Donnerstag, 30. Dezember 2010

Im Rückblick ist der Winter immer weiß...

Immer am Ende eines Jahres kann man Bilanz ziehen, kurz vor der Steuererklärung, um sich an das Gute und Schlechte des letzten Jahres zu erinnern. Man muss aber nicht. Denn eine Bilanz zu ziehen ist eine ziemlich buchhalterische Ansicht der Welt... aber gleichzeitig auch eine schöne Art sich noch einmal zu erinnern.
Als Schriftsteller ist es wichtig sich zu erinnern. Denn Schriftsteller sind die Chronisten ihres Lebens und ihrer Zeit, wenn auch in einer sehr subjektiven, eigenwilligen Form. Sie versuchen das Eigene in Worte zu fassen, um in dem Eigenen das Allgemeine zu finden. Ihr Arbeitsmittel ist die Sprache, das Raunen der Worte, die sich stetig wandelnde Bedeutung der Sprache, die neuen und alten Worte. Vielleicht muss deshalb eine Bilanz eines Schriftstellers vor allem aus Worten bestehen, die sich mit der Niederschrift verändern.

Als das Jahr begann, war es nicht nur der Schnee in den Gärten, die es mit aus dem vorherigen Jahr brachte. Allerlei Dinge waren für mich offen geblieben, in meinen Gefühlen, aber auch in den Plänen für das Jahr.
Mein Studium hatte ich schon Monate vorher abgeschlossen, mir einen Nebenjob gesucht, in Erwartung und Befürchtung des Berufseinstiegs, der sich immer weiter heraus zögerte, eine weitere Warteschleife. Mein Großvater war im Oktober 2008 gestorben, und für mich, mehr als nur der Mann, sondern auch eine ganz eigene Welt untergegangen, deren Überrest mein Großvater in den letzten Jahren geworden war. In seinen Akten, Unterlagen, Photos habe ich so viele Dinge gefunden, die meiner Welt so fern waren. Und die doch notwenig waren, um ihn zu verstehen. Und auch persönlich hatte sich vieles in den letzten Monaten des Studiums verändert. Deshalb war dieses Jahr irgendwie mit Hoffnungen und Befürchtungen so beladen, wie die Dächer im Februar im Schnee.
Irgendwie hat das Jahr beides erfüllt. In den ersten Monaten schien alles erstarrt, auf eine wenig schmeichelhafte Weise für mich. Nach und nach hat sich dann das Gefühl durchgesetzt, dass das Studium zu Ende ist und eine neue Zeit anfängt, eine neue Chance. Gerade das Gefühl einer Chance war eine große Veränderung. Nach und nach bin ich dann ein wenig aus meinem bisherigen Ich heraus gewachsen. Eine recht befremdliche Erfahrung, um ehrlich zu sein.

Nur welche Bedeutung hat das alles für das Schreiben. Das war mir in dieser Zeit nicht wirklich klar. Denn wenn der Autor sich verändert, muss das Schreiben dies auch. Nur gibt es da eine kleine Gemeinheit. Was der Verstand weiß, braucht immer noch eine Zeit, damit es sich in der Arbeit umsetzt.
Also habe ich eine recht lange Zeit weiter an einem Romanprojekt gearbeitet, indem die Dinge der vorherigen Jahre irgendwie auftauchten, aber meine Veränderung noch nicht. Nicht unbedingt ein Kompliment für den Schriftsteller in mir. Und wie es bei den letzten Projekten schon war, irgendwie muss ich mehr planen.
Mitte des Jahres schien es dann so, als würde mein Leben (wieder einmal) eine weitere Warteschleife drehen. Dann, recht plötzlich, wurde die Warteschleife abgesagt und vieles kam viel schneller als erwartet. Keine Zeit zu schreiben, sondern zu staunen und mit voller Kraft zu arbeiten.
Naja, gerade als es etwas ruhiger wurde, dann ein harter Schlag, persönlich, privat und kaum begreifbar. Wie es immer ist, wenn etwas passiert, was weder erwartet, noch befürchtet wurde. Nach drei Monaten habe ich es immer noch nicht wirklich begriffen. Etwas ist in diesem Leben dadurch verloren gegangen, was unwiderbringlich nicht mehr wieder kommen wird. Und neben diesem viele weitere privaten Probleme, viele Krankheiten im Familienkreis.
Nun, der Enkelhund meiner Eltern ist seit Monaten krank und wird nur gesunden, wenn er einen Schneidezahl selber verliert. Nur der sitzt genauso fest, wie so manche Erinnerung in unserem Verstand. Nun, er hat durch den harten Schlag Gesellschaft bekommen: Wir sind stolze Besitzer zweier Zwerghühner, einem Seidenhuhn und einem Schneeball, sowie einem Yorkshireterrier. Der übrigens eine Nebenbeschäftigung in der Altenpflege aufgenommen hat.
Vielleicht ist es aus den vielen unterschiedlichen Gründen so, dass viele Erfolgserlebnisse und der wunderbare Ausklang dieses Jahres noch nicht wirklich zu mir durchgedrungen sind. Naja, Vielleicht schon durchgedrungen sind, aber irgendwie noch von den vielen, anderen Dingen überlagert werden. Aber das wird sich ein wenig ändern.

Vielleicht habe ich auch einfach noch nicht die Zeit gefunden, all das durch meine eigene Worte zu erfassen, wie ein Schriftsteller das nun einmal tut. Indem er verändert, verwandelt und spiegelt, umstellt und in andere Geschichten verwandelt. Nun, die Arbeit wird im nächsten Jahr nicht weniger. Aber vielleicht finde ich ein wenig Zeit, um all das ein wenig in meine Geschichten zu verwandeln.

Samstag, 4. Dezember 2010

Manchmal braucht es die richtige Stimmung

Vor einigen Tagen habe ich einen Anfang mit meinem Roman gemacht. Und auch wenn ich seitdem kaum dazu gekommen bin, weiß ich genau, dass ich den Ton für den Roman gefunden habe. Denn in diesem Anfang steckt wie in meinen Anfängen ein bestimmtes Versprechen für all das Kommende.
Das dazu ein besonderer Tag und eine besondere Stimmung notwendig ist, dürfte bei einem Menschen wie mir klar sein. Denn ich habe seit Wochen für genau diese Stimmung gesucht und sie bei einem alten Musikklassiker gefunden. In mitten von Menschen, die alle irritiert waren, dass ich mit dem Schreiben begonnen habe. Aber an solche Seltsamkeiten muss man sich wohl bei mir gewöhnen.

Abwesenheit

In einem neuen Job gibt es immer eine ganze Menge zu lernen, Da gibt es die Theorie, die mir durch das Studium bekannt ist, die andere Theorie, die irgendwie nicht im Studium dran kam, es gibt die Gerüchte, die sich oft genug als das herausstellen, was sie sind, Gerüchte, und es gibt die Praxis. Und da man neu ist, braucht man viel, viel länger für alles, als die erfahrenen Kollegen,
Eine gewisse Frustrationstoleranz ist übrigens wie beim Schreiben einfach notwendig. Denn auch wenn die Lage an meinem Arbeitsplatz bei weitem nicht so schlecht ist, wie immer behauptet, gibt es da das enorme Problem, dass man zwar weiß, wie es richtig sein müsste- aber eine große Menge an Dingen funktioniert einfach mangels Erfahrung noch nicht. Dazu kommen viele Überraschungen: Wie genau richte ich meine Arbeit auf meine "Kunden" aus, wie gestalte ich meine Arbeit mit den vielen Möglichkeiten, wie reagiere ich auf bestimmte Probleme.
Das alles frisst natürlich an den eigenen Kräften... und enorm an der Zeit. Manche Berge sind viel höher, als erhofft. Manchmal ist man nur noch erledigt. Aber eines ist schon klar: Es ist der richtige Job für mich. Nur ist noch nicht klar, ob ich der richtige Mann für den Job bin.

Dienstag, 23. November 2010

Ideologie, Phantasie und eine besonders wichtige Literaturgruppe der 50er Jahre

Schon am 21.11 ist in der Welt der Artikel "Jim Knopf und die wilden Achtundsechziger" von Wieland Freund erschienen, indem es um eine besondere Autorenvereinigung geht: Die Kinderbuchautoren James Krüss (Timm Thaler und das verkaufte Lächeln; Sängerkrieg der Heidehasen;...), Michael Ende (Jim Knopf, Momo, Die unendliche Geschichte;...), Max Kruse (Urmel aus dem Eis; Der Löwe ist los;...)und Otfried Preußler (Die kleine Hexe; Krabat;...) lernen sich nach und nach über Maria Torris, Kinderbuchfürstin beim Cecilie Dressler Verlag, kennen und beginnen sich regelmäßig zu treffen.
Wer einmal den Kinderbuchschrank in seiner Erinnerung öffnet, wird alle diesen Autoren nur zu gut kennen und einige ganze Reihe ihrer Werke unter seinen Kindheitserinnerungen einsortiert haben (und vermutlich einige immer noch in seinem Bücherschrank). Ich habe nur zur Erinnerung an ihre Geschichten je zwei Werke an ihre Namen angeheftet, weil mir ihre Geschichten immer noch etwas näher sind, als die Autoren. Was für mich gesprochen, ein großes Kompliment ist.
Nun, wer sich mit den Fünfzigern Jahren einmal beschäftigt hat, kann sich sicherlich vorstellen, was es bedeutet in dieser Zeit zu schreiben. In der Vorstellung vieler deutscher Kinderbuchautoren waren Kinder Wesen, die noch geistig unentwicklelt, in die richtige Richtung zu prägen waren- und nicht nur in der Nazizeit durch ideologisierende Jugendbücher. Sicherlich gab es auch andere Autoren, die eben nicht nur belehren oder prägen, sondern auch Kinder zu begeistern suchten, ihnen einen eigenen Weg zum Erwachsenwerden finden helfen wollten.
Denn die Vorstellung für Kinder zu schreiben und nicht Kinder prägen zu wollen, ist einer der großen Verdienste dieser (und anderer) Autoren und kann gar nicht hoch genug bewertet werden. Sicherlich sind diese Autoren nicht die Ersten, die diesen Weg gegangen sind. Aber in jeder gut sortierten Buchhandlung wird man nachvollziehen können, wie die Werke dieser Autoren von Generation zu Generation weiter gereicht worden sind. Und in jeder Buchhandlung kann man auch nachvollziehen, wie prägend dieser Ansatz für die Kinder- und Jugendbücher geworden sind.
Bei diesen Autoren findet sich aber noch etwas weiteres, bedeutsames. Alle diese Autoren haben sich der Phantastik bedient und damit gerade bei den Achtundsechzigern dem Vorwurf der Kindertümelei oder des Eskapismus.
Die Vorwürfe waren mehr als hart, sie waren fast so ideologisch wie so manches anderes, was die Achtundsechziger hervor debattiert haben. Diese Vorwürfe waren aber auch blind: Ich habe in meiner Rezension zum "Krabatfilm" und dem Blogeintrag zu dem bemerkenswerten Artikel von Julia Voss "Jim Knopf rettet die Evolutionstheorie" auf die vielen alternativen Deutungsmöglichkeiten dieser beiden Werke hingewiesen. Denn eine realistische Darstellung ist nur eine Möglichkeit, sich mit grundlegenden, menschlichen Phänomenen zu beschäftigen.
Wer Krabat einmal anders liest, als Erwachsener, der kann durchaus die Situation Krabats in der schwarzen Mühle in einen Kontext mit der Nazizeit bringen. Man kann auch Jim Knopf als Heilung in der Kunst verstehen, wenn der Imperialismus und die verdrehte Darwinübertragung auf die Rassentheorie umgedeutet werden und aus anderer Sichtweise betrachtet.
Gleichzeitig bleiben beide Werke aber nicht dabei stehen, sondern stellen über diesen Kontext hinausreichende, grundlegende Entwicklungsschritte der beteiligten Personen vor, die Überwindung dieser Dinge und, wie oben schon erwähnt, die Heilung in der Kunst- auch wenn sie halt nur im Rahmen eines Kinder- oder Jugendbuchs geschieht. Wobei: das "halt nur" ist überflüssig: Kunst macht sich nicht an der Zielgruppe fest. Kunst, die sich an Kinder richtet, ist ebenso große Kunst.
Vielen Dank ihr vier und der edlen Dame, die diese Menschen zusammengebracht hat.

Sonntag, 21. November 2010

Über Literatur und Vorurteile...

In vielen Diskussionen über das leidige Thema E und U findet man immer wieder das Vorurteil, dass der Unterschied darin liegt, dass bei dem einen Sprache und bei dem anderen Spannung im Mittelpunkt steht. Dieses Vorurteil oft zu wiederholen, macht es nur nicht wahrer oder richtiger. Und es macht die eine Richtung nicht besser oder schlechter

Der entscheidende Unterschied zwischen den beiden liegt darin, dass E Literatur Fragen stellt und die Antwort an manchen/ vielen Stellen den Leser überlässt. Somit verweist E Literatur immer über sich selber hinaus und benötigt die Beschäftigung des Lesers mit dem Text
In den inzwischen weiten Grenzgebiet zwischen E und U gelingt es Texten eben genau dies zu tun, wenn auch in einem kleineren Umfang, und gleichzeitig das entscheidende Kennzeichen der U Literatur zu erfüllen:
U Literatur ist konsumierbar- d.h. letztlich muss der Leser nur über den Text nachdenken und keine Fragen für sich beantworten. Dabei steht ein bestimmtes schon von Aristoteles vertretene Prinzip im Mittelpunkt: Katharsis, die Seele wird durch die Schilderung in vielerlei Weise aufgewühlt und eine Reinigung durch eine glückliche Auflösung erreicht. Denn in den meisten U Romanen geht es darum aus einem sicheren Zustand (alles ist in Ordnung) in einen unsicheren Zustand zu geraten, bevor dann am Ende die alte Ordnung wiederhergestellt wird.

All das hat mit Sprache und Spannung nur in einem zweiten oder dritten Stadium zu tun. Denn wenn ein E Roman über sich selber hinaus verweist, indem er Fragen stellt, bildet die Sprache letztlich den Bezugsraum: Schließlich kann man nur denken, was man in Sprache abbilden kann.
Wenn ein Roman konsumierbar sein soll, dann muss Sprache vor allem präzise sein und leicht verständlich.
Spannung spielt in der E Literatur eine ebenso wichtige Rolle wie bei der U Literatur. Aber der Unterschied liegt im Konzept, wie Spannung erzeugt wird. Denn die Hauptspannung in der E Literatur entsteht aus der Entwicklung der Figuren, während in den meisten U Romanen letztlich die Spannung von äußeren Handlungen abhängt. Dementsprechend arbeiten viele U Romane mit Archetypen, aus deren Handlungen nur wenig Spannung entstehen kann. Wobei diese Archetypen natürlich dafür wenig von extrinsischer Spannung ablenken.
Ich persönlich empfinde die extrinsische Spannung im ersten Augenblick stärker, nur bleibt so gut wie nichts übrig, wenn sie vorbei ist. Dafür bleibt die andere Spannung länger.

Das soll übrigens kein Werturteil sein. Denn ich liebe die eine Literatur so wie die andere und ja, einen Menschen wirklich gut zu unterhalten halte ich auch für eine große Kunst.

Samstag, 6. November 2010

Bekenntnisse eines Schriftstellers

Zwei getrocknete Schweineohren, drei Pfund Sülze, zwei gepökelte Schweinebäckchen, 6 Nackenkoteletts, eine dicke Rippe, 12 Koteletts, einskommadrei Kilo Filet, fünf Kilo Schweinebauch, 6 große Schnitzel, zwei Vorderschinken, zwei Parmaschinken, vier Eisbeine, 4 Schweinefüsse, ein Schweineschwanz, drei große "Kalbsleber-"würste, sieben Kilo Blutwurst, drei Kilo Wellfleisch, acht Kilo Wurstaufschnitt, sieben Kilo Rostbratwurst (inkl. Wurstschnecke), achtzehn Dosen Hundefutter, achtundzwanzig Tüten Gummibärchen, vierzehn Paar billige Schuhe und vier Gürtel, fünfzehn Kilo Knochenmehl gestehen:

Die Vermarktung läuft viel besser. Aber als Schwein war es irgendwie schöner.

Lebensabschnittgefährte Verlag

Heute regt sich Elmer Krekeler in der Welt über den "Sittenverfall" in der Literatur auf, siehe "Der Verlag als Lebensabschnittgefährte", wenn internationale Bestsellerautoren und ihre sittenverfallenen Agenten zu einem anderenVerlag wechseln, wenn der deutlich mehr zahlt. In diesem Fall geht es um den Nobelpreisträger Vargas Llosa, der von Suhrkamp zu Rowohlt wechselt. Das der Suhrkamp Verlag nicht mehr der gleiche Verlag ist, zu dem Vargas Llosa gewechselt ist, müsste Krekeler klar sein. Immerhin erwähnt er, dass die "Frontfrau Michi Strausfeld" für Südamerikanische Literatur vor zwei Jahren zu einem Ableger von Rowohlt gewechselt ist. Das viele Autoren gerade "sittentreu" ihren Lektoren nachwechseln, wird aber nicht erwähnt. Nein, die Agenten von Vargas Llosa und der amerikanische Agent Andrew Wiley sind natürlich Schuld, dass eine Ära zu Ende geht und bald nur noch große Verlagsketten (und keine unabhängigen Verleger) diese "Großschriftsteller" vermarkten können.

Aber da ist es wieder, die entscheidende Frage: war das Ei des Kolumbus zuerst da oder das Huhn des Kolumbus... Mal eine kurze Antwort meinerseits:

Irgendwann in den 70er Jahren haben die Verlage bewusst im Bereich Film, Buch und Musik auf internationale Blockbuster gesetzt, um die Vermarktung zielgerichteter ausrichten zu können. Lokale Märkte waren dann in den 90er Jahren oft wenig interessant, da wurde auf standardisierte amerikanische Kost gesetzt. Schnelldreher machen mehr Profit, Werbung ist klarer einzusetzen, weniger Verkäufer,.... Zudem wollten die Verlage lieber Übersetzungen von Schnelldrehern, als eigene Autoren aufzubauen, weil das billiger war.
Das alte Verlegermodell von z.B. Suhrkamp wurde von den meisten Verlagen aufgegeben: also erfolgreiche Bücher zu machen und gute Bücher verkaufen zu können, mit engen Verbindungen Autor-Lektor/ Verleger. Die Verlagsarbeit wurde ausgelagert und alles auf eine hohe Gewinnmarge ausgelegt. Zudem kauften einige Verlage immer mehr Konkurrenten auf.

Dann wurden große Handelsketten freudig begrüßt, weil sie feste Mengen abnehmen und diese bezahlen, weniger Außenhandelvertreter, keine Remittenden, klare Margen, Schnelldreher. Nur mussten dann erfolgreiche Autoren teuer eingekauft werden, um neben diesen auch andere Nebenbücher zu verkaufen. Dafür wurden viele Autoren aussortiert, die nur mittelmäßig oder schlecht verkauft haben.

In Deutschland haben die Verlage in Deutschland auf die Agenten gesetzt, um die eigene Manuskriptprüfung reduzieren zu können und weiter im Lektorat abbauen zu können. Parallel wurden die Anforderung an Manuskripte rauf gesetzt, um die Lektoratsarbeit reduzieren zu können. Die Zahl an ausländischen Übersetzungen nahm stark zugenommen. Dazu wurden die Autoren aufgefordert sich zu professionalisieren: Also selber Bücher zu verkaufen, sich zu vermarkten und dem Verlag Arbeit abzunehmen/ diese Arbeit kostenlos zu ergänzen.

Dann wurden die großen Handelsketten immer rabattsüchtiger und die Verlage finden an über sie zu klagen. Es wurde dann wieder mehr auf deutsche Autoren gesetzt, weil die Übersetzungen teuer geworden sind und es sich wieder rechnet, selber Autoren aufzubauen, vom Profit her. Inzwischen gab es die Liga der 10-Millionen-verkaufte-Auflage von Buch xy-Autoren, die sich das sehr gut bezahlen liessen. Neue, junge Verlage erschienen, die wieder auf das Suhrkampmodell setzten, die wurden ausgezeichnet, aber irgendwie sind sie kaum in Buchhandlungen gekommen.

Dann drohte das E-Book und die arg benachteiligten Verlage sicherten sich mit dem Korb zum Urheberrecht neue Rechte. Gleichzeitig reduzierten sie die Laufzeit der meisten Romane auf drei Monate aktiver Verkauf, Verramschung nach 12-18 Monaten.

Inzwischen standen die Verlage ungläubig vor den Forderungen der großen Buchhandelsketten und wollen die Rabatte von den Urhebern mittragen lassen, siehe die Buchverträge mit den Prozenten auf die um den Buchhandelsrabatt reduzierten Preis oder die bei einigen großen Verlagen reduzierten Mindestvorschuss. Mit der schlechten Finanzlage wurde die weitere Verlagerung von Kernkompetenzen wie Lektorat und Korrekturat begründet... denn die Leser merken es doch sowieso nicht. Und es gibt ja Autoren, die druckreif schreiben. Große Verlage haben dann Amazon und anderen die Vermarktung von E-Books überlassen, Google das Monopol über alte Bücher, weil sie nicht gelernt haben, dass der Player letztlich die Käufe zieht... siehe I-Pod, Kindle, I-Pad.

Und je nachdem, was für ein Tag ist, sind entweder die großen Buchhandelsketten, Amazon und Google, die dreisten Bestsellerautoren oder die Agenten Schuld, dass es das Modell Suhrkamp heute nicht mehr gibt. Die Verlage sind aber nie Schuld...

Wer das Sittenverfall nennt oder das Ende einer Ära: Für die Verlage ist das alles längst Geschichte, aber eine, die sie gerne aufwärmen, wenn es um ihren Profit geht. Denn böse, das lehrt die Geschichte, sind immer nur die Anderen.

Dienstag, 2. November 2010

Eva Ibbotson verstorben

Die britische Schriftstellerin Eva Ibbotson ist am 20. Oktober 2010 in Newcastle upon Tyne verstorben. Die gebürtige Wienerin emigrierte vor der Verfolgung durch die Nazis und die Austrofaschisten 1933 aus einem Wiener Kinderheim nach Schottland zu ihrem geschiedenen Vater, während ihre deutsche Mutter, die Schriftstellerin Anne Gmeyner, erst aus Wien nicht mehr nach Deutschland zurückkehrte, wo ihre Bücher verboten worden waren, bevor sie ebenfalls nach Großbritanien emigrierte und dort ein neues Glück fand. Dort heiratete sie und begann nach dem Auszug ihrer Kinder mit dem Schreiben von Kinder- und Jugendbüchern, von einigen Ausflügen in romantische Erwachsenenromane einmal abgesehen.
Ihre phantastischen und phantasiereichen Kinder- und Jugendromane fanden eine besondere Würdigung, als J.K.Rowling den Zug nach Hogwarts auf Gleis neundreiviertel dicht an Gleis 13 ansiedelte, von dem sich alle neun Jahre ein Tor zu Insel der Gügel öffnet (Siehe Das Geheimnis von Bahnsteig 13). Aber ihre Kinder- und Jugendbücher sprechen einfach für sich, siehe die Vielzahl von Preisen, von Rezensionen, der Übersetzung in über 80 Sprachen.
Wer keine Angst vor gut geschriebenen, romantischen Erwachsenenromanen hat, kann in ihren Werken wunderbar geschriebene Romane entdecken, in denen es immer um Liebe geht, aber mindestens genauso um andere Themen.
In "Die Morgengabe" geht es um eine englischen Landadligen und Professor,  um die Emigration einer jüdischen Akademikerfamilie aus Wien zur Nazizeit, um Studienbedingungen für Emigranten, die Liebe zur Deutschen Sprache und vieles mehr.
In "Sommerglanz" geht es um einen bankrotten englischen Landadligen und eine emigrierte russische Gräfin, die als Dienstmädchen arbeitet, um den englischen Landadel, eine reiche Engländerin und Freundin der Eugenik, um Welten russischer Emigration in England, um Haushaltsbücher und vieles mehr.
In meinem Bücherschrank stehen eine ganze Reihe ihrer Bücher, vielen Dank an die edle Spenderin für den ersten Roman, weil in ihnen ein besonderer Zauber wohnt, wie sonst nur in wenigen Romanen, sowohl in den Kinder- und Jugendbüchern, als auch in den romantischen Romanen.
Ich werde es vermissen nach neuen Romanen von ihr zu fragen.... und wieder in den Alten stöbern.

Ungekürzt: Mark Twains über sein Leben

Die meisten Autobiographien sind eher Hagiographien, geschönte Selbstdarstellungen, um die Deutungshoheit über das eigene Leben (zurück) zu gewinnen.
Mark Twain hat sein eigenes Leben immer wieder mythisiert und verklärt, gerade in den Anfangsjahren, siehe auch den berüchtigt (und gleichsam wunderbar verklärten) Film von Frederick March). Aber in seinem Spätwerk, nachdem er wegen erfolgloser (freundlich ausgedrückt) Investments das eigene Vermögen aufgebraucht hatte und um seine Schulden abzuzahlen Vortragsreisen durch die Welt machte, hat er seinen berühmten Ton und seine tiefen Wahrheiten um Einsichten in die Welt und sein eigenes Leben erweitert- gerade verbunden mit den vielen tragischen Ereignissen in seinem Leben.
Seine Autobiographie ist bereits mehrfach erschienen, aber nie ungekürzt, nie ganz dicht an seinen eigenen Gedanken. Dafür hatte er eine Sperrfrist von 100 Jahren festgelegt, so dass nun eine um 50% erweiterte Autobiographie in drei Büchern erscheint, siehe die Meldung der FAZ, die hoffentlich bald auch auf Deutsch erscheint. Wo man den großen Mann der amerikanischen Literatur, dem Hemingway ins Buch schrieb, alle amerikanischen Romane würden auf "Huckleberry Finn" zurückgehen, ungekürzt, in seiner respektlosen Ruppigkeit vor sich und anderen, den tiefen, humorvollen und gleichzeitig tragischen Worten eines besonderen Mannes lauschen kann, der viel früher als andere den Kolonialismus erkannte, die Börse und so vieles mehr.
Leider ist mein Bücherbudget gerade etwas ausgedünnt, aber ich werde das Orginal lesen... Denn eine solche Stimme sollte man so lesen, nicht anders.

Freitag, 29. Oktober 2010

Kalix. Fluch der Werwölfe

Im Leben von Martin Millar gibt es eine ganze Menge Erlebnisse, die ihn dazu gebracht haben "Kalix. Werwölfin aus London", den Vorgänger des neuen Roman, zu schreiben. Ob nun das Brixtoner Led Zepplin Konzert, die Entstehung der Punk Bewegung (und deren Attitüde: "Mach die Dinge für dich selber und vertraue deinen Meinungen), der große Erfolg seines Romans "Die Feen von New York", die Probleme einen Verlag zu finden (trotz großer Erfolge), das Ende von Joss Whedons Serie "Buffy- im Bann der Dämonen" oder auch Martin Millars Leidenschaft für Mangaserien.
Vielleicht war es auch das Vorwort von Neil Gaimen zur Neuveröffentlichung von Martin Millars "Die Elfen von New York" vor einigen Jahren, die Kalix bei der Geburt geholfen haben. Neil Gaimen schrieb: "Millar writes like Kurt Vonnegut might have written, if he'd been born fifty years later in a different country and hung around with entirely the wrong sort of people". Übrigens, seit der Erstveröffentlichung von "Die Elfen von New York" ist dieses Buch in Deutschland nie aus dem Druck gekommen.
In meiner Rezension, siehe hier, habe ich eine ganze Reihe von Gründen gefunden, warum man den ersten Teil der Geschichte über Kalix MacRinnalch lesen sollte. Es handelt sich um die Geschichte eines ungebildeten, Laudanumsüchtigen Werwolfmädchens, dass wegen Vatermordes aus seiner Familie ausgeschlossen wurde und in London sein Glück versucht. Immer verfolgt von den eigenen Brüdern, einer Gruppen von Kopfgeldjägern aus einem Werwolfstamm und menschlichen Werwolfjägern. Sie findet Unterschlupf bei zwei Studenten, Daniel und Moonglow, die durch Kalix ein wenig in ihre Welt hineinschnuppern. Aber in Martin Millars Büchern gibt es eben nicht immer nur eine Hauptfigur: Es geht auch um den Kampf zwischen ihren beiden Brüdern Serapen und Markus um die Nachfolge des Vaters, um die Werwolfzauberin Thrix, die als Modedesignerin in London ihren Weg sucht, um Kalix Jugendliebe Gareth, um die Königin der Feuergeister Malveria und ihren Kampf um die modische Herrschaft in der Welt der Feuergeister, deren Nicht, Vex, mit ihrer Leidenschaft für einen punkigen Kleidungsstil in einer vermodeten Welt, um Werwolfjäger, zwei drogenkonsumierenden, punkrockspielende Werwolfschwestern und wo man heutzutage noch Laudanum her bekommt.
Ich habe damals geschrieben, dass Martin Millars Romane als "Kultroman" bezeichnet werden, weil es wirklich schwer ist seine Romane einzuordnen. Neil Gaimen scheint da meiner Meinung zu sein, wenn man sein Zitat sich einmal im Gehörgang trommeln lässt. Denn eigentlich handelt Kalix natürlich von Werwölfen und ihrem schwierigen Versuch in einer oft absurd anmutenden Welt ihren eigenen Platz zu finden. Aber es ist gleichzeitig Literatur. Und richtet sich an Jugendliche.

Vielleicht war es deshalb einfach auch notwendig mit "Kalix. Fluch der Werwölfe." eine Fortsetzung zu schreiben. Denn es gibt einfach niemand anderen, der solche Bücher schreibt. Und irgendwie hätte ich nicht leben wollen, ohne zu wissen, wie es weitergeht, mit Kalix MacRinnalch, London, ihrer Selbstfindung und gut Einhundert anderen Linien aus dem ersten Roman. Der Titel dieses Romans bezieht sich auf den Fluch der Frauen aus dem Haus MacRinnalch, nie mit einem Mann glücklich zu werden. Und irgendwie zieht sich dies leitmotivisch durch den gesamten Roman.
Kalix ist immer noch Laudanumabhängig, ihre Jugendliebe im ersten Band verstorben, und irgendwie lernt sie gerade auf dem College mit Vex, der punkig gesteilten Nichte der Feuerkönigin Malveria das Lesen und Schreiben. Das Leben läuft also mal wieder ein wenig schief, sie ist wieder abgemagert, beginnt sich zu schneiden und auf dem Weg nach den Mördern ihrer Jugendliebe zu machen. Aber da ist auch eine weitere Feuerprinzessin, die ihren Geliebten (und Werwolffürstanwärter) Serapen rächen möchte, zwei Werwolfjäger, die sich in die Damen des Hauses MacRinnalch verlieben, die sie umbringen wollen, ein Aufstand im Reich der Feuerkönigin Malveria, das Problem die passenden und limitierten Schuhe zur Lieblingstasche zu bekommen, ein alter Zauberspruch, zwei immer noch drogensüchtige Schwestern und ihre Punkband, ein Werwolffürst, der gerne Frauenkleider trägt, und die depressive Schwester Thrix, die sich in die Jugendliebe der Schwester verliebt hat und ihn dann verloren hat, bevor er starb.
Es gibt also wieder eine ganze Reihe von Problemen, die nicht immer werwölfisch sind, eine ganz Reihe werwölferische Probleme, Liebe und alles andere, was ein Leben in London und in den Highlands ausmacht.

Natürlich kann in einem zweiten Band den ersten Band einer Reihe nicht neu erfinden, und ganz sicher nicht, wenn der erste Roman von Martin Millar geschrieben wurde. Auch wenn Martin Millar die Fortsetzung selber schreibt. Deshalb gibt es natürlich nicht so viele neue Plotlinien und eine dezente Verschiebung von den beiden menschlichen Hauptfiguren Daniel und Moonglow hin zu den drei verfluchten Werwölfinnen aus dem Haus MaxcRinnalch, Kalix, Thrix und Dominil und deren Verehrern (und Jägern). Aber dieses Buch ist genauso skurril und eigenwillig, wie es alle Bücher von Martin Millar sind.
Ich bin mir nicht sicher, ob ich den zweiten Band so grandios finde, wie den ersten. Aber ich kenne keinen anderen Autoren, der so ein Gespür für Humor, Tragik, Timing und absurde Episoden entwickelt hat, wie Martin Millar. Keinen Autor, der so präzise und kurz seine Plotlinien führen kann und trotzdem starke Figuren entwickelt. Und irgendwie keinen Autor, der es schafft, dass ich bei einer Rezension immer wieder lachen muss.

Sonntag, 24. Oktober 2010

Unsicherheit beim Plotten

Als "Bauchschreiber" habe ich es bisher vermieden, meine Geschichten komplett durch zu plotten. Nun, nach einer kleinen Wette mit meinem Autorenpartner habe ich dann doch angefangen zu plotten und sitze jetzt schon eine halbe Ewigkeit dran... weil ich sehr ausführlich plotte und mir irgendwie die Zeit momentan ein wenig fehlt.

Nun ja, wie immer bei der Ausgestaltung einer längeren Geschichte habe ich dann meinen schwersten Fehler gemacht. Weil ich mir unsicher war, ob der Plot wirklich hält (und gerade ein neues Buch meines Lieblingsautoren heraus gekommen ist), habe ich dann zwei Bücher aus meiner Manuskriptrichtung gelesen. Die erste Geschichte war noch in Ordnung, weil sie im Prinzip nicht wirklich andere Elemente enthält- nur in einer deutlich anderen Gewichtung- und ich jede Menge Zusätzliches hinzugefügt habe. Ich habe dann ein paar Ideen gerade aus dem Vergleich der beiden Romanplots gewonnen, gerade weil ich über die Unterschiede eine Ahnung bekommen habe, was unsere Texte unterscheidet und wie ich das betonen kann.
Der Roman meines Lieblingsautoren war dagegen ein Schlag: Die Geschichte ist eine Art Werwolfsoap, sehr humorvoll, sehr brutal, mit einer ganzen Hand voll Hauptdarsteller, Erzählstränge, Handlungen, alles sehr elegant und lustig ineinander verbunden. Irgendwie verunsichert dieser Roman mich, weil mein Lieblingsautor und Ich zwei ganz grundsätzlich unterschiedliche Zugänge gewählt haben, mit gleichzeitig vielen Gemeinsamkeiten. Irgendwie fehlt nun etwas in meinem Plot, scheinbar. Und ich habe ein wenig zu sehr den unterschiedlichen Zugang genossen, so dass meiner mir an manchen Stellen nun zu simpel vorkommt.

Lektion: Nie meinen Lieblingsautoren konsultieren, wenn ich meine Texte schreibe. Nie Äpfel und Birnen vergleichen und feststellen, dass ich eigentlich Äpfnen möchte. Und nie die Vorstellung annehmen, ich könnte alles gleichzeitig machen.

Montag, 18. Oktober 2010

Persönlichkeit...

Im letzten Beitrag habe ich ein wenig über den "Female Charakter Flowchart" geschrieben, mit dem ein Autor die grundlegende, zweidimensionale Einordnung seiner Frauenfiguren überprüfen kann. Über die im Flowchart enthaltenen Fragen kann er sich den Frauenfiguren annähern und die Stärken und Schwächen entwickeln, die aus einer Frauenfiguren eine starke Frauenfigur machen.
Aber die eigentliche Grundlage einer starken Figur ist Persönlichkeit: sowohl die Persönlichkeit des Autors als auch die Persönlichkeit, die er seinen Figuren zugesteht. Und genau an diesem Punkt enden all das "Jeder kann einen verdammt guten Roman schreiben". Denn das ist einfach objektiv falsch. Es gehört ein geschultes Auge und eine langjährige Arbeit an den Ausdrucksmöglichkeiten dazu, um eine Figur mit einer Persönlichkeit auszustatten. Aber genauso auch die Fähigkeit sich in andere Menschen weit über das normale Mal einzufühlen. All das basiert aber nicht nur auf Fähigkeiten eines Autors, sondern auch auf die eigene Persönlichkeitsentwicklung.
Natürlich kann man einem Autor auch eine ganze Reihe von Möglichkeiten durch Regeln mitgeben, wie persönliche Stärken und Schwächen aus einer Schablonenfigur letztlich eine starke Figur machen. Von Thomas Mann kann man lernen über den Namen einer Figur seine Widersprüchlichkeiten zu verdeutlichen und nach einer ersten Beschreibung mit nur einem Satz dieses Bild immer wieder aufzurufen, Von Phillip Roth kann man lernen, dass gerade die eigene Widersprüchlichkeit eine starke Figur ausmacht. Von Günter Grass, wie gerade das Absurde und Groteske oft viel näher an eine Wahrheit herankommt, als das Realistische. Von Franz Kafka, dass das Umfeld einer Figur letztlich immer auch das Innenfeld einer Figur spiegelt und verändert und dies auf ungewöhnliche Weise verdeutlicht werden kann. Von Orhan Pamuk, dass unbeseelte Dinge manchmal die Persönlichkeit ihrer Umgebung aufnehmen und mit sich tragen, auch wenn diese Menschen nicht mehr da sind.
Aber selbst wenn ein Autor alle diese Ratschläge von großen Autoren befolgt, macht ihn das nicht zu einem großen Autor. Denn die Kunst des Schreibens ist es nicht den Fußstapfen dieser Autoren zu folgen, also zu kopieren, sondern alles gelungene zu stehlen und sich zu eigen zu machen, es weiter zu denken und etwas eigenes daraus zu machen.

Wenn ich in den letzten Jahren die meisten Romane nicht viel getaugt haben, dann liegt das vor allem an einem entscheidenden Grund: Jeder angehende Autor sucht nach seinem Königsweg, um möglichst schnell einen Roman zu veröffentlichen, einen Vertrag abzuschließen und Geld zu bekommen. Und ja, es könnte dann auch ein guter Roman sein.
Aber vielleicht geht es beim Schreiben eben nicht nur darum. Es geht vielleicht nicht darum, einen Roman zu schreiben. Es geht darum als Schriftsteller zu seinen Ansprüchen an einen Roman hin zu wachsen und sich so lange an seinen Wünschen und Hoffnungen an einem Roman zu reiben, zu scheitern, zu versagen, zu lernen, sich weiterzuentwickeln, bis irgendwann dann der Autor und sein Schreiben so gewachsen ist, dass letztlich Romane wachsen, statt entwickelt zu werden. Aber vielleicht ist das auch Quatsch. Vielleicht geht es wirklich nur um die Veröffentlichung und Geld. Aber dann müsste ich aufhören zu schreiben.

Donnerstag, 14. Oktober 2010

Der "Female Character Flowchart" auf Overthinking it

Auf "Overthinking It" beschäftigte sich Shana Mlawski sich im August mit der Vorstellung einiger männlicher Autoren über starke Frauenfiguren. Am Beispiel Transformers belegt sie, dass Megan Fox alles mögliche in diesem Film ist, stark, gutaussehend, gut in ihrem Beruf, aber keine starke Figur. Sie ist auch nicht schwach, weil sie als "Damsel in Mistress" letztlich vom Helden gerettet werden muss, denn das alleine macht eine Figur nicht stark oder schwach. Letztlich ist es ihre Funktion als Projektionsfläche, die sie zu einer schwachen Figur macht: Denn sie ist nur eine Funktion im Film, weil ihrer Figur keine Schwächen zugeordnet werden. Sie ist nur ein Wunschvorstellung und die haben mit echten Frauen (und Männern) nur sehr wenig gemeinsam.
Eine wirkliche starke Figur besteht aus ihren eigenen Stärken und Schwächen. Und im Gegensatz zu den lustigen Nebenfiguren, leidet eine starke Figur an ihren Schwächen, beschäftigt sich mit ihnen und bemüht sich sie zu überwinden. Das bedeutet nicht, dass es ihr gelingen muss. Aber gerade dies macht sie menschlich.

Aus diesem Artikel und einigen weiteren hat Mlawski nun den "Female Character Flowchart" entwickelt, mit Unterstützung eines netten Kollegen. Dieses Schaubild ist eine Hilfe für Autoren ihre eigenen Frauenfiguren zu überdenken oder sie mit Hilfe des Charts zu entwickeln. Natürlich kann man mit Hilfe des Schaubilds nur zweidimensionale Figuren entwickeln. Aber in diesem Schaubild muss sich der Autor mit einer ganzen Mengen Fragen an seine Figuren beschäftigen. Und, wie ich immer wieder in diesem Blog ausführe, entsteht gerade aus den Fragen eine ganze Menge an Antworten und wenn nicht Antworten, dann Möglichkeiten.
Aus den Schaubildfiguren kann man leicht eine starke Figur gestalten, indem man Schwächen ergänzt und sich die vielen, gelungenen Figuren aus dem Schaubild als Vorbild nimmt. Eine gute Sache.

Mittwoch, 13. Oktober 2010

Über das Leben

"Leben ist das, was passiert, während du eifrig dabei bist Pläne zu machen." John Lennon in "Beautiful Boy (Darling Boy"

Über viele Jahre habe ich sehr wenige Pläne gemacht, weil mir das Leben immer irgendwie dazwischen gekommen ist. Vielleicht einer der Gründe, warum das mit mir und meinem Schreiben manchmal schwierig geworden ist. Inzwischen mache ich wieder Pläne, auch wenn das Leben sie immer wieder über den Haufen wirft.
Eigentlich wollte ich meinen Urlaub damit verbringen zu schreiben. Auch dieser Plan ist am Leben zerschellt oder genauer gesagt, an dem, was John Lennon in seinem Zitat vergessen hat:  Tolstoi Bahnhöfe- Ebenen des Übergangs (in einem über Tolstoi hinaus reichenden Rahmen). In diesem Sinne für meine "Schwiegermutter"... Weil manchmal Musik unsere Worte besser trifft, gerade wenn die Worte noch in uns wachsen. (Auch wenn die Worte des Liedes natürlich nicht genau passen...)


Montag, 4. Oktober 2010

Über den Stil und seine Bedeutung für die Gegenwartsliteratur

Erst vor einigen Tagen hat Richard Kämmerling in der Welt die "Great German Novel" verlangt, um eine Epoche über einen Roman zu erschließen, eine Sache, die so Kämmerling, seit 20 Jahren aussteht, siehe den Blogeintrag vom 02.10. Die etwas eigenwillige Wunschvorstellung Kämmerlings erschien jedoch schon bei MRR etwas antiquiert, als dieser von den deutschen Autoren den "Wenderoman" einforderte. Denn die Aufgabe der Kritik kann es nicht sein, die Zukunft der Literatur zu gestalten. Die Aufgabe des Kritikers ist es Literatur zu vermitteln und zu kritisieren und somit auf den Gestaltungsprozess einzuwirken. Zudem stelle sich eine wichtige Frage, die Kämmerlings nicht beantwortet: Wie zeitgemäß ist die Vorstellung einer "Great German Novel" in unserem Zeitalter und was macht eine solche "GGN" aus.

Heute ist endlich der Artikel von Iris Radisch  "Deutsche Romane. Zur Lage der Literatur" online gegangen, in dem sich Radisch ebenfalls an einer Bestandsaufnahme der Gegenwartsliteratur versucht. Sie führts den Erfolg der deutschen Gegenwartsliteratur vor allem auf den stilistisch recht einfach gehaltenen "Platterton"zurück, der, wie Radisch an einigen Beispielen belegt, nicht einmal annähernd an die stilistische Vielfalt der Vorgänger erinnert. Und, wie erwartet, hält Radisch von den Vorstellungen einer "Great German Novel" nicht sonderlich viel. Denn es ist nicht der Plot und die unterstellte geselltschaftlichen Bedeutung, so Radisch, die die Werthaltigkeit eines Romans ausmacht, sondern sein Stil und die weltaufschließende Kraft.
In einer solchen Vorstellung ist die Lesernähe, das "Nicht Stören"/ "Ernüchterungsstil"/ "Tiefflug" nach Radisch, letztlich das vorweggenommenen Scheitern dieser Romane. Die Realität abzubilden stellt eben keine literarische Kategorie dar, ein gelungener Plot ist für sich auch keine. Die Bearbeitung der Realität durch künstlerische Mittel ist die Grundbasis, zumindest nach Radisch, für einen Gegenwartsroman. alles andere ist verhandelbar.

Kehrt man nun zu einigen von Richard Kämmerlings genannte Autoren der "Great American Novel" zurück, dann gibt es dort durchaus große Stilisten. Nur fallen einige davon mit den betreffenden Werken gar nicht unter die "Great American Novel",  weil ihr Zugang eben ein anderer war. Und die Zukunft der Literatur an einem solchen Thema zu verhandeln, finde ich unheimlich vereinfachend.
Iris Radisch andererseits ist in ihrem Urteil auch schwierig. Denn die deutschsprachige Literatur der 70er bis zu den 90er war durch große stilistische Versuche geprägt, viele große Romane sind daraus aber nicht entstanden. Weil Stil und Stilistik hier zu einem Selbstzweck aufgeblasen wurde, der nur wenig Raum für den eigentlichen Text und andere Elemente gelassen hat. Das bedeutet aber nicht, dass Radisch Unrecht hat. Es bedeutet nur, dass auch dieser Blickwinkel möglicherweise zu eng ist und nur ein Kriterium darstellt...

Samstag, 2. Oktober 2010

Über die "Great German Novel"

In der Welt hat Richard Kämmerlings den Artikel "Deutsche Literatur. Vom Warten auf den großen Roman- seit 20 Jahren" geschrieben, in dem er einer der großen Wunschträume eines Kritikers nachgeht: Den unwissenden Autoren zu erklären, was sie eigentlich zu schreiben haben. Und es darf natürlich nicht ein Stück kleiner sein, als die "Great German Novel". Also einen großen Roman, der letztlich den Schlüssel zur Entdeckung einer ganzen Epoche bietet.
In Amerika geht es für die Autoren schon seit Jahrzehnten immer genau darum: einen solchen Roman zu schreiben, um damit ihren Anspruch auf den amerikanischen Schriftstellerolymp zu sichern. In Deutschland gibt es immer wieder den Wunsch der Kritiker nach solchen Büchern, siehe MRR Wunsch nach dem großen Wenderoman. Bei den Autoren ist dieser Wunsch etwas geringer: Denn hinter der Vorstellung des "Great German Novel" steckt ein Anspruch, den Einzulösen nur wenigen Autoren überhaupt gelingen kann. Und Scheitern mag sehr produktiv sein, aber nicht unbedingt ermutigend. Und noch eins unterscheidet Deutschland und Amerika in dieser Hinsicht. Deutsche Kritiker wollen wirklich eine ganze Epoche über einen solchen Roman erschließen, die amerikanischen Autoren machen dies nur für ein bestimmtes Umfeld in einer bestimmten Zeit.

Mittwoch, 29. September 2010

Wem gehört Kafka?

Die NY Times hat am 22.September den Artikel  "Kafka`s Last Trial" von Elif Batuman veröffentlicht, der sich sehr ausführlich mit den kafkaesken Verwickelungen um den Prozess über den Nachlass von Franz Kafka geht. Der hatte seinen Nachlass an Max Brod zur Vernichtung überlassen, der diesen wieder verschiedenen israelischen Organisationen überlassen wollte, gleichzeitig aber auch seiner "Sekretärin" und vermeintlichen Geliebten Esther Hoffe vererben wollte, die diese zum Teil verkauft hat (aber halt nicht an das Israelische Nationalbibliothek, die Anspruch auf das Erbe erhebt). Nach dem Tod von Ester Hoffe, die Kafkas Papiere wieder an ihre Tochter vererbt hat (, die diese nun ans Deutsche Literaturarchiv Marburg verkaufen will), fechtet nun die Israelische Nationalbibliothek das Testament von Esther Hoffe an, indem sie auf Briefe und Zusagen von Max Brod verweist, genau wie die Tochter von Esther Hoffe. Es geht um viele bekannte und einige möglicherweise unbekannte Kafkamaterialien, es geht um vierzig bis einhundert Katzen der Tochter von Esther Hoffe, um Kafkas angeblichen Zionismus, der aber genauso zweifelhaft und nachweisbar belegt ist wie andere Deutungen des Werkes, um Max Brod Versuch Kafkas Werk ein wenig zu instrumentalisieren, um Versprechen, Zusagen, ein halbes Dutzend Anwälte pro Partei, das Gefühl der Tochter von Esther Hoffe "vergewaltigt" zu werden, wenn auf Anweisung der israelischen Gerichte die Wohnung und diverse Schließfächer in mehreren Ländern gesichtet werden, und die Aussage des Deutschen Literaturarchiv Marburg, dass sie den Kafka Nachlass besser und mit mehr Erfahrung verwalten und archivieren könnten als die Israelische Nationalbibliothek, wozu ein emeritierten Prof. der Hebräischen Uni von Jerusalem kommentiert: "Nun gut, die Deutschen haben keine sehr gute Vergangenheit sich um Kafkas Dinge zu kümmern. Sie passten nicht gut auf seine Schwester auf." (Alle drei Schwestern Kafkas wurden von den Deutschen deportiert und ihre Spur verliert sich in Konzentrationslagern und Ghettos). Der betreffende Prof. traf in Theresienstadt eine Schwester Kafkas.

Dies schildert Elif Batuman viel ausführlicher und verwicklungsreicher als die vergleichbaren Artikel aus deutschen Tageszeitungen, ein Beispiel, was Zeitungen alles können, wenn sie wollen. Besonders aberwitzig ist die kafkaeske Situation, die letztlich in einer Fragestellung mündet: Wer hat Anspruch auf Franz Kafka (und sein Werk und Nachlass)?
Eine Nachfrage, die nur schwer ein Gericht beantworten kann....

Dienstag, 28. September 2010

Josef Haslinger vom "Deutschen Literaturinstitut Leipzig" über die Schriftstellerausbildung

In der Zeit findet sich heute das Interview "Die jungen Schriftsteller wollen alte Romane lesen" mit Josef Haslinger, der am DLL in Leipzig die Schriftstellerausbildung leitet. Interessanterweise begründet Haslinger letztlich die Ausbildung der Autoren am DLL mit dem Bedeutungsverlust von literarischen Gruppen und Verbänden, so dass bestimmte literarische und poetische Diskussionen keinen Raum mehr im öffentlichen Autorenleben haben. Diese Diskussionen aufzufangen und dort weiter zu führen, stellt sozusagen eine Grundlinie des DLL da. Dies ergänzt auch seine Bemerkung, die für den Titel des Interviews ausgewählt wurde: Es geht also beim DLL um die Fortsetzung dieser "abgerissenen Diskussionen", weshalb das DLL letztlich Menschen auswählt, die schon veröffentlich haben und schreiben können- und dort die titelgebenden alten Bücher lesen, um an die Traditionen/ Diskurse von früher anschließen. Somit handelt es sich also nach Haslinger beim DLL um ein Fort- bzw. Weiterbildungsinstitut für Schriftsteller, nicht um ein Ausbildungsinstitut. Bescheiden ist dagegen die Aussage, dass durch die "Weiterbildung" am DLL und Anderenorts die Bücher nicht besser geworden sind, sondern weniger schlechte Bücher veröffentlicht werden.

Ehrlich gesagt bin ich ein wenig über dieses Interview überrascht. Denn Haslingers Ausführungen nähern sich bedenklich den verschiedenen Vorwürfen gegen das DLL an. Denn irgendwie geht es beim Schreiben von Gegenwartsliteratur um die Entwicklung eigener Diskurse, aber diese zu lernen ist halt etwas anderes, als sie selber zu entwickeln.

Donnerstag, 23. September 2010

Warum gebrochene Helden...

In einer Geschichte gibt es verschiedene Spannungen: Die von außen auf den Helden einwirkenden Ereignisse (Aktionspannung), die Spannungen zwischen den Figuren (ob nun Liebeshandlung (sexuelle oder erotische Spannung), Feindschaft, ,...), die "Geheimnisspannung" (wer ist der Täter/ wie wird das ausgehen/... aber auch was wird passieren/ wird das noch einmal wichtig,...), die Atmosphäre(nspannung) (was ist das für eine Welt), Gewaltpornographie (ob Andeutungen oder ausführlich), sprachliche Dynamik und einige weitere.
In diesem Rahmen gehört auch die innere Spannung innerhalb einer Figur, die sich in verschiedener Weise zeigen kann: im Wachsen des Helden an seinen Aufgaben, im Wachsen des Helden an seinen Konflikten (äußerlich wie innerlich), im Scheitern des Helden bzw. indem der Held seine Erfahrungen in seinem Charakter spiegelt und so ihre Bedeutung verstärkt.

Deshalb werden so gerne gebrochene Helden verwendet, weil sie eine weitere Ebene bieten, um die Grundsituation zu spiegeln.

Montag, 20. September 2010

Spiel mit Legosteinen... neun Tage lang

Einen Genreroman zu plotten, hat wirklich etwas vom Spielen mit Legosteinen: Es gibt einen Packung mit Bauplan, auf der Thrillerplot draufsteht, die man dann sorgfältig zusammenpuzzeln muss. Da aber der Thrillerplot alleine keinen Roman macht, muss man in seine großen Spielkisten greifen, und in Gedanken den Bauplan Thrillerplot völlig umgestalten, während man gleichzeitig die Steine doch irgendwie unterbringen muss.
Ehrlich gesagt ist es ziemlich frustrierend für mich, dass ich irgendwie ein Bauplannichtleser bin und meistens nur mal draufsehe, bevor ich dann erst einmal zusammenbaue. Bei meinem Vampir-Werwolf-irgendwas Thriller bedeutet das, dass ich zwar alles nur kurz anreiße, aber nach und nach immer neue Ideen in den Plot bringe und so immer wieder den Bauplan umbaue... während ich längst mit dem Schreiben anfangen wollte.
Anders gesagt: Ich bin ein ziemlich chaotischer Mensch und entwickele meine Romane offensichtlich in einem großen, manchmal mir selbst unheimlichen Fraktalchaosplan. Das dauert offensichtlich viel zu lange, bringt dann aber interessante Ergebnisse. Denn ich brauche Genauigkeit. Also reicht es für meine Planung nicht aus, die Planung in Kurzsätzen oder Stichworten anzureißen, sondern ich muss manches ausformulieren und viele wichtigen Infos, Ergänzungen und ähnliches dazu vorwegnehmen.
Besonders interessant wird es aber beim Schreiben: Kann ich meinen Text wirklich ausschreiben, oder werde ich mich an meiner eigenen Planung aufhängen?? Spaß hat es auf jeden Fall gemacht. Und ich setzte mir Ende der Woche als Deadline. Denn auch wenn die Planung noch nicht ganz fertig sein sollte, es drängt in mir nach dem Schreiben. Denn ich träume schon vom Schreiben meines Textes.

Samstag, 11. September 2010

Schlafmangel

Falls sich jemand über die wenigen Beiträge der letzten Tage und Wochen wundert... Ich habe in der letzten Augustwoche eine neue Stelle angetreten, wie ich ja schon kurz angedeutet habe. Die Arbeitsbelastung und die Umstellung ist enorm, obwohl die Stelle eben weit mehr als nur ein Brotjob ist. Da muss das Schreiben leider (wieder einmal) zurück stehen.... und der Blog sowieso.

Montag, 6. September 2010

Ein fremdes Leben (über Figuren)

Jede Biographie ist immer der Versuch sich einem Menschen anzunähern. Die Arbeit eines Biographen ist es die Fülle (oder Nichtfülle) an Material von und über eine Person zu sichten und daraus die Person zu rekonstruieren- indem man seine Spuren folgt und versucht deren Haltungen, Meinungen und Entschlüsse (und noch viel mehr) nachzuvollziehen.
In einem Roman entwirft der Autor eine Figur, die er dann wieder in Material von und über eine Person aufteilt- so dass jeder Leser im Prinzip als Biograph diese Figur wieder für sich erschließt.
Nur gibt es ein grundlegendes Problem, was sich weder bei Biographien, noch bei Romanen auflösen lässt: Die Persönlichkeit eines Menschen verändert sich im Leben der Person immer wieder- und auch wenn ein Mensch sich verändert hat, behält er bestimmte Meinungen und Haltungen aus früheren Phasen bei. Somit bleiben bei aller Annäherung in der Biographie immer Leerstellen und Fragen zurück, weil man eben keine Persönlichkeit in ihrer gesamten Fülle rekonstruieren kann. Zudem sollte man nicht unterschätzen, wie sehr die emotionale Nähe (im positiven, aber auch im negativen) zu einem Menschen das erschaffene Bild dieser Person prägen kann- genau wie eine fehlende Nähe.
Für eine Roman werden aber der homo fictus verwendet, eine besondere Persönlichkeit, die nur bei guten Autoren erkennbare Bruchstelle an ihrer Persönlichkeit hat- die aber trotzdem immer begründet von einem gezeigten Bild abweicht. Dieses Vorgehen führt zu dynamischen Persönlichkeiten. Übrigens ist es nicht nötig, dass eine Figur sich während eines Romans weiterentwickelt- denn dieses Privileg ist nur der Hauptfigur anzuraten. Alle anderen Figuren werden oft so gelassen, wie sie sind, um nicht von der Hauptfigur abzulenken. Denn dann sind sie klarer abgrenzbar und einzuordnen. Wieso übrigens der Hauptfigur anzuraten: Weil diese Entscheidung sehr viel über den Roman aussagt: Eine Hauptfigur, die sich während eines Textes nicht verändert, wird zwangsläufig scheitern. Und deshalb rate ich allen Hauptfiguren sich zu ändern. Nur den Autoren rate ich das nicht. Schließlich haben sie gute Gründe, warum sie die Hauptfigur ausgewählt haben, die sie ausgewählt haben.

Donnerstag, 2. September 2010

Leguanhaut

Gerade habe ich einen Roman angelesen, der mir lauwarm von jemanden empfohlen wurde. Ich glaube, die Autorin versuchte mit jede Menge erotischen Andeutungen (und mehr) eine bestimmte, schwitzige Stimmung zu schaffen, ein leichtes Brummen im Kopf, eine Gänsehaut. Irgendwie ist aber nur Leguanhaut übrig geblieben, weil die Autorin irgendwie eine ziemlich altertümliche Vorstellung von Erotik hat... die nur von gelegentlicher harter Pornographie unterbrochen wird, und irgendwie ist dieser Wechsel: Leguanhaut.

Montag, 30. August 2010

Die Legende vom Leser

Autoren, Verlagen, Agenten und die vielen anderen Beteiligten am Literaturbetrieb haben alle ihre Vorstellung, wie ein Roman aussehen (und sich lesen lassen) muss, damit er seine Leser findet. Und irgendwie haben alle diese Personen auch eine Vorstellung, welche Vorlieben eine bestimmte Lesegruppe haben muss- für die dann schnell ein Roman zusammen gestrickt wird.

Historische Romane brauchen eine weibliche Hauptfigur und eine Liebesgeschichte....
Literarische Romane in die einzigen Romane, die kein Happy End haben dürfen, die anderen müssen ein Happy End haben.
Der Serienkiller in einem Thriller muss immer ein Spiel mit der Polizei treiben und es muss zu einer körperlichen Auseinandersetzung/ Bedrohung für den Ermittler kommen.
Bei einer Liebesgeschichte müssen immer Scheinhindernisse der Liebe im Weg stehen, die sich aber irgendfast fast selbständig im Nichts auflösen- und emanzipierte Frauen träumen von ihrer Entemanzipierung.
Ein All-Ager ist ein Roman, der sich an die Gedankenwelt von Teenagern und an ihren Problemen orientiert, aber als Beiwerk für die erwachsenen Leser Verweise enthält, eine komplexere Struktur und eine Metaebene.

Das alles ist nicht wirklich falsch: Richtig ist es aber nicht. Denn auch wenn das eine Erfahrung mit erfolgreichen Romanen aus den letzten Jahren ist, ist es halt nur eine Erfahrung. Was die Leser möchten, wissen die meisten Leser noch nicht einmal. Denn die Vorstellung, dass jemand ich nach den obigen Kriterien ein Buch aussucht, ist genauso aussagekräftig wie die meisten Blurbs. (* Exkurs :Ein Blurb ist der freundliche Satz, den ein netter Autorenkollege au Bitten der Agenten für eine Präsentation auf dem Buchdeckel raushaut: Eine Fantasywelt, die sich mit der von J.R.R. Tolkien messen kann).
Deshalb sollte man als Autor diesen Sätzen ungefähr so viel Achtung zugestehen, wie man ihnen zugestehen möchte. Eine Momentaufnahme hat ihren Wert, aber wenig Aussagewert.

Es ist bis heute in der Buchbranche nicht gelungen Bestseller nach einem bestimmten Rezept nachzukochen, wenn nicht gerade ein "Prominenter" seinen Ruhm Nebenerwerbstechnisch im Buchbereich nachkocht, von Bohlen bis Madonna, oder Ken Follet sich selber kopiert. Denn Marketing allein macht keinen Erfolgsroman und die Thaliatische funktionieren am Besten, wenn die Leser über Graswurzelmarketing einen Roman sowieso schon entdeckt haben.
Deshalb kann man übrigens auch nicht für den "Leser" oder die "Leser" schreiben- denn was die wirklich wollen, suchen die sich und nur wenig ist planbar (von einigen handwerklichen Grundbedingungen einmal abgesehen). Man kann immer nur überlegen, was andere gute Romane ausmacht, für den Autoren als Leser, und was man immer mal gerne gelesen hätte. Und daraus etwas kochen, was möglicherweise anderen auch schmeckt.

Mittwoch, 25. August 2010

Gute Füße brauchen keine Strümpf

Wieder einmal muss das Schreiben ein wenig warten, da ich meine bisherige Tätigkeit aufgegeben habe und in ein besonderes "Dienstverhältnis" getreten bin- passend zu meinem Studium. Nun lerne ich mal wieder vieles Neues und werde bald vielleicht darüber berichten. Dann aber auf einer anderen "Plattform".

Montag, 23. August 2010

Schwellenreiz... "Die Klasse" von L. Cantet

Anscheinend ist die Programmplanung im Fernsehen inzwischen eine so feste Institution, dass es gar keine Möglichkeit mehr gibt, davon abzuweichen. Die öffentlichö-rechtlichen Sender versenden also besondere Filme im Nachtprogramm, weil sie keinen anderen Ort mehr finden.
Gestern Abend kurz nach 23.35 wurde in einer Reihe zum französischen Film "Die Klasse" Laurent Cantet versendet, ein französischer Kinofilm, der auf dem autobiographischen Buch "Entre les murs" von Francois Bégaudereau beruht. Das dieser Film 2009 die Goldene Palme gewonnen hat und der französische Beitrag zum "Besten Film" bei der Oscarverleihung war, konnte nicht verhindern, dass er wie einige andere Filme so versendet wird: Nächsten Sonntag teilt dieses Schicksal die Comicverfilmung "Persepolis", die auf künstlerischer Weise die Machtergreifung der Ayatollahs im Iran thematisiert und ebenfalls verschiedene Preise erhalten hat.
In "Die Klasse" (Entre les murs ist wesentlich präziser) geht es um die Geschehnisse in den Mauern einer Schule, die im 20. Arrondissement in Paris steht. Die offensichtlich desillusionierten Lehrer aus der französischen Mittelschicht treffen dort auf eine zu großen Teilen aus Migranten und den Kindern von Migranten bestehende Schulklasse. Im Zentrum des Films steht der Versuch der Lehrer mit Disziplinarstrafen eine Disziplin aufrecht zu erhalten, die ihre eigentliche Bedeutung längst verloren hat, weil im Vordergrund nie der Unterricht, sondern nur die Disziplin bei diesen Strafen steht. Denn die Schüler sind zum Teil nie in dem Frankreich angekommen, das diese Form der schulischen Disziplin ersonnen hat, und fühlen sich diesem Frankreich fern.
Das die Schüler in Frankreich nicht angekommen sind, liegt aber nicht an den Schülern selber: Die Schule und der Unterricht richten sich an weiße, französische Schüler aus der Mittelschicht und die Schüler leben im 20. Arrondissement, dass nur wenig Ähnlichkeit mit der Vorstadtmittelstandswelt der Lehrer hat. Die Bus- und Metrolinien zwischen diesen beiden Bereichen funktionieren in Frankreich (und nicht nur dort) zwar, aber für die Schüler ist es nicht nur finanziell schwer diese Strecke zu überwinden. Die Vorurteile der Lehrer und deren immer wieder aufkeimende passive Aggressivität steht einer durchaus ebenbürtigen passiven Aggressivität der Schüler und derer Eltern gegenüber, die ihre eigenen Vorurteile pflegen.
In "Die Klasse" gelingt es nur beim Fußballspiel diese Grenze zu überwinden, ansonsten scheitert das System Schule im Prinzip für beide Seiten. Eine Schülerin bekennt am Ende im ganzen Jahr nichts gelernt zu haben, eine andere Schüler überwindet die Vorurteile des Lehrers, indem sie Platons "Der Staat" liest, obwohl er seinen Schülern kaum einfachen Lesestoff zutraut. Und der engagierte Lehrer zwischen den desillusionierten Lehrern scheitert an seinen Wünschen und Vorstellungen, weil er seine Vorurteile nicht überwinden kann... und immer wieder aggressiv wird, wenn er eigentlich zuhören müsste.
Letztlich geht es in "Die Klasse" um das Scheitern der Schule, die auf einem Scheitern aller Beteiligter beruht, von Staat, Lehrern, Eltern und Schülern. Nicht gerade leichte Kost. Der Film ist an seinen besten Stellen ein Zeugnis für dieses Scheitern, indem er recht schonungslos das Versagen zeigt und wenig Hoffnung lässt. Das unterscheidet ihn übrigens von den vergleichbaren Hollywoodproduktionen mit ähnlichem Thema, in denen letztlich immer eine Lehrerin (zumindest in den letzten Jahren) das Licht der Bildung in die Köpfe ihrer Schüler trägt. Denn in "Die Klasse" steht nicht ein perfekter Lehrer im Mittelpunkt, sondern ein sehr menschlicher Lehrer.
An manchen Stellen ist es bemerkenswert, wie sehr man als Zuschauer das Scheitern des Systems erkennt und bestimmte Gründe erleben kann, die aber offensichtlich weder in der Schule noch bei anderen Verantwortlichen bekannt sind. Auch das spricht für den Film, genau wie die Beobachtung der unterschiedlichen Lehrerpersönlichkeiten.
Wer sich in Deutschland fragt, warum das deutsche Schulsystem gerade bei Migranten oder den Kindern von Migranten versagt, bekommt hier mehr als nur einen Anhaltspunkt. Auch wenn es nicht gerade angenehm anzusehen ist.

Mittwoch, 18. August 2010

Gedankensplitter über das Phantastische (und das Allegorische)

Eines der größten Irrtümer über Stephanie Meyers "Biss zum ..."-Triologie ist die Behauptung, es ginge um Werwölfe und Vampire. Denn Vampire und Werwölfe dienen in diesen Romanen nur dazu bestimmte Gefühle der Figuren und der Gesellschaft aufzunehmen und über die phantastischen Figuren zu spiegeln. Im Prinzip betritt ein junges Mädchen, Bella, aus dem Raum der Kindheit hinaus in die Pubertät. Sie trifft dort auf einen Mann (und später einen Zweiten), einen triebhemmenden und triebgehemmten Vampir, der ihr die Ewigkeit (der Liebe und der jugendlichen Körper) verspricht. Der Vampir ist wie Bella ein Außenseiter, jenseits der allgemeinen Ordnungsregeln der Schule, und ist eine Art Marlon Brando Rebell. Der später hinzukommende Werwolf ist der Schulschwarm, der Sportler, der für das ewig animalische steht, jedoch auf die meyersche klinisch saubere Variante.
Tief in diesem Konstrukt versteckt zeichnet Stephanie Meyer eine "Schul"- Gesellschaft, in der die Mädchen bis zur Hochzeit jungfräulich und ewig sechzehnjährig sein sollen (und im weiteren Romanverlauf auch darüber hinaus als Mütter), schuldbeladen über die eigene Sexualität, triebgehemmt und gleichzeitig schwer sexualisiert.
Letztlich beruht der Erfolg von S. Meyers Triologie (noch Trilogie mit Ergänzungsband) auf einer Coming-of-age Geschichte, in der bestimmte Standarttypen klassischer Schulgeschichten durch die Verwandlung in phantastische Figuren einerseits eine zusätzliche allegorische Qualität erhalten und bestimmte Muster der klassischen Coming-of-age Geschichten hinterfragt werden- wenn mal aus der Hinterfragung bestimmter Lebensbilder (ewig jung), mal als naive Zustimmung oder aus der Sicht der verweigerten Auslebung der Sexualität.

Auch bei Harry Potter findet sich als Grundelement der Handlung die Figur eines Kindes, Harry, der als ungeliebtes Ziehkind bei Verwandten lebt und dort seine eigene Besonderheit entdeckt. Letztlich eine Empfindung, die viele Menschen in ihrer Identitätsfindung machen, auch wenn sie weder Ziehkind, noch bei Verwandten leben. Denn dieses Gefühl nirgends zu zugehören gehört zu dem Prozeß des Erwachsenwerdens (bzw. der Entwicklung der eigenen Identität). Dies wird ergänzt durch das Motiv des Besonderen, des Auserwählten- was eine besondere Verlockung enthält: Es gibt einen Grund, warum das alles geschehen ist und die eigene Identitätsfindung wird mehr als nur erfolreich enden.
In diesen Raum gehört auch der Konflikt zwischen "reinblütigen" und "misch-/ muggelblütigen" Zauberkundigen, das ebenfalls eine weitere Plotebene öffnet- über die Bedeutung von Herkunft als Einstellungsmerkmal für etwas besonderes und die Qualität der eigenen Leistung: Diese Frage wird gleich auf mehreren Ebenen von Rowling bearbeitet, mit Valdemort und Harry Potter als Auserwählten und ihre Ähnlichkeit, mit Hermine und Hagrid als "Mischblütige", über Draco M. und seine Freunde und Harry und Freunde, über die vier Schulbereiche und vieles mehr.

Diese Untersuchung ließe sich problemlos auf viele weitere phantastische Texte ausweiten, in denen bestimmte phantastische Elemente eben nicht nur phantastisch, sondern auch allegorisch sind. Gerade die Mischung beider Elemente bietet eben an manchen Stellen einen Mehrwert- weil das phantastische eben bestimmte Grundmuster verbildlicht, allegorisiert und dabei mehr als nur das Grundmuster mit nimmt, sondern dies um den Bedeutungsinhalt des Phantastischen ergänzt.
Das gilt natürlich nicht generell für alle diese Texte, wie an einigen meiner Anmerkungen zu S. Meyers Trilogie (mit Ergänzungsband) deutlich wird. Denn diese zusätzlichen Inhalte müssen nicht nur in den Text hinein genommen werden, sondern dann mit "Leben" (im Sinne von Plot) ausgestattet werden.

Das Problem der Fantasyromane im klassischen Sinne, also High Fantasy, wird ebenfalls an dem Problem deutlich: Denn die Neuerschaffung einer Welt und deren komplexe Ausgestaltung (inkl. Anlehnung an reale Welten) kann durchaus interessant sein- sie ist aber in den meisten Fällen nur ein blasses Spiegelbild der wirklichen Welt und es fehlt das allegorische Element, weil dies meistens in der reinen Fantasywelt eben nicht allegorisch ist. Zudem leidet die High Fantasy darunter, dass letztlich gerade das Weltenumfassende und oft Überkonturierte (weiß-schwarz) letztlich zu der Wirklichkeit der Leser nicht mehr oder nur schlecht passt.
In der Urbanfantasy geht es um eine verstädterte Umgebung, die einen zerrissenen Ausschnitt der Wirklichkeit darstellt, in der es kein schwarz oder weiß gibt, in der richtig und falsch schwer oder nicht zu erkennen sind. Weshalb diese Geschichten besser funktionieren- wobei hier das allegorische seine eigene Wirkungsfläche erhält, wenn es gut gemacht ist, und über das fantastische viel Spielfläche vorhanden ist.
In der Phantastik geht es immer um das Allegorische, denn es gibt nur einen Riss in der Wirklichkeit, durch die das phantastische in diese abgebildete Wirklichkeit dringt- gerade hier ist das allegorische von Anfang an als eigene Ebene vorgesehen und Teil des Romangeschehens. Deshalb funktioniert hier das Allegorische leichter als in den anderen Texten- während gleichzeitig die Möglichkeiten kleiner sind.

Freitag, 13. August 2010

In Romanen heißt die Umleitung bei Stau Zufall

Gestern Abend habe ich mich intensiv mit den ersten 10 Seiten Romanplanung beschäftigt, die ich insgesamt grandios finde... und wer glaubt, Selbstlob stinkt... ich gehe gleich in die Badewanne. Denn grandios beschreibt nicht die eigentliche Planung, sondern das ich diesmal überhaupt so weit gekommen bin und so viele Ideen hatte.
Mir ist übrigens ein großer Dickens aufgefallen: also ein Zufall, der die eigentliche Romanplanung völlig aus dem Ruder und dem Gleichgewicht bringt. Der eigentlich recht gradlinige Plot (mit kleinen Ausflügen der Nebenfiguren) biegt sozusagen an einer Stelle einfach ab und irgendwie erscheint es mir als Leser zu früh zu sein und zu zufällig.
Also muss ich ab einer gewissen Stelle die Planung wieder umarbeiten, bevor ich dann weiterarbeiten kann.
Denn ein Zufall ist ein ziemlich unzuverlässiger Helfer in einem Roman.  Denn wenn nicht die Fähigkeiten einer Figur die Lösung bringen, sondern ein Zufall, oder wenn die eigentlichen Schwierigkeiten sich durch einen Zufall auflösen, dann entwertet der Zufall entweder die Fähigkeiten der Figur oder die Schwierigkeiten.
In meinem Fall ist das noch nicht der Fall, aber es könnte im weiteren Romanverlauf drohen... und das kann und werde es nicht zulassen.

Nur muss ich nun den Plot wieder etwas umgestalten, damit es nicht der Zufall ist, der zu diesem Ort führt (der für meinen Roman sehr wichtig ist), sondern die konkrete Arbeit meiner Hauptfiguren. Das wird nicht ganz einfach, aber auch nicht sonderlich schwierig- weil ich nur durch den Zufall etwas vorgezogen habe, was sowieso geplant war. Nur habe ich durch das Nachvorneziehen notwendige Elemente nicht vor diesem Ereignisse gebracht, sondern im Nachhinein. Oder anders gesagt: Plotten ist ganz schön anstrengend

Montag, 9. August 2010

Gedanken über Antagonisten

In Hollywood gibt es sieben klassische Varianten, um einen Antagonisten zu entwerfen:
1. Der Schatten: In Bram Stokcrs "Dracula" ist Dracula letztlich das düstere Spiegelbild von J. Harker. Während Harker in der Rolle seiner Zeit als Gentleman gefangen ist, einem Rollenbild aus einer demokratischen Gesellschaft mit aristokratischen Einschlägen, stammt Dracula aus einer tyrannischen Alleinherrschaft, für den nicht einmal Gott noch als moralische Instanz geblieben ist- und der deshalb seine Triebe ungehindert ausleben kann. Seine Triebe sind letztlich Verdrehungen der sexuellen Vorstellungen von J. Harker, bzw, deren Übersteigerung: Die Verführung der geliebten Frau, ihre Unterwerfung unter seine Begierden und die Umgestaltung der angebeteten Frau zum sexuell aggressiven Vamp.
2. Der Spiegel: In vielen Werken sind die Helden und Antagonisten letztlich in ihrem Werdegang ähnlich oder gleich, nur dass der Antagonist im Gegensatz zum Helden aus einer Erfahrung an einem bestimmten Punkt von diesem Weg abweicht. Im Prinzip ist der Antagonist eine gefallene Heldenfigur. Dabei handelt es sich meistens um eine moralische Entscheidung- Luke Skywalker und Anakin/ Darth Vader haben sich beide für einen bestimmten Lebensweg als Jedi entschieden. Darth Vader wechselt die Seiten, als er erkennt, dass er die seinen nicht schützen kann, vor allem seine geliebte Frau- und man ihm vermittelt, dass die andere Seite ihm das ermöglichen könnte. Luke Skywalker verzichtet darauf sich oder die seinen zu schützen, um nicht auf die dunkle Seite zu wechseln. Er bleibt bei seinem ursprünglichen Weg.
3. Der Superschurke: Der Superschurke ist ein Antagonist, der in seinem Bereich überragend ist: Er ist brillanter Mutant, brillanter Wissenschaftler oder Supergehirn, der schon lange ausserhalb von Recht, Ordnung, Moral lebt- Letztlich trifft er auf einen Helden, der an ihm wachsen muss, um ihn zu überwinden. Viele Gemeinsamkeiten gibt es mit dem Helden aber nicht.
4. Mylady de Winter: Dieser Antagonist ist immer eine Person aus dem Umfeld des Helden, die eine enge Beziehung zu dem Umfeld des Helden bzw. zum Helden selber hat und hat immer das gegenteilige Geschlecht zum Helden und wäre ein möglicher Love-interest.  Sie kennt den Helden und arbeitet mit den Mitteln ihres Geschlcchts im Sinne von archetypischen Verhalten, was einem Geschlecht zugesprochen wird. Als Frau ist sie intrigant und hinterlistig, aufreizend, verführerisch und gleichzeitig schön und begehrenswert. Als Mann ist sie sexuell aggressiv und dominant, ist stark, höflich, begehrenswert und spielt mit diesen Attributen und den Wünschen der Heldin.
5. Der bekannte Unbekannte: Dieser Antagonist ist letztlich eine Person, die alle Menschen kennen- ob nun der Clown bei "Es", ein Kind im "Omen", ein Tramper beim "Hitcher"- sie füllt die Erwartungen des Lesers für diese Rolle aus, aber es ist immer spürbar, dass in dieser Figur alles mögliche angesiedelt ist, was man immer bei einer solchen Figur an Angstvorstellungen gebündelt hat: Sie ist der Clown mit den scharfen Zähnen, bei dem das Bedrohliche der Clownverkleidung ins Abgründige rutscht und wird zur wahren Verkörperung des "Clowns" und Massenmörders John Wayne Gacy- immer auf der Jagd nach Kindern.
6. Der Schurke: Der Antagonist gehört einer Organisation an, die für bestimmte Haltungen, für bestimmte Verbrechen oder ähnliches bekannt ist- ob nun Mitglied es KKK, ein deutscher Nazi, ein arabischer Terrorist, ein Mitglied der RAF oder IRA... allein durch die Zugehörigkeit zu dieser Organisation ist seine Wesenheit als Schurke bestimmt.
7. Das Abstrakte: In manchen Romanen gibt es gar keinen wirklichen Antagonisten, weil diese Rolle von etwas Abstraktem gefüllt wird. In "Der alte Mann und das Meer" ist das Alter der Antagonist der Geschichte, der sich der alte Mann stellen muss. im Prozess von Kafka ist es die Behörde bzw. die Justiz die für einen normalen Menschen gar nicht mehr greifbar oder begreifbar ist.

Samstag, 7. August 2010

Rapunzel und der böse Plot

Nach den Kommentaren von lieben Kollegen über das Plotten, hatte ich den Vorgang selber für eine Wissenschaft gehalten, wenn auch keine sehr exakte. Denn irgendwie gibt es eine Grundlinie, von der viele Plotter überzeugt sind, dass sie das Skelett eines guten Genreromans ist. Die Ausgestaltung des Skeletts entscheidet über die Qualität der Grundbasis, während eine ganze Reihe von Freiheiten über die Qualität des Textes entscheidet. Abgesehen von der Grundlinie des Standartplots gibt es nichts exaktes, was den Text zu diesem Genre zuordnen würde- und jede Qualität des Textes beruht darauf von dem ursprünglichen Plot abzuweichen oder nicht vorgesehene Teile hineinzunehmen, wenn auch in einem nicht zu großen Maße..Oder anders gesagt: Einen Genreroman zu plotten bedeutet sich für das eine zu entscheiden, um dann konsequent davon wieder abzuweichen. Ich finde das ziemlich verwirrend.
Dazu kommt, dass ich irgendwie nicht der Autor für die Kurzstrecke bin: Deshalb habe ich eine kurze Grundplanung vorgenommen, bevor ich jetzt die wichtigsten Szenen vorplotte, die das Handlungsgerüst bilden und diese um wichtige weitere Elemente ergänze. Leider hatte ich am Anfang des Plottens noch nicht einmal einen Antagonisten oder eine genaue Vorstellung, wie ich bestimmte Plotelemente ausfüllen wollte. Dies rächt sich gerade. Also muss ich nun auf Basis des Grobkonzepts immer wieder Elemente neu gestalten, umgestalten oder streichen, die sich aus der stetigen Entwicklung des Plots ergeben. Natürlich ergibt sich aus meinem Vorgehen auch, dass ich aus den vielen Hunderten von guten und wenigen guten Ideen so langsam etwas entsteht, wo ich mich auf das ausschreiben freue. Aber die Szenen nicht ausschreiben zu können, gerade, ist ziemlich hart: Ich bin ein Diabetiker im Süßigkeitenladen.
Und noch eines finde ich am plotten sehr verstörend: Irgendwie fühle ich mich ein wenig von den Figuren abgeschnitten, weil ich nicht die Figuren entwickele, von der Charakterentwicklung durch Handlung einmal abgesehen, sondern die Handlung. Und ich muss deshalb manchmal auch die Szenen ausschreiben, zumindest als Kurzfassungen, um überhaupt die Nähe zu gewinnen, um eine Ahnung zu bekommen, welche Handlungen zu meinen Figuren passen. Gleichzeitig darf ich nicht zu viel schreiben, damit ich überhaupt den Plot fertigbekomme, was auch irgendwie ironisch ist, weil ich sonst das Problem habe nicht viel genug zu schreiben (zumindest in der Menge).


Ich bin verwirrt, stehe als Diabetker im Süßigkeitenladen und darf nicht zu viel schreiben, was ansonsten mein Problem ist. Was kann man da noch sagen: Ironie ist ein weiches Kissen, und ich kann im Moment nur verwirrt drauf schlafen.

Über das Glück (und anderen Unsinn)

Wenn man über Wochen auf einen bestimmten Brief gewartet hat, der nicht gekommen ist, und dann einen anderen Brief erwartet, aber vom gleichen Absender der erste Brief kommt, dann gibt es den einen, unmöglichen Moment des gefühlten Glücks... der einen für das sehr lange Warten auf eine seltsame Weise entschädigt. Auf einmal ist es nicht mehr etwas, was man sich erarbeitet hat, nichts, was man meint zu verdienen, sondern reines, pures Glück. Irgendwie pocht es in den Ohren, etwas zerbricht in Einem, etwas anderes beginnt zu Wachsen und für einen kurzen Moment war es das alles wert.
Natürlich ist das alles Unsinn. Es war nicht Glück, der einen auf den Weg gebracht hat, es hat nur ein wenig am Ende geholfen. Aber das Gefühl ist es wert gefeiert zu werden- wie der Inhalt des Briefes übrigens. Die Zukunft strahlt wieder ein wenig heller...

Wer das all kyrptisch findet... der hat verstanden, um was es geht: Beamtendeutsch

Dienstag, 3. August 2010

Über die Büchermacher des Blumenbarverlags

In der Zeit gibt es heute den Artikel "Literaturstudium: Die Büchermacher" über die Büchermacher des Blumenbarverlags. Der Verlag ist aus einem literarischen Salon im Haus des Verlagsgründers hervor gegangen und gehört zu den Independentverlagen, mit einem Spezialisierung auf deutsche und internationale Gegenwartsliteratur, bei der Literatur mit crossmedialen Ansprüchen und gesellschaftspolitischem Anspruch verlegt wird.
Besonders schön an diesem Interview ist die Haltung einer spanischen Autorin, die sich über das Privileg freut ein Buch machen zu dürfen, neben anderen Unternehmungen im künstlerischen Bereich, auch wenn die durchschnittliche Auflage des Verlags bei "nur" 3.000 Exemplaren liegt. Aber der Blumenbarverlag ist sowieso ein kleiner Schatz der deutschen Verlagsszene, weil er für eine andere Haltung zur Literatur steht, als die meisten (größeren) Verlage.

Eine Storyline ist ziemlich glischtig, oder??

Ich habe jetzt ungefähr ein Drittel des Plots ausentwickelt und die Elemente eingesetzt, die nicht alleine dem Thrillerplot zuzuschreiben sind. Denn ein Thrillerplot alleine ist ungefähr so spannend wie Systemgastronomie. Denn auch wenn man gerne mal dort isst, schmeckt es doch immer gleich, egal zu welcher Jahreszeit, in welchem Land und Gewürze sind immer Mangelware. Denn je besser etwas gewürzt ist, desto schwieriger ist es das zu kopieren und die Menschen mögen offensichtlich laffe Gerichte ohne richtige Würze.
Also muss man ordentlich Würze rein tun, wenn man es gerne etwas kräftiger und einzigartiger haben möchte: Ein wenig Humor, eine Prise Tragik, den einen oder anderen Moment Normalität im Sturm. Oder anders gesagt: In einem Roman muss es immer ein Gleichgewicht zwischen unterschiedlichen Gemütszuständen geben, nicht im Sinne von gleicher Menge oder Stärke, sondern das Tragik ohne Humor oft Melodramatisch wirkt, das Stolz ohne Minderwertigkeitsgefühlen, Hass ohne Gleichgültigkeit und Liebe letztlich einen Roman aus der Bahn werfen kann. Das gleich gilt auch für Langsamkeit und Schnelligkeit des Textes, mit Aktion und Ruhepassagen. Jeder Roman muss hier sein Gleichgewicht finden, nicht indem alles gleich eingesetzt wird, sondern das eine durch das andere betont und somit stärker wird.
Besonders deutlich wird dies im Thriller, wenn die Normalität oder Anschein von Normalität nicht im Roman vorkommt. Denn die Wirkung der Tat lässt sich nur an den Veränderungen zeigen, die die Menschen um das Opfer betrifft und die Gesellschaft, die um die Figuren gruppiert ist. Die Rückkehr zur scheinbaren Normalität am Ende gehört ebenso dazu, genau wie die Veränderungen des Ermittlers durch die Tat, die eben nicht vollständig rückgängig zu machen sind, und das Gefühl, dass viele Dinge, die man als fest immer wahrgenommen hat, genau das nicht sind. In einem Thriller geht es immer darum, dass unter der scheinbar festen Oberfläche unseres Lebens nicht allzu viel fest ist, sondern immer wieder Dinge aufbrechen und die Normalität stören.

Freitag, 30. Juli 2010

Plotten, zweiter Teil...

In meinen Geschichten lösen sich die meisten Probleme, wenn ich konkreter werde. Also habe ich einfach angefangen aus den ursprünglichen Punkten nach und nach ein Treadment zu entwickeln, mit einer geplanten Länge von knapp 25 Seiten. Ziel ist es die Grundidee und den Plot zu fassen, wichtige Motive direkt einzusetzen und zentrale Entwicklungen einzubauen und dies alles mit den Figuren zu verbinden.
Ich habe die ersten drei Kapitel geplottet und dabei als erstes meine ursprüngliche Planung zu den Nebenfiguren um meine Hauptfigur herum umzuwerfen. Denn hier habe ich um meine Ermittlerin bisher nur eine wichtige Figur positioniet, ich brauche aber ein komplettes Team. Wichtig ist darüber hinaus für das Plotten einige Entscheidungen zur Welt zu treffen: Wie leben die Menschen und die "Übersinnlichen" zusammen und welches Umfeld entsteht dadurch. Von alternativer Geschichtsschreibung einmal ganz abgesehen.
Insgesamt läuft das alles viel leichter als erwartet, auch wenn ich inzwischen knapp 40 Stunden in das Plotten gesteckt habe. Aber wichtige Fragen sind noch nicht gelöst und so viel liegt im Dunkeln. Wie z.B. ob ich diesen Roman wirklich schreiben kann.

Vom Wahnsinn des Plottens

Einen Roman zu plotten liegt mir einfach nicht. Beim letzten Versuch vor einigen Jahren habe ich den Roman auf knapp 30 Seiten bis in alle möglichen und unmöglichen Details geplant und dann interessante Szenen geschrieben. Nach und nach habe ich dann allerlei weitere Leerstellen gefüllt, bis ich dann festgestellt habe, dass ich gar keine Lust hatte, diesen Roman wirklich zu schreiben: Schließlich wusste ich ja schon, wie er ausgeht.... (Und nein, die Geschichte war wirklich spannend). Nun, inzwischen sind einige Jahren vergangen und ich glaube immer noch, dass er mir nicht liegt einen Roman zu plotten. Aber gleichzeitig habe ich ein wirkliches Problem damit eine Geschichte zu schreiben, die deutlich über 100 Seiten lang ist. Also habe ich mit meinem Autorenpartner vereinbart eine Geschichte zu plotten und mich dann trotz aller Befürchtungen an die Niederschrift zu machen.


Nun, die erste Erfahrung mit dem Plotten meines Genreromans aus dem Bereich "Übersinnlicher Thriller" sind ziemlich zwiespältig. Zuerst habe ich ein Grundthema gewählt, dass letztlich den atmosphärischen Hintergrund des Romans bildet und immer wieder als Subtext des Romans erscheint. Dieses Grundthema führt dazu, dass der gesamte Roman eine bestimmte Richtung bekommt. Dann habe ich zu den Hauptfiguren ergänzende Figuren gesetzt, die einerseits in der laufenden Handlung zur Charakterisierung der Hauptfiguren/ Handlung  dienen und andererseits das Grundproblem aufnehmen.  Als Grundbasis für meinen "Übersinnlichen Thriller" brauche ich natürlich das Thriller-Schema, wenn ich letztlich auch dieses Schema deutlich erweitern muss, um überhaupt eine Geschichte schreiben zu können. Ein reinen Thrillerplot finde ich einfach uninteressant.Ich habe den Thrillerplot mit einigen Details erweitert, das Grundthema eingepflegt und die Reaktion der Figuren darauf eingebaut und um eine Nebenhandlung zum Grundthema erweitert. Insgesamt eine Liste mit knapp 25 wichtigen Elementen für die Geschichte, die eine Art Rohkonzept bilden.

Leider konnte ich bis zu diesem Zeitpunkt keine Entscheidung treffen, wer als "Mörder" in meinem Roman auftreten wird, weil ich viele gute Ideen hatte, aber keine zündende. Zudem musste ich einige wichtige Entscheidungen treffen, wie ich die "Welt" meines "Übersinnlichen Thrillers" gestalte- denn wie sieht eine Welt aus, in der meine Handlung ablaufen kann. Auch hier bin ich hier letztlich nicht zum Abschluss gekommen. Für einen Roman in meiner Art fehlt aber noch ein wichtiges Grundelement der Geschichte: Offenbar kann man keine Genre-Geschichte mit einer weiblichen Hauptfigur ohne eine Liebesgeschichte verfassen. Und ganz ehrlich: Ich habe unendlich viele Gedanken bereits in diesen Bereich meiner Geschichte verteilt und dabei immer wieder alte Ideen verworfen und neue ausprobiert.


 

Mittwoch, 28. Juli 2010

Lispeln, Schmatzen und sich Scheiße fühlen

Manche Erfahrungen muss man einfach selber machen oder zumindest dabei zu sein.
Ein älterer Autofahrer über 80 wurde auf der Autobahn von einem Mann verfolgt, der ihm auch nach der Ausfahrt von der Autobahn folgte und ihm Signale mit Blinker und Lichthupe gab. Das er mit Tempo 60 (wegen eines Motorschadens) über die Autobahn fuhr und immer wieder auf den Standstreifen auswich, konnte nicht der Grund sein.
Als er dann anhielt, wollte dieser Mann in Jeans und T-Shirt, ihm seinen Dienstausweis als Polizist zeigen. Aber was nicht sein kann, kann nicht sein. Der ältere Herr weigerte sich seinen Ausweis oder die Fahrzeugpapiere zu zeigen und versuchte einfach weiter zu fahren. Schließlich kann so ein Beamter nicht aussehen, oder?
Und weil der Polizist ihn nicht fahren lassen wollte, wurde er laut, sehr laut, bis dann ein Streifenwagen erschien. Nun  dann folgte das, was immer folgt: Lautstarke Erklärungen, den Vorschlag einen Preis für rücksichtsvolles Fahren (wegen des Ausweichens auf den Standstreifen) zu bekommen und Beschwerden über Ton und Kleidung des Polizisten. Einsicht folgte nur in ganz kleinem Maße....
Ein "jüngerer" Autor uber 30 hatte einen Termin bei einer Kieferchirurgin, bei dem eine Narkose und eine kleine OP zu erwarten war. Er zitterte ein wenig, weil die letzten Male die Narkose wegen einer Entzündung dort nicht so funktioniert hat- und Zahnschmerzen so richtig Scheiße sind. Nun lispelt er (wegen einer Zahnschiene), schmatzt (dito), sieht aus als hätte er sich ewig nicht die Zähne geputzt (doppeldito) und leidet ganz fürchterlich. Nicht, weil da noch Schmerzen sind, sondern einfach weil es drückt, schmatzt und gewisse Laute sehr eigentümlich wirken.
Viel schlimmer ist aber etwas anderes: Wer ein Projekt hat, der muss an seinem Projekt arbeiten. Deshalb sitze ich nun seit Tagen an einer langen Liste und vielen Texten, die erklären sollen, wie man einen Thriller schreibt und was das Schema F ist. Dazu Listen über alternative Geschichtsschreibung, Bücher über mein Thema, ein paar Beispielbücher, ein paar Konzepte für die Figurengestaltung. Und irgendwie ist das noch viel schlimmer als Zahnschmerzen und ich komme mir wie 80 vor und vor mir steht auch ein Storypolizist.... Jetzt habe ich volles Verständnis.

Dienstag, 20. Juli 2010

Ein Experiment....

Erst heute habe ich die eine Rückmeldung für mein Manuskript bekommen, und irgendwie habe ich diese Art der Rückmeldungen auch erwartet- schließlich habe ich ordentlich an meinem Text gearbeitet. Aber dann hat ist das Gespräch in eine ungeheuer reizvolle Richtung gekippt- ich habe meinen Autorenpartner gebeten mir mal beim plotten einer Geschichte zu helfen: ja genau, ich werde es mal wieder versuchen. Ich werde ein Exposee schreiben, dann ein Treatment auf Szenenbasis und werde genau das (und nicht mehr) nach und nach ausfüllen- oder es zumindest versuchen. Als Zeit habe ich mir eine Frist von einem Monat gesetzt, um es ernsthaft zu versuchen.

Denn eine der Erfahrungen mit meinem Manuskript ist, dass ich es sehr langsam entwickele und immer wieder von diesem Manuskript eine Pause brauche- gerade weil ich mal wieder rein intuitiv schreibe. Und da es mit der Zukunft gerade etwas unsicher aussieht, werde ich mich in dem geplotteten Buch an einem Brotbuch versuchen, auf Plotbasis und nach klarer Spannungsbogen. Das Thema fasziniert mich aber schon länger.

Interessanterweise habe ich heute beim plotten (mit einer lieben Fragerin) schon einiges über den Roman rausgefunden, was eine gewisse Ähnlichkeit mit Prämisse und Grundthema hat, wenn auch auf eine etwas eigenwillige Art. Ich bin gespannt.

Sonntag, 18. Juli 2010

Eskapismus und Romane

Immer wieder taucht der "Eskapismus" als Vorwurf auf, wenn jemand sich mit Romane, mit Filmen oder anderen Dingen beschäftigt. Das Lesen (wie "Filme ansehen" und anderes generell "weltabgewandt" ist, halte ich übrigens für falsch. Denn einen Schritt zurückzutreten, und die Welt durch die Augen eines anderen neu zu entdecken, halte ich für eine besondere Form der Weltzugewandtheit. Dabei ist es übrigens völlig egal, welche Bücher man liest. Denn die Menschen beschäftigen sich in Filmen und Romane als Leser und Autoren immer wieder mit den Themen, die sie (und viele andere) in ihrem Leben beschäftigen- nur auf eine andere Art und in recht unterschiedlichen "tiefen" der Beschäftigung.

Freitag, 16. Juli 2010

Irgendwie gibt es solche Tage....

An manchen Tagen scheint einfach alles schief zu laufen. Um drei Uhr morgens wurde ich wach, weil mich zwei Mücken gestochen hatten, ich mich im Schlaf gekratzt hatte, eine allergische Reaktion entstand, ich im Schlaf den Juckreiz nicht mehr stoppen konnte- und ich dann zwei Stunden mit Cortison und Ceterizin verbracht habe, um dem Juckreiz abklingen zu lassen.
Um 9.00 Uhr war ich beim Zahnarzt, um die Fäden der OP ziehen zu lassen. Leider wurde erst ein Abdruck gemacht und da war es nicht mehr nötig einen Teil der Fäden ziehen lassen zu müssen: Autsch. Dann Mittags einen verunglückten Imbiss gegessen: Neuerdings ist Jägersauce Zigeunersauce mit Pilzen- was da die armen Jäger und Zigeuner dazu sagen?? Dann geschlafen, mit starken Kopfschmerzen aufgewacht. Vielen Dank liebes Ceterizin.
Gearbeitet. Da gab es dann auch Probleme.
Zu Hause dann die Mitteilung gefunden, dass es mit meiner Zukunft noch einige Wochen weiter in der Schwebe bleibt...... Das Leben ist Scheiße, oder??

Donnerstag, 1. Juli 2010

Mauern und so

Manchmal muss man einfach einen Schritt zurück machen, wenn man vor einer Wand steht. Manchmal aber auch nicht.

Gerade stehe ich mal wieder vor einer solchen Mauer und staune über die Geschwindigkeit, mit der der Lehm aus dem Boden auftaucht und durch die Umstände gebrannt wird, bevor die fiesen Dinger sich auch noch zu einer Mauer zusammenrotten. Vor Jahren hätte ich vermutlich beim Anblick der Mauer erst einmal eine Pause gebraucht, heute klopfe ich erst einmal die Mauer ab, ob die auch wirklich da ist und ob die Steine wirklich alle so massiv sind, wie sie scheinen.
Und ganz ehrlich: Ich kriege es irgendwie hin. Nur manchmal ist der Anblick atemberaubend, vor allem, wenn man mit der Nase im Steinmörtel hängt. Und was da gerade alles zusammen kommt, ist ebenfalls atemberaubend. So wenig Zeit und so viele Steine. Jetzt hole ich aber erst mal die Axt... und schlage mir mal ein wenig Mauer um die Ohren

Montag, 28. Juni 2010

Bachmannpreis 2010

Eine innere Hinwendung erfährt immer wieder eine Enttäuschung. Nachdem ich in den letzten Jahren immer wieder ausführlich die Texte beim Bachmannpreis kommentiert habe, werde ich in diesem Jahr darauf verzichten. Es handelt sich dabei um eine ästhetische Entscheidung, weil ich keinen Text gefunden habe, der mich überzeugen konnte mir diese Arbeit aufzubürden. Arbeit übrigens, weil die meisten Texte aus einem mir rätselhaftem Grund irgendwie das Spagat zwischen Erzählen, Handwerk und Inhalt nicht hin bekommen haben. Das sogar den eher gelungenen Texten etwas fehlt, konnte ich aber einfach nicht überwinden. Das beginnt mit der Möglichkeit die Krisen in den Texten wirklich aus eigener Erfahrung oder Übertragungen zu füllen, geht weiter mit den fehlenden, interessanten Sprachbildern und endet nicht bei der hypnotischen Einheit großer Texte.
Eine Jury wählt aus Hunderten von Einsendungen die Texte aus, die sie selber in das Preisrennen schicken möchten- und nach den Kommentaren zu den vorgestellten Texten bleibt da nur die Frage, warum die meisten Texte überhaupt ausgewählt wurden und aus welchen Auswahl die Jurymitglieder schöpfen können. Immerhin war es leicht sich für die Preisträger zu entscheiden. Bei der Vielzahl der Preise und den wenigen gelungenen Texten war es dann nicht so schwierig die Preisauswahl zu begründen.
Eines bleibt aber nach diesem Bachmannpreis (und vielen zuvor) letztlich offen: Warum fehlen in manchen Jahren starke Autoren und warum wirkt die Kritik manchmal ebenso müde wie mancher vorgestellter Text?

Donnerstag, 24. Juni 2010

Über den Zusammenhang von Kunst und Handwerk

"Das Schreiben eines Romans besteht zu 99% aus Transpiration und nur zu 1% aus Inspiration"- dies oder eine ähnliche Aussage haben die meisten Menschen von einem Autor schon einmal gehört. Und im Prinzip ist diese Aussage richtig. Aber halt nur im Prinzip.
Das Handwerk des Schreibens findet sich zwar in jeder Zeile, in jedem Satz und jeder gelungenen Konstruktion eines Textes, aber das Handwerk ist letztlich nur das Grundgerüst eines Romans. Es ist eine Vielzahl von Möglichkeiten, von Varianten, Ideen von Vorgängern, Erfahrungen, die die Ideen in einen Rahmen einordnen und verschiedene Variante diese zu vermitteln anbieten. Mehr nicht, aber auch nicht weniger.
Die meisten Autoren haben das Grundhandwerk so verinnerlicht, durch stete Anwendung, dass sie eigentlich nur noch über das Handwerk nachdenken, wenn es sie im Stich lässt- wenn sie ein Problem finden, welches sich nicht ohne weiteres lösen lässt oder wenn sie versuchen ein Problem in den Rahmen des Romans einzusetzen, Deshalb ist es auch so wichtig, gerade am Anfang, viele Ideen und Dinge auszuprobieren und mit eigenen Erfahrungen das Handwerk anzuwenden, auszuprobieren, kritisch zu hinterfragen und dabei zu verinnerlichen. Später dienen die Experimente dazu den eigenen Horizont zu erweitern und über das oft stark vereinfachte Grundhandwerk hinauszuwachsen.
Kreativität hat viele Väter, denn sie kann sowohl frei und wild sein, ungebunden, genau wie sie aus dem beherrschten Handwerk erwachsen kann, indem sie dort neue Wege geht, das bestehende verweigert, ergänzt, ausbaut. Sie kann aber auch zwischen frei und gebunden liegen.
Deshalb ist es wichtig das Handwerk zu beherrschen, um in einem Text alle möglichen Formen der Kreativität einzubringen. Denn die schönsten Ideen müssen eben über das Handwerk in einen Text gebracht werden, damit sie lebendig werden. Je besser das Handwerk ist, desto leichter können Ideen in einen Text vermittelt werden und desto besser können sie in den Text gebracht werden.
Was der Autor nur denkt, kann der Leser für sich nicht entdecken, von außergewöhnlichen Lesern einmal abgesehen. Gleichzeitig leben Romane aber nicht nur vom Handwerk: Denn das Handwerk macht aus einem Menschen keinen Schriftsteller, sondern einen Schreibhandwerker. Romane leben nicht vom Handwerk, sondern den 1% Inspiration- von der gekonnten Abweichung an einigen wenigen Stellen.

Dienstag, 22. Juni 2010

Was macht (für mich) einen erfolgreichen Roman aus??

In der letzten Zeit lese ich immer wieder Kommentare und Artikel von Kollegen, die sich selber über die professionellen Rückmeldungen zu ihren Texten definieren und daraus ihr Selbstverständnis ableiten. Dies ist insofern problematisch, weil die Verlage und Agenturen eine oft eigenwillige Vorstellung von bestimmten Romanen oder Romantypen haben.

In historischen Romanen wiederholt sich z.B. das Schmema, dass zwei Personen aus einer Familie (oft Halb- oder Stiefbrüder) gemeinsam aufsteigen, die eine Person über Talent und positive Eigenschaften, die andere über Intrigen und Gewalt, bis beide im Verlauf des Romans sich immer wieder als Feinde gegenüberstehen: Mal als Rivalen um die Liebe einer anderen Person, mal als Rovalen um Ansehen und immer wieder wird der "Gute" durch die Intrigen in Gefahr gebracht, oft mit Gefängnis verbunden, bevor er letztlich triumphiert. Dies verbunden mit einem engen Figurenschema wird dann als Ken-Follet-Schema bezeichnet. An einem meiner Urlaubstage habe ich einen Roman gelesen, der dieses Schema leicht verändert adaptiert hat, und dabei die Figur des "Bösen" letztlich noch allerlei Todsünden angedichtet hat, während die Hauptfigur natürlich weiblich war und die angenommene Verwandtschaft sich als erzählerischer Trick ausgewachsen hat.
Besonders verstärkt wurde der schematische Eindruck des Romans durch seine vielen Zufälle und Leerstellen- in diesem Fall weitgehend die etwas hülsenartigen Archetypen und die schwache Verbindung von Handlungsort und Handlung. Der Roman ist jedoch inzwischen in der x-ten Auflage erschienen und ein Bestseller.
Ein anderer historischer Roman aus meinem Urlaub nahm die "Säulen der Erde" als Vorbild und hat diesen Roman breit über das Schema hinaus als Vorbild genommen, indem ein Bauwerk im Zentrum der Handlung stand und immer wieder Motive und Elemente aus diesem Werk auftauchten- alles nur zwei Nummern eingekocht und jeweils auf Passagen begrenzt.

Wenn man einen solchen Roman verwendet, um daraus sein Selbstbild als Autor abzuleiten, ist das Ergebnis nur bedingt tauglich. Denn letztlich beweist man nur die handwerkliche Fähigkeit ein Schema mehr oder minder gut mit Leben auszustatten- und nicht die Fähigkeit einen eigenständigen Roman zu schreiben. Denn genau das sind diese beiden Romane nicht.
Die Kunst einen Roman zu schreiben bedeutet eben auch die Verantwortung für einen Roman, seine Figuren und Handlung- die Fähigkeit die Handlung ohne enge Vorgaben zu entwerfen, indiviudelle Figuren zu gestalten und über die eignen Erwartungen hinaus mit dem eigenen Figuren und Handlungen in Kommunikation zu treten. Solche Romane sind selten und unterhalten, weil sie den Leser herausfordern, nicht weil sie ihm den gleichen Brei mit etwas Salz vorsetzen.

Donnerstag, 17. Juni 2010

Ralf Isau "Der Herr der Unruhe"

In Ralf Isaus Roman "Der Herr der Unruhe" geht es um den jüdischen Uhrmachersohn Nico dei Rossi, der die erstaunliche Gabe besitzt mit unbelebten Gegenständen zu kommunizieren. Viele Jahre nachdem sein Vater von dem italienischen Faschisten Manzini ermordet wurde, kehrt er aus Wien nach Italien zurück, um sich an Manzini zu rächen und den von seinem Vater ausgesprochen Fluch auf die Lebensuhr Manzinis zu erfüllen. Er lernt die junge Laura kennen, die zu seinem Unglück die Tochter Manzinis ist. Hin- und Hergerissen zwischen dem Wunsch nach Rache, der Liebe zu Laura, den Vorgängen im faschistischen Italien, seinem Freund aus der italienischen Resistanz muss Nico dei Rossi seinen eigenen Weg finden.

Ralf Isaus Roman ist eine vielfältige Geschichte über den italienischen Faschismus, über den italienischen Widerstand über den Umgang des Vatikans mit Faschismus und Antisemitismus, über den 2. Weltkrieg und die Landung der Alliierten bei Nettuno/Anzzio. Dies alles ist ein wichtiger Teil von "Der Herr der Unruhe", weil es Ralf Isau gelingt dies zu einem elementaren Teil seines Romans zu machen. In seinem Buch geht es aber auch um Freundschaft und Verrat geht, um Unterdrückung und die Reaktion der Unterdrückten, um Liebe und um die Situation der italienischen Juden.
Die Sprache Isaus scheint hinter der Geschichte zurück zu stehen, auch wenn sie sehr präzise ist, aber gerade durch die einfache Sprache und Präzision wird sie ebenfalls Teil der Geschichte. Leicht störend erweist sich aber die Gabe der Hauptfigur, die an manchen Stellen eine überzeugende Lösung ersetzt. Ein wenig blass bleibt die Liebeshandlung um Laura und Nico, die ein wenig zu einfach und wenig überzeugend gestaltet ist.
Trotz dieser ist Ralf Isaus Roman ein spannendes und unterhaltendes Buch über ein (in Deutschland) wenig beachtetes Kapitel des 2. Wk. und der Judenverfolgung gelungen, dass eben nur wenig auf die standardisierten Erzählmuster des historischen Romans zurückgreift. Wenn Isau noch den Mut gehabt hätte, seiner eigenen Geschichte zwei Deut mehr zu trauen, hätte es auch ein großartiges Buch werden können- aber entscheidende Konflikte und Probleme werden nicht stark genug ausgearbeitet und über außenstehendes gelöst und die geschichteliche Hintergrund hätte noch ein wenig mehr ausgearbeitet werden können. So steht der Roman irgendwo zwischen Unterhaltung und anspruchsvoller Unterhaltung, obwohl er zweifelsfrei gelungen ist.

Sonntag, 13. Juni 2010

Rückbesinnung

Manchmal muss man hinter sich sehen, wenn man nach vorne gehen möchte, denn unsere Zukunft ist immer eng mit unserer Vergangenheit verbunden. Vor knapp einer Woche war ich mitten in den Vorbereitungen für einen kleinen Sonderurlaub in Zeeland, mein Hund litt mächtig unter Zahnschmerzen und ich habe einfach keine Zeit gefunden zu bloggen oder an meinen Texten zu schreiben. Also habe ich meinen Laptop eingepackt und wollte in Zeeland arbeiten.
Letztlich habe ich aber nicht geschrieben, sondern gelesen. Ich habe drei Krimis gelesen, zwei historische Romane und natürlich ein wenig dies und das. Was man halt an den wenigen Urlaubstagen macht.Denn für mich ist es wichtig mich immer wieder daran zu erinnern, warum ich schreibe. Und vielleicht das eine oder andere aus den Werken der Kollegen zu lernen.
Aus einem der Romane habe ich aber schon ein interessantes Ergebnis zu melden: Ken Follets Standartdramaturgie scheint für historische Romane immer noch zu funktionieren- immerhin handelte es sich um die siebte Auflage des betreffenden Werks, das nicht von Ken Follet ist. Es könnte es aber fast sein.
Bei den Krimis/ Thrillern gibt es übrigens ähnliche starke Muster, die in verschiedener Weise nur variiert werden. Offensichtlich sind Trinker gerade als Kommissare groß in Mode (siehe Ian Rankin), gescheiterte Mittvierziger, die Geschichten sind aber immer wieder die gleichen.
Das einzig außergewöhnliche Buch werde ich in den nächsten Tagen vorstellen.