Freitag, 9. September 2011

In den letzten Jahren gibt es eine zunehmende Zahl von Schreibseminaren und Ratgebern über das "Creative Writing". 
Irgendwie bin ich in den letzten Jahren bei Schreibseminaren (und anderen Dingen aus dem Bereich "Creative Writing" sehr skeptisch geworden und habe bei einem Gespräch mit einer lieben Kollegin viele Zweifel über das Grundkonzept von "Creative Writing" entwickelt.

Eine der Grundannahme von "Creative Writing" ist die Behauptung, dass es eine bestimmte Zahl von Regeln gibt, die einen guten Text ausmachen. Wenn man sich an diese Regeln halten würde, würde der Text besser werden.
Letztlich gibt es weit mehr als die im Text genannten "Regeln", die einen Text besser machen- nur macht keine dieser Regeln aus einem schlechten Text einen guten Text.
Neben den Regeln gibt es eine unheimliche Menge an guten Ratschlägen, die helfen allerlei Dinge in einem Text neu zu überdenken: Dreidimensionale Figuren, Archetypen,... Dabei widersprechen sich viele Ratschläge und/ oder es gibt bestimmte Voraussetzungen, wann sie funktionieren und wann nicht- und sie funktionieren nicht immer.
Und es gibt eine ganze Reihe von Ratschlägen, die weit weniger gut sind und/ oder überbewertet: die meisten Leser interessieren sich nicht für Inquitformeln und ob jemand spricht, grunzt,... ist ihnen völlig egal. Lektoren und andere bemerken sie aber sofort- weil sie darauf trainiert sind.
Andere Ratschläge treffen gut auf einige Autoren zu und auf andere nicht: siehe das Plotten oder die präzise Exposeeplanung, bzw. die ausführliche Szenenplanung oder ähnliches.

Bei den Seminaren gibt es generell gute und schlechte Seminare. Und wie beim meisten "Unterricht" dieser Art hängt vieles von den Seminarleitern ab. Und da ist es ein wenig wie bei den oben genannten Ratschlägen und Regeln. Der Seminarleiter und die Seminarbesucher müssen zusammenpassen, und natürlich auch die Seminarbesuche. Das klappt nur leider oft nicht, wie ich aus eigener Erfahrung einwerfen möchte.
Dabei unterscheiden sich gute und schlechte Seminare oft dadurch, wie sie mit den Regeln und Vorschlägen umgehen. Dabei kann es sein, dass sehr "dogmatische" Seminare für Anfänger geeigneter sind und "offenere" Seminare für Fortgeschrittene. Aber auch das hängt sehr von den Ratsuchenden ab.
Und manche Autoren sind generell eher ungeeignet für Seminare, weil sie dadurch entweder verunsichert werden (und sich versuchen immer an einem Seminarleiter/ Mentor oder ähnliches zu orientieren. Andere sind zu speziell für Seminare und lassen sich von Mehrheitsmeinungen verunsichern.

Deshalb habe ich inzwischen Bedenken. Denn bestimmte Dinge kann man bei Seminaren und aus den Büchern nicht lernen- das muss aus den Autoren selber kommen, sich entwickeln. Und manchmal gibt es da auch Dinge, die niemand beibringen kann und vielleicht sogar Dinge, die niemand lernen kann. Da bin ich mir noch unsicher.

Also skeptisch sein und mutig.

4 Kommentare:

Tanja hat gesagt…

Ich empfinde die Hinweise von Freunden oder Testlesern, die sich dem Werk eines Schreibers annehmen, oft viel wertvoller. Kann man denn noch bei all diesen Regeln von verschiedenen Stilrichtungen sprechen? Wenn ein Autor sich nicht kreativ entfaltet, entwickelt dieser noch seinen eigenen Stil? Ich kenne mich mit dem Handwerk eines Schriftstellers nicht aus. Sicherlich gibt es gewisse Grundregeln, aber Geschichten können auch zerstört werden. Um was geht es den Projektleitern bei den vielen "Creative Writing" Kursen, ums Geld?
Ganz gewiss!

Ein interessanter Artikel, der mich nachdenklich gestimmt hat.

Viele liebe Grüße,
Tanja

Thomas "Bluomo" Roeder hat gesagt…

Die meisten Projektleiter kommen aus der Branche und versuchen sich wie andere Schriftsteller selber zu finanzieren, was mit den Grundhonoraren nicht gerade einfach ist. Viele möchte unterrichten, um "jungen" (im Sinne von unerfahrenen) Schriftstellern zu helfen.
Leider führen gute Absichten nicht immer zu guten Ergebnissen.

Und klar möchten andere damit Geld verdienen. Das ist auch völlig legitim andere für Geld zu unterrichten. Nur ist es halt nicht immer sinnvoll für die unerfahrenen Schriftsteller.

Zu Stilrichtungen: Im kreativen Schreiben war es lange Usus sich an R. Carver und dessen Schreibstil zu orientieren, weil der sehr präzise und klar geschrieben hat. Andere orientierten sich aber z.B. an anderen Schriftstellern als "Leitstil".

Zum eigenen Stil: Beileibe nicht alle Schriftsteller entwickeln einen eigenen Stil und die meisten verwenden einen wenig manieristischen (oder auffälligen) Stilgebrauch.

Gruss

Thomas

jutta hat gesagt…

Da muss ich aber doch widersprechen. Dass "es eine bestimmte Zahl von Regeln gibt, die einen guten Text ausmachen", und dass, wenn man sich an diese Regeln hält, der Text besser wird, ist keine „Behauptung“ des "Creative Writing“, sondern beruht letztlich auf den Poetiken von Aristoteles und später von Martin Opitz, Lessing, Samuel Colridge, Henry James und anderen.

Leider weiß ich nicht, welche die im Text genannten „Regeln“ sind, aber das Beherrschen des Schreibhandwerks macht nun mal aus einem schlechten Text einen besseren, vorausgesetzt, der Autor ist begabt, aber die Begabung macht nur zehn Prozent aus. Und zum Schreibhandwerk gehören eben dreidimensionale Figuren und Inquitformeln, auch wenn es der Leser nicht merkt. Das muss er gar nicht. Entscheidend ist der Text als solcher.

Warum werden denn in Deutschland überwiegend US-amerikanische Autoren gelesen? Weil die meisten das Handwerk studiert haben. Nur in Deutschland meint man noch immer, dass die Muse den echten Schriftsteller küsst oder er auf Pegasus ins Dichterschlaraffenland galoppiert, wo klangvolle Wörter auf Bäumen wachsen, brillante Sätze vorbeifliegen und sich die Seiten von allein mit klugen Gedanken, außergewöhnlichen Figuren und einer mitreißenden Handlung füllen.

Natürlich gibt es gute und schlechte Seminare. Nicht jeder, der mal ein Buch veröffentlicht hat, ist ein guter Dozent oder hat überhaupt etwas zu sagen. Und es stimmt, dass man sich, zumindest, wenn man immer denselben Dozenten hat, an ihm orientiert. So manche sind schon zu Schreibgurus geworden. Auch dass man in seinem Schreiben verunsichert wird, gehört dazu. Selbst Goethe schmiss Texte – die er auch noch für seine besten hielt –, die er in Gellerts Poetikvorlesungen geschrieben hatte, in den Herd, weil Gellert daran kaum ein gutes Haar ließ, fast jede Zeile mit roter Tinte korrigierte und mit Anmerkungen versah. Er fand halt die leidenschaftliche Prosa Goethes fremdartig und tadelnswert.

Früher nannte man das nur noch nicht „Creative Writing“.

Herzliche Grüße
Jutta

Thomas "Bluomo" Roeder hat gesagt…

Hallo Jutta,

natürlich beruhen viele Vorschläge auf den von dir genannten Poetiken. Nur haben alle von dir genannten Poetiken das gleiche Problem wie die "Creative Writing" Seminare: Sie beruhen auf bestimmte Vorstellungen über das Schreiben.
Natürlich enthält die Poetiken von z.B. Aristoteles, Opitz oder Lessing allerlei Beobachtungen über das Schreiben, aus denen man viel lernen kann. Aber viele der Ratschläge oder Regeln sind längst überholt.
Die Einheit von Zeit, Handlung und Ort aus der aristotelischen Theorie war schon in der Antike kritisiert worden.
Die Idee der mimesis ist ebenfalls umstritten, die Idee der Katharsis bildet ein Grundgerüst heutiger Dramatiken- wobei es Alternativen gibt.
Die Dreiakttheorie dagegen wurde immer wieder weiterentwickelt, bis sie zu einem Schema geworden ist, die sich in 90% der Hollywoodfilmen wiederholt.
Lessing hat Opitz widersprochen, Goethe und Schiller Lessing,...

Im eigentlichen Sinne sind Poetiken immer eine Bestandaufnahme der Dichtungen und Texte einer Zeit, bei der eine subjektive Auswahl getroffen wird- wie bei den Regeln des "Creative Writing".

Die Regeln sind letztlich an einem gewissen Punkt sehr sinnvoll, weil sie helfen eine kritische Distanz zu den eigenen Texten zu gewinnen und in eine Überarbeitung und Kritik der eigenen Texte zu gelangen. Bis dann der Autor an den Punkt kommt, an dem er seine eigenen Regeln aufstellt- zumindest im idealen Fall. Denn selbst viele professionelle Autoren kommen nicht so weit einen ganz eigenen Stil zu entwickeln.

Und ja, viele Regeln machen aus einem Text einen besseren Text. Aber sie machen nicht aus einem schlechten Text einen guten Text.
Am Beispiel der Inquitformeln: Den meisten Lesern ist es völlig egal, ob jemand etwas sagt, röchelt, stöhnt oder irgendwie anders inquittet. Das sind Feinheiten, die eigentlich wenig Bedeutung haben. Aber der Autor kann darüber lernen, welche Bedeutung Kleinigkeiten in einem Text haben können.
Dreidimensionale Figuren sind übrigens nicht immer geeignet- viele Autoren schwören auf Archetypen, nicht nur bei Nebenfiguren. Deshalb gilt es hier auch abzuwägen, wann und wie Dreidimensionalität nötig ist und wie diese gestaltet werden sollte.

Und das mit den 10% Talent ist eine Redewendung: Denn natürlich bedeutet professionelles Schreiben einen Text immer wieder zu überarbeiten und ihn mit allerlei Techniken zu gestalten. Aber das gesamte Handwerk macht nur einen Teil des Schreibens aus- und ein wichtiger Teil des Schreibens entsteht aus dem Talent- wobei das Talent eben ausgebildet werden muss.

Oder um es anders zu sagen: Ich halte Schreibseminare an einem bestimmten Punkt der eigenen Entwicklung für sinnvoll und wichtig- und gleichzeitig für gefährlich. Aber die Gefahr ist groß... ob nun Guru, Verunsicherung und der stete Wunsch nach einem Mentor (der einem der eigene Arbeit abnimmt), die Umgestaltung der eigenen Arbeitsweise, all das kann halt auch ziemlich schief gehen.

Gruss

Thomas