Freitag, 29. Oktober 2010

Kalix. Fluch der Werwölfe

Im Leben von Martin Millar gibt es eine ganze Menge Erlebnisse, die ihn dazu gebracht haben "Kalix. Werwölfin aus London", den Vorgänger des neuen Roman, zu schreiben. Ob nun das Brixtoner Led Zepplin Konzert, die Entstehung der Punk Bewegung (und deren Attitüde: "Mach die Dinge für dich selber und vertraue deinen Meinungen), der große Erfolg seines Romans "Die Feen von New York", die Probleme einen Verlag zu finden (trotz großer Erfolge), das Ende von Joss Whedons Serie "Buffy- im Bann der Dämonen" oder auch Martin Millars Leidenschaft für Mangaserien.
Vielleicht war es auch das Vorwort von Neil Gaimen zur Neuveröffentlichung von Martin Millars "Die Elfen von New York" vor einigen Jahren, die Kalix bei der Geburt geholfen haben. Neil Gaimen schrieb: "Millar writes like Kurt Vonnegut might have written, if he'd been born fifty years later in a different country and hung around with entirely the wrong sort of people". Übrigens, seit der Erstveröffentlichung von "Die Elfen von New York" ist dieses Buch in Deutschland nie aus dem Druck gekommen.
In meiner Rezension, siehe hier, habe ich eine ganze Reihe von Gründen gefunden, warum man den ersten Teil der Geschichte über Kalix MacRinnalch lesen sollte. Es handelt sich um die Geschichte eines ungebildeten, Laudanumsüchtigen Werwolfmädchens, dass wegen Vatermordes aus seiner Familie ausgeschlossen wurde und in London sein Glück versucht. Immer verfolgt von den eigenen Brüdern, einer Gruppen von Kopfgeldjägern aus einem Werwolfstamm und menschlichen Werwolfjägern. Sie findet Unterschlupf bei zwei Studenten, Daniel und Moonglow, die durch Kalix ein wenig in ihre Welt hineinschnuppern. Aber in Martin Millars Büchern gibt es eben nicht immer nur eine Hauptfigur: Es geht auch um den Kampf zwischen ihren beiden Brüdern Serapen und Markus um die Nachfolge des Vaters, um die Werwolfzauberin Thrix, die als Modedesignerin in London ihren Weg sucht, um Kalix Jugendliebe Gareth, um die Königin der Feuergeister Malveria und ihren Kampf um die modische Herrschaft in der Welt der Feuergeister, deren Nicht, Vex, mit ihrer Leidenschaft für einen punkigen Kleidungsstil in einer vermodeten Welt, um Werwolfjäger, zwei drogenkonsumierenden, punkrockspielende Werwolfschwestern und wo man heutzutage noch Laudanum her bekommt.
Ich habe damals geschrieben, dass Martin Millars Romane als "Kultroman" bezeichnet werden, weil es wirklich schwer ist seine Romane einzuordnen. Neil Gaimen scheint da meiner Meinung zu sein, wenn man sein Zitat sich einmal im Gehörgang trommeln lässt. Denn eigentlich handelt Kalix natürlich von Werwölfen und ihrem schwierigen Versuch in einer oft absurd anmutenden Welt ihren eigenen Platz zu finden. Aber es ist gleichzeitig Literatur. Und richtet sich an Jugendliche.

Vielleicht war es deshalb einfach auch notwendig mit "Kalix. Fluch der Werwölfe." eine Fortsetzung zu schreiben. Denn es gibt einfach niemand anderen, der solche Bücher schreibt. Und irgendwie hätte ich nicht leben wollen, ohne zu wissen, wie es weitergeht, mit Kalix MacRinnalch, London, ihrer Selbstfindung und gut Einhundert anderen Linien aus dem ersten Roman. Der Titel dieses Romans bezieht sich auf den Fluch der Frauen aus dem Haus MacRinnalch, nie mit einem Mann glücklich zu werden. Und irgendwie zieht sich dies leitmotivisch durch den gesamten Roman.
Kalix ist immer noch Laudanumabhängig, ihre Jugendliebe im ersten Band verstorben, und irgendwie lernt sie gerade auf dem College mit Vex, der punkig gesteilten Nichte der Feuerkönigin Malveria das Lesen und Schreiben. Das Leben läuft also mal wieder ein wenig schief, sie ist wieder abgemagert, beginnt sich zu schneiden und auf dem Weg nach den Mördern ihrer Jugendliebe zu machen. Aber da ist auch eine weitere Feuerprinzessin, die ihren Geliebten (und Werwolffürstanwärter) Serapen rächen möchte, zwei Werwolfjäger, die sich in die Damen des Hauses MacRinnalch verlieben, die sie umbringen wollen, ein Aufstand im Reich der Feuerkönigin Malveria, das Problem die passenden und limitierten Schuhe zur Lieblingstasche zu bekommen, ein alter Zauberspruch, zwei immer noch drogensüchtige Schwestern und ihre Punkband, ein Werwolffürst, der gerne Frauenkleider trägt, und die depressive Schwester Thrix, die sich in die Jugendliebe der Schwester verliebt hat und ihn dann verloren hat, bevor er starb.
Es gibt also wieder eine ganze Reihe von Problemen, die nicht immer werwölfisch sind, eine ganz Reihe werwölferische Probleme, Liebe und alles andere, was ein Leben in London und in den Highlands ausmacht.

Natürlich kann in einem zweiten Band den ersten Band einer Reihe nicht neu erfinden, und ganz sicher nicht, wenn der erste Roman von Martin Millar geschrieben wurde. Auch wenn Martin Millar die Fortsetzung selber schreibt. Deshalb gibt es natürlich nicht so viele neue Plotlinien und eine dezente Verschiebung von den beiden menschlichen Hauptfiguren Daniel und Moonglow hin zu den drei verfluchten Werwölfinnen aus dem Haus MaxcRinnalch, Kalix, Thrix und Dominil und deren Verehrern (und Jägern). Aber dieses Buch ist genauso skurril und eigenwillig, wie es alle Bücher von Martin Millar sind.
Ich bin mir nicht sicher, ob ich den zweiten Band so grandios finde, wie den ersten. Aber ich kenne keinen anderen Autoren, der so ein Gespür für Humor, Tragik, Timing und absurde Episoden entwickelt hat, wie Martin Millar. Keinen Autor, der so präzise und kurz seine Plotlinien führen kann und trotzdem starke Figuren entwickelt. Und irgendwie keinen Autor, der es schafft, dass ich bei einer Rezension immer wieder lachen muss.

Sonntag, 24. Oktober 2010

Unsicherheit beim Plotten

Als "Bauchschreiber" habe ich es bisher vermieden, meine Geschichten komplett durch zu plotten. Nun, nach einer kleinen Wette mit meinem Autorenpartner habe ich dann doch angefangen zu plotten und sitze jetzt schon eine halbe Ewigkeit dran... weil ich sehr ausführlich plotte und mir irgendwie die Zeit momentan ein wenig fehlt.

Nun ja, wie immer bei der Ausgestaltung einer längeren Geschichte habe ich dann meinen schwersten Fehler gemacht. Weil ich mir unsicher war, ob der Plot wirklich hält (und gerade ein neues Buch meines Lieblingsautoren heraus gekommen ist), habe ich dann zwei Bücher aus meiner Manuskriptrichtung gelesen. Die erste Geschichte war noch in Ordnung, weil sie im Prinzip nicht wirklich andere Elemente enthält- nur in einer deutlich anderen Gewichtung- und ich jede Menge Zusätzliches hinzugefügt habe. Ich habe dann ein paar Ideen gerade aus dem Vergleich der beiden Romanplots gewonnen, gerade weil ich über die Unterschiede eine Ahnung bekommen habe, was unsere Texte unterscheidet und wie ich das betonen kann.
Der Roman meines Lieblingsautoren war dagegen ein Schlag: Die Geschichte ist eine Art Werwolfsoap, sehr humorvoll, sehr brutal, mit einer ganzen Hand voll Hauptdarsteller, Erzählstränge, Handlungen, alles sehr elegant und lustig ineinander verbunden. Irgendwie verunsichert dieser Roman mich, weil mein Lieblingsautor und Ich zwei ganz grundsätzlich unterschiedliche Zugänge gewählt haben, mit gleichzeitig vielen Gemeinsamkeiten. Irgendwie fehlt nun etwas in meinem Plot, scheinbar. Und ich habe ein wenig zu sehr den unterschiedlichen Zugang genossen, so dass meiner mir an manchen Stellen nun zu simpel vorkommt.

Lektion: Nie meinen Lieblingsautoren konsultieren, wenn ich meine Texte schreibe. Nie Äpfel und Birnen vergleichen und feststellen, dass ich eigentlich Äpfnen möchte. Und nie die Vorstellung annehmen, ich könnte alles gleichzeitig machen.

Montag, 18. Oktober 2010

Persönlichkeit...

Im letzten Beitrag habe ich ein wenig über den "Female Charakter Flowchart" geschrieben, mit dem ein Autor die grundlegende, zweidimensionale Einordnung seiner Frauenfiguren überprüfen kann. Über die im Flowchart enthaltenen Fragen kann er sich den Frauenfiguren annähern und die Stärken und Schwächen entwickeln, die aus einer Frauenfiguren eine starke Frauenfigur machen.
Aber die eigentliche Grundlage einer starken Figur ist Persönlichkeit: sowohl die Persönlichkeit des Autors als auch die Persönlichkeit, die er seinen Figuren zugesteht. Und genau an diesem Punkt enden all das "Jeder kann einen verdammt guten Roman schreiben". Denn das ist einfach objektiv falsch. Es gehört ein geschultes Auge und eine langjährige Arbeit an den Ausdrucksmöglichkeiten dazu, um eine Figur mit einer Persönlichkeit auszustatten. Aber genauso auch die Fähigkeit sich in andere Menschen weit über das normale Mal einzufühlen. All das basiert aber nicht nur auf Fähigkeiten eines Autors, sondern auch auf die eigene Persönlichkeitsentwicklung.
Natürlich kann man einem Autor auch eine ganze Reihe von Möglichkeiten durch Regeln mitgeben, wie persönliche Stärken und Schwächen aus einer Schablonenfigur letztlich eine starke Figur machen. Von Thomas Mann kann man lernen über den Namen einer Figur seine Widersprüchlichkeiten zu verdeutlichen und nach einer ersten Beschreibung mit nur einem Satz dieses Bild immer wieder aufzurufen, Von Phillip Roth kann man lernen, dass gerade die eigene Widersprüchlichkeit eine starke Figur ausmacht. Von Günter Grass, wie gerade das Absurde und Groteske oft viel näher an eine Wahrheit herankommt, als das Realistische. Von Franz Kafka, dass das Umfeld einer Figur letztlich immer auch das Innenfeld einer Figur spiegelt und verändert und dies auf ungewöhnliche Weise verdeutlicht werden kann. Von Orhan Pamuk, dass unbeseelte Dinge manchmal die Persönlichkeit ihrer Umgebung aufnehmen und mit sich tragen, auch wenn diese Menschen nicht mehr da sind.
Aber selbst wenn ein Autor alle diese Ratschläge von großen Autoren befolgt, macht ihn das nicht zu einem großen Autor. Denn die Kunst des Schreibens ist es nicht den Fußstapfen dieser Autoren zu folgen, also zu kopieren, sondern alles gelungene zu stehlen und sich zu eigen zu machen, es weiter zu denken und etwas eigenes daraus zu machen.

Wenn ich in den letzten Jahren die meisten Romane nicht viel getaugt haben, dann liegt das vor allem an einem entscheidenden Grund: Jeder angehende Autor sucht nach seinem Königsweg, um möglichst schnell einen Roman zu veröffentlichen, einen Vertrag abzuschließen und Geld zu bekommen. Und ja, es könnte dann auch ein guter Roman sein.
Aber vielleicht geht es beim Schreiben eben nicht nur darum. Es geht vielleicht nicht darum, einen Roman zu schreiben. Es geht darum als Schriftsteller zu seinen Ansprüchen an einen Roman hin zu wachsen und sich so lange an seinen Wünschen und Hoffnungen an einem Roman zu reiben, zu scheitern, zu versagen, zu lernen, sich weiterzuentwickeln, bis irgendwann dann der Autor und sein Schreiben so gewachsen ist, dass letztlich Romane wachsen, statt entwickelt zu werden. Aber vielleicht ist das auch Quatsch. Vielleicht geht es wirklich nur um die Veröffentlichung und Geld. Aber dann müsste ich aufhören zu schreiben.

Donnerstag, 14. Oktober 2010

Der "Female Character Flowchart" auf Overthinking it

Auf "Overthinking It" beschäftigte sich Shana Mlawski sich im August mit der Vorstellung einiger männlicher Autoren über starke Frauenfiguren. Am Beispiel Transformers belegt sie, dass Megan Fox alles mögliche in diesem Film ist, stark, gutaussehend, gut in ihrem Beruf, aber keine starke Figur. Sie ist auch nicht schwach, weil sie als "Damsel in Mistress" letztlich vom Helden gerettet werden muss, denn das alleine macht eine Figur nicht stark oder schwach. Letztlich ist es ihre Funktion als Projektionsfläche, die sie zu einer schwachen Figur macht: Denn sie ist nur eine Funktion im Film, weil ihrer Figur keine Schwächen zugeordnet werden. Sie ist nur ein Wunschvorstellung und die haben mit echten Frauen (und Männern) nur sehr wenig gemeinsam.
Eine wirkliche starke Figur besteht aus ihren eigenen Stärken und Schwächen. Und im Gegensatz zu den lustigen Nebenfiguren, leidet eine starke Figur an ihren Schwächen, beschäftigt sich mit ihnen und bemüht sich sie zu überwinden. Das bedeutet nicht, dass es ihr gelingen muss. Aber gerade dies macht sie menschlich.

Aus diesem Artikel und einigen weiteren hat Mlawski nun den "Female Character Flowchart" entwickelt, mit Unterstützung eines netten Kollegen. Dieses Schaubild ist eine Hilfe für Autoren ihre eigenen Frauenfiguren zu überdenken oder sie mit Hilfe des Charts zu entwickeln. Natürlich kann man mit Hilfe des Schaubilds nur zweidimensionale Figuren entwickeln. Aber in diesem Schaubild muss sich der Autor mit einer ganzen Mengen Fragen an seine Figuren beschäftigen. Und, wie ich immer wieder in diesem Blog ausführe, entsteht gerade aus den Fragen eine ganze Menge an Antworten und wenn nicht Antworten, dann Möglichkeiten.
Aus den Schaubildfiguren kann man leicht eine starke Figur gestalten, indem man Schwächen ergänzt und sich die vielen, gelungenen Figuren aus dem Schaubild als Vorbild nimmt. Eine gute Sache.

Mittwoch, 13. Oktober 2010

Über das Leben

"Leben ist das, was passiert, während du eifrig dabei bist Pläne zu machen." John Lennon in "Beautiful Boy (Darling Boy"

Über viele Jahre habe ich sehr wenige Pläne gemacht, weil mir das Leben immer irgendwie dazwischen gekommen ist. Vielleicht einer der Gründe, warum das mit mir und meinem Schreiben manchmal schwierig geworden ist. Inzwischen mache ich wieder Pläne, auch wenn das Leben sie immer wieder über den Haufen wirft.
Eigentlich wollte ich meinen Urlaub damit verbringen zu schreiben. Auch dieser Plan ist am Leben zerschellt oder genauer gesagt, an dem, was John Lennon in seinem Zitat vergessen hat:  Tolstoi Bahnhöfe- Ebenen des Übergangs (in einem über Tolstoi hinaus reichenden Rahmen). In diesem Sinne für meine "Schwiegermutter"... Weil manchmal Musik unsere Worte besser trifft, gerade wenn die Worte noch in uns wachsen. (Auch wenn die Worte des Liedes natürlich nicht genau passen...)


Montag, 4. Oktober 2010

Über den Stil und seine Bedeutung für die Gegenwartsliteratur

Erst vor einigen Tagen hat Richard Kämmerling in der Welt die "Great German Novel" verlangt, um eine Epoche über einen Roman zu erschließen, eine Sache, die so Kämmerling, seit 20 Jahren aussteht, siehe den Blogeintrag vom 02.10. Die etwas eigenwillige Wunschvorstellung Kämmerlings erschien jedoch schon bei MRR etwas antiquiert, als dieser von den deutschen Autoren den "Wenderoman" einforderte. Denn die Aufgabe der Kritik kann es nicht sein, die Zukunft der Literatur zu gestalten. Die Aufgabe des Kritikers ist es Literatur zu vermitteln und zu kritisieren und somit auf den Gestaltungsprozess einzuwirken. Zudem stelle sich eine wichtige Frage, die Kämmerlings nicht beantwortet: Wie zeitgemäß ist die Vorstellung einer "Great German Novel" in unserem Zeitalter und was macht eine solche "GGN" aus.

Heute ist endlich der Artikel von Iris Radisch  "Deutsche Romane. Zur Lage der Literatur" online gegangen, in dem sich Radisch ebenfalls an einer Bestandsaufnahme der Gegenwartsliteratur versucht. Sie führts den Erfolg der deutschen Gegenwartsliteratur vor allem auf den stilistisch recht einfach gehaltenen "Platterton"zurück, der, wie Radisch an einigen Beispielen belegt, nicht einmal annähernd an die stilistische Vielfalt der Vorgänger erinnert. Und, wie erwartet, hält Radisch von den Vorstellungen einer "Great German Novel" nicht sonderlich viel. Denn es ist nicht der Plot und die unterstellte geselltschaftlichen Bedeutung, so Radisch, die die Werthaltigkeit eines Romans ausmacht, sondern sein Stil und die weltaufschließende Kraft.
In einer solchen Vorstellung ist die Lesernähe, das "Nicht Stören"/ "Ernüchterungsstil"/ "Tiefflug" nach Radisch, letztlich das vorweggenommenen Scheitern dieser Romane. Die Realität abzubilden stellt eben keine literarische Kategorie dar, ein gelungener Plot ist für sich auch keine. Die Bearbeitung der Realität durch künstlerische Mittel ist die Grundbasis, zumindest nach Radisch, für einen Gegenwartsroman. alles andere ist verhandelbar.

Kehrt man nun zu einigen von Richard Kämmerlings genannte Autoren der "Great American Novel" zurück, dann gibt es dort durchaus große Stilisten. Nur fallen einige davon mit den betreffenden Werken gar nicht unter die "Great American Novel",  weil ihr Zugang eben ein anderer war. Und die Zukunft der Literatur an einem solchen Thema zu verhandeln, finde ich unheimlich vereinfachend.
Iris Radisch andererseits ist in ihrem Urteil auch schwierig. Denn die deutschsprachige Literatur der 70er bis zu den 90er war durch große stilistische Versuche geprägt, viele große Romane sind daraus aber nicht entstanden. Weil Stil und Stilistik hier zu einem Selbstzweck aufgeblasen wurde, der nur wenig Raum für den eigentlichen Text und andere Elemente gelassen hat. Das bedeutet aber nicht, dass Radisch Unrecht hat. Es bedeutet nur, dass auch dieser Blickwinkel möglicherweise zu eng ist und nur ein Kriterium darstellt...

Samstag, 2. Oktober 2010

Über die "Great German Novel"

In der Welt hat Richard Kämmerlings den Artikel "Deutsche Literatur. Vom Warten auf den großen Roman- seit 20 Jahren" geschrieben, in dem er einer der großen Wunschträume eines Kritikers nachgeht: Den unwissenden Autoren zu erklären, was sie eigentlich zu schreiben haben. Und es darf natürlich nicht ein Stück kleiner sein, als die "Great German Novel". Also einen großen Roman, der letztlich den Schlüssel zur Entdeckung einer ganzen Epoche bietet.
In Amerika geht es für die Autoren schon seit Jahrzehnten immer genau darum: einen solchen Roman zu schreiben, um damit ihren Anspruch auf den amerikanischen Schriftstellerolymp zu sichern. In Deutschland gibt es immer wieder den Wunsch der Kritiker nach solchen Büchern, siehe MRR Wunsch nach dem großen Wenderoman. Bei den Autoren ist dieser Wunsch etwas geringer: Denn hinter der Vorstellung des "Great German Novel" steckt ein Anspruch, den Einzulösen nur wenigen Autoren überhaupt gelingen kann. Und Scheitern mag sehr produktiv sein, aber nicht unbedingt ermutigend. Und noch eins unterscheidet Deutschland und Amerika in dieser Hinsicht. Deutsche Kritiker wollen wirklich eine ganze Epoche über einen solchen Roman erschließen, die amerikanischen Autoren machen dies nur für ein bestimmtes Umfeld in einer bestimmten Zeit.