Freitag, 31. Oktober 2008

Kein Ausweg, Schreiben? ... September 2008

Je weiter man sich einem Ziel nähert, je deutlicher tritt einem vors Auge, wird klarer, dass häufig das Ziel eben eine Projektion der eigenen Wünsche ist, und nicht der Wirklichkeit auf der Ziellinie entspricht.

Als ich vor 15 Jahren vom Schreiben "gebissen" wurde, hatte ich eine Illusion vor Augen, ein Zerrbild, wie das Leben als Autor sein würde- nicht nur in finanzieller Sicht, sondern auch im Bereich des Schreibens selber. Denn das Schreiben war damals rein intuitiv, das Handwerk rudimentär vorhanden. Die Ideen folgten meinen Wünschen und es schien mir so klar, wo ich in 10 Jahren stehen würde, dass ich daraus viel Motivation gezogen habe.
9 Jahre später stand ich schriftstellerisch vor einem Neuanfang: Ich hatte mit Kurzgeschichten angefangen, und mich dann eifrig in die phantastische Literatur gestürzt, Fachrichtung Fantasy- nur hatte ich nicht bedacht, dass das, was mich an Texten interessiert hat, nicht zum Arbeitsbild Fantasy-Schriftsteller gehört. Denn eigentlich interessieren mich die Menschen, ihre Handlungen, die Begründungen für ihre Handlungen- und ich habe ungeheuer viele Fragen- nur dafür ist in der Fantasy kaum Raum. Dort geht es um Herrschaftsgeschichte, es geht um Kriege, Schlachten und ein schlichtes Weltbild (von einigen, wenigen Autoren und Romane einmal abgesehen).
Also gab ich die Fantasy auf, weil es der einzig richtige Weg war, und schon nach zwei weiteren Geschichten war klar, dass es die richtige Entscheidung war. Denn man ist nicht immer in dem Bereich gut, in dem man gerne gut wäre: Und vielleicht hatte die Entscheidung für Fantasy auch sehr mit der Idee zu tun, dass dies leichter zu schreiben wäre als das, was mich eigentlich beschäftigte.

Zwei Jahre später habe ich dann mit meinem Romanprojekt angefangen, über das ich in diesem Blog schon wahnsinnig viel erzählt habe. Und ehrlich gesagt einfach ist nicht das Wort, welches mir für die Arbeit an diesem Projekt einfällt. Denn die 120 Seiten haben mich unheimlich viel Zeit, Willen, Kraft und Energie gekostet, nicht nur beim Schreiben, sondern bei der Erarbeitung des Handwerks, dass für diesen Roman und diese Art Texte notwenig ist.
Nun, inzwischen weiß ich, dass ich viele Vorarbeiten für alle zukünftigen Romane schon geleistet habe. Denn dieser Roman war eine ziemlich gnadenlose Methode das eigene Schreiben immer wieder aus handwerklicher, aus plottechnischer und anderen Sichten zu betrachten, Entscheidungen zu treffen und sie zu revidieren, Methoden und Wege auszutesten, zu verwerfen und zu lernen. Ich habe mir sozusagen ein Grundhandwerk erarbeitet, von dem ich solange zehren kann, wie ich schreiben werde- auch wenn es immer noch viel zu lernen gibt, viel zu versuchen, viel Platz für ein Scheitern.

Die einzige Frage, die nun bleibt, ist, wann dieses Projekt fertig wird. Denn ich bin gerade dabei meinen Uniabschluß zu machen- und dieses Projekt ist wahnsinnig anspruchsvoll- so dass ich befürchtet, dass eine Pause droht und ich zeitweilig an einem leichteren Projekt arbeiten werde.
Gleichzeitig stellt sich nun immer stärker die Frage, wie es nach dem Uniabschluß weitergehen wird. Denn als Autor brauche ich im Moment sehr lange, um zu schreiben- und wie es mit Veröffentlichungen weitergeht, ist im Moment noch unklar. Gleichzeitig weiß ich, dass ich irgendwann davon leben möchte, und eigentlich fest davon überzeugt bin, dass mir das irgendwann gelingen wird. Es ist nur eine Frage von Zeit, aber wie ist diese zu füllen???

Spuren im Schnee

Vielleicht kennen das die meisten Autoren oder kreativen Menschen, ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich während der Arbeit an bestimmten Texten gar nicht mehr aufhöre an ihnen zu arbeiten, selbst wenn ich träume. Dann erweist mir das Unterbewusstsein die seltsame Gnade, in meinen Träumen einige Szenen einmal sehr bildlich durchzuspielen, im weiteren Verlauf zu variieren und lässt mich mit einem Füllhorn an Gedanken zurück, an Ideen und Gestaltungswegen. Oft genug stellt sich nach solchen Träumen heraus, dass diese für einen Text nicht taugen- denn das Unterbewusstsein folgt seinen eigenen Logikketten, seinen eigenen Gesetzlichkeiten, und diese sind teilweise nicht auf Texte zu übertragen. So habe ich in den letzten Wochen immer wieder von meinen beiden Romanprojekten geträumt.

Donnerstag, 30. Oktober 2008

Der Antagonist... (ein Archetypus)

Der Antagonist in einer Geschichte ist die Person oder die Kraft, die dem Protagonist (oder Held) und seinen Wünschen oder Zielen entgegensteht, diese oder diesen behindert, ihm Schaden zufügt oder seine Handlungsabsichten durchkreuzt. Dabei ist ein Antagonist nicht unbedingt eine Person, er kann durchaus auch wie in "Der alte Mann und das Meer" das Meer sein, ein schicksalhaftes Ereignis oder ein Countdown, eine namenlose Bedrohung. Wobei für all dies letztlich das gleiche gilt, s.o., wie eine figürliche Entsprechung als Person.

Klassischer Antagonist (Archetyp):

Nach der Lehre von C.G.Jung entspricht der Antagonist oft dem Schatten, siehe auch meinen Blogartikel zu den Archetypen, was nichts anderes bedeutet, als dass er für die negativen, unterdrückten und sozial nicht gewollten Charakterzüge des Helden steht- und somit eine Projektion des Helden ist. Besonders deutlich ist dies bei R.L. Stevensons "Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde", wo Hyde all das ist, was Jekyll nicht ist- deutlich sexuell konnotiert, gewalttätig, rachsüchtig,... Aber auch in Bram Stokers "Dracula" gibt es mit Jonathan Harker und Dracula letztlich einen weniger deutlichen Fall des Schattens, denn auch Dracula hat viele sozial unerwünschten und unterdrückten Elemente in sich, die weitgehend denen von Mr. Hyde entsprechen, während Harker der ehrenwerte englische Gentleman ist.
Eine weitere Motivgrundlage für den Antagonisten stammt daher, dass man einer Figur ihr Gegenteil vorsetzt. In der gesellschaftlichen Stellung, im Geld, im Aussehen, und vielen anderen Bereichen sind die Figuren gegenteilig gesetzt, und treffen in ihrem Ringen um die Handlung dort immer wieder aufeinander, einerseits als Rivalen, aber auch als Feinde.
Eine andere Variante ist die Figuren in der Form des bösen Zwillingsbruders ähnlich zu positionieren, dem Helden aber viele positive Eigenschaften zuzuordnen, der anderen Figur aber viele negative Eigenschaften- wobei beide die Figuren in ihrem Erfolg vorantreiben und immer wieder aufeinander treffen lassen. Bsp. für die Eigenschaften des Antagonisten wären hier z.B. Gier, Intrige, Verrat, Bestechung- denen Großzügigkeit, Helfentaten, Freundschaft und Belohnung für große Taten entgegen gesetzt werden.

Einige weitere Besonderheiten des Antagonisten finden sich in vielen Texten, und werden erst durch eine klare Abgrenzung zum Helden deutlich: Der Antagonist darf sich vom Zufall helfen lassen, und von ihm immer wieder profitieren. Er verfügt meistens über mehrere Helfer und Verbündete, die schrittweise das Wachsen des Helden bedingen, indem sie sich dem Protagonisten entgegenstellen, und er an ihrer Überwindung wächst. Der Held darf sich Helfer und Verbündete erarbeiten, aber sie helfen ihm nicht den Feind zu besiegen oder zu bekämpfen, sondern meist nur die Rückschläge und Angriffe abzuwehren.
Der wichtigste Unterschied ist aber, dass der Held/ Protagonist eine Identifikationsfigur ist, und deshalb viel Platz für die Einfühlung des Lesers lassen muss. Deshalb gibt es verschiedene Dinge, die ein Protagonist nicht darf, weil das die Einfühlung des Lesers verhindern würde: "Böses darf er nur tun, um noch schlimmeres abzuweden- und dann muss er sich damit auseinandersetzen."
Der Antagonist muss dagegen eine Reizfigur sein, eine Herausforderung, er darf eigentlich alles, nur nicht blass sein. Denn je stärker der Antagonist ist, desto stärker kann und muss der Held werden.

Bis heute wird in den meisten Romanen auf solche Antagonisten zu gegriffen, die sich direkt auf den Protagonisten beziehen und für diesen eine Herausforderung bilden. Somit ist die Beziehung zwischen Held und Schurken persönlich, entweder von Anfang an, oder durch die Handlung.

Moderne Varianten:

Inzwischen wird aber auch immer wieder auf Antagonisten gesetzt, die nicht im eigentlichen Sinne Gegenfiguren zum Helden/ Protagonisten sind, und die nicht immer über eine persönliche Beziehung zum Helden verfügen. Dabei können beide Figuren durchaus gute Ziele haben, nur die Wahl ihrer Mittel unterscheidet sie in Protagonist und Antagonist.

Die Figuren können sogar in einem gewissen Sinne sogar gedreht werden. Eine klassische Schurkenfigur übernimmt die Rolle des Protagonisten und ist die handelnde Person in der Geschichte, wie z.B. in "Das Parfüm". Der eigentliche Schurke erzählt die Handlung, und als Antagonist ist ihm ein bestimmter Wunsch entgegengesetzt, in diesem Fall das Geheimnis der Gerüche zu erkunden und dabei das perfekte Parfüm zu finden. Ein menschlicher Anagonist ist dabei nicht in dem Roman zu finden, auch wenn die Hauptfigur immer wieder auf menschliche Hindernisse für seinen Plan trifft- die aber genau das bleiben, Hindernisse.
Aber auch jede Menge anderer Kombinationen sind möglich, wenn der Schurke als Held und Protagonist der Geschichte reüssiert.
Eine andere Variante des modernen Antagonisten ist es die Unberechenbarkeit der Welt zu verwenden, also keine konkrete Kraft wie z.B. das Meer, sondern den Protagonisten seine Grenzen aufzuzeigen, indem er gegen etwas abstraktes auftritt.
Manchmal wird auch ganz auf Protagonist und Antagonist verzichtet, indem mehrere Figuren immer wieder wechselhaft mal die eine, mal die andere Rolle übernehmen, siehe z.B. G.R.R.Martin "Das Lied von Feuer und Eis" oder keine Figur oder keine Kraft letztlich stellvertretend erscheint, sondern so viele Figuren oder Kräfte, dass hier niemand diese Funktion zugeschrieben werden kann.
Ein anderes Beispiel wäre Markus Zusaks "Die Bücherdiebin", in der der Tod die Geschichte erzählt, und letztlich in gewisser Weise der Antagonist und Erzähler ist, obwohl er freundlich die Protagonisten beobachtet, siehe aber auch den Film "Amadeus", der letztlich aus Sicht des Antagonisten Salieri erzählt wird, der die Geschichte der eigentlichen Hauptfigur Mozart erzählt.

Letztlich wird an diesen modernen Varianten deutlich, dass gerade die Faszination für Antagonisten und deren Blick auf die Welt offensichtlich genauso interessant wie die Identifikation ist, und dass diese Figuren vielleicht gerade deshalb als Erzähler durchaus interessant sind, bzw. sogar als Protagonisten.

Mittwoch, 29. Oktober 2008

Herbstgrippe oder was auch immer

Heute morgen fühlte sich mein Gehirn an, als hätte man es mit einem Wisch-und-Weg Haushaltstuch eingepackt, das alle fließenden Gedanken einfach aufgesaugt hat, übrigens mit einem saugenden Geräusch, das in meinen Ohren klingelt. Vielleicht kann ich deshalb heute nicht wirklich geradeaus laufen, sondern neige dazu wie mit einer falsch eingestellten Hüftspurstange ein wenig nach links oder rechts zu driften. (Vielen Dank an den Kühlschrank und die Kommode für blaue Flecke und Halt).
Immerhin gibt es das Telefon und so konnte ich trotzdem (mit vielen Gesprächen) alles wichtige für die Uni klären... und ganz ehrlich: Die Bürokratie an deutschen Universitäten ist eigentlich einen eigenen Studiengang wert.

Inspiration wohnt an seltsamen Orten

Ich liebe mein Hauptprojekt, meinen Roman, an dem ich nun schon so lange arbeite. Aber im Moment, in der Anmeldung zum Abschluß meines Studiums, habe ich keine Gedanken für dieses Projekt und mir fehlt die Zeit.

Deshalb schreibe ich gerade etwas leichtes, ein Nebenprojekt, dass ich im letzten Jahr angefange habe. Damals war mir noch nicht klar, wie das Projekt weitergehen könnte oder ob es das überhaupt würde. Nun habe ich mir immer ein wenig Zeit gestohlen, um mich an dieses Projekt heranzusetzen, weil es nicht so viele Gedanken braucht, wie das andere, einfacher ist, und ehrlich gesagt unheimlich viel Spaß bringt (und zwar anderen Spaß, als das bisherige).
Ich tauche in die germanische Mythenwelt ein, in die englische und irische, und das Buffett ist unheimlich reichhaltig. Die Geschichte übrigens auch, es ist eine mythologische Kriminalgeschichte. Im Moment wächst das Projekt stetig, und es gibt da auch einen Wettbewerb im nächsten Jahr...

Es ist ein Pseudonymprojekt, ganz ehrlich, und ich habe vermutlich viel zu viele Ansprüche an es. Aber im Moment kann ich am anderen Text nicht arbeiten. Aber ich muss arbeiten. Und dies hilft mir irgendwie mit dem Abschluß voranzukommen.

Dienstag, 28. Oktober 2008

Kultur als Staatsziel

In einem Kommentar in der heutigen Welt beschäftigt sich Eckhard Fuhr mit der "Kultur als Staatsziel", was nichts anderes bedeutet, als die Kultur im Grundgesetz als Staatsziel zu verankern.
Die Idee hinter diesem Konzept ist, dass die Kultur das verbindende Band zwischen den Menschen eines Kulturkreises ist, wobei die Kultur hier nicht im Sinne eines singulären Prozesses oder einer Leitkultur zu verstehen ist, sondern als eine Vielfalt von Richtungen und Ausrichtungen, Interessen und Bereichen. Nicht alle Menschen gehen in die Oper ins Theater, nicht alle Menschen lesen Bücher/ Zeitungen/ Magazine oder kaufen/leihen aus, sehen fern, schauen Filme, gehen ins Museum oder besuchen Ausstellungen, nicht alle Menschen schreiben Texte für andere, nicht alle Menschen beschäftigen sich mit den Sitten und Geflogenheiten des eigenen Raums (im Sinne der kulturellen Umgebung) oder der Räume oder Separées in der Nähe, nicht alle Menschen beschäftigen sich mit Geschichte, Musik, mit Politik, .....
Aber wir alle befinden uns mit unserer Sprache in einem Austausch mit anderen, und über unsere Sprache und unsere Interessen geraten wir in einen kulturellen Austausch. Und in jedem unserer Gespräche, in jeder Auseinandersetzung mit anderen Meinungen, Haltungen und Ideen, in jeder Beschäftigung mit Kultur ist diese anwesend, Teil von uns und anderen, ist Diskussionsgegenstand, es wird abgewogen, verglichen, und anerkannt oder abgelehnt. Denn auch wie wir uns anziehen, Mode, Kleidungsstil, unser Benehmen, unsere Schulerfahrungen gehören in Teilen zur Landeskultur, sowie zu verschiedensten anderen kulturellen Formen.

Somit ist es eigentlich längst überfällig, dass Kultur als Staatsziel in das Grundgesetz aufgenommen wird, denn wir sind über alle über sie miteinander verbunden- nicht nur in Deutschland, sondern über die kulturellen Leistungen nach Europa und die ganze Welt. Kultur ist immer ein Austausch und eine Abgrenzung, ein finden von Gemeinsamkeiten und Trennendem, eine Form der Auseinandersetzung und Annäherung, und die Entstehung und Begründung von einer Gemeinschaft, die Hinterfragung von Werten und Vorstellungen und auch ihre Bestätigung.
Somit war die Kultur Teil der Findung eines gemeinsamen Staates, gemeinsamer Vorstellungen- und hat auch recht unterschiedliches über anderes miteinander verbunden. Somit ist Kultur, im weiteren Sinne wie in diesem Essay, nicht nur ein Ziel des Staates, sondern eines der wichtigen Elemente, die diesen Staat zusammenhält.
Somit ist es auch Aufgabe des Staates die Kultur zu fördern, den Austausch und die Kommunikation, und zwar in den vielen, unterschiedlichen Formen und Möglichkeiten. Dazu gehört eben auch die Kunst oder die schönen Künste, aber eben nicht nur diese künstlerischen Ausdrucksformen- sondern mehr.
Da wäre es doch schön, wenn man das als Staatsziel aufnehmen würde. Wobei, ein etwas höherer Etat für die Kultur wäre eigentlich noch besser.

Montag, 27. Oktober 2008

Eine lange Pilgerreise

Schreiben ist eine Pilgerreise, manchmal...

Schon vor Tagen habe ich die Pyrenäen hinter mir gelassen, und bin nun auf dem Weg von Burgos in Richtung Santiago de Compostella. Vielleicht ist es seltsam, wenn die rhetorischen Füße so einiges an Hornhaut aufgenommen haben, aber wenn die metaphorischen Lungen einmal die schafsgeruchgetränkte Luft in den hohen Gebirgen aufgenommen haben, die Adler gesehen habe, und so manche verirrten Wolf, dass der gerade Weg nun fast schwieriger erscheint, als der Weg durch die Berge.
Denn wenn ein Ziel so hoch ist, dann erscheint es so unüberwindlich, manchmal, so unvorstellbar, dass es ein leichtes ist sich zu motivieren- solange man an den größten und ehrlichsten Ritter der spanischen Welt denkt. Diese Berge sind meine Donquijoterien gewesen. Auf meinem treuen Manuskripten bin ich hinaufgeritten, und habe mich immer wieder gefragt, ob ich Don Quijote, Sancho Pansa oder Rosinante bin- für meinen Autorenpartner war ich all das, für mich aber auch.
Ein Berg ist ein Berg, ist ein Berg, und irgendwo dort schlafen die Vorfahren, wie wir wissen, um dereinst aufzustehen, wenn die Not am größten ist. Vielleicht habe ich sie deshalb bei meinem Abstieg so zu mir sprechen lassen, die großen Schlafenden, denen man sich nur noch über das Papier annähern kann. Ich habe noch einmal Gottfried Benn zugehört, auch Max Frisch, Ingeborg Bachmann sowieso, und vielen anderen.
Und die Stille der Pilgereise ansich, die war es, die es mir überhaupt ermöglicht hat diese große Schlafenden zu verstehen, zumindest soweit ich kann und will.

Nach dem Abstieg begann dann der lange Weg, der keine großen Ziele mehr hat, keine großen Berge oder Windmühlen. Für die meisten wäre es eine Erleichterung sich nicht mehr an den Bergen messen zu müssen, an ihnen arbeiten zu müssen. Für einen Don Quijote/ Sancho Pansa/ Rosinante ist es natürlich schwieriger.
Denn wenn nur noch der Weg selber die Prüfung ist, keine Drachen, keine schwarzen Ritter mehr waren, von scheußlich gemeinen Herbergen einmal abgesehen, dann wird man auf sich selber zurückgeworfen. Und das ist schwierig, wenn man Don Quijote ist, zumindest manchmal.
Meine Beine sind abgelaufen, dumpf geworden, und ich weiß, dass der Weg noch viele Tage andauern wird. Mein lieber Begleiter hat einen eigenen Weg gewählt, den er gehen muss, in seinem Tempo, so wie ich meinen Weg gehen muss, in meinem Tempo.
Morgens erscheinen die Kilometer kurz, mit dem weichenden Licht verlängern sich die Wege und Schatten. Und auch wenn die Ängste längst fort sind, und einem selbstsicheren Gang gewichen sind, soweit die Blasen zwischen den Hornhauschichten das zulassen, dann schreite ich Schritt für Schritt voran. Und fürchte nur, dass der Weg ein wenig lang gewählt war, und das ich irgendwann im Schatten vielleicht noch meinen Weg verliere.

Nun, heute ist es nicht so weit. Heute sehe ich die Herberge vor mir und spreche mir Mut zu. Wie ich generell viel mit mir selber rede, derzeit, während ich langsam den Weg vor meinen Augen ausbreite, und mir Santiago de Compostella vorstelle. Ich werde dorthin gelangen.

Sonntag, 26. Oktober 2008

"Scheiße, ich schalte um."

Hilmar Klute hat für die Süddeutsche Zeitung ein Gespräch mit dem schweizer Autor und Drehbuchautor Charles Lewinsky geführt, das heute unter dem schönen Titel "Scheiße, ich schalte um." erschienen ist.
In diesem Interview geht es um die Frage, ob das Sendungskonzept von öffentlich-rechtlichen und privaten Sendern das gleiche ist (ist es natürlich nicht), warum die Degeto (eine öffentlich-rechtliche Tochter, die Sendungen produziert und einkauft) ein Problem darstellt, warum Shakespeare sich nicht als Sendungskonzept taugt (weil es bei einem Stück die Woche gerade bis Mitte nächsten Jahres reicht), und warum die Supernanny gar nicht das Problem ist, und warum Beamtentum und Riskio sich ein wenig ausschließen.
Wer Lust hat sich über das Programm zu streiten, dass uns heute im TV serviert wird, hier einige interessante Einblicke aus Sicht eines Programmmachers entdecken.

Übung zum Schreiben

Das Exzerpt

Das Exzerpt wird meistens bei wissenschaftlichen Arbeiten verwendet, um die wichtigsten Gedanken und Leitlinien eines Textes herauszuarbeiten, diese zu ordnen und klarzustellen. Im Prinzip handelt es sich also um eine strukturierte Zusammenfassung, die dem eigentlichen Text folgt, und Zitate und Textelemente des fremden Textes verwendet. Im eigentlichen Sinne handelt es sich um eine Technik um einen fremden Text sich anzueignen und ihn aufzuberiten, seine eigenen Gedanken bei der Bearbeitung zu ergänzen und zu strukturieren.

Das Exzerpt ist aber auch eine wunderbare Übung, um sich einen bestehenden literarischen Text zu erarbeiten. Das eigentliche Ziel ist es dem ursprünglichen Text zu folgen, und seine wichtigsten Eigenschaften (im Sinne von Rhythmus, Textfluss, Art der Formulierungen, rhetorische Figuren, Beschreibungen) beizubehalten, während gleichzeitig der Text um eine festgelegte Anzahl von Wörtern ausgekürzt wird.
Um das Anhand eines Beispiels zu verdeutlichen:

Charlotte Bronte: Jane Eyre (zitiert nach Projekt Gutenberg)

Kapitel 1

Es war ganz unmöglich, an diesem Tage einen Spaziergang zu machen. Am Morgen waren wir allerdings während einer ganzen Stunde in den blätterlosen, jungen Anpflanzungen umhergewandert; aber seit dem Mittagessen – Mrs. Reed speiste stets zu früher Stunde, wenn keine Gäste zugegen waren – hatte der kalte Winterwind so düstere, schwere Wolken und einen so durchdringenden Regen heraufgeweht, daß von weiterer Bewegung in frischer Luft nicht mehr die Rede sein konnte.

Ich war von Herzen froh darüber: lange Spaziergänge, besonders an frostigen Nachmittagen, waren mir stets zuwider: – ein Greuel war es mir, in der rauhen Dämmerstunde nach Hause zu kommen, mit fast erfrorenen Händen und Füßen, – mit einem Herzen, das durch das Schelten Bessie's, der Kinderwärterin, bis zum Brechen schwer war, – gedemütigt durch das Bewußtsein, physisch so tief unter Eliza, John und Georgina Reed zu stehen.

Die soeben erwähnten Eliza, John und Georgina hatten sich in diesem Augenblick im Salon um ihre Mama versammelt: diese ruhte auf einem Sofa in der Nähe des Kamins und umgeben von ihren Lieblingen, die zufälligerweise in diesem Moment weder zankten noch schrieen, sah sie vollkommen glücklich aus. Mich hatte sie davon dispensiert, mich der Gruppe anzuschließen, indem sie sagte, daß es sie tief unglücklich mache, gezwungen zu sein, mich fern zu halten; daß sie mich aber von Vorrechten ausschließen müsse, zu deren Genuß nur zufriedene, glückliche, kleine Kinder berechtigt seien, und daß sie mir erst verzeihen würde, wenn sie sowohl durch eigene Wahrnehmung wie durch Bessie's Worte zu der Überzeugung gelangt sein würde, daß ich in allem Ernst versuche, mir anziehendere und freundlichere Manieren, einen kindlicheren, geselligeren Charakter – ein leichteres, offenherzigeres, natürlicheres Benehmen anzueignen.

(Insgesamt: 268 Wörter ohne Überschrift)

Exzerpt 20% also maximal 215 Wörter (plus/minus 5). Hier 217 Wörter

Es war ganz unmöglich, an diesem Tage einen Spaziergang zu machen. Am Morgen waren wir allerdings eine ganzen Stunde umhergewandert; aber seit dem Mittagessen – Mrs. Reed speiste stets früh, wenn keine Gäste zugegen waren – hatte der Winterwind so düstere, schwere Wolken und einen so durchdringenden Regen heraufgeweht, daß davon abzusehen war.

Ich war von Herzen froh darüber: lange Spaziergänge, besonders an frostigen Nachmittagen, waren mir stets zuwider: – ein Greuel war es mir, in der rauhen Dämmerstunde nach Hause zu kommen, mit fast erfrorenen Händen und Füßen, – mit einem Herzen, das durch das Schelten Bessie's, der Kinderwärterin, bis zum Brechen schwer war, – gedemütigt durch das Bewußtsein, physisch so tief unter Eliza, John und Georgina Reed zu stehen.

Die soeben erwähnten hatten sich im Salon um ihre glückliche Mama versammelt: diese ruhte auf einem Sofa in der Nähe des Kamins und umgeben von ihren Lieblingen. Mich hatte sie davon dispensiert, indem sie sagte, daß es sie tief unglücklich mache mich fern zu halten; daß sie mich aber von Vorrechten ausschließen müsse, zu deren Genuß nur zufriedene, glückliche, kleine Kinder berechtigt seien, und daß sie mir erst verzeihen würde, wenn sie selber und durch Bessie's Worte zu der Überzeugung gelangt sein würde, daß ich versuche mir anziehendere Manieren anzueignen, einen kindlicheren, geselligeren Charakter und ein leichteres, offenherzigeres und natürlicheres Benehmen.

Beim diesem Exzerpt geht es nicht darum, ob ich zu 100% dem obigen Anspruch gefolgt bin. Es geht darum einen Text zu untersuchen und dabei zu überlegen, was für diesen Text unbedingt notwendig ist: nicht in dem Sinne, dass alles davon als Information unabdingbar ist, sondern was für den literarischen Text notwendig ist. Deshalb habe ich die zweite Passage auch so wenig ausgekürzt, weil sie für den gesamten Roman so wichtig ist, mit ihren Informationen, ihrem Klang an Tempo. Dagegen erscheint die erste Passage ein wenig stärker auskürzbar, genau wie die Dritte- weil hier vieles sehr gelungenes Beiwerk ist, was aber nicht unbedingt notwendig ist. Gleichzeitig ist es wichtig eben beim Kürzen die Geschichte nicht grundlegend zu verändern, sondern dem Text zu folgen.
Somit ist das Exzerpt eine wunderbare Möglichkeit die Zusammenhänge eines Textes nachzuvollziehen, den persönlichen Stil zu erkennen, und wie der Autor arbeitet: Denn genau dies ist notwendig (auch wenn das nicht immer gelingt), um so zu kürzen, dass der ursprüngliche Text im Exzerpt erhalten bleibt.
Deshalb ist es auch besonders spannend sehr gelungene oder nicht gelungene Stellen in einem Roman so zu bearbeiten, weil es eine gute Schulung für das Auge ist, was an dieser Stelle notwendig ist und was nicht, wo etwas fehlt, oder wo zu viel gefüllt wurde.

Oder anders gesagt: Um einen Autor wirklich kennenzulernen, gerade als anderer Autor, ist das Exzerpt gerade am Anfang ein sehr interessanter Weg.

Freitag, 24. Oktober 2008

Das ZDF feuert Elke Heidenreich...

Es gibt eine Eigenschaft, die ich an Menschen sehr bewundere. Das ist die Konsequenz zu den eigenen Entscheidungen zu stehen, gerade wenn sie schwierig sind. Und Loyalität. Ich habe den Kommentar in der FAZ von Elke Heidenreich gelesen und fand ihn richtig und konsequent. Gestern hat das Handelsblatt gemeldet, dass das ZDF sie gefeuert.

Das Verhalten von Marcel Reich-Ranicki fand ich in der Zusammenstellung, Wut, Pose, Posse mit dickem Geldbeutel ziemlich peinlich. Sein folgender Kommentar zu Elke Heidenreich, siehe hier, war dann noch peinlicher. Thomas Gottschalk hat eine gewisse Größe bewiesen, indem er sich selber ausgeladen hat, nachdem er mit dem Verweis auf "Tod eines Kritikers" nicht mal mehr eine Nase aus dem Gulli halten konnte.
Das ZDF hat es nicht: Das meiste was Elke Heidenreich gesagt hat, hat sie vorher dem ZDF gesagt, über die Kanäle des ZDF oder in Zeitungen geschrieben, vor dem FAZ-Artikel.
Deshalb ist der Rauswurf jetzt ein wenig unverständlich, vor allem in der Form des sofortigen Rauswurfs, wenn auch insgesamt nachvollziehbar. Denn es gibt einen Unterschied: wenn man sich für einen Sender schämt, dann sollte man dafür vielleicht nicht arbeiten oder wie die Simpsons genug Subversivität mitbringen (siehe die Kommentare dort zum ausstrahlenden Sender).
Und natürlich ist jemand unerträglich, der mit den Zähnen auch mal in die Hand beisst, die ihn füttert- vor allem wenn man die Hand ist. Aber vielleicht gibt es Menschen, die das manchmal tun müssen, wenn sie es für richtig halten. Nur kriechen und schleimen macht Menschen zu Schnecken. Und nicht alle meinen, dass das ihre Lebensform sein muss, damit andere ihnen schöne Blätter zustecken.

Inzwischen protestieren die Verlage, siehe hier die Süddeutsche, (Danke an Petra, die in ihrem Blog darauf hingewiesen hat)damit die Sendung "Lesen!" weiterlaufen kann. Aber es wird wohl nicht passieren.
Somit wird das ZDF eine Kultursendung verlieren, die für viele Zuschaue, Verlage und Autoren interessant war- und somit auch für das ZDF. Das ZDF wird um eine interessante Sendung ärmer und wie die neue wird, ist unklar- denn ob sie Elke Heidenreichs Stammzuschauer mitnehmen kann, bleibt fraglich. Dafür ist eine kritische Stimme in den eigenen Reihen verstummt- und andere werden lieber schweigen.
Elke Heidenreich ist ihre Stelle verloren und einen langen Kampf, damit ihre Sendung eine bessere Chance bekommt. Die Verlage und Autoren verlieren eine erfolgreiche Sendung zum Thema Bücher, auch wenn sie umstritten war. Und die Zuschauer verlieren etwas, Marcel Reich-Ranicki etwas von seinem Ruf (zumindest vorerst), und Thomas Gottschalk so einiges.

Insgesamt hat das alles das Niveau von Vaterschaftstests bei Oliver Geißen: viel Öffentlichkeit, viel Geschrei, viel Lärm, und am Ende ist durch persönliche Beleidigungen und Verletzungen so viel Geschirr zerschlagen, auf allen Schau- und Nebenschauplätzen, dass das Ergebnis eigentlich unwichtig ist. Denn egal ob Vater oder nicht, die persönlichen Beleidigungen und Verletzungen bleiben, und die Erinnerung, dass die Öffentlichkeit dabei war. Schade nur, dass Elke Heidenreich mitten drin stand.

Mittwoch, 22. Oktober 2008

Erstsemester...

Regelmäßige Leser meines Blogs haben wohl schon mitbekommen, dass sich mein Studium langsam seinem Ende nähert. Morgen werde ich mich zum zweiten Teil des ersten Staatsexamens anmelden, also den Klausuren und mündlichen Prüfungen- und deshalb bin ich seit Wochen ständig an der Uni oder erledige allerlei Krempel, der für diese Anmeldung notwendig ist. (Und ja, ich habe wie immer vieles schleifen lassen und zu lange gewartet).
Als Lehramtsstudent gibt es mich seit dem 01.10.2008 nicht mehr, da die Uni Bonn Lehramtsstudenten die Rückmeldungen bzw. Matrikulation nicht mehr erlaubt. Deshalb kann ich heute verkünden, dass ich nun das dritte Mal Erstsemester bin- im auslaufenden Magisterstudiengang. Was tut man nicht alles, um noch in die Universitätsbibliothek zu kommen, den Fahrschein zu haben und vieles mehr. Aber hey, Erstsemester. Hört sich doch jung und dynamisch an

(Ach ja- deshalb nicht wundern, wenn ich im Moment manchmal etwas gestresst bin oder lange brauche um auf Mails zu antworten...)

Dienstag, 21. Oktober 2008

Literatur für den Bauch oder hat Julien Gracq Recht

Ich greife mal auf den Essay von Felix Philipp Ingold zurück, weil mich dort die Aussagen von Julien Gracq interessieren. Also ein paar lose Gedanken dazu:
Wie Petra schon kritisch bemerkt hat, ist der Magen nun nicht gerade ein Denkorgan des Körper und somit anscheinend ungeeignet, um ihn in einem Essay über Literaturkritik zu verwenden. Julien Gracq legt diesem Begriff aber eine Bedeutung über das Umgangssprachliche hinaus, dass den Bauch nur als Umschreibung für das Gefühl verwendet. Gracq sieht in seinem Essay im Bauch vor allem den hohlen, aufgeblähten Bauch der Ideologie, der 1950 in Frankreich durchaus von der Literaturkritik eingefordert wurde, genau wie eine Literatur der Lebensnähe und Werthaltigkeit (wobei dies zu diesem Zeitpunkt sowohl die eine, als auch die andere Richtung kritisierte). Gleichzeitig erweitert er in seinem Essay und weiteren Texten diese Form der Literatur den Bauch um weitere Kategorien, die sich direkt auf den Bauch beziehen: Bekömmlichkeit, leichte Verdauung und positive Gefühle (Spannung, Unterhaltung, Aufklärung...). All dies kann auch durch andere Textarten als den Roman geleistet werden, und benötigt nicht die Kunst. (Wobei anzumerken ist, dass Gracq ein von Jünger inspirierter Surrealist war.)

Wenn man unter dieser Prämisse einmal die Literatur ansieht, wird es wirklich interessant. Denn natürlich wird auch heute noch Literatur verlangt, die eine Wirklichkeit abbildet und bestimmte Dinge vermitteln solt. Wie könnte man sonst über den diesjährigen Preisträger der Buchmesse sagen, dass sein Werk eine ganze Reihe der sogenannten Wendeliteratur unnötig machen würde. Wie könnte man sonst den Wunsch vieler Autoren betrachten, ihre Texte an einer Handvoll von Autoren zu orientieren, die in einer reduzierten Sprache gerade eine besondere poetische Kraft suchen, die sie auf das Thema übertragen. Das dies in einer Zeit des Marketings nun auch spannend, unterhaltsam und aufklärend sein soll, möglichst leicht verdaulich, aber auch nicht zu leicht verdaulich... klar.
Nun, das sprachliche Experiment als Basis des Textes, die Hinterfragung der eigenen Texte als eigene Textebene, die Zerlegung der eigenen Texte oder die Gestaltung von Textcollagen war in den 80er ein großes Thema und hat die Literatur bereichert. Denn diese Art von Texten hat u.a. zu einer vielfältigen Gegenbewegung geführt, zu der sowohl die Popliteratur, die literarischen Krimis (U- Rahmen für anspruchsvolle Themen) und andere, moderne Richtungen geführt. Gerade weil eine solch experimentelle Literatur letztlich sich ohne gezielte Ausrichtung oft in der Undeutlichkeit verloren hat und der selbstreferenziellen und zitierenden Bedeutungslosigkeit- denn ein Roman ist ein auf Handwerk aufgerichtetes Kunstwerk, dass nur schwer ohne das grundlegende Handwerk funktioniert. Gleichzeitig funktioniert das Handwerk nur bedingt für diese Literatur, wenn die darüberliegende Ebene des Kunstwerks fehlt.

Poetische Kraft, wie oben erwähnt, entsteht einerseits durch eine Reduktion der Sprache, wie auch durch ihre Entfaltung, gleichzeitig aber auch durch die Gestaltung von Sprache und ihren Einsatz in einem Text.
Nun, die Entscheidung vieler Autoren zu einer wenig komplexern Sprache, zu einer reduzierten Sprache bedeutet an sich nichts, wenn dies an einer anderen Stelle mit Poetik gearbeitet wird. Nur habe ich in den letzten Jahren wenig Texte gelesen, die über eine inneliegende Poetik verfügten, über eine kraftvolle (ob nun reduziert oder entfaltete) Sprache oder Stimme, deren Gedankenwelt weit über das übliche hinausgeht. Aber gerade solche Texte haben mich teilweise sehr berührt. Vielleicht ist das die Antwort auf Gracq: Wichtig ist die poetische Kraft eines Textes, seine Gedankenwelt, alles andere in einem Text muss diesem dienen und darf ihm nicht schaden.

Ideologie, übrigens, schadet einem Text. Denn poetische Kraft entsteht aus der Überwindung der eigenen Ideologie, weil Ideologie immer für alles Lösungen hat, auch für Fragen, die noch nicht gestellt sind. Aber Fragen haben eine eigene poetische Kraft in sich, und die Suche nach einer Antwort, nicht einmal das finden der Antwort, kann einen Text stark machen... wenn die Suche nach der Antwort stark gestaltet ist, durch poetische Kraft. Oder anders gesagt: Die Reise und die Suche ist der Königsweg, nicht das ankommen, außer, das ist kein wirkliches ankommen, sondern eine neue Reise. Ist doch ganz einfach, oder??

Eine interessantes Gespräch, Herr Gracq...

Da ist die Rente sicher.... Marcel Reich Ranicki und die Telekom

In der Süddeutschen Zeitung gibt es heute einen Artikel über Marcel Reich-Ranicki, der Teile seiner Preisrede für eine Werbung für die Deutsche Telekom verkauft haben soll, genauer gesagt für deren Digitalfernsehen.
Diese Diskussion ist wohl beendet, da die Wut durch die Werbeverwertung zur Pose wird, vielleicht sogar zur Posse. Schade....
Ich habe Marcel Reich-Ranicki immer viel zugetraut, das aber nicht. So kann ich Marcel Reich-Ranicki nur empfehlen es wie Gottschalk zu machen: das nächste Mal lächeln, den Preis annehmen und dabei Gummibärchen naschen. Das schadet auch nicht so dem Ruf. Immerhin scheint hier die Rente sicher...

Ergänzung: Jede Menge Zeitungen berichten über diese Situation, darunter die Kölnische Rundschau, die in einem Artikel von einer "einmaligen Zusammenarbeit" mit T-Home berichtet und der Tagesspiegel, der einen interessanten Artikel dazu hat..
Wobei man eines nicht vergessen sollte: Marcel Reich-Ranicki ist nicht das erste Mal in Sachen Telekomwerbung unterwegs, siehe hier (Das Bild stammt aus off the record, wo man auf Marcel Reich-Ranicki und seine Telekomwerbung verweist).

Ergänzung 2: Wie Petra in ihrem Blog hinweist, meldet gerade der Merkur, dass es sich bei der Werbung um ein bezahltes Missverständnis handelt: Marcel Reich-Ranicki gäbe an, dass T-Home ihm etwas "undeutlich" gesagt habe, um was es bei der bezahlten Werbung ginge. Er ergänzt auch, dass er nicht das Fernsehen im Allgemeinen kritisiert habe, sondern nur die Fernsehpreisgala.
Somit stellen sich ganz neue Fragen: Warum wollte Marcel Reich-Ranicki mit Gottschalk und den Intendanten reden, wenn es nur um einen "schlecht gemachten" Fernsehpreis ging? Warum macht er Werbung und lässt diese sich bezahlen, wenn er nicht weiß, worum es in dieser Werbung geht?

Fazit: Fernsehen o.k., Marcel Reich-Ranicki o.k. (war nur ein Missverständnis), Intendanten o.k., Werbung irgendwie auch o.k. (wird sich nicht wiederholen) und Geldbeutel mehr als o.k..

Literaturkritik

Der Perlentaucher hat in den letzten Jahren ein wenig die Aufgabe übernommen, einerseits die Diskussionen im Feuillton einander zuzuordnen, und auch immer wieder interessante Diskussionen zu starten. (Übrigens hat Petra heute in ihrem Blog auch etwas dazu geschrieben, mal wieder viel früher als ich...)

Felix Philipp Ingold hat in einem Essay "Niederträchtige Toleranz" eine weitere Diskussion über die Literaturkritik gestartet, bei der er mit Schopenhauers "Über Schriftstellerei und Stil" beginnt, und damit zeigt, wie wenig die Zeit brillanten Gedanken anhaben kann.
Ingold beginnt mit einer kurzen Bestandsaufnahme über die Situation der Literaturkritik. Das Feuillton ist sich seiner unsicheren Stellung bewusst, da die meisten Menschen eben nicht mehr von dort etwas über die Neuerungen in der Literatur erfahren. Diese Funktion haben inzwischen die Marketingabteilungen der Verlage übernommen, und sie bedienen sich dabei der Literaturkritik mit der Verwendung von Kurzzitaten oder Blurbs. Und auch die Literaturkritik dient sich diesen Marketingabteilungen an, indem sie die Bücher passgenau zu deren Veröffentlichungsdatum bespricht, auch wenn sie damit oft genug dem Kritiker zu wenig Zeit geben, um sich in die oft komplexen Sachverhalte eines Romans einzuarbeiten.
Eine andere bedenkliche Entwicklung, so Ingold, sei, dass die meisten Kritiker sich nicht mehr textorientiert mittels klaren, literaturwissenschaftliche Kriterien dem Text annähern und das die Form keine Rolle mehr in der Kritik spielt.
Statt dessen, wie Ingold in einer subjektive Bestandaufnahme aufzeigt, versuchen einige Kritiker den Roman zu kritisieren, als müssten die Autoren ihre Romane nach den Erwartungen und Ansprüchen der normalen Leser gestalten- was alles experimentelles ausschließt. Andere sind auf der Suche nach Märchen, Verwunderung, also der Erschütterung als notwendigen Inhalt des Romans, wieder andere versuchen einen Autor zu fassen, indem sie ihn in eine andere Autorschublade hineinvergleichen, bis der Autor dazwischen klemmt, und noch andere verwenden Metaphern, weil sich eine Kritik damit viel besser anhört, auch wenn man nicht viel zu sagen hat.

Ebenfalls im Perlentaucher antwortet ihm Beatrix Langner mit ihrem Essay "Kritik und Werbung? Markt und Meinung!", wobei sie auch eine Institution in den Ring ruft, H.M. Enzensberger. Nicht ganz zu unrecht hat Enzensberger 1968 gesagt, dass eine Literaturkritik, die nur nach dem Experimentellen sucht, letztlich überholt sei, weil das Experimentelle längst Teil der Normalität geworden ist. Die logische Folge sei, so Enzensberger, dass eine Literaturkritik gar nicht mehr erwünscht sei, die mehr als nur ein Geschmacksurteil bilde. Letztlich, so Langner, wird niemand den Abschied der Ideologie aus der Literaturkritik beklagen.
In einer sehr interessanten Passage trennt Langner zwischen Literaturkritikern und Kulturjournalisten, wobei die ersten eine Aufgabe für die Literatur, und die anderen für die Vermarktung derselben haben, und für den neudeutschen Event. Dabei versucht Langner die Funktion der Literaturkritik in der Abgrenzung zu suchen, sich über die Abgrenzung dieser anzunähern.
Letztlich sieht sie in der Literaturkritik, vor allem bei der interpretierenden Literaturkritik, die die Texte sezierte, untersuchte, bewertete, einordnete und interpretiert, eine Verbeugung des Intellekts vor der Würde des Originalswerks. Und genau das ist es auch, was sie an der momentanen Literaturkritik vermisst. Den Versuch sich einem Werk anzunähern, indem man es wagt sich einzulassen und dabei nicht seinen kritischen Haltung einzustellen.

Sonntag, 19. Oktober 2008

Dramatik und Melodramatik

Manchmal muss man über ein Problem schreiben, wenn man es noch nicht ganz greifen kann. Eine meiner hochgeschätzten Testleserinnen hat mir heute eine Anmerkung zu meinen ersten Kapiteln des Romans geschickt. In ihrer Kritik sagt sie sehr präzise, dass ich meiner Hauptfigur eine Gemengelage an Problemen zugewiesen habe, in einer starken Ausgestaltung, die unüberwindlich wirken. Ich habe halt nicht mit den vielen kleinen Katastrophen des Lebens gearbeitet, sondern durchaus auch mit den größeren.
Nun stellt sie die Frage, ob ich überhaupt für diese Probleme eine Lösung finden kann, bzw. wie ich später im Roman eine ebenso starke Lösung letztlich dieses Versprechen der Szenen einhalten kann.

Ehrlich gesagt habe ich auch einige Bedenken gerade beim letzten Teil der Szenen gehabt, dem letzten Kapitel.
Denn ich habe einen guten Plot dort an einen klaren Höhepunkt geschrieben- und weiß, dass das durchaus für einen Haupthöhepunkt reicht- wenn ich die Szenen so angelegt hätte. Und vielleicht habe ich dann noch einen Draufgesetzt.
Ich weiß nicht, ob dieser letzte Teil nicht zwei Spuren zu weit geht, und ob ich die vorherigen beiden Kapitel nicht noch etwas auskürzen muss. (Und ich habe die Kapitel schon zweimal wegen des Timing durchgekürzt).
Ich brauche aber noch einen Momant, für diese Gedanken.

Freitag, 17. Oktober 2008

Eine seltsame Begegnung in der Nacht...

Nun, vielleicht braucht man manchmal eine durchwachte Nacht, in der der Schlaf so weit von einem entfernt ist, so dass die Gedanken eine besondere Schwere bekommen. Ich habe also den Vollmond beobachtet, (o.k. ich war wieder einen Tag zu spät), und habe mir allerlei Gedanken gemacht- und diesmal keine Zweifel.
Vielleicht liegt es daran, dass ich gerade mit einem solchen Vergnügen schreibe, vielleicht auch daran, dass immer noch nicht klar ist, wie es im nächsten Jahr mit mir weitergehen wird, so rein beruflich...

Ich habe festgestellt (mal wieder), dass ich es nächstes Jahr sehr ernsthaft mit dem professionellen Schreiben versuchen werde, und ich natürlich bis dahin noch ein paar Dinge zu regeln und klären habe- darunter auch der notwendige Brotberuf als Halbtagsstelle. Wobei ich noch eine ziemlich verrückte Idee zu dem Halbtagsjob habe, was ich im Verlaufe der nächsten Monate klären werde.
Und ja, ich werde auch an ein paar Wettbewerben bis dahin teilnehmen. Weil ich Lust darauf habe- und ich werde sogar endlich ein paar Geschichten an Literaturzeitungen schicken, die es längst verdient hätten. Schauen wir mal.

Donnerstag, 16. Oktober 2008

Einige seltsame Gedanken zum heutigen Post...

Vielleicht liegt es daran, dass ich gerade eine Pause an meinem "Hauptmanuskript" mache, weil ich an einer entscheidenden Stelle hänge. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich gerade voller Freude an einem anderen Text arbeite, der sich gerade aus einem interessanten Anfang aus entfaltet- und ich das Gefühl habe die Probleme der ersten Version dieses Textes zu erkennen und wo ich andere Wege gehen muss.
Auf jeden Fall liegt es daran, dass ich im Moment merke, wie ich einen Text langsam während des Schreibens entfalte und dabei aus den vorhandenen Anlage erkennen, was es für ein Text werden könnte- und was ich ändern muss, damit ich mir mehr und vielfältige Möglichkeiten anlege- und dabei weiß, wie es den Text beeinflussen wird.
Was übrigens ein ganz anderes Gefühl ist, als das, was ich vor einem Jahr noch empfunden habe. Damals hatte ich eine Idee zu dieser Geschichte, aber noch keine Vorstellung, wie es nach dem guten Anfang weitergehen könnte. Inzwischen habe ich aber gelernt, scheinbar, anscheinend, dass ich eigentlich viel mehr weiß, als ich das Gefühl habe zu wissen, und das ich meine Geschichte inzwischen im Griff habe.

Offensichtlich muss ich manchmal eine Geschichte liegen lassen, wenn ich nicht weiterkomme, wenn auch nur noch für Wochen. Und dann entdecke ich in meinem Text all das, was ich für diesen Text brauche und finde darin angelegtes, bewusst und unbewusst, was letztlich bestimmt, wohin der Text weiterführt.
Nun wird immer wieder gesagt, dass man so nicht professionell arbeitet: Denn nur ein Plan und Muster sind wiederholbar- und genau das will ich gar nicht. Denn ich will nicht wiederholen, ich will suchen und gestalten. Und das mache ich aus den Figuren, und aus den Inhalten.

Vielleicht werde ich mit dieser Haltung bald wieder auf die Schnauze fallen. Aber ich glaube das es nur mal ein Stolpern sein wird, wie bei den momentanen Probleme mit dem "Hauptmanuskript" und einer kleinen Blockade. Denn inzwischen habe ich eine Selbstsicherheit in mein Schreiben und meine Texte erlangt, an der nicht mal ich wirklich zweifeln kann. Ich habe nicht nur meinen Spaß am Schreiben wieder gefunden, sondern dabei auch entdeckt, dass Schreiben eigentlich die schönste Sache der Welt ist.

Ich muss mich übrigens immer beim Thema Plotten dran erinnern, wie ich mal einen Roman geplottet habe: Der Plot wurde immer ausgefeilter, jede Woche, ich hatte einige tolle Szenen geschrieben, nur leider dann keine Lust die geplotten Szenen noch zu schreiben. Ich wusste doch schon, wie es ausging. Langweilig. Muster über Muster, und immer die gleichen. Da bin ich lieber Anarchist und Bauschreiber.

Mittwoch, 15. Oktober 2008

Kein Plot oder nur ein Satz- wie funktioniert das...

Ich schreibe alle meine Kurzgeschichten ohne Plot, weil ich während des Schreibens plotte. Eine notwendige Recherche gehört für mich dazu, wenn ich aus der Grundidee z.B. "Sippenhaft" eine Geschichte gestalten möchte- was ich aber davon nehme, merke ich beim Schreiben, wo ich dann manche Fakten, die sich beim Schreiben ergeben, nachrecheriere. Die Basis der Geschichte ist immer der erste Satz, der die Geschichte dominiert, und der letzte geschriebene Satz. Ich plotte also nicht, sondern habe eine Grundidee, zu der ich eine Figur suche und dann geht es los.
Fast alle Kurzgeschichten oder Erzählen schreibe ich übrigens in der Erstfassung runter, korrigiere zweimal nach und bin dann fertig. (Gelegentlich überarbeite ich jedoch 6 Monate später nah).

Bei der Arbeit an meinen Romanmanuskript war diese Vorgehensweise sehr problematisch und hat zu vielen Problemen geführt- ich verweise mal darauf, dass ich immer wieder ganze Kapitel oder auch in größerem Umfang bis 100 Seiten gekürzt habe. Inzwischen habe ich das im Begriff: ich verliere manchmal noch 4-5 Seiten, aber ich überlege mir inzwischen vor einer Szene, ob diese taugen wird und gehe es kurz beim denken durch, dann noch einmal nach einer Seite, zwei Seiten. Es funktioniert für mich.
Ich habe inzwischen auch einen "Plot", der letztlich in ein, zwei Sätzen die weitere Romanrichtung vorwegnimmt- in meinem aktuellen Manuskripten als Bsp.: Die Figur reist zu ihrem Vater, um die Probleme zu klären; Figur gerät in einen mysteriösen Mordfall. Dazu kommen ein paar Einfälle, die jedoch unkonkret sind und entweder hineinkommen können, oder eben nicht. Diese verändern sich enorm während des Schreibens.
Meine Geschichten sind trotzdem komplex, teilweise sehr komplex, dafür brauche ich jedoch keine Vorplanung, weil ich danach suche, was in der bisherigen Geschichte drin ist, und dadurch Komplexität schaffe und weiteres mit hinein nehme.

Ob man damit professionell arbeiten kann: Man kann, aber es erfordert viel Übung und genug Ruhe über Jahre viel Material wegzuwerfen, wenn es dann mal nicht klappt. Es erfordert viel Arbeit an der inneren Stimme- also der Entwicklung von Erfahrung in vielen Bereichen, die zuverlässig sagt: Taugt oder taugt nicht.

Dienstag, 14. Oktober 2008

Warum MRR recht hat...

Die Relevanz eines Mediums ergibt sich nicht aus seiner Quote/ seinem Marktwert, sondern aus seiner Bedeutung. Diese recht einfache Tatsache wird leider immer wieder unterschlagen, vor allem wenn man sein Geld mit einem Medium verdient.

Die Musikindustrie hat vor einigen Jahren begonnen ihr Geschäftsmodell auf wenige Künstler umzustellen, die möglichst einfach international zu vermarkten sind. Typen waren nicht mehr gefragt, Easylistening (oder "Fahrstuhlmusik") aber schon. Eine Musik, die einen täglich umgibt, von den Radios in permanenter Wiederholung gespielt wird ohne jemals zu stören (weil sie möglichst einfach ist), wird teil des Alltags- wenn man nicht gerade furchtbar genervt von dieser Lärmbelästigung ist. Dann hat die Musikindustrie ihre Mastertapes herausgegeben, indem sie die CD zugelassen hat- und über das Internet wurde dann die Musik verfügbar. Zuerst übrigens ein Phänomen gerade dieser international zu vermarktenden Künstler, dann griff es auch in andere Bereiche über. Denn Musik war Alltagslärm und hatte nicht mehr ihren eigenen Platz im Leben- wer setzt sich denn heute noch hin, um nur Musik zu hören??
In der Fernsehbranche gibt es eine ähnliche Entwicklung. Fernsehen war zuerst etwas besonderes und hatte seinen eigenen Raum im Medienkonsum und Leben. Nach und nach wurde jedoch immer mehr auf Sendungen gesetzt, die leicht zu konsumieren sind und somit Hintergrundtauglich- übrigens einer der Gründe, warum die Quote bei solchen Sendungen immer verhältnismäßig hoch ist. Denn wenn ich nicht zuhören und zusehen muss, sondern auch mal etwas anderes machen kann, ohne etwas wichtiges zu verpassen, dann wird auch der Fernseher zum Hintergrund. Und Hintergrund ist Quote.
Sendungen, die den Zuschauer fordern, haben in den letzten Jahren deshalb auch schwere Probleme- weil die Zuschauer das nicht gewohnt sind. Deshalb haben übrigens alle Fernsehsender generell Probleme, weil viele junge Zuschauer lieber Clips bei Youtube schauen, als ähnlich niveauvolles Fernsehen bei den öffentlichen und privaten Sendern. (Deshalb reicht inzwischen auch ein Serienteil, um eine Serie zu verdammen...)
Und auch in der Buchbranche gibt es seit vielen Jahren die Bewegung hin zu bestimmten Bestsellerautoren, zu Unterhaltungsliteratur und Buchhandelsketten. Bücher müssen inzwischen leicht sein, leicht im Sinne von leicht konsumierbar, weil die Menschen das von den anderen Medien gewohnt sind- und weil sie keine Anstrengung aufbringen wollen, um sich mit einem Buch zu beschäftigen. Und es ist viel einfacher einen Bestseller zu bewerben, und darauf zu zielen, als den Lesern eine Auswahl zu präsentieren, siehe die Bestsellerautoren.

Nun stellt sich die Frage, ob Bedeutung wirklich die Situation verändern kann?? Wenn z.B. die ARD nun ihr Programm mit anspruchsvollen Sendungen aufwertet, z.B. im Bereich Kika und im Nachmittagsprogramm, dann würden sicherlich viele Eltern ihren Kindern erlauben diese Sendungen zu sehen. Nun, das meiste Kinderprogramm wird aber von Kindern konsumiert, die schon mit sechs Jahren über einen eigenen Fernseher verfügen. Und Anspruch reicht eben nicht, um Kinder für Sendungen zu begeistern- ein gemeinsamer Medienkonsum mit den Eltern und nachfolgende Gespräche schon eher, wichtig ist aber die Interessen der Kinder zu treffen und sie für die Programme zu begeistern.
Da ist in den letzten Jahren ein wenig passiert, es gibt einige tolle Kindersendungen, aber gleichzeitig auch immer mehr Marketingprodukte, mit denen Waren an Kinder abgesetzt werden sollen. Warum werden z.B. nicht gezielt für Kinder bestimmte Jugendbücher verfilmt, bestimmte Serien gestaltet die sich z.B. an solchen Jugendbüchern organisieren- ohne dabei alles ein wenig zu plätten (siehe die Zeichentrickvariante von Momo und ähnliche). oder Dokumentation über kinderrelevante Themen. Weil das viel Geld kostet.
Gleichzeitig wäre so etwas wieder eine Investition, die Kinder an bestimmte Formate gewöhnen würde und an einen bestimmten Anspruch. Und auf die man dann später mit einem anspruchsvollen Programm aufbauen könnte. Und so bekommt das Fernsehen auch Bedeutung- weil es eben mehr als Hintergrundrauschen ist.

Im Buchbereich ist es genauso: Wenn man gezielt Kinder schon früh mit Büchern zusammenbringt, etwas, was viele Eltern nicht mehr machen, und darauf aufbaut, dann kann man Interesse an Büchern wecken, und nach und nach die wunderbaren Kinderbücher an das Kind bringen- das soll nicht zur Hochliteratur führen, aber zu den vielen, intelligenten Büchern, die es schon gibt.
Anspruch bedeutet eben nicht, dass alles möglichst schwierig und kompliziert sein muss. Aber es bedeutet, dass es nicht nur Handlung ist, was ein Buch produziert, sondern Gedanken über das Buch, Fragen weckt und andere Welten zeigt.

Deshalb hat MRR recht: Viele Medien sind gerade dabei ihre Bedeutung aufzugeben, für die Quote, und dann auch die Quote nach und nach zu verlieren, bis auf ein niedriges Niveau. Und es ist so Schade, weil die Medien sich im Prinzip ergänzen, und immer ergänzt haben. So werden die Medien zu Hintergrundgeräuschen, sie werden austauschbar und erfüllen nicht ihre Funktion als Medium, oder nur in Teilen.
Aber es wird nicht viel passieren... man wird etwas diskutieren, dann noch einmal, sich einigen, was wünschenswert ist, was realisierbar, das vielleicht kurz versuchen, es einstellen und die Diskussion in ein paar Jahren wieder aufgreifen.

Besonders schade ist aber, dass niemand sieht, welche Bedeutung diese Medien für weit mehr als die Quote haben. Für die Bildung, für die gesellschaftlichen Diskussionen und vieles mehr. Brot und Spiele reichen halt nur für eine Diktatur...

Montag, 13. Oktober 2008

Das Geheimnis der Genies

Am Samstag gab es in der Welt einen Artikel zur Hirnforschung "Das Geheimnis der Genies" von Elke Bodderas, der wieder einmal online nur unter einem anderen Titel zu finden ist: "Das Geheimnis aufsehenerregender Genialität". Dabei gab es einige interessante Punkte zu Genialität, Hochbegabung, Kreativität und mehr.

Hochbegabung:
Bodderas berichten von der Untersuchung von Lewis Terman, der 1928 eine Studie über Hochbegabung begann und 250 000 Jugendliche testete, um mehr als 1 500 Kinder mit Hochbegabung über einen Zeitraum von 50 Jahren zu beobachten. Die Ergebnisse der Studie sind jedoch kritisch zu sehen, da Terman als Mitglied einer Eugenischen Gesellschaften voreingenommen war, und seine Methodik u.a. deshalb unsauber.
Lehrer wählten z.B. die klügsten Schüler aus, dazu wurden die ältesten und jüngsten Schüler mit getestet.
Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass die Hochbegabten meist aus "gutem Hause" kamen. Hierbei ist jedoch anzumerken, dass neue Studien über Notengebung und Schulerfolgseinschätzung von Lehrern oft die soziale Herkunft der Kinder einbeziehen und das Lehrer Kinder aus Mittelschicht- und Oberschichthaushalten mehr Schulerfolg und Begabung zutrauen als Schülern aus dem Prekariat(- siehe auch die Marburger Hochbegabtenstudie).
Die meisten Kinder lagen mit der sozioökonomischen Herkunft weit über dem Mittelmaß, genau wie es besonders viele Akademiker in ihrem Umfeld gab und die Familiensituation und Wohnsituation besser war als normal- was u.a. gerade an der Auswahl Termans lag.
Hochbegabte wählen oft prestigeträchtige Berufe und werden achtmal häufiger Akademiker (wobei Terman die Ergebnisse verfälschte, indem er Empfehlungsschreiben schrieb), und heirateten sehr häufig ebenfalls hochbegabte Frauen (und hatten auch häufig hochbegabte Kinder). Sie leben auch gesünder (was sicherlich wieder an der sozioökonomischen Herkunft zu tun, siehe neue Studien).
Trotz der verschiedenen problematischen Auswahlmethoden und -kriterien wird bei Terman deutlich, dass die Hochbegabung anscheinend durch bestimmte sozioökonomische Faktoren beeinflusst wird. Terman kommt auch zu dem Ergebnis, dass die Motivation (und damit der Erfolg) eng mit dem familiären Umfeld zusammenhängt. Die Genies hat er aber bei den Hochbegabten nicht gefunden, zwei abgelehnte Schüler, deren IQ kleiner als 130 war, erhielten jedoch später den Nobelpreis für Physik.

Beim Marburger Hochbegabtenprojekt wurden 7 000 Kinder getestet, wovon 151 Kinder mit einem IQ über 130 als hochbegabt zu bezeichnen sind, die wieder überproportional aus den oberen Schichten stammten. Um Terman zu überprüfen wurde eine Testgruppe von 136 aus dem gleichen sozioökonomischen Umfeld gebildet. Nach sechs Jahren wurden die Kinder erneut getestet, wie im ersten Fall mit den Eltern, den Lehrer und neben den IQ Tests auch mit ausführlichen Fragebögen zu psychologischen Fragen.
Eine dritte Gruppe von 118 Schülern bestand aus den Höchstleistenden, also den besten Schüler aus verschiedenen Gymnasialklassen, von diesen Schülern waren 2/3 aus der Oberschicht

Das Ergebnis dieser Studie sind wissenschaftlich viel besser als die der Termanstudie, weil die Kriterien nachprüfbar sind und sich nicht nach der subjektiven Meinung von Lehrern orientiert hat (mit der Ausnahme der Auswahl der Hochleistende anhand ihrer Noten). Die oft bei Hochbegabten genannten Probleme wie Außenseitertum, Konzentrationsprobleme und Aggressivität erwiesen sich als reine Vorurteile. Im Gegenteil, die Hochbegabten waren meist besonders psychische stabil und selbstbewusst, integriert und sozial unauffällig. Nur jeder sechste Hochbegabte war ein sogenannter Minderleistender, also jemand der in der Schule keine zu seinem IQ adäquaten Schulleistung erbrachte.
Die Lehrereinschätzungen über die Schüler und ihre Begabung erwies sich in vielen Fällen als so schlecht, ina anderen Fällen als sehr präzise, dass die Marburger Studie zu dem Ergebnis kommt besser nicht den Lehrereinschätzungen zu vertrauen- was wieder ein wichtiger Punkt gegen Terman ist.

Genialität:
In modernen Studien wird klar, dass unabhängig vom IQ die meisten Babys ähnliche Fähigkeiten haben etwas zu lernen, nur das Tempo unterscheidet sich. Erst die nächsten Monate und Jahre entscheidet sich, wie schnell und wie viel die Kinder lernen, durch die Eltern, das Umfeld und die Lehrer.
Letztlich ist es die Fähigkeit zu lernen, die eine der Grundlagen für Genialität in sich trägt. In einer Studie fand Norman Dodge heraus, dass ein durchschnittlich begabter Mensch in 10 000 Stunden eine spezielle Fähigkeit so gut ausüben konnte, dass er ein professionelles Niveau erreicht. Das reicht aber noch nicht für Genialität
Besonders wichtig ist die Fähigkeit der Kreativität: Shelley Carson fand in Harvard heraus, dass gerade die Fähigkeit Nützliches von Unnützem zu trennen, also unsere Wahrnehmungsfilter durchschnittliche Menschen von kreativen Menschen trennen. Wobei hier kreative Menschen, so Jon Karlsson, letztlich genauso wenig trennen können, wie schizophrene Menschen, somit hat das Chaos in den Zimmern kreativer Menschen wirklich eine kreative Bedeutung. Der Unterschied zwischen kreativen und schizophrenen Menschen ist also der Umgang mit dieser Wahrnehmungsstörung.

Letztlich ist es aber noch eine weitere Fähigkeit, die einen Menschen zum Nobelpreisträger machen kann (wenn auch Mentoren, Umfeld, Glück und vieles mehr stimmen). Leistungsbereitschaft.


P.S.:
Und, was noch faszinierender war: Anscheinend gibt es bestimmtes Spezialwissen, das bestimmte Hirnareale oder andere Fähigkeiten blockiert. Neurologen haben festgestellt, dass z.B. sprachlich orientierte Denkmuster letztlich die künstlerische Fähigkeiten im Bereich Malerei blockieren können. Deshalb scheint auch die Schädellappenepilepsie, die in einem ähnlichen Hirnareal schädigt wie bei der betroffenen Malerin, besonders häufig bei Schriftstellern vorzukommen,
siehe meinen Eintrag zur Mitternachtskrankheit. Denn literarisches Schreiben benötigt eben auch eine gewisse Bildlichkeit, die eben nicht nur mit sprachlichen Denkmustern zu schaffen ist. Aber mehr findet man in dem Blogartikel oder in dem passenden Buch von Alice W. Flaherty "Die Mitternachtskrankheit - Warum Schriftsteller schreiben müssen. Schreibzwang - Schreibrausch - Schreibblockade und das kreative Hirn".

Die Wut des Marcel Reich-Ranicki

1998 kamen einige deutsche Fernsehanstalten (ARD, ZDF, RTL und Sat.1) auf die Idee eine Preisverleihung im Stile der Emmys abzuhalten, den Deutschen Fernsehpreis, der in einem regelmäßigen Wechsel von den beteiligten Fernsehanstalten ausgerichtet wird. Die Idee hinter dieses Fernsehpreises war es die älteren Fernsehpreise abzulösen und sich in einer glanzvollen Gala selber zu feiern. In seiner Zielsetzung möchte der Preis die Qualität des deutschen Fernsehprogramms zu fördern und hervorragende Leistungen für das Fernsehen zu würdigen, wobei die Preise selber jedoch undotiert sind.

Nun, Marcel Reich-Ranicki sollte dort einen Preis für sein Lebenswerk erhalten, er nahm diesen Preis jedoch nicht an und las den beteiligten Sendern und Senderchefs, dem Publikum und allen weiteren die Leviten, siehe "Die Zeit" zum TV-Eklat. Marcel Reich-Ranicki äußerte sich später auch noch dazu in einem Interview bei der FAZ, siehe hier. Nur einer der üblichen Verdächtigen, Thomas Gottschalk, würgte systematisch Marcel Reich-Ranicki ab und verschob die Diskussion auf später. Hier auch das volle Video von seinem Auftritt.

Nun stellt sich die Frage, ob Marcel Reich-Ranicki wirklich recht hat. In den letzten Jahren wurde z.B. immer wieder von "Unterschichtenfernsehen" gesprochen, wie immer zuerst im Satiremagazin Titanic, später jedoch auch in anderen Medien. Wenn eine Sendung wie "Deutschland sucht den Superstar" als beste Unterhaltungssendung geehrt wird, und Veronica Ferres (die immer besetzte) als beste Hauptdarstellerin, dann könnte Marcel Reich-Ranicki recht haben. Auch stellt sich die Frage, ob eine solche Sendung sich durch eine Emmysierung an diesen amerikanischen Fernsehpreis annähern muss, wo es nicht mehr um die Sendungen geht, sondern stark um kurze Trailer, witzige Telepromter, mehr oder minder begabte Comedians und Moderatoren.
In den Politiktalkshows von ARD und ZDF wird immer über die gleichen Themen diskutiert, die Literatursendungen werden entweder eingestellt, oder ins Nachtprogramm, zu Arte oder auf die dritten Sender verschoben, und anderes Programm wird ebenfalls nach Quote geschaltet, statt nach Programmauftrag.
Anscheinend möchte es das Publikum ja so, denn sonst würde entweder die Quote von Arte steigen, besonders gute Sendung mehr Quote bekommen, oder die Fernbedienung auch mal auf aus gehen. Statt dessen funktionieren die billigen Trashprogramme wie Castingsendungen (inkl. der "Jobcastings"), die Auswandererdokus (mit der Tiefenschärfe Null) und ähnliches. Anspruchsvolle Sendungen aus Deutschland floppen, siehe Dr. Psycho und ähnliche, Stromberg gewinnt Preise (aber keine Zuschauer), und auch anspruchsvolle Filme wie "Contergan" werden weit weniger geschaut als die mit Liebesgeschichten aufgehüschten sonst eher wenig gelungenen TV-Eventgeschichten.

Da kann ein Marcel Reich-Ranicki jemanden den Leviten lesen, aber es geht ums Geld, und da hört die Sache mit der Qualität einfach auf, oder??

Sonntag, 12. Oktober 2008

Die klassische Heldenfigur (der Archetypus)

Viele Autoren arbeiten in ihren Romanen und Geschichten mit einer bestimmten "Rohform" von Personen, den sogenannten "Archetypen".
Der Psychologe C.G.Jung leitete diese "Archetypen" aus dem kollektiven Unterbewusstsein ab, welches er in den Märchen und Dramen der Antike (sowie besonders bei Artur Schnitzler) meinte verkörpert zu finden. Die dort vorhandenen Urbilder menschlicher Vorstellungsmuster untergliederte er in anima und animus und deren Verkörperung in konkreten Archetypen wie z.B. den Held oder Heros. Dieser Held erlebt in seiner Geschichte eine bestimmte Folge typischer Ereignisse, die chrome://foxytunes-public/content/signatures/signature-button.pngsogenannte "Heldenreise". Die meisten dieser Heldenreisen folgen den Heldensagen der Antike, sie beginnen bei außergewöhnlichen Vorzeichen bei der Geburt, kindlichen Heldentaten, einem Aufbruch zum Abenteuer, bestimmten Prüfungen (steigernde Tendenz) bis hin zu wahren "Herkulestaten" bis hin zum Tod der Heldenfigur.
Im Rahmen der Heldenreise gibt es eine ganze Zahl weiterer Archetypen: Der Antagonist entspricht recht oft dem Schatten, und verkörpert bestimmte negative, unerwünschte oder unterdrückte Charakterzüge, die im Prinzip auf den Helden verweisen, aber nicht gesellschaftlich akzeptiert sind. Daneben gibt es eine ganze Reihe weiterer Figuren wie den weisen, alten Mann, Kassandra, die junge Geliebte, die heilige Hure,... wobei einige dieser Figuren erst nachträglich entstanden sind.

Wenn man sich klassische Epen der Antike ansieht, z.B. Homers "Odyssee", dann gibt es in diesen Geschichten keine Entwicklung der halbgöttlichen oder göttlichen Figuren, bzw. des Archetypus des Helden. Schließlich wurde die Odyssee meist nicht an einem Abend hintereinander erzählt, sondern im Verlauf von vielen Tagen und Wochen, und meist auch nicht in chronologischer Reihenfolge. Eine Entwicklung des Helden hätte also vermutlich die nicht chronologische Erzählung, die immer wieder auf vorherige Ereignisse verweist, unmöglich gemacht.
Erst bei "Euripides" werden die halbgöttlichen Helden ein wenig "entzaubert", sie werden deutlich vermenschlicht und somit zu wirklichen Figuren. Im weiteren Verlauf der Literaturgeschichte werden die Archetypen immer weiter individualisiert, was letztlich zur Trennung von Lyrik und Prosa führte, und damit zur Entstehung des modernen Romans.
In Don Quijote wird die Heldenreise persifliert, indem Miguel de Cervantes sie in Gestalt der mittelalterlichen Ritterepen und der zu Cervantes Zeit gegenwärtigen Rittergeschichten aufgreift und sie persifliert- indem er einen auktorialen Erzähler einführt, siehe Jonathan Rée:The democracy of Don Quixote vom Juni 2007 im Prospect Magazin. Nach und nach sind Helden nicht mehr geborene Helden, sondern es gibt das "Werden der Helden" durch ein auslösendes Ereignis, den gebrochenen Helden, den Schurken als Heldenfigur und vieles mehr.

Wenn man nun die heutige Verwendung der Archetypen betrachtet, dann hat sich bei einigen Autoren nicht viel seit der Antike geändert, manchmal nicht viel seit Euripides oder Cervantes, bei manchen Autoren gibt es dann gerade noch die "Heldenwerdung" und den gebrochenen Helden.
Nun, wenn man sich den neuen Batmanfilm "The Dark Knight" im Kino ansieht, dann versteht man warum.
Batman ist letztlich eine düstere Heldenfigur (und zwar die starke Form eines Helden in Form von Comicsuperhelden), die in vielen Bereichen der klassischen Heldenreise folgt. Es gibt die um ihn herum gruppierten Archetypen des weisen Ratgebers (Morgen Freeman), Kassandra (als Butler), die Geliebte und den Rivalen Dent, dazu noch den Schatten in Form des Jokers.
Nun, eines der Nachtteile des Archetypus des Helden ist letztlich die fehlende Schwäche und seine Berechenbarkeit- wie sehr schön in diesem Film deutlich wird. Und am Joker, und am brillanten Spiel von Heath Ledger, wird ebenfalls deutlich, dass der Schurke in einer solchen Geschichte letztendlich entscheidend ist, wie der Held wirkt. (Übrigens ist dieser Film wirklich die beste Comicverfilmung seit vielen Jahren und in ihrer Form wegweisend, düster- und Heath Ledger als Joker überdeckt viele Schwächen, bis man nur noch gebannt zusehen kann).

In der E-Literatur gibt es immer wieder Phasen, wo solche "Heldenreisen" als Roadtrips wieder auftauchen. Die Heldenreist ist so oft erzählt worden, dass sie uns so weit vertraut ist, dass man mit ihr kaum noch in der reinen Form eine Geschichte erzählen kann, die nicht berechenbar ist. Deshalb wird gezielt immer wieder an bestimmten Stellen abgewichen, mit ein wenig Kosmetik die Figuren aufgehübscht oder die Figuren etwas stärker individualisiert, bzw. nur einige Elemente übernommen (Roadtrip), bis nur noch wenig davon zu erkennen ist. Dies reicht übrigens für die meisten Leser aus... wenn die grundlegende Geschichte und die Figuren gelungen genug sind.
Die klassischen Heldenfiguren fehlen aber. Dieses Grundmuster taugt jedoch nur, wenn die Ereignisse letztlich nur als Spiegel für die "Werdung" der Hauptfigur dienen- und die muss eben in der Literatur längst kein Held mehr sein. Denn eine solche Heldenfigur übt ihre Anziehungskraft über ihren Schatten aus, und über die ablaufende Handlung, die letztlich wenig Auswirkungen auf die Figur selber hat. In der Literatur wird der Schatten als Archetypus in die Hauptfigur integriert oder in Teilen integriert und die Handlung geht eben über die Beschäftigung mit dem Schatten. Die eigentlich ablaufende Handlung ist meist stark auf die innerliche Beschäftigung mit dem Schatten beschränkt und einige weitere Ereignisse, die dies beschleunigen oder abbremsen. Eine andere Variante ist die ablaufende Handlung, die letztlich die Figur ihren Schatten erkennen läßt und sich dann damit auseinandersetzt.
Andere Archetypen werden heute jedoch immer noch gerne verwendet. Ich verweise nur auf Ruth Klügers "Frauen lesen anders", wo die Verfasserin recht eindrucksvoll belegt, dass gerade Frauenfiguren immer noch und immer wieder durch Archetypen dargestellt werden. Und auch andere Archetypen tauchen überall immer wieder auf: der weise Ratgeber, die alte Frau, Kassandra, .... vielleicht weil es Urbilder menschlichen Verhaltens sind.
In der U-Literatur ist der klassische Heldenarchetyp ziemlich tot, wird aber in immer neuen Variationen wiederbelebt, gerade mal wieder als hardboiled heroine. Es funktioniert immer noch, ist berechenbar und deshalb dafür geeignet- und man kann immer noch eine gute Geschichte daran aufhängen. Wirklich interessant ist er für sich alleine aber längst nicht mehr.

Samstag, 11. Oktober 2008

Literatur-Werbung

Alex Rühe hat sich in der SZ in "Literatur-Werbung. Bis der Kopf platzt" der undankbaren Aufgabe gestellt, die Verlagswerbung für die aktuellen Buchmesse-Neuerscheinungen einmal durchzulesen und anhand dieser Verlagswerbung einmal klar zu stellen, was ein Blurb ist, warum die Verlage sich eifrig in seltsamen Vergleichen und in der Verwendung der immergleichen Adjektive (in neuer Zusammenstellung) üben, und warum Werbung immer irgendwann schmerzlich wird, wenn man einen Auftrag hat sich viel davon anzulesen/ anzusehen.
Nun, eigentlich ist es sehr spannend zu sehen, dass den Verlagen offensichtlich nicht viel Neues einfällt und meistens auch nichts gutes alte, sondern das die Verlagswerbung inzwischen so austauschbar ist, wie Fernsehwerbung: Denn was würde man denn schätzen, für welches Buch dieser Satz nun wirbt: "einer der spannendsten und furiosesten Romane der europäischen Literatur" oder "gehört zum Besten, was die europäische Literatur des 19. Jahrhunderts geschaffen hat".

Mittwoch, 8. Oktober 2008

Messesprech

Auf der Seite der Frankfurter Buchmesse findet sich ein kleines Wörterbuch über Messesprech, das der Verleger und Journalist Oliviero Ponte di Pino zusammengestellt hat. Wer schon immer wissen wollte, wie Euphemismen entstehen, welche Fallen in einer Insidersprache lauern und wie so ein Buch beworben wird... einfach mal mit viel Spaß reinlesen.
Denn das ein "ich konnte es nicht aus der Hand legen" bedeutet, dass der Agent es "gestern noch im Flugzeug lesen musste". Wahrscheinlich, so meine Ergänzung, war einfach auf dem Klapptischen auch kein Platz mehr, zwischen den Zeitungen und dem Kaffee. Oder das ein "es ist völlig anders" bedeutet, dass sich "die ersten Bücher nicht verkauft haben".

Dienstag, 7. Oktober 2008

Otfried Preußler: Krabat

"Kein Buch hat ein Ende" Otfried Preußler

In den nächsten Tagen kommt der Film "Krabat", hier der Trailer, in die Kinos, der nach dem Jugendbuch von Otfried Preußler entstanden ist.
Wem der Name Otfried Preußer nichts sagen sollte: Wer es verpasst hat hemmungslos diesem Autor zu verfallen, sollte sich eines von seinen Büchern zur Hand nehmen und es lesen. Oder er sollte sich die Buchtitel durchlesen und dann bemerken, dass er nur den Namen des Autors vergessen hat. Denn Otfried Preußler hat einige bekannte Kinder- und Jugendbücher geschrieben wie wie z.B. "Der kleine Wassermann"; "Die kleine Hexe", "Räuber Hotzenplotz", "Das kleine Gespenst", "Bei uns in Schilda", "Kater Schnurr mit den blauen Augen".

Preußler griff in "Krabat" ein sorbisches Märchen auf, in der der Waisenjunge Krabat (vermutlich für Kroate) zu einer schwarzen Mühle kommt und dort als Lehrjunge angenommen wird. Er erfährt recht schnell, dass er dort in der "schwarzen Kunst" der Magie ausgebildet wird und muss seinen Meister besiegen, um freizukommen.
(Die Herkunft der schwarzen Zaubermühlen kann man heute noch leicht nachvollziehen. Überall in Deutschland gab es neben den "normalen" Mühlen auch die schwarzen Mühlen, die "Pulvermühlen", in denen Schießpulver hergestellt wurde. Bei der Verarbeitung der Holzkohle entstand recht viel Kohlenstaub, was letztlich für das Aussehen als "schwarze Mühle" zuständig war. Der "zauberische Geruch" stammt von dem ebenfalls verarbeiteten Schwefel. Schon bei leichten Funken (oder durch eine Kohlenstaubexplosion) drohten die Pulvermühlen zu entspringen, was eine freundliche Umschreibung für eine Explosion ist. Manche Pulvermühlen explodierten immer wieder, was an den heute noch existierenden Pulvermühlen leicht festzustellen ist- und auch das hat sicherlich zu der Vorstellung der Zaubermühlen beigetragen.)
(Viel interessanter als diese These ist jedoch der Hinweis von Petra in den Kommentaren zu den Zauber- oder Feenmühlen).

Ich habe Krabat vor einigen Jahren wiedergelesen, wie auch andere von mir heiß geliebte Jugendbücher. Krabat gehört aber zu meinen Lieblingen, weil dieses Buch einfach großartig, dunkel, düster und gleichzeitig hoffnungsfroh und spannend war. Eines der Bücher, die mich letztlich dazu gebracht haben hoffnungslos dem Lesen zu verfallen. Mehr will ich aber nicht verraten, weil es zu Schade ist, wenn jemand deshalb das Buch nicht lesen würde- wenn es trotzdem interessiert, kann all das unter dem Link über das Jugendbuch nachlesen.
Otfried Preußler ist einer der gerne Vergessenen und schwer kritisierten, da seine Romane eben keine realistischen Schilderungen waren und deshalb in den 60er und 70er heftig angegriffen wurden. Gesellschaftliche Relevanz und Wertevermittlung nach den Regeln der Problemliteratur im Kinder- und Jugendbuch gab es hier halt so nicht. Was nicht bedeuten soll, dass hier nicht Werte vermittelt wurden, oder Probleme dargestellt, siehe das wunderbare Buch "Die kleine Hexe". Aber das war damals für viele Menschen zu "eskapadistisch". Für mich als Leser allerdings ein Glück, weil Zeigefinger sich für Fragen eben weit mehr eignen, als für Belehrungen. Und Preußler hat die Welt immer wieder neu, aus neuen Richtungen beleuchtet, und hat Dinge in seinen Büchern hinterfragt. Man kann sogar Krabat ein wenig als Buch über die Nazizeit lesen, wenn man den Roman oft genug durchschüttelt und verdreht- aber man sollte es eigentlich nicht. Denn auch wenn viel Kluges in diesem Roman drin steckt, sollte man das nicht alles projezieren, sondern manchmal einfach nur betrachten.
In "Die Welt" gibt es einen Artikel von Wieland Freund "Otfried Preußler und der Streit mit J.K. Rowling" über den Autor und den Krabat. Und vielleicht hilft dies und der Film, damit man Otfried Preußlers Bücher wieder in die Hände gibt, in die sie gehören, in die der Jugendliche und Kinder.

Montag, 6. Oktober 2008

"Morgen habe ich das Buch fertig. Ganz sicher."

In den deutschen Feuilltons findet man manchmal kleine Perlen. An diesem Wochenende, in der Welt am Sonntag, gab es den Artikel "Morgen habe ich das Buch fertig. Ganz sicher." von Joachim Lottmann über den diesjährigen Bachmannpreisträger Tilman Rammstedt. (Online veröffentlicht als: "Tilman Rammstedts Angst vor dem letzten Satz").
Lottmann hat Tilman Rammstedt getroffen und hat einen boulevardesken Artikel geschrieben, bei denen sich der Journalist über die Umgebung, Kleidung und Haltung des Interviewpartners spricht und sich darüber
an diesen und seine Situation annähert. In vielen Fällen führt dies nur dazu, dass der Artikel nicht über viel Substanz verfügt- und auch das Matussek Zitat scheint in diese Richtung zu deuten. In diesem Fall steht aber die Schreibblockade Tilman Rammstedts im Mittelpunkt- und alles dient dazu, die Situation Rammstedts zu verdeutlichen, und wie und was die Schreibblockade bei ihm auslöst.

Sonntag, 5. Oktober 2008

"reign over me" die liebe in mir

Der Zahnarzt Alan Johnson (Don Cheadle" trifft zufällig seinen alten Collegefreund Charlie Fineman (Adam Sandler) wieder, der seine gesamte Familie durch 9/11 bzw. den 11. September verloren hat. Alan versucht diese Freundschaft wieder aufleben zu lassen, da er seinem Freund bei seiner Trauer beistehen will. Aber Charlie hat seinen Weg gefunden nicht mit seinem alten Leben in Berührung zu kommen, und fährt auf seinem Tretroller durch ein seltsam autofreies New York, dass nur aus der Stadt, Restaurants, Szenekneipen und Hardrockschuppen besteht. Alan meint, dass er seinem Freund helfen muss sich seiner Trauer zu stellen, und versucht ihn zum reden zu bringen, zuerst alleine, später mit Hilfe von Therapeuten.
Nach und nach hilft zuerst Charlie Alan, ohne das dies Alan bemerkt, der nicht mehr über seine Probleme mit seiner Frau oder seiner Therapeutin sprechen kann, wobei er seine Therapeutin immer nach deren Arbeit abpasst. Dann jedoch beginnt Charlie sich zu erinnern...

Ich habe gestern diesen Film gesehen, in denen Don Cheadle sehr zurückhaltend (wie oft) agiert und Adam Sandler viel Raum für eine ernste Rolle voller tragikkomischer Momente gibt- die aber mit dem üblichen Humor aus Adam Sandler Filmen, von Spanglish einmal abgesehen, zu tun hat.
Das wunderbare an diesem Film ist das Drehbuch, dass nie das erwartete geschehen lässt, nie einfach nur auf die Tränendrüse drückt, sondern mit starken Bildern und im Vertrauen auf seine exzellente Besetzung sich die Frage nach dem Umgang mit der Trauer und seinen eigenen Problemen stellt, so dass man als Zuschauer manchmal hofft, dass Alan Charlie in Ruhe lassen würde.
Ein wirklich guter Film, und einer, der einen noch eine Zeit begleitet, in den Gedanken. Vielen Dank.

Donnerstag, 2. Oktober 2008

Die Gedanken sind nicht mehr zu halten...

Wenn die Tage kürzer werden und die Wärme und Feuchtigkeit die Scheiben von innen beschlägt, dann wird meine Haut dünn und weich, und man kann durch sie meine Vergangenheit erkennen. Ich fühle mich dann auch so, ein wenig durchsichtig, und mein Kopf kann meine Gedanken kaum noch halten- und sie wachsen, bekommen Stimmen, bis hin in meine Träume. Es ist die Wintersonnenmangelsituation, weswegen ich in die Sauna gehen werde.