Mittwoch, 30. Januar 2008

"Erfahrung"

Heute gibt es mal wieder einen Artikel in der FAZ , der den gegenwärtigen Autoren vorwirft sich nicht in der Gegenwart auszukennen. Es fehlen die Broker, die Neurologen, die Medienfachleute, so dass die Themen der modernen Autoren immer nur um ihr enges Blickfeld kreisen sollen.

Das hierbei vergessen wird, dass die Literatur kein Spiegel der Welt ist, sondern gerade auch Auslassungen etwas über unsere Welt sagen: Geschenkt. Das für schreibende Journalisten Werbung gemacht wird... auch geschenkt. Denn ist es wirklich wichtig, ob ein Roman der Gegenwart einen Geldspekulanten einer gewissen französischen Bank in den Mittelpunkt stellt?? Oder muss ein Autor den großen Wenderoman schreiben, wie vor einigen Jahren immer gefordert wurde??
Wenn das wirklich so wäre, dann wäre es die Aufgabe der Literatur nur das zu beschreiben, was von Zeitungen aufgenommen wurde. Sie würden sozusagen die Zeitungsideen nur weiter auf ein anderes Medium tragen. Die Schriftsteller würden Dienstleister der Gegenwartszeitungsbeschreibung und würden die Themen liefern, die andere vorgeben: statt die Wirkung der Welt und die eigenen Fragen in den Mittelpunkt zu stellen.
Das Schriftsteller viel recherchieren und sich intensiv mit der Gegenwart auseinandersetzen müssen- ja. Vielleicht wäre es auch eine gute Idee die Schriftsteller aufzufordern ihr Wissen auszuweiten und sich auch in anderen Bereichen einmal umzuschauen.
Aber ich will nicht in einem Roman lesen, wie ein Mensch lebt, der bei Nokia entlassen wird, sondern über einen Menschen, der merkt, dass seine Arbeit nicht mehr anerkannt wird. Ich brauche auch nicht über millardenschwere Fehlinvestitionen eines sich selbst vergötternden Investmentbankern lesen, sondern mich interessiert die Hybris selber, die sich in vielem zeigen kann.
Deshalb sind aktuelle Themen immer überzeitlich, ist nicht das Detail aus der Wirklichkeit wichtig, sondern die Grundsituation, und vor allem auch die Figur. Aber das ist bei Herrn Kämmerlings nicht angekommen. Soll er doch die Bücher schreiben, die er von anderen fordert. Damit, immerhin, stände er in der Reihe von prominenten Kritikern, die nicht nur kritisieren, sondern sich selber erproben an ihren Vorstellungen- und meistens scheitern.
Schreiben ist nämlich immer ein Dialog, und für viele Schriftsteller ist es schwer nur einen dramatisierenden Monolog eines anderen zu empfangen und zum Roman auszugestalten. Und große Worte, das beweist die Literatur, sind einfach ausgesprochen. Aber sie mit Worten zu erfüllen, ist weit schwerer.

Vertraute Worte fremd machen!

Gerade wenn man als Schriftsteller mit dem Schreiben anfängt, dann fängt man mit den Worten an, die einem als erstes einfallen. Diese Worte entsprechen unserem Sprachgebrauch, sind häufig zusammenfassend und enthalten eine Unmenge an Sprachstandarts und Sprachaussagen wie: "Er war zu Tode erschrocken."; "Sie war unglaublich traurig"; "Sein Tod berührte sie tief"; "Ich bin mit quietschenden Reifen weggefahren".
Das ist alles für den normalen Sprachgebrauch in Ordnung, aber das Schreiben erfordert einen anderen Umgang mit Sprache. Denn die oben genannten Formulierungen folgen jeder Menge Konventionen, gesellschaftlicher Übereinkünfte.

Das beginnt mit der Darstellung von Gefühlen, die in unserem Sprachgebrauch stark abstrahiert und vereinfacht werden. Das geht weiter mit Beobachtungen, die in unserem Sprachgebrauch oft recht einfach und kurz dargestellt werden, weil wir die meisten Dinge gar nicht wirklich ansehen, sondern mit unseren Standartbildern nur abspiegeln. Und das endet nicht mit den oben genannten Wendungen und Euphemismen, in denen wir etwas darstellen können ohne die Gefühle der anderen zu verletzten und dabei kurz auf Bekanntes zurückgreifen. Hier wird das eigene Gefühl, die eigene Befindlichlichkeit zurückgenommen, aus Rücksicht auf andere, es wird abstrahiert um nicht den anderen zu belasten und vieles mehr.
Und das geht noch viel weiter ... Leider ist all das für das Schreiben nur wenig geeignet.

Denn Beschreibungen beim Schreiben habe einen andere Funktion als in der Sprache: Hier muss ein Hintergrund aufgebaut werden, was in der Sprache nicht nötig ist. Gefühlsbeschreibungen sollen zur Identifikation mit der Figur einladen, ihre Gefühle klarmachen und eben nicht rücksichtsvoll sein, nicht etwas ausblenden. Sie können hier ruhig ausführlich sein. Und auch bei anderen Dingen geht es weiter:

Sprache muss beim Schreiben einen Rhythmus und ein Tempo haben- und deshalb müssen Sätze anders gebaut werden. Sprachliche Erzählungen folgen anderen Regeln als schriftliches Erzählen, weswegen viele Anfänger hier bestimmte Fehler machen. Und ein weiteres ist, dass wir beim Schreiben oft eine ganze Zeit nach dem richtigen Wort suchen müssen, während wir beim Sprechen etwas umschreiben können es mehrfach versuchen. Deshalb sollte man nie die erste Idee zu einem Satz aufschreiben, sollte darauf verzichten Metaphern und Redewendungen zu verwenden, und sollte insgesamt eigene Worte suche, um die Welt zu beschreiben.

Und genau das ist es: Sich erst einmal überprüfen, was Worte bedeuten, wie sie miteinander zusammenwirken, was sie genau aussagen (auch mit ihren Nebenbedeutungen), welche Wirkung Worte auf diese Geschichte haben, wie Worte klingen, was sie ausmachen und unendlich viel mehr. Um Geschichten zu schreiben, muss man die eigene Sprache ganz neu kennenlernen, und von allem befreien, was einem einen klaren Blick auf die Sprache verstellt- und wenn es die eigenen Vorstellungen sind.

Zum FAZ-Artikel

Heute gibt es mal wieder einen Artikel in der FAZ , der den gegenwärtigen Autoren vorwirft sich nicht in der Gegenwart auszukennen. Es fehlen die Broker, die Neurologen, die Medienfachleute, so dass die Themen der modernen Autoren immer nur um ihr enges Blickfeld kreisen sollen.
Das hierbei vergessen wird, dass die Literatur kein Spiegel der Welt ist, sondern gerade auch Auslassungen etwas über unsere Welt sagen: Geschenkt. Das für schreibende Journalisten Werbung gemacht wird... auch geschenkt. Denn ist es wirklich wichtig, ob ein Roman der Gegenwart einen Geldspekulanten einer gewissen französischen Bank in den Mittelpunkt stellt?? Oder muss ein Autor den großen Wenderoman schreiben, wie vor einigen Jahren immer gefordert wurde.
Wenn das wirklich so wäre, dann wäre es die Aufgabe der Literatur nur das zu beschreiben, was von Zeitungen aufgenommen wurde. Sie würden sozusagen die Zeitungsideen nur weiter auf ein anderes Medium tragen. Die Schriftsteller würden Dienstleister der Gegenwartszeitungsbeschreibung und würden die Themen liefern, die andere vorgeben: statt die Wirkung der Welt und die eigenen Fragen in den Mittelpunkt zu stellen.

Das Schriftsteller viel recherchieren und sich intensiv mit der Gegenwart auseinandersetzen müssen- ja. Vielleicht wäre es auch eine gute Idee die Schriftsteller aufzufordern ihr Wissen auszuweiten und sich auch in anderen Bereichen einmal umzuschauen. Aber ich will nicht in einem Roman lesen, wie ein Mensch lebt, der bei Nokia entlassen wird, sondern über einen Menschen, der merkt, dass seine Arbeit nicht mehr anerkannt wird.
Ich brauche auch nicht über Millardenschwere Fehlinvestitionen eines sich selbst vergötternden Investmentbankern lesen, sondern mich interessiert die Hybris selber, die sich in vielem zeigen kann.
Deshalb sind aktuelle Themen immer überzeitlich, ist nicht das Detail aus der Wirklichkeit wichtig, sondern die Grundsituation, und vor allem auch die Figur. Aber das ist bei Herrn Kämmerlings nicht angekommen. Soll er doch die Bücher schreiben, die er von anderen fordert. Damit, immerhin, stände er in der Reihe von prominenten Kritikern, die nicht nur kritisieren, sondern sich selber erproben an ihren Vorstellungen- und meistens scheitern.
Schreiben ist nämlich immer ein Dialog, und für viele Schriftsteller ist es schwer nur einen dramatisierenden Monolog eines anderen zu empfangen und zum Roman auszugestalten. Und große Worte, das beweist die Literatur, sind einfach ausgesprochen. Aber sie mit Worten zu erfüllen, ist weit schwerer.

Dienstag, 29. Januar 2008

Geist und Körper

Ich befinde mich ja schon eine halbe Ewigkeit im Hausarbeiten/ Abschlussarbeitwahnsinn und habe da noch einen Roman zu schreiben. Und weil ich nun einmal ich bin, habe ich mir nebenbei noch so einiges aufgeladen.

Und am Wochenende, an meinem Geburtstag war der Akku so leer, dass ich um 21.00 Uhr fast eingeschlafen wäre. Um 21.00 Uhr halte ich sonst nur mal Mittagsschlaf. Nun gut, die Anzeichen waren vorher schon erkennbar: Ich bekomme bei viel Stress Neurodermitis an den Händen, sowie an den Zehen, ich muss besonders viel Spaziergehen und schlafe oft Nachmittags eine Extrarunde (was auch daran liegt, dann ich gegen 1.00 Uhr ins Bett gehe und um 6.00 Uhr aufstehe).
Also habe ich mir heute etwas gegönnt, was ich ungefähr 1,5 Mal pro Monat machen: Luxussaunieren.
Das ist nicht nur gut für meine Stimmungslage, schließlich lese ich in den Saunapausen auch immer ein Buch, sondern auch mein Körper glaubt für einige Wochen an Sommer und fühlt sich Melatoninwohl. Dazu kommt, dass alle Verspannung abfallen und ich schlafe und schlafe, und bin am nächsten Morgen so entspannt, als hätte ich eine Woche mindestens 8 Stunden geschlafen. Und morgen werde ich wieder unendlich Schreibideen haben.

Der einzige Grund, warum ich nicht jede Woche sauniere, ist einfach, dass das bei mir eine Luxussauna ist, und ich mir das nicht leisten könnte. O.k. heimlich gebe ich auch zu, dass ich nicht jede Woche die Ruhe habe in die Sauna zu gehen, weil ich dazu Ruhe brauche. Und die habe ich halt nur selten.

Samstag, 26. Januar 2008

Die Krähe

Vier Mal die Woche treffe ich auf meinem regelmäßigen Spaziergang eine Krähe, die immer auf der gleichen Laterne sitzt und mich eine Zeit beobachtet, bevor sie auffliegt und dann einen langen Kreis um mich zieht.
Und irgendwie habe ich heute mal wieder das Gefühl, dass es an mir liegt. Etwas an mir, etwas an ihr bringt uns dazu immer wieder am gleichen Ort aufeinanderzutreffen. Inzwischen kräht sie mich an, und ich winke.

Was ich ihr nicht verrate ist, dass ich heute dreiunddreissig geworden bin. Bei Krähen ist man sich ja nicht sicher, ob sie dann nicht bemerkt, dass es gar nicht mehr so lange dauert, bis sie mich anknabbern kann.

Freitag, 25. Januar 2008

Abendland

Abendland

Das Abendland
ist letztlich nicht zu halten,
alles ist Ufer,
die Brandung reißt
den Sand hinfort.

(c) Thomas Roeder

Donnerstag, 24. Januar 2008

Warum Schlafen auch zum Schreiben gehört.

Vielleicht geht es ja anderen Autoren da ein wenig wie mir: manchmal suche ich wochenlang nach einer Idee... und dann träume ich davon. Wie vor einigen Minuten...
Ich war auf der Suche nach einer surrealen Szene, bei der ich einen der Hauptkonflikte meiner Figuren mit hinein nehme, und gleichzeitig darüber eine Verbindung zu anderen Personen und Orten hineinbringe. Daran habe ich schon gesessen, bevor ich dann die Pause an diesem Roman gemacht habe. Und heute habe ich eine surreale Szene geträumt, die genau auf meine Figur, auf meinen Roman paßt. Ich würde nicht so weit gehen zu sagen, ich hätte mal wieder von meinem Roman geträumt. Aber es war schon richtig ähnlich.

Aufräumen!

Ich bin einer dieser seltsamen Menschen, der seine Wohnung aufräumen muss, wenn er seine Gedanken aufräumen will und umgekehrt. Vielleicht liegt es daran, dass ich für meine Arbeit feste Strukturen brauche und mich dann irgendwann wieder von diesen Strukturen wieder befreien muss. Recht deutlich wird das an meinen Schreibritualen: Ich habe immer eine kleine Zeremonie, die das Schreiben einleitet.

Früher habe ich Kerzen angezündet, die richtige Musik ausgewählt, mir einen Tee gemacht, die Unterlagen zu Recht gelegt, ... Heute stehe ich auf, Lese den Kölner-Stadtanzeiger, aber immer nur den ersten Teil, dusche, esse eine Kleinigkeit, und mache dann die Musik an. Und dann geht es los. Dieses Ritual wiederholt sich immer wieder, weil es mich aufs Schreiben einstimmt und die anderen Gedanken dann verschwimmen. Und genau das brauche ich: Diese Leere, diese Klarheit, wenn alles andere weg ist... und dann das Schreiben frei beginnen kann.
Das hat nur einen Nachteil: Manchmal muss ich dann, wenn es wirklich gut läuft, meine Wohnung umräumen, meine Rituale ändern und manchmal Unterlagen sortieren oder Sachen wegwerfen oder weggeben.
Weil all das, was mich einerseits frei macht zum Schreiben, mir auch die Luft zum Schreiben nehmen kann- wenn ich mich davon zu abhängig mache, wenn also aus dem besonderen Ritual nur noch das übliche wird.

Seltsam. Aber wahnsinnig spannend.

Die erste Lesung (einige Vorschläge)

Vorlauf:
Man sollte sich vorher für die Textstellen entschieden haben und diese schon einige Male laut gelesen haben- wer will kann Betonungspunkte in den Text setzen. Wichtig ist das der Ausdruck groß ist, also vielleicht lieber auf ein groß ausgedrucktes Manuskript zurückgreifen, statt das eigentliche Buch. Für die Lesung unwichtiges oder schwierig auszusprechendes kann rausgestrichen werden: Man muss nicht ablesen!
Man sollte sich mindestens eine halbe Stunde vor der Veranstaltung dort einfinden, und sich die Örtlichkeit ansehen und nachsehen, wo ist das Klo, was stellt der Veranstalter bereit,... Wichtig ist eine nette Begrüßung für den Veranstalter. Man kann sich schon einmal für die viele Arbeit bedanken.
Wasser sollte bereit stehen, nichts mit Kohlensäure- das kann peinlich werden. Wichtig ist eine gute Beleuchtung, damit man lesen kann, im Hintergrund sollte nichts auffälliges stehen, das Buch (und die Buchstapel ebenso) sollte gut sichtbar vom Zuschauerraum erkennbar sein, das Licht insgesamt gedimmt oder ähnliches, wenn möglich. Vorher Mikrophone prüfen, Stühle, ob man bequem sitzt oder lieber stehen möchte.
Und unbedingt vor der Lesung noch aufs Klo! Taschentücher sollten im Notfall zur Verfügung stehen.

Vorstellung und die eigentliche Lesung:

Die meisten Menschen kommen zu so einer Veranstaltung, um unterhalten zu werden und weil sie sich für das Thema irgendwie interessieren. Eine gute Veranstaltung knüpft an diese beiden Punkte an.
Üblicherweise stellt jemand den Autor bei einer Lesung vor. Danach sollte man zuerst einmal die Leute begrüßen, alleine aus Höflichkeit, und sollte auch noch einmal eine kurze Vorstellung machen (ergänzend zur ersten)- am besten verbunden mit dem hier: wer es kann sollte dann auch irgendwie zeigen, dass er nicht zufällig hier ist, auf persönliche Erlebnisse mit dem Ort, der Stadt verweisen, auf persönliche Beziehungen. Das bringt Autor und Leser ein wenig zusammen. Und es wirkt nur peinlich, wenn man vom tollen Bier der Region spricht, z.B. in Köln, und es holländisches Bier ist oder wenn es nichts persönliches ist. Dann besser weglassen.

Immer gut ist es kurz etwas zur Struktur der Lesung zu sagen, damit die Leute sich eine Vorstellung von dem Abend machen können. Das man zuerst etwas über die Idee zum Roman erzählen wird, dann etwas über die Figuren und dazu eine Szene vorlesen wird. Gut ist es auch hier etwas persönliches einzubringen, und eine Anekdote. Die meisten Zuhörer lieben das.
Wer souverän genug ist kann das Publikum bitten ihm anzuzeigen, wenn er zu schnell, zu langsam, zu leise oder zu laut ist- und dann mitten in der Lesung leise werden, und wenn nichts kommt, sich dann beschweren bzw. umgekehrt um Beifall bitten. Lockert die Situation sehr auf.
Und ganz wichtig: Wenn es Getränke gibt, wo gibt es die. Wo kann man nachher das Buch kaufen. Wo sind die Toiletten (und wie lange man noch Zeit hat schnell zu verschwinden) und ob es vorher Fragen gibt.
Denn sonst gibt es oft Schwierigkeiten...

Die erste Szene sollte am Besten die Figuren ein wenig vorstellen, wie man sich gerade vorgestellt hat: Man macht die Leser mit der Figur bekannt und hofft, dass der Leser sich für die Figur und was sie erlebt interessiert. Wichtig: Nicht warten, bis das Publikum reagiert und wie ein erstarrter Hase sitzen bleiben, sondern das Buch zuklappen, das Manuskript auf Seite legen. Das Publikum muss auch sehen: Hier ist die Szene vorbei.
Nach der ersten Szene ein bisschen was über den Roman erzählen, wie kam es zu der Idee, den Figuren, ein wenig persönliches, etwas inhaltliches und vielleicht etwas interessantes über die Recherche: Wie man bei der Kripo sich über etwas erkundigt hat und dann.... Besonders gut ist es, wenn man kleine Andeutungen über die Figuren setzt, etwas mit Cliffhangern arbeitet und vielleicht einen der Cliffhanger vorlesen.
Im Prinzip also etwas über sich und den Roman erzählen, um die Neugier zu wecken.

Dann die zweite Szene, wieder maximal 20 Minuten, und hier sollte man zum Kern der Sache kommen, also welche Elemente des Romans stehen im Mittelpunkt: Spannung, Mystik, .... Wichtig ist es irgendwo vor dem Hauptkonflikt zu bleiben. Wichtig ist, dass diese Szene keine langen Monologe oder Gedankengänge enthält. Ziel ist es dem Leser klar zu machen: Diese Szene zeigt, was an diesem Roman besonders ist, worauf ich besonders geachtet habe.
Nach dieser Szene bitte wieder eine Pause, nicht zu lange, und wieder ein wenig über den Romaninhalt, vielleicht auf eine andere spannende Szene verweisen, vielleicht auf das Geheimnis des Romans leise hindeuten, vielleicht auch noch ein wenig spoilern: Aber nie das Ende verraten.

Dann die dritte Szene vorlesen, die irgendwo in der Nähe des Hauptkonfliktes sein sollte, aber nicht der Hauptkonflikt selber. Wichtig ist, dass diese Szene neugierig machen sollte, wie es weitergeht, am Besten soll sich zeigen, wie die Figuren sich bis hierhin verändert haben und ein Cliffhanger auf den weiteren Verlauf enthalten sein.
Danach Buch/Manuskript auf Seite legen, eine kurze Pause zu machen- damit die Leute auch klatschen können, wenn es ihnen gefallen hat oder sie nur höflich sein wollen.
Viele Autoren verweisen nach der Lesung direkt mit einem Zwinkern darauf, dass sie gleich auch für Widmungen zur Verfügung stehen.

Frageteil:
Nach dem Klatschen: Wer schon ein neues Buch in Planung hat, oder ein altes Buch- der kann auch darauf verweisen und kurz drei Worte dazu sagen.
Dann der Frageteil: nachfragen, ob jemand eine Frage hätte, und bietet dann direkt etwas an: Über das Buch, über die Recherche,.... Dann fällt es vielen Leuten leichter nachzufragen. Hilfreich ist ein Freund, der als erstes eine Frage stellt.
Nicht zu lange Fragen beantworten, sondern nach einer Zeit anbieten, dass man nun signiert. Und danach gerne weiter fragen beantwortet. Sonst verschwinden einige Zuhörer ohne das Buch zu kaufen, (obwohl sie das eigentlich wollen,) weil Ihnen das zu lange dauert.

Schluss:
Danach sich beim Publikum für die Zeit und die Geduld bedanken! Und verweisen, dass es noch weitere Lesetermine gibt, vielleicht einen Handzettel/ eine Broschüre oder ähnliches, eine Internetseite (am Besten dann auch mit Zettel und Verweis wo das steht).
Unbedingt am Ende noch beim Veranstalter bedanken!! und ausdrücklich auf gelungene organisatorische Dinge verweisen, und sagen, dass man es sehr genossen hat. Dann hat man dort meist einen Stein im Brett und darf wiederkommen, wenn die Lesung halbwegs gut gelaufen ist. Vielleicht den Veranstalter noch zu einem Kaffee einladen oder ähnliches, bzw. je nachdem ein wenig beim aufräumen helfen.

Dienstag, 22. Januar 2008

Nur ein Dschinn errichtet einen Turm über Nacht

Mein Roman war vor der neuen Überarbeitung leider nicht ganz funktionabel, da gab es einige statische Probleme. Also habe ich mich rangesetzt und versucht eine gute Lösung für dieses Problem zu finden. Als erstes habe ich die Erzählzeit komplett umgewandelt, und bin definitiv vom Präsens weg, auch wenn mir das zuerst schwer gefallen ist. Dem Roman hat es aber gut getan. Dann habe ich mal wieder ein wenig durchgekürzt- was ich wohl immer weiter machen muss. Denn ich neige immer noch zu unnötigen Wiederholungen und zu unwichtigen Details. Weitere wichtige Probleme waren die an einigen Stellen fehlende Humor in der Tragik, auch da habe ich ein wenig dran gearbeitet, genau wie an dem nicht ganz überzeugenden Anfang.
Seit einigen Wochen arbeite ich aber an größeren Problemen: Zwei Kapitel meines Romans hatten das Problem, dass die Handlungen nicht ganz zu den Figuren zu passen schienen und die Figuren dadurch ein wenig in ein falsches Licht zu geraten schienen. Und auch dramatisch war das nicht so gelungen.
Nun habe ich das sechste Kapitel zur Hälfte (mindestens) gekürzt und völlig geändert, und nun passt es. Das siebte Kapitel ist inzwischen ganz schwach und hat endlich eine erklärende Handlung, statt nur lange Monologe und Gedankengänge. Dadurch ist es wesentlich überzeugender.
Vielleicht gelingt es mir in den nächsten Tagen das siebte Kapitel endlich zu beenden und dann im achten Kapitel den Übergang zum zweiten Teil meines Romans zu schaffen...
Immerhin arbeite ich sehr fleissig, über drei Stunden pro Arbeitstag, und das schon seit Wochen.

Montag, 21. Januar 2008

Unglück und obsessive Selbstbetrachtung

Ich habe gerade bei TTT einen Bericht über eine amerikanischen Autorin gesehen, Alison Bechdel , die als Begründung für ihre Arbeit an ihrer Graphic Novel "Fun Home" von obsessiver Selbstbetrachtung gesprochen hat.
Vielleicht ist es das Unglück, das Defizitäre an unserem Leben, was einen Menschen dazu bringt zu schreiben. Das soll nicht bedeuten, dass wie unbedingt über unser eigenes Unglück schreiben. Aber vielleicht ist es eine Motivation nach der besonderen Art von Unglück zu suchen, die Tolstoi in seinem berühmten Zitat erwähnt:
"Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich; jede unglückliche Familie jedoch ist auf ihre besondere Weise unglücklich." Denn unsere Welt scheint sich eher im Unglück zu vereinen, als im Glück, weil Glück nur selten geteilt wird. Und das eigene Unglück zu verstehen, bedeutet sich in Hunderte anderer Menschen hineinversetzen zu können- weil das Unglück zwar anders entsteht, aber sich trotzdem gleichen kann in dem Gefühl.
Deshalb ist obsessive Besessenheit für die Selbstbetrachtung ein guter Weg auch andere Menschen kennenzulernen, indem man von sich nicht auf andere schließt, aber seine eigene Vorstellungskraft und die eigenen Erfahrungen verwendet, um den anderen zu verstehen, in seinem Glück und Unglück.
Das das auch schiefgehen kann: Klar. Manche Autoren schreiben ihr eigenes Unglück so lange nieder, bis sie sich selber nicht mehr erinnern können, was wahr und was fiktional war. Sie erleben immer wieder die eigene und fremde Unzulänglichkeit, erfahren immer wieder neu altes Unglück, betrachten sich immer wieder im Scheitern.
Schreiben ist dann keine gute Therapie, wenn man am eigenen Unglück festhält- denn viele Dinge kann man erst wirklich sehen, wenn man Abstand nimmt, vom Unglück, vom Leid und sich selber.
Manche Autoren sprechen deshalb vom Beobachter, zu dem sie das Schreiben macht. Andere sprechen von der Verdoppelung: einerseits in einem Raum zu sein, als Mensch, und das zu erleben, und darüber hinaus im Raum zu sein, und sich zu betrachten, wie man etwas erlebt.
Letztlich ist die obsessive Selbstbetrachtung der Weg, und die Loslösung des Schreibens aus dem Autobiographischen die Freiheit, die man braucht, um zu schreiben.

"Zum Schreiben drängt mich nicht das Gewissen, sondern nur die Unzufriedenheit mit der Welt, deshalb bin ich Schriftstellerin." Patricia Highsmith.

Sprunghafte Themenwechsel

Wenn man einen Blog als eine Art öffentliches Tagebuch betrachtet, dann entspricht das ziemlich meiner Weise, wie und welche Gedanken ich hier reinschreibe. Denn alles ist ein wenig ungeordnet, ist nur über den dünnen Begriff des Schreibens (und manchmal nicht einmal das) zusammengefügt, teilweise etwas schwierig in der Argumentation und vor allem immer wieder von seltsamen Meldungen über mein Befinden unterbrochen.
Oder anders gesagt:
Mein Blog ist halt ein halböffentliches Tagebuch... weil ich dann doch mein Privatleben zum größten Teil raushalte und in dem ich mich mit dem Schreiben beschäftige- und alle dem was für mich damit zusammenhängt.

Samstag, 19. Januar 2008

"Ehret die Kurzgeschichte"

Manchmal kann man nur schweigend und staunend auf einen dieser wunderbaren Essays verweisen, indem jemand Worte für etwas findet, was man so und auf diese Art nicht ausdrücken könnte. Deshalb hier direkt der Link:
Richard Ford: Ehret die Kurzgeschichte aus: Die Welt vom 19.01.2008

Richard Ford ist ein amerikanischer Schriftsteller, der schon mit allen möglichen Literaturpreisen ausgezeichnet wurde und der sich glücklicherweise immer wieder zu Wort meldet, siehe z.B. die Rezensionen (bzw. deren Zusammenfassung) im Perlentaucher. In diesem Essay klagt er über den recht schmählichen Umgang, den die Kurzgeschichte schon seit vielen Jahren in Magazinen und bei Verlagen erfährt- und begründet, warum die Kurzgeschichte so eine wunderbare Form ist.
Wer da nicht Lust bekommt einen Roman von Ford zu lesen, der ist selber Schuld.

Freitag, 18. Januar 2008

Plotten

Im Grundprinzip gibt es zwei recht unterschiedliche Wege sich einem Roman zu nähern, und noch einmal zwei unterschiedliche Wege den Roman dann zu entwerfen, beim Exposée oder beim Schreiben des Manuskript.

Es gibt den figurenbezogenen Plot: Der Autor geht über die Figuren an das Romanprojekt heran. Die Entwicklung der Figur stehen somit im Mittelpunkt der Romanhandlung, und aus der Entwicklung der Figuren ergibt sich dann die Geschichte. Der Autor muss versuchen seine Figuren kennenzulernen, damit er die Reaktion und Entwicklung der Figuren einschätzen kann. Dann sucht er eine Handlung, die zu den Figuren passt und entwickelt daraus die Figurenhandlung. Ob dies nun im Exposée schon ausentwickelt wird, oder erst während der Arbeit am Manuskript ist nur ein Unterschied in der Arbeitstechnik.

Daneben gibt es den handlungsbezogenen Plot: Der Autor geht über eine Handlung oder ein Ereignis an das Romanprojekt heran. Die Handlung wird erst ausentwickelt, und steht im Mittelpunkt der Romanhandlung.
Der Autor muss versuchen dann zu seiner Handlung oder dem Ereignis Figuren zu suchen, die mit Handlung/Ereignis verbunden sind, seine Auswirkungen darstellen können und sich während diesem entwickeln können (oder eben auch nicht). Meist sind diese Romane zumindest in der Handlung schon bei der Exposéeerstellung vorgeplottet, selten wird die Handlung während der Arbeit am Manuskript ausentwickelt.

Letztlich ist es wohl nur eine Autorentypsache, auf welchem Weg man zu einem Roman kommt- und am Ergebnis lässt sich meistens nicht ableiten, wie der Roman entstanden ist. Denn sicherlich kann ein handlungsbezogener Plot scheitern, weil die Figuren ihn nicht tragen, oder auch ein figurenbezogener Plot an einem schlecht gestalteten Handlungsaufbau scheitern.
Aber auch ein figurenbezogener Plot kann an den Figuren scheitern und ein handlungsbezogener Plot an einem schlecht gemachten Plot.

Donnerstag, 17. Januar 2008

Furunkelstilzchen und die Pechmarie

„Heute schreib ich, morgen sauf ich,
übermorgen schreib ich Königin ein Kind;
ach, wie gut dass niemand weiß,
dass ich Furunkelstilzchen heiß!“

O.k., das Gedicht und dieses Märchen gab es schon irgendwie in einer ähnlichen Form, aber mir ist heute ein wenig albern. Denn im Moment wächst mir am linken Ellbogen ein "kleiner Dieb" (lat. furunculus) und seitdem schreibe ich und ich schreibe richtig gut. Also vielleicht ist es ein lat. caputulus, also ein kleines Köpfchen, und somit wirklich ein Furunkelstilzchen, dass meine Kreativität mit Gold vollspinnert und dafür nur einen kleinen Preis verlangt.
Das Furunkelstilzchen hat seit gestern Pech, zumindest riecht die Salbe so und sieht auch so aus, typisch Ölschiefer halt. Und da ich heute morgen ziemlich gut mit dem Roman voran gekommen bin, könnten die guten Ergebnisse auch an der vielen Arbeit der letzten Tage und vielen guten Überlegungen liegen.
Aber vorsichtshalber werde ich die Sache beobachten, und weiterhin schreiben. Denn wenn ich irgendwann seinen wirklichen Namen sage, und weiterhin die Zugsalbe auftrage, dann ist es irgendwann weg und das kreative Gold auch.

Aber kreativ war ich auch schon davor, also kann es so schlimm ohne caputulus auch nicht werden. Aber Schriftstelleraberglauben ist alles...

Mittwoch, 16. Januar 2008

Kapiteleinteilung

Kapitel haben genau wie Absätze, und andere Unterteilungsmöglichkeiten wie Bücher, Punkte, eingeschobene Gedichte, Teile, Akte und anderes die Aufgabe einen Text zu untergliedern. Durch die Kapiteleinteilung (und die Absätze) gibt man als Autor unter anderem der Geschichte auch einen Rhythmus vor- schnell/ langsam- den auch die meisten Leser sofort spüren: denn viele Leser orientieren sich an den Kapiteln und Absätzen.
Deswegen wirkt Thomas Bernhard "Der Untergeher", keine Absätze, keine Kapitel u.a. wie ein langer Monolog (Bedingt durch Perspektive und Satzbau, sowohl Stilistik). Lange Kapitel mit weiteren Unterteilungen wirken oft recht episch, und lang, während schnelle Kapitel (siehe Dan Brown) ein stark wechselndes Tempo signalisieren.
Es gibt verschiedene Möglichkeiten einen Text zu untergliedern: Das beginnt mit den Handlungsorten, also das ein neuer Handlungsort ein neues Kapitel bedeutet, sowie mit Figurenperspektive, also dass jede Figur immer ein eigenes Kapitel bekommt, die dann durch weitere Mittel unterteilt werden, z.B. durch * oder andere Mittel, sowie Akte oder Szenen, wie das früher oft gemacht wurde, sowie thematische Gleichheit, Konflikte und vieles mehr (u.a. auch eine Kombination von mehreren Dingen).
Weil das so ist, gibt es keine festen Grundmuster für eine Textuntergliederung. Wichtig ist, dass die Länge der Kapitel zum Tempo des Romans und der Stelle passt. Schnelle Schnitte, schnelle Szenen und viel Handlung braucht oft kurze Kapitel (höhere Wirkung, und der Leser kann sich dann auch mal ausruhen), während Gedankenpassagen und Monologe, sowie epische Darstellung viel Raum brauchen, also auch lange Kapitel.
Das Verhältnis was kurz oder lang ist, hängt von der durchschnittlichen Länge eines Kapitels in dem Roman ab und sollte nicht zu stark abweichen (mit Ausnahmen bei besonders betonten Stellen)- sonst wirkt der Roman irgendwie außer Form. So kann bei einer durchschnittlichen Kapitellänge von 10 Seiten ein Kapitel mit 35 Seiten schon zu lang sein, während bei recht langen Kapiteln von 30 Seiten ein 3 seitiges Kurzkapitel schon einen besonderen Grund braucht.

Was ergibt sich daraus konkret:
Sieh dir an welche Einteilung von Kapiteln sich aus deinem Roman ergibt und welche sinnvoll erscheint. Ordnest du thematisch, hast du schon eine grobe Unterteilung wie die Kapitel aussehen könnten. Hast du immer noch große Abweichungen von der Kapitellänge, dann musst du dir ansehen, warum?
Wenn es mit dem Tempo und einer besonderen Stelle nichts zu tun hat, dann könnte man möglicherweise mal andere Konzepte zur Kapiteeinteilung ansehen- nur klappt das oft nicht, weil die Entscheidung für die Kapiteleinteilung beim Schreiben auch den Text beeinflusst.
Dann hilft es manchmal zu kürzen, oder Kapitel noch einmal zu unterbrechen, etwas einzuschieben, und so aus einem Kapitel zwei zu machen. Letztlich ist der wichtigste Maßstab das eigene Gefühl: Passt das?

Dienstag, 15. Januar 2008

Setzt sich Qualität durch??

In der heutigen "Literaturen" wird wieder einmal von Sigrid Löffler der Untergang der deutschen Buchkultur befürchtet, weil Qualität immer weniger ein Kaufmerkmal für Literatur wird.Aber ist das so?

Immer öfter kaufen die Leser in Deutschland die Stapelware aus den großen Buchketten, wo früher einmal die Empfehlungen der Buchhändler lagen und heute nur noch gegen Extrageld verkaufte Marketingflächen. Kleine Verlage werden von den großen Filialisten wie Hugendubel und Thalia ausgelistet, weil diese bei großen Verlagen bessere Konditionen bekommen, siehe hier "Zwischen den Rabattschrauben" einen Artikel von Gerhard Beckmann aus der Welt.
Seit dem Ende der 70er Jahre haben sich die Bestsellerlisten verändert: Früher fanden sich dort viele Bücher der sogenannten Hochliteratur und diese Bücher wurden umfangreich eben nicht nur im Feuillton besprochen, sondern auch abseits in der Öffentlichkeit. Dann kamen Autoren wie Stephan King, John Le Carré, P.D.James, Ken Follet und viele anderen, und haben die Bestsellerlisten systematisch durcherobert. Seitdem gibt es nur noch sehr wenige Bücher der sogenannten Hochliteratur, die es in die Top 10 der Bestsellerliste schaffen.
Seitdem hat sich die öffentliche Wahrnehmung von Literatur immer weiter verändert: Die Diskussion über die sogenannte Hochliteratur finden weitgehend nur noch in den Feuilletons, den betreffenden Büchersendungen und in Leserkreisen statt.
Eine große Wirkung dieser Diskussionen auf die Öffentlichkeit ist kaum noch zu bemerken: Literaturverfilmungen aus diesen Bereichen laufen meistens nur noch in speziellen Kinos, während die Kinos von speziellen Drehbüchern und von den anderen Bestsellern erobert wurden.
Gleichzeitig gibt es aber Diskussionen über die "neuen Bestseller", die sich überall finden lassen, auch wenn die Diskussion nicht immer die Feuilletonqualität erreicht- aber das Feuilleton diskutiert ja auch oft genug nicht mit, weil es sich für viele dieser Bestseller nicht zuständig fühlt. Und, weltweit wird das Feuilleton abgebaut und nach und nach durch Kulturseiten ersetzt, in denen weniger diskutiert wird. Dafür gibt es im Internet wieder ein wenig mehr Diskussionen über Hochliteratur, weil man dort gleichgesinnte viel einfacher findet.

Das scheint alles durchaus für Sigrid Löfflers These zu sprechen. Aber es gibt viele Punkte, die dagegen sprechen. Das Feuilleton neigt dazu konservativ zu sein, vor allem weil es in Deutschland immer noch von Feullitonisten beherrscht wird, die vor vielen Jahren, in einer anderen literarischen Epoche mit ihrer Arbeit angefangen haben. Viele junge Autoren gelangen daher oft gar nicht in den Radar des Feuilletons, und es ist für sie daher oft schwer überhaupt Werbung für ihre Bücher zu machen- und die Bücher verhungern an fehlender Aufmerksamkeit. Auch sind die Besprechungsplätze für Literatur sehr begrenzt, so dass eben nicht alle gelungenen Bücher besprochen werden.
Immerhin gibt es inzwischen immer mehr literarische Festivals wie die Litcologne und ähnliche, wo über Wochen Lesungen und Besprechungen von Büchern stattfinden. Es gibt den neuen Buchpreis der Frankfurter Buchmesse, in der Bücher ausgezeichnet werden und danach oft gute Verkäufe bekommen.
Und wie man an einigen Büchern der letzten Jahre sieht, ob nun bei Daniel Kehlmann oder Andrea Maria Schenkel, immer wieder setzen sich gute Bücher trotz vieler Widerstände durch... und verkaufen sich exzellent.
Nach der Popliteratur und der Fräuleinwelle gibt es nun das "neue Erzählen". Es kommt also wieder etwas neues.
Und wer Walter Moers weitgehend übersieht, die wunderbaren Verlagsgründungen wie Tropenverlag, Kookbooks, der Verbrecherverlag und andere, mit ihren exzellenten Programmen, wer nicht bemerkt, dass viele deutsche Autoren immer besser schreiben (siehe den Boom Historischer Romane deutscher Autoren und Autorinnen), wer ein wenig Blind für eine ganze Reihe junger Autoren ist, die gerade ihre ersten Romane veröffentlicht haben und teilweise exzellent sind, der muss um die Qualität fürchten.Das ist auch nicht falsch, aber es wird immer um die Qualität gefürchtet, wie man schon seit der griechischen Antike um die furchtbaren Jugendlichen fürchtet und die Zukunft.

Es ist nicht alles so schlecht, wie es schlecht gemacht wird.

Müdigkeit und Prioritäten

Ich schreibe im Moment an meinem Roman, und spüre förmlich, wie er aus einigen durch Fehler des Autors entstandenen Beschränkungen herauswächst. Das er längst klüger ist als ich, das, glaube ich, muss ich gar nicht betonen. Das er aber so langsam immer größer wird, ohne das ich ihn mit irgendwas wie Handlung und Plot ausstopfen muss, ist manchmal fast erschreckend. Denn es muss da einen anderen Autor geben, einen viel besseren, der heimlich irgendetwas in diesen Text webt- denn ich könnte schwören, dass ich es nicht war.

Ich arbeite nebenbei an meiner Abschlussarbeit über den deutschen Autor Gert Hofmann und versuche gerade meine Gedanken zu einer Abschlußarbeit zu verdichten. Und auch das ist nicht gerade einfach: Es ist nicht schwierig zu entscheiden, was in die Arbeit muss. Es ist nur unglaublich schwierig herauszufinden, wie man das am besten macht und es logisch und schlüssig für meine Argumentation zusammenfindet.

Dazu habe ich noch einen Nebenjob, irgendwo muss ja auch das Geld reinkommen, und ich habe noch die eine oder andere Verpflichtung.
Und deshalb bin ich gerade mal wieder unheimlich müde, vor allem die Gedanken. Ich brauche wieder eine Runde Sauna, um den Körper zu entspannen und auch geistige Blockaden zu lösen, und eine Runde Malen, um meine Gedanken und Sorgen in Bilder zu verwandeln.

Ich möchte mit meiner Abschlussarbeit und dem Roman vorankommen, und Müdigkeit der Gedanken ist da nicht gerade hilfreich. Aber das Kopfkissen ist im Moment zu verlockend und ich brauche den Schlaf für die Arbeit. Irgendwie muss ich die Müdigkeit der Gedanken etwas loslassen...

Und wenn sich das verrückt anhört... das ist es auch.

Sonntag, 13. Januar 2008

Ein Bratkartoffelverhältnis

Durch einen Zufall bin ich vor einigen Tagen auf den wunderschönen Begriff "Bratkartoffelverhältnis" gestoßen, der im heutigen Sprachgebrauch schon ein wenig untergegangen ist.
Das "Bratkartoffelverhältnis" stammt aus den Notzeiten des 1.Weltkrieges, der Weltwirtschaftskrise und dem 2. Weltkrieg bis zum Anfang der deutschen Wirtschaftswunderzeit.
Es bezeichnet eine Beziehung zwischen zwei Menschen, die auf Bratkartoffeln bzw. auf der Hilfe beim Überleben durch Nahrung beruht. Ich habe ja ein Kartoffelverhältnis (ohne den Begriff zu kennen) in meinen Lumpenkerl eingebaut, wenn mein Lumpenkerl eher an den Kartoffeln einer Frau interessiert ist als an allem anderen, weil der Hunger ihn schon fast verrückt gemacht hat.
Es wäre doch zu Schade, wenn dieser Begriff verschwindet, oder??

Virginia Woolf: Ein eigenes Zimmer

Im Sommer des Jahres 1929 beschäftigte sich Virginia Woolf mit dem Essay "Ein eigenes Zimmer" anlässlich einer Rede. Dieser wurde vollkommen zu Recht während der Frauenbewegung neu entdeckt, weil Virginia Woolf in diesem Essay sich auf sehr eindrucksvolle Weise mit einigen Frage über weibliche Schriftsteller in der Geschichte und Gegenwart beschäftigt.

Es geht um die Frage, warum es weniger weibliche Schriftsteller gibt, und was diese von ihren männlichen Kollegen unterscheidet. Das beginnt bei der Förderung durch die Eltern, bei den unterschiedlichen Ausbildungs- und Bildungschancen und geht über die Reisemöglichkeiten bis hin zu den Themen.
Virginia Woolf kommt zu dem Ergebnis, dass es Frauen beileibe nicht an Talent mangele, sondern es fehlt die Möglichkeit einer geistigen und finanziellen/ materiellen Unabhängigkeit, "Ein eigenes Zimmer", die den Raum für das Schreiben schafft.

Es sind aber nicht nur Virginia Woolfs Ergebnisse, die dieses Essay so lesenswert machen. Es ist die unvergleichliche Art, wie diese wundervolle Autorin zu diesen Ergebnissen kommt, indem sie ihre Vorgängerinnen befragt und Shakespeare eine hypothetische Schwester andichtet.
Das ist nicht nur einer der besten Essays über das Schreiben, sondern auch eine wundervolle Reise durch die Literatur, die in der Literaturgeschichte ihresgleichen sucht.

Oder anders gesagt: Dieser Essay ist eine Pflichtlektüre für Schriftsteller und alle anderen, die die Literatur lieben.

Donnerstag, 10. Januar 2008

Wie buchstabiert man Freiheit??

Im "Liebling";, einer Zeitung für Mode, Musik und Kunst, ist in der jetzigen Ausgabe der Artikel "Wie buchstabiert man Freiheit?" enthalten, in dem Georg Diez sich über die restaurativen Tendenzen der Justiz äußert. Schon der Untertitel spricht Bände: "Moralische Anweisungen, sozialpolitische Festlegungen, literarische Expertisen- die deutsche Justiz greift immer rigoroser in unser Leben, unsere Gesellschaft und unsere Kultur ein. Ihre Ordnungs- und Regelungswut ist Zeichen für die restaurativen Tendenzn in unserem Land". Allein dieser Artikel ist das Geld für die gesamte Ausgabe wert.

Denn Georg Diez greift u.a. den Fall Esra auf, indem das Verfassungsgericht sich in der Frage "Was ist Kunst?" zur juristischen Autorität über diese Frage gestellt hat.
Georg Diez schreibt: "Kunst ist absolut, Kunst ist die Freiheit, die Fiktion, die Verrücktheit, die uns erst zu dem macht, was wir sind. Kunst ist eine Gefahr, ja und hoffentlich die Gefahr, die sich die Demokratie leistet, weil sie sonst keine ist. Kunst muss man aushalten, muss man ausstellen, muss öffentlich werden, damit sich jeder seine Meinung bilden kann." Und greift damit zu Recht die Entscheidung des Verfassungsgericht an, die Autoren vorschreiben möchte, wie ein Text mit einem realen Vorbild vorgehen soll, um juristisch unangreifbar zu werden.
Immer wieder wurde meiner Kenntnis nach in den letzten Monaten verneint, dass auf dieses Urteil des Verfassungsgerichts weitere Klagen folgen würden. Aber ich habe mal einige Berichte über Urteile selber rausgekramt.
Lisl Urban schreibt in ihrer Autobiographie "Ein ganz gewöhnliches Leben. Bd.1" über einen One-Night Stand mit dem Polizeioffizier Eike, der einer "Sicherungsdivision der SS" unterstellt wird. Erich Steidtmann hat sich in diesem Eike wiedererkannt, obwohl er nicht namentlich erwähnt wird. Die Darstellung der Autorin stand mehrfach im Widerspruch zu der Darstellung Erich Steidtmanns, und ein Gericht musste über ein Verbot entscheiden, wobei, wie Uwe Wittstock in der Welt es beschreibt: "Doch was er bei seiner Klage enthüllt, ist viel entsetzlicher als Urbans Schilderungen."
Der Prozess wurde mehrfach von der Welt kommentiert, hier und hier .
Der als "Kannibale von Rothenburg" in der Presse bezeichnete Armin Meiwes hat ein Buch über seine Tat und ihre Vorgeschichte verbieten lassen, siehe Spiegel online , weil er seine Persönlichkeitsrechte durch eine "Falschdarstellung" durch Autor und Verlag in Frage gestellt sieht.
Und auch das Buch "Havemann. Eine Behauptung" von Florian Havemann über seinen Vater Robert Havemann, bei dem dieser immer wieder betonte, dass hier Wahrheit, Behauptung, Anekdote, Lüge und andere Verfremdungen zusammenkommen, musste wegen verschiedener Stellen (und einer juristischen Anfechtung) erst einmal von Suhrkamp zurückgezogen werden, siehe readingease , und aus den Rezensionen, siehe Perlentaucher . Das Florian Havemann durch die Mischung aus Biographie und Verfremdung sich besonders angreifbar gemacht hat, ist dabei völlig klar.

Weil ein Gericht sich angemaßt hat, zu entscheiden, wie Kunst arbeiten muss, damit sie nicht justiziabel wird. Und wie es zu erwarten war, wird nun Kunst auch vor Gericht nach den Maßstäben des Verfassungsgerichts geprüft. Restaurativ, wie Diez schreibt, ist das Bestreben des Verfassungsgerichts, weil das Recht ein Spiegel der Gesellschaft sein soll, und das Gericht beginnt sich verantwortlich für nicht juristische Ebene der Gesellschaft zu fühlen- und indem es dort juristische Vorschriften erlässt, wird die Welt wieder ein wenig enger. Denn der Spiegel der Gesellschaft gibt nun eine Richtung vor, an die sich Teile der Gesellschaft, in diesem Fall die Künstler, halten müssen. Das widerspricht dem Gedanken der Freiheit.
Das bedeutet nicht, dass Kunst sich meiner Meinung nach nicht der Persönlichkeitsverletzung schuldig machen kann. Aber sicherlich ist ein Verbot nicht der richtige Weg, sofern die Persönlichkeitsverletzung nur von einem engen Kreis um die betroffene Person zu erkennen ist (für öffentliche Personen muss natürlich ein weiteres Feld möglich sein) bzw. es keine üble Nachrede gibt. Denn Kunst ist ein Eckpfeiler einer freien, demokratischen Kultur und somit schützenswert. Wer die Kunst so justiziabel macht, hat dies vielleicht ein wenig vergessen.

Peter Handke im Spiegel

Heute ist im Spiegel ein Artikel über das neue Buch "Die morawische Nacht" von Peter Handke, sowie Auszüge aus seinen Tagebüchern. (Leider gibt es die Texte nicht auf Spiegel online). In den Auszügen aus seinen Tagebüchern, genau wie in der Fiktion seines Dichterromans geht Peter Handke, wie oft, sehr selbstkritisch mit sich und seinem Schreiben um, wie immer auch mit viel Humor. Um dann gleichzeitig über die Verzweiflung und das Schreiben, was das eine auslöst und wieder auflöst zu schreiben. Dabei ist Peter Handke sicherlich nicht die Ausnahme: Für eine ganze Reihe Autoren ist das Schreiben Qual und Schicksal, ein stetes Bangen um die eigene Ausdrucksfähigkeit, ein stetiger Kampf zwischen dem Schreiben und dem deswegen zurückgesetzten Leben, ein Kampf mit den eigenen Unzulänglichkeiten und der Ausdrucksfähigkeit und, nicht zu vergessen, ein Kampf zu Schreiben, eine Erlösung das Schreiben. Das Problem mit Stalker(inne)n und Literaturgroupies betrifft wohl aber nicht alle Autoren.
Dabei scheinen Depressionen, wie auch schon im Blogartikel über die " Mitternachtskrankheit" ; erwähnt, für einige Autoren Teil des Schreibprozesses zu sein, wie auch an vielen Autoren deutlich wird, die über psychische Erkrankungen irgendwann verstummt sind oder in Behandlung mussten, ob nun Kleist, Hölderlin, Robert Walser und viele weitere. Sicherlich gibt es viele Erklärungen, warum kreative Berufe Menschen mit Problemen anziehen, und das manche psychische Probleme sicherlich auch besonders kreativ machen.

Aber wirklich verstanden habe ich es nicht. Vielleicht weil ich auch unter Depressionen leide und schreiben muss. Aber vielleicht kommt das noch.

Mittwoch, 9. Januar 2008

Wenn gerade Geld da ist...

Da habe ich gerade ein wenig Geld zurückgelegt, weil in den nächsten Wochen wenig Zeit bleibt um Geld zu verdienen, da fängt mein uralter Computermonitor an Zicken zu machen: Das Bild flackert quer, die Farben verschwimmen.
Und wie es immer ist: Es gibt unendlich viele Dinge auf die ich verzichten könnte.... aber alles, was mit meinem Schreiben zu tun hat, hat keine Zeit. (Sogar ich habe Probleme meine eigene Schrift zu lesen und irgendwie bin ich kreativer am Computer.)Also habe ich einen ganz preiswerten Monitor bestellt, und stehe lächelnd vor der Notwendigkeit, und schmunzele, dass es keine Zeit hatte. Weil Schreiben so sehr Teil meines Lebens ist und so wichtig.

Dienstag, 8. Januar 2008

Von der Rohfassung zur Vorfassung - Ein Erfahrungsbericht

Ich überarbeite gerade meinen Romananfang und musste zwei Kapitel erst einmal herausnehmen, weil sie halbherzig, und dadurch wenig glaubwürdig ,einen wichtigen Plotpunkt ("Die Heldin beschließt auf eine Reise zu gehen") bildeten. Nun bin ich gerade dabei diese zwei Kapitel weitgehend zu ersetzen, und habe aus dem ersten Kapitel acht Seiten die ersten drei Seiten eines neuen Kapitels gemacht und drei Seiten neu geschrieben. Nun erarbeite ich gerade das zweite Kapitel und hatte sechs Seiten neu geschrieben, von denen ich wieder vier rausgekürzt habe.
Meine Überarbeitungserfahrung ist also fünf Seiten gekürzt, sechs geschrieben wovon ich wieder vier gekürzt habe, dazu muss ich ungefähr 8 Seiten (nach momentanen Stand also ca. mit Kürzungen 20 Seiten) neuschreiben- da die bisherige Lösung nicht funktioniert, bevor ich von den sechs Seiten des letzten Kapitels ungefähr drei Seiten gebrauchen kann.

Oder anders gesagt: Eigentlich müsste ich Überarbeitungen lieben, weil ich so viele davon mache. Aber ich mag Überarbeitungen eigentlich nicht. Sie sind aber schlicht notwendig.
Auf dem Weg von einer Rohfassung zu einer Vorfassung liegen unglaublich viele Textelemente begraben, wenn man als Autor ein gutes Messer für seinen Text hat. Manchmal, wie bei mir, reicht es aber auch aus, wenn man eine Vorliebe für halbherzige Lösungen hat.
Es ist nur ratsam es nicht so zu übertreiben, wie ich das tue. Auch wenn ich eigentlich gar nicht überarbeiten möchte

Montag, 7. Januar 2008

Der Spiegel

Eines der kleinen Geheimnisse des Schreibens ist, dass alle Gefühle eines Textes nicht nur genannt, sondern auch gespiegelt werden müssen. Bsp.: Wenn wir uns Zeitungsartikel ansehen, in denen über den Tod einer Person nüchtern berichtet wird, dann geht uns das nicht nahe.

"Bei Explosion im Irak sind 6 Zivilisten ums Leben gekommen."

Dieser Tod berührt uns, wenn wir die Folgen sehen: Vielleicht eine Angehörige die über einen der Toten berichtet, vielleicht das Bild der trauernden Familie, vielleicht auch das Leben der Figur- so dass wir den Verlust für die Menschen um ihn herum ahnen können. Dieser Vorgang wird in Texte übertragen, indem wir Gefühle nicht nur zeigen, sondern auch in einem Text spiegeln.
Wenn z.B. eine Figur stirbt, dann berührt uns dieses Sterben nur dann, wenn wir diese Figur kennengelernt haben. Wir können entweder diese Figur in ihrer Umfeld kennengelernt haben und uns daraus eine Vorstellung machen, was dieser Tod für diese Umfeld bedeutet- vielleicht sind wir über den Text sogar selber Teil dieses Umfelds geworden. Dieses Umfeld spiegelt die Bedeutung des Todes.
Oder wir spiegeln die Bedeutung dieses Sterbens auf einer Figur, in ihrer Haltung, in ihrem Gesicht, in ihren Erinnerungen und Worten und zeigen dem Leser, was dieser Tod nur für diese Figur bedeutet. Natürlich schließt das eine das andere nicht aus, im Gegenteil.
Dieses Spiegeln ist also der Vorgang, indem wir diesen Menschen ihre Individualität und ihre Würde wiedergeben- und uns ihnen annähern und so die Bedeutung ihres Todes erfassen.

Bei den anderen Gefühlen ist es genauso. Ein "Ich liebe dich" ist nur ein Wort, aber ich muss dieses Wort mit den Figuren spiegeln, damit der Leser es spüren kann, mitbekommen und erfassen. Ich muss zeigen, welche Gestiken Liebe anzeigen, wie ein verliebter Blick aussieht, Rücksichtsnahme und was Liebe ausmacht. Ich kann auch zeigen, wie jemand Sex hat, sich streitet, oder auf symbolischer Ebene Socken ineinander verschmelzen lassen. Das alles ist die Wiederspiegelung des Gefühls.
Worte werden also erst dadurch lebendig, dass ich einen Beleg durch Bilder für diese Worte finden. Das ist eines der großen Geheimnisse des Schreibens.

Sonntag, 6. Januar 2008

Individualisierung oder Mach es persönlicher

Die Romanwelt entsteht sowohl aus der Vorstellungskraft des Autoren, der seine Vorstellung dieser Welt verschriftlicht, genau wie aus der Vorstellung des Lesers, der diese verschriftlichte Welt wieder mit seinen eigenen Bildern auffüllt. Dementsprechend muss ich als Autor auf diese Vorstellungskraft meines Lesers eingehen und darauf Rücksicht nehmen. Ich brauche einem Leser nicht zu erzählen, wie eine Wohnung in Deutschland üblicherweise eingerichtet ist. Das weiß mein Leser. Er weiß, dass es im Schlafzimmer ein Bett, einen Kleiderschrank, einen Nachttisch und meist einen Wecker gibt. Ich muss diese Dinge nicht erst vorstellen, damit der Leser weiß, dass sie in einer Wohnung da sind. Nur wenn sie fehlen, muss ich das möglicherweise erklären.
Wenn ich also ein Schlafzimmer beschreibe, dann muss ich das beschreiben, was nicht so ist wie üblich. Vielleicht ist es kein normales Bett, sondern ein Futtonbett- und das gehört zur Atmosphäre des Raums und sagt etwas über meine Figuren aus. Vielleicht hat meine Figur eine Vorliebe für bestimmte Farben und hat ein bestimmtes Poster im Schlafzimmer, vielleicht eine nackte Frau, einen Delphin, einen Justin Timberlake, einen Van Gogh oder eine Jagdszene mit Hirsch. Somit mache ich aus dem allgemeinen, was eigentlich nicht wichtig ist, etwas persönliches- was etwas über die Figur, ihr Leben oder ihre Lebensumständen aus.
Letztlich geht es darum: Mach die Dinge in deinem Roman persönlich, schneide sie auf deine Figuren zurecht, vermeide unnötige Informationen die nur allgemein sind.

Wenn ich eine Figur beschreibe, dann erfolgt das meist nach bestimmten Mustern:
"Das stupsnasige Mädchen mit den blonden Haaren...."
"Sie hatte die Haare hochgesteckt und sah ihn mit ihren rehbraunen Augen neugierig an."

Das ist ebenfalls ziemlich unpersönlich, weil ich etwas über Äußerlichkeiten aussage, die nicht viel über die Figuren aussagen und sie nicht erkennbar machen. Denn wenn ich in einen Raum mit Hundert Menschen komme, wer könnte anhand dieser Dinge schon eine einzige Person auswählen.
Thomas Mann hat deshalb etwas ausgewählt, ein Detail, was eine Figur charakterisiert. Vielleicht spricht eine Person sehr eigenwillig, vielleicht hat sie eine besondere Mimik durch eine Narbe, macht immer eine nervöse Handbewegung....

"Eine Hand lag auf dem blauen Satin, kein Ehering oder abgeknibbelte Fingernägel. Weiter oben ein nussbrauner Haarschopf, Geheimratsecken, vom Gesicht war durch das Kissen nur die Nase und ein Auge zu erkennen. Die leichte Krümmung an der Nasenwurzel, dazu die vernarbte Stelle an der Augenbraue."

An dieser Stelle, sicher nicht meine Beste, versuche ich einerseits dem Blick der Figur zu folgen, die jemand ansieht, der in einem Bett liegt, und dann vom allgemeinen zum konkreten zu kommen- damit meine Figur diese Person erkennt.

"Als die Bahn in den Neumarkt einfuhr, wartet Caro schon. Sie stand mit ihrem halboffenen Tweedmantel neben einem älteren Herrn, der mit seinem Gehstock Kaugummis vom Boden schabte. Sie hatte ihre Haare mit so etwas wie einem Essstäbchen hoch gesteckt, und schien mal wieder die Haarfarbe gewechselt zu haben, rostrot, ein neuer Freund vermutlich. Die Bluse in Burgunder passte dazu, irgendwie."

Hier verwende ich den alten Mann, um der Szene wirklich Farbe zu geben. Denn das Bild hat man sofort im Kopf. Dazu die Essstäbchen... und direkt über die Haarfarbe ein Bezug auf die Figur. Und genau das ist es: Indem ich Figuren persönlich werden lasse, mit Details und Einzelheiten ausstatte, werden diese Figuren für den Leser erkennbar und fangen an zu leben. Deshalb ist es so wichtig den eigenen Roman noch einmal durchzulesen und zu schauen, ob die Figuren persönlich werden, oder nicht. Und wenn nötig daran zu arbeiten.

Samstag, 5. Januar 2008

Wiedererkennungswert oder Autorenstimme

Wenn man verschiedene Texte eines Autoren liest, und, obwohl jeder anders erzählt (andere Erzählstimme) wird, Gemeinsamkeiten feststellt, die sich in jedem der Text mehr oder minder stark finden, spricht man von einer Autorenstimme.
Es kann sich dabei um bestimmte Themen handeln, eine bestimmte Sichtweise auf die Welt oder die Figuren, eine spezifische Art des Humors oder Besonderheiten bei den Beschreibungen (von Figuren, Handlungen, Orten), von stilistischen Dingen wie rhetorischen Figuren bis hin zu ähnlichen Settings, der Vorliebe für bestimmte skurrile oder abseitige Figuren und Hundert anderen Dingen.
Oder anders gesagt: Die Stimme des Autoren umfasst all das, was er nicht so macht wie alle anderen. Sie sorgt dafür, dass die Leser nicht irgendein Buch suchen, sondern ein Buch von genau diesem Autor und in der Buchhandlung danach fragen.

Aus:Gottfried Benn "Der Ptolemäer: Berliner Novelle (1947)"
"Ein bösartiger Winter geht zu Ende, ein fortwährend rückfälliger mit immer neuen Hochs, die regelmäßig eine sogenannte Aufheiterung brachten (offenbar eine ganz besondere Form innerhalb der Heiterkeitsskala), ein wahrhaft maligner Winter, dem alle Opfer an Möbelrudimenten, Kinderwiegen, Trümmerresten vergeblich fielen, der die Felle, die das Lebendige schützen sollten, mit 20° vier Monate lang blutig riß. Wölfe an der Oder, Adler in den Müggelbergen! Ein Winter in der Besatzungszeit. (...)"

Gottfried Benn hat einen Anfang gewählt, in dem er sehr viele Verbindungen schafft: "Ein bösartiger Winter..." wird im Prinzip später noch einmal mit "ein wahrhaft maligner Winter" wiederholt und dazwischen durch ein "fortwährend rückfälliger" erläutert. Danach wird dieser Winter bebildet "Opfer an Möbelrudimenten..." und auf die Menschen bezogen, "der die Felle, die das Lebendige schützen sollten, mit 20° vier Monate lang blutig riß". Der zweite Satz bringt den Hintergrund in den Text hinein, indem auf die Situation Berlins verwiesen wird. Dann kommt die Aussage, die darauf verweist und dies zeitlich einordnet "Ein Winter in der Besatzungzeit."
Diese Erzählstimme (weil es nur ein Text als Bsp. ist) ist sehr eindrucksvoll und sehr stark, aber es wird schon deutlich, dass dieser Text nicht unbedingt leicht zu lesen sein wird. Denn schon hier findet sich ein Hinweis auf einen sarkastischen Umgang mit bestimmten Fakten, auf eine sehr starke aber schwierige Art der Beschreibungen und viele rhetorische Figuren, von dem wunderbaren Umgang mit dem Satztempo mal abgesehen.
Hier wird auch eines sofort deutlich: Gottfried Benn polarisiert mit seinen Texten, weil er so stark vom üblichen abweicht. Es wird einige Menschen geben, die seine Texte über alles verehren. Aber andere werden nach drei Sätzen schon wissen, dass Benn ihnen zu "schwer" ist, zu "speziell" oder einfach nicht ihre "Baustelle".
Denn alles was Leser anziehen kann, kann andere Leser auch abstoßen- und Mittelmaß macht weder das eine, noch das andere. Und das ist der Größte Vorteil der Mittelmäßigkeit- und der Grund, warum vieles bei uns nach der Mittelmäßigkeit gestaltet wird.

Ein weiterer Grund, warum die meisten verkauften Bücher keine starke Erzähl- oder Autorenstimme haben, ist, dass es unendlich viel Zeit und Arbeit erfordert diese herauszuarbeiten und die meisten Autoren dort nie hinkommen: Bei R. Carver und G. Grass waren es zwei außergewöhnliche Lektoren, die mit viel Arbeit nach und nach aus dem vorhandenen die Erzählstimme mit den Autoren herausgearbeitet haben, bis der typische Stil dieser Autoren entstanden ist, die Autorenstimme. Denn eine Erzählstimme entsteht, wenn der Autor sich mit dem Handwerk auskennt und sich bewusst für Eigenheiten entscheidet, von denen er ausgeht, dass es sich um seine Stärken handelt. In Aussereinandersetzung mit dem Feedback anderer entsteht und entwickelt sich diese Stimme weiter, wird durch die eigenen Haltungen und Einstellungen geprägt, die Vorlieben und Denkweisen, wird zu Autorenstimme, um dann eventuell einmal größer zu werden als der Mensch hinter dem Autor.
Und es gibt auch immer das Risiko bei der Suche nach der Erzähl- und Autorenstimme sich zu verrennen. Denn wenn man wie viele Autoren durch viele Metaphern versucht eine Stimme zu entwickeln, und die Metaphern sitzen nicht, dann ist die Autorenstimme meist ein Verkaufsnachteil. Oder die Stimme überdeckt die Geschichte, es entsteht das Gefühl der Autor würde nur schreiben, um sich selber besonders großartig zu finden, als Egoputzer. Oder der Text wirkt nicht harmonisch, es passt nicht zusammen oder ähnlich.
Da ist man dann wieder auf gute Testleser und Lektoren angewiesen, und darauf, dass man den richtigen Menschen auch wirklich zuhört. Und das ist ziemlich schwierig, weil gute Stimmen oft in der Masse der vielen untergehen. Deshalb hören viele Autoren übrigens auch ihre Erzähl- und Autorenstimme nicht: sie sind zu sehr damit beschäftigt das übliche zu machen, dass das Besondere an ihnen in Mischmasch des Mittelmäßigen untergeht und keine Stimme zu hören ist.

Und viele Autoren scheuen die Jahre und das Risiko sich mit einer Erzählstimme zu verrennen, was einerseits verständlich ist, aber gleichzeitig auch enttäuschend.

Freitag, 4. Januar 2008

Gerade als es gut lief!

Gestern hat es mich mal wieder aus den Jeans geholt... nachdem ich aus meinem Büro nach Hause kam, habe ich mich kurz schlafen gelegt, und bin mit über 39° Grad Fieber aufgewacht. (Spart übrigens enorm Heizkosten).
Nun habe ich natürlich nicht eine produktive Sache seit gestern hinbekommen und wollte mich auch erst einmal nur kurz zurückmelden. Immerhin bin ich heute klar genug, um zumindest den nächsten Blogeintrag zu planen, auch wenn ich noch nicht klar genug bin ihn zu schreiben.

Aber vielleicht kann ich nach einer wunderbaren Dusche noch eine Runde schlafen. Hey, 25 Stunden in zwei Tagen zu schlafen ist halt ein bisschen wenig, wenn man sich einen Infekt eingefangen hat. Und schlafen ist echt toll.

Mittwoch, 2. Januar 2008

Endlich sind die Worte wieder da...

Ich habe um 23.00 Uhr angefangen zu schreiben, und es war ein wenig wie eine Heimkehr von einer weiteren Reise. Weil die Worte, die schon verloren geglaubt waren, wieder zu mir zurückgekehrt sind, und sie sich verschworen haben, verbunden, und klarer wurden.
Und nun habe ich die Überarbeitung des sechsten Kapitels abgeschlossen, fast das siebte Kapitel geschrieben und habe schon in Gedanken mit dem achten Kapitel begonnen. Nur kann ich das heute leider nicht mehr schreiben, weil ich zu müde bin, und erledigt, und die Worte dann warten müssen.
Schließlich gibt es da noch die Abschlussarbeit, aber vielleicht werde ich sie morgen für einen weiteren Tag auf die Wartebank schieben und schreiben. Aber es wird schwer werden, in den nächsten Tagen, nicht zu viel an den Roman zu denken. Wahrscheinlich werde ich sogar wieder von ihm träumen. Weil ich nun einmal mit allen Fasern meines Körpers ein dicker Mann bin, der Schriftsteller ist und isst.

Aber es ist schon etwas seltsam: Schriftsteller ist man, wenn die Gedankenkinder manchmal viel realer sind, als die Welt, die einen umgibt. Und das hat mit Eskapismus nur wenig zu tun: man flieht nicht vor der Welt, sondern lügt sich eine andere, meist nicht bessere, zusammen, die etwas klarer und etwas unklarer ist, und die man mit seinen Gedankenkindern betritt.
Man befragt die Welt, indem man sie in eine andere Welt überträgt, damit man diese Welt erträgt. Irgendwie. Und man sich die eigenen Fragen beantworten kann, mit unendlich vielen Antworten, auch wenn keine richtig ist, sondern alle nur relativ in ihrer Aussage sind.
Und nun gehe ich die Träume befragen.

Dienstag, 1. Januar 2008

Festhalten (Erzählung)

Festhalten

Manchmal muss man Dinge festhalten, ob nun im Leben oder Traum. Auch wenn man sie nicht festhalten will. Und deshalb tagträume ich immer noch von der Sache, jeden Morgen, kann es nicht ändern. Auch wenn ich von anderen Dingen träumen will, den Dingen, von dem die anderen Mädchen in meinem Alter träumen.

*

Mein biologischer Vater stand im Türrahmen, meine Schwester Maria hat ihm geöffnet, sich gefreut ihn zu sehen. Sie trug ein gelbes Kleid, was von H&M, was ich mir mal leihen wollte, weiß ich noch. Sie wollte heute mit ihrem Freund weggehen, wartete auf ihn, war dezent geschminkt. Eine ganz Süße, meine Schwester, mit großen Kulleraugen. Immer freundlich und gut gelaunt, außer wenn man an ihre Kleider ging, oder ihre Schminke. Da riss sie einem schon mal ein paar Haare aus, oder schlug einem das Auge dick.

Ich war hinten in der Küche, mit meinem kleinen Bruder Jan, ich weiß gar nicht mehr warum. Ich glaube, ich sollte ihm den Brei warm machen. Aber ich bin mir nicht sicher.
Der Biologische hatte seine alte Uniform an, und doch nicht, fiel mir auf. Hauptwachtmeister war er nicht, nie gewesen. Nicht mal, als sie ihn rausgeschmissen haben, Alkohol. Immer wieder Alkohol, ein wenig familiäre Gewalt. Nichts Spektakuläres, das Übliche. Deshalb dann auch das volle Programm: Therapie, Rückfall, Therapie, Rückfall, Kündigung, Trennung, Scheidung.
Und Mama hatte irgendwann einen Neuen, Paul, auch wenn der auch nur ein Arschloch war. Guter Job, gute Familie, angeblich, aber das heißt nichts. Das hat er uns deutlich gezeigt, meiner Schwester, Jan und mir. Wir waren nur der Abschaum, den er mitfüttert, der Restschaum vom Biologischen, um Mama zu vögeln.

Paul war nicht da, war arbeiten, Anwaltskanzlei. Und der Biologische zog seine Dienstwaffe und hielt sie Maria vor die Brust, mit beiden Händen.
„Es hat keinen Sinn mehr, nichts hat einen Sinn,“ hat er gesagt. Mama hat was gebrüllt, und lief auf mich zu. Sie wusste, was passieren würde. Ich stand einfach da, in der Küchentür mit den Windowcolors, als er Maria erschoss. Zwei Schüsse, glaube ich, so etwas haben sie gesagt, bei der Verhandlung. Und Marias Oberkörper wurde nach hinten gedrückt, wie von einem Schlag, in ihr Gesicht, ein Knie verdrehte sich, sie fiel hin, ganz verkrümmt lag sie dann da, am Boden, überall Blut, auf dem gelben Kleid, auf dem billigen Ikeateppich.
Und er hob wieder die Pistole, sagte nichts. Und hat auf Mama geschossen, die zu mir lief, nur ein Schuss diesmal. Auf einmal war Mamas Bauch ganz rot, unter der Bluse, und sie wollte noch was sagen. Sie stolperte, konnte sich nicht fangen, die Knie wurden weich, und sie schlug hart gegen den Couchtisch, blieb liegen. Keine letzten Worte, nichts, nur Blutspritzer überall, auf meinem Gesicht, auf der Küchentür.
Ich habe den Biologischen nur angesehen, habe dann die Tür zugeworfen, nahm mir Jan, und habe noch die Herdplatte ausgemacht. Warum auch immer. Lief dann zum Fenster. Er hat mich zuerst gerufen hat. „Lara, bleib doch da.“ Als wäre nichts passiert, während ich das Fenster aufmachte, der zweite Stock, unten ein Gebüsch. Auf die Fensterbank kletterte. Ich war so irritiert, wollte fast zurückgehen, weil es nicht wahr sein konnte, das alles. Habe gedacht, ich hätte nur geträumt. Bis Jan geweint hat. Und ich die Schritte nebenan hörte, der Biologische auf dem Weg zur Küchentür.

Und dann hat er versucht die Tür aufzutreten. Obwohl ich sie gar nicht verschlossen habe. Seltsam. Weil ich sie hätte zuhalten können, ein Messer ziehen, ihn angreifen. Ich weiß es nicht.
Die Tür schlug gegen ihn zurück, der erste Schuss löste sich, ging in die Kacheln. Ein zweiter Schuss, ein Schlag in meinem Gesicht, ich konnte nichts mehr sehen, alles voller Blut, meine Augenlider, meine Augen, mein Gesicht. Ich habe Jan festgehalten, bin halb gesprungen, halb gefallen, habe versucht irgendwie zu landen, dass Jan nichts passiert. Und dann der Aufschlag im Gebüsch, überall Äste und Zweige, in meinem Rücken, an den Armen, überall.
Ich sah den Biologischen oben am Fenster, wie er zu mir runtersah. Lächelte. Es war noch nicht dunkel, irgend so ein grau, am Himmel, an der Wand des Mehrfamilienhauses.
Jan bewegte sich nicht, hing in dem Gebüsch, ich auch, überall Blut. Und da ist er wieder ins Wohnzimmer gegangen, nachdem er uns angesehen hat. Weil er wohl dachte, dass wir tot sind. Er hat sogar das Fenster wieder zugemacht.
Wir lagen da, einen Moment, bis er den Fernseher angeschaltet hat. Flackerndes Licht im Wohnzimmer. Ich habe mir das Blut aus den Augen gewischt, aus dem Gesicht, dann mit der Hand nach Jan gesucht, ihn gefunden. Jan hat angefangen zu weinen, und ich habe ihn zu mir gezogen, ihn an mich gedrückt, und bin gekrochen, in Richtung Straße. Sei still, Jan, habe ich gesagt, ihm den Mund zugehalten. Meine Beine wollten nicht laufen, und mir ist immer wieder Blut ins Auge gelaufen. Jan hat sich an mir fest geklammert, und ich bin gekrochen, weil mein biologischer Vater vielleicht auf dem Weg nach unten war.
Sogar weiter, als ich oben noch einen Schuss hörte. Bis ich den Bürgersteig erreicht hatte, ein Auto, verschlossen, noch eins, noch eins, dann ein alter Panda, der Kofferraum war offen, Einkaufskisten drin. Ich habe Jan reingelegt, allein, habe den Kofferraum zugemacht, bin dann weiter, bin gekrochen, Blut überall.

Und dann hat ein Mann mich gesehen, und weggeschleppt. Und dann flirrte es um mich herum, die Welt bekam Seitenstechen in meinen Augen, alles auch rot, und dann lag ich am Boden und wartete. Bis ein Mann mit Polizeiuniform kam. Und ich die Augen schloss, und „Bitte nicht“ sagte, wie albern. Ein Krisselbild, schwarz, weiß, und dann war ich weg.

*

Meine Granma lärmt in der Küche, sie haut die Teller mit den roten Landschaftsgemälden so fest auf den Tisch, dass sie manchmal zerbrechen. Ich muss sie dann kleben, klar, als Enkelin. Dabei macht sie das für mich, damit ich höre, dass sie da ist. Weil ich sonst nicht aus meinem Zimmer rauskomme, nicht rauskommen kann.
Manchmal zittern Grandmas Hände so stark, dann fallen die Teller auch so auf den Tisch, kreisen ein wenig. Porzellan hat einen besonderen Klang dabei, wie weoweo. Aber heute ist kein weoweo Tag.
„Bist du wach, Lara-Schatz?“
Gleich macht sie die Kaffeemaschine an, meine Senseo, unser großer Luxus. Weil der Kaffee gegen meine dauernden Kopfschmerzen hilft, und mir damit über den Tag.
„Komme gleich, Granma.“
Das sage ich immer, auch wenn ich noch im Bett bleiben will. Also drehe ich mich auf die Seite, ziehe die Bettdecke noch ein wenig hoch.

Ich habe auch wieder Kopfschmerzen, ein pochender, kreisender Schmerz rechts an meiner Schläfe. Da ist das aufstehen schwierig. Die halbe Nacht hat mich Jan wachgehalten, der im Kinderbett neben mir schläft, umgeben von einer Horde Kuscheltiere. Sogar sein Lieblingsbuch „Tomte Tummetott“ liegt noch aufgeschlagen neben dem Bett, weil ich ihm immer wieder von Tomte, dem Hausgeist, und seinen Taten vorlesen musste.
Und als er dann aufgehört hat zu weinen und eingeschlafen ist, habe ich angefangen. Weil ich so müde bin, so fertig. Weil die Wohnung so unordentlich ist, der Kühlschrank fast leer. Weil ich gestern Granma aus der Stadt abholen musste, weil sie nicht mehr nach Hause gefunden hat. Und dann ist da noch mehr, soviel mehr.
Eigentlich habe ich heute keine Kraft aufzustehen. Aber Granma und Jan schaffen es nicht ohne mich. Also zwinge ich mich zumindest die Augen wieder aufzumachen, die verquollen sind.

*
„Schläfst du noch, Jan?“
frage ich dann.
„Ja.“
Er hat mich mal wieder getäuscht, mein kleiner Schatz. Also schiebe ich meine Füße schon einmal aus dem Bett, dann die Beine bis zum Knie. Richtig kalt im Zimmer. Und stehe dann auf, tappse zu ihm rüber, spreche ihn an.
„Willst du noch ein bisschen kuscheln, Jan?“
Ich sehe ihn nicken. Jan hat ganz wenig Haare, für seine drei Jahre. Weil er sie sich immer ausreißt. Auch wenn das weniger geworden ist, in letzter Zeit. Mit drei Schritten gehe ich an sein kleines Bettchen. Er streckt seine Händchen aus, als wollte er die Welt erfassen, aber er will nur mich.
„Guten Morgen, mein Liebling.“
Ich flüstere ihm das ins Ohr, puste auch ein wenig absichtlich, bis er schaudert. Seine Arme klammern sich ziemlich fest an meinen Nacken, während er seinen Kopf an meinen Hals presst.

„Lara.“
Jan hat so eine helle Stimme, wie ein Glockenspiel. Er ist noch ganz warm vom Schlaf. Nur seine Pyjamahose ist vorne wieder feucht. Also trage ich ihn zur Kommode, und lege ihn drauf.
„Du kannst mich ruhig wecken, wenn du pischern musst, oder gepischert hast!“
sage ich ihm, während ich ihm seinen Pyjama ausziehe. Jan nickt nur, sieht mich nicht an.
„Und das macht überhaupt nichts, Jan.“
Das behaupte ich einfach, auch wenn es nicht so ist. Er macht mir große Sorgen. Mit einem Frotteehandtuch reibe ich ihn unten ab, ganz vorsichtig. Dann bringe ich ihn ins Bad, wasche ihn in der Wanne, eine Plastikente schwimmt mit ihm, bevor ich ihn zurück zur Kommode bringe, alles eincreme, mit Wundsalbe, weil seine Innenschenkel ganz wund sind, irgendwie brandig.
„Alleine,“ sagt er.
Ich schaue mir noch seinen Kopf an, er hatte gestern einen schlechten Tag, hat sich wieder Haare ausgerissen, ganze Büschel. Ich weiß nicht, was ich noch tun kann. Meine Mutter hätte es gewusst, besser als die Therapeuten, die mir immer nur das Gleiche erzählen, was nicht klappt.
„Alleine.“
Also wuschele ich seine Haare durch, drehe seinen Kopf, schaue nach, was ihm gar nicht passt, dann auch seinen Bauch, seine Beine. Das gefällt ihm auch nicht, er strampelt mit den Beinen. Immer wenn ich ihn untersuche, wie jetzt, dann muss ich an früher denken.
Da hat Mama ihn so untersucht, wie ich jetzt, und Jan hat ihr erzählt, von Teddybären und Stoffmonden. Und Mama hat ihm auf den Bauch gepustet und ihn gekitzelt. Wie laut Jan immer gelacht hat, damals. Aber seit Mamas Tod lacht er nicht mehr, oder nur ganz selten.

Auf einmal windet Jan sich in meinen Händen, schlägt mir gegen den Bauch, gegen die Brust, die so verhängnisvoll nach vorne hängt.
„Ich hab dich lieb, Jan!“
sage ich. Denn ich kann es ihm nicht übel nehmen, mit dem Treten und so. Ich würde wahrscheinlich auch so reagieren. Also ziehe ich ihm eine Unterhose an, fast neu, aus der Kleiderkammer, ein T-Shirt, und lege ihn in mein Bett. Sofort hört er auf sich zu wehren, ist ja auch mein Bett.
„Alleine.“
Diesmal sagt er es fast zärtlich, während er sich an mein Krokodil kuschelt. Das sicher auch ganz feucht ist, noch feuchter wird, vom Knuddeln und Sabbeln. Und vom Weinen. Ich mache noch sein Bett, bevor ich mich neben ihn lege.
„Knuddeln?“
„Ja.“
Ich sehe in seine großen Augen, die so ängstlich schauen können, manchmal. Und er lacht, während er sich auf mich legt, sich ganz fest an mich drückt. So fest, dass ich immer Angst habe, dass er keine Luft mehr bekommt. Kitzeln darf ich ihn nicht, auch nicht wegschieben. Also lasse ich ihn auf mir liegen, seine Knie drücken gegen meinen Unterbauch, sein Kopf presst sich auf meine Brust.

„Ich bins, Granma.“
Dann klopft sie, bevor sie reinkommt. Sie trägt eines ihrer Nachthemden, das bis an die Knöchel reicht, an den Säumen bestickt ist. Sie trägt den Kaffee in beiden Händen, die Tasse zittert trotzdem.
„Morgen Jan. Hörst du dir wieder Herzen an?“
sagt Granma. Auf meiner Brust, mit meiner Brust nickt Jan, während Granma sich auf die Bettkante setzt, den Kaffee auf mein Nachttischchen stellt. Erst jetzt streichelt sie seinen Rücken, weil man Jans Kopf nicht berühren darf. Trotzdem haut mir Jan sein Knie kräftig in die Seite.
„Hallo, Lara-Schatz.“
Ein Kuss für mich.
Granma hat wieder geweint, trotz der sternförmigen Falten um ihre Augen sind diese aufgequollen, dunkel geweint und müde gewacht.
„Du musst gleich Aufstehen.“
Ich streichle Jans Rücken, bis seine Umarmung leichter wird, er genug Herz gehört hat. Dann reiche ich ihn Granma, die ihn nun auch anfassen darf, wo er weiß, das ich ganz sicher noch lebe. Jan sieht sich fasziniert den Lavendelton an, den Grandma sich vor kurzem in die Haare hat färben lassen.
„Du hast richtig gut zugenommen, Jan.“
Sagt sie, während wir gemeinsam ins Bad gehen. Granma und Jan setzen sich auf die geschlossene Klobrille, weil er nicht ohne mich sein will, kann, bis auf den Kindergarten. Eine kurze Dusche, warm, kalt. Dann gemeinsam zurück ins Enkelzimmer, umziehen, einen Schluck Kaffee.

In meinen Schulsachen sitze ich dann beim Frühstück, Jan vor meinem Bauch. Wir essen zusammen von meinem Teller, es geht halt nicht ohne Körperkontakt, ohne Berührung.
„Lara, Nutella.“
Das kann er fließend sagen, Nutella.
Auf dem Fensterbrett steht das Photo von Mama, von meiner Schwester Maria, die Trauerkarten. Den Mann, der biologisch mein Vater ist, haben wir aus den Bildern heraus getrennt. Ein Rosenkranz daneben, die Bibel ist aufgeschlagen, bei den Psalmen.
„Lara.“
Patschige Nutellafinger an meinem Lieblingspulli.
„Nicht weggehen.“
Ein dünner Film Wasser schiebt sich vor meine Augen, ich versuche sie wegzublinzeln, sehe nach oben. Und Granma fängt wieder an zu weinen.
„Du bist ein ganz kluger Schatz!“
flüstere ich ihm ins Ohr. Granma schluchzt.
„Ich pischere auch nie wieder.“
Sagt er. Granma nimmt sich ein Taschentuch, damit sie nicht ihr Nachthemd nass weint. Wir sind halt alle ein wenig undicht, auf unsere Weise.
„Ich werde nie weggehen. Da kannst du soviel pischern, wie du willst.“
Eine ganz feste Stimme, sonst bleibt Jan nicht im Kindergarten. Meine Lehrer sind schon so angenervt, wenn die Erzieherin ständig anruft.
„Wir bleiben immer zusammen, ja, mein Schatz!“
sage ich, massiere meine Schläfe. Die scheiß Kopfschmerzen. Sehe dann zu Granma. Sie zittert mit dem ganzen Körper. Granma hat sehr abgenommen, die Arme sind dünn geworden, ihre Wangen leicht durchscheinend.

„Ich mache die Wohnung sauber, ja, Lara-Schatz.“
Granma versucht nicht mehr zu weinen, konzentriert sich, rotiert ihr Gebiß im Mund ein wenig umher, zupft an ihren langen Haaren.
„Ich mache das nachher, nach den Hausaufgaben. Geh du ruhig zu Mama und Maria!“
Sage ich. Granma nickt, und fängt an sich einen französischen Zopf zu binden, damit sie anständig aussieht, in der Bahn, wenn sie nachher zum Grab fährt. Dort liegt Mama mit Maria zusammen, ganz dicht beisammen.
Granma kann noch kochen, auch wenn vieles anbrennt, weil sie zu Mamas Bild spricht, ständig, dann nicht aufpasst. Aber Putzen geht gar nicht mehr, weil sie immer irgendwo hängen bleibt, bei den Photos, den anderen Sachen aus Mamas Wohnung. Oder ihr einfach die Luft weggeht, der Kreislauf.
„Warum bringst du nicht mal Freunde mit, aus der Schule?“
Ich sehe Granma an, blicke kurz zu den Nutellafingern unter mir, die mich inzwischen ordentlich eingeschmiert haben, meinen Lieblingspulli.
„Vielleicht irgendwann!“
Ich habe aber keine Freunde. Außerdem würde Jan nie normal werden, wenn ich Henrik mitbringe, mit dem ich mich treffe. Da bin ich mir sicher.
Manchmal muss ich mich auch festhalten, irgendwo, auch wenn ich keine Zeit für einen Freund habe. Auch wenn es dann nur ein Schwanz ist. Was mich in den Augen meiner Mitschüler zu etwas macht, was ich nicht bin.

*

Die Küchenuhr zeigt sieben Uhr.
„Ich muss gleich los, Granma, Jan ist im Moment schwierig.“
Was nichts anderes heißt, dass er ewig braucht, um sich von mir zu trennen, im Kindergarten. Viele Tränen, viel Geschrei und Haare ausreißen. Und Schläge, Tritte und Liebesentzug. Ich bin dann immer ganz betäubt, wenn ich rausgehe, die viele Fingerabdrücke aus Neonmalfarben an den Fensterscheiben außen sehe, die Basteleien. Weil meine Kopfschmerzen dann so stark sind.
„Geh nur.“
„Mitkommen!“
sagt Jan. Also mache ich das, ziehe einen anderen Pulli an, putze die Nußnugatcreme von meinem Lieblingspulli, Mamas Lieblingspulli, der ganz flusig ist, voller Knoten und ausgeleierte Ärmel hat. Ich packe Jans Sachen, dann meine.
„Bindest du dir bitte die Haare zusammen, ja, Lara-Schatz.“
Also mache ich das, auch wenn ich es ungern mache, wegen der Narbe an der Schläfe. Aber Granma ist es wichtig, weil es so anständiger aussieht, auch wenn ich nicht anständig bin.

*

Mit Mamas Anorak, mit Jan in seinem auf meinem Arm, gehe ich dann los.
Wintertage haben was ganz Eigenes, mit den kahlen Ästen, dem wenigen Grün an den Kiefern und Tannen. Und dem Matsch überall. Selbst die Autos sind angeschmutzt, das Sonnenlicht aber auch.
Jan lacht, und brabbelt, wie er das als Baby getan hat. Keiner versteht ihn, ich auch nicht. Aber er macht es, wenn er glücklich ist, oder zumindest dicht dran. Dann erzählt er mir von Mama, und Maria, und anderen Dingen. Als alles besser war, irgendwie. Und erzählt von dem, was er gesehen hat, bei der Sache.

An der Ecke zur Schillerstraße stehen schon ein paar meiner Mitschüler aus der neunten Klasse, rauchen. Eigentlich gehöre ich in die zehnte, eine musste ich nämlich wiederholen, nach der Sache. Sie tragen ganz andere Sachen als ich, Fishbone, Zara und so ein Zeug. Dafür haben wir aber kein Geld.
„Schlampe!“
Brüllt Max-Pasqual über die Straße, Sarah und Judith lachen, nur Henrik nicht. Der ist still, sagt nichts mehr, zumindest offen. Jan fängt an zu weinen, wegen dem Geschrei, und ich brabbele zurück in sein Ohr, streiche seinen Rücken, während er mir den Hals abquetscht.
„Das ist nichts, Jan.“
Sage ich, lüge. In diesem Stadtteil kennen sie sich fast alle, irgendwie. Meine Klassenkameraden tuscheln, sie zeigen auf mich, sagen, dass ich leicht zu haben bin. Sie reden über meine Kopfschmerzen, manchmal laut, oft leise, meine Klamotten aus der Kleiderkammer, vielen Dank auch an den Pfarrer, meine Migräne, meinen Sohn und die seltsame Großmutter, die beim Einkaufen immer vergisst, was sie eigentlich mitbringen soll. Und dann verwirrt bei mir anruft. Oder über die Anrufe aus dem Kindergarten, wegen meines Sohnes, der eigentlich mein Bruder ist.

In der Schule wehre ich mich, indem ich lächele, einen blöden Spruch absetze. Hier geht das nicht, weil Jan dabei ist.
Also werde ich sie mir vornehmen, später, wenn Jan schon im Kindergarten ist. Ich werde sie vor der Schule abfangen. Dann werde ich zuschlagen, ihre Köpfe gegen die Wand pressen, sie gegen den Beton hauen. Damit sie das nie wieder auf der Straße machen, wenn mein Bruder dabei ist.

Ich nehme Jan wieder hoch, gehe los. Hinter mir tuscheln sie, aber das ist okay. Ich ziehe den Anorak meines kleinen Bruder zurecht. Ich schunkele ihn ein wenig, während wir weitergehen, wie Maria es gemacht hat. Meine Schwester Maria hat oft auf ihn aufgepasst, nach der Scheidung, wenn Mama abends arbeiten war. Ich nur ganz selten. Ich habe dafür kein Händchen.
„Gleich sind wir im Kindergarten.“
Sage ich, weil er nach der Schillerstraße immer mit dem Terror anfängt. Da rollen die Tränen schon, er strampelt mit den Füßen, tritt, versucht abzuhauen.
„Nicht hin!“
sagt er, und ich zwinkere ihm zu.
„Doch.“
Diesmal sagt er nichts weiter, bleibt auf meinem Arm. Er ist auch ganz müde, hat gestern stundenlang geweint, als er schlafen sollte. Obwohl ich ihm seine Lieblingsgeschichte vorgelesen habe, neben ihm lag. Aber er hat geträumt, immer wieder, wovon auch immer. Er wurde immer wieder wach und hat geschrien und geweint. Obwohl er sich bestimmt nicht erinnern kann.

Als wir in der Thomas-Mann-Straße ankommen, ist Jan fest eingeschlafen. Ich gehe in den Kindergarten, vorbei an den neonfarbenen Kinderhänden am Eingang.
„Hallo, Frau Hanninger.“
„Hallo, Lara.“
Sie führt mich in den Gemeinschaftsraum. Sie ist eine ganz Nette, immer gut angezogen.
Ihr Mann arbeitet in der Stadt, und verdient ganz gut. Sie kommt nur hierher, weil sie will, auch sehr früh, für mich und Jan. Sie riecht gut, fast das gleiche Parfüm wie Mama, etwas mit Pfingstrose. Mama hat es nur selten benutzt, weil es so teuer war. Aber das Parfüm erinnert mich an sie. Auch wenn Frau Hanninger gar nicht wie Mama aussieht. Mama war viel schlanker, sehr sehr schön, unglaublich schön, wenn man es mit mir vergleicht.
Sie klemmt sich das walnussfarbene Haar hinter das Ohr, und wartet. Sie ist geduldig, sie hat Zeit. Das machen wir jeden Morgen, und immer will ich anfangen zu erzählen. Aber ich kann nicht, obwohl sie alles schon weiß. Weil ich mich dann ergeben würde.
„Wie ist es in der Schule?“
„Gut!“
sage ich. Und erzähle nicht, dass ich keine Freunde habe. Dass sie versuchen mich fertig zu machen, und ich mich wehre. Mit Sprüchen und Schlagen, was bei den Jungs ganz gut hilft, bei fast allen, bei den Mädchen nicht so. Weil es da immer weitergeht, heimlich, tuschelnd sich ausbreitet, immer wieder neu, nie aufhört.
„Das willst du mir ehrlich erzählen, Lara?“
Sie geht in die Küche und kommt mit zwei Tassen Kamillentee wieder, in roten Plastikbechern.
„Danke.“
Murmele ich, während ich Jan den Kopf streichele. Jetzt darf ich das, wo er schläft. Er bewegt sich ganz stark, immer, wenn er schläft, und brabbelt dann auch mal, tritt mich. Meine Oberschenkel sind voller brauner Flecken.
„Ja, klar. Das Jugendamt kommt bald bei uns vorbei, will sehen, wie es Jan geht, und Granma und mir.“
Und sie nehmen mir Jan weg, aber das sage ich nicht. Weil ich es nicht ändern kann, wenn jemand mir Jan wegnimmt. Ich bin zu jung, Granma zu alt. Und Mama und Maria tot. Ich würde mir auch kein Kind anvertrauen, weil ich dumm bin, unfähig und zu nichts zu gebrauchen.

„Mach dir keine Sorgen, Lara. Ich erzähle denen schon das Richtige!“
Frau Hanninger setzt sich neben mich, legt die Hand auf meine Schultern. Das wäre schön, wenn sie mir mit dem Amt helfen kann, aber das glaube ich nicht. Und fange an zu weinen, leise und still, damit Jan nicht aufwacht. Wie ich es immer mache. Damit mich niemand hört. Ich unterbreche das Weinen nur kurz.
„Granma schafft es nicht noch mal. Sie ist so müde.“
Das sage ich, weine weiter.
„Ach, Lara.“
Frau Hanninger legt mir den Arm von hinten um den Hals, auch vorsichtig, damit Jan nicht aufwacht.
Vor meinem rechten Auge flirrt das Licht, und die Kopfschmerzen krampfen sich vorne, hinter der Stirn, blockieren das Denken. Das ist halt manchmal so, seit der Geschichte.
„Und ich bin eine Schlampe und müde, und kann nicht mehr.“

Bei Henrik hat das öffentliche Lästern erst aufgehört, nachdem ich ihn mir mal vorgeknöpft habe, abends, an der Bushaltestelle, wo sie immer Bier trinken, kiffen. Aber anders, als er gedacht, als ich gedachte habe. Ich habe ihn angeschrien, geschlagen. Er hat mich nur gefragt, was mein Problem ist. Hat mir zugehört, was Granma nicht kann, nicht einmal die Therapeuten. Und ich habe gebrabbelt, ganz viel, aber nicht von Mama und Jan und von der Sache. Dann habe ich ihn geküsst, rumgemacht, ihm dann einen geblasen.
„Das bist du nicht, Lara.“
Sie streichelt jetzt mein Haar, wie Mama es gemacht hat, früher. Und ich heule noch mehr, und wecke Jan. Der sofort aus Sympathie mitheult, sich packt, was er kriegen kann, meinen Pulli.
„Du bist schrecklich mutig, eine Kämpferin.“
Sagt sie. Und weiß viel zu viel. Über mich. Wer ihr das auch immer gesagt hat, vermutlich mein Lehrer, die blöde Sau. Der meine Granma besucht hat, nachdem ich nach allem auf die neue Schule gewechselt bin, weil die näher ist, für Jan. Und dann sitzen geblieben bin.
Er hat ihr damals erzählt, dass ich clever sei, nur zu faul, und kaum was für die Schule tun würde. Und dass ich immer Stress hätte, in der Schule, weil ich mich nicht anpassen würde und schwierig sei. Und darüber hinaus einen ordentlichen Sockenschuss hätte, weil ich mich ständig prügeln würde, mit Jungs und Mädchen.
Daraufhin hat meine Granma ihm den Marsch geblasen, in preußisch-pommerischer Tradition, lauthals, mit Rauswurf, Beschimpfungen. Und hat ihn erst Stunden später angerufen, nachdem ihre Herztabletten wirkten, und ihm den Hintergrund erklärt, die Sache.
„Alleine!“
sagt Jan, und nickt weinend. Ich schunkele ihn ein wenig, während er halbtrocken auf meinen Pulli weint.

„Erzähl mir doch von der Schule?“
Frau Hanninger. Aber was soll ich sagen. Dass Henrik still ist, seitdem ich ihm einen geblasen habe, dass er mein Freund sein will. Obwohl ich nicht glaube, dass er mich mag. Weil er den anderen Dinge erzählt hat, danach. Auch wenn es nur so normale Sachen waren, wie mein erster Freund, wo ich her bin und so. Wen ich mag, in der Schule, und wen nicht. Und dass ich ihm einen geblasen habe. Seitdem werde ich in der Umkleide beworfen, mit benutzten Tampons und so`nem Zeug. Oder sie stehlen meine Unterwäsche, stecken sie ins Klos, oder verprügeln mich zu mehreren, wenn ich sie nicht verprügele.
„Es ist ein bisschen schwierig, die Umgewöhnung und so. Die sind halt noch nicht so weit, wie die auf der alten Schule.“
Ich wische mir die Tränen aus dem Gesicht, schniefe. Wahrscheinlich ist mein Lehrer jetzt so nett, weil Granma ihm alles erzählt hat. Weshalb er mich jetzt permanent in Schutz nimmt, und mir so noch mehr Ärger macht. Weil die das alle nicht abkönnen, in der Schule, und denken, ich hätte gepetzt.
„Jetzt erzähle mir doch mal wirklich, was in der Schule los ist. Machst du das, Lara?“
fragt sie, während ich vorsichtig Jans Hände aus meinem Pulli löse, einen Zettel vom Tisch nehme, Stifte, ihn ein wenig malen lasse.
„Das kann ich nicht!“
„Du kannst so viel mehr, als du glaubst.“
Sagt sie, einfach so. Diesmal also kein Ausweichen, keine Lügen. Aber bestimmt will sie es nicht wissen, das alles. Nichts hören von Henrik, von den anderen von mir. Von Henrik, der über mich nur noch heimlich lästert, und so ist das okay, weil es mir egal ist. So kann ich damit leben und mich manchmal mit ihm treffen, bei ihm zu Hause. Und dann mit ihm unter der FC-Bayern-Bettdecke stecken, irgendwie ineinander und auch nicht. Beim letzten Mal hat er gesagt, ich hätte einen Kopfschuss. Weil ich immer noch nicht seine Freundin sein wollte, weg musste wegen Jan. Falls der aufwacht, aus dem Mittagsschlaf, und dann bei Henriks Eltern, Fremden, im Bett liegt. Und panisch nach mir ruft, und seine Haare ausreißt, und den Kopf gegen die Wand schlägt.
Aber immerhin hat Henrik seinen Freunden nichts mehr erzählt, weil ich ihn erpresse.

„Ich kann ihnen nicht von der Schule erzählen, wirklich nicht. Meine Granma glaubt, dass es in der Schule gut läuft, inzwischen. Aber das tut es nicht.“
Ich betrachte meine Fingernägel, während Jan einen Mann mit einer Pistole malt.
„Es läuft mehr als beschissen, in der Schule. Doch wenn ich darüber rede, über die Situation da, dann zerfließe ich.“
Ich muss eine Pause machen, Jan über den Rücken streichen, der das alles glücklicherweise nicht versteht.
„Weil wir alle nicht ganz dicht sind, Granma, Jan und ich. Jeder auf seine Weise. Und ich Angst habe, dass alles aus mir heraussprudelt, mit den Worten. Alles was ich brauche, um aus dem Bett aufzustehen, mich um Jan und Granma zu kümmern. Und dann wird uns das Jugendamt Jan wegnehmen.“
Sage ich, und Frau Hanninger reibt mir den Rücken. Wie ich es auch gerade mit Jan mache. Es ist so tröstlich, dass es mir Angst macht.
„Vermisst du deine Mutter, und deine Schwester?“
Ich nicke. Von dem Exmann meiner Mutter redet sie nicht, wir nicht. Den versuche ich aus meinen Gedanken zu streichen, irgendwie, seit der Sache. Genau wie Paul.
„Wir schaffen das mit dem Jugendamt!“
Ich höre ihr zu, höre ihre Stimme. Aber es nicht richtig, was sie sagt. Weil jeder mir ansehen kann, Granma ansehen kann und vor allem Jan, dass es so nicht weitergeht. Aber ich will darüber jetzt nicht sprechen, kann es nicht.
„Herr Schulz hat Recht, mit dem Sockenschuss, und Henrik auch, mit dem Kopfschuss.“
Ich ziehe das Haargummi aus meinen Haaren. Frau Hanninger verteilt meine Haare auf meinen Schultern. Ich lasse meine Haare wieder wachsen, seit über einem Jahr, weil es sich richtiger anfühlt.
Und Jan legt den Stift weg, kommt zu mir zurück, zieht an meinen Haaren, und brabbelt.
„Machst du deshalb die Haare runter?“
Ich nicke, und meine Hand geht zu meiner Schläfe, zum Zentrum meiner Kopfschmerzen.
„Ja. Weil es ein Unterschied ist, wenn ich ihnen heimlich Recht gebe, dass ich einen Kopfschuss habe. Oder wenn sie die Narbe sehen und wissen, dass ich wie mein Vater bin. Dass wir beide einen Kopfschuss haben.“
Ich reibe über die Narbe an meiner Schläfe und denke wieder an den Biologischen, und was er getan hat und überlege, warum er es getan hat.

Ich bin mir nicht sicher, was mein Vater gedacht hat. Vielleicht, dass es uns nur durch ihn gibt, in seiner Welt. Das Andere, das Jetzt, würde er nicht verstehen, weil er nicht mehr da ist. Aber ich verstehe es ja auch nicht, im Moment.
Aber bestimmt gleich wieder. Wenn ich losgehe in die Schule, und Jan mir einen Moment nachwinkt oder nachheult, sich die Haare ausreisst. Und ich an Grandma denke, wie sie an anderen Tagen aussieht, und kichert, vorgehaltene Hand, mit sich bewegendem Gebiss. Und Jan dableiben kann. Bei uns. Und wir nur eine seltsame Familie sind. Granma, Jan und ich. Dann weiß ich, dass alles weitergeht, auch wenn ich dabei immer wieder stolpere und mich irgendwo festhalten muss. Und wenn es ein Schwanz ist.

-Fin-

(c) Thomas Roeder

Wendezeit (Erzählung)

Wendezeit

Ich muss immer an die champagnerfarbenen Turnschuhe denken, die Mami und ich vor einigen Monaten gekauft haben. Gute Turnschuhe, die richtige Marke und sie passen auch zu meinem bauchfreien Top. Heute brauche ich sie nicht mehr, sie haben mir die Füße abgenommen, die Unterschenkel. Ich brauche keine Turnschuhe mehr.
Ich spüre meine Beine aber noch, obwohl sie nicht mehr da sind. Ich fühle die Sonne an den Zehen, wie im Urlaub in Alanya. Wo die Händler immer versuchen einem Sesamkringel in die Hand zu drücken. Und wo die Füße immer über den Sand schweben, der gar nicht so fein und weiß ist, wie auf den Photos. Sondern staubig, trocken zwischen den Zehen hängt. Aber da sind keine Zehen mehr, heute.
Meine Mutter steht neben dem Bett, und sie betrachtet die Stümpfe. Sofort scheuert Tränensalz etwas rot in ihre Augen, und sie wischt mit der Zunge über ihre Lippen. Unter den Augen entdecke ich kleine Hautschläuche, dunkel, braungrau.
„Heute kriegst du endlich deine Prothesen, Schatz.“
Es ist so seltsam auf die eigenen Beine zu sehen, und die sind nicht mehr da.
„Und dann kommst du hier raus! Ein paar Wochen Reha, eine ganz schöne Klinik nahe am Wald. Ich habe sie mir schon angesehen, nur die Cafeteria ist etwas hässlich. Aber das ist ja nicht so schlimm.“
Ihre Stimme ist sonst so selbstbewusst, ja, ich glaube das ist das Wort, wenn eine Stimme nie zittert, nie die Tonlage falsch gewählt ist. Aber heute ist ihre Stimme zu hoch, und ich spüre das Zittern in ihr.
„Und danach kannst du wieder zur Schule, zu deinen Freunden. Okay, wir werden noch ein paar Sachen kaufen müssen, ein bisschen Herbstkleidung, aber das geht schnell. Und dann werden wir in die Bücherei gehen und ganz viele Bücher ausleihen. Ich muss vorher nur den Wagen reparieren lassen.“
Die sechsjährige Lara im Nebenbett weint den halben Tag, weil kaum jemand vorbeikommt. Nur ihre Mama, und die schafft es vielleicht dreimal die Woche. Lara ist so verloren, und nur ich und die Nachtschwester haben mal Zeit für sie. Der Vater ist tot, die Mutter arbeitet weit entfernt. Süße Pausbacken hat sie, trotz Chemo und riesige Augen, weil sie keine Haare mehr hat.
„Wie sieht es draußen aus?“
Das frage ich. Über die Prothesen will ich nicht reden, übers Rauskommen auch nicht. Alles ist anders geworden, seit ich hier bin. Die Rotbuche ist immer noch rot, aber die anderen Bäume verlieren ihre Blätter, sie vergilben, fallen ab. Wie meine Beine vergilbt sind, bevor sie sie abgenommen haben.
„Draußen?“
Meine Mutter sieht mich an, nicht mehr die Stümpfe. Sie spielt mit einer langen Strähne, die sich aus ihren blondlockigen Pferdeschwanz gelöste hat.
„Was soll ich dir sagen?“
Ich verdrehe die Augen. Den Kopf schütteln ist ganz schlecht, dann rutscht die Perücke runter. Es ist eine schöne Perücke. Lange, blonde Haare. Sie kommt aus Indien, haben sie bei einer Reportage gesagt, von Frauen, die ins Kloster gehen. Das Krankenhaus ist so ähnlich wie ein Kloster, es wirft einen auf sich zurück. Die Frauen in Indien schenken ihre Haare den Göttern, und ein klein wenig bin ich ja eine Göttin. Ich habe mit Gott gerungen, und gewonnen. Für einen Augenblick.
„Die Vögel sammeln sich auf den abgeernteten Feldern, draußen bei Herrn Meier. Und die Störche sind schon fortgezogen, ihre Nester liegen verlassen auf den Fachwerkhäusern.“
Das sagt sie, weil ich früher immer draußen war, ganz oft, ganz lange. Und alles beobachtet habe.
„Und wie geht es Dina?“
„Deine Freundin kommt oft vorbei und redet mit mir. Erzählt mir von deiner Schule und was die anderen da machen. Und von deinem Schwarm Ben. Er hat jetzt aber eine Freundin, Mikki. Und in der Schule machen sie gerade eines dieser furchtbaren Klassiker. Goethe, glaube ich.“
Meine Mutter scheint meine Beine und die Prothese vergessen zu haben, und geht zum Fenster.
„Ich habe hier einen Freund, Mama. Jan.“
„Soll ich dir noch was vom Kiosk holen? Ach was, ich hole dir noch eine Zeitschrift und etwas Schokolade. Die isst du ja so gerne. Mit Erdbeergeschmack. Oder lieber Nugat?“
Sie hört mir gar nicht zu, oder will mir nicht zuhören. Ich sage ihr nicht, dass ich die Schokolade verschenke, weil mir so oft schlecht wird davon. Sie nimmt ihre Handtasche und eilt davon. Sie braucht halt etwas zu tun, wenn sie hier ist.

Lara liegt mit ihrem Gesicht neben dem blauen Nilpferd und sieht mich an. Sie hat Leukämie und eine Chance. Eine Gute. Keine Schläuche mehr. Ich leihe ihr manchmal meine Perücke, denn sie ist ganz traurig, dass sie keine Haare mehr hat. Und dass ihre Mutter so selten kommt, nur jeden dritten Tag. Manchmal greifen ihre Hände vom Bett nach der Tür, als wollte sie flüchten oder zaubern. Und sie hat oft Angst, wenn sie alleine ist. Weil sie nicht versteht, warum ihre Mutter nicht immer bei ihr sein kann.
„Stirbst du?“
Ich nehme Lara oft in meinem Rollstuhl mit, wenn ich Zeit habe. Und die anderen besuche. Sie ist vielleicht sechs, und sollte nichts vom Tod wissen. Aber sie weiß es, wir alle wissen es.
„Ja, wahrscheinlich.“
Sie nickt und streichelt das Nilpferd.
„Die Ärzte haben was gesagt, gestern, als wir bei Jan waren. Das, was du nicht verstanden hast, diese komischen Worte. Ich bin mir aber nicht sicher.“
Lara nickt, und ist viel älter als sechs. Ich bin es auch, älter als dreizehn. Jan ist auch dreizehn, also viel zu jung für mich, eigentlich. Weil die Jungs in meinem Altern meistens doof sind.
Aber ich rolle abends oft rüber, mit den zwei Ständern mit den Infusionen, Schläuchen und Beuteln. Denn Jan ist einfach toll, ein Schatz. Und irgendwie schulde ich es ihm, ich schulde es mir. Sein Kopf ist immer noch bandagiert, weil sie ihm einen Tumor da rausgeschnitten haben, und richtig sprechen kann er noch nicht wieder. Ich weiß gar nicht mehr, wie er aussieht. Weil ich mich nicht mehr an sein Gesicht erinnern kann. Ich weiß nur noch, wie seine Stimme klingt.
Wir liegen dann gemeinsam im Bett, so wie es die Schläuche erlauben, und es nicht wehtut. Und manchmal ist Lara dabei. Weil es uns allen so fehlt berührt zu werden, etwas anzufassen, zu kuscheln und auch mal zu weinen. Ohne sich Gedanken um die Eltern zu machen, oder die Schwestern. Um mehr geht es nicht, weil es auch nicht um mehr gehen könnte. Dazu ist er zu krank, ich auch. Und Lara zu oft dabei.
Lara winkt mir zu.
„Weißt du, wann meine Mama kommt?“
„Nein.“
Das fragt sie mich öfter, uns alle öfter. Doch niemand weiß es.
„Weißt du es wirklich nicht?“
Also werde ich sie gleich anrufen und Laras Mama wird sich in ihr altes Auto setzen und vorbeikommen.
„Kannst du sie anrufen?“
Sie wird vorbeikommen. Wie sie es so oft macht, wie sie nur kann, und vermutlich noch öfter. Weil sie so unendlich müde aussieht, krank. Und immer Kaffee trinkt, die ganze Zeit, und zittert. Ständig auf ihre Uhr sieht, aufsteht, und sich dann doch wieder setzt.
„ Mach ich.“

Aber da kommt meine Mutter auch schon wieder durch die Tür rein. Sie legt eine Bravo auf meinen Tisch, Milka und geht zum Fenster. Bestimmt sieht sie zur Rotbuche, die vor dem Krankenhaus steht. Im Sommer war da dort ein Vogelnest, und manchmal konnte ich die Vogelkinderstimmen hören, die nach Nahrung riefen.
„Ich habe dir ein Buch mitgebracht, dass deine Freundin Dina toll fand. Es geht um einen Mann, der Romanfiguren aus einer Geschichte hinauslesen kann.“
Ihre Stimme ist wieder mutiger, so verträumt wie oft. Ich lehne mich in die Kissen, erschöpft. Ich muss die Perücke zurecht ziehen, die trotz der Klebestreifen immer verrutscht. Das kann Mama nicht ertragen, weil ich immer lange Haare hatte, fast bis zum Knie als ich kleiner war. Auch wenn die doof waren. Aber Mama hat die Haare geliebt, und das ist ein guter Grund lange Haare zu haben.
„Das Buch heißt „Tintenherz“ von Cornelia Funke.“
„Wie geht’s dir?“
Aus dieser Perspektive sehen meine Brüste aus wie Mandarinenschalen. Ich wollte immer Brüste haben wie meine Mutter. Damit die Jungs im Sportunterricht rübersehen und sich nicht konzentrieren können. Und es Unfälle gibt. Aber wegen Mandarinen gibt es keine Unfälle, außer jemand lacht sich krankenhausreif. Jetzt sind meine Brüste egal, na ja fast egal.
„Dein Vater hat angerufen und sich nach dir erkundigt. Er will dich besuchen, bald, wenn er in der Gegend ist. Er hat auch gefragt, ob du die Pakete gekriegt hast. Er hat nämlich gesagt, du hättest ihm nicht geschrieben.“
Ich bin so erleichtert, dass sie das sagt. Vorwürfe sind prima, denn dann liegt die Krankheit nicht mit mir im Bett, ist nicht im Zimmer. Sondern nur Mama und ich.
„Was soll ich ihm schreiben? Lieber Papa, schön dass es dir mit deiner neuen Familie gut geht. Ich freue mich, dass meine Halbschwester schon laufen kann und sprechen.“
Es juckt an den Zehen, aber da ist nichts mehr zu kratzen.
„Ich lerne es gerade neu. Schön auch, dass du sie überall hin mitnimmst. Dass du mir schreibst, wie schön Efteling ist, wie viel Spaß ihr im Safaripark hattet. Aber bedauerlicherweise habe ich das Problem, dass ich nicht mitkommen kann und es nicht lesen will. Dass du mich nur dreimal besucht hast. Immer nur ein paar Minuten bei mir bleiben konntest, und leidest. Und dass du mich nicht mehr fragst, was wir nach dem Krankenhaus machen.“
Ich bin so wütend, werde immer wütender und kann nicht aufhören.
„Ich hasse es, wenn du mich anrufst, Papa. Aber mich nicht reden lässt. Sondern immer nur von dir und deiner neuen Frau erzählst, von meiner Schwester. Und dann fragst, was die Ärzte gesagt haben. Aber mich fragst du nie: wie geht es dir. Wie du jeden anderen fragen würdest. Weil du es nicht wissen willst, sondern dich nur an früher erinnerst. Als alles gut war. Weil du dann keine Schuldgefühle hast, weil du dann nicht kommen musst.“
Ich fange an zu heulen, schlage auf meine Kissen. Mama steht nur da, wartet. Und weint nach draußen. Doch was soll sie sagen: Alles wird gut? Hier ist nichts gut, wird nichts mehr gut. Irgendwann bin ich zu erschöpft und zu müde weiter zu weinen. Und muss ihr Weinen ertragen.

Besonders blöd ohne Beine ist es, dass man nicht weglaufen kann. Dass man sich nicht wirklich verstecken kann. Sondern eine Antwort bekommt. Auch wenn man gar keine will. Zum Beispiel von Lara, die nun weint. Sie weint immer, wenn ich traurig bin, böse werde. Und von Mama.
„Ich hasse ihn, ich hasse seine Trulla, ich hasse das Krankenhaus. Ich hasse es nicht mehr laufen zu können. Ich hasse es, ich hasse es.“
Ich bin fast zu erschöpft für Theatralik. Aber als Zeichen höchster Wut lasse ich vorsichtig ein Buch und einen Teddy auf den Boden fallen. Zu mehr reicht die Kraft nicht, und die Wut.
Ich entdecke in Mamas Haaren graue Strähnen, die hatte sie vorher nicht. Und sehe wie ihr ganzer Körper zuckt, sie heimlich gen Fenster weint. Lara weint immer noch, hält sich an dem Teddy fest, der eigentlich ein blaues Nilpferd ist, ein ausgesucht scheußliches.
„Andererseits kann ich nun viel besser polnisch.“
Ich betone es überdeutlich. Meine Mutter dreht sich sofort um, und sie lächelt. Ihr Make-up ist zerbröselt, verwischt, je nach Stelle und das Lächeln so echt wie meine Haare. Also ein kleiner Teil echt, der Rest verschämt.
„Es gibt, glaube ich, keinen Ort der Welt außerhalb Polens, wo man so gut polnisch lernen kann wie im Krankenhaus. Überall hört man es, bei den Schwestern, bei den Ärzten. Und sogar bei einigen Patienten.“
Ihre Hand streicht über meinen Arm, über den Armkatheter und den Schlauch mit Kochsalzlösung. Ich bin wie ein Neuwagen mit Totalschaden, feine Haut, überall Narben. Aber sie sieht das nicht. Sie sieht immer noch das Kind, das ich mal war, nicht mehr bin. Und ich fühle mich dabei immer, als würde ich verschwinden.
„Und ich weiß, was ich werden will. Ich habe mir überlegt, als Schriftsteller sind Beine nicht so wichtig. Weil man ja gar nicht wirklich dorthin reisen muss, worüber man schreibt. Man kann auch einfach Bilder ansehen und so tun, als würde man dahin reisen.“
Irgendwie ist Krebs der Gleichmacher, denke ich mir. Weil er mich und Mama gleich gemacht hat.
„Man erzählt einfach, wie das Laub der Rotbuche raschelt, und wie sich die Rinde unter den Füßen anfühlt, wenn man hochsteigt. Wie wenig biegsam die Äste sind. Und wie man immer weiter steigt, dorthin wo die Eichhörnchen ihre Nestkugel haben. Direkt neben der Mistel.“
Wie stark sie früher war, und wie fahrig sie heute ist. Wie verweint ihre Augen sind, bis ich sie tröste und Geschichten erzähle. Wie toll der Tag war, wie lange ich im Rollstuhl über die Flure gefahren bin. Und wie schön das Buch zu lesen war. Sogar Lara hat aufgehört zu weinen und streichelt das blöde Nilpferd.
„Oder man erzählt von dem Kies an den Stränden bei Antalya, von den römischen Bauten in Side, wo jeder sich einen Stein mit nach Hause nehmen kann.“
Vom Sterben erzähle ich ihr nichts. Wie es ist, wenn die Kinder auf den anderen Zimmern ausbleichen, verdorren und verschwinden werden, wie meine Beine.
„Wo die Engländer rotverbrannt ihre Haut abwerfen wie Krebse. Und wo es immer Döner gibt, der gar nicht nach Döner schmeckt.“
Oder wie es ist, wenn man andere über seine Krankheit reden hört. Sekundärer Knochenkrebs, überall Metastasen. Und es kaum versteht, nur die Zahlen versteht, die Chancen. Und man müde ist, und eigentlich gar nicht mehr kämpfen will, aber muss. Und es tut, wegen Mama.
„Ich möchte noch mal in die Türkei, wo die Sonne so heiß ist. Und es nach Gewürzen riecht, auf den Basaren, nach schwarzem Tee und Halva.“
Die Tür zu unserem Zimmer öffnet sich, einer der polnischen Ärzte sieht rein. Eigentlich ist er total süß, obwohl er kaum Haare hat. Aber das ist auf einer Krebsstation egal, wo nur Krankenschwestern Haare haben, und die sich noch überall abrasieren, außer auf dem Kopf. Vor allem wenn er lächelt, als wäre man einzig auf dieser Welt, mit seinen braunen Augen. Ein wenig sieht er aus wie Orlando Bloom, bloß viel älter.
„Haben sie einen Moment Zeit, Frau Wiebau?“
Seine braunen Augen zwinkern mir nicht zu, wie sonst. Auch seine Stimme ist seltsam.
„Ich komme sofort.“
Meine Mutter packt ihre Handtasche, ein altmodisches Lederding, dass sie überall mithin schleppt. Er geht schon einmal vor, während meine Mutter vor dem Spiegel zwischen den beiden Schränken ihre Äußeres richtet, ihm dann folgt.

„Rufst du sie an? Jetzt, Minka?“
Lara hat eine quietschige Kinderstimme, und traut sich nicht. Weil sie weiß, dass ihre Mutter nicht nein zu ihr sagen kann. Rabenmutter, Krähenkind. Ich richte mich auf, spüre sofort Schweiß auf meiner Stirn, wie mein Atem rast. Seit einer Woche geht es mir wieder schlechter, ich komme schlechter aus dem Bett. Bleich bin ich geworden, noch bleicher als sonst.
Ich angele nach dem Beistelltisch und rufe ihre Mutter an, die Nummer weiß ich auswendig. Tut, Tut, ihre Stimme.
„Rosenthal.“
„Ja, hallo hier ist Minka.“
Ein kurzer Augenblick. Frau Rosenthal malt immer Kreise auf einen Block, hat sie mal erzählt.
„Ich bin gerade erst nach Hause gekommen. Aber ich komme.“
Sie erinnert mich an Mama. Beide kämpfen um ihre Töchter, Frau Rosenthal hat eine Chance.
„Schön. Lara freut sich so auf sie.“
Und weiß, dass es sich für sie anhört: Sie müssen kommen. Aber für Lara ist das so. Und wie könnte ich etwas anderes sagen, auch wenn ich das wollte.
„Bis dann.“
Ich lege auf, sehe Lara an.
„Sie kommt!“
Lara lacht in ihr Kissen, ihre Wangen sind ganz rot. Und ich lache, denn Lara ist das Lachen in diesem Trakt des Krankenhauses, wenn ihre Mutter kommt. Und sie ist Verzweiflung, wenn sie nicht kommt, und nicht dran glaubt, dass sie kommen könnte.
„Gehen wir gleich zu Jan?“
Sie weiß nicht, dass allein das Wort `gehen` weh tut, in meinem Bein, in mir. Wie ein abklingender Schmerz, der nur noch pocht.
„Machen wir.“
Jan kam in mein Zimmer, nachdem ich die zweite Chemo hatte, sie nicht angeschlagen hat. Als sie mir die Beine abgenommen haben, scheibchenweise. Zuerst unter den Knien rechts, dann den linken Fuß, dann immer höher gingen. Damals war noch ein anderes Mädchen in meinem Zimmer, Camilla, aber sie ist verreckt.
Wir hatten uns vor der Chemo gesehen, auf dem Gang, manchmal. Er hatte einen Turban aus Bandagen. An sein Gesicht kann ich mich nicht mehr erinnern, aber ich fand ihn nett. Und fand es total peinlich, dass er in mein Zimmer kam. Aufgeben ist so leicht, kämpfen ist es nicht. Kämpfen ist qualvoll, fordernd, es zerreißt dich. Und die Chemo macht so müde, und krank.
Er hat mir vorgelesen, meine Hand gehalten, was noch peinlicher war. Weil meine Haare Stoppeln waren, ausfielen. Weil ich nur Mandarinenbrüste habe. Weil ich nach Kotze stank, nach Schweiß. Und immer wieder eindöste. An seiner Stimme hielt ich mich fest, wenn ich fallen wollte.
Und als es mir besser ging, da ging es ihm schlechter. Und ich saß an seinem Bett. Wenn die Situation anders wäre, hätte ich mich vermutlich furchtbar in ihn verliebt. Die Art, wie er manchmal über meine Hüfte streichelt. Als wäre meine Hüfte ein Cello, wie ich es gespielt habe, vor unendlich langer Zeit. Oder wie er mir in die Träume flüsterte, ein wenig selber wie ein Traum war.

Einmal haben wir versucht mehr miteinander zu haben als Freundschaft, Lara war nicht dabei. Aber ein Krüppel und ein Gehirntumor passen nicht wirklich zusammen, vor allem mit den Schläuchen, den Beuteln, den Monitoren und einer Nachtschwester, die wegen eines ansteigenden Herzschlags in ein Zimmer eilt, bevor der Rest richtig ansteigen kann.
Es ist auch gar nicht so peinlich, wie man immer annimmt. Denn wenn jemand dich wäscht, dir den Hintern putzt, ist nicht mehr allzu viel Raum für Peinlichkeit. Für neue Liebe ist aber auch kein Platz. Es ist schon schwer genug, die Liebe zu ertragen, die man schon hat. Wie Mama, Milka und die Bravo. Und Papa.

Lara reißt mich aus meinen Gedanken, indem sie mit Wachsmalstiften auf einen Block malt. Sie malt sich immer im Garten, neben ihr eine gleichgroße Mama, und ein riesiger Vater. Manchmal malt sie die Ärzte und ihren überlebensgroßen Vater, der sie besuchen kommt. Aber der kommt nicht, weil er nicht mehr da ist. Vielleicht hat sie ihn während der Chemo gesehen, da sieht man so einiges was nicht da ist.
Sie malt jeden Tag ein Bild für ihre Mutter.
Die Tür öffnet sich ein Stück. Mama sieht herein. Meine Perücke ist verrutscht und ich merke, wie alle Kraft mich verlässt. In diesem Augenblick weiß ich, dass ich sterben werde. Und es gut so ist. Sie sieht so alt aus, so unendlich alt, weil die Schminke die Schläuche unter ihren Augen nicht mehr retuschiert, weil die Falten deutlich werden, und selbst das verkrampfte Lächeln verschwunden ist.
Ich bin so erleichtert, sinke auf meinen weißen Laken zusammen. Endlich ist es vorbei, so oder so. Kreta und das Labyrinth des Minotaurus, seltsame Kreise überall, und Ruinen, während die Sonne heiß brennt und ein Schiff naht. Schwarze Segel. Griechische Sagen habe ich immer geliebt, wir waren auch mal da, in Griechenland.
„Was hat er gesagt?“
Ich mache mir ein wenig Sorgen um Lara, und Sorgen um Mama. Es wird schwer sein, wenn ich gehen muss. Nicht für mich, ich warte schon so lange, aber für sie.
„Kommst du bitte mit!“
Ihre Stimme ist beschlagen. Und da weiß ich, es geht nicht um mich. Ich richte mich auf, warte bis der Schwindel nachlässt. Die Perücke rutscht runter.
„Jan.“
Mama nickt, will sie mir reichen. Dafür habe ich keine Zeit. Schüttele den Kopf, drehe die Kochsalzlösung ab. Mama reicht mir den Bademantel, hilft mir dann in den Rollstuhl.
Der Weg in die andere Station ist lang, riecht nach Kamillentee und Desinfektionszeug. Die Impressionisten sind wie die Chemoträume, unklar, verwirrend. Mama bremst meine Fahrt, öffnet mir die Tür.

In Jans Zimmer sind seine Eltern, zumindest glaube ich das. Eine verwaschene Person am Fenster, die andere hält seine Hand. Sehen tue ich sie kaum. Jan. Sie haben ihm alle Schläuche gezogen, nur das EKG ist noch dran.
Ich fahre neben das Bett, oben, Feststellbremse, klappe dann das Sicherungsgitter runter. Mama sieht mich irritiert an, als ich an sein Kopfgitter fasse. Mit einem Stumpen drücke ich gegen das Sicherungsgitter, drücke mich aufs Bett. Ich schreie vor Schmerz, aber es ist nicht wichtig. Mama hilft hinten nach, als meine Arme weich werden, ich fast wieder runterfalle.
„Minka.“
Ich weiß nicht, welche Stimme das ist. Seine ist es nicht. Der Rest ist mir egal. Ich robbe über das Bett, fange an den Verband von seinem Gesicht zu lösen, während ich mich mit einem Stumpen abstütze.
„Hallo Jan.“
„Minka.“
Mein Dr. Orlando Bloom steht in der Tür, das höre ich an der Stimme. Energisch. Ich wische meine Tränen weg. Sehe ihn an. Höre Jan pfeifend atmen, höre die Stimme seiner Mutter.
„ Lassen sie es gut sein, Dr. Simeonek.“
Sein Kinn sieht so anders aus, als ich es erwartet habe. Ein wenig jungenhaft, nicht so groß und energisch. Und er hat lustige Ohren, Segelohren. Klar, dass ich sie nie gesehen. Und klar, dass er mir das verschwiegen hat. Ich habe mir auch Taschentücher auf die Mandarinenscheiben geklebt.
„Jan, du kleiner Herzensbrecher,“
flüstere ich in sein Ohr, während ich versuche mich satt zu sehen, auch wenn ich das nicht kann. Im Krankenhaus wird man nie satt, es wird einem nur übel.
„Wollen sie abstellen?“
Ich sehe die Mutter an. Sie hat es erwartet, wir alle, aber vorbereitet ist sie nicht. Ihre Hand streicht über seine, wie in einem Film. Sie nickt.
„Dann kommen sie mit ins Bett.“
Sie zieht wirklich die Strickjacke aus, die Schuhe, und klettert dann ins Bett. Mama macht das Sicherungsgitter hinter mir zu. Ihr Gesicht erinnert mich nun an Jan, während Dr. Orlando Bloom den Vater ansieht, dann zum Kontrollmonitor geht, ihn abschaltet.
„Habe ich dir gesagt, dass ich unvernünftig bin.“
Flüstere ich in sein Ohr.
„Dass ich dich liebe, Jan“,
sage ich lauter.
„Das Leben ist nicht fair, Paul“,
murmelt seine Mutter.
„Wie war er denn als Kind, Frau Schütze?“
Und dann beginnt sie zu erzählen, wie er als Kind ein Lieblingsstofftier Murks hatte. Wie er mit Murks abgehauen ist, als er fünf war, weil er nicht Fußball spielen durfte. Ich erzähle ihr, wie er ihr vor der letzten OP noch einmal Fußball gespielt hat. Mit einem Pfleger, abends heimlich. Und wir erzählen uns von ihm, während er im Klang unserer Worte verschwindet, unsichtbar wird.
Das Leben ist nie fair. Aber wundervoll.

Am nächsten Morgen sammelt meine Mutter mich ein, den Krüppel, und ich kann raus. Ich habe sogar eine Jeans an, ein Top, auch wenn die Beine abgeknickt sind. Ich habe nur keine Perücke mehr auf, die habe ich Lara gelassen. Sie will sie, sie braucht sie. Als Erinnerung, als Hoffnung.
Es geht nun in die Reha, ich soll wieder auf die Beine kommen, die falschen.
Lara steht oben am Fenster, und sieht uns nach. Sie winkt, hat die Perücke auf, immer noch, die viel zu groß ist. Ich berühre das Bild, das sie mir mitgegeben hat. Jan, Minka und sie, vor dem Krankenhaus. Nun wird sie ihre Mutter noch mehr vermissen, ich sie aber auch, sie, das Lachen und die Verzweifelung.
Ich werde bald wiederkommen, dass weiß ich. Mein Krebs kommt meistens wieder. Aber dann wird Jan immer noch da sein, bei Lara. Er ist jetzt ihr unsichtbarer Freund, hat sie gesagt. Immerhin ist sie nicht alleine. Das ist mir wichtig. Auch wenn ich glaube, dass wir uns hier bald wiedersehen, wir drei.

-Fin-

(c) Thomas Roeder