Freitag, 28. November 2008

Elke Heidenreich und "Lesen!" im Netz

Als Elke Heidenreich davon gesprochen hat, dass es ihre Sendung weiterhin geben würde, war immer die Frage, wo das stattfinden würde. Inzwischen meldet der Stern, dass es die Internetseite "lit.Colony" sein wird, die Webseite, die zur Lit.Cologne gehört. Dort kann man die erste Sendung mit Campino (28 Minuten) am neuen Sendeort "Backes" jetzt schon abrufen, jederzeit, kostenlos, und weitere vierzehn Sendungen sind bis 2009 geplant.
Anscheinend wird das Internet immer mehr zum Qualitätsmedium, genau wie es an anderen Stellen zum dunklen Loch (für nicht gefundene Internetseiten) und zum Schrottplatz wird.

Donnerstag, 27. November 2008

"Worte rauben die Freiheit" ein Treffen im Festsaal der Stockholmer Börse

In einer idealen Welt sind die Worte frei, weil niemand Angst vor der Wucht der Worte hat, die sowohl leise summend oder laut tönend über diese Welt sprechen. Weil die Menschen nicht fürchten, vor allem bestimmte Menschen, dass man ihre Haltungen und Einstellungen hinterfragt, Regierungen und Ideologien in Frage stellt oder die Mißstände, Verbrechen oder andere Dinge öffentlich macht. Aber wir leben nicht in einer idealen Welt.
Wir leben in einer Welt, die an unendlich vielen Stellen Angst vor den Worten hat- ich verweise noch einmal auf meinen Blogeintrag zum "Writers-in-Prison"-Tag. In unserer Welt werden Schriftsteller und Journalisten verfolgt, weil Worte, die nicht ausgesprochen werden, keine Gefahr sind, weil sie niemand finden und verstehen kann, und dann möglicherweise handeln. Deshalb rauben auch Worte die Freiheit, weil der der diese klingend-summend-tönenden Worte ausspricht, für sie verfolgt wird und dadurch seine Freiheit verliert, für die Freiheit sie zu sagen.

Salman Rushdie und Roberto Saviano sind zwei dieser verfolgten Autoren und haben sich an der Stockholmer Börse auf Einladung der Stockholmer Akademie getroffen, siehe die Frankfurter Rundschau online mit dem Artikel "Worte rauben die Freiheit. Satanische Camorra.", oder in der Taz "Die Akademie bezieht Stellung". Salman Rushdie lebt immer noch unter der Fatwa, einer Todesdrohung bzw. Aufforderung Rushdie zu ermorden, die der iranische Staatschef Khomeini wegen Rushdies Buch "Die satanischen Verse" ausgesprochen hat (auch wenn die Fatwa von vielen anderen muslimischen Regierungen abgelehnt wird). Roberto Saviano hat als Journalist und als Autor des Buches "Gomorra" intensiv und jahrelang über die Camorra recherchiert und ihre Vorgehensweisen, Verbindungen samt den Namen einiger Täter veröffentlicht.
Damit gibt die Stockholmer Akademie endlich ihre neutrale Haltung zu verfolgten Schriftstellern auf und widerspricht den Menschen, die meinen, Saviano habe nur das Licht der Öffentlichkeit gesucht, ein Vorwurf der in ähnlicher Form auch gegen Rushdie mehrmals erhoben wurde. Denn auch wenn Saviano und Rushdie sicherlich die Reaktion auf ihre Bücher unterschätzt haben, so stehen sie hier als deutliche Pfeiler der Meinungsfreiheit, die zu beschützen die Aufgabe aller Demokraten und Schriftsteller ist. Denn wenn die Pfeiler stürzen, werden viele andere nicht mehr wagen ihre Worte frei auszusprechen. Und das geht uns alle an.

Mittwoch, 26. November 2008

Die Heimat ist eine Sprache

Vielleicht hört sich der Titel dieses Blogeintrags etwas seltsam an, aber irgendwie ist das eine der auffälligen Entwicklungen, die mit meinem Schreiben einhergehen.

Sprache ist unsere Möglichkeit unsere Wahrnehmung so umzusetzen, dass andere unserer Wahrnehmung folgen kann- sie ist neben unserem Körper unser Ausdrucksmedium. Somit folgt die Sprache unserer Wahrnehmung, und ist ihre Ausdrucksform- wir können in unserer Sprache nur das Denken, was wir ausdrücken können. Und Wahrnehmung ist, wie ich in einigen Blogeinträgen behandelt habe, ein wichtiges Kriterium, an dem sich für mich Künstler von anderen Menschen unterscheiden.
Das erklärt auch, warum Literatur eine solche Bedeutung für ein Land hat und für seine Schriftsteller. Die Geschichten, die in einer Sprache erzählt werden, die Mythen und Legenden spielen genau wie die Geschichte eines Landes, die Sicht auf die Gesellschaft eine erhebliche Bedeutung, wie auch die Literatur. Und Schriftsteller verwenden die Sprache in einem kreativen Sinn- genau wie andere- und tragen zu Vielfalt der Sprache und der sprachlichen Gestaltungsmöglichkeiten bei. In ihren Büchern verwenden sie Sprache, um Dinge zu erklären, verwenden rhetorische Figuren, und tragen zur Bildhaftigkeit und Lebendigkeit der Sprache bei- sicher nicht alleine. Besonders macht Schriftsteller, dass sie ihre Werke den Lesern überlassen, und diese aus den Romanen absichtlich oder unabsichtlich in ihrer Sprache, ihrem Sprachverständnis, ihrem Wortschatz und der Bildlichkeit schulen. Der Schriftsteller ist übrigens ein schlechter, der mehr schreibt, als er liest- und wer seinen Verstand nicht an den Büchern geschult hat, wird sein Leben lang als Schriftsteller diesen Büchern hinterherschreiben. Denn unsere Sprache wird in einem besonders starken Maße an diesen Büchern geschult, genau wie das Schreibhandwerk.
Eine große Belebung der Sprache entsteht dadurch, dass die meisten Menschen inzwischen neben der eigenen Sprache über die Schule weitere Sprachen kennenlernen, und damit auch ihre Gestaltungsmöglichkeiten, ihren Wortschatz und mehr. Dadurch wird die eigene Sprache in der Übersetzung durch die fremde Sprache gespiegelt und gegengesetzt, was einerseits unheimlich bereichernd ist, bei Lehnwörtern, bei Neubildungen, beim Verständnis grammatischer Prinzipien und den Besonderheiten der deutschen Sprache (und der anderen), aber manchmal zu den seltsamen Blüten des Denglisch führt.

Somit ist die eigene Sprache die Verbindung zur eigenen Geschichte (und Geschichte des Landes), zum Verständnis und zur Bildung, zur Möglichkeit des eigenen Ausdrucks und die Verbindung zur Literatur, Mythen und Erzählungen, zu den Menschen als Kommunikationsmittel um einen herum.
Deshalb ist es für mich nicht das Land, was meine enge Verbindung zum Deutschen darstellt, sondern die Sprache. Ich kann mir heute nicht vorstellen, wie es wäre meine Sprache zu verlassen, um in einer anderen Sprache zu schreiben, wie Paul Celan, Nabukov und andere es gemacht haben. Ich kann mir heute nicht vorstellen, wie mich das Einleben in eine andere Sprache bis hin in meine Texte mich und mein Leben verändern würde.
Gleichzeitig ist es aber so, dass viele anderen Gebilde, ob nun die Verfassung, das Land um mich herum, und vieles andere eher sekundäre Dinge nach der Sprache sind. Das bedeutet nicht, dass dies mich nicht bindet, aber es bindet mich weniger als die Sprache. Das ist für mich eine der seltsamen Dingen des Schreibens: Es klärt viele Dinge, die vorher unklar waren, ungenau, vermengt und vermischt.

Dienstag, 25. November 2008

Lernen, Schreiben und Schriftsteller träumen anders (ich zumindest)

Lernen ist anstrengend, eine Erfahrung, die die meisten Menschen irgendwann vergessen. Da ich gerade an meinem Uniabschluss arbeite, sitze ich viele Stunden vor meinen Texten und Büchern, um mir jede Menge Wissen in den Verstand zu prügeln, bevor ich dann bei Spaziergängen versuche das Wissen in Zusammenhang zu setzen. Der erste Teil ist anstrengend, der zweite Teil führt mich in starke Erschöpfungszustände.
Denn Wissen ist an sich nichts, erst die Zusammenhänge machen Wissen nutzbar- und über die Übertragung entsteht aus Wissen Bildung. Und genau das brauche ich, um meine Prüfungen zu schaffen (bzw. muss ich reaktivieren, um es zu schaffen).

Und weil ich im Moment wenig Zeit habe, komme ich nicht sonderlich mit dem Schreiben voran. Denn Schreiben erfordert bei mir eine ziemliche Konzentration, um hier über die Zusammenhänge meine Texte zu entfalten. Zudem habe ich seit ca. vier Wochen eine ordentliche Schreibblockade: In meinem Hauptmanuskript und meinem Nebenmanuskript habe ich jeweils eine wichtige Entscheidung zu treffen. Beim Hauptmanuskript habe ich wunderbare 120 Seiten, bei denen ich aber in den letzten vier Kapiteln so viel suggestive Kraft hineinbringe, dass dies möglicherweise meine Geschichte fast sprengt- nun stellt sich die Frage, ob und wie ich mit dieser suggestiven Kraft von Bildern und Handlungen umgehe. Soll ich Kraft herausnehmen oder die Kraft relativieren oder so stehenlassen. Beim Nebenmanuskript stellt sich die Frage, nach knapp 40 Seiten, welcher Konflikt die weiteren Handlungsabläufe auslösen wird- ich brauche da eine Konfrontation, die einerseits ordentlich ist, aber nicht zu stark, witzig, und gleichzeitig die Richtung für den restlichen Text vorgibt.
Nun habe ich angefangen in den letzten Wochen all diese Probleme auf verschiedenste Weise neu zu betrachten, indem ich Abstand zu beiden Texten gewonnen habe, u.a. weil ich zu müde zum Schreiben war. Denn ich möchte erst mit einem Konzept weiterschreiben, weil ich ansonsten viel Material für den Papierkorb produziere. Das ist übrigens mein Urlaub vom Lernstress, das Schreiben in Gedanken vorzubereiten.

Und dann: Tata. Ich habe angefangen von meinem Hauptmanuskript zu träumen, wie ich das öfter habe in Schreibpausen. Dann schreibe ich in meinen Träumen weiter an meinen Manuskripten, entwickele Ideen, teste Vorstellungen und gewinne einen Eindruck, was ich schreiben möchte. Übrigens schreibe ich mir ein bißchen was auf- und vergesse das meiste wieder. Nur stelle ich dann Monate später fest, dass ich gerade eine Stellen schreibe, von der ich geträumt habe. Der Traum übernimmt einen Teil meiner Arbeit.
Vielleicht weil ich ja so ähnlich schreibe: Gedankenverloren, mit Musik im Hintergrund, die ich nicht mehr höre, fast traumhaft in ebensolchen Bildern.

Seltsam.

Ein Feigenbaum

Heute bin ich bei meinem Spaziergang mittags an einem vier Meter hohen Feigenbaum vorbeigekommen, der schon alle seine Blätter verloren hat. O.k., ich hatte nie zuvor in Wirklichkeit einen echten Feigenbaum gesehen und wusste auch nicht, dass diese inzwischen frosthart sind und in Deutschland blühen. Wirklich verwirrt war ich aber davon, dass die gesamten Früchte/ bzw. Scheinfrüchte noch an dem blattlosen Baum hingen, was ihm irgendwie ein seltsam kugeliges Gesamtbild gab, ein bißchen als wären die Früchte eine Art seltsamer Gelenke oder als wäre der Baum irgendwie zusammengebaut statt gewachsen.
Tolles Bild... wenn ich eine Kamera dabei gehabt hätte.

Freitag, 21. November 2008

Sturmschaden

Bei dem ordentlichen Sturm, der über mein Heimatstädtchen heute hereingeweht ist, gab es einen ernstzunehmenden Sturmschaden. Mein Putzeimer wurde heftig herumgewirbelt- natürlich in meiner Abwesenheit- und ich meine, dass es einen kleinen Riss an der Seite gibt. Ich werde also in den nächsten Tagen nicht in der Lage sein zu putzen.... so ein Ärger...
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Andererseits: Die Staffelei steht noch, meine Wohnung und mein Auto auch noch. Und der Putzeimer, den wirbele ich sowieso eher selten...

Das Leid und das Schreiben

In der Selbstinszenierung von Kunst, gehört das Leiden an der Kunst zu einem der wichtigen Topoi der Künstler. Michelangelo hat diese Vorstellung in die Kunst eingebracht, vor allem in seiner Auseinandersetzung mit anderen Künstlern seiner Zeit, ob nun Raffael oder Leonardo, die beide eben nicht an der Kunst litten. Und irgendwie ist aus der Selbstaussage und Selbstinszenierung Michelangelo heute eine recht seltsame Vorstellung entstanden: Michelangelo litt an der Kunst, weil er sich seine Kunst und Kreativität hart erarbeiten musste, kämpfen musste für das, was anderen Künstlern zuviel.
Später kam sicherlich auch dazu, dass bestimmte Künstler durch erfahrenes oder erlittenes Leid zum Schreiben gekommen sind, bzw. dies zumindest behauptet wird. Ein Beispiel dafür ist z.B. eine Generation von Schriftstellern, die sogenannten Autoren der "Trümmerliteratur", einer Richtung der Nachkriegsliteratur. Dabei schrieben viele Autoren schon vorher, aber erst die Erfahrungen des Krieges, und bestimmte theoretische Überlegungen führten genau zu dieser Literatur.
Heute denken die meisten Menschen beim Leid in der Kunst entweder an Texte, in denen das eigene Leid verarbeitet wird, an Autoren, die scheinbar durch Leid mit dem Schreiben angefangen haben, oder an bestimmte Künstler oder Künstlertypen wie Hölderlin oder Kafka, die sehr intensiv an ihren Texten gearbeitet haben und recht eigenständige Texte verfasst haben, die sich von denen ihrer Zeitgenossen unterscheiden.

Ich höre in den letzten Jahren immer wieder den Satz, dass Leid kein guter Lehrmeister des Schreibens ist. Und das ist auch nicht ganz falsch: Denn Leid wird erst literarisch, wenn es verarbeitet wird, reflektiert oder von aus einer Situation auf eine andere übertragen, bzw. allegorisiert oder entpersönlicht wird. Deshalb sind Texte, in denen das eigene Leid verarbeitet wird meistens keine Literatur oder Belletristik, weil genau das fehlt und nur das Mitleiden angesprochen wird, und nicht die Übertragung, die Reflektion darüber.
Viele Autoren erfahren aber persönliches Leid, was letztlich in ihre Arbeit einfließt, bestimmte Geschichten hevorbringt und mehr- wobei das Leid letztendlich als verarbeitetes Leid die Fähigkeit miterschafft Figuren zu verstehen, Leid zu verstehen und darüber nachzudenken, es darzustellen und zu bearbeiten.
Und natürlich gibt es auch Autoren, die wie Kafka und Hölderlin letztlich enormes persönliches Leid erfahren haben, die dieses Leid in der Verarbeitung zu einem wichtigen Thema in ihrer Kunst gemacht haben und oft auf dieses Leid reduziert werden. Aber Kafka ist gleichzeitig unvorstellbar komisch und grotesk, manchmal surreal und erschreckend. Und auch Hölderlin ist nicht umsonst Vorbild von Trakl, Heym und anderen.
(Von Lenz gar nicht zu reden, der selber zum Thema von Künstlerromanen wegen seiner Schizophrenie (in der Nachdeutung) geworden ist).

Für mich hat das Leid beim Schreiben einen wichtigen Platz, wenn inzwischen auch viele andere Gefühlsbewegungen dazu gekommen sind, z.B. der Humor, der oft mit der Traurigkeit einhergeht, die Freude, das Glück und viel mehr. Leid ist übrigens ein so wichtiger Teil, weil ich bei manchen Texten an meinen persönlichen Grenzen komme, sie erweitere und manchmal auch darüber hinaus gehe, weil das für den Text notwendig ist. Denn die eigenen Grenzen auszuweiten bringt einen an Orte in sich, an sich, und an anderen, die manchmal nur schwer zu ertragen sind. Sie bringen uns zu unseren Widersprüchen, Ängsten, unseren unangenehmen Eigenschaften und das gleiche auch bei anderen. Ein wichtiges Wirkungsfeld für die Literatur, aber auch ein Spiegel, in dem sich der eigene Anblick furchtbar verzerrt sein kann.

Gleichzeitig ist das Schreiben bei mir ein Prozess, indem sich vieles wieder löst, weil das Schreiben immer die Verarbeitung und die Reflektion mit einschließt oder zumindest mit einschließen kann. Deshalb ist Schreiben für mich auch etwas, was einen solchen Wert an sich hat, dass ich unabhängig von einer Veröffentlichung weiterschreiben werde. Und nein, das hat nichts mit Verarbeitung zu tun, sondern bestimmten Fragestellung, die ich im Schreiben bearbeiten möchte. Und diese sind mit meinen Fragen verbunden, die sich bei mir aus selbst erlebtem, und nicht selbst erlebtem Leid, an den Widersprüchen und mehr ergeben.

Wie andere mit dem Leid umgehen, sollten sie mit sich ausmachen, genau wie das Hingehen an die eigenen Grenzen. Denn nicht jeder kann sein verzerrtes Abbild im Spiegel ertragen, ertragen, was alles in einem steckt, an unangenehmen Dingen. Und nicht jeder kann sich mit dem Leid beschäftigten, weil es auch an selbst erfahrenes Leid erinnert, kann darüber schreiben, und dabei die eigenen Gefühle übertragen- damit man das Leid überzeugend schildert. Denn die Literatur ist ein so weites Feld, dass Raum für das eine und das andere hat.

Mittwoch, 19. November 2008

Marcel Reich-Ranicki kanns nicht lassen (Zur Vollständigkeit)

Anscheinend hat Marcel Reich-Ranicki in einem Interview mit dem Magazin Cicero nachgelegt, siehe den Kölner Stadtanzeiger und im Kommentar bei der "Welt". Einerseits spricht er über die Sendung "Lesen!", die er auf einem anderen intellektuellen Niveau sieht als "Das literarische Quartett", und deren Impetus "Kauft!" er nicht ertragen konnte und der sich wie die Sendung, so MRR, nur an Frauen ausrichtete. Die Ausrichtung an Frauen ist anscheinend für MRR ein Qualitätsmangel- was ich lieber nicht direkt kommentieren möchte, bevor das gesamte Interview online steht. Dann teilte er weiter an Sigrid Löffler aus, die sich, so MRR, mit niemanden einigen kann und deshalb überall rausgeschmissen wurde. Bevor er dann seine Fernsehkritik, die er angeblich so nie gemeint hat, erneuert hat: „Die Intellektuellen werden vom Fernsehen ignoriert, bagatellisiert, vernachlässigt, deshalb ist das Programm so schlecht“.
Nun, vermutlich handelt es sich dabei nicht um eine Kritik am Fernsehen oder zumindest keine Kritik im Allgemeinen, das weiß man bei MRR ja nie. Das er gegen früherer Kollegen austeilt, ist ja sowieso bekannt. Nur die Diskussion ist längst vorbei, über die er bei Cicero sprechen muss, weil er sie mit seiner Werbung beendet hat. Denn nicht das Fernsehen hat ihn bagatellisiert, sondern der Versuch sich selbst und die eigene Kritik zur Werbung oder Posse zu machen.

Hier endlich auch der Link zu Cicero: „Ich mag keine billige Bücherreklame!“ Interview mit Marcel Reich-Ranicki.

Hintergrund: Im letzten Monat gab es den Deutschen Fernsehpreis, und die Aufregung um die Rede Marcel Reich-Ranickis über den gegenwärtigen Zustand des Fernsehens/ bzw. je nach Interpretation über den Fernsehpreis selber. Elke Heidenreich sprang Marcel Reich-Ranicki bei, es gab viel Knatsch und am Ende feuerte das ZDF sie für die in der Zeit gemachten Aussagen über die Sendung "Lesen!" und die Kritik am ZDF.
(Hier noch einmal die Links zu den betreffenden Blogeinträgen: "Die Wut des Marcel Reich-Ranicki" zum Fernsehpreis; "Warum MRR recht hat..." zur Kritik MRR; "Da ist die Rente sicher... MRR und die Telekom" zur Werbung der deutschen Telekom mit der Wutrede MRR; "Das ZDF feuert Elke Heidenreich" zur Situation zwischen dem ZDf und Elke Heidenreich).

Generation Pop

Vielleicht liegt es daran, dass ich heute den "Baader Meinhof Komplex" im Kino gesehen habe, ein Film, der ein komplexes Thema auf ein Pop-phänomen reduziert. Vielleicht auch daran, dass ich heute einige Berichte über den Open Mike gelesen habe, indem die Kommentatoren der Frankfurter Rundschau und der Taz sich weniger viel konventionelles, stromlinienformiges und solides durcherzähltes wünschten und mehr Experimente.
Und dann musste ich irgendwie an die "Durchhörbarkeit" von den Radiostationen denken: Ein Zuhörer soll das gleiche Radioprogramm den gesamten Tag hören können, ohne das ihn ungewöhnliche Musik oder ein wechselndes Programm (im Sinne von Unterscheidbarkeit) von der Durchhörbarkeit abhält. Ein Reisebericht, eine Lesung, ein Hörspiel unterbricht eben diese "Durchhörbarkeit". Und dann an die "Fernsehevents" und viel mehr, was ebenfalls "Durchhörbar" ist.

Vielleicht ist die "Durchhörbarkeit" auch in der Literatur ein Problem: Denn die meisten Texte sind heute darauf angelegt, dass man sie ohne große Anstrengung durchlesen kann, und es keine Elemente, Handlungen oder anderes gibt, die den Leser anstrengen. Im Prinzip wird Literatur so konsumierbar wie ein Radioprogramm, das permante dudelt und wo man im stetig bekannten vor sich hin seift, ohne je die Energie aufzubringen, mal angestrengt zuhören zu müssen. Deshalb werden Gefühle auf kurze Formeln runtergebrochen "Enttäuscht sah sie ihn an", werden Handlungen und Figuren streng nach bestimmten Formeln aus dem Drehbuchbereich aufbereitet, so daß der Leser eigentlich schon weiß, wie es ausgeht und wie die Geschichte und die Figuren funktionieren, und alles experimentelle ausgelassen. Keine ausgefeilten Figuren, nur klassische Figurenprobleme aus der "Heldenreise". Lesen wird also auf den eigentlichen Akt, das Lesen, herunterreduziert, weil die meisten Texte eben eine Variation des gleichen Themen sind, und somit bekannt.

Das ist Generation Pop: Warum die sichere Straße verlassen, wenn man sich dort schnell bewegen kann, auch wenn man immer nur an den gleichen, bekannten Orten vorbeikommt. Generation Pop. Man löst alles aus den Zusammenhängen, und zurück bleibt nur Ikonographie, nur Pop.

Sonntag, 16. November 2008

Wie frei sind wir in unseren Köpfen?

Vor einigen Tagen habe ich an der Uni "Quarks & Co" einen Bericht über die Bedeutung von Geschwistern im Leben eines Menschen gesehen. Der in Berkeley unterrichtende Psychologieprofessor Frank Sulloway, siehe auch seine Webseite, hat sich mit der Frage beschäftigt, warum bestimmte Menschen zu bestimmten Zeiten einen "Durchbruch" geschafft haben, siehe auch das Buch "Born to rebell", auf Deutsch "Der Rebell der Familie. Geschwisterrivalität, kreatives Denken und Geschichte", oder einen Artikel aus der Zeit dazu "Aufstand im Kinderzimmer".
Diese Untersuchungen begannen mit der Frage, warum ausgerechnet der Forscher Charles Darwin die Evolutionstheorie aufgestellt hat. Denn die für die Evolutionstheorie notwendigen Erkenntnisse waren zum Teil schon zwanzig Jahre bekannt und somit hätte jeder andere Forscher aus diesem Bereich die selbe Theorie aufstellen können. Sulloway begann nun den Lebenslauf von Charles Darwin und anderen Forschern seiner Zeit anzulegen, ihre Briefe zu lesen, ihre Arbeiten zu studieren. Dabei stellte er fest, dass bei den Verfechtern von Darwins Theorien, bei den noch Unentschlossenen und den Gegnern gewisse biographische Gemeinsamkeiten zu finden waren. Die Unterstützer von Darwins Theorien waren wie er ein jüngeres Kind, die Unentschlossenen mittlere Kinder, und die Gegner das erste Kind, so Sulloway.
Um diese These zu verifizieren, begann Sulloway andere "Umbrüche" zu untersuchen, ob nun Kopernikus "heliozentrischem Weltbild", der moderne Chemie Lavoisier, Albert Einsteins Relativitätstheorie und Freuds Psychoanalyse, wo er ebenfalls die Lebensläufe vieler Forscher aus dem gleichen Themenbereich studierte und zu ähnlichen Ergebnissen kam.
Frank Sulloway kommt letztlich zu dem Ergebnis, dass die Rangfolge der Geschwister im normalen Leben nur ein Faktor von vielen ist, ähnlich wie Genetik, Sozialisation und andere.
Erst im Fall von besonderen "Umbrüchen", so Sulloway, beginnt die Rangfolge unter den Kindern eine besondere Rolle zu spielen. Dabei, so Sulloway, scheinen die Erstgeborenen Kinder sich eng an den Eltern (und deren Wissen und Weltsicht) zu orientieren und sich selber als Nachfolger zu positionieren. Sie sind besonders angepaßt, folgen besonders oft der Lebensgestaltung und dem Berufsweg der Eltern und sind insgesamt eher konservativ orientiert. Mittlere Kinder, so Sulloway, sind oft für die Kommunikation zwischen den Eltern und den Kindern, und unter den Kindern zuständig, vermitteln, gleichen aus, und betonen das Gemeinsame und nicht das Trennende. Jüngere Kinder neigen dazu gegen das Konservative, das Alte, Besthende zu rebellieren und suchen nach neuen Wegen auf altem Gebiet.
Wenn nun bestimmte "Entwicklungen", bestimmte "Umbrüche" in der Luft liegen, dann, so Sulloway, beginnt die Geschwisterfolge eine besondere Rolle zu spielen.

Nun, wenn man sich ein wenig mit dem Ergebnissen beschäftigt, dann scheinen viele Anhaltspunkte diese These zu unterstützen. Sulloway versucht auch mögliche Gegenbelege aufzunehmen, siehe seine Ausführungen zum ersten Kind Luther und Galilei. Aber ich glaube, es ist schwierig wirklich ein Urteil über das Buch abzugeben, interessant ist es auf jeden Fall. Denn ich denke, dass seine Aussagen nur bedingt für die letzten Hundert Jahre taugen, weil sich die Situation der Geschwister und vieles mehr geändert hat. Aber das ist nur meine Meinung.

Samstag, 15. November 2008

Writers in Prison

"Man kann die Fackel der Wahrheit nicht durch die Menge tragen, ohne dabei jemandem den Bart zu versengen."
Das hat hat Georg Christian Lichtenberg einmal gesagt und meinte damit, dass die Wahrheit immer jemanden braucht, um sie auszusprechen, aber das dieser oftmals wenig Dank dafür erhält. Denn einigen brennen dabei immer die Bärte.
Ich habe letztes Jahr schon über diesen Gedenktag für die "Writers in Prison" geschrieben. Wer nicht von der Aktualität dieses Gedenktages überzeugt ist, der sollte sich die aktuelle Fallliste beim P.E.N. ansehen. Die Zahl der Verfolgten Schriftsteller nimmt nicht ab- und auch nicht die Zahl derer, die sie verfolgen.
In diesem Jahr ist Roberto Saviano dazugekommen, der mit seiner Mischung aus Roman und Reportage über die Camorra, in der er auch Namen von Beteiligten nennt, nun nach ernsten Morddrohungen, siehe die Welt, seine Heimat verlassen musste. Aufgedeckt wurde, dass J.Edgar Hoover viele Jahre lang Norman Mailer überwachen lassen hat, siehe diesen Artikel in der Süddeutschen, weil dieser so kritisch über ihn, sein Land und den Kapitalismus gesprochen hat. Aber das ist immer nur Beispiele, und es gibt in der Fallliste noch so viele mehr...

Schriftsteller schreiben fiktive Texte, aber in der Fiktion ist es manchmal gerade die subjektive Wahrheit (nicht im Sinne einer allgemeingültigen, absoluten Wahrheit) der Beobachtung, der Texte gefährlich macht. Denn manche Blicke durchdringen das Vorurteil, die (gewollte oder ungewollte) Unwissenheit, ruhen auf dem Unbekannten oder Heimlichen und beschreiben das, was man selber nicht sehen möchte oder kann. Das macht solche Texte für manche Menschen so gefährlich.
Denn die Literatur kann im besten Sinne subversiv sein. Wie subversiv, kann man in meinem Artikel über das Samisdat nachlesen, einem System von per Hand/ Maschine abgeschriebenen Texten in der Sowjetunion, über das regimkritische Texte wie z.B. Alexander Solschenizyns 1974 veröffentlichte "Der Archipel Gulag" von Hand zu Hand weitergeben wurden. So wurde Kritik geäußert, wurden wichtige regimkritische Texte weitergegeben und diskutiert und ein Blick auf die wirkliche Welt (ohne Zensur) geworfen.

Deshalb gibt es einen Gedenktag für diese Autoren und ihre Texte, einerseits weil das Vergessen die Situation für diese Menschen noch schlimmer macht, andererseits weil Texte so eine Öffentlichkeit finden, so dass sie nicht mehr verschwiegen werden kann. Und das ist eine der wunderbaren Effekte solcher Bücher: Man kann die subjektive Wahrheit bestimmter Wörter und Sätze nicht mehr leugnen, wenn sie stumm um einen herum klingen.

Donnerstag, 13. November 2008

Literatur vs. Wissenschaft

Wie ich erst heute entdeckt habe, gab es am 12.11. den sehr interessanten Artikel "Literatur vs. Wissenschaft. Vergesst die Experten"in der Süddeutschen Zeitung. In einer wissenschaftlichen Studie haben Dennis Rodgers, David Lewis und Michael Woolcock von der "London School of Economics" untersucht, ob erzählende, fiktionale Texte oder wissenschaftliche Untersuchungen besser in der "Darstellung und Vermittlung von Tatsachen der internationalen Entwicklung" sind. (Siehe auch den Artikel im Guardian dazu.)
Die Verfasser, ein Sozialpolitologe, ein Wirtschaftsgeograph und ein Soziologe bei der Weltbank, kommen zu dem Ergebnis, dass die erzählenden, fiktionalen Texte oft wesentlich kompliziertere Zusammenhänge darstellen und dabei lesbarer sind. Zudem sind viele Untersuchungen und Studien stark von politischen Interessen geleitet oder sind einseitig auf die Fragestellung der Studie ausgerichtet. Insgesamt, so das Ergebnis der Studie, seien erzählende, fiktionale Texte mindestens genauso gut, wenn nicht besser geeignet sind, um Tatsachen der internationalen Entwicklung darzustellen und zu vermitteln.
Mehr findet sich natürlich im oben genannten Artikel, darunter auch weitere Begründungen für das Ergebnis der beiden Verfasser, interessante Verweise auf unter diesem Aspekt besonders gelungenen Büchern und einiges mehr.

Nur eines ist mir sofort aufgefallen: Die Verfasser der Studie erwähnen auf Seite 12 (Die Süddeutsche übernimmt es), dass Khaled Hosseinis Roman "Drachenläufer" über das Afghanistan in der Zeit der Taliban und danach berichtet. Er berichtet aber über das Leben in Afghanistan vor dem Einmarsch der Russen, ein wenig über die Herrschaft der Russen und deren kommunistischer Verbündeter unter Nadschibullah, und sehr wenig über die Zeit der Talibanherrschaft, nichts über die Zeit danach.

Mittwoch, 12. November 2008

Das Wunder der Bürokratie (Unileben)

Wenn man sich die Geschichte der Schrift ansieht, dann gibt es viele Anzeichen dafür, dass die Schrift erfunden wurde, um bestimmte Geschäfte und Abgaben aufzuzeichnen. Diese Erkenntnis ist nur im ersten Moment überraschend, wenn man sich die Wust der Bürokratie ansieht, der man sich in vielen Lebenslagen ausgeliefert sieht- ich verweise mal an alle, die jemals ein Portemonnaie verloren haben. Dann folgt die Anerkenntnis, dass das "Doomsdaybook" der Normannen in England bedeutet, dass die Normannen eben Herrschaft eng mit Aufzeichnungen und Bürokratie verbunden haben.

An der Universität galt bis zur Einführung der neuen Studienabschlüsse wie "Bachelor" und "Master" das humboldtsche Bildungsideal, dass ein selbstorganisiertes Studium vorsieht, das der Student anhand seiner Interesse gestaltet und auswählt.
Nun, das mag sich geändert haben, aber anscheinend ist die Bürokratie an Deutschen Universitäten immer noch in der Papierzeit (mit leichten Ansätzen einer beginnenden Computerisierung). Da müssen die Studienunterlage kopiert eingereicht werden, Themenlisten und andere Listen angefertigt, mit Zetteln und Laufzetteln wird gearbeitet, die Zettel und Unterlagen müssen gestempelt (,in den Computer vermerkt) und unterschrieben werden. Es gibt sogar noch handschriftliche Lebensläufe und verschiedenes mehr. Die Seminare werden aufgeschrieben, Nummern eingesetzt, Zuordnungen gewählt, dass alles muss in genau vorgegebenen Listen eingesetzt werden. Und wehe, wenn etwas verloren gegangen ist, dann muss der Dozent recherchiert werden, der dann anhand seiner Unterlagen nachsieht, wann ein Schein mit welcher Note erarbeitet wurde...
Und klar, für einen Uniabschluss muss man auch Themen vereinbaren, Schwerpunkte und vieles mehr- darunter auch, ob bestimmte Professoren einen Prüfling übernehmen, der bei ihnen kein Seminar besucht hat, weil Professoren nicht mehr prüfen (weil sie die Uni verlassen haben/ nicht prüfungsberechtigt sind/...). Und Sprechstunde haben die meisten Professoren einmal die Woche, meist eine Stunde. (Wobei die Professoren alle sehr freundlich waren und gerne bereit zu helfen!!)
Und klar, es gibt Studienordnung, Prüfungsordnungen, sowohl staatlich als in Teilen auch Uniintern, , spezielle Regeln bei Professoren, ....

Dazu kommt, dass mein Studiengang ausläuft, was zu vielen Besonderheiten geführt hat: Die Uni gibt angeblich das Lehramt 6 Monate früher ab, weil sie die Räume des staatlichen Prüfungsamts brauchen- und das wurde den Prüfern noch nicht mitgeteilt (offiziel zumindest). Deshalb gibt es besondere Regeln, wonach ich zuerst nicht eingeschrieben bleiben konnte, es sollte eine Alternative geben, dann gab es keine mehr, ich durfte nicht eingeschrieben sein (und damit durfte ich auch keine Bücher mehr bei der Unibibliothek bestellen, kein Fahrausweis,...), dann änderte sich das Tag für Tag, bis die Uni merkte, dass dann auch keine Studiengebühren hereinkommen- ich bin deshalb wieder eingeschrieben.
Und es gibt weitere erschwerte Bedingungen: Denn es ist möglich an einen anderen Ort zu wechseln und dort das Studium weiterzuführen, wobei hier wochenlang nicht klar war, ob die eigentliche Studienordnung bleibt, oder ob zusätzliche Seminare vorort zu absolvieren sind.

Ich habe inkl. Kopien einen halben Aktenordner mit verschiedenen Unterlagen gefüllt und über Wochen Professoren aufgelauert, in Seminaren und meinen Unterlagen nach Scheinen gesucht, Listen ausgefüllt und versucht bestimmte Zuordnungen zu finden, bin dann wieder zu den Professoren, Listen unterschreiben, Themen vereinbaren, Bücher für Themen und Schwerpunkte vorschlagen.
Einer meiner Lieblingsprofessoren erwähnte:" 60% der Prüfung ist die Anmeldung zur Prüfung". Er hat Recht. Ich habe über zwei Monate gebraucht, bis alles der Bürokratie recht und angemessen war. Ein kleines Wunder der Bürokratie- und als Rheinländer vermute ich, dass das u.a. mit der preußischen Besatzung des Rheinlandes zu tun haben muss, so viel Bürokratie...

Ein Beispielplot

Vielleicht mal an einem Beispiel, wie die Ausgestaltung einer Geschichte (der Figuren und der Beziehungen zwischen ihnen) beeinflusst, ob jemand sich in einer Geschichte wiederfindet.

Grundidee:

Der Patriarch einer Familie ruft diese anlässlich einer Familienfeier aus dem gesamten Land zusammen, und will sich und seine Familie feiern- aber bei dieser Familienfeier brechen bestimmte lang gehegte Auseinandersetzungen wieder auf.

Wahlweise:
Ich könnten nun typische Konflikte für so eine Situation auswählen, als Vater-Sohn, ein wenig Bruder-/ Schwesterstreit, dazu noch ein aufmüpfiger Enkel oder zwei, vielleicht eine Partnerin, die nicht zu dieser Familie zu passen scheint. Dazu kommt das eigentlich essen, die Unterhaltungen- und die Auseinandersetzung über die unterschiedlichen Lebensweisen, das Geld, politische Haltungen und vieles mehr.
Oder ich könnte über die Figuren vorgehen, wie ich es nun mal versuchen werde.

Figurenwahl:

A.) Der Patriarch
Ich habe in der Grundidee schon die zentrale Figur dieses Plots genannt, den Patriarchen. Nun stehen eine ganze Reihe von unterschiedlichen Typen zur Auswahl, die eine solche Rolle spielen können.
1. Da gibt es den Menschen, der über seine besondere Fähigkeit zum Austausch und zur Kommunikation seine Familie immer unterstützt und zusammengehalten hat- wobei dies manchmal ins Autokratische übergegangen ist.
2. Eine andere Variante des Patriarchen ist ein Mann, der sein Leben lang versucht hat alle Menschen um sich herum zu kontrollieren und ihr Leben mit seinen Maßstäben und Gewichtseinheiten zu vermessen, eine Art Tyrann, der gleichzeitig mit verschiedenen Mitteln wie Anerkennung (und deren heutigem Äquivalent Geld) die Familie beherrscht.
3. Ein weiterer Patriarch ist ein Mann, der seine Familie immer durch die Unbillen des Lebens geführt hat, unterstützend eingegriffen hat, maßvoll und versucht hat seine Familie in eine solche Freiheit zu führen, wobei er oft genug seine Kinder damit überfordert hat.
4. Der Vierte hat sein eigenes Leben zum Maßstab des Lebens genommen und hält alle seine Kinder (und Verwandten) für mißlungen, gescheitert und hält ihnen dies mit Vorwürfen und Attacken vor, seine Waffe ist seine scharfe Rede.
5. Nun, dieser Patriarch ist in seiner Gutherzigkeit unübertroffen und versucht seine Familie damit zu kontrollieren, weil sich alle seine Gutherzigkeit verpflichtet fühlen. Gleichzeitig steckt in dieser Gutherzigkeit eine enorme Mißachtung der anderen, indem er generell Enkel gegen ihre Eltern unterstützt, Verbote aufhebt und vieles mehr.
6. Der Mann, der sich immer noch für einen Patriarchen hält, der aber nicht mehr in der Lage ist so zu handeln. In der Folge brechen die Konflikte untereinander auf, die er früher auf sich bezogen oder verhindert hat.

Nun, bei der Figurenwahl muss man sich nicht für einen Typen Patriarchen entscheiden, weil die meisten Menschen immer ein wenig von dem einen, und von dem anderen enthalten (und deshalb nie schwarz-weiß sind). Ich habe meistens schon eine bestimmte Person in meiner Vorstellungskraft, ein Bild, eine Richtung, die sich dann mit weiterem Leben auffüllt. Aus der Wahl des Patriarchen ergibt sich dann schon einmal ein Teil der Haupthandlung, nämlich bestimmte Formen der Rebellion und Unterwerfung, die sich auf den Patriarchen beziehen.
Also brauche ich eine tragfähige Figurenkonstellation, die ich zu diesem Patriarchen geselle, und die die wichtigsten Konflikte aufnimmt.

b.) Die Partnerin des Patriarchen: Ist er verheiratet oder verwitwet, hat er vielleicht eine Angestellte, die ein wenig in die Rolle der Ersatzfrau hineingewachsen ist, ist sie so alt wie er, wie sind die Verhältnisse in der Partnerschaft. Wie ist das Verhältnis zu Kindern, deren Partnern, zu Enkeln und deren Partner.

Übrigens kann man das auch umdrehen, der Patriarch kann auch ein Matriarch sein, und einen Partner haben.

c.) Die Kinder (und ihr Verhältnis zum Patriarchen)
Um eine wirkliche Familiensituation darzustellen, brauche ich mehr als ein Kind. Wenn ich nur zwei Kinder habe, dann brauche ich dazu Partner und mehrere Enkel, habe ich drei Kinder, könnte es mit Partnern und Kindern schon fast unübersichtlich werden- hier müsste ich ganz gezielt arbeiten, damit die Fülle nicht die Geschichte überdeckt.
Auch hier gibt es für die Kinder eine ganze Reihe von Figuren, die sich anbieten würden, einerseits nach der Reihenfolge, nach dem Geschlecht und nach den Verhaltensweisen. Dabei sollten die Figuren insgesamt rund sein, und nicht schwarz-weiß.

1.) Der Sohn: Zuerst einmal ist zu klären, ob er der gedachte, erhoffte oder gescheiterte Nachfolger des Patriarchen ist, und wie er dazu steht. Er könnte das "Talent" des Vaters haben (und somit auch ein Patriarchtyp der Liste sein), es versuchen ohne wirkliches "Talent" versuchen das zu schaffen a.) ständig überfordert b.) leidend c.) rechthaberisch d.) ein gescheiterter Typ des Patriarchen), der Patriarch könnte ihn ihm seinen Nachfolger sehen, er ist nur ein anderer Typ Patriarch und es gibt Schwierigkeiten, er könnte kein Interesse am Patriarchsein haben, ....

2.) Die Tochter: All das kann auch auf sie zutreffen, wichtig ist, dass die beiden Kinder anders besetzt sind, bzw. ein wenig komplementär.

3. Die Partner der beiden können entweder gleichberechtigt sein, unterwürfig, aggressiv, ängstlich, zurückhaltend,.... Wichtig ist auch hier keine zwei Figuren ähnlich anzulegen. Die Partner könnten sich mit dem Patriarchen verstehen oder nicht, sie könnten eine glückliche Beziehung führen oder nicht,.... Und natürlich müssen die Figuren keine Partner haben, oder es müssen keine klassischen Partnerschaften sein, sondern alles ist erlaubt, was möglich ist.

....

d.) Die Enkel (und ihr Verhältnis zum Patriarchen)
Auch bei den Enkeln trifft vieles zu ,was auf die Eltern zutrifft, und hier kommen neben dem üblichen auch sehr moderne Lebenshaltungen und Einstellungen hinzu....

B.) Zur Figurenwahl (Ergänzung):
Wenn ich nun einen Grundtyp der Beziehung der Hauptfigur, des Patriarchen zu den anderen Familienmitgliedern ausgewählt habe, kann ich die Figuren zu einem Vorstellungsgespräch einladen. Denn die Beziehung eines Kindes zum Patriarchen ist nur ein Element einer Figur- aber das reicht für eine lebendige Figur nicht aus. Also muss ich den Rest der Figur mit Leben füllen, einerseits indem ich nun den einzelnen Figuren untereinander eine Beziehung zuordne, die zu ihnen und den anderen Figuren passt- und es darf eben nicht schwarz-weiß sein, sondern mehrschichtig. Ich muss auch Interessen, Berufe, und vieles mehr auswählen, was zu den Figuren passt. Vielleicht stimmt jemand immer dem Patriarchen zu, vielleicht kommt jemand mit niemanden zurecht.
Nach und nach bekomme ich nun einen ausgestalteten Patriarchen, seine Kinder und ihre Partner, und deren Kinder und Partner.

Plot:
Allein aus dieser Situation ergeben sich unendlich viele Möglichkeiten für die Handlung. Und genauso beginne ich nun mit der Handlungsplanung, indem ich schaue, welches Ereignis die Familie zusammengeführt hat und wie das den weiteren Abend beeinflusst. Ist es ein Todesfall in der Familie, ein Geburtstag, ein Jubiläum, eine Hochzeit, vielleicht ein Abschluss eines der Kinder, ein Hausbau, eine Krankheit... Vielleicht hat auch jemand eine besondere Ankündigung zu machen....
Dann muss ich auswählen, wer die Geschichte erzählt- ob ich das über einen "Partner" mache, der etwas mehr Distanz zu Personen und Situation hat, oder der dichter dran ist.

Aus dieser Konstellation (und meiner Wahl) ergeben sich bestimmte Konstellationen: Vielleicht habe ich den Partriarchen Typ 4. der alle anderen für gescheitert hält, und der heute in einen Konflikt mit seinem (aus seiner Sicht) besonders mißratenen Sohn gerät- der aber Unterstützung von der Schwester erhält, von den Kindern, nicht aber vom Partner...
Oder ich habe die Patriarchin Typ 2, die alles kontrollieren wird, aber durch ihr Alter das nicht mehr kann, und der Abend eröffnet, als einer der Enkel seinen Lebensgefährten vorstellt- und danach alles aufbricht.
Oder der Patriarch Typ 2 ist gar nicht da, weil dies sein Trauerschmaus ist, und er ist trotzdem die Hauptperson, weil heute alles auf den Tisch gebracht wird, er immer noch im Mittelpunkt steht, in den Gedanken derer, die heute zusammenkommen, und dann sagt einer der Anwesenden etwas, was dieses Bild zutiefst erschüttert- vielleicht hat der Patriarch etwas anderen angetan, was nie ausgesprochen wurde.
....

Fazit:
Somit ergeben sich hier aus meiner Figurenwahl jede Menge Handlungen, die für viele Menschen nachvollziehbar sind und die wieder mit bestimmten Gefühlen verbunden sind. Vielleicht ist es der Zusammenhalt der Schwester zum Bruder, der Verrat eines Familienmitglieds an den Patriarchen, vielleicht der Versuch neuer Lebensarten oder etwas anderes, was den einen Leser einläd mitzufühlen, vielleicht ist es beim anderen Leser etwas anderes.
Ich kann aber nicht alle Konflikte offen ausbrechen lassen und muss mich also für ein paar offene Konflikte entscheiden, ein paar nicht offene, ein paar andeutete, ein paar nur angerissene- und der Umgang wird einerseits die Geschichte glaubwürdig (im Rahmen ihrer Fiktion) machen, oder unglaubwürdig und konstruiert (bzw. etwas dazwischen). Vielleicht sind die Figuren und die Konstellation so spannend, dass dies gar nicht so wichtig ist, und statt dessen werden einige Leser sich auf die eine oder andere Figuren stürzen, die ihnen besonders gefällt (und im Laufe ihres Lebens wechseln). Vielleicht wechsele ich so stark die Konflikte, dass die Geschichte einfach schlecht ist, weil nichts ausgeführt und alles nur angerissen wird.
So oder so: Wenn die Figuren und ihre Konstellation, die daraus resultierenden Handlungen und ergänzten Handlungen, die Konflikte (und ihre Darstellung) insgesamt überzeugen, dann ist die Geschichte gelungen.
Insgesamt bedeutet, dass nicht alles perfekt sein muss, und manche gute Stelle viel mittelmäßiges oder schlechtes überdeckt.

Um zu den Figuren, den Beziehungen wechselseitig und dem Plot zurückzukommen: Sicherlich gibt es einige Plots, die ich hier angerissen habe, die einen Leser mehr anziehen, als andere- und eine bestimmte Idee, die besonders interessant ist.
Und das ist die Gestaltungsmöglichkeit, wie Gefühle entstehen können. Kein Rezept, sondern einfach das Ergebnis einer guten Arbeit als Autor.

Dienstag, 11. November 2008

Gefühle für eine Figur "wecken"

Wenn ein Autor einen Roman plant und gestaltet, dann kommt er um eine Frage nicht herum:" Wie bekomme ich jemanden dazu diesen Roman auch zu lesen." Und ein wichtiger Teil dieser Frage kann nur über die Figuren einer Geschichte und ihre Geschichte in der Geschichte beantwortet werden. Und wie oft, gibt es mehrere Antworten.

In den meisten Romanen wird mit dem Stilmittel der "Projektion" gearbeitet. Eine Figur wird als Projektionsfläche den Lesern angeboten, die die wenigen Beschreibungen und Charakteristika durch ihre eigene Projektion, also das, was sie in die Figur hinein interpretieren, auffüllen. Eine solche Figur muss aber, um "projektionsfähig" zu sein, eben wenig festgelegt sein, s.o. Auch die Handlungsweise der Figur ist dadurch bestimmt- sie handelt meistens so, wie es erwartet wird, darf aber als Besonderheit Kenntnisse aus der Geschichte oder ihrem "Hintergrund" verwenden. Und vor allem darf eine solche Figur nicht beschädigt sein, oder nur leicht beschädigt sein- denn sonst werden die meisten Leser die Figur als Projektionsfläche nicht annehmen.
Eine weitere Variante ist die "Einfühlung". Der Leser wird mit einer ausgestalteten Figur und ihrem Gefühlsleben (und restlichen Leben) zusammengeführtt. die sich zumeist an einer klassischen Heldenfigur orientieren, aber meist mehr oder minder beschädigt sind (teilweise ohne größere Folgen). Im Prinzip handelt es sich um eine Person, die man gerne kennenlernen möchte, weil sie interessant ist und angenehme Charakterzüge hat (witzig, hoffnungsvoll, energisch,...). Sie darf schon "Schicksalsschläge erlitten haben, dies darf sie aber nicht handlungsunfähig machen, sondern nur zu ihrer Ausprägung als Mensch führen- und vielfach werden solche Figuren mit einem Defizit aufgeladen, dass keine Bedeutung hat. Die meisten dieser Figuren sind klar als homo fictus zu erkennen, weil sie eine Figur sind, die besser als normale Menschen sind.

Der dritte Weg ist die Auseinandersetzung. Der Leser wird mit einer Figur und ihrem Gefühlsleben konfrontiert, die von seinem eigenen Leben abweicht bzw. teilweise stark abweicht. Vielleicht ist die Figur gerade dabei etwas sehr ungewöhnliches zu erleben oder ist in ihrer Art sehr ungewöhnlich- im Sinne von anders. Über die Neugier wird der Leser dann auf die Lesereise eingeladen unter dem Versprechen: So etwas erlebt diese Figur und du darfst sie dabei beobachten. Auch diese Figuren sind besser als die Wirklichkeit und dürfen alles, solange sie dabei interessant sind, sogar ein Schurke sein.
Viertens kommt die schwankende Ablehnung dazu. Der Leser wird mit einer Figur konfrontiert, die er eigentlich nicht mag und Standpunkte vertritt, die er nicht teilt. Aber etwas an der Figur ist faszinierend und gleichzeitig ablehnungswürdig, was während der Geschichte variiert, und der Leser wird über Neugier, Einfühlung/ Projektion in andere Figuren, und Ablehnung in die Geschichte gezogen. Im Prinzip ist es das Magnetprinzip der Anziehung und Abstoßung, was zusammen die Neugier weckt. Wenn hier unsauber gearbeitet wird, ist der Leser übrigens schnell dabei das Buch zuzuschlagen.

Letztlich steht mit der Ausgestaltung der gewünschten Figur und deren Anziehungskraft auf den Leser über die vier Punkte schon fest, wie und welche Gefühle man beim Leser wecken kann und muss, damit die Figur für den Roman funktioniert.
Das hört sich übrigens weit mehr theoretisch an, als es das ist. Den meisten Autoren und Lesern ist das intuitiv klar, so daß man eigentlich nur bei Problemen kontrollieren muss, ob es so funktioniert, wie man sich das gedacht hat.

Sonntag, 9. November 2008

Ideenfindung und Problemlösungsstrategien (darunter auch "Plotten mit Tarotkarten")

Eine Problemlösung ist die Fähigkeit innerhalb eines komplexen Systems eine Lösung zu finden, die die Komplexität des Systems entspricht, ohne zwangsläufig auf vorherige Lösungen zu basieren oder aus dem System selber zu stammen. Denn gerade innovative Lösungen basieren oft aus anderen Zusammenhängen und werden auf ein neues System übertragen, siehe z.B. in der Bionik die Verwendung der gerillten Haifischflossenhaut als Vorbild für die Entwicklung von Schwimmanzügen, da gerillte Oberflächen durch die besondere Luftverwirbelung einen Vorteil beim schnellen Schwimmen gegenüber glatten Schwimmanzügen bieten (, die beim langsameren Schwimmen besser sind).
Ein anderes Beispiel wäre die aber die Offenheit in einem erdzentrierten Weltbild die eigenen Beobachtungen und Aufzeichnungen über die Bewegung von Planeten richtig zu interpretieren, und damit eine geozentrierte Weltsicht auf das Universum aufzugeben, siehe z.B. das Gegensatzpaar berühmter Astronomen wie Tycho Brahe und Johannes Kepler/ Nikolaus Kopernikus. Brahe konnte sich trotz gegenteiliger Beobachtungen von diesem geozentrierten Weltbild lösen, obwohl er Kopernikus kannte, während Kopernikus trotz vieler Widerstände als erster die Fähigkeit und den Mut hatte, das als erster (seit der Antike) vom geozentrierten Weltbild zu lösen und Kepler letztlich half Kopernikus zu verteidigen und zu beweisen, gegen die Kritik in seiner Zeit.

Viele Menschen haben versucht den Vorgang der Problemlösung in Kleinschritten (Operanten) zu unterteilen. Ziel dieser Arbeit war es sozusagen ein Rezept oder eine Heuristik herauszugeben, mit dem möglichst viele Menschen dieses Vorgehen nachvollziehen können und für ihre Arbeit nutzbar machen. Natürlich unterscheiden sich die Vorgehensweise (und Operanten) je nach Interessen und Wissenshintergrund der Personen und auch nach Zeitpunkt. Am Beispiel der Hirnforschung wird diese sehr deutlich, denn die Problemlösungsstrategien der Psychologen und Hirnforscher unterscheiden sich deutlich, da die einen sich an seelischen Vorgängen orientieren und die anderen an der (mutmaßlichen) Funktionsweise des Gehirns.
Ein Beispiel für die Strukturisierung eines Problems ist die Mindmap von Buzan, die Gedächtniskarte aus der Hirnforschung, auch wenn diese für viele weitere Dinge neben der Problemlösung verwendet werden kann. Von einem Ausgangsproblem abgehend, werden die unterschiedlichen Verbindungen und Zusammenhänge kartographiert und verdeutlicht. Dabei soll die Kartierung des Problems letztendlich für unser Gehirn das Problem noch einmal verdeutlichen und somit eine mögliche Problemlösung anregen.
Ein anderes Beispiel wäre das Brainstorming und deren Unterarten, das Osborne/Clark entwickelt haben. Beim Brainstorming werden in einem definierten Zeitrahmen möglichst viele Lösungsmöglichkeiten aufgeschrieben, ohne dass diese Ideen in erstem Moment gewertet werden, dass Kritik geäußert wird oder diese Ideen andersweitig kommentiert. Die Idee dahinter ist den inneren Zensor auszuschalten und erst einmal sehr viele unterschiedliche und auch phantasievolle oder phantastische Ansätze zu finden, auch wenn diese im ersten Augenblick unmöglich erscheinen. Denn manche dieser Ansätze stellen sich bei einer längeren Betrachtung als gar nicht so unmöglich heraus, und die Beteiligten sind bei der Diskussion befreit sich mit einer besonderes phantasievollen oder phantastischen Idee zu blamieren.
Andere Beispiele wie das "Clustern", die "Zufallstechnik" und andere inden sich übrigens bei Wikipedia unter "Ideenfindung".

Aus einer anderen Richtung kommt die Idee des "Plottens mit Tarotkarten", die letztlich in einer ähnlichen Weise funktioniert wie das Mindmapping. Über ein konkretes Problem im Roman werden die Tarotkarten gelegt. Somit ergibt sich zu einem konkreten Problem eine ganze Reihe von Karten, die alle über eine ganz eigene Symbolik verfügen und neben der Symbolik auch durch die Lage weiter beschrieben werden.
Ziel ist es nicht die Zukunft einer Angelegenheit zu betrachten, sondern statt dessen eine ganze Reihe von unterschiedlichen Sichtweisen auf die Ausgangssituation über die Symbolik und Muster zu erhalten, die man neu und anderes betrachten möchte.
Konkreter: Wenn ich nun an einer bestimmten Stelle in meinem Roman in eine Schreibblockade geraten bin, dann kann ich so die Situation noch einmal ansehen. Vielleicht lege ich die Karte "Die Liebenden" und betrachte die Situation unter dem Standpunkt, dass vielleicht die Liebe hier fehlt, oder ein Verweis darauf. Oder ich lege eine Karte mit den Pentakeln oder Münzen, die meist auf einen wirtschaftlichen Zusammenhang verweisen, und die so eine andere Sichtweise ermöglichen. Vielleicht auch eine Karte mit einer Person darauf, eine Dame, ein Ritter oder etwas ähnliches, was auf eine Figur in der Handlung verweist, je nach umliegenden Karten auch auf eine Handlung oder bestimmte Handlung der Person. Somit bieten die Tarotkarten beim Plotten die Möglichkeit noch einmal die Situation zu betrachten, die Symbole oder Symbolik der Karten und deren Muster als Blickweisen auf die Situation sich zu leihen und darüber Ideen zu gewinnen, wie man diese Situation lösen kann.
Das hat mit Tarot als Kartenlegesystem für die Zukunft übrigens nichts zu tun. Sondern mit einer Besonderheit des Tarots, die viele Menschen eben nicht kennen. Das Tarot bietet die Möglichkeit etwas von der Zukunft zu erahnen, in dem die Gegenwart betrachtet wird und die Einflüsse darin, so daß im Ausschlußkriterium viele Möglichkeiten für die Zukunft wegfallen.

Zum Einsatz:
Die Erfahrung mit den vielen Ideenfindungs und Problemlösungsstrategien ist, dass die meisten Menschen nach einer Zeit eine bestimmte Strategie bevorzugen, weil sie damit besonders gut arbeiten können. Deshalb ist es enorm spannend unterschiedliche Strategien einmal auszuprobieren, um zu sehen, was für die eigene Arbeit funktioniert und was nicht. Daraus kann man nach und nach die eigene Kreativität enorm schulen, was für die Arbeit als Schriftsteller eine enorme Bereicherung ist.

Samstag, 8. November 2008

Leitthema. Am Bsp. von Coming of age

In den meisten Romanen gibt es ein Leitthema, was sich zuerst einmal sehr einfach anhört. Denn eigentlich ist ein Leitthema wie "Coming of age" viel komplexer, als dieser Satz andeutet. Denn dieses Leitthema findet sich eben überall in dem Roman wieder, sowohl in den wichtigen Handlungspunkten, als auch in vielen Konflikten und nicht nur in der Hauptfigur, sondern auch als Spiegelung in den Nebenfiguren.
Um ein Beispiel zu nennen:
Viele Romane verwenden das Leitthema eines "Coming-of-age", im Sinne einer Geschichte über das Heranwachsen. Diese Leitthema taucht nun in der Haupthandlung wieder auf, in der zwei Mädchen in diesem Roman über ihre erste große Liebe erwachsen werden. Sie spiegelt sich in der unterschiedlichen Situation im Elternhaus der beiden Mädchen, in der Auseinandersetzung der einen mit ihrem Vater, dass sie unbedingt Kunst studieren möchte und in der anderen, die gerade entdeckt, dass sie ihre beste Freundin liebt.
In Nebenplots müssen die beiden Mädchen beweisen, wie sie bestimmte eher kindliche Züge verlieren- und beginnen sich mit ihrer Welt auseinanderzusetzen und sich gegen bestimmte Dinge wiedersetzen. Das zweite Mädchen muss sich gegen ihren Vater wehren, der als starker Trinker die gesamte Familie in den Abgrund zu reißen droht.
Es geht aber auch um die Entdeckung der Verantwortung für andere, darüber, dass sie bestimmte Dinge wie die schwierige Schulsituation bald überwinden werden und sie von diesen Demütigungen bald hinter sich lassen werden. Es geht auch um viele weiter Dinge.

In gleicher Weise gilt das auch für alle anderen Leitthemen: Das Leitthema bildet den Rahmen für die gesamte Geschichte und wird sich in den meisten Handlungen auf die eine oder andere Art wiederfinden lassen. Es kündigt an, welche Richtungen diese Geschichte nehmen wird, ohne das Ende voraudzudeuten und bildet eine gute Basis, an der einerseits ein Exposé erstellt werden kann und auf der man die erzählten Elemente auf ihre Tauglichkeit für den Roman prüfen kann.

Sich für ein Leitthema zu entscheiden, bedeutet auch immer eine Entscheidung für die grundsätzliche Ausrichtung des Romans. Und somit entsteht aus dem Leitthema und wie man es erzählt (Perspektive, Innensicht,...), aber auch Wahl der eigentlichen Handlungen, auch immer die Entscheidung, an wen sie ein Text richtet. Deshalb sollte man durchaus einen Moment Zeit für die Auswahl seiner Themen lassen, seiner Figuren und welche Handlungen dieses Leitthema ausmachen- zudem sollte man sich selber dafür begeistern... Denn das ist eines der Geheimnisse, das ich von Petra gelernt habe. Man sollte sich von einer Geschichte "beißen" lassen, damit man sie schreibt.

Freitag, 7. November 2008

McJob Schreiben

In den letzten Monaten habe ich immer wieder von Kollegen gehört, die inzwischen bei der Bezahlung bei den "McJobs" angelangt sind. Denn einige größere Verlage haben inzwischen begonnen den wirtschaftlichen Druck der großen Buchhandelsketten (Thalia, Weltbild, Amazon) ziemlich ungebremst an die Autoren weiterzugeben.
Das beginnt mit der Konzentration des Marketings auf einige Romane, die "Bestsellerqualitäten" haben sollen- was das auch immer wieder zu bedeuten hat. Wer also mit seinen Texten in diese Region fällt, kommt in den Buchhandlungen auf die Tische, bekommt seine volle Seite (oder mehr) im Verlagsprospekt und wird von den Vertretern ganz energisch jedem Buchhändler empfohlen. Aber wenn man die Menge der Romane mit "Bestsellerqualitäten" ansieht, und die Zahl der daraus entstehenden Bestseller, dann wird klar, dass die Verlage nur mit Wasser kochen- und keiner bisher das Rezept für den Instant Bestseller gefunden hat.
Wer mit seinen Texten in diesen Bereich nicht hineinfällt, der hat es in den letzten Jahren deutlich schwieriger seine Bücher zu verkaufen- denn ohne Marketing hängt es nur am Graswurzelmarketing und an der Überzeugungskraft der eigenen Leser. Das reicht gelegentlich auch mal für einen großen Überraschungserfolg, aber bei vielen Autoren lässt sich an den Verkaufszahlen die rückenden Platzierungen auf den Tischen und durch einen weniger intensiven Vertrieb durch die Verlagsvertreter erkennen.

Durch den wirtschaftlichen Druck auf die Verlage, haben diese begonnen viele Kollegen auszulisten, also einerseits Bücher nicht mehr lange im Programm zu halten, bevor sie verramscht werden, oder anderen Kollegen nach einigen Romanen nahezulegen sich einen neuen Verlag zu versuchen.
Viele Kollegen sind dadurch vom Downgrading betroffen, denn wer bei einem Verlag mangels Auflage aussortiert wird, bekommt meistens einen schlechteren Verlag oder muss bei einem kleineren Verlag versuchen seine Bücher unterzubringen. Viele Kollegen merken das sehr deutlich an den Verkaufszahlen.

Weil die Vertragssituation eher unbefriedigend ist, sind die Verhandlugen schwieriger geworden- was nun in den letzten Jahren immer stärker dazu geführt hat, dass die Autoren sich einerseits professionalisiert haben im Bezug auf Verträge, oder mit Agenten zusammenarbeiten, die sie aus ihren Honoraren bezahlen. (Wobei die Agenten meistens in den Verhandlungen ihre "Kosten" wieder herausholen und oft genug sogar mehr als das).Denn wenn man die Vorschüsse heute und vor einigen Jahren ansieht, dann sind diese Vorschüsse tendenziell in der Spitze (bei den Verkaufszahlen) gestiegen, und am unteren Ende deutlich gesunken. Und da sich die prozentuale Beteiligung der Autoren nicht verbessert hat, wie jeder am Normverträgen nachvollziehen kann, siehe Verdi, und die geringen Preiserhöhungen bei Büchern letztendlich mindestens aufgefressen hat. Außerdem verkaufen sich die profitablen Hardcover (bei denen prozentual mehr und auch durch den höheren Preis real mehr ins Portemonnaie kommt) schlechter.

Im letzten Jahr, so scheint es mir zumindest, ist die Situation eher noch schlechter. Petra erwähnt in ihrem Blog das Phänomen, dass immer mehr Autoren, die schon viele Bücher veröffentlich haben, sich nun wieder ihrem Brotberuf zuwenden, bzw. dies sogar müssen. Das beginnt mit den sinkenden Vorschüssen, geht weiter mit der schlechteren Platzierung der Romane, setzt sich neuerdings fort, indem Verlage Projekte nicht mehr annehmen oder ablehnen, sondern die Autoren einfach warten lassen (was die Kalkulation ziemlich schwierig macht) und vieles mehr.
Nun, in den Medien wird immer über die Verdienste der Bestsellerautoren gesprochen, die Realität sieht jedoch etwas anders aus. Denn die meisten Autoren kommen auf 5.000€ bis 20.000€ im Jahr, wenn sie bei einem Großverlag sind, und nach unten ist das offen, wobei kleinere Verlage schlechter zahlen (und zahlen können) und wenn jemand länger als 9 Monate pro Roman braucht. Wenn man das auf die Arbeitszeit rechnet, die man für einen Roman braucht, dann ist man schon bei einem McJob.

Aber eines sollte man dabei nicht vergessen: Beim Schreiben geht es eben nicht nur ums Geld.... nur würde es das Schreiben etwas leichter machen...

Mittwoch, 5. November 2008

Autorenlesungen, einige Vorschläge von Andreas Wilhelm

Andreas Wilhelm hat bei Buch-Pr.de den Artikel "Autorenlesung- Vom Bimmeln und Läuten" veröffentlicht, in der einen kleinen Einblick in die Vorbereitung einer Lesung gibt (Werbung, Auswahl des Ortes, Licht, besondere Details, Ansprache an Kunden in Buchhandlungen,...), in den Ablauf einer Lesung (Vorstellung des Autors, Mikrophone, Einsatz von Licht, Frageteil,...) und zu einigen Besonderheiten (wie findet man Partner für eine Lesung neben den Buchhandlungen oder mit den Buchhandlungen). Und natürlich auch kurz etwas zur Frage, ob Lesungen wirklich für die Veranstalter interessant sind und sich rentieren.
Sehr interessant für alle, die ihre erste Lesung vorbereiten oder noch etwas dazulernen möchten...

Montag, 3. November 2008

Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen! Obama und die Verführung...

Der Wahlkampf in den USA hat weite Kreise gezogen, wenn man sich die deutschen Medien ansieht: Überall gibt es Wahlcenter und es gibt die neusten Umfragen, die letzten Wahlgeschichten und vieles mehr. Fast scheint es so, als würde die Wahl in Amerika letztlich wirklich auf die von den Wahlmanagern proklamierte Entscheidung hinauslaufen. Und ganz ehrlich: Ich habe in den letzten Monaten sehr aufmerksam diese Berichterstattung verfolgt, mir einige Reden angehört, ein wenig in die Programme gesehen und mich sozusagen ein wenig politisch beteiligt.
Aber letztlich ist es so, dass es eben nicht um einen fundamentalen Wandel geht, es geht nicht um "change" wie das Obama behauptet, oder um einen "maverick" (im Sinne eines Außenseiters) bei McCain, der Washington "aufmischen" möchte. Im Prinzip hat Obama es geschafft, dass er für eine Vielzahl von Menschen eine Projektionsfläche für deren Wünsche bildet, was sowohl sein Programm, als auch die Person Obama überdeckt. Und McCain ist es nie gelungen, diese Projektionsfläche wirklich anzukratzen- auch wenn er das mit verschiedensten Vorwürfen, teilweise albernen Vorwürfen versucht hat. McCain hat es auch nicht geschafft sich deutlich von seinem Vorgänger abzusetzen, einerseits programmatisch oder inhaltlich, und er hat mit seiner Vizekanidatin eine religiöse Rechte ins Boot geholt, was dieses Boot sehr deutlich Richtung Bush gebracht hat. (Und die Angst um seine Gesundheit sehr geschürt, weil die Dame doch sehr bedenkliche Aussagen von sich gegeben hat).

Die Faszination für Obama stammt von dessen Fähigkeit diese Projektionsfläche zu sein, auch für europäische oder deutsche Beobachter. Denn er hat viele Ideen aus Europa übernommen und vieles hinterfragt, was immer schwierig für Europäer an Amerika war: siehe das Krankenversicherungssystem mit den legendären Hustenversicherungen (wo alle schweren Erkrankungen ausgeschlossen sind) und den vielen Unversicherten, internationale Zusammenarbeit, Themen aus dem Umweltschutzbereich, höhere Besteuerung von Reichen, Rahmenbedingungen für Märkte (statt ständiger Deregulierung), Chancen für Bildung,....
Von seinen teilweise brillanten Fähigkeiten als Rhetoriker kann man beeindruckt sein, sein Programm ist es weit weniger, weil das meistens nicht ausgeführt ist. Dafür ist der Wahlkampf sehr beeindruckend. Er hat über eine Internetseite und die Spendenmöglichkeiten dort enorm viel Geld eingesammelt, (und eben nicht nur von Konzernen, sondern viele kleine Summen von normalen Wählern) er hat über Internetberichterstattung und Ansprache an die Wähler übers Netz enorm viele Wähler mobilisiert, er hat Hunderttausende Menschen dazu gebracht sich für die Wahl registrieren zu lassen, und enorm viele Menschen überzeugt persönlich, per Mail oder Telefon sich für ihn einzusetzen. Die Wahlen werden sich nicht nur in Amerika an diesem Vorbild orientieren- auch in anderen Ländern wird man diese Art des Wahlkampfs zumindest in Teilen übernehmen. Und er hat viele Menschen darüberhinaus bewegt sich selber politisch zu beteiligen und zu wählen, aber auch selber aktiv zu werden.

Letztlich ist es aber so, dass Obama nie das Versprechen erfüllen kann, was er als Projektionsfläche für die Menschen war, weder in Europa, noch in Amerika. Die Schritte werden kleiner sein, als dies jetzt aussieht, Erfolge und Misserfolge werden auf ihn warten- auch wenn er vieles schon erreicht hat. Denn ohne Zweifel wird er diese Wahl gewinnen- mit seiner Vorstellung eines geeinten Amerikas, mit der Bitte an den Menschen an diesem Amerika mit ihm zu arbeiten und seinem Versprechen mehr Chancen für alle zu gestalten.
Er wird aber vermutlich mit einigen seiner recht fundamentalen Änderungen scheitern- und trotzdem viel leisten.Denn das ist eine Sache, die Obama an sich genommen hat, die schwierig ist. Er hat sich oft genug nicht nur als Politiker inszeniert, sondern fast als eine Art politischen Messias. Und die Menschen haben die Bereitschaft gezeigt ihm zu folgen- nur das ein teilweises Scheitern in dieser messianischen Politikinszenierung mit eingeplant ist, was viele Menschen überraschen wird.

Wenn ich nun im Titel Helmut Schmidt zitiere, dann aus einem bestimmten Grund: In der USA werden sie also morgen jemand wählen, der die Menschen verführt mir ihren eigenen Vorstellungen, mit einer messianischen Idee- und anscheinend (oder es ist mir noch nicht aufgefallen), niemand findet das problematisch. Und dieser Weg funktioniert immer noch. Denn die messianische Botschaft und die Projektionsfläche eines Obama machen eines deutlich: im Prinzip sind wir alle verführbar, wenn jemand die richtigen Posen einnimmt.
Denn, mal als Gedankenspiel, was wäre denn, wenn Obama nun einen anderen Namen hätte, in einem anderen Land antreten würde, und man nur leicht einige Elemente in sein Parteiprogramm aufnehmen würde. Ich wähle als Beispielländer zwei Länder in Afrika, weil ich sonst bis auf das Beispiel Russland unter Putin weit in die Vergangenheit hätte gehen müssen. Und die üblichen Beispiele möchte ich eben nicht verwenden, wie z.B. die Versprechen von Lenin in Russland oder ähnliches, oder die Verführung der Deutschen durch die Nazis. Weil dies tendenziell in eine andere Richtung führen würde.

Wenn er im Simbabwe antreten würde, und die Reichen wären weiß, und er würde etwas mehr von ihnen nehmen wollen. Würde er dann noch so auf die Menschen wirken- ja. Robert Mugabe hat in Simbabwe ähnliches versprochen, hat das Bildungssystem zu einem der besten in Afrika gemacht, hat die Versöhnung mit der Vergangenheit versprochen- und wurde genauso eine messianische Projektionsfigur wie Obama. Bevor er dann irgendwann zu dem Diktator wurde, der wohl immer schon in ihm gesteckt hat. Das soll nicht darauf verweisen, dass ich Obama irgendetwas davon zutraue, oder meinen würde, jemand wie Robert Mugabe würde in ihm stecken- aber ich will deutlich machen, was an Obamas Wahlkampf so schwierig ist. Die Verführung.
Denn natürlich gibt es neben Mugabe auch einen Mann wie Nelson Mandela, der mit dem gleichen Programm und Charisma angetreten ist, und diese Versprechen weitgehend erfüllt hat, eine Annäherung der durch die Apartheit getrennten, eine Verbesserung der Bildung, faire Bezahlung und eine Entwicklung in eine neue Zukunft. Vieles hat Mandela erreicht, weit mehr als die meisten Menschen erwartet haben, aber die Trennung konnte er nicht ganz überwinden. Aber er hat die Basis für eine große Zukunft gelegt, die seine Nachfolger nicht einlösen konnten, weil das ANC sich an Posten und Pöstchen fett gefressen hat, und Wandel dies bedroht hätte. Nun sieht alles so aus, als würden der ANC unter neuer Führung das Land in eine erneute, schwere Krise führen, und als ob die Annäherung zwischen den Bevölkerungsgruppen nun aufgehört hat, und viele Menschen Südafrika verlassen, vor allem unter den Weißen. Mandela hat immer noch diese Strahlkraft.

Nicht nur in Amerika, sondern auch in Deutschland sind wir diesem Mann Obama ein wenig erlegen, siehe die Umfragewerte. Deshalb habe ich auch immer Schriftsteller und ihre Verführungen der Politik, Sartre und Stalin, Benn und die Nazis, und andere kritisch gesehen, aber nicht so verurteilt, wie andere das getan haben. Denn nur wer verführt wird, und dies bemerkt, versteht die Mechanismen. Die deutschen Medien und die Öffentlichkeit waren trotz der Erfahrungen des 3. Reiches bemerkenswert blind für diese Verführung.
Wie viele Deutsche würden Obama wählen, heute? Genau, das meine ich. Wir sind alle Verführbar...

Deshalb hat Helmut Schmidt recht: Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen! Denn ein Politiker, der sich auf Visionen beruft, der versteckt sich dahinter, lenkt von den Themen und vielem weiteren ab. Und das ist wirklich bedenklich

Sonntag, 2. November 2008

Gedanken zum letzten Blogeintrag

In den Kommentaren zu meinem letzten Blogeinträgen wird immer wieder in Frage gestellt, dass es objektive Kriterien beim Schreiben gibt. Denn, so z.B. die Argumentation von Marco, die meisten dieser scheinbar objektiven Kriterien sind nur getarnte subjektive Meinungen, die dann auch noch zu Dogmen aufgespielt werden.

Im ersten Augenblick erscheint es sehr leicht diese Frage zu beantworten. Natürlich gibt es verschiedene Möglichkeiten Texte miteinander zu vergleichen und die Struktur von Texten und die handwerklichen Fähigkeiten eines Autors zu bemessen. In der Literaturwissenschaft und in der Literaturkritik werden immer wieder solche Kriterien verwendet und dann ein Geschmacksurteil getroffen. Und dieses Geschmacksurteil entsteht aus einer breiten Auswahl von Kriterien, von denen viele zumindest beanspruchen objektiv zu sein, und entsteht, indem der Literaturwissenschafter oder Rezensent seinen Geschmack an anderen Werken bildet und in Diskussionen und Auseinandersetzungen rechtfertigt.
Aber sobald der ersten Augenblick vergangen ist, scheint diese Frage nicht mehr leicht zu beantworten: Denn die Literaturwissenschaft drückt sich um klare Urteile und begründet meistens nicht die Auswahl von Texten, mit denen sie sich beschäftigt. Im Mittelpunkt der literaturwissenschaftlichen Arbeit steht oft das Kleinteilige, die Verweise im Text, die Ideen und Fragen der Texte, die Bezüge zu anderen Werken, mögliche Interpretationen und vieles mehr. In der Kritik, siehe meinen Blogeintrag zur Literaturkritik und besonders die Artikel aus dem Perlentaucher darin, verwendet immer wieder und scheinbar zunehmend Urteile, ohne diese wirklich zu begründen. Emphase ersetzt Analyse, Meinung die Deutung und Begründung, was u.a. auch durch die schlechte Bezahlung vieler Rezensenten begründet ist, siehe die Kommentare zu dem Literaturkritik Blogeintrag. Somit muss auch die Frage erlaubt sein, ob die früheren, zumeist begründeten, Urteile wirklich objektiv waren.

Wenn man dies nun einmal so darstellt, dann stellt sich die Frage, ob es wirklich objektive Kriterien gibt. Und die Antwort darauf ist im Prinzip leicht: Denn wie sollte ein Subjekt ein objektives Kriterium aufstellen können, dass nicht durch eine wiederholbare Probe immer wieder bestätigt werden kann. Die diesbezüglichen Versuche in der Literaturwissenschaft waren nicht sehr überzeugend, siehe den Versuch Autoren nach der Zahl der unterschiedlichen, verwendeten Worte, nach der Wertigkeit der Sprache (Hochsprache bis Umgangssprache) und der Wortwahl in einem Raster hochwertig oder nicht einzuordnen.

Somit bleiben nur subjektive Geschmacksurteile übrig, um Texte zu beschreiben. Das bedeutet aber nicht, dass diese Urteile unbegründet sind oder willkürlich- sondern nur, dass die Begründung für die Bedeutung des Geschmacksurteils besonders wichtig ist und entscheidet, ob dieses Urteil haltbar ist.
Nun, wie kommt es in der Literaturwissenschaft und in der Kritik zu solchen Geschmacksurteilen: Ein Leser, der sich an der Lektüre einer Vielzahl von unterschiedlichen Texten geschult hat, nimmt diese Erfahrung, um ein weiteres Buch zu lesen und dabei zu beurteilen. Dabei ist die Auswahl an Texten durch die Vorbildung dieses Personen vorgegeben, und den unausgesprochen oder ausgesprochenen Literaturkanon, sowie allerlei Werke die sich am Rand diesen befinden, sowie einer Auswahl an Büchern, die interessant erschienen oder es waren, die einem empfohlen wurden, die man ausgeliehen bekommen hat, die so rumlagen,...
Nun, im Studium wird den meisten Literaturwissenschaftlern deutlich, dass teilweise eine positive Kritik auf der gleichen Begründung fusst wie eine negative, und das letztlich die gleichen Werke durch die subjektive Einschätzung unterschiedlicher Menschen recht unterschiedlich gewertet werden. Das bedeutet nicht, dass das eine Urteil per se besser ist, als das andere, oder richtiger. Sondern das oft erst aus der Sammlung von unterschiedlichen Urteilen und der Diskussion darüber eine Meinung über ein Werk entsteht, dass überdauert.

Wenn man dies auf das Schreiben überträgt, im Sinne von Handwerkselementen, dann wird die Schwierigkeit des Geschmacksurteils deutlich. Denn wenn ein Handwerkselement zur Begründung einer positiven oder negativen Kritik verwendet werden kann, dann ist es schwierig die Wertigkeit des Handwerkselement festzustellen.
Ist es also besser viele Adjektive zu verwenden, oder auf Adjektive weitgehend zu verzichten? Wenn man 100 Autoren fragt, so wird man recht unterschiedliche Antworten bekommen- und jede dieser Antworten hat eine Begründung, die ihre Berechtigung hat. Deshalb ist es immer wichtiger die Begründungen zu verstehen, warum jemand das so oder so handhabt, um dann wie ein Literaturwissenschaftler oder Kritiker eine eigene Meinung dazu zu bilden. Und bei den meisten anderen Handwerksthemen ist das ähnlich.
Das bedeutet aber nicht, dass es falsch wäre seine eigenen Haltungen zu einem Thema zu vertreten oder zu begründen- es bedeutet nur, dass man die Gegenmeinungen hinnehmen muss.

Neben den eigentlichen Handwerksthemen gibt es dann solche Dinge wie die "Dichte", die ich manchmal anspreche. Dabei handelt es sich um eine Vorstellung, dass jeder Roman in sich eine Vorgabe für die Länge der Szenen, der Kapitel und des Romans ansich enthält- indem der Autor bestimmte Schreibentscheidungen getroffen hat, die dies beeinflussen.
Nun, ich glaube daran- und schreibe deshalb darüber. Denn ich mache beim Schreiben immer wieder die Erfahrung, bzw. auch bei den ersten Überarbeitungsschritten, dass ich das Gefühl habe eine Szene sei zu lang oder zu kurz. Mal liegt das am Spannungsaufbau, mal nehme ich damit eine zu starke Szene an den Anfang eines Romans, mal wird die Szenen dadurch langatmig,... Und bei der Überarbeitung weiß ich dann oft, hier muss ich kürzen, da fehlt noch etwas, und dann passt diese Szene zu diesem Text.
Deshalb habe ich die Vorstellung, dass es anscheinend so etwas wie "Dichte" gibt, die sich aber nicht messbar und objektiv feststellen lässt. Sie ergibt sich aus sehr vielen Faktoren, und natürlich ist sie subjektiv.
In der Zusammenarbeit mit meinem Autorenpartner und anderen Autoren lese ich öfter Texte gegen und begründe dort oft recht ausführlich, warum ich etwas kürzen oder verlängern würde- mit dem Bezug auf "Dichte". Mit einigen haben wir dann dieses mal an einigen Testlesern getestet, und die Ergebnisse waren weitgehend positiv- was mich in der Meinung bestärkt, dass es so etwas gibt, mit dem Risiko, dass ich mich herrlich täusche.

Wenn ich nun in jedem meiner Blogeinträge erst einmal verdeutlichen müsste, was Geschmacksurteile sind, dann käme ich nicht mehr dazu etwas zu den eigentlichen Themen zu sagen. Schließlich ist meine Zeit für den Blog begrenzt- denn ich brauche auch noch einen Moment zum Schreiben und für den Rest meines Lebens.
Somit schreibe ich oft etwas, und weiß, dass es wie ein Dogma klingt, wie ein klares Kriterium, und vertraue meinen Lesern, dass sie wissen, dass die Begründung interessanter als das Kriterium ist.
Und das ich manchmal gerne über ein Kriterium schreibe, dann diskutiere, um mir immer weiter Gedanken dazu zu machen, es vielleicht später zu revidieren oder in Teilen zu revidieren, es anders zu handhaben oder zu verwerfen, vielleicht auch erst einmal zu bestätigen. Weil das für mich ein Weg ist mein Geschmacksurteil zu schulen, und möglichst viele Begründungen zu sammeln, um meine zu konkretisieren und für meine Ansprüche zu verbessern.
Wenn das manchmal anders rüberkommt, dann kann ich damit leben.

Samstag, 1. November 2008

Dichte...

Ich habe heute sehr lange über eine bestimmte Frage nachgedacht, die sich mir immer wieder im Verlaufe meines Schreibens gestellt hat- und die sich sicherlich später auch immer wieder stellen wird. Im Titel dieses Blogeintrags hatte ich es mit der "Würde eines Textes" bezeichnet, was die Frage aber nicht direkt trifft. Aber die meisten anderen Begriffe treffen es ebenso wenig. Deshalb hatte ich mich zuerst für die "Würde" entschieden. weil Würde etwas ist, was aus Handlungen entsteht, und gleichzeitig keinen eigenen Wert für sich darstellt- denn von den weiteren Handlungen hängt es ab, ob die Würde weiter bestehen bleibt.
Während des Schreibens fällt mir auf, dass "Dichte" im Sinne einer Verdichtung des Romansinhalts auf das besondere, wichtige, eine Art Konzentrat des Romans, genauer wäre. Also eine Verdichtung, die nicht an sich immer da ist, sondern erst erarbeitet werden muss, indem sie durch eindampfen, verdampfen, kochen usw. erschaffen werden muss.

In einer idealen Situation entsteht ein Text aus der Arbeit eine Schriftstellers, der bei dieser Arbeit manchmal von Kollegen, Freunden, Lektoren und Testlesern begleitet wird. Dabei entsteht ein Text, der in der Lage ist aus dem ursprünglichen Konstrukt (egal welche Herangehensweise an das Schreiben verwendet wird) mit einer Mischung aus Phantasie und Wirklichkeit auszufüllen und über die Ansichten und Schwächen des Menschens hinter dem Autor hinauszuwachsen. Dabei muss die Mischung aus Phantasie und Wirklichkeit, die im Rahmen eines Romans Fiktion heißt, letztlich eine innere Glaubwürdigkeit haben, auch wenn es eben eine Fiktion ist, und niemals eine glatte Abbildung der Wirklichkeit. Das bedeutet aber nicht, dass der Roman perfekt ist. Denn Perfektion ist eigentlich nie das Ziel der Kunst, weil Perfektion kalt ist, und manche Fehler erst Lebendigkeit verleihen.
Natürlich handelt es sich bei der idealen Situation in gewisser Weise um ein Konstrukt, weil die meisten Texte dies aus vielen Gründen genau nicht erreichen. Denn ein Autor ist immer auch ein Mensch, und niemand ist in der Lage permanent immer an seinem Maximum zu arbeiten und sich bei jedem Text so einzulassen, so an seine Grenzen und darüber hinaus zu gehen, dass er einen solchen Text schreiben kann. Und ehrlich gesagt, halte ich das auch nicht für Wünschenswert. Denn es gibt gute Gründe nicht ständig in seinen Texten über sich hinaus zu wachsen- denn wer einmal einen solchen Text geschrieben hat, der kann sich manchmal nicht davon erhohlen. Denn diese Grenzerfahrungen sind eine große psychische und physische Belastung, siehe das "family-exit", das E. Hemingway gewählt hat, oder auch Truman Capote, der an "In cold blood" zerbrochen ist.

Die Dichte eines Textes entsteht in seinem Werden, in dem Prozess und ist selber ein prozesshaftes Ereignis, das dann entsteht, wenn ein Text wirklich gelungen ist- im Sinne davon, dass die Romanfiktion einen Wert für sich gewinnt, weil die Fiktion in sich gelungen und kohärent ist und er den Leser berühren kann. Diese Dichte macht sich nicht an Kleinigkeiten fest, denn diese sind immer änderbar und verwandelbar, sondern an bestimmten Plots und Linien im Text, an seiner Sprache (Stil, Sprache, Rhythmus und Timing), an der Figurenwahl und einigem mehr, immer in der Verbindung dieser Elemente miteinander. Deshalb ist es die Aufgabe des Autors Änderungsvorschläge an den eigenen Texten immer als Anwalt dieser Texte kritisch zu prüfen, abzulehnen und zuzustimmen, immer mit der Maßgabe, dass der Text diese "Dichte" erhält und behält. Viele Änderungen dienen dem Text, andere sich fast neutral, manches schadet einem Text.
Deshalb ist es auch so wichtig zu überarbeiten: Denn sehr oft ist die "Dichte" eines Textes noch nicht vorhanden oder nur in Teilen vorhanden, und muss in feinen Korrekturen, in Überarbeitungen, in Kürzungen und Ergänzungen, in Raffung und Dehnung erst erarbeitet werden, manchmal wie ein Stück Marmor, wo erst die Figur herausgearbeitet werden muss, manchmal wie eine Vorform eines Bronzegusses, wo an den ersten Gipsabdrücken erst einen Eindruck von der Gestalt geben und die Vorform noch einmal überarbeitet werden muss. Dabei bedeutet Dichte, nicht unbedingt Kürze, und auch nicht immer Verdichtung, sondern oft genug auch Verbreiterung, breitere Aufstellung und mehr Wirkungsraum.

Übrigens ist es unheimlich schwer an einem Text zu erkennen, ob er "dicht genug ist"- denn dazu ist eine sehr präzise Beobachtungsgabe für die Kombination der verschiedene Elemente eines Textes zuständig. Idealerweise sollten hier Autoren und Lektoren zusammenarbeiten, aber in der wirklichen Welt ist Dichte kein Gut mehr, das zu erreichen, man in Verlagen bestrebt ist. Denn viele Leser werden beim Lesen nicht bemerken, dass der Text nicht "dicht" genug ist, sondern ausgewaltzt, überdehnt und langatmig- oder werden keine Worte finden, um genau das zu beschreiben. Und ganz ehrlich: viel Geld in etwas zu investieren, das die meisten Menschen nicht benennen können, erscheint viel Geld für nichts zu sein.
Gleichzeitig ist es aber so, wenn man einige große Autoren betrachtet, dass sie mit ihren Lektoren zusammen ihre Entwicklung als Autor genau an der Dichte ihrer Texte geformt haben- G.Grass, Carver und andere. Denn wenn sie vorhanden ist, werden die meisten Leser es bemerken... und das durchaus auch honorieren- wenn auch nicht unbedingt in Verkäufen.
Diese "Dichte" ist übrigens nicht unbedingt immer die Kürzung, sondern auch die Stärke der Szenen, der Wechsel von starken und schwachen Szenen. Und sie ist manchmal auch bedrückend, schwierig und ängstigend.

Letztlich ist es aber so, dass die Verlage nun im Prinzip verlangen, dass die Autoren selber als ihre eigenen Lektoren arbeiten und an der Dichte arbeiten. Ganz einfach, weil das natürlich billiger ist. Lektoren kosten Geld, gute Lektoren möglicherweise mehr Geld. Und offensichtlich, wie man an den Neuerscheinungen erkennen kann, gibt es genug Autoren, die bereit sind es zu versuchen. Und ganz einfach, vielleicht werden die Menschen vergessen, dass es einmal diese atemberaubende "Dichte" mancher Autoren gibt oder gab.
Vielleicht werden sie nicht merken, dass es sie mal gab. Vielleicht kaufen sie lieber dicke Bücher, ausgewalzt, also mal einen dünnen Mittelalterroman zu nehmen, weil sie das nicht gewohnt sind.
Vielleicht ist Dichte auch etwas altmodisches- denn in den letzten Jahren habe ich unendlich viele Bücher gelesen, die durch Kürzungen viel gewonnen hätten. Das Gegenteil ist seltener, und wirklich "dichte" Bücher sind sehr selten geworden. (Was übrigens auch daran liegt, dass es in den letzten Jahren viele Autoren gibt, die sehr ähnlich schreiben, und deren Sätze nahezu austauschbar sind, wenn auch gut geschrieben.)

Aber vielleicht ist mein Blick getrübt und unzuverlässig, vielleicht ist es mein Blick, der mich auf einen falschen Weg führt...