Dienstag, 27. April 2010

Über die Recherche für einen Roman

Einen Roman zu schreiben bedeutet vor allem erst einmal eine ganze Menge zu lesen: Recherche bedeutet sich in ein Thema einzulesen, sich mit dem Thema und den Figuren (und ihren Hintergründen) zu beschäftigen, sich mit Zeitkolorit und Region zu beschäftigen und einen tiefen Schluck Realität zu nehmen, die dann zur Fiktion verdaut wird.
Denn die wenigsten Autoren schreiben nur über etwas, was sie selber kennen- weil sich das eigene Kennen über den Zeitraum eines Autorenlebens durchaus erschöpfen kann, weil das Unbekannte nicht nur für Leser einen ungeheuren Reiz ausmacht und gerade eigene Vorstellungen eben nur bedingt zu trauen ist.
Mal konkreter: Die meisten Menschen werden sich in ihrem Berufsfeld z.B. durchaus auskennen. Ob das jedoch ausreicht einen interessanten Roman zu schreiben, wage ich in den meisten Fällen zu bezweifeln. Denn Recherche bedeutet eben verschiedene Sichtweisen auf ein Thema zu suchen und sich dann mit diesen Sichtweisen und Hintergründen zu beschäftigen, bis man eine Art Überblick gewinnt. Hierbei ist es eben oft ein Hindernis, wenn man zu dicht an seinem Recherchepunkt steht: man übersieht zu viel.
In einem fremden Themenfeld zu recherchieren kann natürlich zu Fehleinschätzungen führen, gleichzeitig kann man aber aus der Distanz an das Thema herangehen und sich immer wieder nähern und entfernen, je nachdem wie einem das Thema liegt, kann den einen oder anderen Standpunkt versuchen und das Thema einschätzen.
Der ideale Punkt von einer Recherche zum Schreiben zu wechseln ist das Gefühl bei der Recherche, dass sich das meiste wiederholt und man eine Übersicht gewonnen hat- im Einzelfall des Romans muss man immer wieder einen Text in die Hand nehmen, um die eigene Meinung noch mal zu prüfen- und vielleicht sogar zu überdenken. Aber wer ein Themengebiet vollständig kennenlernen möchte, der braucht dann keinen Roman mehr zu schreiben. Denn dann ist zu viel Zeit vergangen. Hilfreich sind aber dann immer wieder Nachfragen bei Fachleuten, um bestimmte Dinge noch einmal gegen zu prüfen.

Wie viel Recherche kommt in einen Roman? Recherche ist vor allem erst einmal eine Erfahrungsquelle für den Autor und sollte nur in den Maß, in den Roman kommen, dass es den Leser nicht langweilt, das Thema oder die Figur ausstaffiert und ergänzt und nie als Infodump. Infodump ist das großflächige Abwerfen von (für den Roman) nutzlosen Informationen, die meistens in einer auktorialen Perspektive in andere Perspektiven, Dialoge oder ähnliches eingestreut werden. Somit findet sich im Roman vielleicht 5% der Recherche wieder, ganz einfach weil man eben erst aus dem Vollen das Interessante und Wichtige auswählen kann. 
Und immer gilt: Recherchen sind unglaublich spannend und belebend für einen Roman. Das alles in den Roman zu übernehmen das genaue Gegenteil. Hier sollte sorgsam die eigene Begeisterung über die Rechercheergebnisse runter gekühlt werden, um dann kleinflächig Leben einzublasen, aber halt kleinflächig, ausgewählt und prägnant.

Abhaken

Manche Wochen sind für einen Schriftsteller einfach verloren: Ich habe seit knapp einer Woche gerade mal eine Stunde geschrieben, weil die Welt sich irgendwie nicht so für den Schriftsteller interessiert hat, wie für die Person hinter dem Schriftsteller. Da war etwas mit der Familie, eine Erkrankung, die Arbeit, eine Nebenkostenabrechnung für jemanden, eine intensive Recherche für jemand anderes, ein Schriftstellertreffen, ein Grillabend, eine Ikeaschrank und unendlich viel mehr.
Irgendwie taumele ich allein bei dem Gedanken daran, dass mein Roman einige Tage alleine auf der stürmischen See geschwankt ist, ohne das der Schiffsklabautermann (ich!) an Bord war.

Freitag, 23. April 2010

Ich bin auf eine Wolke getreten....

Manchmal gleite ich als Autor beim Schreiben aus meinem dramatischen Korsett, weil ich mich nicht mehr auf meinen Text verlassen habe.
In diesem, letzten Fall habe ich meine Figur leiden lassen, gleich in mehrfachen Sinn, um sie dann an einen Punkt zu bringen, an dem die Figur nicht mehr weiter kann, in keine Richtung. Also reagiert sie ein wenig wie eine Sprengmine, erst reagiert sie nicht, dann aber reagiert sie, unabhängig von der Situation, exzessiv, übergreifend, ein wenig unkontrollierbar. Diese Stelle leitet im Prinzip den ersten Akt meiner Geschichte ein.
Also habe ich systematisch die Szene aufgebaut, eine Abfolge von Demütigungen, Ermüdung, Leid und Wut konstruiert, die wirklich überzeugend ist. Und dann, als meine Figur letztlich nicht weiter kann, bin ich aus der Dramatik herausgefallen. Denn irgendwie erschien es mir nicht richtig, meine Figur so explodieren zu lassen, so unkontrolliert und exzessiv. Denn was sollen meine Leser von der Figur denken, vielleicht schreckt sie das ab, vielleicht werden sie die Figur ablehnen, vielleicht sind sie auch schockiert...  Gerade von diesem exzessiven, gewalttätigen, ausuferndem.
Also habe ich die Explosion klein gemacht, habe sie zu einer direkten Reaktion auf eine Handlung gemacht- ich habe die Situation und die Figur gebändigt und gefesselt. Nur funktioniert die Szene dann nicht wirklich. Ich habe mich nicht gestellt, sondern mich gefesselt.
Nun, heute musste ich erst einmal die Fesseln wieder lösen und einen ersten Versuch wagen. Das ging schief, weil ich mich noch nicht wirklich davon befreien konnte, auch wenn ich wusste, dass es notwendig ist. Denn dieses exzessive, gewalttätige, ausufernde ist nun wirklich kein Ort, an dem man als Autor gerne geht. Spiegel funktionieren eben nicht nur beim Lesen und beim Leser, sondern auch beim Schriftsteller und beim Schreiben. Und nicht immer ist angenehm, wenn man diesen dunklen Seiten in sich ansieht.
Aber ich habe mir fest vorgenommen morgen besser hinzusehen und einen tiefen Blick zu nehmen, und diesen unverstellt aufzuschreiben. Ich muss nur noch ein wenig Mut sammeln, und mich dem anvertrauen, was meine Intuition und Erfahrungen für diese Szene für notwendig hält. Dann wird diese Szene funktionieren. Auch wenn die Erfahrung nicht gerade angenehm wird.

Montag, 19. April 2010

Siren(en)ruf mit einem Akkuschrauber

Viele Autoren schreiben den eigenen Erfahrungen einen besonderen Wert zu, weil sich das eigene Erleben immer wieder überraschend von bestimmten Vermutungen abhebt. Das bedeutet natürlich nicht, dass man alles erleben muss, aber bestimmte Erfahrungen sind enorm produktiv.
Heute war ich in einem Sozialkaufhaus, um mir einerseits einige Dinge anzusehen, die Menschen und Stimmen zu beobachten und möglicherweise einen Schrank zu kaufen, weil die Mittel gerade nicht so üppig sind. Das bestimmte Dinge dort sehr leise ausgesprochen werden, wenn der eigene Pulli völlig abgenutzt ist und die Schuhe alt, ist interessant, aber sicher erwartet. Gratis Kaffee und Brötchen sind eher ungewohnt, die herausragende Auswahl an Büchern sehr positiv (einige Bücher sind wohl aber unverkäuflich, mangels Interesse), die Möbelpreise heftig. Aber wirklich interessant war die Interaktion einer Familie, die ich beobachtet habe. Soziale Teilnahme nur möglich, weil es viele Dinge dort gibt, besonders wichtig gegenseitige Ermutigung und preiswerte Möglichkeiten.
Bei Ikea habe ich gelernt, dass manchmal Ausstellungsstücke preiswert auf der Ausstellungsfläche angeboten werden, wenn man sie selber abbaut. Das führt zu der interessanten Feststellung, dass ein lauter Akkuschrauber zu einem permanenten Besucherstrom führt, die sich teilweise in Stühle setzen und durch abgestellte Möbelteile durchschieben, um ja nichts zu verpassen. Die freundliche Helferin schlug vor den "Zuschauern" mitzuteilen, wir würden hier klauen, um mehr Ruhe zu haben. Denn Fachsimpeln über Baupläne und Ikearegale kann anstrengend und schmerzhaft sein, wenn man gerade einen Schrank abbaut und eigentlich sich darauf konzentrieren möchte.
Eine weitere Erkenntnis ist: Wenn du bei Ikea einen Schrank selber abbaust, bekommst du viel freundliche Hilfe von Mitarbeitern- und meistens findest du kurz vor Schluss einen alten Kaugummi oder Umverpackungen von Geklautem. Mitnehmen darf man übrigens alles an einem solchen Schrank, was fest in ihm montiert war, auch wenn es viel ist- nur Kleiderbügel, T.Shirts, Decken, Laptoptaschen gehen nicht, auch wenn die Helferin dies alles einem praktischen Nutzen abseits der Dekoration zuführen wollte. Das endete aber mit einem Lachen vom Mitarbeiter, als ich ihn fragte, ob wir die Decken mitnehmen dürften, wenn ich sie festschraube.

Sonntag, 18. April 2010

"Show, don`t tell"

Der von vielen verwendete Rat "show, don`t tell" wird von vielen Autoren (wie mir) oft gerade bei den ersten Manuskripten als Ratschlag missverstanden den Roman weitgehend szenisch zu gestalten und auf narrative Passagen zu verzichten. Im eigentlichen Sinne meint der Rat jedoch genau dies nicht. Bei diesem Satz geht es darum, dass man manche Dinge besser zeigt, auch in narrativen Passagen, als alles nur kurz zusammenfassend zu benennen.
Denn der Versuch alles in einem Roman szenisch zu gestalten führt zu den enormen Problem, dass das wichtige unter einer Menge unwichtigem unsichtbar wird und der Leser sich durch eine Menge Belangloses quälen muss, um zu den wichtigen Dingen zu gelangen.
Der Rat Dinge nicht nur zu benennen, sondern zu zeigen, beruht jedoch auf einigen wichtigen Erfahrungen. Denn "show, don`t tell" ist eine Einsicht, die darauf beruht, dass ein Roman gerade dann besonders offen für die Vorstellungskraft eines Lesers ist, indem man ihm Leerstellen lässt, die diese Phantasie auffüllen kann. Denn wenn eine Figur als nervös beschrieben wird, dann ist die Leerstelle zu. Wenn ich seine Nervosität zeige, dann kann ich mit einer Ergänzung, er sieht z.B. zur Uhr, zu einer Person, andeuten, worum er nervös ist und dies mit Sprache oder weiteren Bildern ergänzen oder erweitern. Natürlich gibt es bestimmte Dinge, die so oft verwendet werden, dass sie wenig offen lassen, ob das zuckende Auge, die zitternden Hände. Aber es gibt immer noch recht unbekannte und treffende Bilder, die den Leser eben mitnehmen und ihn nicht nur über das Lesen, sondern das begreifen und übertragen ansprechen. Und viele "show" Elemente lassen sich durch einen Halbsatz ersetzen... und andere Elemente sind sogar kürzer, wieder andere brauchen mehr Raum. Denn nicht immer ist "show" wirklich länger als "tell", sondern nur im Schnitt.
Szenisch muss eine Passage aber nicht unbedingt ausgestaltet werden und wie bei jeder anderen Stelle im Roman ist eine Frage immer besonders wichtig: Welchen Mehrwert bekomme ich, wenn ich das in den Roman nehme, den ich mit einer "tell" passage nicht hätte, bzw. brauche ich dazu wirklich eine Szene? Denn die Nervosität hat keinen eigenen Wert für den Roman, sondern nur, wenn ich diese in verschiedene Zusammenhänge zur Figur, zur Handlung, zu anderen Figuren oder ähnliches setze.

Deshalb entstehen Probleme bei Romanen mit zu vielen szenischen Passagen eben entweder durch das missverstandene "show, don`t tell", was mit einem Problem in der Erzählhaltung ergänzt wird. Das beginnt mit dem Erzählern und Erzählfiguren, Erzählsituation, dem Zugang zur Innensicht oder, mit der Auswahl der Distanz zur Figur. Gerade bei Texten in der Ich-Perspektive (und Präsens) sind manche Autoren so dicht dran, dass sie sich nicht trauen narrativ zu arbeiten und zu viel szenisch umsetzen- hier hilft eine konkrete Erzählfigur (auch als Ideenkonstrukt), die aus der Gegenwart rückgreifend erzählt sehr, einerseits durch Distanz, andererseits durch narrative Zusammenfassungen. Dadurch wird oft schon klarer, was wichtig (und szenisch) gehört und was nicht so wichtig ist und narrativ gefasst werden sollte.
Manchmal entstehen diese Probleme, wenn der Text keine geeignete, dramatische Struktur hat oder der Handlungsstrang nicht systematisch durchgebaut ist- bei wechselnden Handlungssträngen passiert das manchen Autoren. Hier ist der beste Rat bei jeder Szene zu überlegen, wie es dem Roman dient: ob es einen Mehrwert für die Atmosphäre, die Figur, eine andere Figur, über die Figurenkonstellation, Handlung, ... bringt, und zwar immer gleich für mehrere davon- und das in eine dramatische Planung einzusetzen, denn oft sind die szenischen Passagen an der falschen Stelle und aus drei, vier ließe sich eine gute Szene und  eine Halbszene mit dem gleichen (oder nur leicht reduzierten Inhalt).
Und es gibt noch eine andere Herkunft der szenischen Übertreibung: wenn der Roman ziellos ist, ist szenisch immer günstiger als narrativ, weil dazu eben ein Ziel (wohin geht die Handlung, der Roman,...) gebraucht wird.

Ich lese oft Texte, in denen "tell" Passagen eigentlich wichtige Handlungsschritte ersetzen oder in denen Figuren vorstellt werden. Das ist sozusagen das komplementäre Problem zu den szenisch ausgeschriebenen "show" Passagen, in denen Nichtigkeiten aufgeblasen werden. Denn wenn ich eine Figur mit tell vorstellen: "Er war ein durchtriebener Schurke" kann ich eigentlich nur noch mit Archetypen arbeiten, die aber m.M.n. nicht sehr produktiv sind, wenn ich sie nicht mit "show" ausgestalte. Und ich habe das Problem, dass der Leser mit immer wieder einsetzenden "tell" Passagen systematisch vom Leser zum "Gläubigen" mutiert, weil er das mir einfach so glauben muss- und das ist für mich als Leser ziemlich nervig. Denn ich bin nicht mehr beteiligt, sondern nur noch anwesend.

Deshalb halte ich den Rat "show, don`t tell" für einen sehr weisen Ratschlag, auf den man aber nicht immer hören sollte- wie das mit Ratschlägen so ist. Denn manchmal ist "tell" einfach an einer Stelle unersetzlich, genau wie "show" oft an anderenn, genau wie die Mischung von szenisch und narrativ gerade erst einen Roman (mit wenigen Ausnahmen) ausmachen.

Donnerstag, 15. April 2010

Zielsetzung

Schreiben ist für mich die Kontaktaufnahme zu dieser Welt und den Menschen in ihnen, über die Grenzen dessen hinaus, wie die meisten Menschen die Welt (gerne) sehen (wollen), bis zu dem Versuch sich dieser Welt über das Schreiben anzunähern- und dort auf meine unendlichen Fragen einige Antworten zu bekommen (und ohne den Versuch alles beantwortet zu bekommen, Fragen sind viel interessanter). Dies ist mein Schreibpunkt, alles andere ist nur eine mögliche Konsequenz daraus, wie Veröffentlichungen und ähnliches.
Ob mich das zum Schriftsteller macht, ist mir eigentlich egal: (Fremd-)Bezeichnungen interessieren mich nur mäßig. Mit Veröffentlichungen sieht es ähnlich aus: wenn jemand das drucken möchte, was ich schreibe, freue ich mich. Das ist aber für mich nur ein Extra, nicht mehr, nicht weniger. Das bedeutet nicht, dass ich nicht an meinem Schreiben arbeite und versuche Leser zu erreichen. Aber das begrenzt meine Kompromissfähigkeit in der Art, wie ich schreibe.

Im Prinzip ist diese Aussage mein persönlicher Zugang zum Schreiben. Gleichzeitig habe ich viele Jahre sehr intensiv an meinen Texten gearbeitet, um immer besser zu werden und meine Texte auch veröffentlicht zu bekommen. Dieses Jahr habe ich mir deshalb einige Sachen vorgenommen, die ich eigentlich schon in den letzten Jahren erreichen wollte- aber meist an mir und bestimmten Widerwillen meinerseits gescheitert bin.
In diesem Jahr werde ich meinen ersten Roman vielleicht nicht zu Ende schreiben, ich plane aber einen Auszug davon bei einem Stipendienprogramm einzureichen, damit ich vor allem an einem Mentorenprogramm teilnehmen kann. Dabei erhoffe ich mir einige Anregungen fürs Schreiben, eine besondere Arbeitsatmosphäre und zusätzliches Feedback.
Natürlich kratze ich dieses Jahr auch an der Altersgrenze für den Open-Mike und werde ein letzte Mal die Chance haben, einen Text einzureichen. Nur doppelt sich das beim Roman mit dem Stipendienprogramm, so dass ich vermutlich eine neue Geschichte für den Open-Mike schreiben muss.
Ob meine Texte bei beiden "Wettbewerben" eine Chance haben??? Ich bin mir nicht sicher, schließlich habe ich schon zwei Texte beim Open-Mike eingereicht. Einer der Texte war jedoch aus Zeitgründen unlektoriert und passte im Nachhinein zum Open-Mike nicht, der andere Text war aber richtig gut. Auch beim anderen Wettbewerb habe ich einen Romanauszug eingereicht und bin gescheitert- aus einer Vielzahl von Gründen, nehme ich an.
Wichtig ist mir auch nicht etwas zu gewinnen, sondern die Teilnahme mit einem wirklich guten Text. Denn ich weiß, dass ich meinen Weg gehen werde, ich weiß halt nur noch nicht, wohin dieser Weg geht. Das ist die Erfahrung der letzten zehn Wochen, in denen ich intensiv an meinem neuen Romanprojekt gearbeitet habe. Aber es entwickelt sich und ich werde Ende des Monats vermutlich 40-50 Manuskriptseiten in einer ersten Fassung fertig haben. Für mich eine beachtliche Leistung für die kurze Zeit. Und im Gegensatz zu meinen vorherigen Projekten ist das Schreiben leichter und richtig genussvoll geworden. Ich bin gespannt.

Dienstag, 13. April 2010

Lerchen laichen einsam

Manchmal drehen sich die Gedanken um einen bestimmten Ton, den man irgendwo gehört hat und den man gerade nicht mehr verlieren kann, so gern man das auch möchte. Beim Schreiben geht mir das oft genauso: Ich habe mir eine wichtige Passagen vorgenommen, und suche erst einen Ton, bevor ich dann einen ganz anderen finde und den Roman dementsprechend verändere: Weil ich genau diesen Ton in meinem Text haben möchte. Im Prinzip ist es die Titelzeile, leicht abgewandelt natürlich, die gerade zwei wichtige Stellen an meinem Roman beflügelt hat...
Denn ich habe an einem Tag knapp fünf Seiten Text geschrieben, die letztlich meinen Roman weit voran katapultiert haben, weil sie eben tonal sind, wie sie sind. Und wie in der letzten Zeit öfter: Halbszenen, erzählende Passage, Vollszene, Halbszene, erzählende Passage,...
Dadurch gewinnt der Text eine enorme Dynamik, die sich viel besser liest, als wenn ich nur Szenen verwenden würde. Und zum show don`t tell, dass immer wieder durch meine Blogeinträge geistert, muss ich wieder mal etwas ergänzen. Zeige das Wichtige szenisch, am besten exemplarisch, deutlich und tonal, aber gehe schnell rein, und dann wieder raus, wenn das Wichtige gesagt ist. Erzählende Passagen ergänzen, spiegeln, erweitern, kommentieren (zweite Ebene eines Kommentars), und darin sind sie geeigneter als szenische Passagen. Und höre bloß nicht auf Regeln, sie sind die Krücken eines gesunden Geistes.

Montag, 12. April 2010

Helene Hegemanns "Axolotl Roadkill"- eine Rezension

Zum ersten Leseeindruck geht`s hier.

In Helene Hegemanns „Axolotl Roadkill“ geht es das Tagebuch der 16jährigen Hauptfigur Mifti, die sich nach einem Nervenzusammenbruch auf eine drogen- und wahngetragene Odyssee durch ein absurd- gegenwärtiges Berlin macht, das aus Theorien, berühmten Namen und der inneren Auflösung in Drogen und Musik besteht, nicht aus einem realen Ort.
Wobei zu beachten ist: Mifiti spricht in ihrem Tagebuch von Effekthascherei, von Spieltheorie, von Lügen (die aber in sich wahr sein) im Bezug auf das Tagebuch. Andere von Mifti zitierte Stimmen sprechen von Altklugheit und der Methode mit Erwachsenfloskeln so zu tun als ob, und gleichzeitig die Floskeln nicht zu verstehen. Mifti berichtet eben in ihrem Tagebuch nicht nur von ihrem Leben, sie gestaltet es dort im Rahmen der Spieltheorie aus. Und Wahrheit heisst hier nicht Wahrheit der Schilderung.

„Schreckliche Leben sind der größte Glücksfall“, schreibt Mifti und überträgt ihre eigenen (angeblichen?) schlimmen Erfahrungen von Vergewaltigung, von Verwahrlosung und Gewalt durch ihre Mutter auf andere Figuren, um diese in vielfältiger und oft sexueller Art mit diesen zu wiederholen und immer wieder neu daran zu leiden. Denn die Wiederholung entbindet Mifti davon sich wirklich mit diesen Dingen auseinanderzusetzen und erlaubt sich weiterhin im Larvenstadium zu verbleiben, die im Titel angedeutet ist. Nach dem Ende der Verwahrlosung ist es die „Wohlstandsverwahrlosung“, fehlende Ziele, fehlende Grenzen, fehlende Beziehungen, die Mifti im Tagebuch beschäftigen.

Floskelhaft schickt Mifti allerlei literarisch, filmische, musikalische oder theatrische Verweise durch ihr Tagebuch, ersetzt Inhalte durch Namen und Theoriebruchsteine, alles kommt einmal vor, vom KZ, RTL-2 Dokumentationen, Foucault, De Sassure, Pinguine, Marx, Feminismus, Heiner Müller und Beate Uhse, immer wieder kontrastiert mit Füllwörtern oder Gegenbildern, verzerrt oder verfremdet. Dazu kommen unterschiedliche Clubs, die verschiedensten Drogen, Drogenexzesse und Sexschilderungen der unterschiedlichen Art, teilweise recht unglaubwürdig.
All dies bildet letztlich den Rahmen für Mifti sich nicht mit sich selber oder der Leere beschäftigen zu müssen, einem Ziel, einer Entwicklung. Sie ersetzt dies durch bindungslosen Sex, Drogen, durch Theoriekonstrukte ohne Inhalt, durch Verweise und viele Floskeln, die gerade durch die groteske Art der Schilderung fast schon wieder parodistisch, überzogen und gleichzeitig spießig wirken.

Das Tagebuch soll, wie Mifti es formuliert, „keinesfalls in einem sozialkritischen Singsang“ sprechen, und das tut es auch nicht. Sprachlich ist Helene Hegemanns Roman eine beachtliche Leistung, weil es ihr gelingt das oben genannte Thema mit ihrer Sprache zu fassen und dies zu einem eigenwilligen, anstrengenden Rhythmus zu fassen, mit brillanten Textstellen, überzeugenden Dialogen, die durch verschiedene theoretische Bruchsteine und Namedropping interessant verfremdet werden, mit der angedeuteten Spießigkeit.
Inhaltlich und in der Gestaltung, gerade durch sich fortsetzende Wiederholungen, durch eine Vermischung von Traum, Wahn, Gegenwart, Vergangenheit, ist der Roman nicht einfach zu lesen, wie es die Verweise auch nicht gerade einfacher machen. Manches wirkt verstellt, schwierig und es ist keine Freude Mifti und ihre Bekannten kennenzulernen, weil alle Figuren auf ihre Art unsymphatisch, selbstverliebt und selbstfixiert, leidend und entwicklungsunfähig erscheinen, sowie grausam und hart. Hunderte von Themen werden angeschnitten, die meisten nicht einmal wirklich betrachtet, sondern gefloskelt, und am Ende der Lektüre sitzt man mit Kopfschmerzen vor diesem Text.
Die Gemeinsamkeit mit Sagan und Salinger wird immer über die selbstreflektierenden Passagen von Mifti, die Haltung zu allem, konstruiert, oder über die Suche nach einem coming-of-age, einem Platz, nachdem das „Axolotl“ seinen roadkill hatte. Aber Hegemann schreibt eine Odyssee ihrer Hauptfigur nach einem Nervenzusammenbruch, in der Haltung und Selbstreflektion eben meist nur auf Name oder Theoriebruchstein runtergebrochen wird, auf Drogen und Sexerfahrung. Es geht nicht darum einen Platz zu finden, ein „coming-of-age“, sondern genau das zu verweigern. Aber wenn man das als Haltung betrachtet, sind die Verweise durchaus gerechtfertigt.

Die Frage, wie gut ist Helene Hegemanns Text wirklich, benötigt aber noch zwei wichtige Erklärungen. Die erste betrifft die Übernahmen von fremden Texten in ihrem Roman und deren Bedeutung für den Text. Die zweite eine Einordnung in die Gegenwartsliteratur.
1. Helene Hegemann hat Texte des Bloggers und Schriftstellers Airen (und auch andere Texte) in ihrem Text übernommen. Andreas Kilb hat den Unterschied für die FAZ schon deutlich benannt: „Denn in der Literatur geht es nicht um das Leben, das in die Bücher fließt. Sondern um das, was aus ihnen herausströmt". Helene Hegemann hat Textstellen übernommen und diese nicht in ihren Text eingesetzt, sondern mit einer ureigenen Bedeutungshöhe versehen und somit ihren Text verstärkt. Ihr Text unterscheidet sich von dem Airens, indem der über sein Leben berichtet, und sie die bei Airen nur angedeuteten Fragen und viel mehr in den Mittelpunkt ihres Textes stellt.
2. Die Einordnung in die Gegenwartsliteratur ist schwierig. Viele Elemente ihres Textes erinnern sowohl an die Popliteraten, wenn auch eher an die englischen, von Kraft einmal abgesehen, weil es eben mehr als nur um Ereignisse geht, sondern um Inhalte. Gleichzeitig meine ich ein wenig von Clements Meyers Art zu schreiben in dem Text zu finden, diese rhythmische, breite, mal gehetzte, mal langsame, oder auch die nahezu unverschämte Art Gottfried Benns auf Ideen und Theorien durch einen Namen oder einen Halbsatz zu verweisen.

Insgesamt ist Helene Hegemann ein ziemlich verstörender Roman gelungen, der in seiner manischen, rhythmischen Art sehr eigen und sehr mutig ist: Ein Roman ohne eine wirklich sympathische Figur, mit gefloskelten Satzteilen und angedeuteter Mittelstandspießigkeit.
An vielen Stellen ist der Roman sehr gut gelungen, sprachlich brillant, wenn man sich darauf einlässt, an anderen Stellen meine ich, dass hier weniger Effekthascherei, Sperma und Rotz dem Roman besser getan hätten. Nur werde ich halt auch das Thomas-Bernhard-Gefühl nicht ganz los, weil manches verstellt, überladen, überladen durch Wiederholung, grotesk und ziemlich anstrengend zu lesen ist. Das widerspricht aber nicht dem obigen Leseeindruck, sondern gehört zu diesem.
Dieser Roman ist in seiner Gesamtheit ein Versprechen und eine Täuschung, was alles für Helene Hegemann als Autorin möglich ist und was sie vermutlich nicht alles einhalten kann oder wird. Aber selbst wenn es eine Täuschung ist, ist es ein ziemlich beachtliches Debut. Wenn es ein Versprechen ist, dann hoffe ich, dass Helene Hegemann nicht wirklich Jura studiert, sondern das nächste Buch schreibt. Denn ich bin ziemlich beeindruckt.

Sonntag, 11. April 2010

Eine Bestandsaufnahme über mein Schreiben

Bei der Überarbeitung meines aktuellen Romanprojekts ist mir heute eines klar geworden: meine Texte haben sich durch die lange Schreibpause ganz erheblich geändert.
Während ich bei meinem letzten Schreibprojekt den gesamten Text szenisch gestaltet habe, ohne lange Pausen, immer alles wahnsinnig ausführlich, ist es diesmal anders. Ich versuche erzählende Passagen, Halbszenen und Szenen miteinander zu verbinden und dabei nur das auszuführen, was dadurch für meinen Text einen deutlichen Mehrwert hat. Dabei ist besonders auffällig, dass ich inzwischen die Beschreibungen deutlichst reduziert habe und mehr auf die Wirkung einzelner, kurzer Passagen vertraue. Und da wird schon einer der elementaren Unterschiede zu früher deutlich, der sich eben nicht direkt im Text finden lässt: Ich vertraue meinem Text viel mehr, so dass ich eben nicht mehr alles ausführen muss. Manchmal sogar soweit, dass ich später auffleischen muss, eine ganz neue Erfahrung.
Durch die deutliche Einführung einer Erzählfigur (bzw. eventuell mehreren) habe ich mehr Distanz zum Text, obwohl ich immer noch in meiner heiß geliebten Ich-Perspektive schreibe und ich habe eine Erzählfigur ausgewählt, die weit weniger relativiert und viel deutlicher ist.
Und durch diese Entscheidungen habe ich letztlich den Roman auch anders vor struckturiert. Die Geschichte meines Textes ist festgelegt und hilft mir enorm dabei die einzelnen Abschnitte oder Handlungen auszuwählen, die eben nicht mehr so stark von der letzten Szene, sondern von der Gesamtkonstruktion abhängen. Dadurch verliere ich zwar immer noch geschriebenen Text, es hat sich aber deutlich reduziert.
Es wird sich zwar erst im weiteren Verlauf meines Manuskripts erweisen, aber ich "stelle" fest, dass mein Schreiben erwachsener geworden ist, weniger wütend, klarer und auf sich selbst vertrauender. Irgendwie ist mir der innere Schweinehund momentan abhanden gekommen und liegt mit meinem Köter schlafend unter einem Kissen. Und noch eines ist wirklich auffällig: Der neue Text hat viel von meinen alten Texten, aber die Veränderungen sind für jeden Leser überdeutlich und wohltuend.

In finanzieller Sicht demütigend... Über das Einkommen von Schriftstellern

Für die F.A.Z. hat Florian Balke in seinem Artikel "Einkommen von Schriftstellern. 12000 Euro sind fünf Monate Lebenszeit" mit mehreren deutschen Schriftstellern gesprochen, die nicht alleine vom Schreiben leben können. Steuerbefreiung für Künstler wie in Irland ist in Deutschland nur ein ferner Traum. Dementsprechend ist der Artikel eine kleine Ansammlung, auf eine schrullige Weise, was Autoren alles tun und tun müssen, um sich etwas Lebenszeit für das Schreiben zu retten und ein Einblick in den Elfenbeinturm, an dem so mancher Schriftsteller vor Hunger die Zähne ausgebissen hat.

Spannung muss organisch sein, oder??

Mein momentanes Romanprojekt faltet sich gerade auf und ich bemerke, dass da eine Seite ist, die viel zu viele Falten wirft. Denn ich habe natürlich ausgiebig über mein Thema recherchiert und schreibe gerade über eine der wenigen Blindstellen, die ich bisher nicht lösen könnte- denn die Aussagen widersprechen sich. Nun ist die Frage, wie ich mit dieser Blindstelle umgehe: Extreme oder dramatische Reduktion. Oder anders formuliert: Darf man künstliche Dramatik in einen Text rein nehmen, der an sich dramatisch ist, um die Leser mit einem Blinker zum Haken zu locken, oder verzichtet man auf den Blinker und hängt einen Fisch an die Angel.
Es geht um Deprivation in der Psychiatrie und der betreffende Textteil ist durch die Darstellung ein wenig ein Fremdkörper, wenn auch interessant und stark. Nur habe ich hier halt eine Blindstelle....
Also überlege ich das Extreme aus dem Text herauszunehmen und lieber an einer vorherigen Stelle bereits angedeutete Dramatik szenisch in den Text reinzunehmen, um das Problem meiner Figur zu verdeutlichen. Auch wenn gerade dieses Deprovationsding in der Psychiatrie mich ziemlich verstört macht und berichtet gehört. Aber vielleicht geht es auch drei Spuren kleiner, und ist trotzdem dramatisch- und passt besser in den Text.
O.k., gerade beim Schreiben habe ich meine Entscheidung getroffen, indem ich mich beim Überlegen selber überzeugt habe.


Ergänzung: Ich werde mich wohl mit diesem Text und einer noch zu schreibenden Kurzgeschichte bei zwei Wettbewerben vorstellen. Denn ab nächstem Jahr falle ich mit meinem Alter aus einigen interessanten Preisen raus. Und dieses Jahr möchte ich es wissen...

Samstag, 10. April 2010

Denkschubladen und Hunde

Nachdem ein wilder Gasthund die Lieblingstagesdecke unseres Hundes mit seinen Zähnen vorsichtig aufgetrennt hat, war unser Hund fast eine Woche gefrostet. Denn wie soll Hund ohne den dezenten Geruch nach sich (und alten Käsefüssen) denn auch einschlafen, nur in einem Weidenkorb mit einem Kissen und einer ganz, ganz dünnen Decke.
Vor allem an dem müffelnden Beutel mit der zerrissenen Decke stand er seufzend und jammernd und sah uns die ganze Zeit an.... seine Form der moralischen Erpressung.
Nun, das war ja dem armen Hund im Rentenalter (15 Jahre) so einfach nicht zu zu muten. Also wurde aus den unendlichen weiten des Speichers ein dickes Kissen hervorgesucht, dass ziemlich weich und ziemlich schwer ist, eine mittelschwere Decke und das Körbchen aufgehübscht. Nun, zwei Tage lang funktionierte das wie vorgesehen, wenn unser Hund auch ein wenig das Näslein hob und meckerte, weil er doch glatt auf dicke Kisse hinaufklettern sollte, volle 30 Zentimeter. Nach zwei Tagen wurde die ganze Sache umgegraben. Nun liegt der Hund auf der Federdecke und schiebt sich das dicke, schwere Kissten über den Kopf und den Körper und ist glücklich, weil es weich, warm und ziemlich stickig wird. Wer sich übrigens dem Körbchen nähert und die Konstruktion umgestalten möchte, wird angemeckert und klagend beobachtet, bis alles wieder so ist, wie zuvor.
Somit ist das Kissen gar kein Kissen mehr und die Decke gar keine Decke, sondern das Kissen ist Decke, die Decke Kissen und beides zusammen Hundehimmel.

Freitag, 9. April 2010

Vorrezionär.... Helene Hegemanns "Axolotl Roadkill"

Manche Versprechen werden erst in der Ausführung wirklich schwierig. Heute morgen war "Axolotl Roadkill" in der Post, und ich war doch ziemlich neugierig einmal etwas über mexikanische Schwanzlurche im Dauerlarvenstadium zu lesen, gerade nach den vielen Diskussionen, in denen es meist eben nicht um den Roman, sondern um die verschiedenen Vorwürfe ging. Ich habe mir dann zwei Stunden Zeit genommen, um den Roman einmal komplett durch zu lesen und mich wirklich in den Text und seinen Rhythmus fallen zu lassen. Hat wie erwartet nicht funktioniert. Aber wer eine Rezension verspricht, sollte sich auch daran halten.

"Axolotl Roadkill" hat etwas manisches in seinem Erzählstil, in dem teilweise wissenschaftliche oder pseudowissenschaftliche Betrachungen durch Füllwörter oder Nebensätze aufgeweicht, fiktive drogeninduzierte Handlungsmomente diskursiv analysiert werden und man permanent im Geiste die Romanhandlung hinterfragt. An anderen Stellen ist der Text recht kurz, hauptsätzig und elliptisch, bevor dann wieder die nächste Runde beginnt.
Irgendwie hat Helene Hegemann drei, vier unterschiedlich geschriebene Ebenen in dem Roman verwendet, die alle über recht seltsame Konstruktionen miteinander verbunden sind. Einige dieser Ebenen sind in ihrer Darstellung so weit von dem restlichen Romangeschehen entfernt, dass sie fast unglaubwürdig wirken, andere wirken irgendwie ziemlich angehängt. Und es gibt eine ganze Menge Bruchstellen, an denen ich mich ernstlich frage, wie die Rezensenten die Hauptfigur so mit der Schriftstellerin verwechseln konnten. Denn die Hauptfigur stellt sich und ihre Erzählweise, die Ereignisse und Erlebenisse immer wieder in Frage, genau wie ihren Hintergrund und anderes- bis an vielen Stellen die Hauptfigur zu einem unzuverlässigen Erzähler ihres eigenen Lebens wird. Und ganz ehrlich: manche Schilderungen kann man wirklich nur dann wörtlich verstehen, wenn man sie wörtlich missverstehen möchte.
Insgesamt bin ich mir aber noch nicht sicher, wie ich den Roman finde. Denn einerseits hat der Roman teilweise sehr gut geschriebene, interessante Passagen, die mit manchen (meist nicht geklauten) Formulierungen auf einen sprachlichen Höhepunkt gebracht werden, anderseits wirkt altklug und kann selbst durch eine extreme Wortwahl nicht darüber hinwegtäuschen, dass es eigentlich ziemlich spiessig, langweilig und bildungsbürgerlich ist,
Der Roman ist wirklich anstrengend zu lesen, weil er assoziativ, in einer Art Gedankenstrom, wild wuchernd den Leser nach Orientierung suchen lässt, sich in absatzlangen Selbstbetrachtungen im Kreise dreht und immer irgendwie manisch in seinem Stil ist, addierend, Sätze verbindend, ständig alles auswertend und bewertend, immer mit drei Sätzen zu viel zum Thema. Dadurch ist der Roman auf einen aufmerksamen Leser angewiesen, um die vielen gesetzten Leerstellen zu füllen und eine eigene Stellung zur Hauptfigur und ihrem Erleben zu beziehen. Das ist anstrengend und enervierend, an drei, vier Stellen hin bis zum Thomas Bernhard Gefühl einfach den Text quer durch den Raum werfen zu wollen.


Der Roman liegt jetzt neben mit auf dem Schreibtisch, und ich werde ihn morgen oder übermorgen noch etwas genauer inspizieren, um meine Meinung auch am Text direkt mit Zitaten und Verweisen zu belegen und in meiner Bewertung zu einem Resultat zu kommen. Denn noch ist mir nicht klar, ob der Text gelungen oder misslungen ist, ob die enervierenden, überstilisierte oder übertriebenen Textteile Substanz haben oder ob vieles nur Gedankenhülse ist, was wieder rum nicht unbedingt gegen den Text sprechen würde.Und wie ich persönlich den Text finde.

Ein Kompliment kann man der Autorin aber auf jeden Fall schon machen. Es ist ein Text über den verzweifelten Versucht nicht Erwachsen zu werden und die Unmöglichkeit gleichzeitig erwachsen zu sein- und in diesem Sinne durchaus interessant und facettenreich. Wenn auch die Facetten Drogen, Diskurs, Drogen, Sex und Wohlstandverwahrlosung zu sehr im Vordergrund stehen und deshalb dem Text schaden.
Die Vergleiche mit Salinger oder Sagan finde ich insgesamt wenig zielführend. Denn die Figuren im Text sind in der Gesamtheit durch den Textstil und die Handlungen überzeichnet bis hin zum Verschwinden der eigentlichen Person hinter einer Art von aristophanischen Komödienschauspielern mit deren Lederphallus. Mich erinnert der Roman ein wenig vom Sprachrhythmus und Schilderungen an ein Musikvideo von The Prodigy:  "Smack my bitch up".


Mehr dazu aber morgen und Sonntag.

Mittwoch, 7. April 2010

Papier ist geduldig, selbst wenn es ein Diplom ist...

"For the first time in the sad and enchanting history of literature, for the first time in the glorious and dreadful history of the world, the writer was welcome in the academic place. If the mind could be honored there, why not the imagination?"
(Zit. Engle, Paul. "The Writer and the Place." In A Community of Writers: Paul Engle and the Iowa Writers' Workshop, edited by Robert Dana, 2 (Iowa City: University of Iowa Press, 1999).)

Die ursprüngliche Konzeption des "Creative Writing" in den USA war es nicht Schriftsteller auszubilden, sondern die theoretische Literaturwissenschaft durch einen Praxisbezug zu erweitern und zu hinterfragen und ein produktives Verstehen in die Literaturwissenschaft hineinzubringen. In verschiedenen Phasen haben sich diese "Creative Writing" Kurse an amerikanischen Universitäten ausgebreitet und nach und nach wurde der Begriff zu einem Synonym im amerikanischen Sprachgebrauch für das Schreiben fiktionaler Texte.
In der heutigen Konstruktion des "Creative Writing" an amerikanischen Universitäten geht es um eine fundierte Ausbildung der Kursteilnehmer in Literatur, in literarischen Techniken und die Erarbeitung dieser Techniken durch das eigene Schreiben- dabei werden sowohl Literaturwissenschaftler als auch Schriftsteller als Dozenten/Gesprächspartnern in den Kursen eingesetzt, um eine gewisse Bandbreite an Lehrmethoden, Vorstellungen, Handwerk und Wahlmöglichkeiten den Studierenden zu bieten, um in der Arbeit (meistens in Workshops) nach und nach durch diese Beschäftigung letztlich eigene Ideen zum Schreiben aufzustellen und auszutesten.
Im Idealfall bieten die "Creative Writing"-Kurse ein nahezu ideales Umfeld für die Teilnehmer sich mit den anderen Teilnehmern über Literatur zu sprechen, sich mit dem eigenen und fremden Texten zu beschäftigen, die Ideen zum Handwerk zu testen, auszuprobieren, zu verwerfen, zu scheitern und neu anzufangen- im Prinzip handelt es sich um eine literarische Ursuppe, in die die Kursteilnehmer geworfen werden, um zu sehen, was sich da aus den vorliterarischen Einzellern entwickelt.
Die Liste der Schriftsteller, die einen solchen Kurs besucht haben oder einen solchen Kurs einmal abgehalten haben, liest sich wie eine Who-is-who der amerikanischen Literaturszene und hat nicht nur an britischen, sondern auch an deutschen Universitäten zur Gründung von ähnlichen Studiengängen oder Bereichen geführt. Eine Frage wäre hier jedoch, ob die Kurse den Schriftstellern geholfen haben ihren Weg zu finden oder eben nicht- und die ist über Teilnehmerlisten nur schwer zu beantworten. Denn wenn man sich nur mal abschätzend die Zahl der Teilnehmer ausrechnet, überwiegt diese Zahl die Zahl amerikanischer Schriftsteller bei weitem- nicht nur weil viele Absolventen in andere, kreative Bereiche abwandern.


Bei diesen "Creative Writing"-Kursen werden eine ganze Reihe von Axiomen für die Ausbildung verwendet, die sich an-sich erst einmal logisch anhören und auf einer ganzen Reihe von Forschungsliteratur aus dem Bereich Pädagogik, Kreativitätforschung, Problemlösungsstrategien und vielem mehr beruhen. Das zu erläutern würde wohl den Umfang eines Blogartikels sprengen.
Deshalb gleich zu den üblichen Vorwürfen an das "Creative Writing":
Eine der am häufigsten diskutierten Vorwürfe, die u.a. auch immer gegen das Leipziger Literaturinstitut erhoben werden, ist die Behauptung, ein solcher Studiengang würde zu "Institutsprosa" verführen, also zu einer in gewisser Weise genormten Art von Prosa, bedingt durch die enge Verbindung in den Werkstattkursen. Nur das diese "Institutsprosa" nur wenig mit der realen Situation auf dem Literaturmarkt oder in der Literaturwelt zu tun hätte und eine besondere Form der elfenbeinturmisierung darstellt.
Eine andere sehr heftig geführte Diskussion geht um die Frage, ob jeder Mensch mittels dieser Kurse in der Lage wäre einen Roman zu schreiben und zu veröffentlichen und welche Qualität diese Texte haben würden?
Und eine weitere Frage der Institutionalisierung ist die Frage, ob solche Kurse nicht letztlich eine bestimmte Marktorientierung vieler Studenten unterstützen oder auslösen würden?
Ehrlich gesagt halte ich jeden dieser Vorwürfe einerseits für völlig gerechtfertigt und im gleichen Augenblick für Unsinn. Denn natürlich sind dies alles Möglichkeiten, was entstehen kann, wenn solche Kurse erteilt werden. Das bedeutet aber nicht, dass dies gegen diese Kurse spräche. Denn eine Schriftstellerausbildung besteht immer aus Hunderten von Wahlmöglichkeiten und gerade die Möglichkeit all das zu tun und auszuprobieren wird eine ganze Bandbreite von Ergebnissen hervorbringen... und das spricht eben für die Wahlmöglichkeiten und nicht gegen die Ausbildung an sich.

Eine meiner wichtigsten Fragen an die "Creative Writing"-Kurse wäre jedoch eine andere Frage: Was können diese Kurse vermitteln und welchen Funktion haben sie bei der Schriftstellerausbildung? (Wie ich es in dem vorherigen Blogartikel versucht habe zu erläutern)
Eine Ausbildung ist immer zuerst eine Selbstausbildung, weil man bestimmte Dinge nur lernen kann, indem man sie selber ausprobiert und im Erfolg und Scheitern daraus seine Erfahrungen gewinnt. Deshalb besteht jede Schriftstellerausbildung eben aus Krisen und im Idealfall aus einer stetigen Weiterentwicklung. Dabei können "Creative Writing"-Kurse enorm hilfreich sein. In kurzer Zeit erhält man über die eigene und fremde Lektüre, über die Erfahrung mit eigenen und fremden Texten, in Auseinandersetzung mit Vorgängern, literarischen Strömungen, Erfahrungen aus Theorie und Praxis eine enorme Menge an Input, für die Autoren im Selbststudium das Vielfache an Zeit brauchen. Dabei ist es nicht entscheidend, wie man diese "Erfahrungen" macht, sondern welche Ergebnisse man aus diesen Erfahrungen erzielt.
Der Abschluss mit einem Diplom in Deutschland oder einen Master in Amerika bedeutet aber nur, dass Papier sehr geduldig ist. Denn letztlich sind es die eigenen Ergebnisse, die "Selbst-ausbildung" aus dem Einzeller der literarischen Ursuppe hin zu einem "Was-auch-immer", die darüber entscheiden, ob man Schriftsteller ist oder nicht.

Dabei sind die "Creative Writing"-Kurse letztlich eine Chance, die aber von verschiedenen Menschen verschieden genutzt werden kann. Sie können manches erleichtern, manche "Augen-öffner" sein, nie aber die Selbst-ausbildung ersetzen. Denn bei der vielfach geäußerten Begeisterung für "Creative Writing"-Kursen darf man einige Dinge einfach nicht vergessen:
Eine der Erfahrung der Wissenschaftsgeschichte ist, dass bestimmte Erfindungen ihre Zeit und ihr wissenschaftliches Umfeld haben, während andere Entwicklungen vermutlich durch persönliche Erfahrungen und Zusammenhänge ein wenig vorzeitig sind. Somit kann Avicenna durchaus auf die grundsätzliche Idee von Bakterien und Viren hinweisen, ohne das jemand das für viele Jahrhunderte nach ihm sich mit dieser Idee beschäftigt, bis dann jemand an einem konkreten Fall durch Schlußfolgerung auf die mögliche Übertragbarkeit von Kindbettfieber kommt.
Eine andere Erfahrung ist, dass Bildung m.M.n. durch die Beschränkung auf einen Bereich, sei es nun "Creative Writing" oder anderes eben nicht immer wirklich Bildung ist- sondern oft genug wichtige Entwicklungen aus anderen Bereichen durchaus belebend wären und dem Schreiben zuträglich.
Zudem hat jeder Mensch seine Talente/ Fähigkeiten/ Fertigkeiten und Fehler/ Schwächen/ Blindstellen. Auf den Bereich Schriftstellerei übertragen, kann man eine ganze Reihe von Fähigkeiten bei Schriftstellern untersuchen und diese aus ihren Texten belegen. Manche Schriftsteller haben einen enorm produktiven Umgang mit Sprache, so dass sie Worte neu erfinden, Bedeutungen übertragen, mit rhetorischen Figuren und Wort- oder Buchstabenklängen kreativ arbeiten können, während andere Schriftsteller nur mit einer einfachen, schnörkellosen Sprache ihre Ideen abbilden.
Manche Schriftsteller haben einen sehr sinnlichen Zugang zum Schreiben, oft auf einen oder zwei "Hauptsinne" beschränkt, während wieder andere dort nur das übliche liefern. Manchen Schriftstellern können in einem Satz Atmosphäre schaffen, während andere sehr lange dafür brauchen. Wieder andere haben die Fähigkeit schwierige Zusammenhänge mit kurzen Szenen zu ergreifen, zu spiegeln und zu verdeutlichen, um auf etwas hinzuweisen, während andere Schriftsteller sehr lange brauchen um einen komplizierten Sachverhalt kompliziert abzubilden.
Die Erfahrung in der Ausbildung von Menschen ist, dass man einem Menschen ohne Geruchssinn nicht beibringen kann, wie es wäre, wenn er riechen könnte. Man kann ihm aber erklären, was ein Geruchssinn ist, wie er funktioniert und wie er ihn für einen Text einsetzen kann. Besonders kreativ kann er in diesem Bereich aber nicht werden, weil er seine Sinnlichkeit dafür nicht verwenden kann. Jemand, der Sprache nicht als Spiel begreift, weil er keinen solchen Zugang zu Sprache hat, kann man einen guten Zugang zu Sprache vermitteln, erklären, wie andere es machen, ihm dabei helfen sein Sprachgefühl zu entwickeln. Aber es gibt eine Grenze, die von seinen Möglichkeiten abhängt, nicht von seiner Ausgangssituation. Was ein Mensch nicht begreifen (im sinnlichen Sinne) kann, kann er nicht verstehen und nicht verwenden.
Deshalb kann m.M.n. nicht jeder Mensch Schriftsteller werden, was aber nicht von seiner Herkunft oder Vorbildung abhängt, sondern von seinen Fähigkeiten/ Möglichkeiten. Nicht jeder Schriftsteller kann aus dem gleichen Grund ein großer Schriftsteller werden- und nicht jeder der die Fähigkeiten und Möglichkeiten hat, wird ein großer Schriftsteller- weil es Hunderte weiterer Faktoren gibt. Da gibt es das Problem, dass die ständige Arbeit an komplexen Problemen psychisch nur schwer zu ertragen ist, psychologische Dispositionen, finanzielle Situationen, fehlender Mut oder Selbstbewusstsein,....

Aus diesem Grund halte ich "Creative Writing" für eine gute Möglichkeit der Ausbildung, wenn es einem liegt, aber nicht für die ultima ratio. Ich halte viele Vorstellungen für falsch, die mit "Creative Writing" verbunden werden wie die Idee, dass jeder alles lernen kann. Und halte die Selbstausbildung als Schriftsteller für den wesentlichen Teil einer Schreibausbildung und für weit wichtiger als die Kurse selber. Denn diese sind eben keine Ausbildung zum Schriftsteller, sondern Handwerkskurse.
 
Nachwort:
Natürlich beschäftige ich mich sehr intensiv mit "Creative Writing", den verschiedenen Theorien dazu, den Theorien zum Lernen und der Kreativität und überdenke meine Positionen immer immer neu, weil ich noch immer nicht den Schlüssel zu meiner Didaktik des literarischen Schreibens gefunden habe. Vielleicht war deshalb der Blogeintrag auch weniger gelungen, weil ich manche Dinge noch nicht ausgedacht habe. Keine Ahnung

Montag, 5. April 2010

Rezension "Wicked- Die Hexen von Oz" das Musical

Seit einigen Wochen kann man im Metronom-Theater in Oberhausen (beim Centro) das Musical "Wicked- Die Hexen aus Oz" anschauen und anhören, das aus Stuttgart nun ins Ruhrgebiet versetzt wurde. Der Musicalsaal ist für Stage-Entertainment eher klein und das Theater eigentlich sehr schön.
Das Musical "Wicked- die Hexen von Oz" basiert auf dem gleichnamigen Buch von Gregory Maguire, das sich wiederrum auf das Buch "Der Zauberer von Oz" und vor allem auf den  gleichnamigen Film von Lyman Frank Baum bezieht.
Maguire erzählt die Geschichte des "Zauberer von Oz" aus der Perspektive der bösen Hexe des Ostens, "Elphaba" (L F Ba- nach Lyman Frank Baum), und verwendet dazu neben einigen von Baums Figuren auch eine ganze Menge eigener Figuren. Bei Maguire ist die Geschichte "Wicked" die Geschichte einer Aussenseiterin, die wegen ihrer grünen Hautfarbe und der Fähigkeit zum Mitgefühl für die TIERE (in Großbuchstaben, weil diese TIERE auf ihren Pfoten stehen können und sprechen, abweichend von den normalen Tieren) sich letztlich gegen den Zauberer von Oz stellen muss, der diese unterdrückt. Letztlich geht es im Buch Maguires auch um die Frage verschiedener "Rassen" (Menschen, TIERE, Tiere, Munchkins,...) oder Stämme, es geht um philosophische Fragen "Was ist gut?". "Was ist richtig", es geht um Religionen und Herrschaftsformen, es geht um Unterdrückung und Außenseitertum.


Viel der religiösen und sozialen Fragen in Maguires Buch werden im Musical ausgeblendet, die gesamte Figurenanlage Maguires verkürzt und auf zentrale Konflikte zusammenstreicht.

Elphaba und ihre Schwester Nessarosa (bei Maguire die böse Hexe des Ostens) sind beide Ausseinseiter und erleben ein "coming-of-age". Während Nessarosa in allen ihren Fehlern und Problemen immer nur die Schuld der Schwester findet, freundet sich Elphaba mit Glinda oder Galinda an, die später "die gute Hexe" wird und verliebt sich in Fiyero, den auch Glinda liebt. Letztlich wollen Glinda und Elphaba dem Zauberer von Oz dienen, und Glinda entscheidet sich auch dafür, während sich Elphaba auf die Seite der TIERE schlägt, die der Zauberer von OZ unterdrücken möchte. Weil aber alle anderen in Elphaba wegen der grünen Haut und ihrer Kleidung, wegen ihrer Weigerung dem wunderbaren Zauberer von OZ zu dienen, wird sie in ihren Augen die "böse Hexe des Westens".
Glinda verrät ihrer vorherige Freundin Elphaba, als sich ihr Freund Fiyero für Elphaba entscheidet und Dorothy erscheint mit ihrem Haus auf Nessarosa und macht sich auf die Reise zu Elphaba. Um Fiyero zu retten, der sie rettet, verwandelt ihn Elphaba in den Strohmann und als die Hexenjäger bei ihr erscheinen, übergiessen sie sie mit Wasser.
Glinda, die sich mit Elphaba versöhnt hat, erlebt das mit, und glaubt wie die anderen, Elphaba sei tot. Sie verschwindet aber nur mit Fiyero aus Oz.

Im Buch Maguire erscheint Dorothy bei Elphaba um sich zu entschuldigen, und tötet sie unabsichtlich, als sie versucht das in Feuer geratene Kleid Elphabas zu löschen. Auch erscheint hier Nessarosa als die wirkliche, böse Hexe und auch die Liebesgeschichte Nessarosas und Elphabas werden hier anders dargestellt.

Die Lautstärke der Aufführung war sicherlich gewöhnungsbedürftig, anscheinend muss man heute im Kino und in Musicals mit Konzertlautstärke arbeiten. Gerade die gesungenen Passagen waren zu leise, bestimmte andere Passagen waren schmerzhaft laut. Das trübt natürlich ein wenig den Gesamteindruck.
Die Geschichte war leider ein wenig zu gerade geraten, dafür, dass man sich am einer Revision des Zauberers von Oz versucht hat und war mehr ein vereinfachtes  coming-of-age mit humorvollen Elementen als eine wirkliche Auseinandersetzung mit den eigenen Konflikten. Die Stimmen waren dafür ausgesprochen gut, von wenigen Ausnahmen einmal abgesehen, die Preise gesalzen und insgesamt war man deshalb ein wenig ungerührt, als man den Saal verlassen hat. Denn in den pop-artigen Musicalsongs ist es auch wirklich schwer irgendetwas bleibendes an das Publikum zu vermitteln, weil die gelungenen (aber vielleicht zu lauten und überspielenden) Effekte irgendwie mit den Songs und den kleinen Gags alles ein wenig erschlagen haben.
Sicherlich sehenswert, wenn auch teuer, aber irgendwie eine disneyfizierte Aufführung mit dem darausfolgenden Problem: Es war irgendwie zu nett.

Schreiben besteht eigentlich nur aus Entscheidungen...

Wenn man in Sachbüchern liest, welche Möglichkeiten ein Roman so bietet, dann ist das einfach beeindruckend... die ganzen Möglichkeiten. Denn man kann eine Erzählfigur verwenden, aus verschiedenen oder einer Perspektive erzählen, man kann Elemente aus der klassischen Dramentheorie übernehmen oder sich für Hollywoodscripts entscheiden, man kann linear erzählen, assoziativ und das sind gerade ein Tausendstel der Möglichkeiten.
Nun, bei meinem aktuellen Romanprojekt war von Anfang an einiges klar: Das Projekt wird in der Ich-Perspektive geschrieben, weil ich darin am Besten schreiben kann. Ob ich am Ende den Text auf eine Er-/ Sie- Perspektive umgestalte, werde ich mir offenlassen, je nachdem welche Perspektive besser zu meiner Geschichte passt. Denn ehrlich gesagt werden noch einige Kapitel kommen, in denen eine Er-/ Sie-Perspektive und möglicherweise eine Du-Perspektive einen interessantes Extra in den Text bringen könnten. Für diese Ich-Perspektive habe ich eine Erzählfigur, die gleichzeitig Hauptfigur meines Textes sein wird- und vermutlich eine Art Katalysator für die Handlung.
Bei der momentanten (und sehr temporären) Romanplanung brauche ich mindestens zwei weitere Erzählfiguren (aus meinen Figurenbestand), um die Geschichte über meine Ich-Perspektive hinaus zu gestalten. Unklar ist bisher, wer hier erzählen wird und wann- und wie ich das rechtzeitig den Lesern ankündige.

Immer noch etwas unklar ist mir, wie sich das bisherige Verhältnis von Erzählung und Szenen über den Roman vertragen wird. bzw. wie ich damit weiterhin umgehe. Denn ich von vom fast rein szenischen Erzählen weg, da dies diesen Roman nicht tragen kann, und weil ich auf erzählende Passagen angewiesen bin. Das verändert deutlich das Tempo des Textes, nicht zu seinem Ungunsten, macht es mir aber schwer einzuschätzen, was erzählt und was szenisch dargestellt werden soll: oft genug muss ich experimentieren und dann zusammensetzen. Deutlich ist aber eine deutliche Beschleunigung des Textes, indem ich zwischen beidem abwechsele, und mit wenigen Vollszenen, einige Halb- oder Viertelszenen arbeite und mit szenisch aufgebesserten erzählenden Passagen.
Eine weitere Herausforderung ist die zeitliche Gestaltung der Romanhandlung, da ich insgesamt einen Zeitraum von anderthalb Jahren abdecken muss. Der Prolog ist wie in Namen angedeutet ein "Vorsprung" in der Zeitachse, unklar ist mir aber noch, ob ich ansonsten streng linear erzähle, von einigen Rückblenden abgesehen, oder ob ich zweiachsig arbeite, bzw. zwischen den Zeiten springe.
Ebenfalls eine Herausforderung ist meine zweite Hauptfigur, deren Tod während des Prologs erwähnt wird, und um die die gesamte Romanhandlung kreist- somit muss diese Figur immer wieder vorkommen, mir ist noch unklar, wie das geschehen wird und welchen Raum diese Figur dafür braucht.
So viele Entscheidungen sind noch offen, während die ersten Entscheidungen längst gefallen sind. Dabei ist irgendwie das offen lassen eine Möglichkeit sich einerseits Optionen zu erhalten, andererseits aber auch ein Hindernis, weil die Romanentwicklung in weiten Teilen deshalb offen bleibt. Schreiben ist halt Entscheidungen zu treffen, jeden Tag, immer wieder.

Sonntag, 4. April 2010

Verwirrende Texte... oder warum Schriftsteller kein Lehrberuf ist

Wenn in Amerika von "Creative Writing" als schriftstellerische Ausbildung gesprochen wird, gibt es unvorstellbar viele Menschen in Deutschland, die das mit dem Kopf abnicken und dann lächelnd ergänzen: "In Deutschland haben wir das nur nicht wegen des Geniebegriffs". Nun, ehrlich gesagt ist diese Beobachtung gleich an ganz vielen Stellen falsch.
Wenn man sich mal einige Wälzer zum "Creative Writing" zur Hand nimmt, werden dort allerlei handwerkliche Talente des Schreibens besprochen und Möglichkeiten aufgezeigt. In einigen findet man dann zwar Formulierungen  wie "Jeder-kann-schreiben" "Jeder kann einen verdammt guten Roman schreiben" oder ähnliches.
Das ist aber so nicht richtig.Denn die Erfahrung unendlich vieler Castingsendungen am Beispiel der Musik zeigt eines deutlich: Es gibt in Deutschland Zehntausende Menschen, die singen können. Von diesen Menschen beherrschen wiederrum einige ein Instrument und noch weniger können einen Song komponieren. Aber selbst Menschen, die alle diese drei Fähigkeiten haben, müssen keine Musiker sein, weil ein Musiker eben mehr als die Tonlage halten, ein Instrument spielen und einen Song komponieren können muss, und weniger, weil eben die drei Sache nicht zwingend notwendig sind. Zu einem Musiker gehört, dass er eine Gruppe von Menschen mit seinen Texten erreicht, dass er in der Lage ist seine Gedanken in Text und Form zu kleiden (oder sich diese zu leihen), die zusammen die Einheit eines Songs ergeben und das die Musik unabänderlicher Teil seines Lebens ist. Das bedeutet nichts weniger, als dass er über viele Jahre hin Musik macht, sich damit beschäftigt, experimentiert und versucht, um seinen Weg zu finden.

Bei den (Roman-)Schriftstellern sieht es ähnlich aus: Ein Großteil der Menschen in Deutschland kann schreiben, ein kleinerer Teil davon kann eine Geschichte erzählen und noch ein kleinerer Teil weiß, wie man das über die Länge und über die Form eines Romans macht. Das macht aber noch keinen Schriftsteller aus den Menschen, die all das können.
Denn einen Roman zu schreiben, kann man theoretisch zwar erlernen, die Praxis hat aber ihre eigenen Tücken. Denn ein Schriftsteller schreibe seine Roman, in dem ein persönlicher Stil und Zugang zu erkennen ist, eine von eigenen Entscheidung geprägte Handwerkswelt und mit den eigenen Fragen. Das alles ist das Ergebnis von vielen Jahren Arbeit, die eben weit über das Niveau der meisten "Creative-Writing" Bücher und Kurse hinausgeht. Denn die Theorie bietet Möglichkeiten und Hilfestellungen, sie kann aber die Jahrelange Arbeit und die Versuche nicht ersetzen, sie kann sie nur ergänzen. Denn Lebens- und Schreiberfahrung sind eben Erfahrungen, keine Theorien und die Theorie eines Schriftstellers gilt vor allem erst einmal für seine Texte, nicht für andere.
Deshalb kann "Creative Writing" nie einen Menschen zum Schriftsteller machen und nicht jeder Mensch wird durch sie in die Lage versetzt "einen verdammt guten Roman" zu schreiben. Sie bietet nur eine andere "Einstiegshöhe" in das Schreiben und kann so viele Menschen ermutigen es zu versuchen. Sie kann Wegweise für eine Zeit sein, Chance und Austausch, aber nie mehr.
Der Rest liegt in den Menschen selber. Nicht alles beim Schreiben ist erlernbar, aber vieles, wenn man genug Arbeit investiert. Niemand ist durch Herkunft, Bildung, Interessen verdammt kein Schriftsteller werden zu können, auch wenn einiges den Weg erleichtert.
Aber eines ist klar: Obwohl es in Deutschland Tausende von Schriftstellern gibt, werden nur einige wenige von diesem Schreiben leben können, noch weniger reich, berühmt, bekannt und ausgezeichnet werden, und nur Einzelne werden in Hundert Jahren noch gelesen werden. Denn jeder Mensch hat seine eigene Grenze der Möglichkeiten, die auch durch Arbeit nur in einem bestimmten Umfang ausgebaut werden kann. Was danach kommt, ist eben mehr als Arbeit, mehr als Zufall. Ich finde das aber ehrlich gesagt beruhigend: Denn wer immer dem nach jagt, was er gerne wäre, kommt nie dort an, was er ist.

Donnerstag, 1. April 2010

Charles Haughey und die Steuerbefreiung für Künstler in Irland

Als der irische Finanzminister Charles Haughey 1969 eine "tax exemption" verkündete, die hauptberufliche Künstler von der Steuerzahlung befreite, sofern sie orginäre, künstlerische Werke produzieren, war dies ein wichtiger Befreiungsschlag für irische Künstler. Denn gerade in einem kleinen Land wie Irland gibt es keine so großen Kunstmarkt und nur wenige Künstler schaffen es aus dem Heimatland in andere Länder durchzudringen. Hierzu die Seite der "Irish Writers Union" über die Bedeutung der Steuerbefreiung und die Diskussion über eine mögliche Abschaffung angesichts von Wirtschaftskrise und einigen Künstlermillionären.
Kostenpunkt in Irland dank einiger Künstlermillionäre knapp 40 Mio Euro, wovon bei einer Grenze von 250.000 Euro aber 28 Mio wegfielen.

Welche Bedeutung diese Steuerbefreiung hat, wird daran ersichtlich, dass heute noch 67% aller Künstler in Irland (laut BBC News) von einem Einkommen unter 10.000 Euronen im Jahr leben , 24% verdienen zwischen 10.000 und 25.000 Euronen, und nur die restlichen 9% verdienen mehr. Inzwischen wurde ab einem Einkommen von über 250.000 Euro die Befreiung zurückgenommen, was übrigens U2 bewog die Verwaltung ihrer Songs vom steuergünstigeren Holland aus zu betreiben.
Wenn man sich die Wertschöpfung aus künstlerischer Arbeit in Deutschland ansieht, dann könnte eine solche Steuerbefreiung auch hier vielen Künstlern das Leben deutlich erleichtern. Die Einnahmeausfälle wären bei einer Begrenzung nicht so wahnsinnig hoch, und die Wertschöpfungskette könnte auch hiervon profitieren. Denn die Vorstellung, dass arme Künstler besonders produktiv sind, ist eine Mär.
Zudem könnten Künstler etwas besser leben, wenn sie mehr von ihrem Einkommen behielten und sich weniger um Mäzenate, Stipendien und Preise bemühen müssten und weniger ihre Zeit für Abendkurse, Lektorate, Übersetzungen, Leseabende und andere Tätigkeiten des kreativen Lumpenproletariats (siehe die Bezahlungen für die Tätigkeiten) aufwenden müssten. Denn künstlerische Arbeit kostet Zeit und braucht Geld.
Nichts gegen die Verwaltungsgesellschaften (die aber kaum noch jemand versteht), gegen verdi und die Schriftstellerverbände, nichts gegen die Unterstützung über die Künstlersozialkasse. Aber vom eigenen Geld leben zu können, weil keine Steuern zu zahlen sind, ist einfach etwas anderes. Das hat etwas mit Selbstbild, mit Selbstbewusstsein und Wertschätzung zu tun.

Ein kleiner irischer Traum.... der im deutschen Künsterwinter, weit, weit weg ist...

Panik

Über viele Wochen habe ich für eine wichtige Bewerbung allerlei Unterlagen zusammengetragen, Behörden besucht, einen Phototermin gehabt und alles sorgfältig in meinem Arbeitszimmer aufbewahrt- dachte ich zumindest.
Denn heute morgen wollte ich nur mal schnell in eines der Unterlagen hineinschauen, und meinem Erinnerungsvermögen auf die Beine zu helfen, und die Unterlagen waren nicht da. Ich habe drei Stunden das Haus auf dem Kopf gestellt und habe mehrere Orte mit dem Auto abgefahren, wo die Unterlagen neben unserer Wohnung noch hätten sein können. Ich habe meine Eltern verrückt gemacht, meine Freundin, sogar der Hund sprang überall mit durchs Haus.
Und ich hatte Panik: Dutzende von Behördengängen in kurzer Zeit, Bitten und Betteln, enorme Kosten und vieles mehr. ich war kurz davor etwas sehr kräftig gegen die Wand zu werfen, meine verwirrten Gedanken, die darauf beharrten: Das ist alles in dem durchsuchten Arbeitszimmer.

Meine Freundin hat die Unterlagen kurz vor Mitternacht gefunden, in meinem Arbeitszimmer, sorgsam in eine dunkle Stofftüte eingeschlagen, die sich unter einer herumliegenden gleich dunklen Tafellackleindwand verbarg. Der ganze Stress umsonst. Weil der Herr irgendwie noch die vorherige Aufbewahrung in einer Plastiktüte (Regenwetter!! beim Behördengang, deshalb Plastiktüte in Tasche) noch im Kopf hatte und unter Tafellack die andere Tasche übersehen hat.
Werbeträger der Tasche ist übrigens die Einhornapotheke, wo es wundervollen Ginseng fürs Gehirn und Beta-Carotin fürs Auge gibt. Ganz bestimmt.

Von Dorling Kindersley Books aus England: "The End of Publishing"

Vielleicht muss man manchmal die eigene Eindrücke und Vorurteile aufzählen, um sich dann einer anderen Meinung einmal wirklich auszusetzen. Hier sehr nett aufbereitet von Khaki-Films über die neuen (Nicht-)Kunden der Buchindustrie, deren Ängste und vieles mehr.