Samstag, 2. April 2011

Was ist dran an den Archetypen und der Heldenreise

Bei der klassischen Heldenreise, dem sogenannten Mythos oder Monomythos, gibt es eine ganze Reihe von Stationen, die der Held auf seiner Reise erlebt. Je nach Variante beginnt das mit der besonderen Geburt, der besonderen Not, der Weigerung des Helden sich auf die Reise zu machen, dem Aufbruch, Prüfungen,... Im Prinzip orientiert sich die Heldenreise an den historischen Sagen des Altertums und soll, so z.B. die Psychoanalyse, eine bestimmte kollektive Erfahrung vermitteln.
Wenn man sich heutige Romane ansieht, dann arbeiten viele Autoren immer noch mit der Heldenreise, weil das eine Romankonstruktion ist, die jeder Leser kennt. Teil der Heldenreise sind aber auch bestimmte Figuren, die sogenannten Archetypen, auf die der Held bei seiner Heldenreise trifft. Das ist der Mentor, der Schwellenhüter (erster Gegner, an dem der Held wächst), Herold, Schatten (das übertragene negative des Helden), der unberechenbare Gestaltwandler, der Trickser (als Teil der Entspannung). Bei anderen Autoren werden die Begriffe nicht so psychoanalytisch bezeichnet: als Held, Antagonist, Helfer des Antagonisten, die Geliebte, die gutherzige Hure, die dunkle Verführerin, der Mentor, der Begleiter des Helden, der Schelm, der gutwillige Tor, der Verführte, der Verräter,...
Dabei bezeichnet diese Bezeichnungen die Grundfunktion der Figur für die Geschichte. Wie diese Archetypen ausgestaltet werden, ob Stereotyp oder dreidimensional, ist nicht festgelegt. Die Figuren werden nach ihrer Funktion besetzt

Das ist einerseits ein Vorteil: die Figuren erklären sich für die Leser selber und müssen deshalb nicht besonders ausgestaltet werden. Die Geschichte ist ebenfalls klar und berechenbar, was sich für viele Genregeschichten anbietet.
Und der Autor hat trotzdem die Möglichkeit die Figuren und Geschichte sehr variiert auszugestalten, denn eine besondere Geburt oder eine dunkle Verführerin kann sehr viel bedeuten.

Der Nachteil ist, dass die Geschichte letztlich immer die gleiche ist, wenn auch in Variation. Die Figuren sind letztlich nur Elemente in der Geschichte und werden meistens nicht über die Funktion in der Geschichte hinaus ausgestaltet. Denn die Figuren erklären sich selber und müssen nicht erklärt werden. Deshalb werden oft Stereotypen verwendet. Letztlich hat man oft das Gefühl diese Geschichte schon einmal gelesen zu haben, weil eben wenig variiert wird.

Deshalb halte ich die Archetypen und die "Heldenreise" nur für begrenzt tauglich. Nur wenn mit beidem über das übliche hinaus gespielt und ordentlich verfremdet oder übertragen wird, kann daraus eine mitreißende Geschichte erzählt werden. Das bedeutet, dass z.B. die Figuren besonders gut ausgestaltet werden, ungewöhnliche Figuren als Archetypus besetzt werden,  mit deren Rollen gespielt wird oder die Heldenreise für diese Art Geschichten eigentlich selten oder gar nicht verwendet wird, bzw. man sie dort nicht erwartet. Manchmal reicht es aber auch, dass die Heldenreise eben unter einer reichen Geschichte fast verschwindet, die in ihrer Vielschichtigkeit überzeugt, so dass man gar nicht bemerkt, dass es eine Heldenreise ist.