Dienstag, 23. November 2010

Ideologie, Phantasie und eine besonders wichtige Literaturgruppe der 50er Jahre

Schon am 21.11 ist in der Welt der Artikel "Jim Knopf und die wilden Achtundsechziger" von Wieland Freund erschienen, indem es um eine besondere Autorenvereinigung geht: Die Kinderbuchautoren James Krüss (Timm Thaler und das verkaufte Lächeln; Sängerkrieg der Heidehasen;...), Michael Ende (Jim Knopf, Momo, Die unendliche Geschichte;...), Max Kruse (Urmel aus dem Eis; Der Löwe ist los;...)und Otfried Preußler (Die kleine Hexe; Krabat;...) lernen sich nach und nach über Maria Torris, Kinderbuchfürstin beim Cecilie Dressler Verlag, kennen und beginnen sich regelmäßig zu treffen.
Wer einmal den Kinderbuchschrank in seiner Erinnerung öffnet, wird alle diesen Autoren nur zu gut kennen und einige ganze Reihe ihrer Werke unter seinen Kindheitserinnerungen einsortiert haben (und vermutlich einige immer noch in seinem Bücherschrank). Ich habe nur zur Erinnerung an ihre Geschichten je zwei Werke an ihre Namen angeheftet, weil mir ihre Geschichten immer noch etwas näher sind, als die Autoren. Was für mich gesprochen, ein großes Kompliment ist.
Nun, wer sich mit den Fünfzigern Jahren einmal beschäftigt hat, kann sich sicherlich vorstellen, was es bedeutet in dieser Zeit zu schreiben. In der Vorstellung vieler deutscher Kinderbuchautoren waren Kinder Wesen, die noch geistig unentwicklelt, in die richtige Richtung zu prägen waren- und nicht nur in der Nazizeit durch ideologisierende Jugendbücher. Sicherlich gab es auch andere Autoren, die eben nicht nur belehren oder prägen, sondern auch Kinder zu begeistern suchten, ihnen einen eigenen Weg zum Erwachsenwerden finden helfen wollten.
Denn die Vorstellung für Kinder zu schreiben und nicht Kinder prägen zu wollen, ist einer der großen Verdienste dieser (und anderer) Autoren und kann gar nicht hoch genug bewertet werden. Sicherlich sind diese Autoren nicht die Ersten, die diesen Weg gegangen sind. Aber in jeder gut sortierten Buchhandlung wird man nachvollziehen können, wie die Werke dieser Autoren von Generation zu Generation weiter gereicht worden sind. Und in jeder Buchhandlung kann man auch nachvollziehen, wie prägend dieser Ansatz für die Kinder- und Jugendbücher geworden sind.
Bei diesen Autoren findet sich aber noch etwas weiteres, bedeutsames. Alle diese Autoren haben sich der Phantastik bedient und damit gerade bei den Achtundsechzigern dem Vorwurf der Kindertümelei oder des Eskapismus.
Die Vorwürfe waren mehr als hart, sie waren fast so ideologisch wie so manches anderes, was die Achtundsechziger hervor debattiert haben. Diese Vorwürfe waren aber auch blind: Ich habe in meiner Rezension zum "Krabatfilm" und dem Blogeintrag zu dem bemerkenswerten Artikel von Julia Voss "Jim Knopf rettet die Evolutionstheorie" auf die vielen alternativen Deutungsmöglichkeiten dieser beiden Werke hingewiesen. Denn eine realistische Darstellung ist nur eine Möglichkeit, sich mit grundlegenden, menschlichen Phänomenen zu beschäftigen.
Wer Krabat einmal anders liest, als Erwachsener, der kann durchaus die Situation Krabats in der schwarzen Mühle in einen Kontext mit der Nazizeit bringen. Man kann auch Jim Knopf als Heilung in der Kunst verstehen, wenn der Imperialismus und die verdrehte Darwinübertragung auf die Rassentheorie umgedeutet werden und aus anderer Sichtweise betrachtet.
Gleichzeitig bleiben beide Werke aber nicht dabei stehen, sondern stellen über diesen Kontext hinausreichende, grundlegende Entwicklungsschritte der beteiligten Personen vor, die Überwindung dieser Dinge und, wie oben schon erwähnt, die Heilung in der Kunst- auch wenn sie halt nur im Rahmen eines Kinder- oder Jugendbuchs geschieht. Wobei: das "halt nur" ist überflüssig: Kunst macht sich nicht an der Zielgruppe fest. Kunst, die sich an Kinder richtet, ist ebenso große Kunst.
Vielen Dank ihr vier und der edlen Dame, die diese Menschen zusammengebracht hat.

Sonntag, 21. November 2010

Über Literatur und Vorurteile...

In vielen Diskussionen über das leidige Thema E und U findet man immer wieder das Vorurteil, dass der Unterschied darin liegt, dass bei dem einen Sprache und bei dem anderen Spannung im Mittelpunkt steht. Dieses Vorurteil oft zu wiederholen, macht es nur nicht wahrer oder richtiger. Und es macht die eine Richtung nicht besser oder schlechter

Der entscheidende Unterschied zwischen den beiden liegt darin, dass E Literatur Fragen stellt und die Antwort an manchen/ vielen Stellen den Leser überlässt. Somit verweist E Literatur immer über sich selber hinaus und benötigt die Beschäftigung des Lesers mit dem Text
In den inzwischen weiten Grenzgebiet zwischen E und U gelingt es Texten eben genau dies zu tun, wenn auch in einem kleineren Umfang, und gleichzeitig das entscheidende Kennzeichen der U Literatur zu erfüllen:
U Literatur ist konsumierbar- d.h. letztlich muss der Leser nur über den Text nachdenken und keine Fragen für sich beantworten. Dabei steht ein bestimmtes schon von Aristoteles vertretene Prinzip im Mittelpunkt: Katharsis, die Seele wird durch die Schilderung in vielerlei Weise aufgewühlt und eine Reinigung durch eine glückliche Auflösung erreicht. Denn in den meisten U Romanen geht es darum aus einem sicheren Zustand (alles ist in Ordnung) in einen unsicheren Zustand zu geraten, bevor dann am Ende die alte Ordnung wiederhergestellt wird.

All das hat mit Sprache und Spannung nur in einem zweiten oder dritten Stadium zu tun. Denn wenn ein E Roman über sich selber hinaus verweist, indem er Fragen stellt, bildet die Sprache letztlich den Bezugsraum: Schließlich kann man nur denken, was man in Sprache abbilden kann.
Wenn ein Roman konsumierbar sein soll, dann muss Sprache vor allem präzise sein und leicht verständlich.
Spannung spielt in der E Literatur eine ebenso wichtige Rolle wie bei der U Literatur. Aber der Unterschied liegt im Konzept, wie Spannung erzeugt wird. Denn die Hauptspannung in der E Literatur entsteht aus der Entwicklung der Figuren, während in den meisten U Romanen letztlich die Spannung von äußeren Handlungen abhängt. Dementsprechend arbeiten viele U Romane mit Archetypen, aus deren Handlungen nur wenig Spannung entstehen kann. Wobei diese Archetypen natürlich dafür wenig von extrinsischer Spannung ablenken.
Ich persönlich empfinde die extrinsische Spannung im ersten Augenblick stärker, nur bleibt so gut wie nichts übrig, wenn sie vorbei ist. Dafür bleibt die andere Spannung länger.

Das soll übrigens kein Werturteil sein. Denn ich liebe die eine Literatur so wie die andere und ja, einen Menschen wirklich gut zu unterhalten halte ich auch für eine große Kunst.

Samstag, 6. November 2010

Bekenntnisse eines Schriftstellers

Zwei getrocknete Schweineohren, drei Pfund Sülze, zwei gepökelte Schweinebäckchen, 6 Nackenkoteletts, eine dicke Rippe, 12 Koteletts, einskommadrei Kilo Filet, fünf Kilo Schweinebauch, 6 große Schnitzel, zwei Vorderschinken, zwei Parmaschinken, vier Eisbeine, 4 Schweinefüsse, ein Schweineschwanz, drei große "Kalbsleber-"würste, sieben Kilo Blutwurst, drei Kilo Wellfleisch, acht Kilo Wurstaufschnitt, sieben Kilo Rostbratwurst (inkl. Wurstschnecke), achtzehn Dosen Hundefutter, achtundzwanzig Tüten Gummibärchen, vierzehn Paar billige Schuhe und vier Gürtel, fünfzehn Kilo Knochenmehl gestehen:

Die Vermarktung läuft viel besser. Aber als Schwein war es irgendwie schöner.

Lebensabschnittgefährte Verlag

Heute regt sich Elmer Krekeler in der Welt über den "Sittenverfall" in der Literatur auf, siehe "Der Verlag als Lebensabschnittgefährte", wenn internationale Bestsellerautoren und ihre sittenverfallenen Agenten zu einem anderenVerlag wechseln, wenn der deutlich mehr zahlt. In diesem Fall geht es um den Nobelpreisträger Vargas Llosa, der von Suhrkamp zu Rowohlt wechselt. Das der Suhrkamp Verlag nicht mehr der gleiche Verlag ist, zu dem Vargas Llosa gewechselt ist, müsste Krekeler klar sein. Immerhin erwähnt er, dass die "Frontfrau Michi Strausfeld" für Südamerikanische Literatur vor zwei Jahren zu einem Ableger von Rowohlt gewechselt ist. Das viele Autoren gerade "sittentreu" ihren Lektoren nachwechseln, wird aber nicht erwähnt. Nein, die Agenten von Vargas Llosa und der amerikanische Agent Andrew Wiley sind natürlich Schuld, dass eine Ära zu Ende geht und bald nur noch große Verlagsketten (und keine unabhängigen Verleger) diese "Großschriftsteller" vermarkten können.

Aber da ist es wieder, die entscheidende Frage: war das Ei des Kolumbus zuerst da oder das Huhn des Kolumbus... Mal eine kurze Antwort meinerseits:

Irgendwann in den 70er Jahren haben die Verlage bewusst im Bereich Film, Buch und Musik auf internationale Blockbuster gesetzt, um die Vermarktung zielgerichteter ausrichten zu können. Lokale Märkte waren dann in den 90er Jahren oft wenig interessant, da wurde auf standardisierte amerikanische Kost gesetzt. Schnelldreher machen mehr Profit, Werbung ist klarer einzusetzen, weniger Verkäufer,.... Zudem wollten die Verlage lieber Übersetzungen von Schnelldrehern, als eigene Autoren aufzubauen, weil das billiger war.
Das alte Verlegermodell von z.B. Suhrkamp wurde von den meisten Verlagen aufgegeben: also erfolgreiche Bücher zu machen und gute Bücher verkaufen zu können, mit engen Verbindungen Autor-Lektor/ Verleger. Die Verlagsarbeit wurde ausgelagert und alles auf eine hohe Gewinnmarge ausgelegt. Zudem kauften einige Verlage immer mehr Konkurrenten auf.

Dann wurden große Handelsketten freudig begrüßt, weil sie feste Mengen abnehmen und diese bezahlen, weniger Außenhandelvertreter, keine Remittenden, klare Margen, Schnelldreher. Nur mussten dann erfolgreiche Autoren teuer eingekauft werden, um neben diesen auch andere Nebenbücher zu verkaufen. Dafür wurden viele Autoren aussortiert, die nur mittelmäßig oder schlecht verkauft haben.

In Deutschland haben die Verlage in Deutschland auf die Agenten gesetzt, um die eigene Manuskriptprüfung reduzieren zu können und weiter im Lektorat abbauen zu können. Parallel wurden die Anforderung an Manuskripte rauf gesetzt, um die Lektoratsarbeit reduzieren zu können. Die Zahl an ausländischen Übersetzungen nahm stark zugenommen. Dazu wurden die Autoren aufgefordert sich zu professionalisieren: Also selber Bücher zu verkaufen, sich zu vermarkten und dem Verlag Arbeit abzunehmen/ diese Arbeit kostenlos zu ergänzen.

Dann wurden die großen Handelsketten immer rabattsüchtiger und die Verlage finden an über sie zu klagen. Es wurde dann wieder mehr auf deutsche Autoren gesetzt, weil die Übersetzungen teuer geworden sind und es sich wieder rechnet, selber Autoren aufzubauen, vom Profit her. Inzwischen gab es die Liga der 10-Millionen-verkaufte-Auflage von Buch xy-Autoren, die sich das sehr gut bezahlen liessen. Neue, junge Verlage erschienen, die wieder auf das Suhrkampmodell setzten, die wurden ausgezeichnet, aber irgendwie sind sie kaum in Buchhandlungen gekommen.

Dann drohte das E-Book und die arg benachteiligten Verlage sicherten sich mit dem Korb zum Urheberrecht neue Rechte. Gleichzeitig reduzierten sie die Laufzeit der meisten Romane auf drei Monate aktiver Verkauf, Verramschung nach 12-18 Monaten.

Inzwischen standen die Verlage ungläubig vor den Forderungen der großen Buchhandelsketten und wollen die Rabatte von den Urhebern mittragen lassen, siehe die Buchverträge mit den Prozenten auf die um den Buchhandelsrabatt reduzierten Preis oder die bei einigen großen Verlagen reduzierten Mindestvorschuss. Mit der schlechten Finanzlage wurde die weitere Verlagerung von Kernkompetenzen wie Lektorat und Korrekturat begründet... denn die Leser merken es doch sowieso nicht. Und es gibt ja Autoren, die druckreif schreiben. Große Verlage haben dann Amazon und anderen die Vermarktung von E-Books überlassen, Google das Monopol über alte Bücher, weil sie nicht gelernt haben, dass der Player letztlich die Käufe zieht... siehe I-Pod, Kindle, I-Pad.

Und je nachdem, was für ein Tag ist, sind entweder die großen Buchhandelsketten, Amazon und Google, die dreisten Bestsellerautoren oder die Agenten Schuld, dass es das Modell Suhrkamp heute nicht mehr gibt. Die Verlage sind aber nie Schuld...

Wer das Sittenverfall nennt oder das Ende einer Ära: Für die Verlage ist das alles längst Geschichte, aber eine, die sie gerne aufwärmen, wenn es um ihren Profit geht. Denn böse, das lehrt die Geschichte, sind immer nur die Anderen.

Dienstag, 2. November 2010

Eva Ibbotson verstorben

Die britische Schriftstellerin Eva Ibbotson ist am 20. Oktober 2010 in Newcastle upon Tyne verstorben. Die gebürtige Wienerin emigrierte vor der Verfolgung durch die Nazis und die Austrofaschisten 1933 aus einem Wiener Kinderheim nach Schottland zu ihrem geschiedenen Vater, während ihre deutsche Mutter, die Schriftstellerin Anne Gmeyner, erst aus Wien nicht mehr nach Deutschland zurückkehrte, wo ihre Bücher verboten worden waren, bevor sie ebenfalls nach Großbritanien emigrierte und dort ein neues Glück fand. Dort heiratete sie und begann nach dem Auszug ihrer Kinder mit dem Schreiben von Kinder- und Jugendbüchern, von einigen Ausflügen in romantische Erwachsenenromane einmal abgesehen.
Ihre phantastischen und phantasiereichen Kinder- und Jugendromane fanden eine besondere Würdigung, als J.K.Rowling den Zug nach Hogwarts auf Gleis neundreiviertel dicht an Gleis 13 ansiedelte, von dem sich alle neun Jahre ein Tor zu Insel der Gügel öffnet (Siehe Das Geheimnis von Bahnsteig 13). Aber ihre Kinder- und Jugendbücher sprechen einfach für sich, siehe die Vielzahl von Preisen, von Rezensionen, der Übersetzung in über 80 Sprachen.
Wer keine Angst vor gut geschriebenen, romantischen Erwachsenenromanen hat, kann in ihren Werken wunderbar geschriebene Romane entdecken, in denen es immer um Liebe geht, aber mindestens genauso um andere Themen.
In "Die Morgengabe" geht es um eine englischen Landadligen und Professor,  um die Emigration einer jüdischen Akademikerfamilie aus Wien zur Nazizeit, um Studienbedingungen für Emigranten, die Liebe zur Deutschen Sprache und vieles mehr.
In "Sommerglanz" geht es um einen bankrotten englischen Landadligen und eine emigrierte russische Gräfin, die als Dienstmädchen arbeitet, um den englischen Landadel, eine reiche Engländerin und Freundin der Eugenik, um Welten russischer Emigration in England, um Haushaltsbücher und vieles mehr.
In meinem Bücherschrank stehen eine ganze Reihe ihrer Bücher, vielen Dank an die edle Spenderin für den ersten Roman, weil in ihnen ein besonderer Zauber wohnt, wie sonst nur in wenigen Romanen, sowohl in den Kinder- und Jugendbüchern, als auch in den romantischen Romanen.
Ich werde es vermissen nach neuen Romanen von ihr zu fragen.... und wieder in den Alten stöbern.

Ungekürzt: Mark Twains über sein Leben

Die meisten Autobiographien sind eher Hagiographien, geschönte Selbstdarstellungen, um die Deutungshoheit über das eigene Leben (zurück) zu gewinnen.
Mark Twain hat sein eigenes Leben immer wieder mythisiert und verklärt, gerade in den Anfangsjahren, siehe auch den berüchtigt (und gleichsam wunderbar verklärten) Film von Frederick March). Aber in seinem Spätwerk, nachdem er wegen erfolgloser (freundlich ausgedrückt) Investments das eigene Vermögen aufgebraucht hatte und um seine Schulden abzuzahlen Vortragsreisen durch die Welt machte, hat er seinen berühmten Ton und seine tiefen Wahrheiten um Einsichten in die Welt und sein eigenes Leben erweitert- gerade verbunden mit den vielen tragischen Ereignissen in seinem Leben.
Seine Autobiographie ist bereits mehrfach erschienen, aber nie ungekürzt, nie ganz dicht an seinen eigenen Gedanken. Dafür hatte er eine Sperrfrist von 100 Jahren festgelegt, so dass nun eine um 50% erweiterte Autobiographie in drei Büchern erscheint, siehe die Meldung der FAZ, die hoffentlich bald auch auf Deutsch erscheint. Wo man den großen Mann der amerikanischen Literatur, dem Hemingway ins Buch schrieb, alle amerikanischen Romane würden auf "Huckleberry Finn" zurückgehen, ungekürzt, in seiner respektlosen Ruppigkeit vor sich und anderen, den tiefen, humorvollen und gleichzeitig tragischen Worten eines besonderen Mannes lauschen kann, der viel früher als andere den Kolonialismus erkannte, die Börse und so vieles mehr.
Leider ist mein Bücherbudget gerade etwas ausgedünnt, aber ich werde das Orginal lesen... Denn eine solche Stimme sollte man so lesen, nicht anders.