Mittwoch, 27. Januar 2010

Feenkotze

Die meisten Problemen lösen sich leider nicht auf, wenn man sie ausgiebig ignoriert. Und genau vor so einem Problem stehe ich gerade: Für meinen Roman "Zwischenleben" habe ich eine Figur gefunden (oder sie mich), die einen ganz eigentümlichen Sprachrhythmus hat, der, bei einem in der Ich-Perspektive erzählten Text, in praktischen jedem Moment spürbar ist und den gesamten Text prägt. Seitdem ich an diesem Roman arbeite, hat sich dieser prägende Rhythmus dieses Textes in die meisten meiner anderen Arbeiten hineingeschlichen. Von bestimmten relativierenden Satzergänzungen wie irgendwie gar nicht zu sprechen.
Bei meinen neuen Projekten seit dem Ende der Arbeiten an "Zwischenleben" wirbelt mir immer noch diese Figur mit ihrem Hang zum rhythmischen Sprechen und der Relativierung aller Sachverhalte die Texte durcheinander. Denn meine neuen Figuren teilen einige Charakterzüge, wenn auch nicht so viele, aber leider auch den unpassenden Textrhythmus.
Feenkotze.
Deshalb muss ich gerade aus meiner hochgeschätzten Ich-Perspektive in eine Er- Sie- Perspektive wechseln. Ich hoffe durch die erzählerische Distanz und der Wahl eines männlichen Erzählers aus dem langjährigen Usus auszubrechen und mich davon frei zu schreiben. Aber es ist nicht einfach. Denn irgendwie (Mist!!!) hat sich das alles wie eine Glasur in mein Schreiben und in meine Selbstlektorierung eingebrannt. Feenkotze halt.
Über die Ergebnisse mit verändertem Erzählergeschlecht und anderer Erzählperspektive werden ich natürlich berichten....

Dienstag, 26. Januar 2010

Art In Performance: Kseniya Simonova

Manchmal findet man in den reichhaltigen weiten des Internets ganz besondere Dinge. In einer Castingshow in der Ukraine tritt Kseniya Simonova auf, in denen sie die Geschichte eines Paares im zweiten Weltkrieg als eine Folge vergänglicher Sandbilder malt. Sowohl ihre Kunstfertigkeit, die Schnelligkeit, als auch die Kraft ihrer Bilder ist einfach beeindruckend. Aber ohne große Worte:

Freitag, 22. Januar 2010

"Literatur kann heilen"?

Dieser Satz taucht immer wieder mal in Gesprächen über Literatur auf und scheint eine Art "Heilsversprechen" für Leser zu versprechen. Nur kann eine Kunstform wie die Literatur wirklich heilen, oder steckt in diesem Begriff eine Art ideologische oder religiöse Verklärung der "Bücherwürmer" des G.E.Lessing, die in der Literatur etwas zu finden glauben, was gar nicht vorhanden ist?
Etwas zu heilen ist zuerst einmal ein physischer Vorgang, bei dem eine bestehende Wunde mit Hilfe eines Arztes (oder einer anderen Person) durch Balsams oder Medizin vollständig geschlossen wird und ausheilt. In der Literatur, mal von medizinischen Sachbüchern über die Wundversorgung einmal abgesehen, kann es nicht um einen physischen Vorgang gehen, sondern immer nur um einen geistigen Vorgang. Somit soll also keine Wunde im physischen Sinne, sondern eine psychische Wunde geheilt werden, die Menschen oft viel länger begleitet, als eine physische.

Inzwischen gibt es eigene Wissenschaften und wissenschaftliche Theorien, die sich mit diesem Thema beschäftigen, von der Gehirnforschung, der Psychologie und Verhaltensforschung bis hin zu medizinischen Traumaforschung und vielem mehr. In allen diesen Wissenschaften wird das Thema aus unterschiedlichen Sichtweisen betrachte und beurteilt und es werden verschiedene Ansätze und Theorien zu seiner Lösung entwickelt.
Interessanterweise wird in ganzheitlichen Ansätzen und Theorien zu psychischen Krisen und Traumatas immer wieder auf eine künstlerische Gestaltung als Teilaspekt der Behandlung zurückgegriffen. Eine der Grundideen dieser Kunsttherapien z.B. in psychiatrischen Kliniken ist die Feststellung, dass Psychiatriepatienten über die Kunsttherapie ihre eigene Situation und ihre Selbsteinschätzung spiegeln, das sie beschäftigt werden und über die eigene Leistung (und händige Arbeit) nach und nach sich mit dem eigenen Leben, dem Trauma und dem Selbstbild auseinandersetzen. Darüber hinaus haben die Therapeuten einen Gesprächsansatz nahe an der persönlichen Situation ihrer Patienten und können gezielt die einzelnen oben genannten Bereiche ansprechen. Somit scheint es zumindest nicht ausgeschlossen zu sein, dass Kunst in solchen Fällen zur Heilung zuträglich sein kann, wenn sie Ansätze und Möglichkeiten zur Selbstreflektion und zum Verständnis der eigenen Situation bietet.

Über diesen Ansatz hinaus wird aber auch mit anderen künstlerischen Mitteln in der Therapie gearbeitet. Das beginnt mit einer Buchempfehlung für die sogenannte "Betroffenheitsliteratur". Bei diesen Texten handelt es sich um die in Schriftform gestaltete eigene Auseinandersetzung mit einem psychischen Problems der Traumas, also der Schilderung des eigenen Umgangs und der eigenen Erfahrungen damit, meist stark mit den persönlichen Gefühlen des "Betroffenen" verbunden. Das kann sicherlich zum Verständnis der eigenen Gefühle, der eigenen Situation und Möglichkeiten beitragen und sicherlich kann das Schreiben oder Lesen eine entlastende Funktion haben, das Gefühl vermitteln andere verstehen mich und ich bin nicht allein. Vielleicht kann man sogar so die eigene Krankheit in Worte fassen, als Vorstufe des Begreifens. Aber letztlich werden meist die eigenen Vorstellungen verfestigt, bestärkt und nur selten in Frage gestellt. Somit kann es keine Heilung beinhalten, kein wirkliches Neuverstehen.
Denn "Betroffenheitsliteratur" dient nur dem Verständnis des Ichs, nicht der Umgebung und der Menschen in dieser Umgebung oder einer intensiven Beschäftigung. die eben über das eigentliche Krankheitsbild hinaus geht. Zudem wirken viele Werke der "Betroffenheitsliteratur" recht einseitg, weil sie eben sehr stark mit den persönlichen Gefühlen und Ansichten der "Betroffenen" verbunden sind, wenig offen für andere Meinungen, Haltungen, Erfahrungen und mehr und weil sie eben künstlerisch meist wenig ambitioniert sind.

Literatur wird aus solchen Texten erst, wenn die "Betroffenen" sich aus der persönlichen Schilderung lösen, also Distanz zum eigenen Erleben gewinnen, und über die eigenen, direkten Erfahrungen hinaus Einsichten gewinnt und zwar eben auch auf künstlerischen Wege.

Literarische Texte über ein Trauma oder eine Krise setzen aber nicht voraus, dass der Autor ein "Betroffener" ist, 
Grundbasis eines literarischen Textes ist immer die Gefühlswelt der Autors, der seine eigenen Erfahrungen (direkt, indirekt) verwendet, um sich in die Situation der verschiedenen Figuren hinein zu versetzen. Literatur versucht oft etwas auszusprechen, in Worte einzukleiden, aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten und zu spiegeln, auf unterschiedliche Weise anzusprechen, was dem Autor am Anfang unfassbar (im Sinne von nicht mit Worten fassbar) erscheint. Sich an so etwas auf diese Weise heranzutasten, kann helfen die eigenen Meinungen und Haltungen zu hinterfragen- sowohl beim Autor, als auch beim Leser.

Manchen Roman gelingt es nicht dem Leser neues zu vermitteln oder ihn dazu zu bringen, Dinge aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Das kann am Text liegen, an der künstlerischen Bearbeitung, Figuren, Themenwahl, Struktur,... oder es liegt am Leser. Literarische Texte sind immer nur Angebote an den Leser, der sie annehmen oder ablehnen kann, nicht jeder Text und Leser sind kompartibel, nicht jede Herangehensweise für jeden Leser geeignet.

Manchmal kann durch einen Roman die Situation entstehen, dass man aus einem Roman etwas über sich selber und die eigene Situation gewinnt, was einem hilft über die eigenen Standpunkte hinauszugehen. Indem man in einem Text Worte für die eigene Situation findet und über diese Worte die Situation anders wahrnimmt. Das kann Krisen, Wunden und Leid anders fassbar machen und die eigene Haltung so verändern, dass man die Krise, Wunde oder das Leid anders begreift. Das ist keine Heilung, sondern eine Erkenntnis. Und das ist der Unterschied.

Mittwoch, 20. Januar 2010

"Schreib über das, was du kennst..."

Wenn man diesen oft zitierten Satz einmal richtig ernst nimmt, ist er eine ziemlich offensichtliche Weisheit. Denn kennen ist eben etymologisch mit "sich bekannt machen" verwandt. Somit bedeutet "Nur über das Schreiben, was man kennt" letztendlich, dass man über alles schreiben kann, was man selber kennt (1.Grad), was man über eine zweite Person indirekt erlebt (und weiterrecherchiert) hat (2.Grad), was einem erzählt wurde und was man gesammelt hat (und nachrecherchiert) (3.Grades), was man noch nicht "gehört" hat und über das man sich informiert (4. Grades). Kennen bedeutet dann sich mit einer Sache bekannt zu machen und dabei über den oberflächlichen Blick hinaus in diese Sache einzutauchen, z.B. über verschiedene Rechercheformen, bis man sich mit einer Sache auskennt und über das übliche hinaus darin eingetaucht ist.

Nur ist Recherche nicht unbedingt einfach, weshalb z.B. an der Uni ganz intensiv auf dieses Thema eingegangen wird. Das beginnt mit dem Startpunkt einer Recherche, geht weiter mit Standartwerken, mit dem Unterschied von gesicherten Wissen, Theorien, Annahmen und Spekulationen, mit der Bewertung und Absicherung, usw. Es geht weiter mit Interviewtechniken (Empirische Methode), Arten der Selbstdarstellung, Berufsbilder, Vorurteile oder verfestigte Meinungen, ....
Deshalb ist es oft leichter, wenn man sich an selbst erfahrenes Wissen anlehnt, wobei das eben nicht unbedingt eigene Erfahrungen sein müssen, und von diesem Ansatzpunkt an recherchiert, weil man hier vieles selber Gegenprüfen kann. Als Student einer Fachrichtung kenne ich mich z.B. mit vielen grundsätzlichen Dingen über ein Studium aus und kann gezielt bei anderen Fachrichtungen nachrecherchieren und so ein überzeugendes Studienumfeld darstellen, auch wenn ich es nicht aus eigener Erfahrung kenne.
Schreibe ich aber über die Berufspraxis eines mir unbekannten Fachs, dann habe ich nur wenig eigene Erfahrung damit, und muss umfangreicher recherchieren. Somit muss ich für jeden "Grad", den ich nicht kenne, meine Recherchebemühungen vervielfachen, damit ich z.B. bei einem Land in meinem Roman über den ersten Anschein hinaus das Land kennenlerne, bestimmte politische, kulturelle und soziale Strukturen, Aufbau von Verwaltung, Lebensweisen und Lebensformen kennenlerne und soweit kenne, dass ich dort eine "authentische" (im Sinne von überzeugende fiktionale) Darstellung liefern kann.
Dabei sollte man beachten, dass eine solche überzeugende, fiktionale Schilderung letztlich einfacher ist, wenn die Leser sich nicht so in diesem Land auskennen, bzw. mal als weiteres Beispiel in der Zeit. Dann neigen viele Leser eben dazu Dinge ungeprüft erst einmal zu glauben oder mit ihren eigenen Vorstellungen (Ach das lustige Ritterleben) manches einfach zu glauben, was eben nicht richtig ist, solange es zumindest überzeugend geschildert ist und sich an Fakten oder an oder gegen Voruteilen entlang hangelt.

Genau deshalb ist dieser Satz übrigens eine recht offensichtliche Weisheit: Denn je besser ich z.B. ein Land kenne, desto mehr Wirklichkeit, Erfahrungen und Recherchewissen habe ich, um es überzeugend darstellen zu können. Direkte Erfahrung ist leichter, aber nicht zwingend erforderlich, solange ich gut recherchiere. Überzeugende Lügen basieren eben auf einer leicht variierten Wahrheit, auf geschickten Umgang mit Vorurteilen und einer sehr gelungenen Darstellung. Das ist aber ein anderes Thema.

Sonntag, 17. Januar 2010

Warum ich nicht meine Romane erfinde, sondern sie mich

Am Anfang eines Romans steht immer einer Figur oder eine Idee. Wenn beides in den ersten Tagen oder Wochen wächst, wird erst klar, wohin der Weg geht- bei mir zumindest. Denn ich bin einfach unfähig meinen Roman vorher durchzuplotten, statt dessen warte ich ab und dann passieren komische Dinge.
Die Grundidee meines Romans ist mit gekommen, als ich mit dem Hund spazieren war und eine Lichterkette gesehen habe. Der erste Satz stammt aus einem Moment, als meine Freundin mit dem abgerissenen Staubsaugerrohr vor mir stand. Heute habe ich an einem Trecker gestanden, der gerade ein Auto aus einer Senke geholt hat, dass es nicht mehr durch den Schnee geschafft hat, und habe zwei weitere zentrale Momente meines Romans entdeckt, die mich schon seit zwei Jahren auf unterschiedliche Weise beschäftigen. Und ich recherchiere gerade recht umfangreich eine Figur, indem ich mir über ihre Musik, ihre Vorlieben, über bewegte Bilder und mehr mich annähere... und dann entdecke, dass da einiges an Text schon da ist. Und noch interessanter: Im Moment kommen ständig Fernsehberichte über verschiedene Elemente meines Textes, Ideen und anderes, was sich irgendwie direkt oder indirekt mit meinem Text beschäftigt.
Und aus all dem entsteht gerade meine Figur, wird klarer, mit jedem Wort und jeder Recherche, aber auch mit Spaziergängen und vielem mehr, und die Handlung wächst.
Irgendwie suche ich mit meine Geschichte nicht wirklich aus, sondern ich finde nur heraus, dass sie mich längst gefunden oder erfunden haben.

Donnerstag, 14. Januar 2010

Dimension eines Konflikts oder Konflikt, Konflikt, Konflikt

In den meisten Schreibratgebern findet sich irgendwo der Hinweis: Konflikt, Konflikt, Konflikt. Denn gerade wenn Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen, Vorstellungen und Zielen aufeinander treffen, dann wird es interessant, egal ob diese Menschen miteinander oder gegeneinander arbeiten. Ein Dialog zwischen glücklich Verliebten ist nämlich nur für diese wirklich interessant, eine harmonische Diskussion ebenso.

Nur leider ist diese einprägsame Sätzlein trotzdem für das Schreiben nur wenig brauchbar, wenn man nicht eine weitere Dimension dazunimmt. Denn eine der Erfahrungen als Leser ist, dass die meisten Konflikte einmal abgefrühstückt werden und dann als warme Luft noch einmal auftauchen, wobei unendlich viel zu einem Scheinkonflikt aufgebauscht wird.
Wenn ich zwei Figuren in eine Romance verstricke, die an einem Punkt anfängt, und die am Ende des Buches vollendet sein soll, dann neigen viele Autoren dazu ein paar Scheinkonflikte aus einem der vielen Drehbuchratgeber einzusetzen: Der Rivale und die Rivalin, Kulturschock,.... Nur leider sind diese Konflikte Scheinkonflikte, weil sie nie wirklich die Romance gefährden und durch eine minimale Handlung oder Überspielung letztendlich nur eine reartierende oder verzögernde Funktion haben (und ja ich liebe Dopplungen).
Ein anderer Fall sind die großen Konflikte, die letztlich an einer Stelle des Romans unüberwindlich scheinen und letztlich auch gar nicht überwunden werden. Da wird der Helding von einer Figur Leid angetan, das die meisten Menschen über Jahre beschäftigten würde und ihr gesamtes Leben auf den Kopf stellen und drehen. Aber die Heldin gelingt in einer Therapiesitzung mit ihrem Geliebten ihre Ängste zu überwinden, Liebe überwindet ja alles, und noch einmal taucht warme Luft auf, wenn das Thema dünn ohne Salz aufgekocht wird.
Und genau hier wird der Dreisatz: Konflikte, Konflikte, Konflikte zerstört, denn es handelt sich meistens in Texten gar nicht um Konflikte, sondern um Scheinkonflikte. Und die sind meistens nicht sonderlich spannend: Die meisten Leserinnen von Frauenliteratur werden mir zustimmen, dass sie die Konflikte gar nicht mehr ernst nehmen, sondern sich statt dessen auf andere Dingen konzentrieren.
Die weitere Dimension, die Konflikte in einem Text brauchen sind sowohl Aufbau und Wirkung. Das beginnt damit, dass ein Konflikt eben nicht in einer Szene eingeführt und zu einem Höhepunkt gebracht werden sollte. Denn Konflikte müssen aufgebaut werden, indem sie vorgestellt werden, dann ihre Wirkung auf verschiedene Ebenen der Person verdeutlich werden, bevor sie an einem Beispiel (oder mehreren) durchgegangen werden (Konfliktlösungsstrategien), dann werden die Nachwehen des Konflikts gezeigt, die Veränderung der Figur und der veränderte Umgang mit dem Konflikt.. Somit wird der Konflikt eben von dem Motor einer Szene zu einer eigenen Nebenhandlung mit direkter Auswirkung auf die Haupthandlung.
Als Beispiel: In einer Romance kann man z.B. über das Kind eines der Beteiligten, das sich gerade in der Pubertät befindet, eine ganze eigene Deutungsebene zu der Romance der Eltern einbauen, und die Haltung des Kindes sich über die Zeit und Anstrengungen verändern lassen, und es dabei wirklich ernst nehmen. Somit hat man viel Raum für eine interessante Nebengeschichte und Figur, Wirkung auf die Hauptgeschichte, eine weitere Deutung der Hauptgeschichte die von den anderen abweicht, und eine eigene Teeniegeschichte, die ebenfalls hilft den Roman breiter aufzustellen.
Somit müsste man zu dem obigen Satz ergänzen: Nimm deine Figuren und ihre Konflikte ernst, und gebe beidem genug Raum, damit sie sich entfalten können.

Montag, 11. Januar 2010

"Ein richtiger Schriftsteller"

Petra hat für ihren Blogartikel "Parallelwelterfahrung" einen Artikel aus der NZZ gefunden: "Ein richtiger Schriftsteller oder Ein Talent setzt sich durch". In diesem Artikel beschreibt Oleg Jurjew die Aufstiegsgeschichte eines Schriftstellers mit der richtigen Herkunft in der Sowjetunion und dem weiteren Karriereverlauf im Übergang von Sowjetunion, Perestroika zum modernen Russland. Wem die Ratschläge des Sowjetschriftstellers bekannt vorkommen, der mag sich grinsend zurücklehnen und das entweder auf eine linke Kulturtradition im Bereich Literatur schieben, auf die Kapitalisierung des Buchhandels, auf parallele Entwicklungen im Bereich Publikum (Schnelldreher bei den Buchhandelsketten und Zensur in Russland (Hüstl....), auf die Globalisierung der Literatur, auf gewandelte Selbstbilder von Schriftstellern (nur wer gut verkauft, ist ein richtiger Schriftsteller), auf Individualitäts- und Gruppenphänomene und vieles mehr. Vielleicht ist es auch alles zusammen. Interessant ist es aber doch, dass die gleichen Ratschläge von älteren, arrivierten Schriftstellern an weniger angepasste Schriftsteller weiter gegeben werden. Eine interessante  "Parallelwelterfahrung" halt, wie Petra es geschrieben hat.

Sonntag, 10. Januar 2010

Apple, Unfug und so weiter

Wie eifrige Leser meines Blogs bereits wissen, habe ich vor knapp zwei Jahren meine Computerhardware auf Apple umgestellt. Auf die ständigen Arbeit an der Windowsarchitektur und die vielen Probleme hatte ich einfach keine Lust mehr. Ich wollte das Gerät anmachen und schreiben.
Nun, seit der Systemumstellung auf Schnee-Leopard habe ich entdeckt, dass auch Apple-Rechner abschmieren können und das sie das auch gerne mal öfter tun. Das ganze nennt sich dann Kernelfehler. Der Rat von Apple: Alles updaten und dann bei weiteren Problemen neu installieren. Nun, Recherche ist nun einmal alles: Ich habe also nach Hilfe gesucht und gefunden. Das Problem heißt wieder mal Micro****. Meine ergonomische Tastatur und die dazugehörige Software führen unter dem neuen System eben zu Systemabstürzen. (Und es ist so eine wunderbare Tastatur....)
Also arbeite ich mit meiner Ersatztastatur, die von einem anderen Hersteller ist und weniger störungsanfällig, zumindest hoffe ich das. Und habe eines daraus gelernt: Software eines bestimmten Herstellers führt auf meinen Rechnern immer wieder zu Abstürzen. Also einfach weit genug ausweichen. Nur eine andere Systemarchitektur reicht nicht aus. Mist.

Die Dinger heißen Schreibtisch, weil man vor ihnen sitzen muss

Mein innerer Schweinehund liegt nach einem ausgiebigen Spaziergang neben dem anderen Hund im Korb und röchelt noch ein wenig. Wobei, vielleicht ist es auch der andere Hund, der gerade die unangenehme Erfahrung von Schnee zwischen den Zehen macht. Auf jeden Fall hat er heute nach dem Spaziergang endgültig kapituliert.
Nun gut, ich habe gestern meinen ersten Satz auf einem riesigen Haufen Elektroschrott gefunden, den meine Freundin "produziert" hat. Und da war er einfach da, nachdem ich seit einer Woche versuche den richtigen Anfang zu finden. Und wie immer in solchen Fällen, der erste Satz war irgendwie schon der Beginn der Szene, die Einführung der Figur und der Einstieg in meinen Text. Er brauchte nur ungefähr vierzig Versionen, Versuche, den richtigen Klang, die Folge und vieles mehr.
Nun habe ich die erste Szene zu diesem Satz auf meinen Fingerspitzen gefunden und ehrlich gesagt, die war da schon die ganze Zeit. In Gedanken habe ich experimentiert, versucht, geplant, umgeworfen, aber ich habe es halt nie mit dem Schreibtisch und der Tastatur versucht. Oder anders gesagt: Ich habe mir mal wieder Zeit gelassen, um die Lösung zu nehmen, die von Anfang an da war.
Vielen Dank übrigens an You-Tube, die mir vielerlei Recherchearbeit mal wieder abgenommen hat, indem ich dort auf die Recherche anderer getroffen bin.
Ich bin also an meinem alten Schreibtisch in der neuen Wohnung endlich angekommen und habe diesen Ort mit einem Anfang richtig eingeweiht. Immerhin das beruhigt mich ungemein.
Denn wie viele andere Schriftsteller hatte ich ein wenig die Befürchtung, das Schreiben wäre nicht mehr da. Nun, es war nie weg. Es hat nur geschlafen, während ich geschlafen habe und ihm keinen Raum gegeben habe.
Also werde ich nun viel arbeiten, versprochen, und meinen Worthülsen Inhalt einblasen, damit ich mich wieder einfinde, hier, vor meinem Schreibtisch. Denn Schreibtische, die meisten zumindest, sind zum davorsitzen und schreiben.

Dienstag, 5. Januar 2010

Ein paar Schritte nach vorne, einige zurück

Ich habe gestern sehr lange mit dem Anfang gekämpft, ein Phänomen, welches regelmäßige Leser meines Blogs sicherlich schon bei mir kennengelernt haben. Die Figuren und die Handlung müssen eingeführt werden, der unheimlich wichtige erste Satz muss da sein, und nicht zu vergessen, ich muss mich in meine eigene Geschichte hineinfinden.
So habe ich nun die erste Seite geschrieben, in knapp acht Stunden und werde sie gleich komplett neu schreiben- weil ich aus der Szene die Erkenntnis gewonnen habe, was ich wirklich brauche. Und das ist natürlich noch einmal ein wenig anders, weil es besser passt, dramatischer ist und meine Figur stärker einführt. Aber so ist das oft mit meinen Anfängen. Ich brauche eine Zeit. Aber das ist nicht so wichtig. Wichtig war es einen Anfang zu machen.

Sonntag, 3. Januar 2010

Aus der Recherche

Seit ungefähr fünf Stunden habe ich die Grundrecherche für mein Buch abgeschlossen und mir geistig eine ganze Reihe von Nachrecherchen aufgelegt, um mein Thema wirklich in den Griff zu bekommen. Nun habe ich nur das Problem, dass mir die Recherche letztlich den eigentlichen Anfang verkleistert hat. Denn irgendwie passt die ursprüngliche Idee nicht mehr zum eigentlichen Text, bzw. ich habe eine ganze Reihe anderer Ideen ausgebrütet. Oder anders gesagt: Die Qual ist, dass ich mich nun zwischen einer ganzen Reihe Ideen entscheiden muss. Schwierig.
Gerade weil meine Figur eigentlich nur eine Idee verträgt... aber die Recherche... Nun, das eigentliche Problem der Recherche ist immer, dass zuviele Informationen deutlich von der ursprünglichen Idee ablenken können. Mist.

Freitag, 1. Januar 2010

2009...

"Wir sollten darauf achten, einer Erfahrung nur so viel Weisheit zu zugestehen, wie in ihr steckt, aber nicht mehr, weil wir uns sonst wie eine Katze verhalten, die sich auf eine heiße Herdplatte setzt. Sie setzt sich nie wieder auf eine heiße Herdplatte, das ist richtig, aber sie setzt sich auch nie wieder auf eine kalte Herdplatte." (Mark Twain: Following the Equator, Kapitel 11)

Immer, wenn sich ein neues Jahr unter dem Getöse des Schwarzpulvers und der Effektkugeln erhebt, ist das letzte Jahr schon in allerlei Mediengewittern und Sondersendungen abgefrühstückt. Die prominenten Verstorbenen der Zeitgeschichte werden noch einmal vom Sendungslicht erfasst, allerlei Ereignisse nachträglich bewertet und eingeordnet und Ballast abgeworfen.
Nun, die Literatur ist deutlich langsamer und muss es auch sein. Eine Krise kann man erst bewerten, wenn sie vorbei ist. Besinnung kostet Zeit, genau wie die richtige Einordnung von Dingen. Niemand kann jetzt schon abschätzen, wie die Zeit mit den prominenten Verstorbenen umgehen wird, denn Namen und Taten vergehen genau wie die Körper. Unsterblichkeit entsteht erst in vielen Jahren, wenn ein Verstorbener neu entdeckt wird, wenn er neu entdeckt wird. Deshalb ist es fahrlässig schon über das Jahr 2009 zu sprechen und dennoch wichtig, wenn man bei den richtigen Themen bleibt.

Für mich war 2009 ein Jahr, indem mein Studium endlich erfolgreich zu Ende gegangen ist. Wenn man wie ich fast 10 Jahre für ein Studium aufgewendet hat und über eine Krise das Studium trotzdem zu Ende bringt, ist das Ende vielleicht ein wenig zu unspektakulär gewesen. (Auch wenn die Noten mehr als in Ordnung waren). Wichtig war die Erfahrung eine solche Sache zu Ende zu bringen und in der Bewährung die eigene Kraft neu- und wiederzuentdecken.
Privat bin ich mit meiner Freundin zusammengezogen und habe einen Schatzehund bekommen- auch eine eigentümliche Erfahrung.
Gleichzeitig habe ich in 2009 als Schriftsteller eine schwere Krise durchgemacht, wie schon so oft. Denn über das Studium und das Zusammenziehen (samt Renov- und Sanierung) habe ich das Schreiben schleifen lassen, sowohl im Blog, als auch schriftstellerisch. Wissenschaftliches und literarisches Schreiben blockiert sich bei mir. Zudem blockiert sich offensichtlich auch mein langjähriges Romanmanuskript mit der Wende in meinem Studium.
Nun, Erfahrungen machen nur klug, wenn man etwas aus ihnen lernt. Ich habe Monate gebraucht, um endlich ein Thema zu finden, dass zu mir als Schriftsteller passt- auch wenn ich lieber ein anderes Thema geschrieben hätte.
Offensichtlich sind meine Gedanken als Schriftsteller nur mit bestimmten Themen kompartibel. Ich hatte diese Erfahrung schon vor acht Jahren gemacht und noch einmal vor zwei Jahren, gelernt habe ich es hoffentlich jetzt endlich.
Diese Krise war nicht sinnlos, denn Krisen sind nie sinnlos. In den vielen Monaten des Nichtschreibens habe ich immer wieder bemerkt, welcher Teil meines Lebens fehlt...
Die Anerkenntnis, dass ich ein Schriftsteller bin und das nie wieder leugnen kann, ist wichtig und richtig. Ich werde in meinem Leben alles machen können, solange ich schreibe. Geerdet hat mich ausgerechnet mein Brotberuf, den ich vor meinem Studium gelernt habe und in den ich für drei Monate zurückgekehrt bin. Schreiben beleuchtet die Dinge, für die man solange blind ist, bis man sie wirklich sieht.
Seit einer Woche arbeite und recherchiere ich an einem Thema, dass mich schon seit Jahren auf verschiedene Weise und in verschiedenen Texten beschäftigt hat. Mir fehlte nur die richtige Figur und das richtige Grundthema, um all das zu verbinden, bis mir beides vor einigen Tagen in den Schoß gefallen ist. Es ist ein literarisches Thema, ein humorvoll-tragisches Thema, dass ich mir gerade erarbeite... und das auf vielfältige Art mit Dingen aus meiner Vergangenheit und Gegenwart verbunden ist, ohne meine Geschichte zu sein. Aber ich habe so viele Fragen an das Thema, dass ich fasziniert darauf blicke, und endlich bemerke, wie sehr mir ein solches Thema gefehlt hat.
Nun, ich werde es schreibens erforschen.

Zur eigentlichen "Krise" aber noch ein paar Worte, da sie mich natürlich auf vielfältige Weise anrührt und berührt.
In einer Krise entsteht immer etwas neues- ein zukünftiger Erfolg oder Misserfolg. Nur muss man diesen Erfolg auf vielfältige Weise vorbereiten. Und genau das fehlt in dieser Krise. Nichts wurde geändert, die grundlegenden Entscheidungen sind genau gleich geblieben.... als wären nicht Hunderte von Milliarden reelen und virtuellen Geldes verschwunden. Weder Politik, noch Gesellschaft oder andere Gruppen haben sich besonnen und anscheinend etwas gelernt. Das ist die wahre Katastrophe. Denn die Politik hat den Banken das Signal gegeben, dass sie sie bei allen Schwierigkeiten auffangen werden und ihnen gleichzeitig keine Beschränkungen auferlegt. Die Politik hat an keiner Stelle entgegen gesteuert und hat in ihrem großen Krisenprogrammen viel gemacht, nur wenig aber richtig und konsequent.
Tragisch ist dabei im Besonderen, dass nur die kurzfristige Bewältigung der Krise im Mittelpunkt statt. Es wurde abgewrackt, generell, und nur das bestehende schön ersetzt, wenn es denn ersetzt wurde. Eine veränderte Kultur für Existenzgründer, inkl. eine professionalisierten Vorbereitung für die Existenzgründer, ein Ergänzung des Insolvenzrecht, eine Beschränkung für unbezahlte oder schlechtbezahlte Praktikas, eine Verbesserung der schulischen und universitären Ausbildung, eine Professionalisierung der Agentur für Arbeit, ein neues Steuerrecht oder grundlegende Reformen fehlen. Kein gutes Zeugnis für die jetzige und letzte Bundesregierung.
Gleichzeitig und vielleicht noch interessanter ist aber eine andere Erkenntnis. Politik setzt schon länger kaum noch Weichenstellungen, es ist eine angenehme Illusion, dass es so sein könnte. Die Politik folgt ihren eigenen, oft absurden Realitäten und spiegelt längst keine Gesellschaft mehr wieder. Sie folgt mit ihren Entscheidungen meist nur Entwicklungen, die längst vorhanden sind.
In diesem Sinne sind längst von anderer Seite weichen gestellt worden, die in die obige vorgeschlagene und alle anderen Richtungen gehen. Pluralität bedeutet, dass nicht ein Weg der Richtige ist, sondern dass man viele Wege gehen kann, von denen einige am Ziel ankommen und andere nicht.
In diesem Sinne wird geschehen, was geschehen soll und es ist gut.

Deshalb ist auch die Buchkultur nie wirklich in Gefahr gewesen und wird es auch nicht werden, weder durch Google, noch durch die veränderte Realitäten der Verlagsbranche, noch durch das angedrohte Zeitungssterben.
In der Musikbranche werden die Talente nicht mehr durch die Talentspäher entdeckt, sondern durch das Publikum auf Youtube und Facebook und dann von den Plattenfirmen. Google wird Realitäten bei der Digitalisierung setzen und andere werden folgen. Und irgendwie werden die Autoren irgendwann neben den vielen Gefahren auch die Möglichkeiten sehen und sich selber direkt an das Publikum wenden. Alles verändert sich, und das ist eben nicht nur schlecht. Es wird immer erst schwierig, bevor es anders wird und dann wieder schwierig. Das soll nicht bedeuten, dass es nicht wichtig ist sich zu organisieren und etwas zu unternehmen. Im Gegenteil: Nur blind sollte man nicht werden. Das bedeutet, dass man gegen Google und die Buchdigitalisierung sein kann, und gleichzeitig von Google lernen kann...

Oder anders gesagt: 2010 wird nicht einfacher. Aber gerade in der Krise liegen die Chancen....