Dienstag, 29. April 2008

Verstörende Anfänge

Als ich vor knapp 15 Jahren meine ersten Geschichten nach einer längeren Pause schrieb, vielen Dank an Herrn Kröner und sein "Kreatives Schreiben in der Schule", war die Erfahrung ziemlich beängstigend. Ich hatte nicht wirklich eine richtige Idee, kein Konzept, leere Seiten vor mir und nur die vorgegebene Idee "Verwandlung" als Verwandlung der eigenen Person in ein Tier. Ich habe mir also ein Tier ausgesucht, zu dem ich eine besondere Beziehung habe, und habe dann angefangen zu schreiben. Und als ich den ersten Satz hatte, war ich gar nicht mehr wirklich vorhanden, als hätte ich mich in die Buchstaben eingedreht und mich für einen Moment in den Worten gefunden und gleichzeitig in ihnen verloren. Drei Stunden später war die Geschichte fertig, und ich musste mich wieder aus den Seiten, aus den Worten auswickeln, und war ziemlich verstört, aber auch so bei mir angekommen, wie nie zuvor in meinem Leben.
Ich hatte meine Berufung gefunden, und gleichzeitig unheimlich viel Angst vor ihr. Denn auch die nächsten Geschichten für diesen Schreibkurs liefen ähnlich- und ich habe neben ein wenig absichtlichem Trash auch etwas in Richtung neuer deutscher Literatur geschrieben. Es war mir aber schon nach der ersten Geschichte klar, dass ich Autor werden würde. Weil es etwas in mir gab, was sich in den Geschichten auflöste, während das es sie erzählte. Und ganz ehrlich, es gibt nur wenige Dinge die mich so berauschen, wie das Schreiben. (Hüstl).

Aber wie es oft ist, im Leben, habe ich dann überlegt, was ich gerne schreiben will- und nicht, was ich schreiben kann. Und habe fast acht Jahre mich an Fantasytexten geschult und mit Hingabe solche Geschichten geschrieben. O.k. zwischenzeitlich habe ich mich beim DLL in Leipzig mit einem ziemlich miesen Text aus dem Bereich Gegenwartsliteratur geworben.Bis ich an einem Tag, und es ist wirklich ein nachvollziehbarer Tag des Kalenders 2001, gemerkt habe, dass Fantasy gar nicht mein Thema ist. Es war schon ein ziemlicher Schock, wenn man so viele Jahre etwas macht, was man nicht gut machen kann.Ich habe noch ein paar Wochen gebraucht, und mich dann mit den ersten neuen Kurzgeschichten auf ins Netz gemacht, um dort mit anderen zusammenzuarbeiten.Damals habe ich auch mit vielen lustigen Experimenten zum Schreiben angefangen, die ein geneigter Blogleser in meinen Handwerksthreads finden kann. Und nach gerade einem Jahr habe ich dann den Testquidam gefunden, bzw. er mich.

Montag, 28. April 2008

Abgrundtiefe Traurigkeit

Wenn man sich die Geschichte der deutschen Literatur ansieht, so gibt es während der althochdeutschen Schreibsprache (ca. 750- 1050) die wundervollen Merseburger Zaubersprüche und viele Teilübersetzungen der Bibel. Das Althochdeutsche war keine Schriftsprache, es wurden im Althochdeutschen kaum Dinge verschriftlicht oder erst für die Schrift konzipiert. Somit entsteht gerade durch die Bibelübersetzungen und durch die ersten anderen Texte im schriftlichen Medium (wie Übersetzungen und Urkunden, siehe die Karolinger) die Schriftsprache mit einer teilweise alten, teilweise aus anderen Sprachen übernommener Grammatik und Wortvielfalt.
Nach und nach, Text für Text wurde erst die Schriftsprache erschaffen, die zuerst die Bann- und Zaubersprüche fassen konnte, dann die Bibelgeschichten und später auch literarische Texte. In vielen Geschichten der Alt- und Mittelhochdeutschen kann man heute noch nachvollziehen, wie besondere sprachliche Dinge sich in ihnen ausgeprägt haben, ob nun die Perspektive (die imaginierte Weiblichkeit des Falkenliedes), die Ironie (bei Gottfried von Straßburg und Wolfram von Eschenbach) oder viele andere Leistungen der Schriftsprache.
Wenn man sich die heutige Sprache ansieht, dann gibt es immer noch bestimmte Banne und Bannsprüche aus dem heidnischen und der Bibel, die sich bis in unsere Zeit gerettet haben. Bestimmte rhetorische Figuren der Wiederholung und der Märchentypus der dreifachen Wiederholung (drei als christliches Symbol), bestimmte Wortklanggeschichten wie der Reim während der Zeilen, bestimmte Klangmuster erinnern heute noch an diese Entstehung unserer Sprache.

Vielleicht ist es auch diese Vergangenheit unserer Sprache (die sich in den meisten Sprache findet), die letztlich unsere Sprache die Magie gibt über die Zeilen hinaus etwas in uns und anderen Menschen auf diese Weise zu berühren: Zaubersprüche. Denn gerade bestimmte Klänge erreichen unser Gehirn viel direkter als Worte, beeinflussen es auf gewisse Weise und berühren unseren Verstand und das Unterbewußtsein.
Vielleicht ist es deshalb so, dass viele Menschen heute noch mittels der Sprache und der Schrift ihre eigenen Ängste bannen und sie mit allerlei Getöse versuchen zu vertreiben. Meiner Meinung nach sind viele Autoren Bannsinger, weil sie in Kommunikation mit ihren Ängsten treten, sie eingewickelt, umgeben und verhangen von Zauberbannen niederschreiben.
Das ist einer der Hauptgründe, warum ich schreibe, vielleicht sogar, warum ich noch immer da bin. Weil diese Bannlieder mir ermöglicht haben in diesen Abgrund hineinzusehen, mich hineinzufühlen, und gleichzeitig die Macht diesen Abgrund somit aus mich herauszubannen. Eine seltsame Sache, so eine Sprache.

Nun muss ich aber wieder zurück an mein Manuskript, und einen neuen Bann in meinen Text einweben, wie die Nornen und Disen. Weil mich die abgrundtiefe Traurigkeit der Depression mal wieder eingeholt hat, und ich fühle, dass ich sie vertreiben muss.

Sonntag, 27. April 2008

Warum wir viel besser schreiben, wenn wir für uns schreiben und nicht für andere

Um vom Schreiben leben zu können, schreiben viele Schriftsteller als Haus- oder Auftragsschriftsteller bestimmte Geschichten auf Bestellung für ihre Verlage "Wir bräuchten für die Reihe Freche Frauenromane noch eine Irlandgeschichte", entwickeln aus fertigen Drehbüchern zu Filmen eine Buchfassung "Das Buch zum Film" oder schreiben als Ghostwriter eine Geschichte/ Biographie für einen Prominenten (Katja Kessler für Dieter Bohlen), für einen Betroffenen "Meine Erfahrung mit Krankheit x". Wenn man sich die momentanen Vergütungen für Schriftsteller ansieht und wie wenige Schriftsteller in Deutschland davon leben können, ist das eine ganz übliche Sache. Denn es ist doch besser solche Geschichten auf Bestellung zu schreiben, oder zu ghosten, als das Schreiben nur als Nebenjob ausüben zu können.Das hört sich natürlich wunderbar an, im ersten Augenblick. Man folgt seiner Berufung und schreibt, und da man ja sowieso Romane schreibt, kann man ja mal schnell so einen Roman runterschreiben. Das funktioniert ja auch nachweislich für viele Autoren.

Ich habe vor einigen Jahren ein gutes Angebot gehabt einen Roman auf Basis eines bestehenden Exposés zu schreiben. Nur leider habe ich nicht wirklich einen Zugang zum Exposé und zu der Handlung gefunden.
Mir geht es übrigens ähnlich, wenn irgendeiner meiner Verwandten mich um ein lustiges Gedicht für eine Familienfeier bittet, jemand auf die wunderbare Idee kommt mich um eine Rede zu bitten, oder ich einen persönlichen Brief schreiben muss.

Weil es wesentlich schwerer ist für jemand anderes zu schreiben, als für sich selber, zumindest für mich. Deshalb richten sich meine Texte auch zuerst an mich als Leser- wie das die meisten Autoren tun. Denn schließlich schreibe ich meine Vorstellungen und meine Phantasien auf- die ich der Meinung bin sie zu erzählen sei meine Pflicht. Und ich schreibe meine Fragen auf, die mich beschäftigen, um die sich meine Geschichte drehen. Das bedeutet nicht, dass ich nicht immer wieder an andere Leser denke. Im Gegenteil, ich schreibe auch immer für meine Leser, beziehe sie in meine Überlegungen zum Schreiben ein, versuche sie zu unterhalten und meine Geschichte möglichst gut zu erzählen. Aber ich schreibe trotzdem zuerst immer für mich- weil Schreiben etwas autistisches hat, wie ich das ja schon einmal erwähnt habe.
Wenn ich aber eine fremde Geschichte (als Konzept, Exposé oder ähnlich), mit fremden Fragen in die Hand bekomme, dann fällt es mir schwer meine Stilistik zurückzunehmen und meine Fragen in diese Geschichte zu übertragen. Dann bin ich in einem fremden Konzept gefangen- schließlich schreibe ich ja prinzipiell ohne große Vorplanung- und muss versuchen mich selber beim Schreiben bei Stilistik und anderen Dingen zurückzunehmen.
Und dazu kommt, dass ich eben nicht für mich schreibe- das Schreiben löst sich für mich aus dem autistischen, und ich bin gefangen im Fremden, auf der Suche nach der inneren Ruhe und der Ausgeglichenheit, die ich zum Schreiben brauche.

Deshalb sind meine Texte, die ich für andere schreibe, schlechter als die, die ich für mich schreibe. Natürlich sind alle Autoren anders, aber ich habe das Gefühl, dass in den meisten dieser geghosteten Geschichten, in den Auftragsarbeiten etwas fehlt. Sie sind durchaus professionell geschrieben, viele von ihnen sind gelungen oder sehr gelungen. Aber in den meisten Geschichten fehlt das besondere, die Beziehung des Autors zu seiner Geschichte, seine Fragen. Denn nur wenige Autoren können dies in eine Auftragsarbeit rüber retten. Deshalb glaube ich, dass diese Arbeiten meist nicht so gut sind, wie eigene Geschichten.

Samstag, 26. April 2008

Ein- und Rückblenden

In den meisten Texten wird mit Ein- und Rückblenden gearbeitet, um eine Erklärung oder einen Hintergrund für eine Handlung oder für eine Figur in der Vergangenheit herzuleiten (die Rückblende), bzw. einen ergänzenden Rahmen für die Geschichte durch eine Einblende zu schaffen. Dabei wird meistens in Rückblenden psychologisch gearbeitet, indem z.B. der Hintergrund einer Figur gezeigt wird, vielleicht eine Verletzung aus Jugend oder Kindheit, die ein bestimmtes Verhalten auslöst, oder indem z.B. die Anfänge einer Handlung in der Vergangenheit gezeigt werden- die letztlich im Roman eine Bedeutung gewinnt.

Eine andere Variante ist kontrastiv zu arbeiten: In vielen Romanen gibt es eine bestimmte Grundstimmung, ein bestimmtes Gefühl, das den Roman dominiert: Das mag in einem Buch über Verschwörungen z.B. das Gefühl verfolgt zu sein, bedroht. Hier mag eine gelungene Rückblende dazu dienen für einen Moment ein anderes Gefühl zu vermitteln (Freude, Sicherheit, Harmonie), um damit das bedrohliche Gefühl danach deutlich spürbar zu machen und eine Wehmut über die Vergangenheit zu erzeugen. Darüber hinaus wird dieses Gefühl zu einem Leitmotiv, einem Anker für die Figur, um das Bedrohliche aushalten zu können.
Vielleicht wird dies auch in einer Einblende gestaltet, also als Parallelgeschichte, wobei die Einblende letztlich durch die Situation der Hauptgeschichte bedroht wird.

Eine weitere Variante ist die symbolische Ebene. Über Einblendungen wird die Bedeutung einer Situation auf andere Situationen dargestellt: Wenn die Handlung sich über ein bestimmtes Medikament dreht, dann mag in den Einblendungen nun die Geschichte einer bestimmten Figur erzählt werden, vielleicht einem erkrankten Kind. Oder es wird parallel in einer eigenen Geschichte eine Handlung erzählt, die eng mit der Haupthandlung verbunden ist: Vielleicht wie zwei Forscher in unterschiedlichen Zeitaltern das gleiche Problem untersucht haben. Diese symbolische Ebene findet sich jedoch auch in Rückblenden: Vielleicht wird gezeigt, warum ein Mensch Astrologen geworden ist, indem mit einer symbolischen Entwicklung gearbeitet wird.
Vielleicht wird auch durch eine solche Rückblende das Maß der Schwierigkeiten bei einer Verschwörungsgeschichte gezeigt, indem einmal deutlich gemacht wird, was mit der Hauptfigur passieren könnte.

Zu diesen Varianten gibt es die Krisenidee- die ich einfach mal so bezeichne. Menschen entwickeln sich meistens eben nicht gradlinig und konstant, sondern über bestimmte zentrale Konflikte in ihrem Leben. Dementsprechend ist die eng mit der psychologischen Darstellung verwandt.
Indem die Krise einer Person und ihre Reaktion darauf dargestellt wird, wird sehr viel über die Person und ihren Umgang mit Krisen dargestellt. Dies wird oft verwendet, indem bei Einblenden Figuren neben der Hauptfigur eigene Szenen erhalten, bei denen über diesen Ansatz gearbeitet wird.

Eine klassische Einblende, selten als Rückblende ausgestaltet, ist die Ereignisse, die verschiedene Figuren an einer Stelle des Romans zusammenbringen werden. Mehrere Handlungsstränge, bzw. mehrere Personenhandlungen werden nach und nach auf einen Punkt im Roman zusammengeführt.
In einer Liebesgeschichte werden zwei Figuren vorgestellt, die sich an einem bestimmten Punkt des Romans treffen werden. In einer Krimihandlung trifft die Hauptfigur diese andere Figur als Opfer- wobei die Krimihandlung stärker wird, weil der Leser das Opfer kennengelernt hat.

Eine Sonderform der Einblende und der klassischen Einblende ist eine Handlungsaufbau, indem mehrere Handlungen letztlich den gleichen Raum einnehmen, ohne das eine Handlung die anderen zwingend dominiert. Im Prinzip werden mehrere Geschichten parallel erzählt, manchmal wie bei Cunningham über Zeitepochen (The Hours) und ähnliche Figuren, bzw. bei anderen Autoren die gleichen Figuren, manchmal indem verschiedene Figuren das gleiche Erleben aber ganz andere Dinge wahrnehmen wie bei B.E.Ellis, oder indem systematisch wie bei G.R.R. Martin der gesamte Roman von ein Lied von Feuer und Eis immer von unterschiedlichen Figuren erzählt wird, die immer wieder ein Ereignis aus verschiedenen Sichtweisen berichten und so die bisherigen Erzählungen hinterfragen.

Dazu kommen sicherlich noch viele weitere Einsatzmöglichkeiten, wobei die oben genannten Formen meiner Meinung nach die üblichen sind. Ich lasse mich aber gerne verbessern.

Ausgestaltung der Einblende:
Einblenden werden meist angekündigt, damit der Leser nicht durch den Text irrt und erst nach einer Zeit erkennt, dass er nun in einer Einblendung ist. Dabei gibt es die Möglichkeit über eine Überschrift oder einen Text: Berlin 2007 die Einblendung zu klären.
Etwas eleganter ist die Variante, in die Perspektive gewechselt wird und somit klar ist, dass nun eine Einblendung kommt- was aber oft schief geht, weil der Leser dadurch auch verstört wird.
Man kann auch einfach bei einem auktorialen Erzähler nun mit dem Gedankengang einer anderen Figur verweisen, einen leicht abweichenden Ton verwenden- und damit die Einblendung klären.
Genau wie bei anderen Textteilen sollten Einblendungen, wenn sie nicht eigene Erzählweisen beinhalten, nicht zu lang sein. Weil der Leser sonst am Ende der Einblende die Haupthandlung vergessen hat. Deshalb wird oft rasch zwischen Einblende und Handlung gewechselt, z.B. nach Szenen oder Kapiteln.

Probleme der Einblende:

Das größte Problem an Einblenden ist, dass es schwierig ist Einblenden oder auch parallele Erzählweisen elegant in eine Handlung einzusetzen. Denn im Idealfall sind diese alleine durch eine abweichende Stilistik zu erkennen, die aber nicht zu dominant sein darf. Zudem ist die Frage, wann man einblendet und aus welchen Grund, ebenfalls schwierig. Und dazu kommt auch, wann hilft eine Einblendung wirklich der Geschichte, wann reist sie den Leser nur aus der Geschichte hinaus. Oder anders formuliert: Einblenden werden oft in einen Roman so eingesetzt, dass sie den Spannungsaufbau unterbrechen und so aus der eigentlichen Geschichte hinausführen. Das schadet einer Geschichte enorm. Oft tauchen Einblenden entweder willkürlich auf, oder werden immer bei bestimmten Handlungen eingesetzt, so dass entweder unklar ist, warum sie folgen, oder zu klar. Dazu kommt noch der Kardinalfehler: Gerade psychologische oder symbolische Einblendungen sollen bestimmte Handlungen begründen, die gerade für den Roman benötigt werden- so wird eine Einblendenlogik erzeugt, die nur über die Einblenden funktioniert.

Ausgestaltung der Rückblende:
Auch hier wird oft in der Überschrift oder mit einer Zeitklärung: B. Schlafzimmer, 1975 auf die Rückblende verwiesen. Im Gegensatz zu Einblenden wird in der Rückblende auch an der Grammatik für den Leser ziemlich schnell klar, dass er gerade eine Rückblende liest. Denn die Rückblenden finden üblicherweise in einer anderen Zeit statt, bei einer Präsenserzählung Vergangenheitsformen, bei einer Erzählung im Präteritum das Plusquamperfekt (PCP).
Hieraus entsteht schon das erste Problem: Gerade das PQP ist nicht sehr elegant zu lesen, mit den ganzen hatte usw..
Bsp.: Petra hatte neben dem Bachlauf die Leiche gefunden und war nach Hause gelaufen, damit sie ihrer Mutter davon erzählen konnte. Die Polizei war dann gekommen, und ganz viele Menschen hatten um den Fundort herum gestanden...
Deshalb wird meistens nach dem ersten Satz, gelegentlich auch etwas später wieder gewechselt.
Bsp.: Petra hatte neben dem Bachlauf die Leiche gefunden. Sie lief direkt nach Hause.....

Die Probleme der Rückblende:
Letztlich sind die Probleme der Einblende und der Rückblende ähnlich. Alles, was ich bei der Einblende aufgeführt habe, stimmt bis auf die eigene Stilistik auch bei der Rückblende.
Jedoch ist bei Rückblenden sehr auffällig, dass viele Autoren immer eine wichtige Charakterisierung (Handlungspunkt) vorstellen und im Anschluss dies mit einer Rückblende begründen oder eine scheinbare Tiefe geben.

Die Rückblende verführt aber zu zwei weiteren Fehlern:
Der erste Fehler ist das mit Hilfe der Rückblende der Plot geglättet wird: statt einen logisch aufgebauten Plot zu verwenden, dem die Rückblende helfen soll, tauchen Rückblenden auf, um die Logik des Plots herzustellen.
Die unerklärte Handlungsweise (und damit für den Leser unlogische Handlungsweise) wird nachträglich durch eine Rückblende erklärt- was aber nicht für einen Roman funktioniert.
Ein anderer, zentraler Fehler ist das mit Hilfe der Rückblenden die gesamte psychologische Ebene einer Geschichte begründet wird, was dann häufig in Küchenpsychologie endet: Die meisten Leser seufzen schon, wenn eine Figur in der Rückblende als Kind Tiere quält oder ähnliches.

Freitag, 25. April 2008

Die Herausforderung des sich verändernden Buchmarktes (Teil 2)

Besonders deutlich werden die Folgen dieses veränderten Buchmarktes daran, dass nur noch starke Provokationen (siehe Charlotte Roche) oder vorher schon bekannte Autoren wie Günter Grass noch Diskussionen außerhalb des Feuillitons anregen.
Im Prinzip ist der Literatur etwas besonders schlimmes passiert: Inzwischen spricht man eher von einem neuen Bestseller, als von einem ausgezeichneten (nicht nur mit Preisen) Literaturroman. Die Literatur ist zwar nicht in Gefahr belanglos zu werden, aber die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit ist ein wenig geschwunden- und damit auch ihre Bedeutung. Eine der Antwort der Literatur auf diese Herausforderung war die Popliteratur. Dabei ist die angebliche reine Oberflächlichkeit dieser Literaturrichtung nur in wenigen Romanen zu finden. Andere Bücher haben geschickt und gezielt die Markenhörigkeit aufgegriffen und versucht einen Einblick in die Lebewelt der 90er Jahre zu finden. Eine andere Antwort war die Rückbesinnung auf die Nazizeit. In der ersten Welle haben Autoren wie Heinrich Böll, Alfred Andersch. Wolfgang Borchert, Gert Leidig nur wenige Jahre nach der Nazizeit ihre Erinnerungen fiktionalisiert und damit große Literatur geschaffen. Diese Welle ebbte 1955 ab, und wurde von einer zweiten Welle gefolgt.
In den 60er, 70er und 80er Jahren wurde erneut diese Zeit thematisiert, meist von der "Flakhelfergeneration", darunter die Danziger Triologie von Günter Grass und viele andere Werke.
Danach folgten mit Beginn der 80er und während den 90er bis heute die Generation der Kriegskinder, die über diese Zeit schrieben, ob nun Hans-Ulrich Treichel, Bernhard Schlink, Julia Franck und viele anderen.
Letztlich wurde damit immer wieder eines der großen Themen des letzten Jahrhunderts neu bearbeitet: Der zweite Weltkrieg, die Nazizeit, die Verführung der Menschen und die Folgen des Krieges.

Neu hinzugekommen sind zwei andere Versuche eine Antwort zu finden: Daniel Kehlmann hat sich mit großen Menschen beschäftigt und ihre Art die Welt zu sehen und zu betrachten, sie zu bereisen und dabei ihr Geheimnis zu ergründen. Und nebenbei festzustellen, dass möglicherweise die deutsche Geschichte viel Raum für Literatur bietet (von der Nazizeit einmal abgesehen). Clemens Meyer hat in Anlehnung an amerikanische Klassiker wie Capote, Hemingway und andere die "Unterschicht" wieder in die Literatur geholt- die jahrzehntelang von vielen "Mittelschichtsautoren" vernachlässigt, wenn nicht vergessen wurde.

Natürlich hat es noch viele weitere Versuche gegeben die Literatur wieder neu zu beleben.
Der Familienroman, dem jahrelang schon die Sterbeurkunde geschrieben wurde, ist wieder da, spätestens seit Jonathan Franzen und Jeffrey Eugenides in der amerikanischen Literatur. Es gibt inzwischen jede Menge Romane über die DDR, manchmal als Krimi, manchmal als Briefroman wie bei Ingo Schulze. Und auch T.C. Boyle und John Irving haben inzwischen Autoren überzeugt, ein wenig düsterer und skurrilier zu schreiben und die Welt ein wenig anders zu betrachten.
Aber die entscheidende Frage ist nicht, ob diese Versuche tragen: Die Frage ist, was an den oben genannten Versuchen trägt, und zwar nicht wegen des Themas, sondern wegen des Inhalts.

Donnerstag, 24. April 2008

Der Unterbau der Literatur

In den letzten fünfzehn Jahren hat sich langsam ein recht breiter Unterbau der Literatur entwickelt, in dem unerfahrene Schriftstellern jede Menge Erfahrungen machen können. Das beginnt bei den vielen OpenMikes und Autorengruppen in vielen Städten, es gibt auch die verschiedenen Kurzgeschichtenforen im Netz, es gibt Schreibratgeber, es gibt eine reichhaltige regionale Leseszene und verschiedene Ausbildungen zum Schriftsteller (wie das DLL, den Bachelor an der Uni Heidelberg) und Veranstaltungen wie die Bundesakademie oder über regionale Kulturverbände.
Im Bereich Veröffentlichungen gibt es eine enorme Anzahl von kleinen Literaturzeitschriften, es gibt die Anthologien und Fanzines, es gibt die Zeitschriften und Zeitungen, es gibt Wettbewerbe und vieles mehr.
Und dann kommt der semiprofessionelle und professionelle Bereich mit den kleinen Verlagen, den Spezialverlagen, den mittleren Verlage und den großen Publikumsverlagen.
Verschiedene Faktoren bestimmen hier, wer wo veröffentlicht wird, und da ist Marketing- und Verkaufsmöglichkeiten das wichtigste Kriterium und danach erst die Qualität der Texte.

Dabei ist der Unterbau der Literatur enorm wichtig:
Die meisten Verlage akzeptieren z.B. die unverlangten Manuskripte, weil sie genau wissen, dass unerfahrene Schriftsteller immer auch Leser sind. Und ein enttäuschter Schriftsteller wird vermutlich nicht nur die Bücher eines Verlages nicht kaufen, er wird auch andere über diese Geschäftspraxis informieren- und solche schlechte Werbung ist schwierig zu beheben. Zudem gibt es viele Menschen im Literaturbereich, die mit viel Engagement Literatur bewerben, verkaufen, Lesungen organisieren, andere motivieren- und viele davon haben es als Schriftsteller versucht, weil sie Bücher lieben. Und die zu verlieren, kann sich kein Verlag leisten- und vor allem nicht wegen den unverlangt eingesandten Manuskripten.
Und die meisten veröffentlichten Autoren haben auch mal Verlage mit schlechten Manuskripten "belästigt". Und ganz ehrlich, die Verlage würden auch riskieren, dass diese Autoren später genau bei solchen Verlagen nicht mehr veröffentlichen.

Letztlich ist aber einiges gleich geblieben:
Es gibt eine ganze Reihe Talente (Wie Beobachtungsgabe, Sprachgewalt, Sprachgefühl, Vorstellungsgabe, Einfühlungsgabe, Kritikfähigkeit, ...), die als Basis vorhanden sein müssen. Denn ohne diese Grundbasis kann das Handwerk gar nicht greifen. Auf diese Basis können dann mittels Handwerk einige Defizite ausgeglichen und auch einige Stärken auspoliert werden- was jede Menge Arbeit, Mut, Selbstvertrauen und vor allem Standfestigkeit und Willen erfordert. Dazu gehört auch Frustrationstoleranz und letztendlich die Fähigkeit im Unfertigen das Gute zu erkennen. Aber erst wenn das Handwerk in die Intuition übergeht, und sich so aus dem Handwerk etwas selbstverständliches entwickelt, ein eigener Stil entsteht, ein tiefes Verständnis für den eigenen Roman, für Handlung und Figuren, für Spannungsaufbau und Pointen, für den Einsatz von Perspektive und mehr, dann kommt man in den Bereich größerer Veröffentlichungen. Bei vielen Autoren dauert diese Zeit bis zum Übergang des Handwerks in Intuition fünfzehn Jahre, andere haben so viel Talent oder so viel intuitiv aus dem Lesen übernommen, dass es viel schneller geht.

Auf diesem Weg fallen insgesamt 90-98% der Anfänger aus dem Bereich Schreiben weg, genau wie bei den meisten Künsten. Manchen Autoren fehlt es an Grundbasis, andere sind talentiert und scheitern am Durchhalten oder der Frustrationstoleranz.
Letztlich dient der Unterbau nicht dazu diese Autoren alle in den Bereich potentielle Veröffentlichung zu bringen. Der Unterbau dient vor allem dazu die guten Jungschriftsteller zu fördern und zu unterstützen, bei der Ausbildung zu helfen, damit sie irgendwann ankommen. Denn die Selektion kommt, weil die Menschen gerne Geld für gute Bücher bezahlen, aber ungern viel Geld für schlechte Bücher- und ohne Selektion würde weniger gelesen, wenn man immer befürchten müsste, dass man für viel Geld nicht das bekommt, was man eigentlich haben möchte.

Wenn in Chile alle Kinder ein Instrument lernen, will Chile damit eine Möglichkeit/Perspektive anbieten und darüber die Kinder in die Lage versetzen an sich und der Herausforderung zu wachsen. Inzwischen gibt es immer mehr Orchester und Einzelmusiker aus Chile, die sich international durchsetzen- weil einfach das Einzugsgebiet für Musiker viel größer ist und die Grundfähigkeiten viel systematischer gefördert werden.
Durch die breite Förderung wird die Spitze deutlich verbessert, der Durchschnitt und die Mitte. Und viel mehr Menschen haben eine Zugang zur Musik.
Wenn man das auf den Fußball überträgt: Ohne die unteren Ligen (und Jugendligen) würden die Zuschauer nicht mehr zu den Spielen der Bundesliga und Championsleague kommen. Weil die meisten Menschen den Sport irgendwann selber ausgeübt haben, selber gespielt haben (und deshalb die Regeln kennen), und verstehen, welche Leistung so ein Spieler erbringt.
Und je besser die Nachwuchsförderung ist, desto besser ist die Qualität in den oberen Ligen- und je besser werden die unteren Ligen. Und genau das führt dazu, dass die Sportart insgesamt beliebter ist. Denn der Fußball lebt eben nicht nur von den Profis, sondern genauso von den Ehrenämtlern, die die E-Jugend trainieren, von den Eltern, die ihre Kinder anfeuern, von der Kreisklasse, wo Menschen einfach gerne Fußball spielen und abends dann die Sportschau schauen oder ins Stadiun gehen.

Dienstag, 22. April 2008

Die Herausforderung des sich verändernden Buchmarktes (Teil 1)

Ich verfolge ja schon seit einigen Jahren die Feuilltons deutscher Zeitschriften und die dort publizierten Artikel über den Buchmarkt und die schöne Literatur. Dabei ist in den letzten Jahren immer wieder auf vielfältige Weise die Zukunft der Literatur mit ziemlich schwarzer Druckfarbe kassandriert worden.
Die Vorschläge passen dann auch zu diesem Gefühl, dass die Literatur auf dem Markt eine schwierige Position hat- und das diese Literatur aber eine wichtige Funktion in unserer Gesellschaft hat. Und irgendwie grassiert das Gefühl, dass die Deutsche Literatur nur noch über bestimmte (ältere) Autoren wahrgenommen wird, wenn wirkliche Personen für einen Roman gebillert werden oder über die weiblichen Feuchtgebiete rochiert wird. Von einigen, wenigen Ausnahmen einmal abgesehen- sowohl im Fernsehen mit Druckfrisch und Elke Heidenrich, als auch bei jungen, deutschen Autoren wie z.B. Daniel Kehlmann.

Eine der grundlegende Änderungen des Buchmarkts beginnt in den 70er Jahren, als z.B. in den USA die Bestsellerlisten immer mehr von bestimmten "Bestsellerautoren" dominiert werden. Dabei handelt es sich um Autoren und Autorinnen, die meist in einem bestimmen Genre schreiben und mehr oder minder anspruchsvolle Unterhaltungsliteratur produzieren. Diese hat aber mit Trivialliteratur nicht mehr viel gemeinsam. Denn diese Literatur richtet sich an einen Leser, der gut geschriebene Romane liest, die ihn aber nicht mit Fragen an die Welt/ an die Geschichten beschäftigen, sondern mit gut komponierter Spannung, interessanten Handlungen und interessanten Figuren unterhalten. (Die Entwicklung der Blockbusterfilme verläuft übrigens etwas zeitversetzt, aber nach dem gleichen Muster).
Diese Entwicklung trifft die Literatur besonders, weil diese Bestsellerautoren sich oft an die gleiche Zielgruppe richten, die auch die schöne Literatur lesen.
Die Gründe für diese Entwicklung sind noch nicht hinreichend untersucht: Vielleicht hat es mit der sich verändernden Arbeitswelt zu tun, die immer komplizierter wurde und so ständige Aufmerksamkeit erfordert- so dass gerade Entspannung einen wichtigeren Stellenwert bekomme hat.
Wahrscheinlich hat es auch mit Entwicklungen im Bereich des Films und Fernsehens zu tun. Denn die dort verwendeten Handlungsmuster finden sich auch immer wieder in den neuen Bestsellern- und die Macht der Gewöhnung ist viel stärker, als man denkt. Es hat sicherlich auch etwas mit Marketing zu tun, weil es natürlich sehr viel einfacher ist eine Handvoll Superbestsellerautoren
zu vermarkten, also sehr viel mehr Bestsellerautoren. Dies geht einher mit einem veränderten Verkaufsverhalten bei Büchern, der Entstehung großer Buchhandelsketten und den großen Einkaufszentren, den Zusammenschlüssen von Verlagen und vielem mehr.
Und es gibt noch viele Entwicklungen, die dies sicherlich weiter voran gebracht haben: Gerade beim Horrorgenre gibt es einen "Schweinezyklus"- immer wenn gerade besonders schlechte politische Situationen auftauchen, kommen die Urängste über den Horror zurück. Auch der Eskapadismus der Fantasy und die Zukunftsvisionen der SFI, mal düster, mal positiv utopisch, folgen bestimmten gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen- nur der Krimi und die Neugier auf das "Böse" haben sich von solchen Schweinezyklen längst abgekoppelt.
Dazu kommen Entwicklungen bei der schönen Literatur, die ebenfalls die Leser ein wenig vertreiben. Es gibt in der schönen Literatur der späten 70er und 80er Jahre den Versuch den Roman, die Spannung, die Perspektiven und eigentlich alles andere zu hinterfragen. Die Romanstruktur wird aufgebrochen, gleich vielfach, und dies war für die meisten Leser ein Schock: Denn wenn ein Zauberer seine Tricks offenlegt, dann ist das vor allem Desillusionierung- was viele Autoren unterschätzt haben.
Andererseits gibt es das Phänomen, dass die großen Erzähler der schönen Literatur weiterhin erfolgreich waren und neue, große Erzähler hinzugekommen sind.

Montag, 21. April 2008

Infodumping

Wenn ich als Autor eine Geschichte erzähle, dann brauche ich eine gewisse Grundbasis an Informationen. Diese Informationen kann ich auf verschiedene Weise in einen Text einbringen: Ich kann z.B. mit einer Rückblende einer Handlung einen Anfang oder eine Begründung geben, ich kann eine kurze Erläuterung über die Fabrikation einer Ware über eine Führung einfügen und vieles mehr.

Leider gibt es da aber verschiedene Grenzen für die Informationseinbringung:
1. Die erste Grenze ist die Perspektive: In der Ich-Perspektive kann ich nur das schildern, was meine Figur sieht oder weiß, und kann nur an die Orte als Autor gehen, wohin meine Figur auch geht.. Somit ist z.B. diee Schilderung des eigenen Aussehens immer schwierig, weil, wer sieht sich schon selber an. (Deshalb gibt es da meist einen Spiegel...) Ich kann auch nur über Umwege die Gedanken des Schurkens oder seinen üblen Plan dem Leser erklären.
2. Die zweite Grenze ist die Glaubwürdigkeit (der Figur): Für bestimmte Zusammenhänge brauche ich Fachleute. Wenn ich eine Figur über die griechische Vasenmalerie in der Antike sprechen lasse, muss ich vermitteln, warum diese Figur das weiß. Ich muss an anderen Stellen auch erklären, warum eine Figur sich noch einmal ihre Wohnung ansieht (wenn ich eine Beschreibung brauche)- und das ist auch nicht so einfach
3. Die dritte Grenze ist die Glaubwürdigkeit (der Geschichte): Ich muss Informationen so in einer Geschichte unterbringen, dass dies Glaubhaft ist. Viele Autoren schaffen eigene Szenen, nur um kurz die wichtigen Informationen unterzubringen, indem sich z.B. zwei Figuren über etwas unterhalten, hier als Beispiel der Bondschurke, der James Bond immer seinen geheimen Plan verrät.
Schon am Beispiel wird klar, dass viele dieser eigenen Szenen unglaubwürdig sind.

Wenn Informationen in ihrer Romanvermittlung gegen diese Grenzen verstoßen, spricht man vom Infodumping.
Deshalb sollte man genau überlegen, welche Informationen wirklich wichtig sind- und welche nicht. Denn Informationen sind nicht ganz einfach in einer Geschichte unterzubringen.
Ich muss auch sorgfältig auswählen, aus welcher Perspektive ich eine Geschichte erzähle- denn wenn ich Gedankengänge des Schurkens brauche, muss ich wahrscheinlich von der Ich-Perspektive des Heldens weg- es sei denn, ich habe eine gute Idee, wie ich das hinbekomme.
Dann sollte ich mir überlegen, wie ich Informationen in eine Geschichte einfüge: Brauche ich eine Vase, bringt jemand Blumen mit. Brauche ich eine Wohnungsbeschreibung, muss ich mir überlegen, wie ich das mache.
Je nach Information muss ich manchmal Nebenfiguren bauen- aber wenn ich die nur als Informationsschleudern mißbrauche, schwäche ich den Roman. Also brauche ich eine Geschichte dazu, muss die Figuren in der Geschichte verankern.
Ich muss auch überprüfen, in welchen Szenen ich Informationen unterbringen kann, und diese dabei einstreuen- während gleichzeitig eine wichtige Handlung abläuft.

Wer glaubt, das wäre einfach, der hat noch keine Erfahrung. Ich arbeite immer wieder an guten Ideen, wie ich eine Info in die Geschichte bringe.

Sonntag, 20. April 2008

Unnützes Wissen

Erst heute bei einem Brunch in einem bekannten Düsseldorfer Restaurant habe ich festgestellt, dass ich eine enorme Menge unnützen Wissens gesammelt habe. Neben dem Waschbecken standen 12 Fakten, die besonders unnütz und interessant waren: Ich kannte sechs davon, sechs.
Ich kenne einige der Champagnerflaschengrößen über Magnum, weiß, wie der Drahtbügel an Sekt- und Champagnerflaschen heißt (Agraffe), kenne jede Menge seltsamer Krankheiten mit einer Spezialisierung auf Parasiten, habe mich in die alte Handwerke eingelesen (treideln ist der Fachausdruck für die alte Technik ein Schiff an Tauen über Ochsengespannen einen Fluss hochzuziehen), habe ein großes Interesse an witzigen Zufällen der Geschichte (wie die Entwicklung des BGB aus dem Code Civil von Napoleon) und habe einen enormen Spaß an Sprichwörtern und ihrer Herkunft.
Ich habe mich eingelesen, wie früher Wolle verarbeitet und gefärbt wurde, kenne mich mit der Papier- und Pergamentherstellung aus, habe mich mit verschiedenen alten Techniken um Farben herzustellen beschäftigt. Genauso weiß ich um die Verwendung von Aludecks bei modernen Kreuzfahrtschiffen, habe seit Jergin Ahnung von der Geschichte des Ölgeschäfts.
Ich weiß z.B. das Einstein nie schlecht in Physik und Mathe war, auch wenn das immer wieder behauptet wurde. Ich kann begründen, warum und wer die Pflanzen nach ihren Blütenständen klassifiziert wurden und kann die Bedeutung von Haustieren und ihren Krankheiten (Pocken (Rinder), Grippe (Vögel)) auf die Erfolge der Conquistadoren erklären.

Oder anders gesagt: Ich habe eine unvorstellbare Sammlung unnützen Wissens zusammengestellt. Und überraschenderweise habe ich einen nützlichen Weg gefunden dieses Wissen zu verbreiten, um Menschen damit zu belästigen. Ich verwende diese Informationen manchmal in meinen Texten.
Ich schicke eine Agraffe auf die Reise, erzähle etwas über Sprichwörter und vieles mehr. Ich bin eine Nervensäge der unnützen Wissens.

Samstag, 19. April 2008

Computercrash

Ich habe mal wieder an meinem Windows-PC Mist gebaut, und bei der Installation einer Firewall einen Trojaner in Quarantäne geschickt, der leider an ungünstiger Stelle saß... Und so ist mein PC nun leider seit Freitag nicht mehr in der Lage hochzufahren, trotz verschiedener Bemühungen dies zu beheben. Glücklicherweise hatte ich die meisten Daten am Vortag auf meine externe Festplatte gezogen und mein Manuskript noch mal ausgedruckt.
Weg sind dementsprechend die letzten Emails, was sehr ärgerlich ist, und einige wichtige Mailadressen, sowie ein paar andere Dinge. Aber es ist immerhin kein vollständiger Verlust wie schon vor einigen Jahren. Datensicherung ist halt was feines.
Ich habe also meinen kleinen Mac geschnappt und den wieder mal auf den aktuellen Stand gebracht, mit der externen Festplatte und dem neuen USB-Stick. Ich musste dann nur noch einen USB-Hub kaufen, einen Adapter für den Flachbildschirm und Kleinkram.
Deshalb habe ich es auch nicht hinbekommen etwas in den Blog zu schreiben....

Donnerstag, 17. April 2008

Die Bedeutung des Zufalls

Oft genug gehen wir "einfach so" in ein Café und lernen dort jemanden kennen. Und vielleicht ist es dieses Kennenlernen, das unser Leben eine ganze Zeit bestimmt. Warum wir in dieses Café gegangen sind, erscheint oft aus einer Kette entweder von Zufällen oder logischen oder fremdbestimmten Entscheidungen zu bestehen, wobei dies von der Sichtweise auf das Leben abhängt.

Die Literatur ist ein fiktionalisiertes Leben. Die Komplexität eines wirklichen Lebens muss für ein Buch reduziert werden, sowohl in der Darstellung der Situation, als auch in den Motiven, Gründen und Entscheidungen- und diese Reduktion ist gleichzeitig eine Verdichtung. Denn gerade durch die Auswahl entsteht eine besondere Deutlichkeit, eine besondere Stärke- die immer aus der Reduktion entsteht.
Gerade diese Grundsituation der Literatur macht es jedoch schwer den Zufall in Romanen unterzubringen. Denn wenn eine Figur durch eine Reihe von Zufällen durch einen Roman geht, dann erscheint sie schwach und ihre Motive erscheinen schwach. Dies muss dann durch die Tiefe der Figuren und der Charakterisierung aufgehoben werden. Aber: Diese Entscheidung für die Fremdbestimmtheit wirkt oft wie eine Moral der Autoren.
Das soll nicht bedeuten, dass der Zufall an sich für einen Roman ungeeignet ist. Denn wer alles begründet, jeden Schritt determiniert und bestimmt wird, macht die Figuren ebenfalls schwach: Weil das entweder nicht glaubwürdig ist, oder sie ebenfalls fremdbestimmt wirken.

Somit wird oft gesagt, dass der Zufall in jeder Geschichte eine Nebenrolle spielt und das auch darf. Denn Fremdbestimmtheit ist eben ein schwieriges Thema für einen Roman. Deshalb wird oft der "Deus-Ex-Machina" (DEM) als besonders ärgerlich empfunden. Im DEM wird an einer entscheidenden Stelle der Geschichte, dem Höhepunkt oder einem Wendepunkt, die Handlung von außen aufgehoben. Wie im antiken Theater auf dem Höhepunkt die Götter an Seilen einschwebten, erscheint zufällig eine Heilerin im Fantasyroman und rettet den fast tödlich verwundeten Helden (alt. Magie oder der magische Gegenstand, der den Held rettet), die Polizei erschießt den Schurken, der noch schnell seine Lebensgeschichte erzählt, bevor er den Held erschiessen will, oder eine Pistole klemmt, jemand gesteht ohne erkennbaren Grund eine Tat, was auch immer. Aber immer etwas, was sich nicht direkt aus der Handlung ergibt, und diese letztlich auch in gewisser Weise beendet.

Eine andere Variante ist der zufällige Handlungsschwenk. Die Handlung läuft logisch auf ein bestimmtes Ereignis zu, und auf einmal taucht gerade dann etwas neues auf: Vielleicht ein Unglück, ein Sturm, vielleicht wird jemand überfahren. Die Handlung verändert sich deshalb und nimmt eine neue Bahn, ohne das aus der Handlung oder aus den Figuren zu begründen. Das wird oft eingesetzt, um Spannung zu erzeugen, wirkt aber meistens anders. Auch ziemlich ärgerlich ist, wenn der Detektiv eine lange Zeit den Mörder jagt, aber letztlich einen Zufall benötigt, um den Mörder dingfest zu machen. Alle seine Kräfte und Helfer reichen nicht aus, aber dann taucht auf einmal etwas auf, was vorher nicht erwähnt wurde. (Die Sondersituation ist, wenn dieser Zufall thematisiert wird und gerade dies die besondere Schwere der Situation ausmacht- und zwar auf einen stark figurenbezogenen Plot hingeschrieben).

Andererseits kann der Zufall aber auch die Position einer "Nebenfigur" übernehmen: Denn manchmal entsteht die Grundsituation eines Plots aus dem Zufall. Entscheidend ist hier aber in wie weit das thematisiert wird, und wie die Figuren dabei agieren. Wer Figuren an Zufällen wie Perlen durch einen Roman zieht, der braucht viel Spannung um das zu verdecken.
Wer aber die Bedeutung des Zufalls thematisiert und über ansonsten starke Figuren den Zufall aufbaut zu einer Nebenfigur, mag gerade dadurch viel Gewinn für den Roman ziehen. Denn manche Sachen im Leben brauchen den Zufall, um herauszukommen....
Nur bitte nicht wieder ein Geheimnis im Sinne einer Verschwörung. Da wird immer der Zufall bemüht, und meist wird der Zufall auch Handlungselement. Das wird aber nicht hinterfragt, nicht begründet, und (oft) auch nicht geändert.

Aber wie wird der Zufall zur Figur: Wenn ein eigener Handlungsstrang die Geschichte des Zufalls ist, und in den anderen Handlungssträngen, die eben nicht zufällig sind, die Hintergründe des Zufalls offen gelegt werden und damit der Zufall in Teilen aufgehoben wird.

Mittwoch, 16. April 2008

Wieder ein Kapitel fertigt!

Im Moment mangelt es mir weder an Inspiration, noch an Ideen. Das Manko ist mal wieder die Zeit.Denn heute morgen habe ich einen entscheidenden Schritt gemacht, um endlich den Übergang der fertigen Manuskriptseiten hinzubekommen. Denn zwischen dem Anfang (dem ersten Buch) und dem Mittelteil (das zweite Buch) klaffte vor einigen Wochen noch ein mächtiges Loch, sowohl von der Spannung her, als auch von der logischen Folge. Nun habe ich mit einigen Seiten dieses Loch geschlossen und nach und nach mit starken Stellen aufgefüllt, ergänzt und vertieft. Und ein wenig Humor ist auch noch dazugekommen.
Nun fehlt eigentlich noch ein Kapitelende, eine narrative Zusammenfassung, ein Übergang und eine Szene, bevor ich ein letztes Kapitel schreiben muss, dass wieder recht düster wird, dafür aber sehr kurz, was meine Heldin auf die Reise schickt.

Oder anders gesagt: Ich schreibe mich immer mehr an den zweiten Teil heran, und was ich schreibe, ist wesentlich besser als das vorherige- wie immer, eigentlich. So langsam habe ich das Gefühl, ich könnte bis Sommer dann doch noch die beiden Bücher zusammenführen, und noch das zweite Buch bis zu seinem Höhepunkt führen. Das wäre auch mal ein Satz in Richtung Ende.

Es ist Zeit zu feiern, ein paar Sekunden lang, und dann noch ein bißchen zu arbeiten.

Dienstag, 15. April 2008

Billige Schuhe

Ich bin gestern bei einem Spaziergang mit meinen drei Monaten alten Wanderschuhen in eine Pfütze getreten. Nachdem ich dann mit nassen Socken eine Zigarette geraucht habe, wurde mir eines klar: Es gibt einen Grund, warum diese Stiefel nur die Hälfte gekostet haben.
Und mir wurde klar, dass ich unbedingt die eine Szene zu Ende schreiben muss. Sonst komme ich einfach nicht dazu mir endlich neue Schuhe zu kaufen. Weil ich bekloppt bin.

Montag, 14. April 2008

Konflikt oder Aktion

Fernsehsender haben in den letzten Jahren ihre Programmpolitik umgestellt. Teure Filme und Serien wurden immer weiter aus dem Programm genommen, weil viel preiswertere Programme wie Dokusoaps, Castingshows und preiswerte Comedyserien ähnliche und teilweise bessere Einschaltquoten haben. Gerade sehr anspruchsvolle Filme und Serien sind in den letzten Jahren in Deutschland immer wieder gefloppt, während auch die xte Dokusoap (Die Auswander, die Rückwanderer, der Zoo xy) eigentlich recht gut und stabil läuft.
Verschiedene Untersuchungen u.a. von großen Hollywoodstudios haben herausgefunden, dass viele Konsumenten gar kein Interesse mehr an komplizierten Serien und Filmen haben.

Gerade wenn ein Film viel Aufmerksamkeit fordert, weil er ein kompliziertes Erzählmuster hat, floppt er. Filme mit vielen Aktionsequenzen dagegen, die nur minimal mit Handlung erklärt sind, funktionieren. Genau wie Horrorfilme immer brutaler werden, damit sie noch schocken. Das liegt u.a. daran, dass Computerspiele häufig andere Erzählmuster verwenden: Aktionsequenzen, wenig verbindene Erklärungen (wobei es auch Ausnahmen gibt). Das liegt daran, dass viele junge Leute (siehe meine Blogeinträge) gar nicht mehr die Konflikte nachvollziehen können- genau wie sie immer mehr an Provokationen und Gewalt gewöhnt sind und nur die Qualität der Brutalität noch funktioniert und nicht mehr die Provokation der Gewalt an sich.
Natürlich kann man das nicht eins zu eins auf das Schreiben übertragen: Denn gerade Romane führen die Leser ja in bestimmte Handlungs- und Spannungsmuster ein.
Gleichzeitig bedeutet dies aber, dass bei Unterhaltungsromanen wesentlich mehr Handlung, mehr Höhepunkte, mehr Aktion kommen muss, die Motive deutlich gemacht werden müssen (und dabei viel erklärt) und gleichzeitig ruhige Stellen ausgekürzt werden müssen. Das ist sicher nicht neu, aber wer für eine junge Zielgruppe (besonders Wenigleser) schreibt, muss halt noch etwas mehr machen.

Bei anspruchsvollen Romanen wurde natürlich auch schon einiges gemacht. Hier wurden oft viele erzählende Stellen statt Szenen verwendet, und es wurden oft über unterschiedliche Perspektiven das Gefühl von Schnelligkeit erzeugt, sowie durch mehr Aktion und mehr Motiven verdichtet.
Die Frage ist aber, wie lange diese Bewegung noch andauert, und ob es wirklich richtig ist so vorzugehen. Vielleicht müsste man gleichzeitig einfach versuchen die Provokationen und Konflikte besser zu erklären. Vielleicht müsste man in den Beschreibungen mehr auf Details zu gehen, statt breite Aufnahmen zu machen.
Vielleicht wäre es auch wichtig, mehr szenisch zu arbeiten.

Ich bin mir nicht sicher.

Samstag, 12. April 2008

Prämisse nach Frey oder Fields

Eine "Prämisse" ist eine besonders abstrakte Form, indem eine Grundidee entworfen wird, die Basis der (späteren) Kurzzusammenfassung und des (noch späteren) Exposé ist, wobei diese beiden Formen letztlich die Grundidee ausgestalten, mit Figuren und Handlungen ausbauen und zusätzliche Motive ergänzen.

Bsp.: "Romeo und Julia"

Prämisse nach James N. Frey (mehr zu Frey und seinem Buch hier):
Unglückliche Umstände führen dazu, dass eine Liebe ins Unglück führt und tödlich enden kann.

Prämisse nach Fields:
Wenn Sohn und Tochter verfeindeter Familien sich ineinander verlieben, dann kann die andauernde Feindschaft dieser Familien diese Liebe im hier und jetzt unmöglich machen. Wenn sie deshalb vor ihren Familien fliehen wollen, um ihre Liebe leben zu wollen, dann kann stellt sich oft heraus, dass man aus seiner Vergangenheit nicht fliehen kann, und das der Versuch zum Scheitern verdammt ist.

Dabei ist eine "Prämisse" durch seine Form viel offener für eine Ausgestaltung, weil hier zu einer "Prämisse" hunderte Geschichte passen, während durch jeden Konkretisierungsschritt die eigentliche Romanhandlung mehr Form gewinnt. Dementsprechend kann man gerade durch die abstrakte Form sehr gezielt ein Exposé oder eine Kurzzusammenfassung anhand der Grundidee entwickeln.
In der Umsetzung ist eben oft nicht zu erkennen, womit der Autor angefangen hat, weil man die meisten Geschichten auf eine "Prämisse" zurückführen kann- wenn ein Handlungsstrang deutlich im Mittelpunkt steht. Nur wenn dieser starke Handlungsstrang fehlt, kann man manchmal feststellen, dass es dem Autor nicht gelungen ist eine klare Linie in die Geschichte zu bringen.
(Wobei ich hier von Geschichten spreche, die eine solch klare Linie benötigen (und nicht mehrere). Viele Geschichten basieren auf einem anderen Handlungskonzept, wo dann entweder für kürzere Abschnitt eine Prämisse aufgebaut werden müsste, oder mehrere Prämissen sich ergänzen müssten).
Dementsprechend ist der Begriff "Moral" für die Prämisse auch falsch: Es handelt sich um eine Grundidee oder Grundkonzept. Denn Moral würde voraussetzen, dass die "Prämisse" eine Botschaft an den Leser ist- und einen Anspruch über die Geschichte hinaus hätte. Aber die meisten Romane sind nicht symbolisch und nicht verallgemeinernd, so dass es sich wirklich nur um eine Grundidee handelt. Sie erzählen die Geschichte von bestimmten Personen in einer bestimmten Situation. Und diese Situation ist individuell- und somit ist die Prämisse genau auf die Situation der Geschichte bezogen, für die sie geschaffen wurde.
Somit verwenden Autoren oft sich widersprechende Prämissen bei unterschiedlichen Geschichten, weil die Prämisse zur individuellen Geschichten passen muss und nur in Ausnahmen eine Moral oder Botschaft ist.

Die "Prämisse" ist aber nicht notwendig, um eine Geschichte zu schreiben: Genau wie eine Kurzzusammenfassung oder ein Exposé ist sie ein Mittel, um eine Ordnung in die Geschichte hineinzubekommen. Viele Autoren beginnen direkt mit Kurzzusammenfassung oder Exposé, andere Autoren entwickeln Grundkonzepte aus den Figuren oder den Handlungen (plot- oder figurenorientierte Geschichten), manche Autoren haben einen Plot, der sich erst nach und nach aus einer anderen Form der Grundidee beim Schreiben entwickelt. Vielleicht beginnen sie mit einer interessanten Szene, oder einer Figur.
Letztlich sind alle diese Vorgehensweisen nur Handwerkszeug, das je nach Typ des Autoren oder seiner Vorgehensweise und des Romantyps ausgewählt werden sollten, um besser seine Geschichten zu schreiben. Wer gut mit einer "Prämisse" arbeitet, sollte das auch. Wer anders arbeitet und damit zurechtkommt, muss die "Prämisse" nicht ausprobieren.

Da Autoren ein recht unterschiedliches Völkchen im Bereich Handwerk sind, wird immer wieder der einen oder der anderen Vorgehensweise ihre Berechtigung abgesprochen oder die Vorteile der einen oder anderen Vorgehensweise betont. Letztlich ist das aber im Trüben fischen: Weil es viele Wege gibt, um zu einem guten Ergebnis zu kommen, und jeder seine eigene Wege braucht.

Freitag, 11. April 2008

Wie es manchmal ist, mit dem Schreiben

Ich weiß nicht, wer sich diesen Roman ausgedacht hat. Aber je weiter ich ihn schreibe, desto sicherer bin ich mir: Ich war es nicht.
Nun habe ich die ersten Kapitel komplett überarbeitet und das xte Mal verdichtet, und so langsam gebe ich damit den Roman aus meiner Hand. Und das, obwohl der Roman sich deutlich wieder der ursprünglichen Konzeption annähert.Ich hatte ja immer wieder, wie hier im Blog lesbar war, Angst, der Roman wäre nicht dicht genug. Nun habe ich fast das Gefühl, der Roman eine Dichter gewonnen hat, so dass ich mit ordentlich Humor und etwas reduzierten Szenen eine Leichtigkeit zurück in den Roman bringen muss- denn dieser zwischenzeitlich ein wenig verloren hat. Irgendwie haben diese Ängste nicht nur mein Schreiben schwieriger gemacht, sondern sie haben es mir auch schwerer gemacht dem Ton und dem Humor meiner Figur zu folgen.

Nun komme ich zwar näher an den Roman und die Figuren, aber gerade das löst sie von mir- und gibt ihnen viel größeren Freiraum. Seltsam.

Donnerstag, 10. April 2008

Humor in Texten

Die Clowns sind meistens sehr traurige Menschen, und haben im Humor, im Witz, im Lachen über sich selbst einen Weg gefunden, mit dieser Welt umzugehen. Das Lachen ist dann immer ein Weglachen von allem anderen, die Aufhebung der Wirklichkeit für den Moment des Gelächters, bevor dann die Wirklichkeit zurückkommt. In einem Roman gibt es verschiedene Möglichkeiten Humor einzusetzen.

Das Problem ist auch nicht den Witz/ die Pointe/ die humorvolle Stelle/ das Skurrile einzusetzen: Das größte Problem ist einfach bei einem schriftlichen Text humorvoll, witzig oder pointiert zu sein.
Denn genau wie nur sehr wenige Menschen einen Witz mündlich richtig erzählen können, gibt es auch nur sehr wenige Menschen, die einen Witz in einen Roman hineinschreiben können, mit dem richtigen Timing, der richtigen Geschwindigkeit, den richtigen Worten. Eine Pointe muss halt eben auch ein Hammerschlag sein, kein leichtes Lüftchen. Und Humor ist nur gut, wenn er gelungen ist.
Und ein schlecht getimter Witz ist gar keine Witz mehr, sondern ein ziemlich gelangweiltes Lächeln. Eine versemmelte Pointe schmeisst einen ganzen Textteil um, und bringt den Leser eventuell dazu ein Buch wegzuwerfen. Und eine humorvolle Passage kann unglaublich komisch wirken, ohne es zu sein, wenn jemand humorvoll sein will, aber es nicht ist. Und skurrile Stellen könne einfach völlig daneben sein, weil aberwitzig, albern, fremdelnd, statt wirklich skurril.

Wenn man nun Humor als alles witzige, lustige, aberwitzige und skurrile Stellen bezeichnet, dann gibt es viele Möglichkeiten dies anzuwenden. Das beginnt logischerweise bei Romanen, die eine Parodie sind. Hier muss das Bestehende überdreht werden, die Grundfesten des Originals parodiert werden ohne sie alle aufzulösen und das vorhandene seltsame, komische muss offengelegt werden.
Bei skurrilen Romane müssen die Figuren immer ernst genommen werden und glaubwürdig sein, während sie gleichzeitig auf ihre Weise und in ihrer Welt sehr speziell sind. Denn gerade erst der Kontrast macht diese Romane gelungen.
Bei humorvollen Erzählern sollten diese auch wirklich die Welt mit einem Lächeln nehmen, es darf dann nur nicht eine rosarote Kaugummiwelt sein. Denn dann ist ein Erzähler nicht humorvoll, sondern spritzig. Und das ist ein großer Unterschied. Dabei sollte die Figur ruhig ein wenig überdreht wirken, aber sie darf nicht anstrengend und (über-)moralisch sein

Aber auch in fast allen Romanen hat Humor seinen Platz: Manchmal ist es gerade die Not, das Leid, der Schmerz, der einen Widerpart braucht, und das ist der Humor, der Witz. Das Weglachen des Schlechten hebt dieses nicht auf, macht es aber einerseits stärker (weil der Humor hier wie ein Verstärker wirkt) und gleichzeitig erträglicher. Manchmal kann man auch schwierige Stellen mit Humor stärker machen, moralische Passagen so auflösen, übertriebenen Pathos zurücknehmen oder ironisieren und besonders wundervoll: manchmal mit der Figur über diese Lachen. Zudem ist Humor ein wirklicher Sympathiefaktor, egal ob es ein freundlicher oder fast bösartiger Humor ist.

Dabei gilt aber immer eine Grundregel:
Die Geschichten und die Personen sollte man immer ernst nehmen, und sich nie über sie lustig machen, sondern das Lustige an und in diesen Personen und diesen Handlungen finden und offenlegen, und dabei mit diesen Personen lachen.
Besonders wichtig ist auch, sich nie selber zu ernst zu nehmen und immer auch über sich selber zu lachen. Und natürlich Timing, Timing, Beobachtung und Timing.

Dienstag, 8. April 2008

Der Testquidam...

Heute habe ich dann die 10 Seiten seit Mitte Februar an meinen Testquidam (meinen Autorenpartner Stefan Fischer) geschickt. Und wie schon gestern angedeutet, ich war ganz schön nervös. Schließlich brauche ich eine Rückmeldung, ob der neue Versuch etwas taugt. Das ist bei einer solchen Stelle, an der man schon ein paar Mal "gescheitert" ist, besonders wichtig.
Seitdem gibt es auch einen möglichen Alternativtitel, der Stefan/ Quidam einfach so rausgerutscht ist, aber den kann ich noch nicht verraten. (Wehe Quidam, du verrätst ihn!! )
Und der erste Teil der Szene taugt etwas, wobei wie immer natürlich einige Passage noch zu überarbeiten sind, weil da der Satzbau noch nicht passt, etwas zu lang ist, oder noch etwas fehlt.
Aber bis auf eine Szene, und zwei Kurzszenen, passt es. Und das ist schon mal eine große Beruhigung.

Danke, Testquidam

Lieber Autor, du bist ein Arsch!

Laura spricht:

Eigentlich sollte ein Autor seine Romanfiguren mögen, aber im Moment habe ich das Gefühl, er bringt mich nur immer mehr in Schwierigkeiten. Wobei das eigentlich gar kein Gefühl mehr ist, sondern einfach eine Beobachtung.
Der fiese Kerl sitzt auf seinem Bürostuhl und schreibt mich einfach immer tiefer in Schwierigkeiten. Und manchmal lacht er sogar dabei, wenn ich kommentiere, wie er mich in Schwierigkeiten bringt. Das ist wohl witzig, das meinte auch der Typ, mit dem er heute telefoniert hat.
Aber es ist schon eine Unverschämtheit, dass er meinen besten Freund auf mich hetzt, und ich irgendwie nicht mehr selber so richtig aus der Nummer rauskomme. Wobei, also das mit Mathies. Ich weiß nicht. Das ist schon irgendwie so eine Sache, mit ihm, mit mir, den Verwicklungen. Eine Sache, in die ich mich gebracht habe. Und vielleicht hat er ja Mathies auch gar nicht auf mich gehetzt. Mist. Dann bin ich wieder mal an allem Schuld.
Aber bestimmt kann ich es ihm anhängen, wenn er mal wieder nicht aufpasst. Und heimlich ein paar Kommentare in den Text einfügen, die der Trottel dann gar nicht bemerkt und an seinen Freund rüberschickt. Der dann auch gemerkt hat, dass mein Autor ein Idiot ist. Und das ist nur gerecht. Weil, das halt so ist, wenn er mich in Schwierigkeiten schreibt, die ich mir selber eingebrockt habe. Aber er könnte das doch irgendwie netter machen. Und nicht lachen, auch wenn es manchmal lustig ist, oder??

Sonntag, 6. April 2008

Seltsame Schreibblockade

Jeder Roman hat seine Knackpunkte: Stellen, an denen sich entscheidet, ob die Geschichte entweder gelungen oder nicht gelungen ist. Seit knapp anderthalb Jahren versuche ich gerade zwischen zwei gelungenen Stellen den optimalen Übergang zu finden. Und bisher haben die Übergänge nicht die richtige Dynamik gehabt, waren nicht wirklich figurengerecht oder taugten einfach nicht.
Ich muss aus dem ersten Buch (meine Hauptfigur an ihrem Lebensmittelpunkt) zum zweiten Buch (natürlich eine Reise) überleiten und die Motivation für die Reise klären. Das hat nur nie richtig funktioniert. Seit Januar sitze ich nun wieder mal an diesem Übergang, und habe endlich die richtige Dynamik, und erarbeite mir Szene für Szene. Und es passt, es passt sogar wirklich. Nun kommt aber eine entscheidende Szene, die ich schon einmal an einer anderen Stelle geschrieben habe. Die damals aber schlecht geschrieben war und nicht passte. Aber nun läuft die gesamte Dynamik des ersten Kapitels genau darauf zu.

Ich habe Angst.

Denn ich weiß, dass diese Stelle letztlich entweder das Buchprojekt einen großen Schritt voran bringt, oder wieder mal eine große Enttäuschung bevorsteht. Wobei ich vor beidem Angst habe.
Denn taugt die Stelle was, dann bin ich sofort ein entscheidendes Hindernis für den weiteren Romanverlauf los, Meine Seitenzahl wird von 50 Seiten (anderthalb zeilig) auf knapp 80 Seiten hochschnellen, bevor dann wieder zu überarbeitende Stellen kommen werden, die letztlich aber weitere 30 Seiten ergeben werden. Ich käme vom ersten Buch weg direkt in die Mitte des zweiten Buches- und hätte viel über Dramatik und Dynamik gelernt (wieder mal).
Wenn sie nicht taugt, würde mich das erneut um einige Wochen zurückwerfen und ich habe noch kein Konzept, wie ich dann an dieser Stelle vorgehen sollte.

Aber das ist ja bei Bauchschreibern ohne große Planung eigentlich ständig so.

Samstag, 5. April 2008

Aktuelle Situationen für eine Geschichten oder einen Roman verwenden

In den letzten Jahren gab es viele amerikanischen Romane, die sich mit dem 11. September beschäftigt haben, bzw. dem Trauma in der amerikanischen Bevölkerung wegen dieses Ereignisses. Nur leider sind die meisten dieser Bücher bei der Kritik mehr oder minder durchgefallen.
Ein anderes Beispiel war die in den 90er erhobene Forderung nach dem großen Wenderoman, siehe z.Bsp. das Beispiel "Ein weites Feld" von Günter Grass.

Das Problem dieser Romane ist, dass die Autoren und die Menschen erst einen gewissen Abstand zu diesen großen Ereignissen finden müssen. Denn beim 11. September ist bis heute nicht ganz klar, was er wirklich bedeuten wird und wie er die amerikanische Gesellschaft beeinflussen und verändern wird.
Bei der Wende ist es so, dass sich erst seit ein paar Jahren klärt, wie man mit der Geschichte der DDR umgeht und welche fundamentalen Veränderungen die Öffnung der Mauer bewirkt hat. Zudem haben die Menschen nun ein Bild über den Fall der Mauer gewonnen, der sehr breit und weit ist.

Deshalb ist es besonders schwierig einen Roman dicht an ein solches Ereignis zu entwerfen und zu ahnen, wohin die Entwicklung geht.Natürlich gibt es solche Romane, die dann das Bild des Ereignis mitprägen und die bisherige Entwicklung spiegeln. Dieser Romane werden Teil unserer Wahrnehmung.

Aber interessanterweise, so meine Beobachtung, sind es gerade Romane mit einem anderen Hauptthema, die letztlich dieses Ereignis "mitnehmen" und die Reaktion der Figuren darauf zeigen. Die meisten Romane, die solche Ereignisse in den Mittelpunkt stellen, scheitern, weil hier der Anspruch über den Roman zu groß wird.

Wenn man also ein besonderes Ereignis irgendwo entdeckt, dann sollte man immer wieder über dieses Ereignis nachdenken, sich damit beschäftigen, ein wenig entwerfen.
Aber erst wenn man das Gefühl hat Abstand dazu zu haben, vielleicht dieses Ereignis mit weiteren ergänzt zu haben, die Geschichte dicht ist, sollte man ans Schreiben heran gehen. Und das dauert manchmal Monate, bis sich aus dem Ereignis eine tragfähige Geschichte entwickelt, manchmal sogar Jahre.

Freitag, 4. April 2008

Fühlen ist ein Tabu?!

Wenn ich nun über Fühlen und Gefühle schreibe, muss ich an eine Kernersendung vor ein paar Tagen denken, bei dem Jürgen Domian Gast war.
Als kurze Erläuterung für Nichthörer oder Menschen außerhalb des WDR-Empfangsgebiet: Montags bis Freitags kann man ab 1.00 Uhr beim WDR oder bei Einslive mit Jürgen Domian sprechen, manchmal mit freier Themenwahl, manchmal zu einem Sendungsthema. Diese Sendung gibt es seit 1995 und basiert auf den Anrufern, die dort etwas sagen möchten oder zu erzählen haben. Die Besonderheit dieser Sendung beruht darauf, dass Domian zuhört und zwar richtig zuhört, dort immer ein Psychologe zur Verfügung steht, um mit den Anrufern weiterzureden und Domian zwar seine Meinung vertritt, aber Menschen erst einmal die Gelegenheit gibt zu erzählen.
Bei Kerner hat Domian vor einigen Tagen gesagt, dass die Menschen in den ersten Jahren viele Geschichten und Fragen zur Sexualität hatten. Danach haben die Themen gewechselt, weil diese Themen dann auch in anderen Sendungen und im Boulevard auftauchten. Jeder hatte auf einmal von SM gehört und seinen Spielarten, von Fetischismus und anderen Dingen.

Was ich daran interessant finde, ist, dass die Menschen nun etwas über Fetischismus wissen, über alle möglichen Spielarten der Sexualität. Aber viele Dinge sind nur ein wissen um das wie, nicht um das warum!
Und genauso ist das mit vielen anderen Themen: Die meisten Menschen haben davon gehört, dass die Menschen ihr Vertrauen in die Sicherheit ihres Zuhauses verlieren, wenn jemand eingebrochen ist. Aber was das wirklich bedeutet, das können sie nicht einmal aussprechen: Sie flüchten sich mit ihren Worten in Allgemeinplätze.Und das ist eine ganz wichtige Erfahrung, wenn man sich Berichte über das Fühlen ansieht. Die Menschen finden keine Worte, um ihren Schmerz und ihr Leiden auszudrücken, und greifen auf die Allgemeinplätze zurück.
"Den Job zu verlieren war die Hölle"; "Es war ein riesen Schock das zu hören"; "Das Leben ging nicht mehr weiter"; "Wir konnten das nicht mehr bewältigen"; "Unsere Freunde waren uns eine riesen Hilfe";....
Das hat mit vielen gesellschaftlichen Veränderungen in den letzten Jahren zu tun. Papst Johannes-Paul hat ja mal gesagt, dass Leiden aus unserer Gesellschaft verbannt wurde.

Menschen versuchen um jeden Preis nicht mehr alt zu werden, oder zumindest nicht mehr alt auszusehen. Das Leiden der alten Menschen findet außerhalb ihrer Familien statt. Deshalb erleben Menschen das Leiden nicht mehr, haben keine eigenen Worte mehr dafür- sondern nehme, die Worte, die andere schon verwendet haben, und können sich damit dann davon distanzieren. Distanzieren ist übrigens ein Modewort der letzten Jahre: Man entbindet sich von anderen Menschen, wenn sie nicht in unsere (Vorstellungs-)Welt passen. Das mag daran liegen, dass sie leiden, dass sie krank sind oder ähnliches.
Indem wir diese Menschen aus unserem Leben ausschließen, schließen wir den Tod und das Leiden aus unserem Leben aus. Deshalb heiraten alte Männer und alte Frauen junge Menschen, lassen sich das Alter wegoperieren, versuchen viele Menschen in meinem Alter möglichst wie zwanzig zu handeln.

Deshalb muss sich das Schreiben auch verändern: Denn es ist die manchmal etwas gemeine Pflicht des Schriftstellers die Menschen an das zu erinnern, was sie oft vergessen wollen. Sie daran zu erinnern, dass wir das Leiden zwar leugnen können, es aber trotzdem da ist. Das in den Altenheimen heute genauso gestorben wird, wie früher in den Wohnungen, nur das es ein einsames Sterben ist. Das ein Mann wie Walter Jens, einer der brillantesten Literaturkritiker, Hochschullehrer und Philologen, nun seit einigen Jahren an Demenz leidet. Siehe dazu den Artikel von dessen Frau im Stern dazu: "Ich sehe seinem Entschwinden zu" . Oder die Alten und Kranken heimlich in die Schweiz flüchten, wo sie sterben dürfen, auf Parkplätzen und Rasthöfen, damit die anderen Menschen nicht in Betten schlafen müssen, wo schon ein Mensch gestorben ist.

Dabei müssen wir das Leiden aber nicht nur andeuten oder beschreiben, wie früher, als die Menschen es an sich heran gelassen haben. Wir müssen den Leser an der Hand nehmen, und ihn das Leiden mitfühlen lassen, verstehen lassen, was es ist und wie es sich anfühlt. Es geht um das Fühlen, das sich einlassen, das das Leiden und Mitleiden wagen: Ein Begräbnisinstitut (Pütz-Roth)in Bergisch Gladbach bietet inzwischen verschiedene Kurse an, weil sie auch das Gefühl haben, dass Leiden, Trauer und Tod wieder einen Platz braucht, eine Heimat in unserer Gesellschaft.

Wie das handwerklich umzusetzen ist, habe ich schon ein paar Mal ausgeführt, siehe die Übersicht der Handwerksthreads...

Donnerstag, 3. April 2008

Schwierige Provokation

Heute habe ich in der Schule in einem Kurs gesessen, der sich mit Gottfried Benns Gedicht "Mann und Frau in der Krebsbaracke"; (Morgue) beschäftigt hat. Wie man unter dem obigen Link nachlesen kann, geht es um einen Mann, der vermutlich eine Frau durch eine Krebsbaracke, also ein Krankenhaus, führt. Dabei gibt er ihr Anweisungen (im Imperativ) und reduziert Menschen auf ihre (Krebs-)Erkrankung, auf ihre Körper und ihr Leiden. Die Menschen werden verdinglicht, und auch die religiöse Spähre wie der Rosenkranz und der Sonntagsbesuch werden verdinglicht oder reduziert. Natürlich enthält dies eine massive Provokation. Denn Gottfried Benn nimmt viele üblichen Lyrikebenen einfach hinaus: Hier gibt es eine Abwesenheit von Hoffnung, Religion, Liebe. Das Leiden wird rein körperlich, es ist kein übertragendes Leiden, ein hoffendes Leiden, ein rettendes oder religiöses Leiden. Die Menschen werden auf ihre Krankheit reduziert, ihren leidenden Körper und sonst ist alles andere fern.
Die meisten Schüler haben diese Provokation kaum mehr gespürt. Ich bin mir nicht sicher, ob sie es nicht geschafft haben sich in das Leiden einzufühlen oder ob sie nicht das "Skandalöse" an Benns darstellen wirklich zu begreifen. Vielleicht ist es auch die Abwesenheit von eigenen Erfahrungen oder eine Stumpfheit.

Ich habe die Provokation schon gespürt, aber ehrlich gesagt, wenn ich über eine Krebsbaracke geschrieben hätte, hätte ich es gefühlt härter gemacht. Ich bin ehrlich gesagt etwas stumpf bei Benns Text, weil ich selber Menschen habe sterben sehen und selber einen Toten berührt habe- und er mich auch, irgendwie. Zudem habe ich wenig Zugang zu religiösen Provokationen.
Auffällig war, dass es immer weniger Dinge gibt, die noch wirklich als Provokation aufgefasst werden. Das hat stark mit dem Pop zu tun, im Sinne einer allumfassenden Diskussion an der Oberfläche, alles wird besprochen, alles wird gezeigt, aber nur wenig hinterfragt. Die Darstellungen werden immer weiter gesteigert, brutalisiert, pornographisiert und mehr, weil die Provokation immer weiter abnimmt. Eine nackte Brust ist keine Provokation mehr, ein nackter Körper auch nicht.

Oder anders formuliert: Wer verstören will, muss entweder wirkliche Tabus finden, in diesem Jahr weibliche "Feuchtgebiete" oder die Darstellung eines Täters in "Die Wohlgesinnten". Oder er muss die Bedeutung der Provokation aufzeigen, sie spiegeln und dadurch Wirkung und Tiefe verleihen.

Messbarer Erfolg

Im Autorenforum Montsegur wird gerade wieder mal über Erfolg diskutiert, und ob man diesen Erfolg für sich messen kann in Verkäufen. Weil ich lange an dieser Antwort überlegt habe, und es irgendwie ein für mich wichtiges Statement ist....

Mein Anspruch und meine Bewertung von Literatur hat etwas mit einem ästhetischen Wert zu tun. Und der ist nun einmal nicht in Verkaufszahlen messbar, ich verweise auf den Artikel über Verkaufszahlen und Clemens Meyer, und auch nicht in Literaturpreisen oder -stipendien. Geld ist ein ziemlich schwacher Ersatz für Ästhetik.
Es gibt einen Wert, den Literatur haben kann, weil sie da ist, weil sie eine eigene Welt eröffnet, die sie selber erschafft- durch sich, in sich, über sich hinaus. Literatur kann klüger sein als der Autor, weiser, und sie kann die Sprache verändert, sich verändern, alles verändern. Das ist ihr ästhetischer Wert. Tausende Menschen können ein Buch lesen, ohne das etwas passiert. Manche Menschen werden von einem Buch gefunden, und ihr Leben verändert sich ein wenig. Das ist ein ästhetischer Wert. Natürlich kann man behaupten, dass ich Idealist bin. Aber das bin ich nicht, dazu später.
Und ebenfalls ein nein zu der Behauptung, dass Verlage sich nur als Wirtschaftsunternehmen und deren Zahlenverliebtheit ausrichten. Denn die meisten Verlage, die meisten Buchhandlungen sind so ausgerichtet, es gibt daneben aber auch noch Raum für andere Vorstellungen von Literatur, vom Verlegen. Um mal auf den Thread zum Aufbauverlag zu verweisen: Dort spricht der "Verlagsbesitzer" davon, dass er mit dem Verlag eben ein Vorstellung verbindet, und dieser Verlag aus finanzieller Sicht eher ein Hobby ist. Oder man darf mal bei Kookbooks, Suhrkamp und Wangenbach vorbeischauen. Dort wird sicherlich klar kalkuliert, es gibt aber neben der Kalkulation noch einen anderen Anspruch.

Es mag diese hier auftretende Sichtweise von Literatur geben und sie hat sicherlich ihre Berechtigung. Aber ehrlich gesagt interessiert mich diese Sichtweise nicht sonderlich. Ich habe begonnen zu schreiben, nicht weil ich etwas zu sagen habe, sondern weil das mein Zugang zu dieser Welt ist. Nicht mehr, nicht weniger. Es ist meine Art mit dieser Welt umzugehen, mit ihr zu kommunizieren. Ich kann mich nicht von dieser Kommunikation abschneiden, indem ich aufhöre zu schreiben. Wer zuhören oder zulesen möchte, der darf das. Meine Kommunikation ist ein Versuch wirklich das zu sagen, was ich dieser Welt zu sagen habe, und das beeinflusst die Art, wie ich es sage. Und das ist für mich sehr wichtig. Das ist ein ästhetischer Wert meiner Texte. Diesen ästhetischen Wert mag nicht jeder in meinen Werken erkennen. Und diesen Zugang zur Literatur, den meine Texte bei ihren Lesern benötigen, haben nur einen Teil der Leser.

Literatur hat für mich etwas autistisches. Und wahrscheinlich macht meine Sichtweise von Literatur mich auch zu einem Autisten. Was nach dem Schreiben kommt, ist mir einfach nicht (und auch nicht mehr) wichtig genug, mich damit übermäßig aufzuhalten. Das bedeutet nicht, dass ich nicht an einen Leser denke. Im Gegenteil, ich will mit dieser Kommunikation unterhalten, aber eben nicht nur, auch wenn das unterhalten wichtig ist. Aber die Unterhaltung ist nur ein Element. Melodiöse Sprache ist ein anderes, ein Klang, ein Surren, Fauchen, Kratzen, und noch vieles mehr. Poetische Wahrheit ist ein weiteres Element.
Aber das Denken an den Leser ist immer Teil des Autismus und nie Selbstzweck: Wie wird etwas erfolgreicher? Sondern eher: Wie finde ich für diese Gedanken Worte, die verständlich sind, die diese Inhalte tragen können.

Idealismus wäre vermutlich eine Begründung für meine seltsame Haltung. Aber ich bin kein Idealist. Ich kommuniziere nur mit der Welt auf eigenartige Weise und orientiere mich daran. Dementsprechend bin ich ein Idiot. Aber das habe ich irgendwann so akzeptiert und lachen herzlich über mich und meine Art mit der Welt zu kommunizieren. Weil das etwas abgrundtief komisches hat, im wirklichen Sinne von Abgrund und Tragik. Ich muss mich auch nicht an Dachrinnen festhalten, nach Zielen suchen, weil mein Schreiben eben erdig ist. Es orientiert sich am Dialog und nicht irgendwelchen Zielen- und dieser Dialog wird durch den ästhetischen Weg verständlich und begreifbar. Ich muss auch nicht gelenkig mit meinem Dialog für das Verkaufen sein, weil ich es wichtiger finde zuzuhören und das gehörte aufzuschreiben.

Ich ahne schon, dass als Antwort auf dieses Statement der "Kunst für die Kunst" Vorwurf kommt. Aber ehrlich gesagt, stört mich dieser Vorwurf nicht, weil ich nicht "Kunst für die Kunst" schaffe, sondern nur ein bisschen mit der Welt quatsche. Wen`s interessiert bitte gern. Wen nicht, es gibt Tausende anderer Bücher, jedes Jahr.

Mittwoch, 2. April 2008

Emotionalität

Gerade habe ich beim Autorenforum Montsegur in einem Thread darüber geschrieben, dass mich das Schreiben oft gefühlsmäßig mitnimmt.
Ich schreibe meistens in der Ich-Perspektive, weil ich am Besten schreibe, weil ich diese Perspektive als näher an den Figuren empfinde. Das bedeutet manchmal, dass ich dadurch wirklich durch diese Nähe die Schmerzen und das Leid der Figuren meiner Geschichten mitempfinde. Und ja, ich bin ein Autor, der manchmal weint, wenn er eine Geschichte schreibt, verzweifelt und traurig ist, sich davon runterziehen lässt. Ich lache aber auch bei meinen Geschichten und nehme noch alle möglichen anderen Gefühle mit.
Wenn man aber in meine Geschichten hinein liest, dann bin ich dadurch nicht netter zu meinen Figuren. Das mag man nun als Grausamkeit gegen die Figuren (und damit auch gegen mich selber) empfinden, letztlich geht es aber um Konsequenz. Zudem kommen die Figuren mit ihrer Geschichte zu mir, und ich habe die Aufgabe ihre Geschichte aufzuschreiben, und schönen oder schöner zu gestalten ist oft eine Verfälschung.
Vielleicht liegt es daran, dass ich noch relativ jung für einen Autor bin (hüstl Es gibt auch 70 jährige Debütanten). Aber ich empfinde Distanz manchmal als Ausflucht oder Ausweg von den eigenen Geschichten.
Ich glaube, dass Gefühle ebenso wichtig sind wie Gedanken und Einsichten. Auch wenn mich das manchmal beim Schreiben ziemlich fertig macht und deprimiert. Weil ich halt viele deprimierende Geschichten schreibe, weil das zu meinen Themen als Autor gehört.

Es hat aber einen großen Vorteil: Ich werde demnächst mal wieder eine Trashgeschichte schreiben, und werde dann wieder halb von meinem Stuhl fallen, vor Lachen. Und das ist auch eine tolle Erfahrung. Ich muss nur besser aufpassen: Einmal ist bei einer solchen Geschichten meine Rückenlehne durchgebrochen... und ich bin vom Stuhl runtergekugelt. Gebrochen habe ich mir nichts, kaputt gegangen ist nur der Stuhl. Dafür habe ich mir beim Lachen dann auch noch den Kopf gestoßen. Wie gesagt, nicht beim Fallen, sondern beim Lachen.