Mittwoch, 31. Oktober 2007

Handlungsort und Beobachtungsgabe

Wenn man sich die Romane vieler Autoren ansieht, dann haben die Orte ziemlich unterschiedliche Namen und es gibt die verschiedensten Plätze, Straßen und Häuser in ihnen. Aber die meisten dieser Orte sind eben nicht die Orte, deren Namen sie tragen. Es sind Ausschnitte dieser Orte, angefüllt mir dem Inneren des Autoren. Das hört sich im ersten Moment ein wenig esotherisch an. Es ist aber wesentlich einfacher.

Die Bilder in unserem Verstand sind alle eng verbunden mit dem persönlichen Erleben. Das Bild unseres ersten Kirschbaumes ist angefüllt mit unseren Erinnerungen an diesen Tag, an diesem Moment. Daraus entsteht ein Gefühl, nicht immer, aber oft, mit dem wir Kirschbäume wahrnehmen. Diese Bilder und diese Gefühle dienen uns dazu fremde Orte zu beschreiben, und sie mit etwas von uns aufzufüllen, zu ergänzen. Aber das ist noch nicht alles. Eine der großen Besonderheiten jedes Menschen ist seine Beobachtungsgabe einerseits für Orte, als auch für Menschen. Ich bin mir immer noch nicht sicher, wie sich diese Beobachtungsgabe entwickelt.

Jeder Ort hat seine eigene Atmosphäre, hat seine Verbindungen zu anderen Orten, zu anderen Zeiten, zu Menschen. Und manchmal reicht eine Andeutung an einem Ort, um die Atmosphäre zu verändern.
Wenn ich an bestimmte Handlungsorte meiner Geschichte denken, dann beruhen sie oft nicht nur auf dem Ort, sondern auf meinen Figuren, die Verbindung zu diesem Ort haben, und sich von diesem Ort beeinflussen lassen. Unser Verstand ist weitgehend darauf geschult aus dem vorhandenen Informationen 95% auszufiltern, die gerade nicht relevant sind. Aber bei der Relevanz geht es um die grundlegenden Verhaltensweisen- Gefahr, Sex. Bedrohung, Nahrung, usw. ...
Es gibt jedoch an Menschen viele Dinge zu beobachten, die nicht direkt damit zu tun haben, aber für die Darstellung dieser Person wichtig sind. Die Art oder Dynamik, mit der sich jemand bewegt, typische Gesten oder Verhaltensweisen, die Art sich zu kleiden, sich zu frisieren, vielleicht der Umgang mit Schmuck, aber auch die Art zu lächeln. Manche Personen können mit einer Geste sehr wirklich (im Sinne einer kurzen Charakterisierung) werden.

Das gleiche gilt für Orte: Ein schöner Park bekommt etwas dazu, wenn ich Verbotsschildern und Suchzetteln für verschwundene Tiere hinzufüge (oder sie erst einmal bemerke). Vielleicht wird ein düsterer, unheimlicher Ort durch defekte Lampen und abgeblätterte Farbe an den Bänken noch unheimlicher.Sehr deutlich kann man das an vielen Romanen von S. King sehen, der immer wieder einen harmonischen Ort, eine kleine Stadt in Maine, die durch ein Ereignis aus ihrer Harmonie gerissen wird. Erst dann wird vieles deutlich, weil die Harmonie sich wie ein Schleier über den Ort gelegt hat, und dabei vieles unter sich verborgen hat. Dabei sind die Figuren der Motor der Geschichte, oft ist in ihnen von Anfang an etwas angelegt, was diese Orte aus der Lethargie dieser Scheinharmonie reißen wird.

Deshalb ist es wichtig sich zu überlegen, welche Orte man auswählt. Passen sie zu der Geschichte, welche Stimmung vermitteln sie und welche Stimmung brauche ich? Was muss ich an diesen Ort bringen, damit er meine Stimmung vermittelt? Und was bringe ich zu diesem Ort von mir mit?
Üben kann man die Beobachtungsgabe übrigens sehr einfach. Wer die Kurzfassung haben möchte, sollte einen Ort begehen und dabei Photos machen. Und danach seine Erinnerungen aufschreiben und später mit den Photos vergleichen. Dann mit einigen Infos aus den Photos noch die Erinnerungen aufbessern und diesen Text einer Testperson vorlegen..
Eine andere Möglichkeit wäre Menschen und Plätze zu beobachten und diese Beobachtung nieder zuschreiben. Man sollte diese Niederschrift jemand vorlesen, um herauszufinden, welche Informationen wirklich wichtig sind und welche nicht, was rasch eine Person verdeutlicht, was Bilder schafft.

Montag, 29. Oktober 2007

Adjektive II (Anwendung)

Ich habe die Adjektive in verschiedene Kategorien unterteilt. Ziel dieser Unterteilung ist es nur zu verdeutlichen, welche Arten von Adjektiven es aus meiner Sicht gibt.

Funktion im Text

Kategorie 1:
Abstrakte und entbildlichte Adjektive dienen dazu Dinge einzuordenen. Somit sind sie vor allem für narrative Passagen geeignet, indem kurz und knapp ein Sachverhalt dargestellt werden muss. Auch in Dialogpassagen kann man kaum auf solche Adjektive verzichten, indem knapp etwas dargestellt werden soll. Auch in temporeichen Passagen kann und sollte man sie verwenden, da hier das Tempo wichtiger ist als die Bildlichkeit- und die entbildlichten Adjektive sehr schnell vom Leser aufgenommen werden, da er nicht erst ein Bild vorstellen muss.
Für Beschreibungen ist es dagegen oft günstiger, wenn die abstrakten Adjektive z.B. klein verbildlicht werden, indem einfach die Größe einer Figur oder eines Gegenstandes durch einen Vergleich, durch eine Zuordnung zu einem anderen Gegenstand oder auf anderem Weg dargestellt wird.
Dies hängt aber immer von der Bedeutung der Beschreibung ab. Unwichtige Beschreibungen sollten vor allem kurz sein, hier kann oft auf Bildlichkeit verzichtet werden. Zentrale Beschreibungen benötigen Bildlichkeit, weil diese die Vorstellungskraft des Lesers auch für andere Stellen anregt.

Kategorie 2:
Diese Adjektive sind eigentlich universell einsetzbar, weil sie Bildlichkeit und Schnelligkeit miteinander verbinden. Gezielt eingesetzt können sie ein kurze Unterbrechung bieten- durch ihre Bildlichkeit, und an schnellen Stellen dadurch (fast paradoxerweise) als verlangsamendes Element die Spannung steigern.
Zudem wird ein Text mit vielen abstrakten Adjektiven durch sie aufgewertet.

Kategorie 3:
Sinnliche Adjektive sind recht universell einsetzbar, wobei sie das Tempo einer Geschichte bremsen. Somit sollten sie bei den schnellen Passagen nur vereinzelt gesetzt werden um "Höhepunkte" oder "besondere Stellen" anzuzeichnen und vor dem Höhepunkt nur in verlangsamenden/ retardierenden Passagen gesetzt werden. In knappen oder kurzen Passagen gilt ähnliches.
In reflektierenden und beschreibenden Passagen sind dagegen sinnliche Adjektive wichtig und richtig. Denn sie schaffen dort die Grundbildlichkeit des Textes, auf die man zurückgreift, wenn der Text in schnelleres Fahrwasser gerät. Wer solche Passage wenig sinnlich gestaltet, der wird in schnellen Passagen Handlung vor nicht existentem Hintergrund gestalten- bzw. der Hintergrund und die Figuren wirken dort extrem blass.

Kategorie 4:
Diese Adjektive sind besonders schwierig. Denn eine Verwendung ergibt nur einen Sinn, wenn sie punktgenau gesetzt sind und nicht schief wirken.Sie sollten immer nur in einem Umfeld gesetzt werden, dass schon mit teilabstrakten oder sinnlichen Adjektiven gesetzt ist, so dass sie nicht wie Fremdkörper wirken.
Diese Adjektive brauchen eine Einleitung und eine Vorbereitung, und stellen für sich kleine Höhepunkte in der Stilistik des Textes da, wenn sie in reflektierenden oder beschreibenden Passagen die Handlung der Szenen zu einem Höhepunkt führen. Dementsprechend sollten sie sehr sparsam gesetzt werden und nur vereinzelt und nicht in jeder Szene gesetzt werden.

Anwendung:
Es gibt einige Faustregeln für die Anwendung von Adjektiven, die leider alle nicht sonderlich viel taugen. Ich habe vor einigen Jahren einen Text geschrieben, der förmlich von Adjektiven überzuquellen schien. In fast jedem Satz hatte ich Adjektive eingesetzt, die für sich betrachtet sinnvoll erschienen, den Text aber unvorstellbar langsam gemacht haben.

"Die kleine Frau nahm die schwere Schrotflinte in die rechte Hand, warf ihre langen, roten und lockigen Haare zurück und lud die Waffe durch."

Die Vielzahl der Adjektive lassen diesen Text umständlich wirken, machen ihn langsam und sind einfach furchbar. Und dabei hängt das Problem nicht an den Adjektiven, sondern nur an ihrer Zahl.

"Die kleine Frau nahm die Schrotflinte, warf die rotlockigen Haare zurück und lud die Waffe durch."

Ich gebe zu, die rechte Hand habe ich auch rausgenommen, weil das für diese Stelle irrelevant ist. Aber schon wirkt diese Stelle ein wenig schneller und weniger umständlich.
Mein Vorschlag ist es also einen Text zu nehmen, und erst einmal alle Adjektive zu unterstreichen. Man hat sofort einen Überblick, wie viele Adjektive man verwendet. Dann sollte man den Text einmal ohne die Adjektive lesen und sich vergewissern, an welchen Stellen die Adjektive einen Mehrwert schaffen. Bei dem oben genannten Text habe ich erst einmal 40% der Adjektive gekürzt, ohne das der Text irgendetwas verloren hat. (Wobei ich auch extrem viele Adjektive verwendet habe).
Im zweiten Schritt habe ich mir die einzelnen Adjektive angesehen und geschaut, wo ich abstrakte oder sinnentleere Adjektive verwendet habe und wo andere. Viele dieser Adjektive ließen sich einfach ersetzen, wodurch der Text besser wurde. Andere abstrakte Adjektive habe ich ersetzt und etwas sinnlicher gemacht. Adjektive wie weiß, blau, rot... habe ich (in Passagen, siehe Verwendung in Kategorien 2. und 3.) durch genauere Farbbezeichnungen ersetzt; Adjektive wie hell und dunkel abgestuft und so weit mehr Bildlichkeit in den Text genommen. (Sowie auch andere kategorisierende Adjektive ersetzt).
Viele sinnentleerte Adjektive habe ich durch sinnliche Adjektive ersetzt, wo es mir sinnvoll schien.

Im dritten Schritt habe ich mir den Text noch einmal durchgelesen und noch einmal die Hälfte der Adjektive gestrichen, häufig mit Satzteilen oder ihren Hauptwörtern, weil dieses Element für den Text überflüssig war.
Im vierten Schritt habe ich mir dann angesehen, wann und wo ich die Adjektive stehengelassen habe- und versucht herauszufinden, warum ich das getan habe. Ich habe viel über mein Schreiben und meine Art Adjektive zu verwenden dadurch gelernt.

Samstag, 27. Oktober 2007

Handlungsort Deutschland ?

Als ich mit meinem neuen Roman angefangen habe, war eine meiner Fragen: "Kann so etwas in Deutschland passieren?". Und meine erste Antwort war nein. Denn ich konnte mir nicht wirklich Orte vorstellen, zumindest im ersten Moment, an denen ich okkulte Dinge geschehen lassen konnte. Paris fiel mir als einer der wunderbaren Orte ein, genau wie London oder Prag, wo die Architektur eine bestimmte Stimmung vermitteln könnte. Aber Deutschland?? Nein.
Es hat ungefähr fünfzehn Sekunden gedauert, in denen ich an andere Länder gedacht habe. Bevor mir dann auf einmal die reiche Tradition an deutschen Sagen und Märchen einfiel. Mir fielen die Geschichte von E.T.A. Hofmann ein, die verschiedenen Bearbeitungen von deutschen Mythen und Sagen, und einige wundervolle Zitate, die auf die Wälder und das Dunkel darin anspielten, auf die Gegenwart von seltsamen Dingen dort.
Nicht zu vergessen die deutschen Vorlagen, die Byron, Shelly und Mary Shelly Wollencraft zu einigen Werken inspiriert haben. Und dann erinnerte ich mich an ein Buch, das ich mir vor einiger Zeit durchgelesen habe. Das Schwarzbuch über das Bergische Land, indem es um Mythen und Legenden der Region geht. Um genau das, was auch das Thema in meiner Geschichte werden könnte.
Ich habe meine Erinnerungen nach besonderen Plätzen und Orten durchgesehen, und innerhalb von Minuten war da etwas. Was ich nirgendswo anders beschreiben könnte, als in Deutschland. Weil ich nur hier die Orte so kenne, das ich hinter das offensichtlich sehen kann, und das verborgene an diesen Orte entdecken kann.
Ich habe mich an drei, vier besondere Stellen in Köln erinnert, die als Orte für meinen Roman ideal wären. Dann an verschiedene historische Ereignisse, die passen würde. Eine Stunde später hatte ich genug Hintergrund für ein halbes Dutzend Romane. Und das schönste: Ich habe ein paar Wesenheiten gefunden, die aus deutschen Sagen stammen.... und wundervoll sind. Da ist neben dem üblichen auch das unübliche, das besondere, leicht schräge dabei. Und ich rede nicht nur von den Kölner Heinzelmännchen.... es gibt noch andere, wunderbare Wesenheiten in Deutschland, die beschrieben gehören, eigentlich.

Nun ist also nicht mehr die Frage, in Deutschland, sondern nur welche von den vielen Orten ich auswähle... Seltsame und unheimliche Orte überall.

Adjektive I

Adjektive

In Schreibbüchern gibt es meistens einen längeren Abschnitt, der sich mit der Verwendung von Adjektiven beschäftigt. Aber dort wird oft vereinfacht oder grob dargestellt, warum Adjektive entweder möglichst präzise verwendet werden sollen, oder warum wenig oder viele Adjektive anzuraten sind. Ich will versuchen einige Gedanken zu Adjektiven einmal zusammenzufassen.

Ein Adjektiv (oder Bei-, Eigenschafts oder Wiewort) beschreibt die Beschaffenheit oder die Beziehung eines Hauptwortes, das ein Ding, eine Sache, ein Zustand oder ein Vorgang (und einiges mehr) sein kann.

"Es war ein langer, beschwerlicher Weg, der den jungen Mann über den schneebedeckten Pass führte."

Die Adjektive dienen in diesem Satz dazu, einerseits den Mann genauer zu beschreiben, er ist jung, dann anzudeuten, wie der Weg ist (lang und beschwerlich), bevor über den Pass eine Begründung für den langen und beschwerlichen Weg eingesetzt wird. Die Adjektive schaffen also Verbindungen im Satz, hier bedingt die Zusammenfassung (Wie ist der Weg?) die Beschreibung am Ende des Satzes, und der "Zustand" des Mannes eingeführt wird, um ihn näher zu beschreiben.
llein durch diesen Satz dürfte klar sein, welche Funktion Adjektive in einem erzählenden Text übernehmen können und wie wichtig sie sind.

Literarische und erzählende Texte arbeiten mit den Sinneseindrücken unseres Verstandes, indem z.b. das Wort Berg und das Adjektiv schneebedeckt mit unseren Erinnerungen, den Bildern in unserem Kopf, verbunden wird. Somit entsteht in unserem Verstand ein Bild zu dem Text, der schneebedeckte Hügel, der aus unseren Erinnerungen in den erzählenden Text "überwandert".
Die Funktion des Adjektives ist also das Bild zu konkretisieren. Aus dem reichhaltigen Angebot an Sinneswahrnehmung des Lesers über Berge, wählt der Autor eine Kategorie von Berg aus.

Dabei hängt die Wirkung eines Adjektives immer auch davon aus, wie konkret sich der Leser dieses Bild vorstellt. Ein schneebedeckter Berg ist eine so bekannte und oft verwendete Kategorie, dass das Bild vom Leser nie gänzlich konkretisiert wird. Es bleibt wage, und damit das Bild des Lesers zum Text auch.

Arten von Adjektiven

Kategorie 1 : Abstrakte Adjektive
a.)kategorisierende oder unterteilende Adjektive

Es gibt viele dieser Adjektive: der kleine Hund, der große Mann, die rothaarige Frau, der kalte Morgen, der lange Weg, der dunkle Hund, die freundliche Begrüßung, ....

All diese Adjektive werden häufig mit diesen Hauptworten verwendet, und sie beruhen auf Vergleichen: warm oder kalt, lang oder kurz, groß oder klein, hell und dunkel, stark und schwach, nass oder trocken .... und auch mit mehr Kategorien schwarz-, braun-, rothaarig oder blond. Somit unterteilen sie Bilder nur in zwei (oder mehr) Kategorien und sind nicht konkret.

b.) entbildlichte Adjektive
Bestimmte Adjektive werden so häufig mit bestimmten Hauptworten verwendet, dass die bildliche Wirkung stark nachgelassen hat, bzw. sogar Adjektive an Substantive angeschmolzen erscheinen.

Die blondgelockten Haare, die Stubsnase, die weichen Linien (des Gesichts), die wagen Umrisse, die quietschenden (oder auch abgefahrenen) Reifen, das leise Weinen, die lautlosen Schreie, der saftige Apfel....

Kategorie 2: Teilabstrakte Adjektive
a.) kategorisierende und unterteilende Adjektive mit Ergänzung

Es gibt Adjektive, die verwenden eine Ergänzung zu der Kategorisierung, und werden somit zwar nicht konkret, aber konkreter als die erste Kategorie.

Der nasskalte Morgen, die rotbraunen (rostroten) Haare, der feuchtwarme Händedruck, ...

Es ist zwar immer noch ein nasser Morgen, aber es ist eine Unterkategorie, der nasskalte Morgen. Genau wie die rotbraunen Haare.
Dazu kommen auch die Mischung von roten Haaren mit der sinnlichen Wahrnehmung Rostrot.

Kategorie 3: Sinnliche Adjektive
Diese Abjektive beziehen sich auf konkrete Bilder des Verfassers, die in der Lage sind ebenso konkrete Bilder beim Leser zu erzeugen.

Der in Schnee ergraute Berg, das herbstlich gewordene Gesicht, der nerzgesichtige Junge, das verwaschene Lächeln, eine merzedessternförmige Narbe, angebräunte Nelken, ein modisch zurückgebliebener Vorort,...

Diese Adjektive beruhen darauf, dass der Autor (und der Leser) sich jeweils etwas vorstellen. Der Autor stellt sich etwas vor, und der Leser möglicherweise etwas anderes: aber diese Vorstellung an sich, macht den Unterschied aus, weil es eine konkrete Vorstellung ist.

Kategorie 4: Neue Adjektive
Diese Adjektive sind etwas besonderes: sie beruhen darauf, dass man durch den Aufbau eines Textes auf einen zentralen Punkt hinarbeitet: dieses Adjektiv. Sie sind die höchste Form an möglicher Sinnlichkeit, weil der Leser sozusagen ihre Entstehung begleitet.

Mein Autorenpartner Stefan Fischer, siehe die Links -> , hat in einem seiner Texte mal die hart arbeitenden Scheibenwischer beschrieben, die seine Hauptfigur ansieht, die immer in Bewegung sind. In einer der nächsten Zeilen nannte er sie "schnaufende Scheibenwischer".

"die impressionistische Sonne an den ungeputzten Fenstern"

Gefährlich wird es immer, wenn der Autor einen Gedankenschritt macht, und der Leser ihm nicht folgen kann. Dann "sitzt das Adjektiv nicht", es passt nicht, es wirkt "schief". Und auch ein zuviel an diesen Adjektiven führt dazu, dass die einzelnen Adjektive nicht mehr wirken können, weil sie Raum und Erklärung brauchen, und ihre Wirkung durch die Vielzahl zerstört wird- weil der Leser kaum noch folgen kann.

Ideen zur Anwendung:

--- to be continued ---

Mittwoch, 24. Oktober 2007

Warum es blöd ist "Ich" zu sein

Ich bin gerade wieder mal dabei mir eine wichtige Sache zu versauen. Warum? Weil ich wieder mal viel zu spät angefangen habe meine Unterlagen zusammenzusuchen und wieder mal nicht richtig zugehört habe, als jemand wichtiges etwas gesagt hat.
Oder anders gesagt: Ich bin ein riesiger Idiot. Das ist sicherlich für regelmäßige Leser meines Blogs nichts Neues. Aber diese Einsicht schmerzt mich immer wieder, auch wenn es eine Einsicht ist, die mich regelmäßig überkommt.
Heute könnte ich mir beide großen Zehen in die Ohren stecken, an meinen Daumen kauen und mich dabei wild durch die Gegend rollen lassen- mit dem Schild: Idiotenkugel.

Verdammt, verdammt, verdammt.

4.000 Besucher

Heute hat mein Blog gemeldet, eine kleine Zahl in einem kleinen Übersichtsfenster, dass heute jemand die Runde Zahl voll gemacht hat. Viertausend. Eine unglaubliche Zahl, irgendwie.
Nun, ich muss gestehen, ich bin wohl der eifrigste Besucher meiner Seite... mein lieber Blog zählt mich jedesmal mit, wenn ich überprüfe, ob das auch so alles geklappt hat, mit dem Eintrag. Aber anscheinend gibt es neben mir noch einige Leute, die mal auf eine Minute reinschauen, und ein bisschen in meinen Blogeinträgen und Geschichten schmökern.

Erst einmal vielen Dank dafür...

Sonntag, 21. Oktober 2007

Eine Erzählung kündigt sich an...

Ich wollte immer einmal beschreiben, wie ich zu meinen kürzeren Erzählungen komme:
Schon vor einigen Monaten habe ich das erste Mal die Idee gehabt eine Geschichte um eine Familie zu spinnen, die sich um den sterbenden Großvater herum versammeln. Denn gerade um unsere Sterbenden und unsere Toten entsteht ein Raum, der keinen Platz mehr lässt für Lügen und Halbheiten. Ein wenig kehren dann die Gestalten zurück, die in den Kellern und im Unterbewusstsein bisher gut verschlossen lagen.
Ich habe dieses Projekt damals nur auf einer Seite begonnen, weil ich keine Zeit hatte und weil schon nach der ersten Seite klar war, dass die Idee wundervoll ist, aber der Rahmen, die Charaktere und der Raum noch fehlen.
Heute habe ich dann durch einen Zufall weiter an diesem Projekt gesponnen, und die Idee hat ein wenig mehr Raum gewonnen. Ich habe die ersten beiden Figuren gefunden, die sich leise um das Krankenbett des Großvaters herum bewegen. Ich habe auch den Raum gefunden, und werde über eine kleine Rahmenhandlung die Geschichte heraus starten, indem ich in die Keller gehe, mit den Figuren. Fix- und Angelpunkt wird der Großvater, der auf eine Weise an allen Entscheidungen der Lebenswege seiner Kinder beteiligt ist.
Das Projekt ist aber noch weit von der Niederschrift entfernt, weil ich noch mindestens fünf weitere Figuren brauche, und drei dieser Figuren im Moment noch recht vage sind. Dazu brauche ich noch ein, zwei Ereignisse, die diese Geschichte tragen.

Aber: Es wird immer klarer, dass ich dieses Projekt als Erzählung in den nächsten Monaten irgendwann in Angriff nehme. Vielleicht, wenn ich einen ersten Satz finde und Zeit habe. Vielleicht auch erst nach meinem okkulten Roman. Schön aber, dass ich noch was in petto habe, neben dem alten Roman.

Samstag, 20. Oktober 2007

Recherche

Eine meiner ersten Entscheidungen als Autor 1993 war keine Romane zu schreiben, für die ich umfangreiche Recherchen treiben muss. Alleine die Vorstellung in Büchern nach antiken Karten zu suchen, jede Menge Bücher zu lesen und im Netz zu recherchieren, vielleicht sogar noch Experten anzusprechen....
All das war als Vorstellung schon genug Abschreckung, um sich für Fantasy zu entscheiden. Weil man sich dort alles ausdenken kann, keine Recherche, sondern die Konsistenz der eigenen Phantasie.

Nun, diese Einstellung hat sich geändert. Ich will das mal an einem Beispiel verdeutlichen:
Für meinen aktuellen Roman brauche ich ein Haus. Und ich hatte bei den ersten Überlegungen eine ziemlich ungefähre Vorstellung, anhand einer Erinnerung an ein besonderes Haus, wie dieses Haus aussehen könnte. Weil ich dieses besondere Haus immer wieder angesehen habe, weil es mich irgendwie irritiert.
Also habe ich im Netz über dieses besondere Haus recherchiert und nichts gefunden. Dafür habe ich aber unter dem Bautyp ein anderes Haus gefunden, mit einem ähnlich irritierenden Aufbau, einem ähnlichen Baustil. Und habe darüber einen Architekten gefunden, der genau diese Art Häuser gebaut hat. Und wie es so ist, ich habe über diesen Architekten weitere Häuser gefunden, und darunter eines, dass genau das Haus ist, was ich gesucht habe.
Wenn ich mir dieses Haus nur vorgestellt hätte, anhand meiner Erinnerung, dann wäre dieses Haus nur ein Haus. Jetzt wird dieses Haus über meine Recherche angefüllt mit weiteren Bildern und Informationen. Alles wird konkreter. Und dieses konkreter, kann ich beschreiben.
Oder anders gesagt: Gerade das konkrete füllt die eigene Phantasie aus und erweitert sie. Und indem ich mit meiner Geschichte dann das Haus weiter ausfülle, wird dieses Haus immer weiter und größer.

Genau das bedeutet Recherche: Die eigene Vorstellung zu untermauern, mal zu verändern, mal mit Leben zu füllen und dies Leben immer weiter mit anderem Leben zu verdichten. Und ja, Recherche kann auch gefährlich sein. Man kann sich verzetteln, indem man alles recherchiert oder alles, was man recherchiert versucht auch in den Text zu übernehmen. Aber wer dann, wie ich, mal einen Experten anruft, der begeistert von seinem Thema erzählt und anbietet einen Text Probe zu lesen. der weiß: Recherche ist auch immer wieder Ermutigung und Vergnügen. Vor allem, wenn man etwas entdeckt, während der Recherche, was noch eine wunderbare Wendung bringt. Auch das ist Recherche

Mittwoch, 17. Oktober 2007

31 Tage, 7.400 Wörter- ein Zwischenfazit

Nun sitze ich seit einem Monat an meinem Roman "Zwischenleben" (den Arbeitstitel habe ich von meinem anderen Roman entliehen), und möchte heute ein kleines Zwischenfazit ziehen.

Ich habe in diesen 31 Tagen (ca. 17 Arbeitstagen) 32 Manuskriptseiten verfasst, genau 7.200 Wörter, die inzwischen durchaus das Niveau einer Zweitfassung haben. Der Prolog und das erste Kapitel stehen, und ich habe die Einleitung in das zweite Kapitel geschrieben... und genieße es gerade sehr zu schreiben.
Es fällt mir schwer das zu sagen, weil ich ja oft genug an meinem Schreiben leide. Weil ich mir zu viele Gedanken über das Schreiben mache, über das Handwerk, gerade von Zweifeln oder Depressionen geplagt werde, krank bin, oder einfach nur müde und erschöpft. Vielleicht ist es der Moment. Aber da bin ich mir nicht so sicher. Es ist einfach auch eine Veränderung an mir, die sich eine Zeit angekündigt hat, es ist eine andere Art des Schreibens und eine andere Absicht.
Ich habe aufgehört, erst einmal, mir zu viele Gedanken über das zu machen, was aus diesem Roman wird, wenn ich ihn beendet habe. Ich konzentriere mich auf das jetzt, das zweite Kapitel, und wie es weitergehen wird in der Geschichte. Und ich vertraue darauf, dass ich die richtigen Entscheidungen getroffen habe und treffen werde. Keine Gedanken mehr daran, was möglicherweise fehlen könnte.
Es ist auch eine andere Art des Schreibens: Die Geschichte diktiert alles weitere, und ehrlich gesagt, ich finde es herrlich entspannend. Ich kann mich darauf konzentrieren die Bilder in meinem Kopf in Worte zu verwandeln, und das ist inzwischen so oft geübt, dass es nicht mehr schwierig ist. Und alle Gedanken über die Form sind kurz, es geht nur darum die richtige Form für die Geschichte, bzw. für die Umsetzung der Geschichte gefunden ist. Keine Gedanken darüber hinaus. Oder anders formuliert: Alle Gedanken richten sich auf die Geschichte.
Und hier komme ich zur Absicht: Ich schreibe, um zu erzählen. Anscheinend habe ich das manchmal vergessen.
Natürlich bin ich noch nicht zu 100% zufrieden. Zwei Manuskriptseiten pro Arbeitstag, oder eine Seite pro Tag, sind definitiv zu wenig. (Zumindest für die Planung, dass der Roman in sechs Monaten fertig ist- hey, manche Ziele muss man nicht erreichen, es reicht es zu versuchen).Wobei ich immerhin eine gewisse Regelmäßigkeit wieder hin bekomme: Im Schnitt 1,5 Stunden pro Arbeitstag schreiben, dazu noch ein wenig Vorbereitung und Recherche, sowie Korrekturen, das ist gar nicht so schlecht. Also werde ich mich zuerst einmal damit abfinden, und versuchen die Arbeitszeit für den Roman ein wenig auszubauen.

Gleichzeitig habe ich einiges an handwerklichen und stilistischen Problemen gelöst, was mich sicherlich 5-8 Manuskriptseiten gekostet hat - alleine durch Löschungen von Zweitfassung- und drei, vier Versuche für Szenen. Das war aber, im Verhältnis zu bisherigen Löschungen in meinen anderen Romanen und Romanversuchungen, recht "preiswert", weil ich direkt die Verbesserung sehen konnte. Also ist das Ergebnis besser, als es aussieht.
Obwohl, es werden immer wieder neue Probleme kommen. So ist das mit einem Roman: Er besteht aus der Lösung von Hunderten von Problemen, während eine Kurzgeschichte nur die Lösung einer Handvoll von Problemen ist. Das habe ich aber erst gewusst, nachdem ich 1994 meinen ersten Roman angefangen habe- Da dachte ich noch, dass ein Roman so schwierig wie eine lange Kurzgeschichte wäre. Aber ehrlich gesagt, das Verhältnis von Problemen erhöht sich nicht proportional mit den Seiten, sondern da ist irgendwie ein Multiplikator drin und der Autor, der seine Schwierigkeiten noch einmal selber vervielfachen kann.
Im Moment bin ich zufrieden mit dem Roman, und wie viele Schriftsteller, deshalb auch zufrieden mit mir. Am sehr arbeite ich in beiden Fällen noch, aber das kann noch kommen. Genau wie noch etwas schief gehen wird, was sich beheben lassen wird. Weil es immer so ist, siehe die Probleme eines Romans.

Samstag, 13. Oktober 2007

Im Herbst: Die Blätter fallen und die Gedanken verändern sich... September 2007

Als ich vor einigen Jahren meinen Roman "Zwischenleben" angefangen habe, oder vor einigen Monaten diesen Blog, habe ich nicht geahnt, dass ich in diesem Monat den Roman schlafen legen muss. Ich bin mir nicht ganz sicher, was passiert ist. Zuerst habe ich an einer Stelle die verschiedensten Versuche gestartet die Geschichte weiterzuführen. Aber keine der Ideen hat so funktioniert, wie sie sollte. Klar war ich dann frustriert. Und dann habe ich noch einmal in den Roman reingelesen... und war schockiert. Der Roman wirkte irgendwie unrhythmisch, irgendwie verquert, ich kann es nur schwer beschreiben.
Letztlich war es so, dass ich nicht sicher war, wie es mit diesem Roman weitergehen sollte. Ich habe den Roman schlafen gelegt, und eine Idee aufgegriffen, die ich im letzten Jahr hatte:
Die Geschichte eine Frau, die meint Geister sehen zu können.
Die Bearbeitung aus dem letzten Jahr war jedoch recht ernst. Im Prinzip hätte man diese Bearbeitung überarbeiten können und verwenden. Aber die Idee der Bearbeitung war: Was ist Realität? Diesmal wollte ich einen spannenden Roman über eine Frau schreiben, die Geister sehen kann und in eine Kriminalhandlung verwickelt wird. Ort ist ein Deutschland, in der es magische Wesen gibt. (Und ja, diese Idee ist nicht wirklich neu.) Was mich überrascht hat, waren die ersten Schwierigkeiten. Ich schreibe zwar immer noch aus einer Ich-Perspektive, diesmal jedoch nicht im Präsenz, was ich schon als kleine Umstellung empfand. Weit schwieriger war es jedoch auf bestimmte Stilistiken wie meine elliptischen Sätze zu verzichten und die Sätze nicht mehr ganz so zu zerschneiden. Dazu musste ich meine Beschreibungen massiv reduzieren und sogar das tut, was ich seit Jahren vermieden habe: Standartformulierungen einsetzen, wenn es kurz sein musste. Und die Geschichte musste natürlich auch viel stärker auf narrative Elemente setzen und die Spannung war auch deutlich wichtiger.
Das hört sich nicht nach so großen Umstellungen an, aber dabei unterschätzt man die Macht der Gewohnheit. Immer wieder muss ich die geschriebenen Texte deutlich überarbeiten, weil mir wieder eines dieser Dinge durchgerutscht ist. Die erste Version des Anfangs war insgesamt wundervoll, nur leider, wie schon im Blog angemerkt, viel zu langsam. Also habe ich einen schnellen Prolog geschrieben.
Oder anders gesagt: Ich glaube, es war die richtige Entscheidung den Roman ruhen zu lassen. Und es war die richtige Entscheidung diesen Roman anzufangen: Mal sehen, wohin der Weg geht.

Der Fall Esra oder was ist Fiktion?

Der Schriftsteller Maxim Biller hat 2003 bei Kiepenheuer&Witsch den Roman "Esra" veröffentlicht, bei dem es um die komplizierte Liebesgeschichte zwischen dem jüdischstämmigen Adam und der türkischstämmigen Esra geht. Im selben Jahr meldete sich eine ehemalige Lebensgefährtin des Autors und deren Mutter, die sich in der Schilderung der Esra und ihrer Mutter klar und deutlich wiedererkannt haben.
Von Beginn der gerichtlichen Untersuchung standen zwei Rechtsgüter im Raum: Einerseits die Freiheit der Kunst und das Recht auf den Schutz der Privatsphäre. In den verschiedenen Gerichtsprozessen wurde das im ersten Verfahren ausgesprochene Verbot des Romans immer wieder neu bestätigt, darunter auch in dieser Woche durch ein Urteil des Bundesverfassungsgericht.
Letztlich verfolgt das Verfassungsgericht damit die Linie, die es bereits in der Rechtsprechung zu Klaus Manns Roman "Mephisto" verfolgt hat. Klaus Mann hatte in seinem Roman den Aufstieg des Schauspielers Henrik Höfgens als Beispiel für die Karriere eines Mannes unter den Nazis geschildert, die deutliche Parallelen zum Aufstieg von Gustaf Gründgens aufwies. Noch nach dem Tod Gründgens wurde der Roman Ende der Sechziger Jahre durch ein Gerichtsurteil verboten , weil die Privatsphäre des verstorbenen Gründgens über die Kunstfreiheit gestellt wurde.

Im Mehrheitsurteil des Bundesverfassungsgerichts zu "Esra" wird ein Roman generell als Fiktion eingeordnet, jedoch wird hier ein Maßstab eingeführt, um den Schutz der Privatsphäre und die Kunstfreiheit miteinander abzuwägen: den Begriff der Fiktionalisierung der geschilderten Dinge. Dahinter steckt die (nicht literaturwissenschaftliche) Vorstellung, dass ein Roman zwar an sich fiktional ist, aber verschiedene handwerkliche Mittel dem Leser genau diese Fiktionalität der Darstellung vermitteln müssen.
Als Beispiele seien hier z.B. eine mehrfach verschlüsselte Perspektive, z.B. mit einem Er-Erzähler, einem Ich-Erzähler und Figuren genannt, die ebenfalls Teile des Textes schildern, bzw. Inquitformeln wie: vermutete xy... Dazu gibt es weitere Mittel, wie z.B. surreale Schilderungen und andere Elemente, die klar die Fiktionalität eines Romans deutlich machen.
Letztlich bedeutet dies, dass das Bundesverfassungsgericht annimmt, dass der Leser eine Schilderung im Roman, wenn ihm eine Ähnlichkeit einer Figur zu einer realen Person auffällt, als authentisch annimmt. Das wird besonders daran deutlich, dass das Mehrheitsurteil des Gerichts ausdrücklich auf die Schilderung sexueller Begebenheiten zwischen Esra und Adam verweist, die ein Leser auf Biller und dessen Exfreundin übertragen könnte. Gerade die Schilderung einer so intimen Situation, ob nun aus der Wirklichkeit entlehnt, scheint die Entscheidung des Gerichts beeinflusst zu haben.

Im ersten Augenblick erscheint dieses Urteil gerechtfertigt. Maxim Biller hat Figuren seines Romans eindeutig für eine bestimmte, wenn auch recht kleine Lesergruppe, identifizierbar gemacht. Somit scheint es für einen Leser nahe zu liegen, diese Figuren vollständig mit den realen Personen zu identifizieren.
Gleichzeitig ist es aber auch so, dass ein Roman grundsätzlich eben nicht die Schilderung einer konkreten Situation ist. Ein Roman handelt in einer fiktiven Welt, die immer aus den erlebten, gehörten, erfahrenen und weitergegebenen Erfahrungen eines Schriftstellers komponiert wird- und bei dieser Komposition nicht mehr die Realität abbildet, sondern eine fiktive Welt, die nur eine Ähnlichkeit zu der uns umgebenden Welt aufweist.
Die entscheidende Frage ist also, ob Leser dies wissen und ob es richtig ist diese Entscheidung an den Lesern zu orientieren. Leider ist diese Frage nicht mit einem Ja oder Nein zu beantworten.
Denn einerseits wird in manchen Romanen darauf hingewiesen, dass das Leben des Autoren eine Ähnlichkeit zu den Romanschilderungen hat... was auf das Wissen der Leser um diesen Umstand hinweist. Andererseits haben die meisten Autoren schon die Erfahrung gemacht, dass die meisten Leser hinter vielen Dingen in einer Geschichte autobiographisches vermuten. Und natürlich ergibt es wenig Sinn ein Urteil über die Verletzung der Privatsphäre ohne die Berücksichtigung der Leser zu treffen, die letztlich beim Lesen genau diese Wiedererkennen machen, und die somit Gradmesser für die Fiktion eines Romans sind.
Somit kann dies auch nicht die Frage klären, ob dieser Roman verboten gehört. Würde denn die vom Gericht gewünschte Fiktionalisierung dieses Problem beheben?

Wenn ich in einem Roman eine Figur auftreten lasse, die von einer bekannten Person erzählt, und über diese Vermutung anstellt, würde nach dem Urteil des Verfassungsgericht diese Darstellung erlaubt sein. Wobei hier natürlich auch der Zusammenhang in der Geschichte zu bewerten ist, und die Ebene der Fiktionalisierung der Handlung generell. Letztlich würde es Leser, die einen Roman nicht für fiktiv halten, letztlich nur dazubringen, dass sie durch die Fiktionalisierung überlegen, ob es so sein könnte. Somit wäre das Grundproblem Kunstfreiheit gegen Persönlichkeitsrecht nicht gelöst, sondern das Gericht gibt nur die Form der Darstellung vor mit dem der Autor die Kunstfreiheit auf seiner Seite hat.
Einige Autoren und Journalisten befürchten zu Recht, dass nun viele Autoren vor Gericht gezerrt werden, wenn jemand das Gefühl er sei die Vorlage für eine solche Figur. Das diese Gefahr durchaus besteht, wird z.B, deutlich erkennbar, wenn man die verschiedenen Auseinandersetzungen zwischen Autoren und Sachbuchautoren/ bzw. Verfasser von Webseiten betrachtet, die in letzter Zeit mit Hilfe von Anwälten und Gerichten ausgefochten wurden, siehe Frank Schätzing, Dan Brown und andere.
Und im Bereich der Darstellung von Organisationen und juristischen Personen gibt es bereits jede Menge Gerichtsprozesse und Urteile, die bisher weitgehend bei Sachbüchern stattgefunden haben. Was wäre nun, wenn ein Romanautor über ein Auto schreibt, das immer wieder repariert werden muss. Darf er den Namen nennen, oder nicht?
Zudem gibt es nun auch zivilrechtliche Schadensersatzprozesse, die dem Autor und dem Verlag drohen, wenn sich jemand in einer Figur wiedererkennt- und da viele Autoren nun nicht gerade wohlhabend sind, sind diese Prozesse und das Auslieferungsverbot durchaus Existenzbedrohend.

Es geht mir nicht darum Maxim Billers Entscheidung zu verteidigen seine Figuren so dicht an realen Personen anzulehnen. Es geht mir nur darum, die Folgen der Gerichtsentscheidungen einmal auszuführen. Denn das Bundesverfassungsgericht wird mit seinem Urteil eine Reihe von Büchern verbieten, bevor sie geschrieben worden sind oder eine Veröffentlichung verhindern. Bei anderen Romanen wird ein Gericht Einfluss auf die künstlerische Gestaltung nehmen.
Das grundlegende Problem hinter dem Urteil des Verfassungsgericht ist genau dies: Das Gericht gibt den Schriftstellern vor, wie sie juristisch unbedenklich reale Personen verwenden dürfen. Es greift somit direkt in die Kunstfreiheit ein und legt selber damit fest, was Kunst ist und durch den Kunstbegriff geschützt ist.
Vielleicht wäre es hier klüger gewesen zu überprüfen, wie die Minderheitsmeinungen im Bundesverfassungsgericht es vorgeschlagen haben, ob die Darstellung realer Figuren zu deren Verunglimpfung stattfindet und ob das betreffende Werk nach Urteil von Fachleuten einen künstlerischen Wert besitzt, der möglicherweise höher steht als die Verletzung des Persönlichkeitsrecht.

Denn vielleicht ist es genau das, was einem Autor das Recht gibt die Rechte einer Einzelperson zu verletzen: Das er mit Hilfe der Kunst ein Werk schafft, dass eine Bedeutung hat und über sich hinaus verweist, und für viele Menschen einen Wert an sich darstellt und weit mehr ist als nur die Verletzung der Privatsphäre einer Person- nämlich Kunst. Und das die Verletzung der Privatsphäre nicht in der Mitte des Kunstwerks ist, sondern nur ein kleines Element.
Wenn man Biller Werk liest, so glaube ich, dass es weit mehr als nur die Verletzung der Privatsphäre seiner Exfreundin darstellt. Dieses ist leider vom Bundesverfassungsgericht nicht gewürdigt worden.
Gleichzeitig ist es aber auch so, dass Biller hier offensichtlich absichtlich seine Exfreundin identifizierbar gemacht hat, ohne das dies notwendig für die Darstellung des Romans war.
Vielleicht wäre es klüger gewesen, wenn das Gericht die Veröffentlichung des Romans erlaubt und gleichzeitig Biller wegen seiner Vorgehensweise ermahnt hätte. Vielleicht wäre es möglich gewesen die Verletzung der Persönlichkeitsrechte aufzuzeigen und den künstlerischen Wert des Romans dagegen zu setzen.

Aber das Bundesverfassungsgericht hat anders entschieden. Der Roman ist in Deutschland nicht erhältlich, dafür aber in der Schweiz und Österreich. Und Maxim Biller wird im Zivilprozess bezahlen müssen...

Dienstag, 9. Oktober 2007

Romaneinstieg und Folgen (für szenisch schreibende Autoren

Da habe ich vor einigen Tagen einen Einstieg in mein neues Romanoprojekt gefunden, den ich auch hier eingestellt habe, und dann musste ich diesen Anfang gestern dem Papierkorb übergehen. Und ich muss eigentlich ein wenig über mich lachen. Denn diese Szene ist eine ziemlich typische Romananfgangsszene für mich: Die Heldin erwacht in ihrem Bett... Eine Szene, die es immerhin in drei meiner Romanversuchen am Anfang gegeben hat.
Und vermutlich hat diese Romanszene in meinen letzten Romanen auch für viele Probleme gesucht. Denn ich bereite diese Szene immer recht ausführlich auf- was letztlich eine Entscheidung für den gesamten Roman darstellt.

*Exkurs*Gérald Genette hat in der Literaturwissenschaft das Erzähltempo der Geschichte untersucht und verschiedene Begriffe dafür gefunden. Es geht um die auf den Seiten einer Geschichte erzählten Zeit, die durchaus in der Gesamtheit und auf den Abschnitt berechnet wird, und um eine Vorstellung über den Umgang der Geschichte mit der Zeit zu finden. Dabei gibt es die Prolepse und Analepse (den Blick in das Kommende und das Vergangene), sowie drei andere Tempoarten.*

Wenn man Genette aus der Literaturwissenschaft herauszerrt, und seine Ideen in der Textentstehung überträgt, dann entscheidet der Autor schon in der Anlage eines Romans über das Erzähltempo.
Je länger die erzählte Zeit des Romans ist, desto stärker wird der Autor auf narrative Passagen zurückgreifen müssen. Dazu entscheidet auch die geplante Länge des Romans über eine grundsätzliche Ausrichtung der einzelnen Szenen: Denn die Seitenzahl gibt eine Vorstellung, wie die einzelnen Szenen längentechnisch ausgestaltet werden können. Wobei natürlich eines dabei zu bedenken ist: Ein Roman ist immer eine Mischung narrativer und szenischer Passagen, meist dazu noch Rückblenden und erzählte Vergangenheit. Somit entscheidet auch der Autor über die Gewichtung der unterschiedlichen Teile, und noch einmal über die Gewichtung einzelner Spots, (im Sinne herausgehobener Stellen und Szenen, die die zentralen Konflikte des Romans beinhalten).
Interessant wird dies gerade bei den ersten Szenen des Romans, die nicht Spannung schaffen, sondern die Atmosphäre aufbauen sollen. Wer hier wie ich bei der "Heldin-wacht-auf-Szene" zu szenisch und groß arbeitet, legt damit das Tempo des Romans fest. Denn dann müssen die anderen Szene auch lang werden und die zentralen Szenen sehr lang. Oder anders gesagt, eine Szene kann die gesamte weitere Abfolge diktieren.
Nun, ich habe einen langen Prolog geschrieben, der sehr viel Tempo vorgibt, aber nicht in Genettes Sinne durch Zeitablauf, also narrativ, sondern durch viel Spannung und damit Tempo.

Der Wechsel im Tempo wäre sehr abrupt, vom temporeichen Anfang zu einer langsamen Szene "Heldin-wacht-auf". Und zwar egal, was ich noch dazwischenschiebe. Also musste diese Szene in den Mülleimer.
Eigentlich ganz einfach, oder?? Man muss es nur wissen. Und diese Information geht ja auch nur an die Szeniker wie mich, die gerne szenisch arbeiten... und dabei manchmal den Überblick verlieren.

Ambitionierte Kleinverlage

Heute gab es in der TAZ eine ganze Reihe interessanter Artikel anlässlich der Buchmesse. Ich möchte hier nur auf einen besonders wichtigen Artikel verweisen, indem die TAZ sich mit den ambitionierten Kleinverlage beschäftigt, die seit Jahren, oft gegen den Trend, Literatur verlegen, die anderswo wenig Chancen hätte.
Von Frank Schäfer: Mitten im Mahlstrom. Die unabhängigen Kleinverlage haben sich konsolidiert. Nur wenn sie ihr Publikum ständig aufs Neue überraschen, können sie überleben. Aus der Taz vom 10.10.2007

Hier wird der wunderbare Tropenverlage mit den Büchern von J. Lethem vorgestellt. der früher mal in Köln saß, und nun in Berlin. Kookbooks, die mehrfach für ihr tolles Verlagsprogramm ausgezeichnet wurden, weil sie im Gegensatz zu den meisten Großverlagen neue deutsche Lyrik als Bände herausgebracht und überraschend gut verkauft haben.Dazu noch Verbrecherverlag, Tisch 7, SchirmerGraf und andere Kleinverlage, die alle ihre Besonderheiten haben.
Also einfach mal auf den Internetseiten reinschauen, es lohnt sich wirklich!!!! Und vielleicht mal eines der Bücher bestellen....

Freitag, 5. Oktober 2007

Romanschwangerschaft

Als Mann habe ich ja wenig Möglichkeit schwanger zu werden. Aber was ich als Mann nicht kann, kann ich als Schriftsteller. Ich kann schwanger gehen und wenn es auch kein Kind in der üblichen Form ist, so ist es doch ein Kind in einer anderen Form: Ein Gedankenkind. Hunderte von Schriftstellern haben diesen Vergleich schon gewählt, weil es die Entwicklung eines Romans gut trifft, die im Exposee angelegten "Gene", die verschiedenen Einflüsse des Kindes, während dieses langsam heranreift, bis es dann soweit ist geboren zu werden.

Manche Autoren bekommen ein Gedankenkind, dass sie dann nur runterschreiben müssen. Andere bringen ihr Gedankenkind durch Veröffentlichung zur Welt, wenn sie es gedacht und niedergeschrieben haben. Sie sind Schöpfer, und damit Künstler, weil sie nur aus sich ihre Geschichten entwickeln, und jede Entwicklung der Figuren vorausahnen..
Meine bisherigen Gedankenkinder wachsen erst geschützt in mir, bis ich anfange sie zu schreiben. Dann bringe ich sie zu Welt. Dort dürfen sie selber aufwachsen, die Einflüsse um sich herum aufnehmen, und obwohl die Gene den Weg zum Teil vorgeben, so ist es immer die Umgebung, die Figuren und vieles mehr, die die weitere Entwicklung beeinflussen. Meine Figuren gewinnen ihre Eigenständigkeit aus meinen Ideen, und entwickeln sie ohne mich weiter. Ich bin nicht Schöpfer meines Buches, sondern werde zum Chronisten meines Gedankenkindes.
Letztlich hat beides seine Vor- und Nachteile: Alles zu planen führt dazu, dass man nicht mehr (oder nur begrenzt) reagieren kann, weil alles vorgeben ist. Einerseits führt das dazu, dass alles recht klar (und nur noch runter geschrieben werden muss) erscheint, man kann den Roman flexibel bearbeiten, das Ende zuerst Schreiben, dann eine Szene in der Mitte, dann am Anfang weiterarbeiten. Bei den Figuren besteht die Gefahr, dass sie zu eng gedacht und geplant waren. Letztlich entscheidet die Qualität der Planung, was aus dem Gedankenkind wird, also nur die Gene...

Bei meinen Gedankenkindern besteht immer die Gefahr, dass die Umstände, Figuren und Einflüsse mein Gedankenkind weit von seinen Genen, dem Plot, hinforttragen, und sich die Geschichte im ungeordneten verliert. Zudem bedingt die Schreibweise, dass man systematisch den Roman hintereinander schreibt, weil das eine auf dem anderen aufbaut. Dafür bietet der Roman viel Raum für neue Ideen, neue Wege, die nicht
unbedingt wegführen müssen vom Plot. Deshalb bleiben die meisten Autoren zwischen beiden Polen, wobei ich aber bisher immer zum zweiten und extremen geneigt habe.
Diese Mal arbeite ich aber etwas anders: Ich arbeite systematisch an einem Grundgerüst, dass sehr genau feststeht... und das sozusagen den Roman diktiert. Und habe Figuren, die diese Planung mit ihrer Geschichte ergänzen, in den absichtlich offen gelassenen Stellen erweitern können, und darüber hinaus viel Raum für Einflüsse und Ideen offengelassen, indem ich die Planungen im Weiten sehr klar habe, und im Nahen unscharf genug für viele Möglichkeiten.
Entscheidend ist jedoch etwas anderes: Ich lese im Moment keine Ratgeber über die Entwicklung von Gedankenkindern, sondern vertraue auf das, was ich weiß. Vertraue auf meinen Plot und meine Figuren, stelle weder sie noch mich in Frage. Sondern schreibe, schreibe.

Seltsame Gedankenkinder. Liebe lässt sie gedeihen und Vertrauen. Weil die Gedankenkinder dies brauchen, um langsam größer zu werden. Und manchmal brauchen sie auch Rat, manchmal auch einen Verweis, manchmal ein Lachen, und jeden Tag etwas zu essen und zu trinken.
Eins brauchen sie aber nicht: Jemand der sie immer nur kritisiert und aus der Distanz Gemeinheiten sagt. Vor allem nicht, wenn es ihr Autor ist.

Dienstag, 2. Oktober 2007

Stephan King über Kurzgeschichten

In der Sonntagsausgabe der New York Times gibt es ein Essay von Stephan King über die Bedeutung der Short Story und seine Arbeit als Herausgeber von "The Best American Short Story 2007".
Wie immer bei der New York Times muss man registriert sein, aber dann kann man kostenlos mitlesen, und zwar immer wieder. Einen Link gibt es rechts in der Navigation unter Zusatzseiten "Hinweise auf Essays übers Schreiben", wo es noch einige andere Schätzchen gibt.
Und natürlich auch hier: Stephan King: What Ails the Short Story Vom 30.09.2007 in der New York Times.

Ein Anfang ist gemacht...

Auf jedem Weg gibt es Meilensteine, auch wenn da nur Kilometer draufstehen. Heute habe ich auf einem langen Weg den ersten Stein hinter mich gebracht.
Ich habe für meinen neuen Roman einen Prolog geschrieben, auf den ich mächtig stolz bin. Er ist vielleicht noch nicht ganz fertig, aber die ersten zwanzig Manuskriptseiten stehen. Und ja, ich gebe es zu, das Roman wird etwas länger. Aber das ist bei mir halt so.
Ich habe auch die erste Rückmeldung meines Autorenpartners. Und die war insgesamt sehr positiv, die Kritik habe ich natürlich längst umgesetzt, und nun geht es weiter. Nur noch fünf Seiten, dann beginnt der Hauptteil des Romans, an dem ich schon mal acht Seiten vorgeschrieben habe. Und die finde ich fast noch besser als den Anfang... aber der sollte ja auch spannend sein, während der Anfang vor allem interessant und witzig sein sollte.

So langsam klärt sich auch der weitere Verlauf des Romans, wobei es einen deutlichen Unterschied zu den bisherigen Romanen gibt: Diesmal war der Plot schon klar, nun reichere ich ihn während des Schreibens weiter an.