Sonntag, 29. Juni 2008

Erfolg

Ein Bestseller ist eine Sphinx, der Erfolg eine Möhrrübe, und das eigene Schreiben ein Esel.

Schreiben wie ein Buchhalter!

Viele Schriftsteller haben feste Bürozeiten, an denen sie Tag für Tag vor ihrem Text sitzen und daran arbeiten. Diese Arbeitszeiten können je nach Typ Schriftsteller mal sehr früh morgens, mal mitten in der Nacht, oder sonstwo liegen, wichtig ist für diesen Typ Schriftsteller die Regelmäßigkeit. Man kann so seinen Freunden mitteilen: Von dann bis dann bitte nicht stören, da arbeite ich. Das glauben die meisten Menschen zwar nicht, aber wer den Menschen alles erklären möchte, sollte nicht Schriftsteller, sondern Priester werden.
Und es ist eine wunderbare Sache, weil gerade die Regelmäßigkeit und die zeitliche Einrichtung ein enormes kreatives Potential freisetzen, je nach Zeit und Arbeitsleistung die Arbeit planbarer wird, und auch in Krisenzeiten so nicht der Blues aufkommt, sondern konsequent weitergearbeitet wird.

Immer, wenn ich genau so gearbeitet habe, habe ich enorm viele Seiten produziert, und zwar regelmäßig. Ich musste mich nicht jedesmal selber überzeugen jetzt zu schreiben, habe es nicht verschoben, nicht versetzt, habe keine Ausreden gehabt und es war super. Nur das Ergebnis hat bei mir nichts getaugt: Fast die gesamten Texte aus diesen Arbeitsperioden sind zumindest zweitklassig, wenn nicht schlechter. Ich habe, um weiterschreiben zu können, viele schlechte Kompromisse gemacht- weshalb die Texte oft in den Papierkorb mussten. Und, was für mich persönlich am stärksten gestört hat: Es fehlte der Funken, das mehr- die Texte waren gut, aber das besondere, der inspirative Funke fehlte.
Seitdem plage ich mich wieder damit rum, dass ich überhaupt schreibe und regelmäßig schreibe: Gute Bücher und Filme verhindern mal tagelang die Arbeit am Text. Ich habe wichtige Termine und kann nur mal eine Stunde schreiben. Oder ich schreibe dann vierzehn Stunden und bin zu nichts mehr zu gebrauchen.
Zudem habe ich immer wieder ein schlechtes Gewissen, wenn ich einen Tag gar nicht in meinen Text geschaut habe. Weil er doch auf mich wartet.
Und trotzdem komme ich schneller voran, weil das, was ich schreibe, wirklich passt, und ich auf meine 10- 15 Stunden die Woche Arbeit am Roman komme. Nur viel komplizierter. Aber anscheinend brauche ich das.

Wer`s wie ein Buchhalter kann: Da bin ich fast neidisch.

Freitag, 27. Juni 2008

Heimliches Schreiben!

In dem Artikel "Sorge nicht, strebe!" (hier der Link zum Blogeintrag dazu) hat die Autorin Verena Krebs auf den Begriff "Heimliches Schreiben" zurückgegriffen, den sie von Juli Zeh übernommen hat.
"Heimliches Schreiben" bedeutet zu schreiben, ohne sich dabei an einer Veröffentlichung zu orientieren bzw. die Texte veröffentlichen zu wollen. Das ist nicht gleichbedeutend mit dem experimentellen Schreiben, denn es gibt viele Autoren, die aus den unterschiedlichsten Gründen zuerst oder dauerhaft ihre Texte nicht aus der Hand geben. Das bekannteste Beispiel ist wohl Franz Kafka, der seinem Nachlaßverwalter Max Brod auftrug viele Texte zu verbrennen, weil sie nicht für eine Veröffentlichung vorgesehen war. Die Literaturgeschichte ist Max Brod besonders dafür dankbar, dass er dies unterliess und diese Texte posthum veröffentlichte.

Der große Vorteil des "Heimlichen Schreibens" ist die konzentrierte Arbeit an den eigenen Texten, in einer Art sicheren Umgebung, wo keine Kritik droht- was auch der größte Nachteil ist. Denn einerseits kann sich so der eigene Stil in Ruhe entwickeln, andererseits fehlt auch die Rückmeldung und Kritik, an denen sich der Stil abschleifen und ordnen kann. Hier lagern sich dann manchmal auch Fehlentwicklung an Fehlentwicklung.
Im Schutzraum entsteht vieles, was nie für eine Veröffentlichung taugt, vieles Experimentelles, vieles neues und natürlich viel gewagtes. Dieser Schutzraum gibt aber genau über diese Dinge die Möglichkeit viel mehr zu wagen und zu riskieren, und somit fern aller Trends, aller Markterwartungen einen eigenen Weg zu gehen- und den mit Steinen zu befestigen, bevor man sich vor das Publikum begibt. Denn unübliches hat es eben immer in der Kunst schwer, das Gewöhnliche folgt ausgetretenen und mehrfach befestigten Pfaden.
Gleichzeitig gibt es aber eine große Gefahr: Wer "heimlich" schreibt, weil er sich vor dem Publikum scheut, kommt in die große Gefahr die Begegnung mit dem Publikum so lange vor sich her zu schieben, bis man das Schreiben aufgibt oder beschließt es nie zu wagen. Und es ist eine Scheinruhe, das "heimliche" schreiben. Denn letztlich gibt es eine Notwendigkeit für einen Schriftsteller: mit dem Publikum über seine Texte zu kommunizieren, denn sonst ist man kein Schriftsteller, sondern schreibt nur ein bißchen.

Deshalb halte ich das "heimliche" Schreiben für sehr wichtig, besonders in Phasen, wo Kritik nur Schaden kann, und wo man ausprobiert und etwas wagt. Und ganz ehrlich, ein paar heimliche Texte fliegen bei mir auch noch rum. Der Austausch mit anderen Autoren und Kritik ist aber ebenfalls wichtig, man sollte es da nur ebenfalls nicht übertreiben.
Dem Publikum sollte man sich irgendwann stellen- und all dem, was beim Schreiben letztlich bei einer Veröffentlichung dazugehört: Agenten, Lektoren, Verlage, Literaturzeitschriften, Kollegen- denn die Angst vor all dem ist meist viel schlimmer als die Wirklichkeit. Auch wenn man da immer wieder Dinge hört...

Sei mein Gast!

Ich habe mir für meine Uniarbeiten ein Büro bei meinen Eltern eingerichtet und bekomme dort gegen allerlei Hand- und Spanndienste (Getränkekästen tragen, Elektroberatung, Einkaufshilfe,...) auch ein Mittagessen.
Da meine Mutter gerade im Urlaub weilt, hat mein Vater mich heute, statt selber oder gemeinsam zu kochen, zum Essen eingeladen. Er hatte in der Zeitung eine kleine Anzeige entdeckt, dass der zweite Gast sein Hauptgericht nicht bezahlen muss und wollte das Restaurant sowieso testen. Also sind wir heute nach allerlei Elektroberatungsdiensten zum Essen gefahren.

Nun, die erste Überraschung erwartete mich im Restaurant. Denn nicht der zweite Gast war gratis, sondern der Partner..... Ob das nun nur eine Umschreibung für Begleiter war, oder anders gemeint war, keine Ahnung. Aber wer sparsam ist, fragt nicht nach und belässt es im Zweifel bei Missverständnissen.
Das Essen war vorzüglich, mein Vater hat sich bekleckert und war wie immer beim Trinkgeld sparsam. Wir haben viel gelacht und etwas mehr oder minder morderne Kunst bewundert. Und haben eins festgestellt: Eltern und Kind sind irgendwann auch immer Partner, Elektropartner, weil die moderne Technik ohne die Kinder irgendwie nie richtig funktioniert.

Guten Hunger.

Donnerstag, 26. Juni 2008

"Sorge nicht, strebe!"

Heute steht im Rheinischen Merkur ein Artikel von Verena Krebs: "Sorge nicht, strebe!"
Die Autorin stellt erneut das Deutsche Literaturinstitut Leipzig (siehe auch Wikipedia dazu) und den Studiengang "Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus an der Uni Heidelberg" vor, den der Schriftsteller Hans-Josef Ortheil vor einigen Jahren eingerichtet hat und wo er immer noch als Professor arbeitet.

Verena Krebs wirft einen Blick auf die Vorwürfe, die sich Absolventen dieser literarischen Schreibschulen oft anhören müssen, berichtet über das "heimliche Schreiben" (das ohne Öffentlichkeit und ohne Veröffentlichungswunsch) stattfindet und über den sogenannten "Leipziger Stil"- der oft aus der Selektion des Marktes entsteht, nicht aus der Lehre am DLL. Insgesamt ein schöner Artikel, auf den ich gerne verweise

Minikrisen

Als ich vor fünfzehn Jahren wieder mit dem Schreiben angefangen habe, war es wie ein Erwachen.
Zwischen dem Moment, in dem ich mit der ersten Kurzgeschichte nach vielen Jahren angefangen hatte, dem mit dem ersten Satz folgenden Schreibrausch, und dem Erwachen aus dem Rausch, dem -Fin-, hat sich meine gesamte Welt verändert. Das hört sich recht drastisch an, und genau das war es auch für mich. Denn ich habe, als es mir wirklich schlecht ging, meine Berufung gefunden. Auf einmal ergab vieles, was ich nicht verstanden habe, einen Sinn- auch wenn es ein etwas seltsamer Sinn war.

Seitdem hinterfrage ich, wenn es mir schlecht geht, immer wieder die verschiedenen Entscheidungen, die ich seitdem getroffen habe. Ich frage mich, ob ich die richtigen Entscheidungen getroffen habe und warum ich so lange Fantasy schreiben wollte, obwohl es definitiv nicht das richtige Thema war. Warum ich so viele schwierige Schreibentscheidungen getroffen habe, die mich etwas vom Publikumsgeschmack entfernt haben? Warum ich über das schreibe, was ich schreibe, und warum ich es so tue?
Oder anders gesagt: Immer wieder hinterfrage ich die einzelnen Entscheidungen und ich tue es immer wieder auch hier, indem ich mich frage, warum ich welche Schreibentscheidung getroffen habe. Das ist meine Art mit dem Schreiben umzugehen. Dabei bin ich längst soweit, dass ich eigentlich keine der Entscheidungen wirklich bereue, die mich heute hierhin gebracht haben. Ich bin nur manchmal etwas wehmütig, weil ich immer über die steinigen und schwierigen Wege gehen muss. Und ich bin traurig, weil ich manchmal durch meine Stimmungen ein wenig aus dem Weg gerate und verschnaufen muss.

Heute ist so ein Tag. Ich bin wehmütig und traurig. Denn bisher habe ich mich immer ein wenig rausreden können, dass es noch eine Zeit dauert, bis mein Roman fertig wird und anständig fertig wird. Und klar, ich wollte abwarten, bis das Manuskript fertig wird. Nun nähert sich das an. Ich werde in einigen Monaten keine Entschuldigung mehr haben. Das macht mir Sorge.

Mittwoch, 25. Juni 2008

Psychologie im Roman

Das die Psychologie für die Literatur wichtig ist, wird schon deutlich, wenn man sich die psychologischen Interpretationsansätze anschaut.

Psychologie bei der Interpretation:
In der Literaturwissenschaft werden immer wieder vereinfachte psychologische Theorien (genau wie philosophische und andere Ansätze) verwendet, um einen Text zu erschließen. Dabei werden Figuren, Figurenkonstellationen, Entwicklungsstand der Figuren, Handlungsweisen und Verhaltensweisen von Figuren, Namenswahl und vieles weitere auf Basis von verschiedenen psychologischen Ansätzen untersucht und ausgewertet. Arthur Schnitzler gilt mit seinen Novellen und Erzählungen als ein Paradebeispiel für die Entwicklung psychologischer Theorien, genau wie Märchen und die antike Literatur immer wieder für psychologische Grundmuster herangezogen wird.
Wenn man z.B. Bram Stokers "Dracula" einmal aus psychologischer Sicht betrachtet, dann könnte man den Vampir als Archetyp des Schattens (n. C.G.Jung) betrachten: also als eine Art düsterer Seelenteil, in dem die Menschen ihre Triebe, ihre Instinkte und negativen Seiten hineinprojeziert haben und dann von sich abgetrennt. Das Bluttrinken ist dann die Wiedervereinigung der Person mit dessen Schatten und somit das Ende der Ausgrenzung bestimmter Seelenteile.
Eine andere Möglichkeit wäre z.B. die Geschichte als eine Analogie auf die erste sexuelle Begegnung von Mina Harker mit einem Mann oder auch von Lucy Westenra betrachten, die in einer streng reglementierten Gesellschaft des viktorianischen Zeitalters stattfindet.

Solche Deutungen haben sicherlich ihre Berechtigung. Denn wenn man die Geschichte weit genug abstrahiert, dann wird man Elemente dieser Deutung sicherlich finden, ohne groß suchen zu müssen. Aber um eine wirklich umfassende psychologische Deutung in einen Roman zu bekommen, muss man Hundert Seiten Roman durch einige wenige Stellen ausdeuten. Gleichzeitig geben diese Deutungen, die sich meiner Meinung nach wirklich aufstellen lassen, bestimmte Gefühle wieder, die man während des Lesens hatte- schon bevor man sich mit psychologischen Ansätzen an so eine Geschichte wagt.

Psychologie bei der Romanentwicklung:
Wenn man nun die Interpretation ansieht, dann müsste es auch möglich sein bei der Romanerstellung die Figuren an solche Deutungen anzulegen- und damit sozusagen über das eigentlich geschriebene hinaus Tiefe in die Geschichte zu legen. Das funktioniert leider nur sehr begrenzt:
Geschichten funktionieren über die Individualität der Figuren und Schauplätze und gleichzeitig über bestimmte gemeinsame Romanelemente. Die Psychologie kann individuelle Figuren mit einem glaubhaften Hintergrund und Verhalten versorgen und sicherlich, wenn man das als ein Element unter vielen anlegt, auch zusätzlich Bedeutungen hineinbringen als besondere Extra.
Gleichzeitig funktionieren Figuren, die nur psychologisch angelegt sind, nicht, weil sie nicht echt wirken (und individuell sind), oder glaubwürdig (sie machen nur das erwartete)- sie sind nur psych. Funktionen oder reine Archtypen und somit irgendwie unglaubwürdig. Das mag bei unwichtigen Nebenfiguren noch funktionieren, zu mehr reicht es aber nicht..
Wenn die Psychologie einer Geschichte zu viel Raum enthält und die eigentliche Geschichte überdeckt, dann handelt es sich eben nicht mehr um eine Geschichte, sondern um eine Fallstudie- und das ist auch weniger interessant für einen Romanleser.

Und Psychologie birgt immer die Gefahr, dass man einen psych. Ansatz so vereinfacht, dass nur noch Küchenpsychologie übrigbleibt. Das wirkt nicht als Bereicherung, sondern bietet nur Scheinbegründungen und Scheinlösungen statt einer wirklichen individuellen Auflösung oder Begründung.
Oder es wird so kompliziert, dass der Leser die Begründung nicht nachvollziehen kann, weil er dazu mindestens zehn Fachbücher lesen müsste.

Fazit:
Letztlich ist Psychologie, wenn man sie dem Leser vermitteln kann ohne zu einfach zu werden, ein wundervolles Extra. Nur ist es wie überall: Ein wenig Salz ist wunderbar, ein bisschen mehr davon führt bei einigen schon zu einem verzogenen Gesicht, und wenn man dann nachschüttet, glauben alle, man wäre in die Psychologie unglücklich verliebt.

Also Vorsicht.

Montag, 23. Juni 2008

Warum man jemanden braucht, der den Traum teilt

Schreiben ist, wie ich schon ein paar Mal geschrieben habe, ein recht autistisches Vergnügen. Einen Roman zu schreiben, kostet Monate, manchmal Jahre oder Jahrzehnte.Schreiben hat etwas von einem sehr intensiven Träumen, etwas von Rausch und vielem mehr. Denn wir verwandeln unsere Träume, die Geschichten in uns, aus uns, in Geschichten für andere- verzaubern sie mit unserer Sprache, unserer Vorstellungskraft und all den kleinen Zaubertricks aus der Schublade des Schriftstellerhandwerks. Und dann kommt eine Verwandlung, etwas aus uns entsteht neu in der schwarzen Tinte und wir sind Schriftsteller.
Nur die Zwischenzeit, wenn unsere Versuche unzulänglich erscheinen, wir wir in den Meer zwischen unserer Versuchen und dem Ergebnis unsere Hoffnung versenkt und verloren haben, dann gibt es viele Momente, wenn wir unser Traum mit jemanden teilen müssen- wie wirkliches Glück auch geteilt werden muss, damit es groß werden kann.
Deshalb ist es so wichtig, dass jemand unseren Traum mitträumt, wenn wir gerade denken an ihm zu scheitern. Und sich mit uns freut, wenn wir uns ihm annähern.

Vielen Dank an alle, die mit mir träumen....

Sonntag, 22. Juni 2008

Kurzgeschichten

Kurzgeschichten sind eigentlich eine der Königsformen der Literatur, die neben eigenen Gesetzmäßigkeiten, auch über ihr eigenen Großmeister verfügt- denn nicht jeder Romanautor kann Kurzgeschichten schreiben, und nicht jeder Autor von Kurzgeschichten kann wirklich Romane schreiben.
Die Gesetzmäßigkeiten der Kurzgeschichten sind recht kurz aufgezählt, auch wenn sie nicht zwingend sind (seit dem postmodernen Roman):
1. Es wird nur ein Handlungsstrang verwendet.
2. Der Umfang liegt maximal bei ca. 15 Seiten
3. Die Handlung findet meistens durchgehend statt und meistens an einem Ort.
4. Es gibt nur eine Hauptfigur
5. Meist keine Rückblenden
6. Die Handlung ist meist sehr verdichtet
7. Es gibt keine langen Einführungen in die Geschichte
8. Kurzgeschichte enden abrupt
9. Die Übergänge sind meisten hart

Leider sind die bezahlten Publikationsmöglichkeiten ziemlich beschränkt. Denn nur wenige Leser kaufen wirklich Kurzgeschichtenbände oder Anthologien. Es besteht aber die Möglichkeit über Kurzgeschichten einerseits erste Publikationen nachweisen zu können und über bestimmte Wettbewerbe in Kontakt mit Verlagen und Agenten zu kommen. Aber: Kurzgeschichten sind ein wunderbares Mittel, um das Schreiben zu lernen. Denn Kurzgeschichten lassen sich in recht kurzer Zeit schreiben und man kann dort viel Handwerk lernen, was sowohl für die Kurzgeschichte, als auch den Roman taugt. Das beginnt beim Sprachrhythmus, bei der Wortwahl, Stilistik, Charakterzeichnung, Satzbau, Dialoge, Spannungsaufbau und vieles mehr.
Zudem kann man über Kurzgeschichten lernen wirklich in einen Schreibrausch zu kommen, und sich so die Erfolgserlebnisse für das Romanschreiben holen- denn eine Kurzgeschichte ist oft nach ein, zwei Tagen fertig.
Und, es ist viel einfacher sich mit anderen Autoren auszutauschen, sich Kritik und Anmerkungen abzuholen, wenn man eine Kurzgeschichte hat, als einen Roman- allein vom Umfang her.
Zudem kann man über Kurzgeschichten lernen genau auf ein Seitenzahlziel zu schreiben, konsequent jeden Tag zu schreiben und über viele Rückmeldungen einen eigenen Stil zu entwickeln.

Nur mehrere Handlungen zu verbinden, Spuren über einen Roman zu legen, die ganzen Informationen zu behalten, Spannungsaufbau über eine solche Länge und vieles mehr, das kann man nur beim Romanschreiben lernen (oder vielleicht auch bei den Zwischenformen zwischen Kurzgeschichte und Roman, wie Erzählung und Novelle).

Samstag, 21. Juni 2008

Warum es eigentlich nicht Erfahrung ist, die jungen Schriftstellern fehlt...

In den letzten Jahren tauchte (mal wieder und immer wieder) der Vorwurf auf, dass man Schriftstellern zwar das Schreiben beibringen könnte, aber nicht die Lebenserfahrung, die dafür nötig wäre. Übrigens ein Vorwurf, der besonders bei Absolventen des Deutschen Literaturinstitut Leipzig aufgetaucht ist. Denn viele Schriftsteller dort besuchen das DLL in Leipzig direkt im Anschluss an ihre Schulausbildung. Aber gerade auch bei Erstlingen wird den Autoren immer wieder angeschrieben, dass dort noch die Reflektion fehlt, bzw. die Lebenserfahrung, um ihre Themen zu finden.
Hinter dieser Vorstellung steckt immer noch der Glaube, dass die meisten Schriftsteller bei ihren Themen nur aus sich schöpfen und ihren eigenen Erfahrungen. Das ich das anders sehe, habe ich ja schon vereinzelt (oder besser gesagt häufiger) geschrieben, siehe Kreativität ist ein Brunnen (wenn sie nicht eine Wüste ist)".

Ehrlich gesagt habe ich bei diesem Thread aber eine wichtige Sache unterschlagen, bzw. vielleicht war sie mir auch noch nicht bewusst genug. Ich habe nach dem obigen Thread geschrieben, dass die Kreativität letztlich eine Wegnahme unser Beobachtungsfilter ist oder eine Neujustierung. Indem wir alle Dinge neu betrachten, oder als würden wir sie gerade erst richtig kennenlernen, entdecken wir das Unbekannte an ihnen. Wir entdecken Zusammenhänge, die vorher nicht bekannt waren und geben unsere Vorurteile auf und messen unsere Meinungen an dem, was wir sehen, und nicht an dem, was wir glauben. Diese Veränderung der Wahrnehmung ist im Prinzip die Idee der Neugier, die Wiederentdeckung an unserem Interesse alles selber neu zu entdecken und die Dinge für uns herauszubekommen. Das Kindliche an uns, das die meisten Menschen irgendwann aufgeben und glauben zu ersetzen, indem sie sich wie verzogene Kinder benehmen.

Wer heute etwas sieht, und nicht versteht, der hat unendliche viele Möglichkeiten sich dem Thema anzunähern: Recherche ist im Internetzeitalter viel leichter geworden, nicht nur dank Wikipedia mit seinen wunderbaren Links, aber auch über Tagebücher, wissenschaftliche Seiten, Recherchedatenbanken, Blogs, Foren und vielem mehr. Wenn man etwas entdeckt hat, z.B. das Thema manische Depression (oder wissenschaftlich richtiger: Bipolare Störung) kann darüber jede Menge Dinge nachlesen. Und kann sich so dem Thema annähern, und auch bei Betroffenen und Fachleuten nachfragen.

Letztlich gibt es also keine Entschuldigung mehr, dass man zu jung ist. Es gibt nur die Entschuldigung, dass man nur aus sich schöpft, siehe Kreativität ist ein Brunnen (wenn sie keine Wüste ist), oder die Dinge einfach nicht sieht. Und ehrlich gesagt, dass müsste man den jungen Autoren wohl beibringen: sich nicht auf ihre Wahrnehmung zu verlassen, sondern wirklich hinzusehen und dabei die Filter in ihrem Kopf auszumachen. Dazu gehört auch die Fähigkeit Widersprüche, die uns normalerweise irritieren und verstören, lächelnd anzuerkennen. Der Mensch ist ein Wesen voller Widersprüche, und genau das macht das menschliche an uns aus. Wir sind halt nicht entweder oder, gut oder böse, sind nicht schön oder hässlich, nicht klug oder dumm. Sondern von allem ein wenig, manchmal in einem atemberaubenden Wechsel von einer Sekunde zur anderen.
Da kann ein Uniprofessor eine heimliche Leidenschaft für den Fußball haben und weinend im Fußballstadium dem verlierenden eigenen Team die unbedingte Treue schwören, und am nächsten Tag eine Arbeit über Klischees verfassen.
Eine Pädagogin weinend neben dem eigenen Kind im Supermarkt knien, weil das unbedingt die Schokolade haben möchte, und schreiend am Boden liegt, weil es das nicht haben darf. Und gleichzeitig kann die Pädagogin schreiben, sie hätte für Mütter, die ihren Kindern dann die Schokolade geben, kein Verständnis.
Ein Mauer kann eine heimliche Leidenschaft für Origami haben und harte Aktionfilme.
Oder anders gesagt: der Beruf sagt nicht sonderlich viel über unsere Vorlieben aus, über unser Verständis und auch nicht über uns. Es gehört zu einem Menschen, dass sie einerseits das eine mögen und das andere. Das wir aus Geheimnissen und Widersprüchen bestehen, ohne das das bedeutet, dass wir nicht immer der gleiche Mensch sind. Es bedeutet aber, dass jeder Mensch gerade deshalb besonders ist, einzigartig und wundervoll.

Wer das akzeptiert, mit einem Schmunzeln, den kommen die Figuren zu Hause besuchen, und erzählen ihre Geschichte. Und dann hat man Stoff für Geschichten, die reich sind, weit und wundervoll, weil sie eben über die Widersprüche der Menschen, über die Neuentdeckung vieler Dinge, und über die vielen Zusammenhänge, die sich daraus ergeben reich werden.
Und ja, das kann man auch lernen. Nur nicht unbedingt an einer Schule für Schriftsteller. Sondern am Leben, wenn man hinsieht. Und das mit Erfahrung nur begrenzt etwas zu tun, sondern mit dem wirklich Hinsehen und Wahrnehmen, dem Vertrauen auf die eigene Neugier und der Erkenntnis, dass wir alle widersprüchlich und wundervoll sind. (Naja, vielleicht nicht alle. Aber viele ;-) )

Donnerstag, 19. Juni 2008

Ken Follett: Die Tore der Welt

Dieses Buch von Ken Follett ist irgendwie wie eine Best-of-Scheibe von einem bekannten Musiker. Irgendwie hat man das alles schon einmal gehört, von diesem Musiker, und das gleich mehrfach. Und wenn man die ganzen Scheiben des Musikers nicht kennt, ist es ein richtig gutes Werk. Wer die aber schon gekauft hat, merkt, dass hier irgendwie ein paar Jahre und paar musikalische Entwicklungen wenig homogen nach Erfolg in eine Scheibe zusammengepresst wurden. Es ist halt nicht wirklich ein richtiges Album, sondern nur eine Zusammenstellung.

(Vorsicht für diejenigen, die das Buch noch lesen möchten...)
Die Grundkonstellation im neuen Follett hatte er schon mal, sozusagen gleich mehrfach verwendet. Es gibt da einen jüngeren Bruder oder Cousin, der, mit besonderer Begabung ausgezeichnet aber weniger geschätzt, sich gegen einen finanziell und in der Familienunterstützung überlegenen Verwandten stellen muss- und der ist ein wenig einfältiger, ein wenig grausamer und hat irgendwie (um ihn klar als Schurken zu zeigen) eine Vorliebe für seltsame Sexualpraktiken, meist ein Mördern, oft auch noch neidisch, bösartig und irgendwie immer wieder hilfebedürftig. Dieser Schurke hat dann eine Mutter, und zwar eigentlich immer, die ,um die schlimmen Eigenschaften des Sohnes wissend, mit Intrigen, mit Bösartigkeiten ihm seinen Lebensweg erleichtert und dem Helden immer wieder Steine in den Weg wirft- vor allem bei dessen erster Liebe.
Das alles wird ein wenig mit historischen Fakten über Dombau, Baukunst, Ritterleben, Kohleschlepper in London, Woll- und Tuchhandel, Pest und Medizin angereichert, bei denen der Held seine Geisteskraft durch besondere Stärke, Leistung, Mut und Kreativität beweist. Wobei die Themen sich unterscheiden, gut herausgearbeitet sind, aber immer auf das gleiche hinauslaufen.
Garniert wird dies immer mit einer großen Liebesgeschichte, die meist auf Jahrelanger Entsagung durch das Schicksal (in Gestalt des Bruders oder dessen Mutter) beruht. Natürlich verlieben sich aber mehrere Figuren in den Helden, manchmal sogar auch in seine Geliebte, und es gibt Kuddelmuddel- meist indem der Held etwas mit einer Geliebten/Frau/Freundin des Schurken anfängt.

Immer wieder läufen auch Kinder weg, mal von den notleidenden Eltern, vor dem bösen Vater, in der Pubertät, um sich zu verwirklichen- meist übrigens in einer anderen Firma oder im Ausland.
Dazu kommt immer noch ein paar Figuren aus der Unterschicht, bettelarm, als Kontrast zu Held und Schurken, die dann gelegentlich auch verarmen- und dort gibt es dann Gewalt, Vergewaltigung, Hunger und Mord. Und meist eine über die Freundschaft zum Helden gehende Erkenntnis von der Schurkenhaftigkeit des Schurken.
Meist gibt es Ärger mit Grafen und Klöstern, entweder die beiden miteinander in den historischen Romanen, oder gegen den Helden, in anderen Romanen sind es andere Autoritäten.
Der Anfang ist meist irgendetwas aus der Vergangenheit des Helden, bei dem recht klar das dunkle Geheimnis des Schurken auftaucht, seine Bösartigkeit, und der gute Junge ist auch immer dabei.
Im Mittelteil gibt es dann immer eine große Wendung, die Freund und Schurken trennen, beide leben erfolgreich, dann eine weitere Wende, der Held kommt zurück und der Schurke auch.
Und kurz vor Ende gibt es dann die Bestrafung des Schurken, das Happy Ende des Helden und anderer Figuren.

Oder anders gesagt: In Ken Folletts "Die Tore der Welt" geht es ein wenig so zu, wie in seinen anderen Romanen. Nur diesmal wirkt das alles nicht so, weil alles genauso ist, ähnlich, und irgendwie keine Steigerung drin ist und alles von vornherein klar.

Es fehlt, so meine ich zumindest, auch irgendwie eine innere Stimmigkeit, die in seinen anderen Romanen da- alles ist ein wenig abgelöster, ein wenig neuzeitlicher (in diesem Mittelalterroman) als in den vorhergegangenen und weniger überzeugend. Ich habe das Buch durchgelesen, war aber einfach nicht begeistert. Wobei sicherlich dazu beigetragen hat, dass die oben genannte Grundkonstellation im neuen Roman sich nicht nur bei einigen Folletts findet, sondern auch bei anderen Autoren.

Rebecca Gable, eine meiner Lieblingsautorinnen, hat "Das Lächeln der Fortuna" ähnlich fortgesetzt, wie Follett "Die Säulen der Erde", ein neues Aufguss der alten Mischung, weniger stark, weniger gut im Geschmack, handwerklich gut, aber irgendwi nur ein Aufguss.
Wobei bei Rebecca Gable und Ken Follett der Aufguss sicherlich immer noch besser ist, als die meisten Romane der Konkurrenz. Aber es ist nur ein Aufguss...

Mittwoch, 18. Juni 2008

Kleiner Nachtrag

Heute war einer dieser Schreibrauschtage, an denen man nach einigen Tagen oder Wochen die richtige Idee für eine Stelle gefunden hat (oder das zumindest glaubt) und wo dann die Seiten aus einem hinaus fliessen.
Ich habe heute jede Menge Seiten geschrieben, fast 10 Manuskriptseiten und hätte ich etwas mehr Zeit gehabt, dann wären es auch 20 Seiten geworden. Denn die Idee ist stimmig und die Umsetzung funktionierte einfach. (Wobei da natürlich noch die 7 Uhr Probe ansteht, dann mein Testquidam).

Irgendwie ist das surreale Element etwas besonderes, etwas, was über die bisherigen Planungen weit hinausführt... und gleichzeitig so vielfältig all das darstellt, wofür bisher weit mehr Raum gebraucht wurde. Eigentlich wunderbar. Es muss nur funktionieren.... siehe morgen.

Dienstag, 17. Juni 2008

Ich hab`s, glaube ich...

Da ich gerade wieder angefangen habe Morgens zu schreiben, und nun seit einiger Zeit über der einen Szenen brüte, hatte ich eine richtig bescheuerte Idee... Und nein, diesmal weiche ich ziemlich von den ursprünglichen Konzept ab, auch wenn ich gleichzeitig etwas mache, was ich wunderbar passend für das Konzept finde.
Denn ich werde meine Heldin einfach vervielfachen, und das surreale über eine Mehrzeitlichkeit bekommen. Hört sich genauso surreal an, wie das ursprünglich gedacht war... und gibt der Geschichte genau den Dreh, den ich brauche. Seltsam wundervoll, oder??

Montag, 16. Juni 2008

Folgen veränderter Wahrnehmung

Petra hat in ihrem Blog am 12.6 "Hirnchemie für Schriftsteller" einen wunderbaren Text über eine Fernsehdoku "Expedition ins Gehirn" geschrieben, in der die Herkunft der Kreativität untersucht wurde- und der mich inspiriert hat, darüber nachzudenken.
Kreativität wird in der Neurowissenschaft oft als Störung betrachtet, weil Kreativität die Fähigkeit ist bestimmte Sachen anders wahrzunehmen und deshalb anders mit dieser Wahrnehmung und der Sache umzugehen.
Üblicherweise haben wir in unserem Gehirn einen Filter, der uns hilft unwichtige Informationen direkt auszublenden und nicht zu verarbeiten. Deshalb werden viele Untersuchungen bei den sogenannten Savants durchgeführt, geistig behinderten Menschen, die eine Inselbegabung haben: Das sie z.B. das sie mit einem absoluten Gehört Musikstücke einmal hören und sofort nachspielen können, und ihr Repertoir viele Tausend Stücke beinhält. Oder das ein junger Mann der nur einmal eine Stadt sich ansieht, und diese dann in stundenlanger Arbeit nachzeichnen kann, incl. der richtigen Anzahl von Fenstern bei den einzelnen Häusern.
Gerade hier wird sehr deutlich, zu welchen Leistungen unser Gehirn fähig ist, wirklich fähig ist, wenn man einerseits bestimmte Wahrnehmungsfilter beseitigt, und andererseits gezielt bestimmte Begabungen fördert. Das soll nicht bedeuten, dass man die Leistungen eines Savants so nachvollziehen kann. Aber es bedeutet, dass wir immer noch sehr wenig über unser Gehirn wissen.

Eine der Grunderfahrungen menschlicher Kreativität ist die Leistung Dinge aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Oder anders gesagt: Bestimmte Menschen haben die Fähigkeit Dinge erst einmal zu betrachten und wirklich wahrzunehmen, in ihrer Komplexität, bevor sie überlegen, wozu dieser Gegenstand taugen könnte. Letztlich sieht man sich einen bekannten Gegenstand so an, als wäre er uns unbekannt, und wir müssten über alle unsere Sinne und Fähigkeiten erschließen: das ist die Grundlage von Kreativität.
Denn nur wenn wir einen Gegenstand nicht sofort einordnen, sofort seine Beschaffenheit, seine Nützlichkeit, seine Fähigkeiten und Möglichkeiten als gegeben betrachten, können wir manchmal entdecken, dass ein solcher Gegenstand vielleicht doch noch weitere Funktionen hat. Deutlich wird dies an der modernen Kunst. Denn auch dort werden Alltagsgegenstände oft aus dem Alltag hervorgezogen und in den Raum der Kunst übersetzt, teilweise nur in Details verändert. Und doch erscheint dort die Möglichkeit, im Raum der Kunst, einen Gegenstand wirklich neu zu betrachten.
Wenn man seine Wahrnehmungsfilter verändert, dann wird man von der Komplexität der Welt wirklich bestürmt- es ist nicht mehr so leicht alles wegzublenden. Und immer wieder ist man auch verwirrt, weil ein Gegenstand, ausgeleuchtet, ganz anders wirkt, wenn man ihn sich neu angesehen hat.
Auch die Menschen wirken anders, wenn man ihnen die Möglichkeit gibt und sie nicht als unveränderliche Wesen betrachtet, die gelegentlich ihr Aussehen verändern: denn durch die immer wieder neue Betrachtung bemerkt man viele, kleine Veränderungen. Und viel mehr, als man üblicherweise noch sehen würde.

Zudem, da hat Petra recht, führt dieses Verhalten zu einer gewissen Subversitivität. Denn wer alles nur nach den vorherigen Erfahrungen betrachtet, der kann nur auf Neues etwas neu bedenken. Wer aber alle Dinge immer wieder neu betrachtet, entdeckt immer wieder Widersprüche.
Wer sich darauf einlässt einmal nachzuvollziehen, wie man mit dem Harz4 Satz leben kann, und andere dabei betrachtet, der entdeckt dabei einerseits wie wenig Geld das ist. Aber er entdeckt eben auch, wie teuer bestimmte Dinge dann werden, und das bestimmte Dingen nicht mehr möglich sind, wie z.B. Zoobesuche (9,5 € in der reduzierten Erwachsenenkarte am Zootag, sonst 14 €), Kinokarten, Museen.
Dann kann man überlegen, wie man trotzdem die Dinge bezahlen kann- und kann bei der Tafel mal vorbeigehen und erkennen, in was für einer Gesellschaft wir leben, wenn inzwischen in Köln viele Hundert Menschen, vermutlich schon Tausende, von den Resten der Wohlstandsgesellschaft leben können- und diese Wohlstandsgesellschaft vieles wegtwirft, was gut ist.
Oder man fährt mal in ein Sozialkaufhaus für Möbel oder sieht sich mal eine Kleiderkammer an. Eine ähnliche Erfahrung übrigens.
Und wer dann mit Menschen darüber spricht, das Leben am Existenzminimum, der wird etwas erfahren, über Armut, über die Depressionen, wenn man keine Arbeit hat, über die Verzweiflung, wenn für das Kind die neuen Schulbücher anstehen oder eine Klassenfahrt. Man lernt auch etwas über das Aufgehen und Akzeptieren. Und das viele arme Haushalte über viel und moderne Unterhaltungselektronik verfügen, und das manche Leistungen gezahlt werden, wovon andere träumen (Zahnbehandlung wird eher bezahlt, genau wie Prozesskostenbeihilfe). Andererseits erkennt man arme Menschen in Deutschland inzwischen an den fehlenden Zähnen.

Die meisten Menschen glauben immer noch, dass der Harz4 Satz zu hoch ist, und das die meisten Harz4 Empfänger Schmarotzer sind. Weil sie ihr Bild nicht hinterfragen und nie ein paar Stunden in den Schuhen von Harz4 Empfängern gelebt haben- und gemerkt haben, wie hilflos man sich fühlt, wenn man von anderen abhängig ist und wie demütigend es ist, wenn man sich anstellen muss, weil man sich nicht einmal das Essen für sich und seine Familie leisten kann.
Deshalb macht Kreativität oft subversiv: Denn man entdeckt, wie viel unterschiedliches Leben es in Deutschland gibt, und wie falsche manche Bilder sind, die immer wieder wiederholt werden- nicht nur bei Harz4 Empfängern, sondern auch bei anderen. Wer solche Bilder aufschreibt, sie aufzeigt, ist es halt einfach.

Deshalb ist es wichtig seine Wahrnehmungsfilter zu ignorieren und wirklich hinzusehen- weil es die Sichtweise auf die Welt verändert.

Freitag, 13. Juni 2008

Sammlung der Kraft

Im Moment sitze ich vor einem Kapitel, dass ich irgendwann 2005 einmal geplant und bald darauf wieder gestrichen habe. Es ist eines dieser besonderen Kapitel, über die Milan Kundera in seinem Essayband "Die Kunst des Romans" geschrieben hat: das zwar direkt mit der Handlung des Romans zu tun hat, gleichzeitig aber aus dem Roman hinausweist. Eines der Elemente, die er als Kennzeichen des modernen Romans bezeichnet.
Es sind im Prinzip selbständige Passagen eines Romans, die in gewisser Weise symbolisch, abstrakt, surreal oder traumartig sein können, eine eigene Geschichte darstellen und gleichzeitig ein wenig die Geschichte des Romans neu oder anders beleuchten.
Nur gibt es da ein paar Probleme: Ich habe bisher zweimal eine solche Passage geschrieben, einmal im Jahr 2000 und einmal drei Jahre später-- und obwohl beide Stücke relativ ordentlich sind, eines davon sogar richtig gut, bin ich immer noch bei der Sammlung der Kraft.
Eine solche Passage braucht eine besondere Idee, ein eigenes Konzept. Und ganz ehrlich: Ich habe inzwischen ein paar Grundideen für diese Passage durchgespielt, und ehrlich gesagt, die richtige Idee ist noch nicht dabei.

Ich habe mit einem Fabelelement spekuliert, nachgedacht den "Standart"-traum zu verwenden, oder etwas wilder zu werden, etwas weiter zu gehen, vielleicht surreal zu werden und dabei real zu bleiben. Aber alles fühlt sich noch nicht richtig an... alles wirkt noch unfertig.
Deshalb überlege ich gerade, was zu diesen Figuren und dieser Geschichte passen würde, was genau dieses besondere ausmachen würde, ....
Letztlich braucht es wohl noch etwas Zeit, (was nicht bedeutet, dass ich mich nicht gleich daran versuchen werde...)

Mittwoch, 11. Juni 2008

Der Zürcher Literaturstreit

Der Germanist Emil Staiger (1908-1987) hat das Handwerkszeug des gesamten Faches um die Werkimmanente Interpretation bereichtert, die sich auf das Werk (ohne kulturelle Bezüge oder andere Bezugsarten) als einzigen Referenzpunkt konzentriert hat- und dabei natürlich in gewisser Weise die Biographie des Autors und andere Einflüsse auf ihn ausschloss.

In einer Rede ( hier als neu aufgetauchtes Tondokument aus dem Archiv der NZZ) 1966 anläßlich einer Preisverleihung löste er den Zürcher Literaturstreit aus. Emil Staiger stellte in dieser Rede seine Vorstellung von Literatur vor und griff direkt, vom Standpunkt des Publikums (als Souverän) die moderne Literatur an. (Die NZZ berichtete heute darüber :"In welchen Kreisen verkehren sie?")
Mit einem Horazzitat "Der Dichter will Nutzen, aber auch ergötzen" begann er seine Ausführungen, die dieses Zitat in den Mittelpunkt der Ausführungen setzte.
Er stellte die These auf, dass die Literatur dem Willen der Gemeinschaft zu dienen habe und nicht Individualität darstellen solle. Dieser Wille der Gemeinschaft wäre einerseits die Darstellung der Gesellschaft (und nicht des Individuums) und deren Probleme, wobei der Dichter durch die Figurenwahl ein "Licht" setzen solle, an dem die Gesellschaft eine Utopie über eine bessere Zukunft gewinnen könne. Dieses Licht entstünde aus dem Bekenntnis des Autors zu sittlichen und ethnischen Werten, die der gegenwärtigen Situation erhellend gegenüber gesetzt wären.
Somit kam er auch zu dem Ergebnis, dass die Kunst nicht per se Achtung verdiene und somit auch nicht der Künstler, sondern dies nur so wäre, wenn der Künstler sich eben zu diesen Werten und zum Willen der Gemeinschaft bekennen würde.

Dementsprechend argumentierte er gegen die moderne Literatur, indem er deren Figurenwahl und das soziale Umfeld dieser Figuren hinterfragte, sowie deren Individualität und Werte in Frage stellte: „Wenn solche Dichter behaupten, die Kloake sei ein Bild der wahren Welt, Zuhälter, Dirnen und Säufer Repräsentanten der wahren, ungeschminkten Menschheit, so frage ich: In welchen Kreisen verkehren sie? Gibt es denn heute etwa keine Würde und keinen Anstand mehr, nicht den Hochsinn eines selbstlos tätigen Mannes, einer Mutter, die Tag für Tag im stillen wirkt, das Wagnis einer großen Liebe oder die stumme Treue von Freunden? Es gibt dies alles nach wie vor.“ (Emil Staiger in seiner Rede)
Diffamierend waren auch seine Darstellung zum "Nihilismus", als er argumentierte, diesen müsste man sich erst einmal leisten können. Denn Nihilismus würde sich nur im Wohlstand finden, arme Leute wäre der Nihilismus fremd. Und an einer Stelle verwendete Emil Staiger in seiner Rede auch das Wort von der "Entartung".

Die Rede Emil Staigers führte, wie man bei der Weltwoche nachlesen kann oder auch bei Wikipedia nachlesen konnte, zu heftigen Reaktionen, u.a. von Max Frisch. Und Emil Staiger wurde danach ein wenig aus der Literaturwissenschaft herausgedrängt. Nun, anläßlich seines 100. Geburtstages gibt es eine Ausstellung, und einen interessanten Artikel in der NZZ, die auf das neu aufgetauchte Tondokument aufmerksam macht, sowie einen Artikel aus der Weltwoche "Engel der Geschichtslosigkeit", zu den Thesen Staigers und dessen "Rückkehr mit der werkimmanenten Interpretation" und der neuen Innerlichkeit in der Literatur, die ihm wohl gefallen würde.

Dienstag, 10. Juni 2008

Kollektives Unglücklichsein!

Erst gestern habe ich in einem Artikel von John Irving wieder einmal eine Aussage gefunden, die immer wieder im Bezug auf Autoren auftaucht und immer den gleichen Grundtenor hat: "Eine der Grundvoraussetzungen zum Autorsein ist das Gefühl unglücklich zu sein." Diese Aussage wird immer wieder variiert, mal wird eine unglückliche Kindheit als Voraussetzung für die Themen des Autoren genannt, mal persönliche Krisen oder Unglücke, meistens aber das Gefühl von Unglück, siehe zwei berühmte Zitate.
Haruki Murakami "Kafka am Strand": "Das Glück ist eine Allegorie, das Unglück eine Geschichte."
Honore de Balzac: "Das Unglück ist unser größter Lehrmeister."

In Leo Tolstois Roman "Anna Karenina" steht einer dieser Sätze, die noch bekannter als die Romane sind, in denen sie stehen, weil sie eine Tiefe haben, die eine Geschichte im gesamten nicht halten kann.
"Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich; jede unglückliche Familie jedoch ist auf ihre besondere Weise unglücklich."
Im Bezug auf den wunderbaren Max Frisch hatte ich mal geschrieben, dass unsere Geschichten immer die Fragen reflektieren, die wir uns stellen- und der Roman ist der Versuch diese Fragen nicht zu beantworten, sondern die Tiefe und Weite einer solchen Fragen zu kennen. Denn die meisten Dinge des Lebens sind zu komplex, als dass man sie wirklich beantworten könnte.
Aber woher kommen unsere Fragen (als Mensch und Autor): Indem wir Ereignisse, Krisen und Schicksalschläge hinterfragen und über dieses Hinterfragen versuchen die Zusammenhänge dieser Welt zu erkennen, zu sehen, wie andere Menschen damit umgehen und wie so etwas einen Menschen verändert.

Dementsprechend ist immer das Unglück Ausgangspunkt für eine Veränderung, gleich im dreifachen Sinne, oder zumindest ein möglicher Ausgangspunkt: Ein Unglück hat eine direkte Folge auf uns, sofort und unmittelbar- denn es geht einher mit einer Veränderung. In der zweiten Folge (zeitlich nach dem direkten Unglück) ist es das nicht mehr Vorhandensein des vorherigen Zustands und die zuerst schlechten Folgen, die uns beschäftigen. Die meisten Menschen beginnen sich zu fragen, was ist passiert, warum ist es passiert, warum musste es passieren- und unsere Versäumnisse und Fehler, die Versäumnisse und Fehler anderer, die letztlich das Unglück ausgelöst haben oder Einfluss auf die beteiligten Personen gehabt haben.
Meist erst Monate oder Jahre später kommt dann der nächste Punkt in der Skala, die Verarbeitung. Das Ereignis liegt so lange zurück, dass der Schmerz weitgehend abgeklungen ist, aber wie ein alter Freund und eine Erinnerung noch manchmal vorbeischaut und und daran erinnert. Aus dem Schmerz ist Wehmut und Trauer geworden, aber es ist nicht mehr der heiße, brennende Schmerz, nicht mehr die Wut: alles ist kleiner geworden, vielleicht etwas relativiert. Und man entdeckt, dass viele Menschen solche Schmerzen durchmachen und das es viel gleiches gibt, und das bestimmte Zusammenhänge das Unglück ausgelöst haben, die ein wenig abgelöst und fast allgemeingültig erscheinen.

Viele Menschen lassen sich beim Unglück nicht darauf ein es zu untersuchen, sondern verdrängen es, oder verzichten darauf in die zweite Phase oder die dritte Phase überzugehen, bzw. die oben genannten Dinge dann zu machen. Dafür gibt es viele Gründe: Viele haben es sich in einem gemütlichen Leben bequem gemacht, wo das Unglück nur kurz das Leben durchgeschüttelt hat- und sie etwas brauchen, bis das Kissen wieder aufgeschüttelt und das Bett wieder gemacht ist, so dass sie weiterliegen können. Andere Menschen sind so selbstbezogen, dass sie das Unglück nur als persönliche Beleidigung aufgefasst haben und sich nur darüber aufregen, dass es sie gestört hat. Wieder anderen fehlt das Gefühl für das Unglück , für ihre Gefühle, das Mitgefühl- und sie werden vom Unglück deshalb nicht berührt, sondern erleben nur die Veränderungen.
Zudem muss man erst lernen Unglück wirklich zu erleben, Mitgefühl zu erleben, denn ein Unglück wirft die meisten Menschen nur aus der Bahn, wenn es sie direkt und stark betrifft- und selbst dann ist es die Erfahrung mehrerer Unglücke, die Menschen wirklich dauerhaft verändert.

Wer sich vom Unglück verändern hat lassen, der hat begonnen die Dinge zu hinterfragen- und das Schreiben ist ein Weg, um das Unglück mit schwarzer Tinte aus seinem Leben zu schreiben. Und zwar nicht als Therapie- denn therapeutisches Schreiben ist immer nur im Stadium eines, immer selbstbezogen, sondern als Romanschreiben, also die Übertragung der Fragen und des Unglücks und die Untersuchung dessen.
Deshalb bezieht sich das Unglück als Voraussetzung des Autorseins nur auf das literarische Schreiben, und nicht auf das Schreiben schematischer Romane. Denn in denen braucht man Empathie nicht so stark, und braucht auch keine Fragen an die Geschichte.
Schematisches Schreiben genügt sich meistens selber, es braucht keine tiefgreifenden Reflektionen.

Für einen literarischen Autor ist es also richtig, dass das Unglück viele Autoren zum Schreiben gebracht hat, und sie deshalb die Erfahrung des Unglücks benötigt haben- denn wer ein rosarotes Leben lebt, der wird das Leben nicht hinterfragen.
Aber nicht alle die Unglück erleben, beginnen zu schreiben. Denn dazu muss man das Unglück ausloten, erfassen, fühlen und begreifen und über die Empathie und Mitgefühl übertragen können. Und selbst wenn man das kann, muss man all das erst einmal in einen Text übertragen können, die Kraft und das Gefühl, und auch das muss man erst lernen. Und wenn man das kann, dann muss man es groß machen, handwerklich gut, und interessant dabei sein. Dann könnte es sein, dass man ein Autor ist.

Montag, 9. Juni 2008

Thomas mit Schultüte

Wie immer viel zu spät ein Bild von mir am zweiten ersten Schultag, als meine Eltern so lieb waren mit eine neue Schultüte zu packen. (Nachdem ich am gleichen Tag im Blog noch einen Witz darüber gerissen habe). Ich habe mich wahnsinnig gefreut.


(Ich habe das Bild auch beim alten Blogeintrag eingesetzt).

Sonntag, 8. Juni 2008

Warum man sich im Internet einmal eine Rede von Barack Obama ansehen sollte

Schon in der griechischen Antike wurde die Kunst der Rhetorik unterrichtet, vermutlich schon zu Homers Zeiten, bestimmt aber im 5. Jh. v. Chr. mit den großen Rhetoriklehrern wie Gorgias und Korax.
Schon Platon stellte fest, dass in der Rhetorik zwischen den Philosophen und den Sophistikern zu unterscheiden sei. Als Unterscheidungskriterien wählte er die erkenntnistheoretische Untersuchung innerhalb der Rede und die ethnische Dimension der Rede. Somit suchen die Philosophen in einer rhetorischen Rede nach der Wahrheit, während die Sophisten versuchen mit ihrer Rede den gegenüber nur von ihren Argumenten zu überzeugen, unabhängig davon, ob diese ethnisch oder erkenntnistheoretisch richtig sind.
Diese Unterscheidung scheint mir heute noch genauso angemessen, wie damals: Denn wenn man sich die großen Redner des letzten Jahrhunderts ansieht, dann gibt es einen Martin Luther King (hier die berühmte Rede "I habe a dream"), aber auch einen Malcom X (hier eine Rede), es gibt einen Winston Churchill (Hier We shall never surrender), aber auch einen Adolf Hitler und einen Joseph Göbbels.

Auch die meisten Schriftsteller verwenden die Rhetorik oder zumindest einzelne Mittel davon für ihre Werke, mit den beiden bereits genannten Ansätzen. Manche Autoren schreiben betörend und verlockend, aber sie schreiben nicht die Wahrheit- sie schreiben sich eine Welt zurecht, die nicht wahr ist, sondern verklärt, in welcher Sicht auch immer. Andere Autoren schreiben in der hohen Kunst der Rhetorik, aber sie suchen nicht nach Erkenntnis, sondern sie erzählen etwas, was keine Erfahrung bringt- aber vermutlich sehr unterhaltend ist. Andere Autoren verwechseln Ethik mit Moral, und somit erzählen sie nicht, sondern belehren über ihre eigenen Haltungen und eigenen Einstellungen.
Und natürlich gibt es noch viele Varianten dazwischen, noch viele Möglichkeiten, denn natürlich kann man sich auf der Suche nach der Wahrheit furchbar verirren, oder etwas aufschreiben, was man für ethisch hält, genau das aber nicht ist.

Und es gibt jede Menge Autoren, die die Möglichkeiten der Rhetorik nicht ausnutzen, weil sie nicht begreifen, welche Möglichkeiten sie bietet. Andere scheitern an ihr, weil sie unter ihr den eigenen Text begraben- indem sie ihn an den falschen Stellen rhetorisch aufladen.
Wer aber wissen möchte, warum die Nobelpreisträgerin Toni Morrison (hier ein Auszug aus einer Lesung) vielleicht eine der wichtigsten Autoren (und Autorinnen) ist, mit ihrer unglaublich wundervollen Sprache und Rhetorik, der sollte sie unbedingt lesen. Der sollte aber auch im Internet nach den Reden von Winston Churchill und Martin Luther King suchen (siehe auch oben die Verlinkung).Barack Obama hat in seiner Rede "A More Perfect Union" sehr lange über die Situation und die Probleme Amerikas gesprochen. Diese Rede ist wohl eine der besten, klügsten und brillantesten der letzten Jahre oder Jahrzehnte und erklärt auch seine Nominierung.

Also seid mutig, liebe Autoren, und versucht euch an der Rhetorik- sie ist bei Lesungen ein Gewinn, und was für einer. Aber beim Schreiben ist sie etwas grandioses, die Melodie der Worte, die Kraft und die Eleganz.
Aber man sollte der Rhetorik nie gänzlich vertrauen, weil sie nur die Art ist, wie man spricht oder schreibt, und nie den Inhalt ersetzen kann- sie kann dort nur etwas vortäuschen.

Samstag, 7. Juni 2008

Gruppendynamik unter Autoren!

Wenn man einhundert Autoren in einen Raum sperrt, und wenn es nur ein Internetforum ist, dann entsteht ein gruppendynamischer Sog wie eigentlich bei allen anderen Menschen auch. Er äußert sich nur anders.
Zuerst bildet sich um einen der Autoren, entweder einen der Bekanntesten oder einen der Lautesten, eine große hierarchische Gruppe Autoren, die rasch gewisse Kriterien für die "Aufnahme" in diese Gruppe entwickeln. Dabei funktionieren diese Kriterien immer in einer Abgrenzung nach unten: also wo man veröffentlicht, vielleicht wie viele Bücher man verkauft usw..
Und weil Quantität eben nicht alles ist, wird dann noch ein qualitatives Merkmal aufgesetzt, entweder die Leidenschaft für die Hochliteratur oder die Abgrenzung gegen Autoren, die z.B. Romantic Suspence oder ähnliche schreiben. Diese Gruppe ist meist recht groß, vertritt ähnliche Ansichten und lobt sich immer wieder gegenseitig.
Rasch entsteht eine zweite Gruppe Autoren, die sich um einen Schweiger gruppieren, der aber über Einfluss verfügt. Hier werden andere Kriterien entwickelt, um sich von der ersten Gruppe abzusetzen, meist sind es Kriterien aus dem Forum: Wer trägt etwas dazu bei, und wie tut er das. Solche Gruppen sind meist recht klein.

Und weil sich dann zur ersten Gruppe eine Gegengruppe bildet, die sich aus der Konfrontation mit der ersten Gruppe bildet- und dementsprechend diese Konfrontation als Aufnahmekriterium annimmt. Diese Gruppe erkennt man an der Ablehnung qualititativer Kriterien, besonders auch in der Ablehnung von Hochliteratur.
Und weil es erst richtig lustig ist, wenn es viele Gruppen gibt, gibt es dann eine oder mehrere Gruppe, die sich meist über das gemeinsame Genre definiert. (Was bedeutet, dass hier auch Mitglieder anderer Gruppen Mitglied sein können). Und es gibt möglicherweise nach Altersklassen, nach regionaler Herkunft, nach besonderen Interessen, nach Verlagen weitere Gruppen.

Natürlich ist es bei Gruppen so, dass diese sich immer nach unten oder oben definieren und dementsprechend immer einige Autoren nicht Mitglied in einer dieser Gruppen sind. Einige dieser Autoren sind es absichtlich, andere, weil sie keine Wahl hatten.
Das alles ist wohl all jenen hinlänglich bekannt, die selber in einem Forum aktiv sind, bzw. so ein Forum mal eine Zeit beobachtet haben. Das ist jedoch erst der Anfang:

Gruppendynamik und Autorenbashing:
Besonders interessant wird es jedoch, wenn ein Autor, der nicht Mitglied dieses Forums ist, in die Kritik gerät oder sogar jemand, der eigentlich kein Autor ist, sondern nur ein Buch geschrieben hat.
Dabei scheinen einige bestimmte Kriterien solche Autoren besonders kritikwürdig zu machen:
1. Ein besonders großer Erfolg
2. Wenn ein/e Autorin recht jung ist
3. Wenn der Erfolg sehr umstritten ist, weil es einen Hype gab
4. Wenn der Erfolg von Menschen erreicht wird, die keine Autoren sind
5. Wenn dieses Buch einen Trend gesetzt hat, und dabei nicht so herausragend war, wie das oft ist.
6. Wenn ein Buch viel PR bekommt.
7. Neid
Dann wird geschlossen, in einem das Gemeinschaftsgefühl des Forums verbessernden Bashing eine Kritik formuliert, die sachlich nur schwer zu begründen ist. Dann wird polemisiert, es werden Vergleiche zwischen Autor und Figur gezogen, es werden wilde Kritiken (ohne Kenntnis des Buches) oder unfaire Kritiken (die nur auf die Schlechte des Buches abzielt) geäußert und das Buch mit Büchern verglichen, die meist deutlich besser sind (und das nach Qualität).
Die zweite Gruppe relativiert das ein wenig, ein paar andere auch, aber das Bashing geht weiter. Natürlich wird dann auch noch die PR für das Buch angegriffen, das neue Thema/ der neue Trend, und viele behaupten das Buch nicht lesen zu wollen oder sich nicht dafür zu interessieren (um sich von den Lesern dieses unsäglichen Machwerks abzusetzen).
Am Ende ist dann Stille, das Forum hat sich saturiert, hat ein neues Gemeinschaftsgefühl, dass ungefähr drei Tage hält.

Forenausschluß und -austritte:
Und es gibt noch eine Besonderheit: In einem Forum, in dem sich solche Gruppen gebildet haben, und sich eine Art Gemeinschaftsgefühl durch ein Bashing gebildet hat, werden dann die Gruppen stärker und die einzelnen Personen und Stimmen haben es schwerer.
Denn wer sich nun abweichend äußert, eine eigene Meinung vertritt, macht klar, dass er nicht mal zur Großgruppe Forengemeinschaft gehört. Er wird dann immer wieder angegriffen, wenn seine Meinung nicht konform zu einer Gruppe geht und weil er überhaupt wagt so etwas zu sagen. Potentiell gefährdet sind besonders meinungsstarke, selbstbewusste und besonders kleinteilig arbeitende Autoren, die sich meist nicht an den Gruppen orientieren oder Minigruppen bilden.
Dann beginnt nach und nach ein Exodus, weil bestimmte dieser Personen (je nach Ansehen im Gesamtforum) nach und nach "dekonstruiert" werden- wenn sie nicht aufhören ihre eigenen Meinungen deutlich zu äußern. Und es wird einer nach dem anderen angegriffen, in Piranhataktik: Wer den Fuß ins Wasser steckt, wird angegriffen und andere beißen dann auch mal Probeweise zu.
Dadurch wird das Forum meinungsschwächer und uninteressant oder uninteressanter, und die Ja-Sager nehmen zu. Weshalb dann weitere Autoren gehen, und Autoren, die solche Gruppen anziehen angezogen werden.
Chaos ist also wunderbar und kreativ, Gruppen ordnen das Chaos und vertreiben es wieder, weil das Chaos immer frei und schwierig ist. Dann ist das alles nicht mehr so kreativ, aber es ist Ordnung da. Und das ist doch irgendwie..... wunderbar, oder?

Nein.

Matt Ruff "Fool on the Hill"

Heute habe ich endlich Zeit gehabt einen weiteren Matt Ruff zu lesen, nachdem ich bei "Ich und die anderen" so begeistert war. Nur diesmal bin ich ein wenig gescheitert: Denn "Fool on the Hill" ist sicherlich kein wirklich gutes Buch.
Einerseits gibt es eine enorme Fülle an interessanten und wunderbaren Ideen, aber es fehlt ein wirklicher Fokus. Alles scheint viel zu lange nur vor sich hin zu treiben, und dabei erschlägt die Fülle ein wenig die teilweise wundervollen Ideen und Einfälle- von den vielen literarischen Verweisen einmal abgesehen.
Dabei finde ich es fast tragisch, dass die enorme Bildlichkeit einiger Szenen, die wunderbar ist, manchmal durch die Unübersichtlichkeit der vielen Figuren und Details aufgehoben wird. Genau wie einige der wundervollsten Ideen nicht wirklich ausgeführt werden, weil Matt Ruff sich scheinbar nicht entscheiden kann, was besonders wundervoll ist und was nicht.
Oder anders formuliert: Dieser Roman enthält ein richtiges gutes Buch, aber es ist nicht wirklich aus der Vielfalt herausgemeisselt worden. Was unheimlich Schade ist...

Donnerstag, 5. Juni 2008

300 und 365 und 10600

Manchmal ist ein Jahr nur ein Jahr, und manchmal eine halbe Ewigkeit. Vor genau 365 Tagen habe ich begonnen mein Blog einzurichten, und dann in der Nacht schnell jede Menge Einträge über die ersten Monate mit meinem Roman geschrieben.
Es war eine enorme Erleichterung den Blog anzufangen: Weil es gut ist Dinge einfach einmal auszusprechen oder aufzuschreiben, und dabei noch einmal über diese Dinge nachzudenken. Gerade dadurch ist mir vieles noch einmal klar geworden, viel klarer als vorher. Ich habe viel über meine Arbeitsweise als Autor herausgefunden, viele meiner handwerklichen Meinungen aufgeschrieben und dabei noch einmal von vielen Seiten beleuchtet und einiges verändert. Vor allem habe ich aber entdeckt, was mir wirklich beim Schreiben wichtig ist, mir noch einmal meine Arbeitsweise klar gemacht, und Dank vieler guter Ratschläge hier und im Autorenforum Montsegur eine Selbstsicherheit gefunden, die ich lange vermisst habe.

In den 365 Tagen habe ich 300 Blogeinträge geschrieben, was ja schon eine ganze Menge zu sein scheint. Aber es war auch viel Spaß und viel Arbeit. Ingesamt etwas über 10600 mal wurde die Seite aufgerufen, und neben den vielen Suchmaschinenroboter gab es dann doch noch den einen oder anderen, der sich wirklich für einige der Artikel interessiert hat. Die Rückmeldungen gehen in diese Richtungen.
Dafür bin ich mit meinem Roman viel weitergekommen, auch wenn man das an der Seitenzahl nicht erkennen kann- denn seitentechnisch bin ich nicht viel weitergekommen. Nur die Geschichte ist so geworden, der fertige Teil und der danach geplante Teil, wie ich mir das gewünscht habe.

Oder anders gesagt: Ein ziemlich gutes Jahr für mich....

Mittwoch, 4. Juni 2008

"Zurück in die Vergangenheit" (alt. Quantum Leap)

In meiner Lieblingsserie "Zurück in die Vergangenheit"/ Quantum Leap springt der Quantenforscher Samuel Beckett nach einem Experiment durch die Zeit und landet dabei immer wieder in verschiedenen Personen, um einen Fehler der Geschichte zu korrigieren oder der Vergangenheit eine andere Richtung zu geben.

Die meisten Zeitreisegeschichte funktionieren über bedeutenden historische Ereignisse und große Veränderungen, über Paradoxien und vieles mehr. Dieser Serie weicht wohltuend (zumindest aus meiner Sicht) davon ab. Im Zentrum der meisten Geschichten stehen historische Figuren, die für eine Serie recht komplex gezeichnet werden, und die vor wichtigen persönlichen Konflikten stehen. Diese Konflikte sind zeitlich eingeordnet und haben oft einen zeitlichen Bezug (z.B. Rassismus, Integration einer Japanerin in den 50er Jahren, Emanzipation und weibliche Lebenswelt, Meinungsfreiheit,...) Samuel Beckett springt in diese Personen hinein und versucht ihnen bei diesem Konflikt zu helfen, denn sie nicht lösen konnten- indem er über seine eigene Fähigkeiten und Wissen, Statistiken, Computer, eigene Erfahrungen und Weisheiten, seinen Freund Al und einiges mehr die Sache zu lösen.
Besonders faszinierend ist, dass die historischen Themen letztlich Teil der Handlung sind, aber nur den Rahmen bilden. Im Zentrum stehen die Figuren und ihre Situation in dieser Zeit (was etwas anderes ist, als wenn die Zeit oder ein großes Thema im Mittelpunkt steht und die Figur daneben). Denn die Handlung wird von den Figuren dominiert, ihren Entscheidungen, Meinungen und Haltungen, die Figuren sind weit und tief gezeichnet, und das bei einer solchen SF-Serie.
Ich habe heute die Sammlerausgabe der kompletten englischen Serie bekommen, (von der deutschen Fassung gibt es nur die erste Staffel), und habe heute gemerkt, dass diese Serie auch mein Erzählen sehr beeinflusst hat. Ich arbeite auch so.

Eine seltsame Erfahrung, wenn man erkennt, dass eine Fernsehserie einen solchen Eindruck hinterlassen hat- vor allem, wenn man sich die meisten heutigen Serien ansieht.

Montag, 2. Juni 2008

Warum meine Romanplanungen alle nicht funktionieren...

Wie man sicherlich an den vielen Texten über das Handwerk und meinem Studium erkennen kann, komme ich aus einem analytischen Schreiben. Was nichts anderes bedeutet, als dass ich das Schreiben und den Schreibprozess immer wieder analytisch prüfe und überprüfe und neue Möglichkeiten austeste.
Aber irgendwie ist der Schreibprozess bei mir immer intuitiv gewesen und ich habe in einer Art Schreibrausch/ bzw. in einem autistischen Vorgang, abgetrennt von der Welt, an meinen Texten gearbeitet. Das wird besonders bei meinen Kurzgeschichten deutlich, die meistens in einem kreativen "Rutsch" entstehen- solange sie nicht über 20 Seiten haben. Dann brauche ich meistens zwei Tage, wobei diese auch mal eine Zeit auseinander liegen können.

Bei einem Roman funktioniert das jedoch nicht- zumindest nicht vom Anfang an. Denn während eine Kurzgeschichte alle ihre Bezüge aus sich bezieht, funktioniert ein Roman anders. Somit muss man erst nach und nach lernen jedes Mal wieder zu diesem autistischen Schreiben zurückzukommen, und dabei vorher all die Handwerksdinge, Bezüge so zu verinnerlichen, dass man nicht darüber nachdenken muss, wenn man schreibt.
Ich habe sehr lange gebraucht, um genau das hinzubekommen, denn Schreiben ist Scheiße und man ist immer wieder sehr verunsichert, weil man ja noch dies oder das machen könnte, hier noch etwas fehlen könnte, usw..
Inzwischen ist es aber so, dass ich immer wieder bei meinem Roman fast automatisch in dieses autistische Schreiben zurückfalle- da muss man sich nur drauf einlassen, was auch wieder nicht einfach ist.
Eine Romanplanung ist beim autistischen Schreiben aber schwierig. Denn ich habe gerade einige Lücken in meinem Manuskript geschlossen und wollte nun einige bereits fertige Seiten anschließen- nur erstens muss ich dort ein wenig umarbeiten, weil der Roman einige neue oder andere Bezüge hat.
Und was viel schwieriger ist: Seit zwei Wochen schleiche ich um eine bestimmte Stelle herum, wo ich ganz genau weiß, dass etwas fehlt. Ich kann dieses Gefühl gar nicht wirklich erklären, aber vielleicht kann ich es aber beschreiben:

Ich habe die ersten neun Kapitel meines Romans mit etwas über 80 Seiten fertig, die in sich abgeschlossen sind. Sie bilden damit im Prinzip einen eigenen Bereich, mehr als ein Kapitel, vielleicht so etwas wie einen ersten Akt oder den ersten Teil (im Sinne der Dramaturgie). Und dieser gesamte Teil ist wirklich schlüssig.
Ich habe auch einige Szenen des zweiten Aktes oder zweiten Teiles geschrieben, aber der Übergang ist irgendwie noch nicht richtig. Also habe ich zuerst einige Tage versucht den zweiten Teil so umzuschreiben, dass es passt- aber es funktioniert so nicht. Ich könnte das nicht wirklich begründen, aber ich kann genau sagen, dass zwischen den beiden Teilen eine längere Passagen fehlt. Und diese muss von dem üblichen Sprachgebrauch, der Erzählweise und vielem anderen deutlich abweichen und in sich sehr geschlossen sein in dieser Hinsicht. (Wobei ich inzwischen, bei drei Romanteilen, davon ausgehe, dass es später noch eine weitere dieser Passagen geben wird).

Wenn man sich das alles ansieht, dann ist klar, warum Romanplanung bei mir nicht funktioniert- die Texte entstehen rauschhaft, autistisch, und folgen nur sehr begrenzt meinen eigenen Ideen, weil ich immer wieder merke, dass da noch etwas hinmuss, hier etwas fehlt, oder diese Entwicklung aus dem Urplot nicht mehr zu Figur und Handlung passt. Aber es ist eine Erleichterung festzustellen: Es dauert etwas länger, aber ich werde glücklich damit. Nur manchmal auch mal verzweifelt, deprimiert, traurig, verletzt, belustigt, entsetzt, verblüfft und verwundert. Aber das macht für mich mein Schreiben aus: all das.

Sonntag, 1. Juni 2008

Warum es kein Rezept für Bestseller gibt?

Die meisten Menschen brauchen dieses Gefühl von Verlässlichkeit und Sicherheit, weil sie eben genau wissen, dass das Leben so nicht ist. Deshalb versuchen viele Menschen sich über alles genau zu informieren, um ein Rezept zu finden, eine Anleitung, eine genaue Beschreibungen einer Situation oder einer Krankheit- weil sie dann wissen, was sie tun müssen und die meisten üblichen Einflüsse einordnen können. So werden in Deutschland auch unendlich viele Produkte verkauft, von Ferrero, über Waschmittel und Versicherungen.
Wenn es also ein Rezept für einen Bestseller gäbe, dann müsste man während des Schreibens nicht die Unsicherheit ertragen, ob der Roman funktionieren wird und ob er sich verkauft.
Die Zahl der Unsicherheiten würde deutlich reduziert- solange man sich an das Rezept hält. Man müsste nicht mehr überlegen, wie man etwas machen könnte, weil das geklärt wäre. Aus dem komplizierten Schreibprozess würde somit ein reines runter schreiben: Und das wäre viel einfacher und klarer.

Das hätte dann nur nichts mehr mit Kunst zu tun, sondern viel mehr mit einer Bauanleitung von Ikea. Das erkennen aber die meisten Autoren nicht, die nach so einem Rezept suchen.
Denn das Besondere an der Kunst ist dass es Hunderttausende unterschiedliche Wege zu einem Roman gibt, Hunderttausende Möglichkeiten das Handwerk zu verwenden, Million unterschiedliche Figuren und Vielfalt eigentlich überall.
Und der Autor ist es, der aus der Vielfalt einen Roman gegen seine eigene Unsicherheit, seine eigenen Ängste, Hoffnungen, Vorstellungen entwirft- und dabei gerade durch die Prüfung der eigenen Unsicherheit immer wieder perfektioniert, überarbeitet, neu plant und etwas wagt.
Grosse Romane entstehen, wenn man sich auf die vermeintlichen Sicherheiten nicht einlässt, indem man auf Schreibratgeber/andere Autoren hört und deren Ratschlag übernimmt- sondern einen eigenen Weg sucht und um so mehr Unsicherheit auf sich nimmt.

Die unterschiedlichen Wege sind nicht alle im fertigen Werk zu erkennen. Vieles ist aber im persönlichen Stil, im persönlichen Themen oder Fragen zu erkennen- und das macht Autor und Werk einzigartig, und damit das Besondere aus. Ein großer Roman braucht genau das, das Besondere, wie er auch das Allgemeine braucht. Ohne das Besondere ist es aber nur ein Roman. Mit dem Besonderen kann es manchmal mehr werden, mehr als nur ein Roman. Literatur.