Entstehungszeit eine besondere Bedeutung zu gewinnen, so dass sie immer wieder aktuell werden. Im 13. Jh. gab es eine erste Version des Liedes von Walther von der Vogelweide und Freidank, gegen 1780 wurde das Lied wieder aktuell und es entstanden verschiedene Fassungen u.a. 1842 eine Fassung von Hoffmann von Fallersleben. Nun, gerade in der Werbung von einem großen Internetprovider erscheint nun ein Kind, dass dieses Lied singt....


Irgendwie liegt eine Ironie in dieser Werbung, einer Neuauflage der Werbung vor einigen Jahren, die diesem Internetunternehmen nicht klar war oder sein konnte. Denn gerade gibt es verschiedene Veröffentlichungen über das Vorgehen verschiedener Länder, die in einer Weise in die Privatsphäre der Internetnutzer eingreifen, die in einer früheren Zeit einfach nicht machbar und unvorstellbar waren.

Wenn meine E-Mails überwacht werden, mein Blog, meine Socialmedia-Aktivitäten, meine Handynutzung, es Regierungstrojaner gibt, dann dringen die Regierungen tief in meine Privatsphäre und Gedanken ein. Nun, in einer Dikatur gehört die totale Überwachung zum Regierungssystem. In einer Demokratie, gerechtfertigt durch die Bedrohung durch Terroranschläge, ist sie eine ständige Gefahr für die Regierungsform.
Der Begriff "vom Volk für das Volk" beinhaltet nämlich eine bestimmte Vorstellungswelt, die anscheinend bei vielen Menschen verloren gegangen ist. Die Vorstellung, die leider in Deutschland von keiner Partei mehr richtig vertreten wird: "Liberalismus".

Das Mandat des Volkes beinhaltet eben nicht den gerade so beliebten "Fürsorgestaat", einen "Nannystaat", der in alle Lebensbereiche der Menschen eingreift. Eine Regierung darf der Meinung sein, sie müsse die Menschen beschützen- er darf sie aber nicht vor sich selber schützen.  Somit müssen die Eingriffe der Regierung sich immer daran messen. 
Natürlich darf eine Regierung auch das Internet überwachen- dazu ist sie gewählt. Aber es muss eine demokratische Überwachung dieser Maßnahmen durch einen Richter gebeben und dieser Richter muss die Rechte der Regierung so einschränken, dass eben der normale Mensch nicht zufällig in eine Überwachung gerät.


Genau an diesem Punkt versagen die demokratischen Staaten, die sich gerade für eine Datensammlung über die Bürger entschieden haben. Die Überwachung ist nicht demokratisch legitimiert, weil sie nicht demokratisch überwacht wird. Kein Gesetz darf sich hier über die Rechte der Bürger hinwegsetzen. 
Niemand darf versuchen sich der Gedanken der Bürger zu bemächtigen, weil die Gedanken und die Rede frei sind. Nur wer durch seine Taten gegen das Gesetz verstößt, darf an seinen Taten gemessen und verurteilt werden.

Leider legitimieren die demokratischen Staaten ihr Vorgehen mit der "Angst". Regelmäßig wird vor echten und gescheiterten Anschlägen gewarnt, eine wage Bedrohungslage wird beschrieben... und nur die Überwachung kann die Menschen davor schützen.
Aber wäre die demokratische Überwachung und Begrenzung der Überwachung wirklich eine Gefahr? Ja. Denn natürlich scheitern die überwachenden Staaten immer wieder, weil sie eben die Daten auch geeignet auswerten müssen. Aber sicherlich haben sie so auch Menschen gefunden, die eben langsam durch die Kontakte mit bestimmten Menschen abgeglitten sind in eine Vorstellungswelt, in der Attentate gerechtfertigt sind. Und Anschläge verhindert, die gerade in der Planungsphase waren.
Somit ist die Folge einer demokratischen Überwachung und Begrenzung mehr erfolgreiche Anschläge. Ich will nicht auf die Vorstellung der Freiheit zurückgehen, die regelmäßig mit dem Blut der Patrioten bezahlt werden muss. Sondern darauf, dass ein demokratischer Staat immer in Gefahr ist durch die Einschränkung der Rechte der Bürger langsam abzugleiten. Nur wer den Bürgern Verantwortung und Freiheiten zugesteht, wird einen starken Bürgerstaat erhalten. Wer mit der Angst der Bürger arbeitet, wird keine mündigen Bürger erhalten. Ein Grund für die immer schlechter werdenden Wählerzahlen ist schließlich auch das Gefühl der Bürger, dass ihre Stimme keine Bedeutung hat, dass sie keine Auswirkung hat- und dass ihre Teilhabe und Verantwortung eben immer weiter eingeschränkt wird.

Aber vielleicht täusche ich mich. Manchmal denke ich, dass ich das nur hoffen kann.

Samstag, 8. Juni 2013

Eine Geschichte im Werden (Ideen revisited)

Von der ersten Idee dauert es eine ganze Menge Gedankenzeit, bis eine Idee groß genug wird, um einen Roman oder eine längere Geschichte zu füllen. Denn die besten Ideen bestehen aus einigen, wenigen Zeilen. Die schlechten übrigens auch.
Wie jedes andere Konstrukt muss eine Idee dann angefüllt werden, sie braucht Figuren, Kleider, Gerüche, Licht und vieles mehr, zumindest bei einem Roman. Nun, in diesem Prozess muss eine Idee beweisen, ob sie einen Roman tragen kann.

Wenig überraschend sind es nicht immer die großen Ideen, die einen Roman tragen- große Romane werden meist von kleinen Ideen tragen, die eigentlich nur die große Idee unterfüttern. Das ist übrigens eine der großen Wahrheiten des Schreibens, meiner Meinung nach.

Viele Autoren verwenden bestimmte Versatze, Standardelemente, um eine mäßige Idee zu tragen- nicht nur bei bestimmten Genrestoffen. Das mag dann das Ken-Follet-Schema sein: Zwei ungleiche Brüder/ Cousins, die wetteifern, wobei einer gut und der andere nicht gut ist, aus der Familie unterstützt wird, obwohl er weniger begabt ist (und eine intrigante weibliche Figur um sich hat, oft die Mutter)- Am Anfang unterliegt der Gute, später versagt der Böse, der das Geschäft leitet, und der Gute rettet die Situation. Meist heiratet der Böse dann auch noch die Frau, die beide begehren- wobei sie aber nur widerwillig zustimmt/ oder gezwungen wird und eigentlich den anderen liebt, den sie am Ende der Geschichte heiratet. Dabei greifen sie dann um Umfeld der Figuren auf bestimmte Archetypen zurück. Bei diesen Versatzstücken spielt die eigentliche Idee nur die Rolle schmückenden Beiwerks.
Da es nur eine bestimmte Vielzahl an Grundideen gibt, ist es in Ordnung auf bestimmte Konstellationen zurückzugreifen. Schwierig wird es, wenn man die Schematas und Versatzelemente so wiederholt wie Follet und/ oder dabei nicht hinterfragt, die Geschichte frei weiterentwickelt, Wendungen einbaut (die nicht im Schema vorgesehen sind). Oder anders gesagt: Wenn man die Tore der Welt/ Pfeiler der Macht einfach nacherzählt... nur mit anderen Namen und anderen Orten (und der mutigen Entscheidung ein Minidetail zu ändern).

Es gibt aber eine Menge Konstellationen, die eine Menge Kraft enthalten: eine Dreiecksbeziehung, die Schwierigkeiten Vater- Sohn, die Rivalität zwischen zwei Geschwistern.... Diese produktiv in einen Roman zu bringen, gehört zu den Leistungen eines Romans und macht ihn stark und kräftig, wenn man es richtig macht. Und richtig bedeutet in diesem Fall stark, spiegelnd (über die Figuren hinaus), Konflikt- und Spannungsreich, mit gelungenen Wendungen und starken Figuren- eine Kleinigkeit, oder??

Ein weiteres Geheimnis sind die Fragen, die ein Roman aufwirft- und auf die er keine Antworten findet.  Gelungene Romane sind immer auch eine Frage des Autors an die Welt, die er versucht (nicht abschließend) in ihrem Roman zu beantworten. Ich frage in meinen Texten fast immer: Wie gehen Menschen mit Schicksalsschlägen umgehen?7 Wie verändern die Schicksalsschläge diese Menschen?/ Wie entwickeln Menschen sich?7 Welche Rolle spielt Familie?/ Was ist der Tod? Dabei werden die Vorschläge geprüft, Varianten dargestellt und durchgespielt, Möglichkeiten untersucht...  Bei vielen Romanen bildet gerade solche Fragen den eigentlichen Reiz der Geschichte.

Nun, wenn die Idee nun mit genug Futter ausgestattet ist, Fragen aufgeworfen, die Idee geprüft, geht alles in eine weitere Prüfung: die ersten Kapitel. Dort wird aus den abstrakten Ideen die ersten konkreten Szenen. Und dann beginnt der nächste Teil


Montag, 20. Mai 2013

Von der Kunst die richtige Idee zu finden

In den letzten Jahren hatte ich beim Schreiben meiner Romane immer wieder das Gefühl, dass meine Idee nicht einen gesamten Roman tragen kann oder wird. Gerade bei der Entwicklung der Handung und der Figuren über die ersten Kapitel, wird die Romanidee geprüft. Und leider falle ich immer wieder durch...mit meiner Idee und meinem Roman.

Meiner Erfahrung nach sollte man sich als Autor dabei immer eines klar machen: Jeder Autor hat bestimmte Fragen und Ansichten auf die Welt, die er in eine Geschichte kleidet.  Für die einen Autoren steht dies im Mittelpunkt der meisten (oder aller) ihrer Geschichten. Für andere Autoren steht im Mittelpunkt die Geschichten zu erzählen, die in ihrer Vorstellungskraft gewachsen sind, groß geworden sind. Beides hat seine Berechtigung. Wer sich seinen Fragen ausliefert, muss es sich genau überlegen, welche Geschichten er erzählen möchte. 

Montag, 29. April 2013

Artikel zum Deutschen Literaturinstitut Leipzig

Heute gibt es in der FAZ einen Artikel von Morton Freidel: "Am Deutschen Literaturinstitu Leipzig. Von einem der auszog, das Schreiben zu lernen". In diesem Artikel beschreibt Freidel, was genau am DLL passiert und beschreibt allerlei zum Bewerbungsverfahren, über Voraussetzungen, über Textarbeit und vieles mehr.

Wer sich dafür interessiert, kann auch einmal folgende Blogsposts durchsehen: Das Deutsche Literaturinstitut Leipzig und Kreatives Schreiben in Hildesheim , Josef Haslinger vom "Deutschen Literaturinstitut Leipzig" über die Schriftstellerausbildung und "Sorge nicht, strebe!".

Freitag, 26. April 2013

Recherchetipp: Löhne und Preise von 1300 bis 2002

Für den Einsteiger und Nährungswerte:

"Löhne und Preise von 1300 bis 2002. Abhängigkeit und Entwicklung über 7 Jahrhunderte." ca 18,00 € von Eike Pies
Als Historiker finde ich es schwierig ein Buch zu empfehlen, dass inkl. Literaturverzeichnis gerade einmal 110 Seiten hat und die Löhne und Preise von 7 Jahrhunderten kurz darstellen möchte. Eike Pies Buch bildet eher einen Einstieg in die Recherche und richtet sich daher eher an Ahnenforscher, als an Historiker.

Wenn man dies als Prämisse akzeptiert, findet man in diesem Buch eine reichhaltige Auswahl von unterschiedlichen Statistiken zu Löhnen und Gehältern ausgewählter Berufsgruppen (grob nach Regionen eingeteilt), einige Dokumente dazu, Übersichten über die Preisentwicklung von Korn, Vergleiche der Kaufkraft und einen kurzen Abriss über den Zeitraum. Dies ist besonders hilfreich um eine Vorstellung zu den Preisen und Werten in einer bestimmten Zeit und Region zu bekommen. Für eine wirkliche Bestimmung von Preisen und Kaufkraft reicht dies jedoch leider nicht oder bedingt ab dem 18 Jh. und seiner guten Quellenlage.

Zur Vertiefung:

Dazu sind folgende Standartwerke zur Numismatik und Lohn und Preisgeschichte geeignet:

Herbert Rittmann "Deutsche Münz- und Geldgeschichte der Neuzeit bis 1914." Solingen 2003 ca 33,60 €
Heinz Voigtländer: "Löhne und Preise in vier Jahrtausenden." Speyer 1994 ca ??
Wolfgang Trapp: "(Kleines) Handbuch der Münzkunde und des Geldwesens in Deutschland." (Stuttgart 1999) das kleine Handbuch 7,99 € und das Handbuch 19,95 €

Für eine bestimmte Region und Zeit:

Um auf die Ergebnisse in einem bestimmten Fürstentum zu kommen, benötigt man aber weitere Quellen. Hier sind die jeweiligen Landesarchive gerne behilflich, aber unter Löhne und Preise findet man so manches Quellenwerk auch über das Netz.

Mittwoch, 24. April 2013

Wozu ein Prolog (und wozu nicht)?

In bestimmten Genres ist es nahezu üblich den eigenen Roman mit einem Prolog zu beginnen- also den eigenen Text letztlich mit einer Einleitung, einem Vorwort oder einer Vorschau zu versehen.

In einigen Texten wird der eigentlichen Handlung ein Ereignis vorgestellt, das nicht in die klassische Chronologie oder Handlungsfolge des Textes passt.
Das mag ein wichtiges/ prägendes Ereignis in der Vorgeschichte einer Figur sein, das später im Text eine Bedeutung bekommt. Vielleicht taucht ein wichtiges Handlungselement/ ein Schurke/ ein Monster bereits früher auf, was für den Roman wichtig ist. Vielleicht möchte der Autor den Lesern seinen Handlungsort besonders ausgiebig und auf eine eigene Weise vorstellen.

In anderen Texten wird eine Passage aus dem Haupttext aus Spannungsgründen als Vorschau vor den eigentlichen Text gestellt. Meistens dann, wenn der Autor mit einem Cliffhanger oder einer Spannungspassage dem Leser etwas verspricht. Dann wird eine Szene aus der Mitte des Romans, vor dem eigentlichen Höhepunkt verwendet, ein wichtiges Geheimnis angekündigt, ein Schurke vorgestellt oder ähnliches. Wirkliche Profis im Bereich Spannung verwenden dazu den MacGuffin (erfunden von Alfred Hitchcock), also ein Ereignis oder ein Geheimnis, das den Spannungsbogen vorantreibt, aber eigentlich nicht wirklich wichtig ist.

In manchen Texten stellt sich der Autor oder der Erzähler in einem Vorwort vor, erklärt oder berichtet über den Roman, manchmal ironisch, manchmal ernst, greift vor und nach und macht noch andere Dinge, die eigentlich nicht besonders wichtig sind- oder eben doch.

Das größte Problem mit einem Prolog ist aber meistens, dass die Verwender einige grundsätzlichen Fehler begeht:


1.  Wenn eine Figur stirbt oder verletzt wird, dann gewinnt das nur eine Bedeutung, wenn der Leser nicht will, dass die Figur verletzt wird oder stirbt. Wenn er sie kennengelernt hat, wenn er insgeheim schon Dinge von der Figur erwartet und erhofft, wenn er die Menschen kennt, die die Figur liebt oder die die Figur lieben. Oder anders gesagt: Wir Menschen leiden mit unseren Freunden oder mit Menschen, deren Schicksal (und deren Freunde) wir kennen, weit mehr, als mit Fremden.

2. Niemand interessiert die Kindheit einer Figur, außer das ist für die spätere Handlung von elementarer Bedeutung.  Elementar bedeutet, dass Batman als Kind ein Erlebnus mit Fledermäusen hatte. Nicht elementar ist die Heldengeschichte: schon in der Wiege erwürgte der Held die Schlangen- außer die Personen spielen später eine Rolle, die für die Schlange verantwortlich sind.

3. Spannungstragend kann z.B. sein, in einer apokalyptischen Welt, wenn der Leser einen Blick auf die heile Welt bekommt. Dies findet alternativ in anderen Texten in den ersten drei Kapiteln statt- und der Prolog deutet vorher die Katastrophe an.
Belanglos sind endlose Vorstellungen einer fantastischen Welt ohne Handlungselemente aus dem Haupttext... denn das gehört in den eigentlichen Roman.

4.  Ein Vorwort ist für die meisten Leser uninteressant, es sei denn, es ist außergewöhnlich, ironisch, witzig.... und leider können nur ein paar Menschen so etwas schreiben. Ich kann es nicht.

5. Ein Prolog sollte immer nur dann in einem Roman verwendet werden, wenn es absolut notwendig ist. (Wer einen zweiten Prolog an den ersten Prolog anhängt, braucht dafür schon ein halbes Dutzend gute Begründungen.

6. Ein Prolog sollte immer so kurz wie möglich sein.... ohne das wichtige auszulassen.

7. Wenn das Vorwort den Erzähler vorstellt, sollte es sich um eine Erzählfigur handeln- also eine fiktive Figur, die ihre oder eine fremde Geschichte erzählt. Das aber bitte auch nur, wenn dies besonders außergewöhnlich, interessant, ironisch.... ist.

8. Für freundliche Worte über Freunde, Verwandte, Lektoren, Verlagsmitarbeiter, Recherchehelfer ist das Nachwort da- das steht weniger plakativ am Ende. Auch die eigenen Ergüsse zur Themenwahl finden dort ihren Platz und vieles mehr.

9. Für mich hat sich eine Einschätzung als ideal erwiesen: ein Prolog ist dann wichtig, wenn er drei Dinge aus der folgenden Auswahl in den Text bringt:
Ein Hinweis auf den weiteren Verlauf des Textes/ Cliffhänger, etwas Besonderes über eine wichtige Figur (Charakterisierung einer Figur oder einer Figurenbeziehung), ein zentrales Ereignis oder den MacGuffin (das später Bedeutung im Text gewinnt), die Vorstellung der Erzählfigur, eine besondere Atmosphäre (des Textes, des Handlungsortes,...), eine spannungstragende Vorstellung der Welt,...

Dienstag, 26. Februar 2013

Verkehrung ins Gegenteil

Die Entwicklung eines Schreibstils besteht aus einer unglaublichen Menge an Entscheidungen. Welche der vielen Mitteln um eine Figur zu charakterisieren bevorzuge ich, wie und wann beschreibe ich Figuren, mit welcher Dynamik arbeite ich in meinen Texten, arbeite ich eher narrativ oder szenisch,...

Diese Entscheidungen sind nicht endgültig, zumindest bei mir. Immer wieder komme ich in meinen Texten an einen Punkt, der in meinen ursprünglichen Entscheidungen nicht vorgesehen war. Denn eine der Erfahrungen des Schreibens ist, dass keine Entscheidung wirklich funktioniert, die sich in einem Satz zusammenfassen lässt. Wer z.B. gerne szenisch arbeitet kann nicht darauf verzichten manchmal narrativ zu arbeiten, denn beide Erzählarten haben ihre Vor- und Nachtteile und an manchen Romanstellen wäre es schlicht falsch szenisch zu arbeiten, weil es dem Roman schadet. Oder um es anders zu sagen: Keine Schreibentscheidung darf endgültig sein, da es immer Ausnahmen geben muss.
Natürlich ist es im Idealfall so, dass alle Figuren "dreidimensional" charakterisiert werden sollten, um ihnen über ihre Romanfunktionen hinaus ein Eigenleben zu geben- sie mit "Leben" auszufüllen. In einigen Szenen, z.B. eher aktionlastige Szenen, funktioniert die Dynamik nicht, wenn ich wirklich "dreidimensionale" Figuren verwende. Da gibt es vielleicht eine Einzelheit, oder ein Detail, um die Figur zu füllen, weil für mehr einfach keine Zeit ist.

In diesem Sinne ist es manchmal merkwürdig die eigene Texte zu lesen. Denn manchmal hinterfragt man aus guten Gründen eine Schreibentscheidung und entscheidet sich um, oder hat eine Szene, in der man aus guten Gründen ganz anders schreibt. Gerade lese ich die ersten Kapitel meines Romans, in der ich eben genau das getan habe. Ein seltsamer Moment beim Schreiben..... 

Sonntag, 27. Januar 2013

Seltsamkeiten

Die Welt verändert sich nicht, ob ich schreibe oder nicht. Aber meine Wahrnehmung der Welt verändert sich. Wenn ich die Zeitung lese, entdecke ich, genau wie im Fernsehen, in Filmen, in Büchern, an der Straßenecke, bei dem einen Passanten auf einmal etwas interessantes, etwas faszinierendes und vor allem etwas, was eine Relevanz für meine Texte hat. Da entdecke ich in einer Fernsehzeitung das Wort "Wegwerfmädchen" oder in einem Fernsehbeitrag über die Gebrüder Grimm die Herkunft der Sterntaler. Vielleicht sehe ich auch in einer Person, einer Figur etwas, was meine Figuren besonders lebendig machen wird. Irgendwie brauche ich diese Wahrnehmung der Welt. Seltsam.