Montag, 28. Juni 2010

Bachmannpreis 2010

Eine innere Hinwendung erfährt immer wieder eine Enttäuschung. Nachdem ich in den letzten Jahren immer wieder ausführlich die Texte beim Bachmannpreis kommentiert habe, werde ich in diesem Jahr darauf verzichten. Es handelt sich dabei um eine ästhetische Entscheidung, weil ich keinen Text gefunden habe, der mich überzeugen konnte mir diese Arbeit aufzubürden. Arbeit übrigens, weil die meisten Texte aus einem mir rätselhaftem Grund irgendwie das Spagat zwischen Erzählen, Handwerk und Inhalt nicht hin bekommen haben. Das sogar den eher gelungenen Texten etwas fehlt, konnte ich aber einfach nicht überwinden. Das beginnt mit der Möglichkeit die Krisen in den Texten wirklich aus eigener Erfahrung oder Übertragungen zu füllen, geht weiter mit den fehlenden, interessanten Sprachbildern und endet nicht bei der hypnotischen Einheit großer Texte.
Eine Jury wählt aus Hunderten von Einsendungen die Texte aus, die sie selber in das Preisrennen schicken möchten- und nach den Kommentaren zu den vorgestellten Texten bleibt da nur die Frage, warum die meisten Texte überhaupt ausgewählt wurden und aus welchen Auswahl die Jurymitglieder schöpfen können. Immerhin war es leicht sich für die Preisträger zu entscheiden. Bei der Vielzahl der Preise und den wenigen gelungenen Texten war es dann nicht so schwierig die Preisauswahl zu begründen.
Eines bleibt aber nach diesem Bachmannpreis (und vielen zuvor) letztlich offen: Warum fehlen in manchen Jahren starke Autoren und warum wirkt die Kritik manchmal ebenso müde wie mancher vorgestellter Text?

Donnerstag, 24. Juni 2010

Über den Zusammenhang von Kunst und Handwerk

"Das Schreiben eines Romans besteht zu 99% aus Transpiration und nur zu 1% aus Inspiration"- dies oder eine ähnliche Aussage haben die meisten Menschen von einem Autor schon einmal gehört. Und im Prinzip ist diese Aussage richtig. Aber halt nur im Prinzip.
Das Handwerk des Schreibens findet sich zwar in jeder Zeile, in jedem Satz und jeder gelungenen Konstruktion eines Textes, aber das Handwerk ist letztlich nur das Grundgerüst eines Romans. Es ist eine Vielzahl von Möglichkeiten, von Varianten, Ideen von Vorgängern, Erfahrungen, die die Ideen in einen Rahmen einordnen und verschiedene Variante diese zu vermitteln anbieten. Mehr nicht, aber auch nicht weniger.
Die meisten Autoren haben das Grundhandwerk so verinnerlicht, durch stete Anwendung, dass sie eigentlich nur noch über das Handwerk nachdenken, wenn es sie im Stich lässt- wenn sie ein Problem finden, welches sich nicht ohne weiteres lösen lässt oder wenn sie versuchen ein Problem in den Rahmen des Romans einzusetzen, Deshalb ist es auch so wichtig, gerade am Anfang, viele Ideen und Dinge auszuprobieren und mit eigenen Erfahrungen das Handwerk anzuwenden, auszuprobieren, kritisch zu hinterfragen und dabei zu verinnerlichen. Später dienen die Experimente dazu den eigenen Horizont zu erweitern und über das oft stark vereinfachte Grundhandwerk hinauszuwachsen.
Kreativität hat viele Väter, denn sie kann sowohl frei und wild sein, ungebunden, genau wie sie aus dem beherrschten Handwerk erwachsen kann, indem sie dort neue Wege geht, das bestehende verweigert, ergänzt, ausbaut. Sie kann aber auch zwischen frei und gebunden liegen.
Deshalb ist es wichtig das Handwerk zu beherrschen, um in einem Text alle möglichen Formen der Kreativität einzubringen. Denn die schönsten Ideen müssen eben über das Handwerk in einen Text gebracht werden, damit sie lebendig werden. Je besser das Handwerk ist, desto leichter können Ideen in einen Text vermittelt werden und desto besser können sie in den Text gebracht werden.
Was der Autor nur denkt, kann der Leser für sich nicht entdecken, von außergewöhnlichen Lesern einmal abgesehen. Gleichzeitig leben Romane aber nicht nur vom Handwerk: Denn das Handwerk macht aus einem Menschen keinen Schriftsteller, sondern einen Schreibhandwerker. Romane leben nicht vom Handwerk, sondern den 1% Inspiration- von der gekonnten Abweichung an einigen wenigen Stellen.

Dienstag, 22. Juni 2010

Was macht (für mich) einen erfolgreichen Roman aus??

In der letzten Zeit lese ich immer wieder Kommentare und Artikel von Kollegen, die sich selber über die professionellen Rückmeldungen zu ihren Texten definieren und daraus ihr Selbstverständnis ableiten. Dies ist insofern problematisch, weil die Verlage und Agenturen eine oft eigenwillige Vorstellung von bestimmten Romanen oder Romantypen haben.

In historischen Romanen wiederholt sich z.B. das Schmema, dass zwei Personen aus einer Familie (oft Halb- oder Stiefbrüder) gemeinsam aufsteigen, die eine Person über Talent und positive Eigenschaften, die andere über Intrigen und Gewalt, bis beide im Verlauf des Romans sich immer wieder als Feinde gegenüberstehen: Mal als Rivalen um die Liebe einer anderen Person, mal als Rovalen um Ansehen und immer wieder wird der "Gute" durch die Intrigen in Gefahr gebracht, oft mit Gefängnis verbunden, bevor er letztlich triumphiert. Dies verbunden mit einem engen Figurenschema wird dann als Ken-Follet-Schema bezeichnet. An einem meiner Urlaubstage habe ich einen Roman gelesen, der dieses Schema leicht verändert adaptiert hat, und dabei die Figur des "Bösen" letztlich noch allerlei Todsünden angedichtet hat, während die Hauptfigur natürlich weiblich war und die angenommene Verwandtschaft sich als erzählerischer Trick ausgewachsen hat.
Besonders verstärkt wurde der schematische Eindruck des Romans durch seine vielen Zufälle und Leerstellen- in diesem Fall weitgehend die etwas hülsenartigen Archetypen und die schwache Verbindung von Handlungsort und Handlung. Der Roman ist jedoch inzwischen in der x-ten Auflage erschienen und ein Bestseller.
Ein anderer historischer Roman aus meinem Urlaub nahm die "Säulen der Erde" als Vorbild und hat diesen Roman breit über das Schema hinaus als Vorbild genommen, indem ein Bauwerk im Zentrum der Handlung stand und immer wieder Motive und Elemente aus diesem Werk auftauchten- alles nur zwei Nummern eingekocht und jeweils auf Passagen begrenzt.

Wenn man einen solchen Roman verwendet, um daraus sein Selbstbild als Autor abzuleiten, ist das Ergebnis nur bedingt tauglich. Denn letztlich beweist man nur die handwerkliche Fähigkeit ein Schema mehr oder minder gut mit Leben auszustatten- und nicht die Fähigkeit einen eigenständigen Roman zu schreiben. Denn genau das sind diese beiden Romane nicht.
Die Kunst einen Roman zu schreiben bedeutet eben auch die Verantwortung für einen Roman, seine Figuren und Handlung- die Fähigkeit die Handlung ohne enge Vorgaben zu entwerfen, indiviudelle Figuren zu gestalten und über die eignen Erwartungen hinaus mit dem eigenen Figuren und Handlungen in Kommunikation zu treten. Solche Romane sind selten und unterhalten, weil sie den Leser herausfordern, nicht weil sie ihm den gleichen Brei mit etwas Salz vorsetzen.

Donnerstag, 17. Juni 2010

Ralf Isau "Der Herr der Unruhe"

In Ralf Isaus Roman "Der Herr der Unruhe" geht es um den jüdischen Uhrmachersohn Nico dei Rossi, der die erstaunliche Gabe besitzt mit unbelebten Gegenständen zu kommunizieren. Viele Jahre nachdem sein Vater von dem italienischen Faschisten Manzini ermordet wurde, kehrt er aus Wien nach Italien zurück, um sich an Manzini zu rächen und den von seinem Vater ausgesprochen Fluch auf die Lebensuhr Manzinis zu erfüllen. Er lernt die junge Laura kennen, die zu seinem Unglück die Tochter Manzinis ist. Hin- und Hergerissen zwischen dem Wunsch nach Rache, der Liebe zu Laura, den Vorgängen im faschistischen Italien, seinem Freund aus der italienischen Resistanz muss Nico dei Rossi seinen eigenen Weg finden.

Ralf Isaus Roman ist eine vielfältige Geschichte über den italienischen Faschismus, über den italienischen Widerstand über den Umgang des Vatikans mit Faschismus und Antisemitismus, über den 2. Weltkrieg und die Landung der Alliierten bei Nettuno/Anzzio. Dies alles ist ein wichtiger Teil von "Der Herr der Unruhe", weil es Ralf Isau gelingt dies zu einem elementaren Teil seines Romans zu machen. In seinem Buch geht es aber auch um Freundschaft und Verrat geht, um Unterdrückung und die Reaktion der Unterdrückten, um Liebe und um die Situation der italienischen Juden.
Die Sprache Isaus scheint hinter der Geschichte zurück zu stehen, auch wenn sie sehr präzise ist, aber gerade durch die einfache Sprache und Präzision wird sie ebenfalls Teil der Geschichte. Leicht störend erweist sich aber die Gabe der Hauptfigur, die an manchen Stellen eine überzeugende Lösung ersetzt. Ein wenig blass bleibt die Liebeshandlung um Laura und Nico, die ein wenig zu einfach und wenig überzeugend gestaltet ist.
Trotz dieser ist Ralf Isaus Roman ein spannendes und unterhaltendes Buch über ein (in Deutschland) wenig beachtetes Kapitel des 2. Wk. und der Judenverfolgung gelungen, dass eben nur wenig auf die standardisierten Erzählmuster des historischen Romans zurückgreift. Wenn Isau noch den Mut gehabt hätte, seiner eigenen Geschichte zwei Deut mehr zu trauen, hätte es auch ein großartiges Buch werden können- aber entscheidende Konflikte und Probleme werden nicht stark genug ausgearbeitet und über außenstehendes gelöst und die geschichteliche Hintergrund hätte noch ein wenig mehr ausgearbeitet werden können. So steht der Roman irgendwo zwischen Unterhaltung und anspruchsvoller Unterhaltung, obwohl er zweifelsfrei gelungen ist.

Sonntag, 13. Juni 2010

Rückbesinnung

Manchmal muss man hinter sich sehen, wenn man nach vorne gehen möchte, denn unsere Zukunft ist immer eng mit unserer Vergangenheit verbunden. Vor knapp einer Woche war ich mitten in den Vorbereitungen für einen kleinen Sonderurlaub in Zeeland, mein Hund litt mächtig unter Zahnschmerzen und ich habe einfach keine Zeit gefunden zu bloggen oder an meinen Texten zu schreiben. Also habe ich meinen Laptop eingepackt und wollte in Zeeland arbeiten.
Letztlich habe ich aber nicht geschrieben, sondern gelesen. Ich habe drei Krimis gelesen, zwei historische Romane und natürlich ein wenig dies und das. Was man halt an den wenigen Urlaubstagen macht.Denn für mich ist es wichtig mich immer wieder daran zu erinnern, warum ich schreibe. Und vielleicht das eine oder andere aus den Werken der Kollegen zu lernen.
Aus einem der Romane habe ich aber schon ein interessantes Ergebnis zu melden: Ken Follets Standartdramaturgie scheint für historische Romane immer noch zu funktionieren- immerhin handelte es sich um die siebte Auflage des betreffenden Werks, das nicht von Ken Follet ist. Es könnte es aber fast sein.
Bei den Krimis/ Thrillern gibt es übrigens ähnliche starke Muster, die in verschiedener Weise nur variiert werden. Offensichtlich sind Trinker gerade als Kommissare groß in Mode (siehe Ian Rankin), gescheiterte Mittvierziger, die Geschichten sind aber immer wieder die gleichen.
Das einzig außergewöhnliche Buch werde ich in den nächsten Tagen vorstellen.

Donnerstag, 3. Juni 2010

Über Politik und Moral

In einem Blog über das Schreiben könnten sich alle Artikel auf das Schreiben beziehen, wenn man Schreiben als singuläre Tätigkeit begreift. Aber Schreiben ist für mich eine Möglichkeit meinen Gedanken eine Form zu geben und gerade dadurch den Raum für mein Gedanken zu erweitern und zu klären- und somit gehört der Blog, genau wie meine literarischen Texte, zu meiner Art des Denkens und Reflektierens.

Vor einigen Jahren hatte sich die Vorsitzende einer großen, deutschen Partei mit dem Vorsitzenden einer kleineren, deutschen Partei zusammengetan, um als Teil einer "geistig-moralischen Wende" einen dementsprechenden Bundespräsidenten einzusetzen.Wie sich in der Folgezeit herausgestellt hat, war der betreffende "Horst Wer?" leider eher an die Prinzipien des Amtes gebunden, als den Prinzipien der "Wende". Denn immer wieder ist er in der Folge den großen (und weniger großen) Fußstapfen seiner Vorgänger gefolgt, in dem er sich über Parteienpolitik und Parteivorstellungen gestellt hat, manchmal sogar über seine eigene Erwerbsbiographie hinweg. Ob man das populistisch finden kann, besonders in der Art seiner Reden, ist sicherlich diskussionswürdig. Vor allem entsprach das aber der Aufgabe seines Amtes sowohl als höchster Vertreter und Repräsentant seines Staates.
Die zunehmenden Attacken gegen Horst Köhler aus Reihen der Opposition und aus den eigenen Reihen konnten dem Amt des Bundespräsident nicht schaden. Denn im Gegensatz zu den meisten Politikern und Parteien genießt der Bundespräsident ein Vertrauen, weil er nicht mehr als Politiker wahrgenommen wird. Angriffe gegen ihn, wenn sie wie in den meisten Fällen nicht gerechtfertigt sind, werden eben als das wahrgenommen, was sie sind: Parteipolitik.
Gleichzeitig wurde aber bei Horst Köhler recht klar, dass er meistens weder den richtigen Ton, noch den richtigen Moment gefunden hat und das er die Lebenswirklichkeit der Menschen manchmal verpasst hat. Aber die meiste Kritik gegen Horst Köhler hat sich nicht daran orientiert.
Seine Wiederwahl war vor allem ein symbolischer Vorgang, um den Anspruch auf die richtige Wahl und die prognostizierte Wende aufrecht zu halten. In diesem Moment wurde das größte Missverständnis bei der ursprünglichen Wahl deutlich:Horst Köhler konnte in seinem Amt so gut wie nie eigene Akzente setzen oder für irgendeine Wende stehen.
Sein Rücktritt war eine logische Folge zwischen der Diskrepanz zwischen den eigenen Vorstellungen über die Möglichkeiten als Bundespräsident und der Realität der eigenen Möglichkeiten. Denn die Leerstelle an Führung, die Angela Merkel und Guido Westerwelle in der Krise offenbaren, konnte oder wollte Horst Köhler nicht füllen- und wenn er das versucht hat, siehe das auslösende Interview für seinen Rücktritt, wollte man ihn mißverstehen.
Als oberster Repräsentant eines Landes, war der Rücktritt Horst Köhlers keine logische Konsequenz. Die immer wieder anklingende "beleidigte Leberwurst" dürfte die Sache aber eher nicht fassen. Fassbar an diesem Rücktritt war vor allem das Gefühl, dass Horst Köhler den Weg frei machen wollte für einen Bundespräsidenten, der mit Unterstützung der regierenden Parteien eben wirklich Führung gestalten konnte, statt zwischen Parteipolitik und Sprechverboten zerrieben zu werden.  Denn offensichtlich kann Merkel in der Politik einiges, aber einem Land in der Krise vorzustehen, die Krise zu vermitteln und daraus eine Führung abzuleiten, dass kann sie nicht.

Die Art, wie mit Horst Köhlers Rücktritt umgegangen wurde, beschädigt nicht das Amt des Bundespräsidenten. Es zeigt nur in fataler Weise, dass der deutsche Journalismus inzwischen immer mehr die lauten Töne anschlägt und das für Empathie und kritischer und selbstkritischer Betrachtung der Raum fehlt. Das den Politikern dies ebenfalls fehlt, dürfte auch deren Führungsschwäche erklären- denn Führung bedeutet immer zuzuhören und dann daraus zu gestalten.
Wie nun über die zukünftigen Kandidaten gesprochen wird, zeigt ein eigenartiges Verständnis vom höchsten Staatsamt in Deutschland: Es geht nicht um eine Identifikationsfigur für die Menschen in Deutschland, sondern die mehrfach zitierte geistig-moralische Wende und einer Identifikationsfigur für eine Partei (oder auch zwei). Es geht nicht darum den besten Mann oder die beste Frau für das Amt auszuwählen, sondern die mit den richtigen parteipolitischen Verbindungen.- eine Art Bundespräsidentendarsteller von Merkels Gnaden- der zudem überparteilich akzeptiert wird, wobei sich das eben nur auf Parteien bezieht. Und natürlich ist niemand wählbar, der politisch in der Partei ersetzbar ist- was wiederum den Stellenwert des Amtes für Parteien erläutert. 
Bei dieser Konstellation stellt sich nur die Frage, warum Angela Merkel nicht versucht das Amt kommissarisch mitzuverwalten. Die Aufgabe der Parteien einen Repräsentaten des Volkes zu finden, entspricht dieses Vorgehen nicht.