Dienstag, 30. März 2010

Landluft stinkt nicht nur, sie riecht auch....

Bahnhöfe sind immer Orte des Übergangs. Wenn es auch kein Zug und kein Bahnhof war, der für mich einen wichtigen Übergang darstellt, so war es immerhin ein Umzug. Vierzehn Jahre habe ich auf 21 qm in Bensberg (einem Stadtteil von Bergisch Gladbach) gelebt und fühlte mich Heim, auch wenn Heim wie Grönemeyer zu Recht ausführt, nie ein Ort ist, sondern ein Gefühl. Dieses Gefühl war mit der Wohnung verbunden, die sicherlich keine schlechte war, aber auch keine gute. Sie war mit einer Hausgemeinschaft verbunden, mit Menschen, die über zehn Jahre dort mit mir gewohnt hatten und einem guten Freund und Hausgeist, der das Sinnbild, die Fröhlichkeit und Zentrum der Hausgemeinschaft war. Es war nicht mehr das gleiche dort zu wohnen, nachdem er verstorben war. Denn die fröhlichen Erinnerungen waren durchsetzt mit der Trauer.
Deshalb ist es mir leicht gefallen meine Wohnung und Heimat aufzugeben, weil der Umzug eben auch ein Zusammenzug mit meiner Freundin (samt Hund) war, ein neues Leben, das auf dem alten Leben aufblühte. Nur war dieses Leben ziemlich weit von dem zivilisierten Stadtleben entfernt im Bergischen, wo bei Hundespaziergängen Feuersalamander guten Tag sagen, Käuzchen vorbeiflattern und Tuffilaster jede nächtliche Trunkenheit wirklich gefährlich machen. Landluft stinkt übrigens nicht nur, sie riecht auch... Es gibt eine Menge Gerüche, die hier nicht von Autos, Beton und Asphalt geschluckt und übertünscht werden, hier gibt es genug für jeden Heuschnupfenallergiker, um seine Medikamente wirklich austesten zu müssen. Von allerlei Rosen und Giftspritzen, Buchsbäumchen und Jack-Russel-Terrier, Selbst-Ernte-Blumen-Wiesen bis hin zu dampfenden Pferdehaufen auf der Hauptstrasse.
Das das Leben hier weniger schnell ist, kann ich beim Blick auf die Hauptverkehrstrasse nicht bestätigen. Wer abend mit 120 Stundenkilometern seinen Ferrari durch einen Kreisverkehr jagt und mich samt Hund fast überfährt, der wohnt meistens auch hier. Er arbeitet nur in der Stadt. Denn Arbeit gibt es hier oben kaum, denn ein Edeka (samt Post, Metzgerei, Lottoannahmestelle und Bäckerei), eine Kneipe/Restaurant und Kegelbahn sind nicht gerade blühendes (Arbeits-)Leben.
Und das mit der Ruhe ist auch relativ: Fluglärm gibt es kaum, dafür gibt es jeden Morgen ab 3.00 Uhr Tuffilaster und am Wochenende die Motorradrentner, die den Auspuff ihrer Maschinen ausgeräumt haben, um sich sicher zu sein, dass sie wirklich fahren, zumindest kommt es mir so vor, wenn sie mir auf meiner Spur mittags und viel zu schnell in der Kurve entgegenkommen.
Richtig ist dafür aber, dass Anonymität im Bergischen nur geht, wenn man nur hindurch fährt. Das Zentrum der Gespräche über die Nachbarn ist der Supermarkt und die Handwerker. Was man da über Nachbarn erfährt, geht in keine Sauna mehr, bildlich gesprochen. Beängstigend ist das aber nur, wenn es einen kümmert, wie der Nachbar den eigenen Spülberg in der Küche findet oder ob man nicht gerne mit den Augen der Nachbarin gewogen wird.
Fürs Schreiben ist das Landleben aber wundervoll: Wenig Dinge lenken hier vom Schreiben ab, vom Hund einmal abgesehen, weil es hier viel Natur gibt... und das wars.

Montag, 29. März 2010

"Burn-out" und Entschleunigung

Gerade schreiben Petra van Cronenburg und Christa S. Lotz in ihren Blogs über den "Burn-out". Christa leitete das Thema mit einem Beitrag über den Burn-Out anläßlich der Bücher von Mirijam Meckel und "Burn-Out bei Frauen" von Freudenberger/North ein, Petra schrieb über die Selbstausbeutung als Freischreiber und Nijinskis müdes Pferdchen, bevor sie heute noch auf ein Zeit-Interview "Muße braucht Zeit" mit dem Soziologen Hartmut Rosa verwies.

Insgesamt beruht der Burn-Out auf der ständigen Selbstherausforderung möglichst produktiv und aktiv das eigene Leben zu gestalten und in jeder eigenen Tätigkeit immer das Maximale zu erreichen. Da ein Mensch trotz gegenteiliger Fußballerbehauptungen nicht jeden Tag 120% Leistungsfähigkeit erreichen kann, führt diese Haltung zuerst zu einigen Erfolgen, bis dann der auf einen selbst ausgeübte ständige Druck irgendwann zu einer völligen Überforderung und überbordenden Selbstkritik führt.
Kreativität und Druck passen aber nur sehr begrenzt zusammen: Mein Versuch neben dem Studium noch einen Roman zu schreiben, hat sich durch die unterschiedlichen Schreibtechniken gegenseitig blockiert und so habe ich den Druck ständig erhöht, um es dennoch zu schaffen. Hilfreich war das sicherlich weder für das eine, noch das andere. Erst als ich den Druck herausgelassen habe, funktionierte beides wieder, wenn auch nicht zeitgleich.
Deshalb halte ich im Gegensatz zu Hartmut Rosa Muße auch für den falschen Weg. Muße ist die Aufgabe des auf einen selbst ausgeübten Drucks und der Versuch sich einen Freiraum davon zu schaffen, um dann in der anderen Zeit doch wieder sich selber hinterher zu laufen.
Wichtig ist es seine Ziele anders zu setzen und auf die ständige Selbstausbeutung über Druck, Druck und noch mehr Druck zu verzichten. Denn der Burn-Out entsteht, weil ein Mensch zwischen den eigenen Anforderungen und den eigenen Leistungen sich über den selbst gesetzten Druck aufreibt.
Deshalb ist es zuerst einmal wichtig zu betrachten, was man für seine Ziele wirklich braucht und was nicht. Ob ein Schriftsteller jeden Tag 500 Worte schreibt, ist nicht so wichtig. Es ist auch nicht wichtig, sich ständig mit den eigenen Wünschen an das Schreiben auseinander zu setzen wie Erfolg, Geld oder zu schreiben wie xy. Wichtig ist es die eigenen Ziele einmal auf null zu setzen und einfach zu betrachten, warum man schreibt. Und wenn man erkennt, warum man das tut, zu betrachten, was funktioniert und was nicht, was man kann und was man nicht kann. Und daraus und nicht aus den eigenen Wünschen die Zielvorstellungen abzuleiten.
Natürlich fürchten gerade Selbständige und Schriftsteller, dass sie, wenn sie auf den Druck verzichten, ihren Lebensunterhalt nicht mehr mit dem Schreiben (und ihren Teillebensunterhalt) bestreiten können. Aber wer sich in einer Phase des Burn-Out schon befindet oder sich dem annähert, wird sowieso ein Problem bekommen mit seiner Selbstfinanzierung.
In der nächsten Phase muss man einfach den Druck aufgeben und das innere Schweinehündchen zum Schweigen bringen. Zeit ist etwas kostbares. Deshalb sollte man seine Zeit auch verwenden, um das zu tun, was einem gut tut- und das in sein Wertesystem aufnehmen. Sich selber etwas zu gönnen, was Rosa als Muße bezeichnet, ist etwas wunderbares. Das bedeutet nicht, dass man nicht auf seine Ziele hin arbeiten kann. Aber wenn man an einem Tag nur Schrott schreibt, dann kann man den Text auch weglegen, die Badewanne voll laufen lassen und ein Buch lesen, sich mit Freunden treffen oder irgend etwas anderes machen.
Natürlich wird es nicht reichen dies alles einmal zu machen: Produktivität ist in dieser Gesellschaft ein solcher Wahn geworden, wie auch Jugend, Schönheit, ständige Erreichbarkeit, der Castingwahn: die Manie das alles machbar oder erreichbar ist, wenn man nur genug will und Druck auf sich ausübt.
Deshalb muss man immer wieder innehalten und den Druck vorbeiziehen lassen. Denn eine der großen Freiheiten in unserer demokratisch-marktwirtschaftliche Gesellschaft ist eben das Nein. Natürlich hat das berufliche Konsequenzen und der eine oder andere Job wird verloren gehen. Aber die Dinge nüchtern mit der eigenen Kraft abzuwägen, erhält die eigene Produktivität. Und eine Erfahrung aus all dem: Die Arbeit wird einfacher, weil Schreiben eben auch eine kommunikative Ebene enthält, die von einsamen, getriebenen Schreibtisch aus schlecht funktioniert, und die Kreativität arbeitet ohne Druck zwar langsamer, aber meist freier.

Das zweite Kapitel...

Immer, wenn ich beginne etwas zu planen, kommt es dann doch anders.
Ursprünglich wollte ich ja die zweite Hauptfigur einführen, deren Tod bereits im Prolog auftaucht, die aber ständig anwesend sein wird, zumindest in Gedanken. Denn nur in der Erinnerung wird diese Figur in meinem Roman diesen immer noch beherrschen. Vielleicht könnte man auch sagen, dass er somit eine Leerstelle im Roman darstellt, oder auch die eigentliche Hauptfigur. Aber es hat nicht funktioniert.
Ich habe ihm eine wunderbare Hintergrundgeschichte geschrieben habe, auf die ich sehr stolz bin. Nur leider ist diese Hintergrundgeschichte bisher eine reine Aufzählung von Ereignisse und Annekdoten, die so leider nicht romantauglich ist. Aber auch zwei andere Versuche mit ihm meinen Roman anzufangen, haben einfach nicht funktioniert. Weil ich es immer aus der Erzählfigur hätte machen müssen. Vermutlich waren deshalb die Versuche damit ein Kapitel zu gestalten einfach zum Scheitern verurteilt.
Statt wie sonst mir sehr lange Gedanken um die Lösung dieser Situation zu machen, habe ich einfach auf die der Geschichte zugrunde liegende Zeitschiene zurückgegriffen und beginne mit der Erzählfigur und die Vorgeschichte, über die sie dann im nächsten Kapitel die zweite Hauptfigur kennenlernen wird. Auch hier war ich ein wenig zu erzählend, habe das aber noch geändert. Denn meine Figur erzählt ihre eigene Geschichte, aber eben auch aus der Situation heraus. Und das ist für den Rhythmus des Textes und spätere Teile einfach entscheidend.
Immerhin habe ich durch die Versuche für das erste Kapitel nun eine ganz konkrete Figur vor meinen Augen, so dass die Zeit nicht verschwendet war. Und sicherlich werden Passagen aus diesem Teil in den nächsten Kapiteln eine wichtige Rolle spielen.

Nach diesen Arbeitsschritten ist nun eines aber unklar: Ob der Prolog der einzige Sprung durch die Zeitleiste sein wird, neben den üblichen Rückblenden, oder ob ich nicht die Geschichte parallel von zwei oder mehr Stellen aus erzählen muss, damit ich die Verbindungen aus dem Prolog halten kann, die meinen Roman bestimmen werden. Wir werden sehen, ich bin ziemlich gespannt.

Deshalb wird dieses Projekt auch noch nicht an meine beiden Testleser gehen und ich kann noch nicht wirklich mit den beiden über das Projekt reden: Denn alles was ich sagen würde, würde irgendwelche Entscheidungen beinhalten, die ich noch nicht so treffen möchte, um mir die Möglichkeiten offen zu halten,
Und den Text gar ich auch nicht so herausgeben, weil der Text noch reifen muss, wachsen, Flügel bekommen, nach und nach eine Form, die Figuren mehr Gehalt und zu viele Möglichkeiten noch offen bleiben müssen,

Samstag, 27. März 2010

Die Realität und der Roman

Am 15.03 habe ich in meinem Blog kurz dies gemeldet: David Shields hat ein Manifest "Reality Hunger" kompiliert, indem er den Wunsch der Leser nach Realität so deutet, dass der Roman dieses Bedürfnis nicht befriedigen kann. Luc Santé hat in der New York Times darauf geantwortet "The Fiction of Memory". Er beurteilt recht intensiv einige Passagen von Shields und das Manifest selber, bügelt aber die Idee Shields ein wenig ab.


Wie bei vielen dieser Diskussionen haben beide Seiten recht und unrecht. Denn es gibt natürlich einen Boom an Biographien und biographisch geprägten Formaten bis hin zu fiktionalen Dokudramen, bei dem die Realität gestaltet wird, wenn auch meistens auch mit einer ordentlichen Grundlage an Fiktion. Denn jede Biographie ist eine gestaltete Realität- und das Prinzip des Romans ist zwar die Fiktion, aber die Fiktion dient nicht der Fiktion, sondern auch dazu die Realität in vielfacher Form zu spiegeln.
Interessanterweise dienen Biographien heute oft dazu, eine vermeintliche Nähe zu einer Person/ ihren Handlungen oder Erfahrungen aufzubauen, die in Wirklichkeit nicht oder nur in Teilen vorhanden ist- sie wird über die Form der Biographie gestaltet. Dabei könnte man fast sagen, dass diese Biographien ein wenig die Vertrautheit in unserem eigenen Umfeld ersetzen. Denn mit unseren eigenen Fragen nähern wir uns nicht mehr wirklichen Menschen an, sondern über Biographien Menschenbildern, die wir irgendwo her zu kennen scheinen. Manchmal hat das auch schon den Hauch von Hagiographie, wenn ein Mensch sein eigenes Leben als Projektionsfläche für die Wünsche anderer gestaltet, um sich so auf eine verbrämt-religiöse Weise feiern zu lassen.
Andererseits funktionieren Romane manchmal eben auf der gleichen Schiene... gerade viele Unterhaltungstexte übersetzen eigene Gefühlswelten in Fiktionen und werden so reine Projektionsflächen... Twilight lässt grüßen. Deshalb sollte der Roman sehr vorsichtig sein, sich auf die von Shields gewünschte Realität einzulassen, die eigentlich gar keine ist, auch nicht über den Twilightumweg. Denn ein gelungener Roman ist eben mehr als nur eine Spiegelung von Realität und genau das ist die Größe eines Romans. Indem er eben über die Realität hinaus Kunst ist, wird er zum Kunstwerk, gerade weil er literarische Verweise hinein nimmt.
Würde er wirklich roher, mit mehr Realität, in Ich-Form, ohne Verweis auf die Romanform,ohne Klischees oder Fertigsätze, die Leser besser erreichen, muss ein Roman eine neue Form, ein neues Genre erschaffen, so wie Shields es annimmt?
Der erste Teil ist letztlich nur Handwerkliches im Roman. Eine neue Form muss aber nicht in jedem Roman entdeckt werden, weil Meisterschaft in der Weiterentwicklung, aber auch in der Vollendung liegt, Beethoven, Mozart. Zudem habe ich viele Formprojekte in den letzten Jahren gesehen, die meist aber an sich selber gescheitert sind- denn Form und Inhalt sind eine Einheit, eine neue Form braucht auch einen neuen Inhalt. Deshalb sind Hyperlinktexte irgendwie noch nicht angekommen- denn das würde nur funktionieren, wenn der Inhalt anders als ein normales Buch wäre. Somit müsste Inhalt und Form zusammen entwickelt werden, ein ziemlich schwieriges Projekt. Und Genre: Muss ein großartiger Roman ein neues Genre schaffen. Nein, Mozart und Beethoven, Vollendung und Weiterentwicklung, beides hat seinen besonderen Wert- und neue Genre bilden sich über Ideen und werden meist von Autoren aufgegriffen, die dann, zur richtigen Zeit, einen Text schreiben, siehe "Frankenstein" und die deutschen Schauergeschichten dieser Zeit.
Insgesamt ein anregender Text, aber mehr auch nicht. Für ein Manifest fehlen die wirklichen Schlüsse.

Mittwoch, 24. März 2010

Zehn Regeln für das Schreiben von Romanen

Heute habe ich über das Autorenforum Montsegur einen Link auf den Guardian und "Ten rules for writing fiction" gefunden, in dem einige der interessantesten Autoren einen Einblick in das geben, was sie einem jungen Autor an Ratschlägen mit auf dem Weg geben würden. Einfach spannend, wie widersprüchlich so manche Aussagen sind, wie oft sich andere wiederholen und das man bei vielen Autoren den einen oder interessanten Rat bekommen könnte.

Montag, 22. März 2010

Romanprojekt Mitte... das erste Kapitel

Ein Prolog ist immer ein Sichtfenster an eine spätere Stelle des Romans, eine Art selbsterfüllende Prophezeiung, eine Vorwegnahme, eine Deutung und ein Hinweis auf das Hauptthema einer Geschichte. Meistens geht es in einem Prolog um die Hauptfigur einer Geschichte, wenn auch beileibe nicht immer.
Ich habe den Prolog mit meiner Hauptfigur begonnen, weil ich sie selber kennenlernen und sie gleichzeitig dem Leser vorstellen wollte. Denn sie ist die Erzählerin des gesamten Textes, Interpreteuse und in gewisser Weise auch der Stein des Anstosses. Ehrlich gesagt finde ich den Anfang sehr gelungen, auch wenn noch nicht ganz klar ist, ob ich die Geschichte wirklich nur kurz im Prolog anreißen soll, oder noch ein wenig mehr Fundament zu legen ist. Das aber wird erst der weiteren Romanverlauf klären.
Das erste Kapitel war mindestens so schwierig zu beginnen wie der Prolog, weil meine Hauptfigur hier als Erzählerin auftritt, ohne direkt handelnde Person zu sein. Denn sie muss eine zweite wichtige Figur vorstellen, die im Prolog schon verstorben ist und gleichzeitig auf jeder Seite des Textes spürbar bleibt. Und ja, dieser Textteil beginnt nicht szenisch, sondern erzählende, und wird ein wenig über die Figur verraten, die der Leser dann im zweiten Kapitel in chronologischer Reihenfolge der Abläufe kennenlernen wird.
Leider war mir diese Figur bei weitem nicht so klar sichtbar, wie meine Hauptfigur: denn natürlich ist mir die Rolle der Figur von Anfang an klar gewesen, aber nicht ihre Ausgestaltung: die Möglichkeiten, die Möglichkeiten. Also habe ich meinen Hund mehrfach in Gedanken an meinen Roman spazieren geführt, habe geduscht, habe abgewogen und überlegt, bis ich letztlich eine Figur relativ klar vor Augen hatte. Nicht ganz die Figur, die ich erwartet hatte, nicht ganz das, was nach dramaturgischer Planung im Hollywood-Modell ideal gewesen wäre. Aber eine ziemlich lebendige Figur, gefüllt mit fremden und eigenem Leben (womit ich nicht den Autor meine), die in ihrer Rolle letztlich eine Bereicherung für meinen Roman darstellen wird- hoffe ich zumindest.

Insgesamt schaue ich nun auf ca. 12 Manuskriptseiten und bin wirklich zufrieden. Was wird, wird, und es hat begonnen.

Sonntag, 21. März 2010

"Zielgruppenorientierung" oder "L`art pour L`art"

Bei vielen Kommentaren anlässlich der Leipziger Buchmesse taucht die "Insel der Seligen" auf, die Zeit im Buchhandel vor den großen Ketten und dem Internet, als es noch darum ging "Bücher zu machen" und nicht nur "Schnelldreher abzuverkaufen". Das das so eine Sache ist, mit den "Inseln der Seligen", siehe Homers "Lotusesser", dürfte den meisten Menschen ebenso klar sein, wie die Feststellung, dass das Vergessen einen Menschen sanft mit der Vergangenheit aussöhnen kann.
Natürlich hat sich das Buchmachen verändert, weil sich die Buchmacher verändert haben, und auch das Verkaufen- aber eine Entwicklung zu beklagen, bringt das Vorherige nicht zurück, egal wie man dieses verklärt. Dabei darf man aber einen Fehler nicht machen, der allzu gerne gemacht wird: Nicht alles, was funktioniert, muss auch gemacht werden- jeder Autor und Verleger muss seine eigene Wahl treffen und Verantworten.
In der Tradition der Literatur gibt es seit Ende des 19. Jh. die Kunstvorstellung des "l´art pour l`art", also die Idee der Kunst für die Kunst, abseits aller Orientierung auf ein Publikum. Ob es jedoch je einen erfolgreichen Künstler gegeben hat, der diesen Anspruch vollumfänglich umgesetzt hat, wage ich ziemlich zu bezweifeln. Denn Kunst beruht auf einer unveränderlichen Maxime: Produktion und Rezeption. Wenn Kunst nicht wahrgenommen wird, ist es dann überhaupt Kunst??
Die "Zielgruppenorientierung" oder "Zielgruppenmaximierung" basiert auf der Vorstellung, dass man die Konsumenten (!!!)von Texten, in recht homogene Gruppen einteilen kann, deren gemeinsamer Nenner eine Verkaufsbasis für Teste darstellt. Nun gibt es diese Gruppen meistens nur in einem engen Genrebereich wie (Heftchenliebesromanen und Nackenbeißer, sie sind aber schon dort schon bei weitem nicht so homogen, wie die Marketingstrategen das glauben. Bei Literatur wird es aber schwieriger, weil Literatur eben auf einen Rezeptienten angewiesen ist, und nicht nur auf einen Konsumenten- Literatur lebt eben von der Teilhabe, nicht vom Konsum.
Der Versuch hier klassische Zielgruppen zu entwerfen, scheitert letztlich an der Erkennung des gemeinsamen Nenners, da die Rezeption an Kunst eine Haltung ist und die Auswahl an Kunstwerken letztlich durch verschiedenste schwer beeinflussbare Entscheidungsschritte vorgenommen wird. Graswurzelmarketing funktioniert, aber das ist eben nicht zielgruppenorientiert.
Letztlich dürfte aber klar sein, dass beide Vorstellungen in einer digitalisierten Kunstwelt letztlich an der Wirklichkeit vorbeigehen, was letztendlich sicher kein Kriterium für die Entscheidung gegen diese Richtungen sind, schließlich ist Glaube eben eine ganz eigene Kategorie. Aber die einfache Feststellung, dass Kunst immer eine kommunikative Ebene enthält, die manchmal einer Erklärung (siehe Feuilleton oder Diskussion) braucht, immer aber den Willen beider Seiten sich auf eine solche Kommunikation einzulassen, klärt einiges.
Kunst entsteht nicht in einem einsamen Kämmerlein, sondern wird dort nur geschrieben. Sie entsteht in einem literarischen Diskurs mit anderen Werken der Kunst, in einer Auseinandersetzung mit Haltungen, Werten und Vorstellungen, mit dem Leben, sozialen Systemen und gesellschaftlicher Wirklichkeit ohne selber ein Teil dieser zu werden, vom der kommunikativen Ebene der Diskussion und deren Umsetzung durch den Leser einmal abgesehen.
Kunst wird nie Teil einer Sache, weil sie die Sachen sanft aus ihrem eigentlichen Umfeld herauslöst, isoliert, neu verbindet, damit der Rezeptient die Sache aus vielerlei Perspektiven neu betrachten und beurteilen kann.
Dementsprechend gehört es zur Aufgabe eines Künstlers in Kommunikation zu treten- und damit auch Menschen anzusprechen. Zielgruppen sind da aber wenig zielfördernd, weil sie gerne auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zurückgreifen und auf Konsumenten, nicht Rezeptienten abzielen.
Die Aufgabe des Künstlers ist somit über die eigenen Fragen ein Diskussionsfeld zu eröffnen, an dem andere Teilhaben können- Stil und andere handwerkliche Maßnahmen sollen dieser Diskussion dienen und gleichzeitig Teil des Kunstwerks sein. Es geht nicht um die kleinsten gemeinsamen Nenner, sondern um die Vorstellung eines Kunstwerks, dass sprachlich, stilistisch und inhaltlich zur Diskussion anregen soll. Das ist ein sehr komplexes Problem, zu dem es keine einfache Lösung gibt. Hier schließt sich übrigens der Kreis zu Beuys: "Alles ist Kunst". Denn nur wenn man die Wahrnehmung der Menschen verändert, dann kann jeder Gegenstand Kunst werden- und das funktioniert nur, wenn der Gegenstand aus seiner alltäglichen Funktion herausgehoben wird und aus immer wieder anderen Perspektiven gespiegelt wird. Der Kunstprozess hängt eben nicht am Gegenstand selber, sondern an der Teilhabe an der Kunst durch die "Zulassung der Wahrnehmungsänderung/ Perspektivänderung". Das verdeutlicht wie breit man den Kunstbegriff verstehen kann und sollte- und wie breit die Möglichkeiten sind, ein Kunstwerk zu schaffen. Kunst muss nicht immer schwierig zu verstehen sein, stilistisch verstiegen oder umständlich. Sie kann es aber.

Ich halte es mit Max Frisch und seiner Vorgehensweise die eigenen, persönlichen Fragen in einem Roman zu erörtern, indem man sie aus verschiedenen Sichtweisen angeht, sie spiegelt und ihre Verbindungen, Folgen, Querverweise offenlegt. Aber wie man das schafft, ist eigentlich egal. Wichtig ist nur die Rezeptienten daran (am Vorgehen und den "Fragen") teilhaben zu lassen, auch wenn es statt um Fragen um Beobachtungen, Entwicklungen und anderes geht.

Samstag, 20. März 2010

In der Leipziger Erklärung geht es um die Verwertung der Kunst, nicht um die Kunst selber

Felix Neumann schreibt in Carta den lesenswerten Blogeintrag "Urheberrecht als künstlerischer Bankrott", indem er die Frage stellt, um was es in der  Leipziger Erklärung des Verbands deutscher Schriftsteller in ver.di wirklich geht. Denn um die Kunst geht es offensichtlich nicht. Es geht um eine bestimmte Vorstellung von Kunst, die immer orginär und genialistisch ist, es geht um die Verwertung der Kunst, den Schutz der Kunst, aber nie um die Weiterverarbeitung, die Bearbeitung, es geht nicht um Qualität eines Textes oder Anspruch, sondern nur um das Urheberrecht.
Aus künstlerischer Sicht eine ästhetische Bankrotterklärung... Reinlesen!!

Mittwoch, 17. März 2010

"Leiziger Erklärung" des Verbands deutscher Schriftsteller - eine Gegenrede

Gestern hat der Verband deutscher Schriftsteller in ver.di die Leipziger Erklärung abgegeben, in die "uneingeschränkte Beachtung des Urheberrechts" gefordert wird. Als Anlass dieser Erklärung verweist der Verband deutscher Schriftsteller indirekt auf die Nominierung von Helene Hegemann und "Axolotl Roadkill" für den Leipziger Buchpreis. Unterschrieben wurde diese Erklärung von einer erkleckerlichen Zahl deutscher Autoren wie Günter Grass, Christa Wolff und anderen und jeder Schriftsteller kann sich dieser Erklärung noch anschließen.

Ich kann und werde diese Erklärung jedoch nicht unterschreiben oder unterstützen, weil ich sie in der vorliegenden Form für falsch halte.

Aber zuerst einmal geht es mir um die Einordnung des "Vergehens" von Helene Hegemann.
Gerade tobt in Österreich eine Rechtsstreit um die Frage, ob ein Autor den Begriff "Lebensmensch" im Bezug auf eine ehemalige öffentliche Person verwenden darf, den der Kläger und "Freund" meinte erfunden zu haben. Nur stammt dieser Begriff von Thomas Bernhard und ein neuer Begriff unterliegt generell nicht dem Urheberrecht, es sei denn er wäre besonders schützenswürdig im Sinne von Markenschutz. Im Fall Hegemann ist der Begriffe "Vaselintitten" eben nicht schutzwürdig oder schützbar und die Übernahme somit erlaubt, wenn auch etwas fragwürdig.
Andere Zitate werden zwar Airen jetzt zugeschrieben, wie das mit dem Koks und dem Klo, aber das meine ich anderswo schon Dutzende Male gelesen zu haben, wenn auch im Wortlaut und im Detail anders. Somit verweist das Zitat eben auf Airen und Airen möglicherweise wieder auf andere Werke.
Bei anderen Stellen ist die Urheberschaft Airens recht deutlich.
Wenn man sich die Liste mit Zitaten zu Hegemanns Buch ansieht, dann machen diese nur einen kleinen Teil des Werks aus. Bei Umberto Eco kann man z.B. Hunderte von Textstellen finden, wo er zitiert oder verweist ohne das kenntlich zu machen, bei Gottfried Benn sieht es oft ähnlich aus, auch wenn Benn und Eco über ein Schlagwort oder einen Begriff/Phrase auf den eigentlichen Urheber verweisen. Das tut Hegemann an mehreren Stellen auch, der Verfasser "so ein Blogger" bleibt aber namenlos. Sie thematisiert aber die Übernahme von Ideen und Textstellen in ihrem Buch, was eben nur selten zu ihren Gunsten angerechnet wird.

In anderen Büchern finden sich immer wieder Halbsätze oder ganze Stellen, wo aus recherchierten Sachtexten übernommen wird, weil diese besonders prägnant und klar formulieren, mal kommt dann der Verweis aufs Werk am Ende oder eben auch nicht.
Ehrlich gesagt kenne ich nur sehr wenige Autoren, die alle Zitate vollständig in einem Zitatblock/ Fußnoten nachweisen, von vor- oder nachgestellten Zitate einmal abgesehen, weil es ein literarisches Spiel ist und ein solcher Zitatblock/Fußnote gar nicht von Publikum, Verlagen und anderen gewünscht ist- trotz Urheberrecht.
Außerdem ist entscheidend, wie die Zitate gesetzt werden: Typisch bei einem Plagiat ist die Verwendung von Zitaten ohne diese in eine eigene Schöpfungshöhe zu kleiden- im Prinzip ersetzen die Zitate eigene Gedanken und werden nur übernommen. Das ist bei Hegemann anders, die verwendete Zitate werden in eine Eigenschöpfung eingebaut und ergänzen diese, statt eigene Gedanken zu ersetzen.
Ich werde in der nächsten Zeit hier eine Kritik zu "Axolotl Roadkill" einstellen, sobald das Buch (und nicht nur Leseprobe plus 30 Seiten Lektüre in der Buchhandlung) bei mir angekommen ist.
 
Aus diesen Gründen halte ich den Begriff "Plagiat" für das gesamte Werk für unpassend, auch wenn sie an einigen Stellen eben wörtliche Passagen übernommen hat. Dementsprechend kann Hegemanns Text durchaus preiswürdig sein, weil es eben mehr ist als nur zusammengekleisterte fremde Textstellen.
Und genau diese Stelle und zwei andere finde ich an der Erklärung unpassend: denn die Leipziger Erklärung müsste, wenn sie wirklich auf das Buch Bezug nimmt (und das tut sie an mehreren Stellen) wirklich abwägen, ob Hegemanns Buch preiswürdig sein könnte und es nicht generell verneinen, alleine mit dem Verweis aufs Urheberrecht. So verzichtet die Erklärung auf eine grundlegende Fairness im Umgang mit der Autorin und dem Text.
Zudem ist es eben nicht "sträflich", wie in der Erklärung angedeutet, dieses Buch zu verteidigen. Denn das Buch zu verteidigen hat nichts damit zu tun, ob man das Vorgehen der Autorin richtig oder falsch findet. Wer das Buch für preiswürdig hält und die Autorin für brillant, sagt eben nicht unbedingt etwas über das Urheberrecht aus.
Und noch eins: Die Verletzung des Urheberrechts kann eben durchaus voller Originalität sein, weil es eben unterschiedliche Arten gibt das Urheberrecht zu verletzen. Eine Parodie von G. Grass Texten mit einigen Texteinsprengseln aus seinen Texten kann eben große Kunst sein, genau wie die Verfremdung einer Werbung oder vieles andere. Die Frage ist immer, mit welcher eigener Schöpfungshöhe man an ein Werk herangeht, ob man die Urheber kenntlich macht (durch Nennung oder durch indirekte Begriffe/Schlagwörter) und mit welchem Ziel man an ein Werk herangeht.
All das fehlt in der Leipziger Erklärung, weil der Verband deutscher Schriftsteller sich hier an die Causa Hegemann anschließt, ohne etwas zu tun, was auch seine Aufgabe wäre: Bei einer Kollegin würde ich hoffen und erwarten, dass man nicht nur mit einem Schlagwort Plagiat an den Text herangeht, sondern sich bemüht fair und sachlich den Vorwurf zu betrachten. Das hat mich sehr geärgert, gerade weil die Kollegin 17 Jahre alt ist und gerade von allen Seiten viel Druck bekommen hat, da muss dann nicht der Verband deutscher Schriftsteller eine ganze Erklärung über das Urheberrecht an ihr und ihrem Buch aufhängen. 

Das bedeutet übrigens nicht, dass ich, wenn es an mir läge, der Autorin für ihr Werk einen Literaturpreis verleihen würde. Letztlich bleibt aber aus meiner Sicht nur der Text, um darüber wirklich eine Entscheidung treffen zu können.  Aber selbst wenn der Text sich richtig für einen Preis anfühlen würde, Bauchgrimmen hätte ich schon bei einer von mir ausgeprochenen Nominierung.

Über einen Roman im Werden...

Im Leben gibt es zu wenig Erfolgserlebnisse, um auf die Feier jedes Einzelnen zu verzichten. Mein Romanprojekt Mitte hat seit heute Mittag einen Prolog, indem ich in den Roman einleite und letztlich auch schon vieles vorstelle, andeute und vorwegnehme. Ganz einfach, weil das scheinbar vordergründige eben nicht immer wirklich vordergründig ist. Es handelt sich gerade um die Zahl von ca. 7-8 Manuskriptseiten, aber es ist der richtige Anfang.
Und wie es so ist, mit richtigen Anfängen, gibt mein Anfang so einiges für den weiteren Text vor, der, wie üblich bei einem Prolog, vor dieser Stelle anfängt und gleichzeitig doch in gewisser Weise diese Einleitung benötigt. Auch wenn es viele Bücher den Lesern glaubhaft machen wollen, eine Geschichte beginnt eben meistens nicht mit einem chronologischen Anfang, sondern manädert sich zu einem Punkt, an dem sich viele Motive und Entwicklungen erst klären- der Prologpunkt.
Beim nächtlichen Spaziergang wurde mir dann auch klar, dass ich nach dem Prologpunkt nicht direkt mit meiner Hauptfigur weitermachen kann, indem ich ihre Geschichte erzähle. Ich muss erst die Geschichte einer Figur erzählen, die am Prologpunkt den Roman und das Leben bereits verlassen hat und doch auf jeder Seite, in jedem Gespräch anwesend sein wird. Hört sich kompliziert an?? Ist es auch. Aber immerhin wird meine Hauptfigur nun als Erzähler diese Geschichte erzählen und damit nach und nach die Handlung des Prologs fundieren, hinterlegen und erweitern. Eine klassische Aufgabe für die ersten Kapitel.
Erst dann wird meine Erzähl-und Hauptfigur ihren zweiten Auftritt haben, bevor ich die beiden Figuren dann zusammenführen kann, um sie wieder zu trennen. Wie es in der Sprache der lieben Kollegen heißt, der erste Wendepunkt.
Interessanterweise ergibt sich nun eine viel breitere und weitere Geschichte, als eigentlich geplant war, die aber unbedingt erzählt werden will. Dinge fließen zusammen, die nicht unbedingt zusammengehören, die sich aber wunderbar ergänzen. Irgendwie entsteht gerade ein Roman, ein Roman im Werden, der es verdient erzählt zu werden.
Ich bin fürchterlich aufgeregt und in Gedanken...

Montag, 15. März 2010

Der Roman im Wandel

Anlässlich des 10. Geburtstagen des Perlentaucher schreibt Thierry Chervel heute im Ententeich (dem Redaktionsblog) eine Fantasie über die Zukunft des Schreibens". Natürlich stellt der Perlentaucher, trotz aller Anfeindungen siehe Wikipedia  längst selber einen Teil der Zukunft dar, indem er klassische Medien verlinkt, kommentiert und bewertet und so bestimmte Debatten erst zugänglich macht, von den eigenen Debattenbeiträgen einmal abgesehen.
Doch wie sieht es mit dem Roman aus? Chervel versucht diese Frage in seinem Blogbeitrag zu beantworten, indem er darauf verweist, dass der Roman das gedruckte Buch eben nicht mehr unbedingt nötigt hat. Nicht gerade neu, diese Erkenntnis. Längst gibt es E-Books und seit vielen Jahren verschiedene Reader für diese E-Books, von der überschätzten I-Pad und Kindle gar nicht zu sprechen. Und es stellt sich die Frage, die ja auch in der Debatte um Helene Hegenmann laut geworden ist, ob der Roman so Chervel als kompaktes, durchaus aber referenzielles Medium wirklich noch seine "Alleinherrschaft" im belletristischen Rahmen behalten wird. Denn dem Roman als Modell stehen nun mit den Blogs, einer vernetzten Kommunikation, und der Wiki, der kollektiven Arbeit einer Gruppe oder Gemeinschaft, neue Schreibmodelle entgegen.
Leider fehlt bei dem Kommentar von Cherval ein wenig der Inhalt, wenn man ehrlich ist. Denn die Erfahrung mit unterschiedlichen Medien ist, dass das eine Medium eben nicht aufhört zu existieren, nur weil es ein neues Medium gibt. Somit wird der Roman, ob nun gedruckt oder nicht, sicherlich weiterbestehen. Die viel interessantere Frage ist jedoch, ob die von Cherval vorgeschlagenen Modelle wirklich etwas relevantes zur Weiterentwicklung der Literatur beitragen können.
Hegemanns Roman mit seinen Quellen (in diesem Fall Blogs), mit seinen Hintergründen zu verlinken, wäre sicherlich interessant. Eine wirklich neue Erkenntnis ist aber daraus nur zu gewinnen, wenn diese Hintergründe im Verfahren des Hypertextes weitere Deutungen und weitere Element zu einem Text beitragen. Einen Roman aus einem Blog oder über einen Blog zu schreiben ist nicht neu, aber durchaus interessant, weil hier Feedback an einem ganz anderen Stadium in die Arbeit hinein getragen wird- es wäre sogar vorstellbar die Leser einzuladen mitzuschreiben, bzw. mit beizutragen.

Modelle mit einer kollektiven Arbeit an einem Text erscheinen wahnsinnig interessant, nur leider gibt es da die ernüchternde Erfahrung, dass kreatives Arbeiten eben nicht über Quellenverweise wie Wikipedia zu belegen ist, und ein komplexes Problem wie das Schreiben kreativer Texte eben nicht so leicht kollektivierbar ist. Denn in allen kollektiven Modellen muss man sich auf einen gemeinsamen Nenner einigen, und das ist leider bei kreativen Arbeiten in der Gruppe oft der kleinste gemeinsame Nenner. Nur bei einem ausgewählten Teilnehmerfeld könnte man sich anders einigen. Hier ist aber das Risiko, dass die Stärken der betreffenden Autoren sich nivellieren und die Schwächen ausbreiten, Und irgendwie benötigt ein Roman ein mehr oder minder strenges Korsett, was durchzuboxen ist- ein solches Verfahren würde sich also für sehr strenge Romanaufbauten mit klarem Sprachfeld und sehr experimentelle Verfahren besonders eignen. Aber im zweiten Bereich ist die Fallhöhe am höchsten...
Also halte ich den Blogroman als Arbeitsweg für interessant, aber schwierig, um letztlich die Kosten wieder einzuspielen. Als Experiment sicherlich aber spannend. Schaun mer mal...

Aktualisierung: David Shields hat ein Manifest verfasst (gefunden über den Perlentaucher) "Reality Hunger", indem es ebenfalls um den Wunsch der Leser nach Realität geht, das aber im Roman nicht befriedigt werden kann- dazu auch Luc Santé "The Fiction of Memory" in der New York Times, der sich mit Shields Manifest und der Idee dahinter beschäftigt.

Sonntag, 14. März 2010

Über die Entdeckung einer Figur

Immer wieder lese ich auf Autorenseiten im Internet, dass meine lieben Kollegen lange Interviews mit ihren Figuren führen, sie auf einer Art Rollenspielbogen mit Aussehen, Fähigkeiten und Fertigkeiten festlegen, mit allerlei lustigen Programmen entwerfen und für die Schreibwelt festhalten. Jedem Kater seinen Katarrh, sozusagen. Ich habe ja schon auf meine Vorliebe für das "Method Acting" verwiesen und möchte nun noch meine schriftstellerische Alternative oder Katarrh vorstellen:
Meine Figuren sind schon lange da, in meinen Gedanken, haben klare Umrisse ohne aber wirklich greifbar zu sein. Irgendwann in einer Überlegung, in einer Idee für eine Geschichte, in einem Moment des Alltags schleichen sie sich in mein Arbeitszimmer und verstecken sich dort. Manchmal treten sie dann hervor und beanspruchen ihren Platz in meinem Schreiben. Wirklich greifbar sind sie meistens aber nicht. Sie haben mit jeder Wartezeit, jeder Überlegung zu ihnen, jedem Gedanken ein bisschen mehr Gestalt bekommen.
Irgendwann lade ich sie dann ein, in ihrem eigenen Text eine Rolle zu spielen. Und ich finde die Figuren immer über meine Hauptfigur (und meistens Ich-Erzähler). Denn ich verzichte auf allzu viel Distanz und lasse mich auf meine Figur ganzheitlich ein, ich erarbeite mir Gestik und Mimik beim Schreiben, die Gedanken und den Sprachrhythmus, die Vorstellungs und Gedankenwelt, mal durch Recherche, mal durch Wahrnehmung oder Erinnerung an Wahrnehmung, immer aber durch den besonderen Tonfall einer Person, wie sie andere sieht und von diesen gesehen wird.
Letztlich begebe ich mich in die Figur und leihe ich ein wenig von mir, um ihr die Gelegenheit zu geben etwas von sich zu erzählen. Natürlich habe ich immer Einfluss auf den Prozess, aber nicht so viel, wie andere Autoren, und nicht so wenig, dass ich eine Figur nicht auch wegschicken könnte.
Wichtig ist mir aber das Gefühl, dass diese Figur stimmig ist, was der Anfang eines Textes bestimmt- nur dann habe ich die Figur und kann ihre Geschichte erzählen.

Der blasse Held... oder die Welten des Hergè

Heute ist im Magazin der Süddeutschen Zeitung der Artikel "Der blasse Held" erschienen, indem sich Lars Reichardt mit Tom McCarthy über Hergè und dessen Figuren unterhält, die wechselnden politischen Ansichten Hergés und die Projektionsfläche des entsexualisierten Berufsjugendlichen Tim für die Leser und den Autor, und warum Hergé in Tibet seine Ängste wiedergefunden hat. Ziemlich interessant und Hergé ist halt Hergé.

Freitag, 12. März 2010

Sehnsucht

Irgendwie beginnt ein Romanprojekt bei mir erst dann, wenn ich den richtigen Anfang (mit all dem, was bei mir damit verbunden ist) gefunden habe. Deshalb kann ich stolz verkünden, dass ich mein Romanprojekt, Arbeitstitel "Halbmittelinksunten" gestern richtig begonnen habe. Und die erste Feststellung zu diesem Romanprojekt ist eine große Überraschung. Denn auch wenn die Figuren, Motive und die Recherche mir eine ungefähre Ahnung gegeben haben, um was es in meinem Romanprojekt gehen soll, so steht doch ein anderes Motiv deutlich im Vordergrund: Sehnsucht.
In der Sprache, im Rhythmus und in allen anderen Bereichen hat sich dieses Gefühl auf die ersten Seiten geschlichen und wird auch von dort nicht mehr weichen. Auch meine Hauptfigur gewinnt langsam nach den geplanten Umrissen langsam Gestalt, indem ich über diese Sehnsucht vieles erfahre, über ihre Art zu sprechen, zu denken und zu fühlen.
Sinnlichkeit ist für mich in der Figurenwahl ein zentrales Motiv, was sich später überall in dem Roman wiederfindet.
Deshalb habe ich nun auch endlich den ganz eigenen "Ton" entdeckt, der diesen Roman und diese Figur ausmachen wird.
Oder anders gesagt: Ich muss zurück an den Text...

Mittwoch, 10. März 2010

Der Markt weiß auch nicht, was er will.

Schreiben ist ein komplexes Problem, indem der Autor viele Hundert unterschiedlich wichtige Entscheidungen zu treffen hat- und jede Entscheidung hat mehr oder minder starken Einfluss auf den Text. Erfolgsmodelle beim Schreiben beruhen auf der Annahme, dass jemand anders bei den meisten dieser Entscheidungen die richtigen Entscheidungen getroffen hat und das diese zu übernehmen, einen gewissen (Mit-)Erfolg bedeuten könnte. Nur leider berücksichtigen diese Erfolgsmodelle nicht, dass der Erfolgsautor und sein Follower (aus der Twittersprache) meistens nicht über die gleichen Talente und Kenntnisse beim Schreiben verfügen, und ein gelungener Roman immer die Themen und Figuren verwenden sollte, für die sich der Autor wirklich interessiert. Die meisten Erfolgsmodelle beruhen auf einer Vereinfachungen, weil eben nur die prägnantesten Elemente eines Erfolgsromans berücksichtig werden und oft auch einige davon "übersehen" werden, bzw. die Reduktion so weit geht, bis ein Einheitsbrei formuliert wird.
Das Alleinstellungsmerkmal eines Textes ist der persönliche Stil des Autors, der aus Dutzenden oder Mehr persönlichen Entscheidungen entsteht, und der bei einem Erfolgsmodell deutlich reduziert oder aufgegeben werden muss. Deshalb wirken viele Romane nach einem strengen Strickmuster seltsam "blutleer", weil eben der Schatten eines bedeutenden Romans nur ein Schatten ist.
In einer kurzfristigen Perspektive lassen sich so durchaus auch Bücher verkaufen, aber auf Dauer fehlen Alleinstellungsmerkmale und man macht sich als Autor beliebig oder austauschbar. Aber die meisten "Schatten-"bücher misslingen einfach.- sie werben keine Leser für den nächsten Roman, weil der Autor eben nicht überzeugen kann, weil er eben nicht seinen Roman verkauft, sondern nur die Abschrift eines Erfolgsmodells, bzw. eines reduzierten Erfolgsmodells. Wer Lust hat solche Schattenbücher zu lesen, sollte sich einmal bei den Historischen Romane reinlesen, wo inzwischen der Großteil der Bücher nachgestrickt wird.
Natürlich bedeutet persönlicher Stil nicht einen automatischen Erfolg, weil ein Autor seine Leser finden muss und von sich überzeugen. Deshalb ist persönlicher Stil einer steten Veränderung unterworfen, aus einer breiten Vielfalt von Erfahrengen, zu denen Leserrezeption ebenfalls gehört, aber eben nicht nur. Deshalb ist die Arbeit am persönlichen Stil immer eine Abschötzung zwischen dem Machbaren und den eigenen Wünschen, den Zielen beim Schreiben, dem Romanthema, de Figuren, den Lesern und vieles mehr.
Aber wer Leser wirklich überzeugt hat seine Romane zu lesen, der kann sie immer wieder davon überzeugen. Das ist Nachhaltigkeit. Nur scheint das gerade in der Verlagsbranche kein wirkliches Thema mehr zu sein. Manche Branchen müssen die Fehler anderer kreativer Branchen wiederholen, wie die der Musikindustrie, die von einer breiten Vermarktung von unterschiedlichen Künstlern irgendwann nur noch internationale Stars verkaufen wollte, die möglichst massengängig (und damit austauschbar) waren. Nur ist das auf Dauer kein Verkaufsargument, und eine Single ist eben kein Album. Und ein Album kauft man aus Überzeugung, eine Single manchmal nur aus Präsenz und ständigem Hörfaktor. Das ist übrigens auch ein Rat an die Zeitungen: Klare Meinungen, deutliche Einordnung, interessante Reportagen aus der Wirklichkeit, deutliche Positionierung, interessante Verweise regional, Kultur und Feuillton, weniger dpa und Austauschbarkeit.
Denn genau das bindet Leser dauerhaft.... und das kann doch gar nicht so schlecht sein, auch wenn es mehr Zeit kostet und etwas teurer ist. 

Dienstag, 9. März 2010

Systemabsturz

Computer können das Leben nur vereinfachen, wenn sie funktionieren. Nur leider haben Computer und die darauf laufenden Programme neben allerlei Infekten, griechische Gäule, Inkompartibilitäten und andere Wehwechchen.
Mein armes Äpfelchen wurde von Systemabstürzen geplagt, weil die Microsoft Tastatur nicht mit dem neuen Betriebssystem wollte und ein neuer Treiber fehlte. Mit dem neuen Treiber nach drei Wochen stürzt es nicht mehr alle drei Stunden, sondern nur alle drei Tage ab. Mein Drucker will auch nicht mehr, trotz neuer Treiber, weil Kyocera nicht will. Und da ist der Vista-Rechner der Arbeitskollegin meiner Freundin, bei dem Norton die Infektionsgefahr durch den User erkannt hat und dessen Eingaben alle blockiert. Und irgendwie will auch der Rechner meiner Freundin nicht mehr so ganz, und das Drahtlosnetzwerk will auch nicht.
Irgendwie sind alle Computer gleichzeitig offline gegangen und haben mindestens einen platten Reifen. Über die Appleseiten und das Betriebssystem dauert es nur kurz den Fehler zu finden, dafür muss aber Tastatur und Drucker weichen, solange keine neuen, funktionierenden Treiber da sind. Bei Vista ist das Antivire- und Firewallprogramm nicht mehr zu deinstallieren, sondern nur die Festplatte zu formatieren- und dann muss man auch noch Hundert Einstellungen per Hand machen. Grrr... Und bei Windows 7 ist eines festzustellen: Hilfe gibt es nicht bei Microsoft, sondern nur bei einigen Anbietern- wenn die es wollen. Ansonsten hoffen, beten und alle Lösungswege einmal ausprobieren, irgend ein abstruser wird schon funktionieren.
Conclusio: Ein Mac ist etwas wunderbares, weil man die Fehler findet. Nur kann man sie nicht beheben, weil die Firmen gerne Hardware verkaufen, aber das mit den neuen Treibern nicht klappt.
Vista und Windows 7 haben vieles von Mac gelernt, nur ist die Fehlersuche unglaublich umständlich und bestimmte Dinge funktionieren wahrscheinlich nur, wenn man das gesamte Nutzerhandbuch auswendig lernt. Ansonsten steht man oft vor einem Problem ohne Lösung und muss immer neue Dinge probieren, immer wieder Rat (in Foren, nicht bei Herstellern oder Anbietern) suchen, bis es dann irgendwann doch funktioniert.

Und das mit der Zeit sparen.. Da brauche ich erst mal wieder drei Monate, bis ich gegen eine Schreibmaschine Zeit spare.

Samstag, 6. März 2010

Der Schwanz wedelt mit dem Hund

Über meine enormen Schwierigkeiten den richtigen Anfang für meine Texte bzw. diesen Text zu finden, habe ich ja schon hinreichend berichtet. Ich bin ein Fanatiker, wenn es den ersten Satz angeht: Da ich von meiner Vorausplanung mit ca. 4 Zeilen anfange und nur die wichtigen Figuren im Kopf habe, brauche ich den ersten Satz und das erste Kapitel um Ton, Thema, Rhythmus und Humor festzulegen, sowie einen Ausgangspunkt für die restliche Geschichte zu haben.
Deshalb brauche ich meistens Tage oder Wochen für den ersten Satz, werfe den aber immer wieder um, bis ich genau den Satz habe, der die Geschichte einleitet. Ich brauche aber bei längeren Texten nicht nur den ersten Satz, sondern auch den ersten Startpunkt und einen ganz eigenen Handlungspunkt, der Figur, Handlung, Grundtheme und vieles mehr vorstellt- und da habe ich auch mal zwei Monate, bis ich dann schreibfähig bin.
Ich finde die interessantesten Ansatzpunkte für meine ersten Sätze übrigens nie, wenn ich vor meinem Computer sitze, sondern an seltsamen Orten, in Gesprächen, unter der Dusche oder beim Spazierengehen,
Gerade versuche ich meinen Roman zu starten, indem ich aktionreich mit einer Szene beginne, die meine Hauptfigur direkt vorstellt, ihre Situation begleitet und Gefühle wecken soll. Das klappt nur leider nicht besonders.
Gestern Abend, mitten im Schneegestöber, auf der Rückreise vom Montsegurstammtisch Köln, kam mir eine Idee, wie ich meine Geschichte anders einleite: Ich werde nicht an dem chronologisch ersten Erzählpunkt beginnen, sondern in der Mitte des Romans- wie viele andere Autoren. Und ich werde an dieser Stelle eine Figur sterben lassen, bzw. deren Sterben an diesem Punkt beginnen lassen und viele wichtige Informationen einfach vorweg nehmen. Weil diese Szene letztlich einer der zentrale Momente meiner Geschichte sein wird, und der geplante Anfang damit nur wenig zu tun hat- also muss ich springen, im Roman und in der Zeit.