Sonntag, 29. November 2009

Fleisch wird zum Wort (über Franz Kafka)

Der schweizer Germanist Peter von Matt schreibt heute in der NZZ einen Artikel über Franz Kafka  "Die Vollkommenheit des Unfertigen". Wie die meisten Schriftsteller geht es heute viel zu oft um die Frage, was Kafka nun war und welche Hinweise man in seinen Texten dazu finden kann, und nicht um die fast hermetischen Texte Kafkas. Wie sich von Matt dieser Frage nähert, über die Wortwerdung des Fleisches als Leitmotiv von Kafkas Schreiben, ist auf jeden Fall lesenswert.

Mittwoch, 25. November 2009

Keine Entschädigung im Fall Esra

Nachdem der Roman "Esra" von Maxim Biller durch ein Urteil des Bundesverfassungsgericht verboten wurde, siehe das Label "Meinungsfreiheit" mit mehreren Artikel, ging es vor dem OLG (Oberlandesgericht München) und dem BGH (Bundesgerichtshof) um eine mögliche Entschädigung für die Klägerine.
Nachdem der Hauptklägerin im ersten Zivilprozess ein Schadensersatz für die Verletzung ihrer Persönlichkeitsrechte in Höhe von 50.000€ zugestanden wurde, während die Mutter der Klägerin kein Geld bekommen sollte, ging der Verlag Kiepenheuer&Witsch und Maxim Biller in Revision vors OLG München. Mit dem Urteil vom 10. Juli 2008 hatte das OLG München in der Revision entschieden, dass auch der Hauptklägerin kein Schadensersatz in finanzieller Form zusteht, obwohl ihre Persönlichkeitsrecht schwer verletzt worden sind, siehe ein Artikel aus dem Spiegel.online dazu: ]"Maxim Biller muss doch kein Schmerzensgeld zahlen".Heute kam der Fall vor das BGH und das Urteil des OLG München wurde letztendlich bestätigt, siehe Uwe Wittocks Kommentar in der Welt "Kein Geld für Esra" und Ina Hartwig in der Times Mager der FR "Endlich".
Der Eingriff in die Pressefreiheit durch ein Verbot des Romans scheint nach der Güterabwägung des OLG München und des BGH so groß, dass ein weiterer Schadensersatz nicht angemessen erscheint. Eine gute Nachricht für die Kunstfreiheit.
Letztlich wird durch dieses Urteil es weiterhin möglich sein sogenannte Schlüsselromane zu schreiben, die, sofern sie entweder künstlerisch hochwertig genug sind und die handelnden Personen genug verfremdet sind, durchaus nicht alle per se durch Gerichtsurteile und sogar möglichen Schadensersatz bedroht sind.

Samstag, 21. November 2009

"Die Quellcodes der Literatur"

Heute bespricht der deutsche Autor Stephan Wackwitz in der TAZ "Die Quellcodes der Literatur" Mark McGurls Studie "The Program Era", in derMark McGurl sich grundlegend mit der Literatur der Nachkriegszeit in den USA beschäftigt.
Während noch Mitte des letzten Jahrhunderts, siehe Hugh Kenner "The Pound Era", wichtige Grundlinien der amerikanischen Literatur auf Esra Pound zurückgeführt werden konnten, sieht, so Wackwitz, McGurl die kreativen Schreibkurse letztlich als programmatische Sektion der amerikanischen Gegenwartsliteratur, die er in drei große Gruppen zusammenfasst: "Modernismus der unteren Mittelklasse" wie Carver, "Technologischer Modernismus" wie bei Pynchnon und "Pluralismus der Hochkultur" bei allen Texten, die sich mit Figuren außerhalb der üblichen Erfahrung des Lesers beschäftigten. Dabei ist besonders wichtig, so Wackwitz im Bezug auf McGurl, dass die meisten bedeutenden US-Autoren irgendwann selber "Creative-Writing" Kurse gegeben haben und in den Werkgesprächen und Diskussionen letztlich prägende Entscheidungen entstanden sind. Somit wird das Individuum in der literarischen Diskussion durch die Gruppe ersetzt, was zur Vielfalt einerseits und einem breiten Austausch geführt hat, so McGurl und Wackwitz. Dabei entsteht in den "Creative-Writing" Kursen ein soziologischer Moment, in dem die Vermeidung der Selbstentblößung durch Scheitern, Distinktion und gesellschaftlicher Aufstieg letztlich die Wahl der Mittel der Schriftsteller aufzeigen.

 
Ich möchte gar nicht mehr verraten, sondern gleich etwas zur deutschen Literatur schreiben, ein paar wilde Gedanken, die sich nur zum Teil mit Wackwitz interessanten Ideen dazu decken.

Montag, 16. November 2009

Die eigene Stimme und die Textstimme... ein paar Gedanken

Ich habe in meinem Blog schon öfter über die eigene Stimme geschrieben. Die eigene Stimme ist das Ergebnis einer ganzen Reihe von Entscheidungen eines Autors, die es dem Leser ermöglicht Texet eines Autors nur an seiner Art etwas zu erzählen oder zu beschreiben wieder zu erkennen. Das bedeutet nicht, dass ein Autor immer die gleichen Entscheidungen beim Schreiben treffen soll oder muss. Es bedeutet nur, dass einige dieser Elemente immer wieder bei bestimmten Autoren wiederkehren.
Gleichzeitig macht eine starke eigene Stimme es schwierig die eigenen Texte zu verkaufen, weil sie eben ein "Alleinstellungsmerkmal" ist. Der Text muss also den Lektor überzeugen, dass dieser Autor eben Bücher verkaufen wird, weil der Leser sich nach dieser Stimme zurücksehnt. Wer nur Texte verkauft, weil ein Blurp ihn an die Seite des berühmten Autoren oder des Romans "xy" setzt, macht sich mit eigener Stimme den Weg schwer, vor allem, wenn es eine sehr einprägsame Stimme ist.

Neben der eigenen Stimme hat auch jeder Text und jede Figur eine eigene Stimme in einem Text oder sollte das zumindest. Das bedeutet, dass jeder Text eine bestimmte Art verlangt, wie er erzählt werden will. (Und ja,. die Personifizerung des Textes ist kein Fehler). Denn manche Texte brauchen Langsamkeit, andere leben von der Beschleunigung, manchmal muss man erklären, manchmal auch nicht. Und ja, manche Text leben von der langsam aufgebauten Atmosphäre, und andere Texte brauchen nur Konturen.
Aus all dem entsteht dann der besondere Ton eines Textes, ein besonderer Rhythmus und die eigene Gedankenwelt, die ihre eigene Sprache braucht.

Freitag, 6. November 2009

Das innere Korsett

Schreiben besteht wie die meisten Tätigkeiten, die man regelmäßig ausübt, aus eingeübten Standards, Neuem und einer breiten Mischung aus beiden. Denn die meisten Autoren können aus der Lameng eine kurze Szene schreiben, wenn man ihnen eine Handvoll Grundinformationen gibt. Und genau diese Übung in der Mischung mit Erfahrung macht einen Autor aus. Denn man kann das Schreiben nicht mit jeder Stelle neu erfinden, mit jeder Szene, mit jedem Augenblick das Handwerk neu bedenken, wenn man irgendwann einmal eine ganze Geschichte schreiben möchte.
Am Anfang ist das Schwierige erst einmal alle Möglichkeiten kennen zu lernen und sich die eigene Vorstellungskraft verschriftlichen zu können. Nach und nach wird nach den Möglichkeiten dann die Rhetorik geübt, der Satzbau, die Möglichkeiten des Handwerks, bevor man sich immer weiter der eigenen Vorstellungskraft nähert. Und dann irgendwann wird die eigene Vorstellungswelt erweitert und hoffentlich nach neuen, ganz eigenen Möglichkeiten gesucht, wie man seine eigene Vorstellungswelt beschreiben kann. Das ist genauso notwendig, wenn man nicht gerade auf seinen Bücher einen Klappentext wie "Schreibt wie xy" haben mächte, wie auch wichtig, um eben seinen eigenen Stil aus der Vielzahl der Möglichkeiten zu gestalten und eine breite Variationsbreite anbieten zu können.
Nur ist eben auch immer eine Auswahl, eine Entscheidung. Und die führt zu anderen Schwierigkeiten. Denn ästhetische Entscheidungen sind immer nur durch den guten Geschmack begründbar, und somit immer subjektiv. Dazu kommt, dass neben der Subjektivität auch immer noch das Korsett dazukommt. Wenn man einen eigenen Stil entwickelt hat, dann hat man einen Maßstab für den Textkörper entwickelt: der eigene Stil als Schreibkorsett, indem man seine eigene Geschichte errichtet.
Das ist hilfreich, wenn man gerade schreibt, störend, weil man sich immer an sich selber messen muss, schwierig, wenn man an sich selber scheitert oder zu hohe Maßstäbe ansetzt, und katastrophal, wenn man in der Schreibblockade ist. Denn eine Schreibblockade ist immer die Angst vor dem eigenen Versagen, die Stimme in sich, die einem die eigenen Unzulänglichkeiten aufbereitet und schonungslos aufdeckt, während man die eigenen Leistungen übersieht. Wer in einer solchen Lage versucht eine Geschichte in ein Korsett zu setzen, wird sofort spüren, wo es zu eng ist, wo zu weit, wo Taille und Brust raussehen und das vielleicht drei Beine unter dem Korsett hinderlich sind. Dann wird es Zeit das Korsett abzulegen, die Schminke aus dem Gesicht zu nehmen, alle Ratschläge fallen zu lassen, den Schweinehund Gassi zu schicken und einfach die Wahrheit über den Text dort zu suchen wo er ist. Nicht in der Angst, dem Versagen, der Vergangenheit, sondern in dem Stückchen Text, dass man in einer Woche beurteilen kann, wenn man sich aus all dem herausgeschrieben hat.