Mittwoch, 29. September 2010

Wem gehört Kafka?

Die NY Times hat am 22.September den Artikel  "Kafka`s Last Trial" von Elif Batuman veröffentlicht, der sich sehr ausführlich mit den kafkaesken Verwickelungen um den Prozess über den Nachlass von Franz Kafka geht. Der hatte seinen Nachlass an Max Brod zur Vernichtung überlassen, der diesen wieder verschiedenen israelischen Organisationen überlassen wollte, gleichzeitig aber auch seiner "Sekretärin" und vermeintlichen Geliebten Esther Hoffe vererben wollte, die diese zum Teil verkauft hat (aber halt nicht an das Israelische Nationalbibliothek, die Anspruch auf das Erbe erhebt). Nach dem Tod von Ester Hoffe, die Kafkas Papiere wieder an ihre Tochter vererbt hat (, die diese nun ans Deutsche Literaturarchiv Marburg verkaufen will), fechtet nun die Israelische Nationalbibliothek das Testament von Esther Hoffe an, indem sie auf Briefe und Zusagen von Max Brod verweist, genau wie die Tochter von Esther Hoffe. Es geht um viele bekannte und einige möglicherweise unbekannte Kafkamaterialien, es geht um vierzig bis einhundert Katzen der Tochter von Esther Hoffe, um Kafkas angeblichen Zionismus, der aber genauso zweifelhaft und nachweisbar belegt ist wie andere Deutungen des Werkes, um Max Brod Versuch Kafkas Werk ein wenig zu instrumentalisieren, um Versprechen, Zusagen, ein halbes Dutzend Anwälte pro Partei, das Gefühl der Tochter von Esther Hoffe "vergewaltigt" zu werden, wenn auf Anweisung der israelischen Gerichte die Wohnung und diverse Schließfächer in mehreren Ländern gesichtet werden, und die Aussage des Deutschen Literaturarchiv Marburg, dass sie den Kafka Nachlass besser und mit mehr Erfahrung verwalten und archivieren könnten als die Israelische Nationalbibliothek, wozu ein emeritierten Prof. der Hebräischen Uni von Jerusalem kommentiert: "Nun gut, die Deutschen haben keine sehr gute Vergangenheit sich um Kafkas Dinge zu kümmern. Sie passten nicht gut auf seine Schwester auf." (Alle drei Schwestern Kafkas wurden von den Deutschen deportiert und ihre Spur verliert sich in Konzentrationslagern und Ghettos). Der betreffende Prof. traf in Theresienstadt eine Schwester Kafkas.

Dies schildert Elif Batuman viel ausführlicher und verwicklungsreicher als die vergleichbaren Artikel aus deutschen Tageszeitungen, ein Beispiel, was Zeitungen alles können, wenn sie wollen. Besonders aberwitzig ist die kafkaeske Situation, die letztlich in einer Fragestellung mündet: Wer hat Anspruch auf Franz Kafka (und sein Werk und Nachlass)?
Eine Nachfrage, die nur schwer ein Gericht beantworten kann....

Dienstag, 28. September 2010

Josef Haslinger vom "Deutschen Literaturinstitut Leipzig" über die Schriftstellerausbildung

In der Zeit findet sich heute das Interview "Die jungen Schriftsteller wollen alte Romane lesen" mit Josef Haslinger, der am DLL in Leipzig die Schriftstellerausbildung leitet. Interessanterweise begründet Haslinger letztlich die Ausbildung der Autoren am DLL mit dem Bedeutungsverlust von literarischen Gruppen und Verbänden, so dass bestimmte literarische und poetische Diskussionen keinen Raum mehr im öffentlichen Autorenleben haben. Diese Diskussionen aufzufangen und dort weiter zu führen, stellt sozusagen eine Grundlinie des DLL da. Dies ergänzt auch seine Bemerkung, die für den Titel des Interviews ausgewählt wurde: Es geht also beim DLL um die Fortsetzung dieser "abgerissenen Diskussionen", weshalb das DLL letztlich Menschen auswählt, die schon veröffentlich haben und schreiben können- und dort die titelgebenden alten Bücher lesen, um an die Traditionen/ Diskurse von früher anschließen. Somit handelt es sich also nach Haslinger beim DLL um ein Fort- bzw. Weiterbildungsinstitut für Schriftsteller, nicht um ein Ausbildungsinstitut. Bescheiden ist dagegen die Aussage, dass durch die "Weiterbildung" am DLL und Anderenorts die Bücher nicht besser geworden sind, sondern weniger schlechte Bücher veröffentlicht werden.

Ehrlich gesagt bin ich ein wenig über dieses Interview überrascht. Denn Haslingers Ausführungen nähern sich bedenklich den verschiedenen Vorwürfen gegen das DLL an. Denn irgendwie geht es beim Schreiben von Gegenwartsliteratur um die Entwicklung eigener Diskurse, aber diese zu lernen ist halt etwas anderes, als sie selber zu entwickeln.

Donnerstag, 23. September 2010

Warum gebrochene Helden...

In einer Geschichte gibt es verschiedene Spannungen: Die von außen auf den Helden einwirkenden Ereignisse (Aktionspannung), die Spannungen zwischen den Figuren (ob nun Liebeshandlung (sexuelle oder erotische Spannung), Feindschaft, ,...), die "Geheimnisspannung" (wer ist der Täter/ wie wird das ausgehen/... aber auch was wird passieren/ wird das noch einmal wichtig,...), die Atmosphäre(nspannung) (was ist das für eine Welt), Gewaltpornographie (ob Andeutungen oder ausführlich), sprachliche Dynamik und einige weitere.
In diesem Rahmen gehört auch die innere Spannung innerhalb einer Figur, die sich in verschiedener Weise zeigen kann: im Wachsen des Helden an seinen Aufgaben, im Wachsen des Helden an seinen Konflikten (äußerlich wie innerlich), im Scheitern des Helden bzw. indem der Held seine Erfahrungen in seinem Charakter spiegelt und so ihre Bedeutung verstärkt.

Deshalb werden so gerne gebrochene Helden verwendet, weil sie eine weitere Ebene bieten, um die Grundsituation zu spiegeln.

Montag, 20. September 2010

Spiel mit Legosteinen... neun Tage lang

Einen Genreroman zu plotten, hat wirklich etwas vom Spielen mit Legosteinen: Es gibt einen Packung mit Bauplan, auf der Thrillerplot draufsteht, die man dann sorgfältig zusammenpuzzeln muss. Da aber der Thrillerplot alleine keinen Roman macht, muss man in seine großen Spielkisten greifen, und in Gedanken den Bauplan Thrillerplot völlig umgestalten, während man gleichzeitig die Steine doch irgendwie unterbringen muss.
Ehrlich gesagt ist es ziemlich frustrierend für mich, dass ich irgendwie ein Bauplannichtleser bin und meistens nur mal draufsehe, bevor ich dann erst einmal zusammenbaue. Bei meinem Vampir-Werwolf-irgendwas Thriller bedeutet das, dass ich zwar alles nur kurz anreiße, aber nach und nach immer neue Ideen in den Plot bringe und so immer wieder den Bauplan umbaue... während ich längst mit dem Schreiben anfangen wollte.
Anders gesagt: Ich bin ein ziemlich chaotischer Mensch und entwickele meine Romane offensichtlich in einem großen, manchmal mir selbst unheimlichen Fraktalchaosplan. Das dauert offensichtlich viel zu lange, bringt dann aber interessante Ergebnisse. Denn ich brauche Genauigkeit. Also reicht es für meine Planung nicht aus, die Planung in Kurzsätzen oder Stichworten anzureißen, sondern ich muss manches ausformulieren und viele wichtigen Infos, Ergänzungen und ähnliches dazu vorwegnehmen.
Besonders interessant wird es aber beim Schreiben: Kann ich meinen Text wirklich ausschreiben, oder werde ich mich an meiner eigenen Planung aufhängen?? Spaß hat es auf jeden Fall gemacht. Und ich setzte mir Ende der Woche als Deadline. Denn auch wenn die Planung noch nicht ganz fertig sein sollte, es drängt in mir nach dem Schreiben. Denn ich träume schon vom Schreiben meines Textes.

Samstag, 11. September 2010

Schlafmangel

Falls sich jemand über die wenigen Beiträge der letzten Tage und Wochen wundert... Ich habe in der letzten Augustwoche eine neue Stelle angetreten, wie ich ja schon kurz angedeutet habe. Die Arbeitsbelastung und die Umstellung ist enorm, obwohl die Stelle eben weit mehr als nur ein Brotjob ist. Da muss das Schreiben leider (wieder einmal) zurück stehen.... und der Blog sowieso.

Montag, 6. September 2010

Ein fremdes Leben (über Figuren)

Jede Biographie ist immer der Versuch sich einem Menschen anzunähern. Die Arbeit eines Biographen ist es die Fülle (oder Nichtfülle) an Material von und über eine Person zu sichten und daraus die Person zu rekonstruieren- indem man seine Spuren folgt und versucht deren Haltungen, Meinungen und Entschlüsse (und noch viel mehr) nachzuvollziehen.
In einem Roman entwirft der Autor eine Figur, die er dann wieder in Material von und über eine Person aufteilt- so dass jeder Leser im Prinzip als Biograph diese Figur wieder für sich erschließt.
Nur gibt es ein grundlegendes Problem, was sich weder bei Biographien, noch bei Romanen auflösen lässt: Die Persönlichkeit eines Menschen verändert sich im Leben der Person immer wieder- und auch wenn ein Mensch sich verändert hat, behält er bestimmte Meinungen und Haltungen aus früheren Phasen bei. Somit bleiben bei aller Annäherung in der Biographie immer Leerstellen und Fragen zurück, weil man eben keine Persönlichkeit in ihrer gesamten Fülle rekonstruieren kann. Zudem sollte man nicht unterschätzen, wie sehr die emotionale Nähe (im positiven, aber auch im negativen) zu einem Menschen das erschaffene Bild dieser Person prägen kann- genau wie eine fehlende Nähe.
Für eine Roman werden aber der homo fictus verwendet, eine besondere Persönlichkeit, die nur bei guten Autoren erkennbare Bruchstelle an ihrer Persönlichkeit hat- die aber trotzdem immer begründet von einem gezeigten Bild abweicht. Dieses Vorgehen führt zu dynamischen Persönlichkeiten. Übrigens ist es nicht nötig, dass eine Figur sich während eines Romans weiterentwickelt- denn dieses Privileg ist nur der Hauptfigur anzuraten. Alle anderen Figuren werden oft so gelassen, wie sie sind, um nicht von der Hauptfigur abzulenken. Denn dann sind sie klarer abgrenzbar und einzuordnen. Wieso übrigens der Hauptfigur anzuraten: Weil diese Entscheidung sehr viel über den Roman aussagt: Eine Hauptfigur, die sich während eines Textes nicht verändert, wird zwangsläufig scheitern. Und deshalb rate ich allen Hauptfiguren sich zu ändern. Nur den Autoren rate ich das nicht. Schließlich haben sie gute Gründe, warum sie die Hauptfigur ausgewählt haben, die sie ausgewählt haben.

Donnerstag, 2. September 2010

Leguanhaut

Gerade habe ich einen Roman angelesen, der mir lauwarm von jemanden empfohlen wurde. Ich glaube, die Autorin versuchte mit jede Menge erotischen Andeutungen (und mehr) eine bestimmte, schwitzige Stimmung zu schaffen, ein leichtes Brummen im Kopf, eine Gänsehaut. Irgendwie ist aber nur Leguanhaut übrig geblieben, weil die Autorin irgendwie eine ziemlich altertümliche Vorstellung von Erotik hat... die nur von gelegentlicher harter Pornographie unterbrochen wird, und irgendwie ist dieser Wechsel: Leguanhaut.