Samstag, 28. Juli 2007

Sol Stein "Über das Schreiben"

Sol Stein ist ein amerikanischer Autor und Verleger, der neben einigen Schauspielen einige Romane, zwei Bücher über Kreatives Schreiben und Software zum Schreibtraining raus gebracht hat. Auf Deutsch sind vor allem seine Beiträge zum Kreativen Schreiben bei 2001 erhältlich.

Zielgruppe:
Sol Stein "Über das Schreiben" richtet sich m. M. n. vor allem an Autoren, die sich bereits intensiv mit den Grundlagen des Schreibens beschäftigt haben. Es geht in diesem Buch nicht darum einen Roman zu schreiben, sondern redaktionelle oder textgestalterisch Probleme bei der Erstellung des Manuskripts zu lösen.
Es richtet sich ausschließlich an die Autoren, die sich durch Schreibratgeber verbessern wollen oder können. Wer mit Schreibratgebern nichts anfangen kann, der sollte Sol Steins Buch nicht kaufen.

Inhalt:
In sechs Abschnitten geht Sol Stein auf recht unterschiedliche Themen und Themenbereiche ein.

1. Abschnitt: Grundlagen
In diesem Abschnitt beschäftigt sich Sol Stein mit vielen Grundlagen des Schreibens. Es geht um die Frage, was ist ein Geschichte (in unserer Zeit), was macht eine Geschichte aus, wie könnte man eine Geschichte gestalten und was sind die Besonderheiten des 20.Jahrhunderts.
Ein eigenes Kapitel beschäftigt sich mit der Frage, wie man einen Roman anfangen sollte, wie ein guter erster Absatz aussieht- die Visitenkarte des Autoren.
Immer wieder greift Sol Stein auf seine eigenen Erfahrungen zurück, auf Erlebnisse und Diskussionen, sowie Beispiele, um verschiedene Aussagen und Möglichkeiten auszubreiten.

2. Abschnitt: Fiktionale Literatur
In fünfzehn Kapiteln führt Sol Stein verschiedene sehr wesentliche Ideen aus, die einen guten Roman ausmachen. Das beginnt mit der Erschaffung faszinierender Figuren, Charakterisierung, Fundament der Handlung, das Actors Studio (siehe meinen Blogeintrag dazu), Handlungsentwurf, Spannung, Adrenalinstoss, das berüchtige "Zeigen, nicht erzählen", Perspektive, Rückblende, Glaubwürdigkeit, Sinnlichkeit, Liebesszene.

3. Abschnitt: Fiktionale und Nichtfiktionale Literatur
Hier geht es um das Erzähltempo. Kürzungen im Manuskript. die "eigene Stimme des Autoren", und der Titel.

4. Abschnitt: Nichtfiktionale Literatur
Hier werden Informationen zu Sachbüchern gegeben, einerseits über Erzähltechniken, Konflikt und Spannungsbögen in Sachbüchern, Wörtliche Rede und Provokation.

5. Abschnitt: Literarische Werte
Trivialliteratur und Hochliteratur, Details, rhetorische Figuren und Bedeutung der Geschichte.

6. Abschnitt: Redaktion
Überarbeitung von Fiktionaler und Nichtfiktionaler Literatur, und ein Schlusswort.

Fazit:
Sol Steins "Über das Schreiben" beschäftigt sich mit ähnlichen Themen wie andere Schreibbücher. Es unterscheidet sich aber von den meisten Schreibbüchern, indem es mit einem anderen Blickwinkel an die Probleme herangeht. Wenn andere Schreibbücher über den Konflikt schreiben, so stellt Sol Stein das Konzept des "Actors Studio" vor, also die Idee zwei Schauspieler mit unterschiedlichen (und widersprechenden) Anweisungen aufeinander prallen zu lassen.
Zudem unterscheidet sich Steins Werk von anderen, weil Sol Stein neben den Grundlagen immer auch weiterführende Tipps und Ratschläge vorstellt. Bei der Charakterisierung gibt es die wichtigsten Grundlagen, dann kommt Stein aber auch zu Formen eine Figur vorzustellen und einzuführen, erläutert Dimensionen einer Figur (wie kultureller Hintergrund, Verhaltensweisen, Klassenzugehörigkeit), Erkennungsmerkmale und Wiedererkennungsmerkmale, Anlage von gegensätzlichen Figuren und vieles mehr.

Ich halte Sol Steins Buch für das beste Buch über das Schreiben, das ich bisher gelesen habe. Ich schaue immer wieder in das Buch hinein, und erarbeite mir eine Idee. Denn für mich ist Sol Stein "Über das Schreiben" ein wunderbares Arbeitsbuch, von dem ich immer wieder profitieren kann.
Auf meinem Weg zum Schreiben war es mehr als ein Meilenstein. Es war die gedankliche Öffnung zu unendlich vielen Ideen, die nicht immer für mich geeignet waren und manche auch in die falsche Richtung geführt haben. Aber das müssen Ideen auch nicht.

Mittwoch, 25. Juli 2007

Urlaub

Der Schriftsteller mag Papier vollschreiben und verschlingen, leben kann er davon nicht.
Also habe ich natürlich einen Hauptnebenjob, mein Deutsch- und Geschichtsstudium, und einen Nebennebenjob, der mir das nötige Geld einbringt. Das ist oft genug schwierig, manchmal unmöglich, oft unerträglich. Weil ich wie in meiner schriftstellerischen Arbeit auch als Student freundlich formuliert etwas schwierig bin. Ich versuche nicht nur eine Arbeit zu schreiben, sondern ein Thema zu ergründeln, fast wie eine Ente am Teich die Wasserpflanzen gründelt. Und so brauche ich einfach viel mehr Zeit, weil mich die Zusammenhänge faszinieren, ich versuche sie herauszufinden, sie herauszuarbeiten.

Genau deshalb habe ich nun einige Monate (im Gegensatz zu Ernst zu nehmenden Studenten im Hauptjob) an zwei Arbeiten gesessen, viermal die Woche, jeweils 5 Stunden. Und habe sowohl über die Herzöge (und späteren Könige) von Böhmen im 11. Jh. und den Deutschen Orden in Mergentheim ewig gelesen, gegründelt, gegrübelt, geschrieben. Und heute habe ich die letzte der beiden Arbeiten beendet.

Und nun werde ich eine Woche Urlaub machen, vielleicht anderthalb Wochen. Weil ich diese Pause brauche, nachdem ich über viele Monate so konsequent für die Uni (und den Roman) gearbeitet habe. Aber nach einigen schwierigen Semestern ist die Feststellung wichtig: Ich kann es noch. (Und das wunderbare an dieser Feststellung ist auch. Das gilt auch für den Roman. Trotz aller Schwierigkeiten... und obwohl ich beim Roman ebenfalls viel länger brauche.)

Dienstag, 24. Juli 2007

Die ersten Hügel

Seit zwei Tagen sitze ich nun auf dem ersten Hügel, und betrachte den (kurzen) Weg, den ich seit meinem Aufbruch auf der Kathererburg zurückgelegt habe. Ich bin noch nicht weit gekommen, aber wichtig war zuerst der Aufbruch.
Denn erst seitdem ich aufgebrochen bin, habe ich gemerkt, wie müde ich in den letzten Wochen war, erschöpft. Also habe ich mich auf dem ersten Hügel ausgeruht, mich umgesehen... es gibt Olivenbäume hier, die genauso knorrig sind wie ich. Und kleine gelbe Blüten, und Lavendel. Habe ich schon einmal erzählt, wie sehr ich es genieße Lavendel zu riechen. Mindestens genauso stark, wie ich danach die Nase verstopft habe.

Und jetzt ruhe ich mich erst einmal aus, während ich der abgasverhangenen Sonne zusehe, der Wind mir den Geruch von Schädlingsbekämpfungsmitteln entgegenbläst. Und freue mich auf die Berge und den Geruch nach nassen Steinen.

Samstag, 21. Juli 2007

Autorenpartner für alle!

Ich habe ja in meinem letzten Blogeintrag geschrieben, welche Gefühle mich bewogen haben meine geliebte Kathererburg zu verlassen. Und heute habe ich gespürt, gefühlt, entdeckt, dass diese Entscheidung richtig war....
Aber ich muss an einer anderen Stelle beginnen. Ich habe Anfang des Jahres eine enorme Menge an Seiten geschrieben. Ich habe jeden Morgen knapp anderthalb Stunden hintereinander geschrieben und konsequent meine Idee der Geschichte verfolgt. Und doch kann ich nur einen Teil dieser Seiten verwenden, weil ich oft geschrieben habe ohne mir klar zu sein, was eigentlich an dieser Stelle logisch zu folgen hatNun, seit ich die ersten Kapitel für das LCB im Mai überarbeitet habe, habe ich festgestellt, dass die meisten neuen Seiten und Kapitel einen massiven Schwachpunkt haben. Sie folgen alle einem losen Faden, der diese Geschichte gerade noch zusammenhält, aber nicht in der Lage ist dieser Geschichte die notwendige Struktur für einen Roman zu geben.
Seitdem habe ich versucht mit einem Rippenspreizer erst einmal die Anatomie zu untersuchen, und eine Lösung zu finden, einerseits für die ersten beiden Kapitel des zweiten Romanteiles, aber auch für den kompletten zweiten Romanteil. Und habe mir Gedanken um den Wechsel von schnellen und langsamen Szenen gemacht (schnell und langsam im Sinne von der Geschwindigkeit der Handlung), über eine Mischung aus Dialog, Kommentar, Bewegung und Handlung, über die Darstellung des "Landlebens" dort, über die Einbindung aller möglicher Elemente aus dem ersten Teil, über Möglichkeiten die Figuren in Szenen besser zu charakterisieren.
Und ich habe genau ein Kapitel überarbeitet, dass nun einen wirklich guten Einstieg in den zweiten Teil bietet, ein zweites Kapitel geschrieben, das die Handlung öffnet....und wusste dann nicht mehr weiter. Ich habe einen ausklingenden Abend mit meiner Protagonistin, aber was danach passiert.... Ich habe keine Ahnung. Also sitze ich seit drei Wochen daran und versuche genau das herauszufinden. Ich habe es mit einem weiteren Dialog versucht.... der absolut in Ordnung ist, aber nicht zu 100% überzeugt. Danach der Versuch ein kleines Landleben abzubilden, das gleiche Problem. Und noch ungefähr fünf weitere Versuche, darunter eine Fortsetzung des Einstieges in den zweiten Teil, aber diesmal eine "Reise zurück in die Vergangenheit", verbunden mit etwas mehr Kraft als die erste Szene.

Und ich habe alle möglichen Techniken versucht, versucht alles perfekt zu schreiben, neu zu gestalten, gut zu gestalten, auf die Sprache und den Rhythmus zu achten. Und bespreche das Problem heute mit meinem Autorenpartner Stefan Fischer und er hat die Lösung: "Im zweiten Teil deines Romans geht es um das Haupthandlung a und die wichtige Nebenhandlung b, sowie um die Fortsetzung bestimmter weiterer Handlungen aus dem ersten Teil."
Und über all den anderen Dingen habe ich genau das nicht richtig beachtet... und fühle mich gerade unvorstellbar blöd. Da habe ich an Tausend Dinge gedacht, bloß an das Offensichtliche nicht. Und noch eins:
Ich bin ein Bauchschreiber, aber ich muss ein wenig mehr vor dem Schreiben planen, siehe die Seiten vom Anfang des Jahres. Davon wird über 40% gelöscht, und noch einmal der Rest deutlich durchgekürzt.

Also weniger schreiben, und sich vorher überlegen, in welche Richtung es gehen soll. Ich werde sowieso nicht alles durchplanen können, weil ich immer nicht ganz sicher bin, wie meine Figuren reagieren werden. Aber ich kann grundlegend vorher überlegen, wie ich die Handlungen strukturiere, also Handwerksbasis. Und die habe ich vor Kleinkram vergessen. Habe ich erwähnt, dass jeder einen Autorenpartner haben sollte???
Und das es manchmal eben nicht an den vielen Dingen fehlt, die wir auf der Kathererburg besprochen haben, sondern an bestimmten Problemen, die mich immer schon bei meinem Schreiben begleitet haben.
Ich muss ein wenig mehr auf meinen Hauptplot achten, und ein wenig mehr auf die Nebenplots, damit ich mich nicht aus dem Handlungsgerüst verabschiede.
Aber vor allem muss ich das viel konsequenter beim Schreiben umsetzten, viel mehr hintereinander schreiben, mein intuitives Schreiben in einen geplanten Plot einsetzen, dann schreibe ich am besten und stärksten. Aber manche Dinge über sein eigenes Schreiben lernt man nur aus dem Schreiben, nicht aus dem Reden darüber. Und von seinem Autorenpartner natürlich....

Danke Stefan.

Dienstag, 17. Juli 2007

Eine Pilgerreise

Eine Pilgerreise beginnt mit einem Aufbruch. Und genauso bin ich vor über vielen Jahren aufgebrochen, mit allerlei Geschichten im Gepäck, und vielen Gedanken.
Ich bin zuerst durch die blühenden Kräuterfelder Aquitaniens gegangen, wo der Weg leicht schien, und die Landschaft wunderschön. Und mein Gepäck war noch leicht, und der Weg vor mir fast unbegreifbar. Und ich hatte vielleicht Wanderschuhe, gerade eingelaufen. Und obwohl auf meinem Weg schon die Pyräenen zu erkennen waren, so war das nicht mein Weg, den ich mir erwählt hatte. O.k., ursprünglich sollte die Reise vielleicht vorher enden, nur ein bisschen Aquitanien, aber ich habe dann bei einer Rast jemanden getroffen, einen jemanden, Stefan Fischer, und wir sind dann gemeinsam losmarschiert. Und haben nach den ersten Abenden, Übernachtungen in recht schäbigen Herbergen, beschlossen gemeinsam weiter zu gehen. Und wie haben wir die Reise begonnen, eifrig, mutig, bis wir gemeinsam beschlossen haben den Weg über die Berge zu gehen, nach Santiago de Compostela, dort wo auch schon andere hingewandert sind.
Und wir sind dann über Toulouse gegangen, im Musée Saint-Raymond haben wir nach den römischen Spuren von Toulouse gesucht, wir haben in der Universität gelauscht, wie sie französisch sprechen, wie die Studenten hier sind, an einer der ältesten Universitäten, und sind einen Moment geblieben.
Und meine Gedanken sind groß geworden, und weit, und waren nicht mehr schwer. Sondern leicht und beschwingt von Toulouse und vom Wein. Und mit leichter Zunge haben wir über das Schreiben geredet, über Stefans Roman "Das Mondgeheimnis", und ich über meine Geschichten.
Vielleicht ist dort "Der Lumpenkerl" entstanden, aus all dem Gepäck, dass ich mit mir getragen habe. Aus Gesprächen, aus Gedanken, aus so vielem.

Wir sind von dort aufgebrochen, obwohl der Ort wunderschön war, für eine Zeit. Weil es manchmal einen guten Grund gibt einen schönen Ort zu verlassen. Und dieser Grund schwer wiegt. Und dort wussten wir, Stefan und ich, dass eine Rückkehr unmöglich ist.
Wir waren ein wenig verloren, als wir aufgebrochen waren, den all das zurückzulassen, was wir dort gefunden haben, war schwierig und hart. Denn die nächsten Städte wie Pamiers waren schön, aber nicht weit genug für uns und unsere Gedanken, so dass wir dort nur einige Tage gerastet haben, um unsere Wunden an den Füßen zu säubern und auszuruhen. Und wir haben Wein getrunken, Händel angefangen. Und dann begannen wirklich die Pyränen, und in der Ferne lockte nun eine alte Burg, ein Ort der Ketzerei, Montsegur. Und man hat uns am Tor empfangen, hineingelassen, und wir waren auf eine Weise willkommen, wie man es selten ist, als Pilger in Sachen Schreiben. Und Stefan und ich, wir haben den ersten Tag dort verbracht, dann den zweiten, und haben im großen Saal den anderen gelauscht, sind in die Bibliotheken gegangen um zu lesen, leise zu säuseln und zu whispern.
Ich habe dort meinen Lumpenkerl vorgestellt, und bin überaus freundlich empfangen worden, es fast mir fast zu freundlich. Weil ich so viel Freude über diese Geschichte gar nicht fassen konnte. Und mich gar nicht so weit geglaubt habe, wie andere mich sahen.

Und habe Selbstvertrauen gefasst, in meiner kleinen Kammer in der Burg, und habe genau dort begonnen mit meiner Niederschrift, meinem Roman. Weil ich an diesem Tag genau meine Geschichte gefunden habe. Und es war eine Wanderung über die kleinen Hügel, um all das neue auszuprobieren, das leichtere Gepäck, den Wanderstab und vor allem die neuen Schuhe.Und ich habe Stefan immer wieder begleitet, der auch höhere Berge in Angriff genommen hat, auch wenn ich manchmal zurückgeblieben bin, weil man manche Wege nur alleine geht. Und habe ihm nur meine Worte mitgeschickt, und meine Gedanken, während ich meine eigenen Wege gegangen bin.
Aber während ich immer zu meiner Kathererburg zurückgekehrt bin, häufig auch mal, nachdem ich mich verlaufen habe, ist Stefan einmal über den Pass drüber, weiter durch Spanien, bis zu seinem Santiago de Compostela. Und ich nicht.

In meiner Zeit auf Montsegur sind viele Wanderer eingetroffen, es wurde diskutiert und gestritten, es wurde argumentiert und gewachsen. Und manche Wanderer sind weitergereist, und so wie ich einige Wanderer und die Gespräche mit ihnen vermisse, so sind andere Wanderer dazugekommen.
Aber ich bin immer noch da, auch wenn ich heute am Tor stehe. Und in die Burg hineinblicke, schon eine ganze Zeit. Weil ich fortgehen muss, damit ich irgendwann zurückkommen kann. Weil auf mich mein Pass wartet, mein Weg nach Santiago de Compostela, und danach geht es noch ein Stück weiter, bis zum Meer, weil alle meine Wege an einem Meer enden. Ich habe zu lange verweilt, statt meinen Weg zu gehen. Und bin sicherlich auf dem Weg noch für die eine oder andere Nachricht zu erreichen, und würde mich auch sehr darüber freuen.
Aber mein Gepäck liegt bereit, der Stab liegt gut in der Hand, und es ist Zeit loszugehen.

Denn ich bin vielleicht zu lange geblieben, statt meinen Stab zu nehmen, und meinen Weg zu gehen. Und deshalb werde ich wohl auf den ersten Metern noch oft zurückblicken, in Gedanken, bevor die Gedanken wieder frei werden und meine Geschichten tragen können. Und genau das brauche ich jetzt. Meine Gedanken frei zu machen. Um vielleicht später zurückzukehren.

Aber das wird der Weg entscheiden. Und auf diesen Weg freue ich mich jetzt.

Sexszenen

Genau wie jede andere Art von Szenen, haben Sexszenen eine bestimmte Bedeutung in einem Text. Die meisten Sexszenen zeigen eben nicht nur Sex, sondern sie dienen einem Text auf die verschiedenste Weise. Und dabei ist es unwichtig, ob man nur das "Vorgeschehen" zeigt, wie der Sex eingeleitet wird und vor dem Schlafzimmer ausblendet, ob man auch das Vorspiel mitnimmt, oder auch den eigentlichen Sex.

Indem ich zwei (oder mehr) Figuren entblöße, nackt zeige, gehe ich auf eine sehr private und persönliche Ebene, bei der ich als Autor nicht viel "verhüllen" kann. Über den Sex von zwei (oder mehr) Menschen kann ich ihre Beziehung zueinander zeigen. Haben sie das erste Mal Sex und ist alles neu, oder ist es schon eingespielt, vielleicht ist es eine Standartnummer "Medley der gewohnten Stellungen". Ich kann auch zeigen, wie sie an den Sex mit dem anderen rangehen. Ist das eher verliebt, gefühlvoll, ist es vielleicht "nur" Lust, vielleicht ist es auch nur Gewohnheit oder Kalkül. Wie gehen die Figuren mit ihrem Körper um und auch mit dem Körper des / der anderen, hier wieder Fremdheit und Vertrautheit, Vertrauen und Ängste, Selbstsicherheit und Unsicherheit.
Ich kann auch über den Ort und über den Zeitpunkt relativ viel machen, über die Stimmung des Ortes, über das was sich dort sehbar befindet, und allein wo. Sex im Auto, Sex im Freien, Sex im Schlafzimmer (Licht an oder aus), Sex im Schlafsack, Sex in einem einsehbaren Raum....
Und auch der Zeitpunkt sagt etwas aus.
Und dann vermittelt eine Sexszene auch eine Stimmung: sie kann erotisch sein, oder kühl, anregend oder abtörnend, pornographisch/ abwertend und sinnlich, komisch, tölpisch...
Die Gedanken der Figuren können auch weitere Figuren einbeziehen, können das Geschehen kommentieren, Widersprüche zwischen Geschehen und Gedanken aufzeigen....
Und aus all diesen Informationen kann ich Sexszenen basteln, die den unterschiedlichsten Zweck in einem Roman erfüllt.

Ich kann ein altes Ehepaar zeigen, für das Sex ungefähr die Bedeutung von Zähneputzen hat, oder joggen. So viel Vertrautheit und gleichzeitig auch Desinteresse am Neuen, dass es fast langweilig ist... und viel über die Ehe der Figuren aussagt. Oder die gleiche Ehe, in der auf einmal viel Bewegung hineinkommt, weil eine Figur an jemand anderes denkt? Oder ich kann blanke Lust oder blanke Frust zeigen, indem der Sex keine weitere Bedeutung hat, und wie Hochleistungssport zum Orgasmus betrieben wird.
Vielleicht zeige ich auch eine Sexszene, wo so viel schief geht, dass es nicht zum eigentlichen Sex kommt, und beide sich darüber halb tot lachen.

Letztlich ist es nicht der Sex, der eine Sexszene wichtig macht. Sondern das "drumherum".

Begrifflichkeit in Sexszenen

Es gibt in der deutschen Sprache eine reichhaltige Auswahl an Wörtern, um die Geschlechtsteile zu bezeichnen.

Es fängt mit den klinischen Vokabular wie Penis/ Glied und Vagina an, dann über mythisch Phallus und Vulva, geht über leicht derbes Vokabular wie Schwanz und Scheide weiter, dann gibt es die noch etwas derberen Pimmel und Möse/ Loch, bis hin zu extrem furchtbaren Hurenschwanz und Fotze.
Dazu kommt ein ziemlich reiches Vokabular aus dem Bereich rhetorische Figur :
vom Stamm, über das Maibäumchen, der Schwengel, Stachel, die zischende Cobra, Rohr, alles was auch nur annähernd lang und gerade ist, über Mohrrübe, Lustwurzel,.... bis hin zur Männlichkeit und anderen
Vom Loch, über Grotte, Rosenblüte, Futteral, Bärchen, Spalt, Callablüte, Höhle,...

Und das ist nur eine sehr verknappte Auswahl, sicherlich gibt es im Deutschen noch einige Hundert Begriffe, die sich jemand genau dafür ausgedacht hat. (Und klar, immer her mit neuen Begriffen für die kleine Sammlung).
Dazu kommen die Bezeichnungen für den Akt selber, die von miteinander schlafen, über Sex, Verkehr haben, penetrieren, langsam derber werden mit vögeln (Was wirklich vor 800 Jahren von wie machen es Vögel kommt), sehr derb mit ficken, dann weiter mit Umschreibungen wie pudern, rattern, knattern, knallen, flach legen, Rohr verlegen, nageln, bolzen, ... weitergeht.

Dazu gibt es dann noch ein reichhaltiges Reservoir an Fachausdrücken für jede Form der sexuellen Betätigung:
Onanieren: wichsen, sich einen runterholen, abspritzen, Taschenbilliard
Petting: streicheln, fummeln, Radio Tokyo einstellen,...
Analverkehr: Griechisch, Arschficken,...
und da es unendlich viele Arten von Sex gibt höre ich hier mal auf.

Aber was kann man für eine Sexszene verwenden??
Das hängt ungemein davon ab, was für eine Sexszene man beschreiben möchte, und aus welcher Perspektive man es beschreibt. Denn jedes Wort einer Sprache hat seine eigene Bedeutung und Nebenbedeutung.
Wer mit den klinischen Wörtern arbeitet, dessen Sexszenen haben genau so einen klinischen Beigeschmack, denn wer benutzt diese Worte denn so? Wer auf sehr derbe Worte zurückgreift, der gibt dieser Sexszene sofort eine Nebenbedeutung.
Hier ist es abzuwägen, was für eine Sexszene man schreiben möchte. Ich verwende häufig Wörter wie Schwanz und Scheide, weil das recht gebräuchlich ist, aber bei bestimmten Perspektiven und aus Sicht von Figuren haben ich schon wesentlich derber gearbeitet.

Wichtig ist das Schilderung und Wortwahl zusammenpassen. Wer einen tobenden Lustwurz durch eine moosige Grotte tanzen lässt, der kann eine bestimmte Lesergruppe zu stürmende Lachanfällen reizen, während der knüppelharte Biker sicherlich nicht mit seiner Freundin Verkehr haben möchte.

Samstag, 14. Juli 2007

36 Grad

Vielleicht ist es das Wetter, aber eigentlich sollte ich heute eine Kurzgeschichte an einen weiteren Wettbewerb schicken, sogar einen der wichtigsten Wettbewerb. Und ich habe keine Geschichte fertig, im Gegenteil, mein Notfallplan war es eine noch nicht so alte Geschichte zu überarbeiten. Und selbst das habe ich nicht geschafft.
36 Grad sind es inzwischen draußen, und ein wenig von der Hitze ist seit Wochen in mir. Ich habe im Moment keine Gedanken für das Schreiben von Kurzgeschichten, weil ich zu viele Dinge erledigen muss. Der Roman, ein wenig für die Uni, dazu noch jobben.
Allein deshalb hätte mit das LCB oder dieser Wettbewerb finanziell sehr gut getan. Auch, weil mein Laptop in den Laptophimmel gegangen ist. Wenn ich denn etwas gewonnen hätte.Aber das hätte ich vermutlich auch bei diesem Wettbewerb nicht. Denn ich habe lange über gesellschaftliche Relevanz nachgedacht, über den Aufbau neuer Literatur und viele Dinge. Nur leider nichts, was ich in meinen Kurzgeschichten normalerweise bearbeite. Weil ich über Figuren schreibe, und zwar über schwierige Figuren. Vielleicht hat das meinen Kopf zu heiß gemacht, 36 Grad, um darüber nachzudenken.Also werde ich mich abkühlen, abwarten. Und sehen was ich schreiben will. Und erst einmal auf Wettbewerbe verzichten.... wenn es mich blockiert wettbewerbsrelevante Themen nicht zu bearbeiten.

Dienstag, 10. Juli 2007

Wartzeit vorbei... LCB Berlin

Ich hatte mein Manuskript vor einigen Wochen bei einem Wettbewerb abgegeben... Und seit dem schwanke ich unvorstellbar zwischen Hoffen und nein, es ist nicht Bangen. Es ist dieses unsichere Gefühl, dass man etwas geschrieben hat, aber weiß, dass es vielleicht nicht seine Leser finden wird. Vielleicht ist man als Autor nicht gut genug, vielleicht kriegt man die Geschichte nicht so hin, wie man das möchte. Oder es ist ein anderer von Hunderten Gründen, warum es einfach mit mir und der Literatur nicht klappt. Vielleicht liegt es ja auch an meinen etwas ungewöhnlichen Geschichten, meinen seltsamen Ansichten oder Einsichten (vielleicht auch Irrtümer) über das Schreiben.
Wie auch immer...
Heute ist eine Mail gekommen.... und es hat (mal wieder) nicht gereicht. Wenn Träume zerplatzen, zumindest manchmal, bleiben überall nur Seifenblasen und Traumreste.... auf denen man auf seinen Träumen ausgerutscht ist.Wobei einen Vorteil hat die Sache schon....
Nun kann ich die Seifenlauge aufwischen, meine Träumen auf die Leine hängen und weitermachen. Und muss mir keine Sorgen machen, dass die Träume zerplatzen. Denn das sind sie schon, auf die eine und die andere Weise. Aber sie sind nicht kaputt, sie sind nur verändert.

Montag, 9. Juli 2007

Zielgruppen

Ich habe mal versucht mich an einer imaginierten Zielgruppe zu orientieren. Aber diese Zielgruppe ist einfach ein Phantom: Ich bekomme von recht unterschiedlichen Lesern die verschiedensten Rückmeldungen, einige würden einen Roman wie den meinen kaufen, andere hätten wohl das Buch so nicht in die Hand genommen. Und die Vorstellung dieser Leser über meine imaginierte Zielgruppe ist völlig unterschiedlich, genau wie jeder der Leser in meinem Roman Stärken und Schwächen sieht, aber leider oft unterschiedliche.
Deshalb kann ich mich nicht an einer Zielgruppe orientieren. Weil die niemand wirklich kennt... Vor allem würde mich beim Schreiben total verunsichern, dass ich für jemand schreiben soll, den ich nicht kenne und von dem ich nicht weiß, was er will. Also schreibe ich für mich als Leser, und versuche durch die Kommentare meiner Testleser zu erkennen, was ich als Autor besser machen kann, und wie ich auch ein besserer Leser werden kann.

Sonntag, 8. Juli 2007

Darstellung von Gefühlen

Es gibt viele Arten Gefühle in einem Roman darzustellen.

Narrative Formeln:
Er hatte Angst, er war verzweifel, er war traurig... sagte sie verzweifelt, sagte sie traurig....
Also alle Wendungen, die ein Gefühl direkt benennen und es wörtlich dann bezeichnen.Ich glaube, dass diese Narrativen-Formeln wie "sagte sie verzweifelt" keine wirklichen Wert für die Vermittlung eines Bildes oder einer Situation haben. Sie fassen nur die Situation der Figur zusammen.Letztlich habe ich aber nach langem überlegen doch einen guten Grund gefunden, auf diese zurückzugreifen. Diese zusammenfassenden Formeln dienen dem Plot, während die ausführlichen Schilderungen den Figuren und ihrer Situation dienen.

Warum dienen narrativen Formeln dem Plot?
Ein Plot entsteht aus dem Zusammenspiel verschiedener Motive und Elemente. Die narrativen Formeln sind die kürzeste Variante, um mit Gefühlen die Wirkung des Plots auf die Figuren zu spiegeln. Somit dienen sie nur der Glaubwürdigkeit des Plots.
Die narrativen Formeln sind aber die kürzeste Variante, und dadurch wirken diese Formeln nur für den Plot, sie helfen nicht dabei den Figuren eine Weite und Breite zu verleihen, und so bleibt es eine plotlastige Geschichte mit reduzierten Figuren- und ja, diese Geschichten sind schneller und einfacher konsumierbar.

Standartformeln (am Bsp. Angst):
Er war starr vor Angst, sein Herz schlug heftig, das Blut in seinen Adern pulsierte, ein Schauer lief über seinen Rücken, die Haare auf seinen Armen stellten sich auf.
Also alle Wendungen, die nur die direkte Körperreaktion auf Angst anzeigen, bzw. direkt dazugehören. Diese sind ähnlich kreativ wie die narrativen Formeln, weil sich das niemand vorstellt, und diese Sätze einen ähnlichen Wert haben wie "xy hatte Angst". Letztlich haben sie die gleichen Vor- und Nachtteile wie die narrativen Formeln.

Metaphern und rhetorische Figuren (am Bsp. Angst):
Ihm war. als hätte sich eine Hand um sein Herz gelegt, als würde ihm etwas die gesamte Kraft aus dem Körper ziehen, als würde ein kalter Windhauch über seinen Rücken gehen.
Im Prinzip sind sie genau wie die narrativen Formeln eine legitime Variante, und sie sind, wenn sie gelungen sind (und nicht zu abgenutzt wie z.B. "wie eine kalte Hand, die sich um ihr Herz legte" sind ). Leider haben rhetorische Figuren fast alle den Nachteil, dass sie einerseits aus der Geschichte herausführen- weil der Leser einen Gedankensprung macht, um sich das vorzustellen- und andererseits weil es unglaublich schwierig ist genau die passende rhetorische Figur zu finden, die nicht abgenutzt ist und genau sitzt.

Deshalb sind sie sicherlich eine gute Variante um eben auch absichtlich über die Geschichte hinaus zu verweisen, eine Szene poetisch aufzuladen, etwas zu kommentieren. Aber es gibt halt auch sie oben genannten Risiken und noch ein weiteres: rhetorische Figuren können eine wirkliche Situation aufblasen oder aufschäumen, und so die eigentliche Handlung überdecken.

individualisierte Symbole (am Bsp. Angst):
1. Das mag vielleicht sein, dass die Figur sich umsieht, in Richtung der Fluchtmöglichkeiten. Oder das ich eine unkontrollierte Bewegung verwende, bevor die Figur stehen bleibt. Vielleicht zeige ich auch, wie eine Figur versucht das Zittern der Hände direkt versucht zu bekämpfen, und es in eine Handlung verwandelt. Vielleicht mache ich es auch anders: ich zeige die Beherrschtheit einer Figur.. indem ich nur kurz eine Minireaktion zeige: wie ein Mundwinkel kurz herabsinkt, oder ein "Oh, Scheiße" oder ein "Puuh", vielleicht sogar einen dummen Spruch (was ich aber extrem selten machen würde, weil auch fast wieder standart).
Ich könnte auch die Figur nach einer Waffe greifen lassen, ich könnte genauso zeigen, wie jemand auf eine andere Figur im Raum reagiert, sich vor sie stellt.
Vielleicht bringe ich auch einen Gegenstand ins Spiel, den die Figur mit hat. Vielleicht verwendet er diesen Gegenstand als Zeichen für seine Gefühlslage, wie durch umgreifen, die Finger auflockern, dann wieder zugreifen, vielleicht wird dieser Gegenstand zerstört oder bewegt...

Im Prinzip habe ich also die Reaktion des Körpers (je nach Figur), die Umsetzung dieser Reaktion in Handlung (siehe Method Acting), die Verwendung von Raum und Gegenständen und vieles mehr.

Warum dienen die ausgeführten Formeln den Figuren?
Je mehr ich von einer Figur zeige, ihre individuelle Reaktion und ihre Gefühle, desto mehr Möglichkeiten schaffe ich, dass der Leser sich nicht nur mit dem Plot beschäftigt.
Denn der Plot ist nur ein Teil eines Romans, die Figuren sind der andere Teil.
Wenn es mir gelingt die Gefühle der Figuren auszuloten, sie nachvollziehbar und persönlich zu gestalten, dann gewinnen diese Figuren Weite und Dimension. Und das ist die Grundlage dafür, dass die Leser über die Figuren den Plot erfassen, und durch die Figuren eine "poetische Wahrheit" in der Geschichte entdecken- weil Figuren dem Plot, und der Plot die Figuren Weite und "poetische" Wahrhaftigkeit verleihen. Und ja, das macht diese Geschichten oft etwas sperrig zu lesen, weil die Gefühle nicht vorgekaut werden, sondern der Leser sie mitempfinden muss- auch ein Element der "poetischen Wahrhaftigkeit".

Fazit:
Letztlich findet man in Romanen alle dieser Arten Gefühle zu beschreiben, weil nichts schwarz und weiß ist.
Eine plotlastige Geschichte braucht nur wenig individualisierten Formeln, aber das Fehlen sorgt dafür, dass diese Geschichte rasch wieder vergessen ist- weil die fehlende Figurenstärke und die schnell konsumierbaren Tell-Formeln sie zu einem Konsumgut machen. Es bleibt oft nur die Erinnerung an den Plot zurück.
Die rhetorische Figuren können bei Geschichten mit starken Erzählern (also einer nicht personalen Erzählweise), sowie bei einem personalen Erzähler, der recht "blumenreich" spricht, entweder die Geschichte platt machen oder ihr eine weitere Dimension geben- sowie auch eine Geschichte überdecken, indem ständig zuviel davon gemacht wird, oder die gesamte Geschichte damit überschäumt wird.
Eine figurenlastige Geschichte braucht die ausführlichen Formeln, weil die Figuren sonst nicht Weit und dimensional genug sind um die Geschichte zu tragen. Und ja, auch hier muss man auf Tell-Formeln zurückgreifen. Aber andererseits ist es notwendig genau zu überlegen, wann man sie setzt. (Und ja, figurenlastige Geschichten haben dadurch auch viele Probleme.)
Insgesamt ist es eine Vorliebensache. Welche Art Geschichte möchte man für sich selber als Leser schreiben, interessiert man sich eher für Figuren oder Plot, und was ist für den Autor das "ideale Buch".

So muss man die Mittel wählen, auch die verschiedenen Möglichkeiten Angst darzustellen.

Samstag, 7. Juli 2007

Seltsame Wege

Wenn man einen Roman anfängt, hat man Vorstellungen. Als ich meinen okkulten Krimi angefangen habe, hatte ich schon einige Monate an der grundlegenden Geschichte gefeilt und mir einige handwerklichen Dinge überlegt.
Das mit der Geschichte klappt eigentlich überraschend gut, auch wenn ich immer noch ein wenig Hemmung habe zu schreiben. Also das übliche. Ich habe ein wenig Angst zu schreiben, und lenke mich mit anderen Dingen ab. Mit dem Handwerklichen ist es anders: einerseits passt schon vieles zusammen, die Geschichte hat (meiner Meinung nach.... und ja ich täusche mich öfters) schon ordentlich Witz und Tempo. Ich muss mich aber ständig bremsen: keine längere Zwischenszenen, im Bereich Gefühle, Einordnung der Figuren und Hintergründe vieles klarer darstellen und einen klassischen Satzbau. Oder anders formuliert: Ich muss meinen Stil ändern, um die Geschichte besser und klarer erzählen zu können.
Trotz allem habe ich das Gefühl, dass ich die richtige Entscheidung getroffen habe. Vielleicht ist es gut erst mich erst einmal stilistisch zurückzunehmen, und meine Stil stärker in den Dienst der Geschichte zu stellen. Vielleicht ist es auch wichtig diese Erfahrung zu machen, wie es ist alles nur für die Geschichte zu machen; naja fast alles.
Es macht auf jeden Fall unheimlich viel Spaß.

Freitag, 6. Juli 2007

Figurenentwicklung durch "Method Acting"

Was ist "Method Acting":
In den 30er Jahren entwickelte Konstantin Sergejewitsch Stanislawski am Moskauer Künstlertheater eine Methode, um nicht mehr die klassischen Rollenfächer (jugendlicher Liebhaber; Hure mit Herz aus Gold,...) als Grundlage der Schauspielkunst zu verwenden.
Die Idee dahinter war es, dass sich das Theater dem wirklichen Leben annähern sollte. Der Schauspieler sollte aus seinem emotionalen Gedächtnis, also durch seine eigenen Erfahrungen und Gefühle, versuchen sich mit der Figur zu identifizieren. Erst später, nach vielen gescheiterten Versuchen, wandelte Stanislawski dies soweit ab, dass das innere Erleben durch äußere Handlungen gezeigt werden sollte, was zusammen die "psychophysische Handlung" ergibt.
Maria Oupenskaya, eine russische Schauspielerin, emigrierte in den 20er Jahren nach New York und entwickelte dort die "Stanislawski Methode" weiter zum "Method Acting". Sie ist übrigens die Gründerin der "School of Dramatic Arts" in New York.

Die Idee des "Method Acting" ist es in den zu spielenden Figuren immer einen Teil seiner selbst wieder zu entdecken, und die eigenen Erlebnissen, Gefühle und Schicksalsschläge zu verwenden, um noch näher an diese Figur heranzukommen und seine Gefühle und sein Verhalten nachvollziehen zu können.

Wichtige Techniken des "Method Acting":

Entspannung des Körpers vor einem Auftritt, um ihn für Gefühle durchlässig zu machen und über den eigenen Körper die Figur mit ihren Stimmungslagen und inneren Gefühlen zu spiegeln.

Emotionale Gedächtnisübung: Indem man die eigenen Erlebnisse und Schicksalsschläge verwendet und aus sich heraufruft, um sich die Grundgefühle der zu spielenden Figur anzueignen und diese abrufbar zu machen.

Verdinglichung: Um die Schauspielleistung wiederholbar zu machen, werden bestimmte Bezugspunkte verwendet, z.B. aus den Kulissen, die einerseits den Raum vorgeben und andererseits als Fixpunkt für eine bestimmte Figur dienen und den Schauspieler auf der Bühne mit einer emotionalen Gedächtnisübung während der Proben immer wieder "aufgeladen" werden.

Lee Strasberg sah in den zwanziger Jahren eine von Stanislawskis Aufführungen, und lies sich dann von Maria Openskaya im "Method Acting "ausbilden und wurde ihr "Meisterschüler". Er gründete das "Group Theater", in der Stanislawskis Theorien und das "Method Acting" gelehrt wurden, während die Mitglieder in einer Kommune gemeinsam zusammenlebten. Unter der Kommunistenhatz der McCarthy-Ära wurden einige Mitglieder der Kommune verhaftet und 1941 löste sich die Gruppe auf.
1948 übernahm er die Leitung des "Actors Studio" von Elia Kazan und Robert Lewis, seit dem eines der wichtigsten Weiterbildungsinstitute für Schauspieler in den USA.

"Method Acting" und "Actors Studio" in der Schriftstellerei:
Als Autor hat man es, wie ein Schauspieler, immer wieder mit Figuren zu tun, die man mit "Leben" ausfüllen und ausstatten muss. Wie reagiert eine Figur? Wie handelt sie in einer Situation? Wie bewegt sie sich? Das sind nur einige Fragen, die immer wieder während des Schreibens eines Romans auftauchen.
Das "Method Acting" hat einige Modelle entwickelt, wie man sich theoretisch in eine Rolle hineinversetzen kann. Das "Actors Studio" hat verschiedene Techniken entwickelt, wie man dies üben kann.

Bsp.: Konflikt: Immer wieder treffen zwei Figuren in einem Roman aufeinander, und streiten.
Dies kann man üben, indem man zwei Schauspielern zwei unterschiedliche Hintergründe gibt, und zwei unterschiedliche Ziele, und sie dann in eine improvisierte Szene schickt- beide wissen natürlich nicht welche Anweisungen der andere bekommen hat.

Schauspieler 1: Du erwartest gleich, dass die Mutter eines Jungen zu dir kommt, der deinen Sohn in der Schule immer mobbt und mehrmals massiv bedroht hat. Sie möchte dich überzeugen, dass du deinen Sohn bittest seine Anklage gegen ihren Sohn zurückzuziehen.

Schauspieler(in) 2: Dein Sohn ist intelligent und wohlerzogen. Aber nun droht er von der Schule zu fliegen, weil der Sohn des Mannes ihn angezeigt hat, nur weil er nicht aus so guten Verhältnissen kommt und die anderen aus der Klasse ihn loswerden wollen.

Die Idee dahinter ist, dass ein Konflikt eine Szene mit Spannung aufläd. Und das der Weg dazu zwei unterschiedliche Hintergründe und Ziele sind- also unterschiedliche Absichten in einer Szene, die dazu noch kontrovers sind.

Bsp. Körpersprache:
Im "Method Acting" wird die innerliche Situation der Figur in seiner Körpersprache gespiegelt, woraus die "psychophysische Handlung" entsteht.

Dementsprechend kann man eine Figur durch ihre Körpersprache sehr pointiert charakterisieren (indem man z.B. ein besonderes Merkmal betont und immer wieder mal darauf verweist- aber nicht übertreiben) und mit dieser Körpersprache dann auch auf die Situation reagiert, und nicht nur die Verwirrung der Figur nennt "Sie sah ihn verwirrt an", sondern eine körpersprachliche Entsprechung dafür sucht... und bitte nicht immer die wandernden Augen oder das Ähähen.

Was gehört zur Körpersprache:
a.) Mimik (die Bewegung der Gesichtsmuskulatur, Lächeln, Naserümpfen)
b.) Blickverhalten (sehe ich meinen Gegenüber an, sehe ich weg)
c.) Gestik (die Bewegungen der Hände)
d.) Körperhaltung (wende ich mich meinem Kommunikationspartner zu oder wende ich mich ab)
e.) Sprechaktivität (unterbreche ich den anderen)
f.) Stimme- Stimmhöhe oder Tiefe, Betonung;.
g.) persönlicher Raum (stehe ich dicht neben jemanden oder halte ich Abstand)
h.) Körperkontakt
i.) Geruch (Mundgeruch, Pheromone,...)
j.) Kleidung (was trage ich, wie wirkt die Kleidung)
k.) Aussehen (wie sehe ich aus, schön, weniger schön, interessant)

Ich werde bei einem der nächsten Blogs noch auf die Möglichkeiten der
Körpersprache genauer eingehen.

Beispiel: Körpersprache in einer Szene:
Eine Person steht vor dem Gesprächspartner (Körperhaltung), seine Handflächen sind offen, zeigen nach oben (Geste), sein Körper ihm zugewandt (Körperhaltung). Er/Sie sagt "Ich mag dich". Der andere steht mit verschränkten Armen vor ihm (Geste), ein Bein ist vorgestellt (Körperhaltung) und seine Augenbrauen sind runtergezogen (Mimik), so ergibt sich eine andere Situation:

Körperhaltung:
Sprecher: er steht dem anderen zugewandt
Hörer: das vorgestellte Bein will Distanz schaffen

Geste:
Sprecher: die offen Hände zeigen- ich will dich nicht angreifen- Geste der Beschwichtigung- offensichtlich auch eine Reaktion auf die Körperhaltung des Hörer.

Hörer: die verschränkten Arme zeigen: ich möchte Distanz zu dir halten, fühle mich unsicher und/ oder glaube dir nicht.

Mimik:
Hörer: Die Augenbrauen zeigen Mißtrauen, Abwehr und/ oder Ablehnung.

Situation:
Die Aussage "Ich mag dich" wird offensichtlich vom Hörer skeptisch oder ablehnend betrachtet. Der Sprecher hat dies gemerkt und versucht zu beschwichtigen und anzuzeigen, dass er es ehrlich meint.
Die Stimmfarbe und Mimik des Sprechers könnten nun klären, wie er das "Ich mag dich meint" und damit auch warum der Hörer so reagiert.

Method Acting:
Im "Method Acting" würde man nun diese Mittel erweitern, indem die Körpersprache sozusagen das innere der Figur wiederspiegelt. Ein Schauspieler würde z.B. seiner Figur noch eine Körpersprache geben, die von der Situation unabhängig ist: z.B. wie eine Figur geht, wie sie wirkt, wie sie sich bewegt, wie nervös sie grundsätzlich ist. Und darüber viel über die Figur verraten.

Ergänzung:
Eine Kollegin hat mich auf Stella Adler verwiesen, die ebenfalls eine Stanislawski-Schülerin ist, ohne zu den gleichen Schlüssen wie Lee Strasberg zu kommen- bzw. Stella Adler behauptete Lee Strasbergs Method Acting wäre eher eine eigene Botschaft, nicht eine Weiterentwicklung der Stanislawski Methode.
Während Strasberg das Emotionale Gedächtnis als Zentrum seines Method Acting sieht, sieht Stella Adler die Vorstellungskraft des Schauspielers im Zentrum, der sich durch seine Intelligenz und Phantasie einen Zugang zum Geist seiner Figur schaffen muss. Der Schauspieler muss handeln, weil das das Zentrum der Schauspielerei ist, und das Wesen der Handlung begreifen, die seine Figur vornimmt oder vornehmen soll.

Weitere zentrale Punkte sind:
- Ein Schauspieler erschafft Bilder und je besser er ist, desto genauer schafft er die Umstände.
- Verwenden sie eine normale Sprache, weil eine hochtrabende Sprache zu hochtrabenden Gefühlen führt.
- Stellen sie sich das vor, was sie sagen wollen, und sagen sie es erst dann.
- Verwandeln sie Fiktion in etwas anderes, entfiktionalisieren sie das Schauspiel

Je mehr Einzelheiten und Feinheiten man verwendet, desto ehrlicher, glaubhafter und kraftvoller ist unsere Reaktion darauf und damit auch die Reaktion des Publikums auf uns.
Die Aufgabe des Schauspiels ist Handlungen zu analysieren und Aufbau und Charakter der Handlungen zu entschlüsseln und aufzudecken.

Gefühle entstehen durch Handlungen.Eine Handlung besteht nicht immer aus einer großen Wahrheit, sondern aus vielen kleinen Wahrheiten

Montag, 2. Juli 2007

Mischung

Ich neige ja zum szenischen Schreiben, weil ich gerade im szenischen eine große Stärke von Geschichten sehe, weil hier Konflikte ausgebreitet und dann gezielt zu einem Höhepunkt gebracht werden.Die narrativen Elemente helfen die Geschehnissen einzuordnen und weitere Ebene neben der eigentlichen Szene zu erschließen. Ich würde das gerade als eine meiner Stärken bezeichnen, obwohl ich bei früheren Versionen meines Romans nur selten narrativ gearbeitet habe.
Und nun versuche ich eine ausgewogene Mischung zu finden, aber ehrlich gesagt gelingt mir das noch nicht so gut. Ich habe vor einigen Tagen die Überarbeitung einer szenischen Passage abgeschlossen, die von einer kurzen narrativen Passagen in eine weitere szenische Passage übergeleitet wird. Und wollte dann praktisch direkt eine weitere Szene anhängen. Nur funktioniert das nicht.
Also wieder nachdenken, wieder überlegen, bis ich dann die Idee hatte: Ich werde die zweite Szene mit klarer Symbolik ausstatten, wobei klar bei mir zweiten oder dritten Grades ist. (Grad im Sinne der sofortigen Entdeckbarkeit). O.k., vielleicht ist es diesmal sogar viel klarer als sonst bei mir, aber diese Szene ist wichtig für den Roman, gewinnt ihm weitere Stärken ab... die ich bisher immer recht umständlich über Dialoge gewonnen habe. Und das kann ich auch anders .
Naja, ich muss halt noch dran arbeiten sofort drauf zu kommen mehr zu variieren und weniger szenisch zu arbeiten. Aber ich bin halt manchmal ein ignoranter Sturschädel.

Diverse Lyrik

Stolz

Sanfte Haut unter herrlichem Gewande,
rosig lächelt dein Gesicht.
Brüste außer Rand und Bande,
meine Ruhe, sie zerbricht.

Erbe

Yddrasil war meiner Väter Baum,
so stark und schön.
Geschlagen liegt sein Holz,
in meiner Seele Garten.

Augenkrokodile

Hinter meinen Augen lauern
Krokodile,
schwimmen in einer feuchten Lache
Gedanken.

(c) Thomas Roeder

Eine Hummel

Eine Hummel

Wie eine Hummel
schwebe ich über dir,
dick und rund.
Die Physik sagt,
fliegen kann ich nicht.

Wie eine Hummel
rüssel ich Nektar,
von deine Lippen,
Die Sonne scheint
über uns.

Deine Griffel streichen
meinem Bauch.
Ich lecke Nektar
von deiner Zunge,
du lachst.

Meine Flügel flattern,
fegen Kühle
zwischen uns.
Auf deinem Stempel
Verbrennt sie.

Wie Sonnentau
umschlingst du mich,
lachst nicht mehr.
Klebrig willst du
mich fangen.

Während ich frei werde,
von der Physik,
einfach nur fliege.
Fängst du mich,
wir fliegen
gemeinsam.

Nach dem Unfall

Nach dem Unfall

Du stehst da,
lächelst freundlich,
doch freundlich bist du nicht.

Eine Hand streichelt eine Strähne
aus deinem Gesicht,
Die zarte Haut deiner Lippen,
sie weitet sich.

Dann lächelst du,
vielleicht,
lächelst DU über mich?

In Technicolor zerspringt die Welt,
drehen Farben sich,
erschmeckt man sie,
im Mund, im Mund.

Ein Regenbogen ist
kalt, kalt, kalt,
Duftet nach Heu.

Ein Wort
wie Himbeerkraut,
bläst sich auf,
rast durch den Raum.

Nein, Nein, Nein,
deine Stimme ist silbern,
Worte zerreißen
die Stimme nicht.

Warm zerschmettert,
Blut rollt wie Maden.
Du triffst mich nicht,
Worte sind Worte.

Ja, Ja, Ja,
mein Wille ist grün.
Deine Stimme gebrochen.

Deine Finger berühren mein Gesicht,
etwas schwimmt in deinen Augen.
Bin das etwa ich?

Schalmei, Schalmei
sinkt das Lied
tief im Wasser
meiner Wege.

Neugeboren in/ an Tränen,
bade ich mich,
salze ich dich
nichts kocht.

Dann sagst du ich muss gehen.
Doch ich bin da,
wo ich nicht bin.

Tanze auf deinen Tränen,
grün, gelb, rosa.
Fliege ich mich,
in mir selbst.

Nun zerbricht der Schein,
nichts ist,
nichts war,
wo nichts mehr ist.

Tränen glänzen,
du gehst,
der Arzt löscht das Licht.
Zurück bleibe ich,
ein Lid zuckt,
im Tangoton.

Hilflos, Wortlos
zersplittere ich,
brüchig wie Glasperlen
an deinem Gesicht.

Peep, Peeep, Peeeeeeeepppppp
Stille
Ist meine Abschiedsmelodie.

(c) Thomas Roeder

Krasnojarsk

Krasnojarsk

Langsam erhebe ich mich,
aber
der Spiegel wirft mich
auf mich zurück,
auf dich,
auf unser Bett.

Niemand kann die Worte aussprechen,
die auf meinen Lippen aufliegen
und verdorren.

In deinem Herrenschlafanzug
schnarchst du dort,
nicht damenhaft,
aber
Krasnojarsk.

Etwas ist davon in deinen Haaren geblieben,
Sibirien,
Rentierfell,
das schmutziggelbbraun,
dunkel
im Ansatz.

Deine lackierten Fingernägel suchen
nach mir
-vielleicht.
Du brummst,
ziehst das Kissen
an dich.

Hell singt deine Stimme nur in Russisch,
Deutsch ist rachig,
brummend,
gebrochen,
in Konsonanten.
Mein Name auch.

Dein Schlafanzug verschiebt sich,
über deinem Bauch,
und dem Nabel.
Wie warm ist deine Haut gewesen,
das Land so kalt,
mit meiner Haut hast du dich
bedeckt,
gewärmt.

Ich nehme dich mit,
immer,
wenn ich gehe,
unter meiner Haut,
gewärmt.

Sündig gleitet deine Hand
zwischen deine Beine,
wärmt.
Meine Zigarette zittert.

Das Blau in deinen Augen
Ist der Jennissej,
wo wir fischten,
ein Loch im Eis,
andere Fischer überall,
Parkas,
Militärmäntel.

Das Grün ist der Boden
im Mai,
wo keine Flechten sind,
nur Gräser,
Mäusespuren,
ein wenig Leben.

Vom Nerz kommt ein brauner Kreis,
um die Pupille,
der immer gleich bleibt,
nicht wie der Rest
mit deiner Stimmung
schwingt
in Farbe
und Leuchtkraft.

Du sabberst in mein Kissen,
wie so oft,
ganz verknautscht ist dein Gesicht,
von der Baumwolle,
der langen Nacht.
Deine Haare knoten sich,
ich will über sie streichen,
setze mich aber nur,
höre dein Schnaufen.

Gestern waren deine Lippen wie Parkett.
Meine Träume sind dort
Ausgeglitten, gefallen,
brach wie das Land
am Jennisej,
wo die koreanischen Sägen waren.

Niemand von uns kann die Worte aussprechen,
jetzt,
du schläfst noch,
meine Zigarette qualmt,
meine Lippen auch.
Meine Träume sind ausgedörrt.

Unsere Kinder sind schon im Wohnzimmer,
im Fernseher plärrt Bernd das Brot,
wir hätten Zeit,
doch
wir haben sie verloren,
wie die Worte.

Im Spiegel ist alles fast wie immer,
wie immer,
ist es aber nicht.
Mein Gesicht ist zerschlagen
von den Worten,
die ich nicht ändern kann,
ertragen muss.

„ Komm zu mir,“
flüstert es aus meinem Kissen,
die Konsonanten,
brummig,
rachig verzerrt.
Du bist wach.

Bernd das Brot lacht keckernd,
unsere Kinder auch,
als deine Hand mich Heim holt,
mich heran zieht,
deine Lippen mich berühren.
Ich will nicht,
doch ohne Heim
bin ich verloren.

Meine Tochter lacht im Wohnzimmer,
das Leben ist wieder da,
als ich dich berühre,
wie in Hundert Nächten,
immer neu,
anders,
und weiß,
nichts ist wie im Spiegel.

Deine Hand langt unter meine Boxershort,
Zärtlichkeit gibt es im Kinderprogramm,
das nicht.
Ich schüttle den Kopf,
du ignorierst das.
Das T-Short und die Boxershort leisten
keinen Widerstand,
ich auch nicht.

Meine Augen wässern,
deine Augen auch,
als die Knöpfe deines Pyjamahemds
sich öffnen,
deine Brust zur Seite rutscht,
ein wenig.

Wolkig wellt sich die Decke
in Himmelblau,
als du den Hintern hebst,
die Beine ausstreckst,
Knie beugst,
die Pyjamahose abstreifst.

Lachsfarben leuchtet kurz deine Scham,
ein Streifen Haar,
ein Fremder legt die Hand auf deine Brust,
ich war es nicht,
deine Hand berührt ihn
an seinem Schwanz,
dann fällt die Decke über uns
zusammen.

Ich will mich verkriechen
in dir, aber so nicht.
Deine Brust zittert,
mit deinem Schluchzen,
mit meinem,
und Bernd dem Brot.

Deine Zunge umschlingt meine,
Worte wandern
unausgesprochen,
durch unsere Gedanken,
Tränen fließen,
wie Schnee schmilzt,
in der sibirische
Sonne,
manchmal,
im Sommer.

Doch diese Worte, diese Worte,
kreisen unausgesprochen
durch den Raum,
wie ich über dir kreise,
du über mir,
wir lieben
gemeinsam.

Sechs Monate haben wir noch,
dann wird es kalt ohne dich,
Krasnojarsk,
in meinem Bett,
in meiner Welt,
die Kinder bleiben
ohne dich,
Krasnojarsk,
ich bleibe zurück
wenn du gehst,
meine Liebe,
meine Frau,
mein Krasnojarsk.


(c) Thomas Roeder

Die Freiheit der Serengeti- oder ein Löwe haut zu und ab, ab und zu. (Kurzgeschichte)

Die Freiheit der Serengeti- oder ein Löwe haut zu und ab, ab und zu.

Für Peter Panter

Am sechsten Juli dieses Jahres beschloss ich, meine Zeit nicht länger hinter Gittern zu verbringen und aus meinem Gehege zu fliehen. Bei der Säuberung des Innengeheges war mein Wärter Peter oft etwas nachlässig mit der Tür, ob nun aus Altersstarrsinn oder Nachlässigkeit. Und so brachte ich ein Kieselchen aus dem Außengehege und legte ihn auf die Gitterstangen, damit er nach dem Öffnen so in die Türöffnung und vor die untere Stahlabgrenzung fallen würde, dass das Türschloss nicht mehr richtig einrasten konnte. Ganz schön mühselig mit meiner mächtigen Pranke, aber nichtsdestotrotz aller Anstrengungen würdig, für die Freiheit der Serengeti, auch wenn drei Kieselchen vor dem Innengehege von den Schwierigkeiten meines Vorhabens zeugten. Und meine Pfote doll wehtat, vom vielen Arbeiten.

Bei der Fütterung und dem Ausbruch kam mir mein Wärter Peter entgegen. Er kraulte mir freundlich den Rücken, was ich nutzte um die Tür auf-, und ihn wegzustoßen. Sofort sprang er mit entgegen, um mich eingesperrt zu halten. Also gab ich ihm und der Tür einen weiteren Stubbs, und schob ihn und die Tür aus meinem Weg. Nur zwei Sätze, dann erreiche ich die Freiheit, dachte ich mir. Ich sprang zur Tür, ein Satz, öffnete sie mit der Pranke. Sprang hinaus, der zweite Satz, und erreichte die Freiheit.

Die Wolken des Himmels wirkten wie Kirschen, nur in einer anderen Farbe als jene, die an den Kirschbäumen auf dem Zooweg hingen. Die Kirschen, die ich in dreister Verleugnung der Nahrungskette begehrte, obwohl ich eigentlich nie Kirschen essen würde. Die den ganzen Sommer lang vor meiner Nase gehangen hatten, beziehungsweise von den Kirschbäumen. Einer der Besucher hatte das Buch „Die Kirschen der Freiheit“ gelesen, und somit wusste ich, dass die roten Hängseldinger für Freiheit stehen.
Nach einem Probebiss merkte ich, dass Freiheit gar nicht so lecker ist, in Form von Kirschen. Und spuckte die ekligen Hängseldinger wieder aus.
Draußen fingen die Besucher sofort an zu schreien, Dinge von sich zu werfen, Taschen, Tüten, Bücher, Kinder.
„Ein Löwe ist los!“
Allein schon das affige Geschrei in unangenehm piepsiger Tonlage vertaumelte meine Sinne, ganz abgesehen von der Angst, die nebelgleich den gesamten Zooweg bedeckte.

Ich blieb stehen, denn eigentlich sollten nun meine Löwenfrauen die Sache vorantreiben, indem sie die Menschen aus dem Weg forttreiben. Die sechs Löwendamen aber, wie ich jetzt bemerkte, waren mir nicht gefolgt, sondern lagen auf ihren vollgeschlagenen Bäuchen im Käfig, nun wieder von Peter eingeschlossen. Und schienen ganz köstlich über mich zu lachen, den Mähnenmann, die Eckzähne weit aufgerissen, die rosa Zungen herausgestreckt und müde gähnend. Fast wäre ich umgekehrt, denn ich bin ein wenig schüchtern, so ganz alleine, ohne Hilfe. Ich ging ein paar Schritte zurück, dann wieder nach vorne.
Die Verweigerung der Löwendamen, mir zu folgen, war um so schlimmer, fast bösartig, weil ich ein König bin. Und als König ohne Gefolge ziemlich unglaubwürdig, für einen König, so unter Fremden. Und wie die schreien können. Ich konnte mich aber beherrschen, weil Menschen an sich nicht gefährlich sind, da unbekrallt und mit kümmerlichen Gebiss versehen. Mit einem lauten Gegengeschrei schlug ich den Großteil der Erstarrten in rapide Flucht. Wo ein Löwe brüllt, da zittern die Gnus, das hat mein Großvater immer gesagt, wenn welche da sind.

„Ein Löwe ist los!“
Nun, mein Wärter Peter suchte im Löwenhaus mit der Hand nach einem Stab, den er, in purer Verachtung der Nahrungskette, schon des öfteren auf meine Nase geklopft hatte. Natürlich kein Grund Reißaus zu nehmen. Andererseits ist ein Abgang erst königlich, wenn er ohne lästigen Verfolger vor sich geht. Aber Menschenfleisch ist scheußlich, wie der Großvater meines Vaters einmal feststellen musste, als er, ein wenig altersblind, in ein Antilopenfell biss, wo ein Menschen drinsteckte.
Ich nahm den Kopf hoch, schüttelte die Unfreiheit aus meiner Mähne und trottete den Zooweg entlang zum Ausgang. Bernhard, eines dieser plapperhaften Äffchenmenschen, hatte mir von einem Weg erzählt, um aus dem Zoo zu fliehen. Verstecken, klettern und kriechen war nun wahrlich nicht standesgemäß für den Herrscher der Serengeti. Also ging ich den offiziellen Weg, gehuldigt von schreienden Menschen, wie alle anderen Löwen es wohl auch täten.

„Lauft weg, ein Löwe ist los!“
Die ersten Schritte waren noch unköniglich, wie ich eingestehen muss, ein wenig vorsichtig. Aber der Boden war auch mit kleinen Kieseln bedeckt, die ganz fürchterlich auf meine empfindlichen Sohlen drückten. Also wich ich einem schreienden Kinderwagen aus, zwei Menschen, die nun bereitwillig ihre Herkunft vom Affen eingestanden und von einem Kirschbaum hingen, und einem Hund.
Dieser Hund knurrte, als wäre er einen Kopf größer als ich, obwohl er mir kaum bis zum Knie reichte. Ich blieb stehen, warf mich in Pose, die Mähne in Stellung, brüllte, als dieser miese Hund, sicherlich verwandt mit Hyänen, mir auch schon in den Fuß gebissen hatte. Zu meiner Schande quietschte ich zuerst, bevor ich es in ein formidables Brüllen umwandelte, während der Hund an meinem Knöchel zerrte.
Ausgerechnet der Knöchel, den ich erst vor einigen Wochen bei einem kleinen Wettlauf mit einem Jungen verstaucht hatte, weil eine der blöden Löwendamen wieder einmal einen ihrer Füße im Weg liegen lassen hatte. Nur ein Vater kann verstehen, was das für ein Gefühl ist, wenn der eigene Junge sieht, wie man stolpert, auf die eigene Mähne tritt, ausgleitet, über den staubigen Boden schleift, sich überschlägt, so dass der eigene Hintern mit dem Schweif gefährlich dicht über das eigene Gesicht schleudert. Und dann heulend am Boden liegt. Das hat kein Vater gerne.
Da hatte das Hundetier auch schon wieder zugebissen, und ich warf ein wenig die Tatzen in die Luft, nicht um ihn zu treffen, wie gesagt, ich bin ziemlich empfindlich an der Tatze. Aber der Hund erwischte mich überraschend fest für seine Größe. Und dann noch ausgerechnet an meinem kleinen Zeh, an der rechten Vorderpfote, die immer noch ganz schwach war, vom letzten Sturz. Ich beschloss daraufhin gnädig, sein Leben zu verschonen, während ich hastig auf dreieinhalb Pfoten loseilte.

„Passt auf, da kommt er!“
Die Bäume und Kioskdächer waren schon dicht mit Menschen besetzt, die grünen Bänke leer, nur eine alte Dame stand mitten im Weg. Und neben mir der Hund, der meine Gnade nicht richtig zu würdigen schien, da er links neben mir lief und bellte, und schnappte. Da warf die alte Dame etwas nach mir, aus einer Tüte. Nichts Hartes, aber Bröseliges, aber etwas, was im Augen brannte. Keine Angst zu haben ist das Privileg des Alters, wie mein Urgroßvater sagte, bevor er über einen Fluss schwamm, und die Krokodile ignorierte, die ihn leider nicht ignorierten. Aber ich bin nicht alt, nur älterlich.
Also sprang ich rechts über eine Bank, quietschte, denn dahinter war irgendwie eine Hecke, eine gemeine. Mit Dornen und so. Und quietschte dann auch wegen den Dornen. Die ich gar nicht gesehen hatte, weil ich ja Probleme mit den Augen habe, vom vielen rumstieren auf Menschen. Da gibt es nicht genug Licht, für anständige Löwenaugen, und es weiß ja jeder, dass die Augen davon nachlassen.

„Da ist er!“
Dieser äffische Schrei hatte schon eher etwas Mutiges, und so beschleunigte ich meine Schritte. Nicht mehr im Käfig zu sein ist etwas Großes, aber aus dem Zoo zu entkommen ist etwas noch Größeres, Löwigeres. Freiheit, wahre Freiheit, die Freiheit der Serengeti. Also lief ich neben den Büschen und Bänken zur ersten Kreuzung, verfolgt von dem undankbaren Hund.
Ein Zooangestellter saß auf dem Kioskdach, zwei hilfreiche Besucher räumten schon einmal die Kasse aus, während ich dem Hinweis auf den Ausgang folgte. Fremdsprachen sind wichtig, bemerkte schon mein Urgroßvater, der mit den Krokodilen, aber viel geholfen hat es ihm nicht. Ich dagegen, in meiner Jugend eine Zooattraktion, hatte mit kleinen Kunststückchen versucht meine wohlverdiente Beliebtheit als Löwe zu erhalten. So hatte ich die Sprache der komischen Dinger erlernt, die sich Menschen nennen, und eigentlich aussehen wie eine Afteröffnung, so von der Farbe her. Und genauso wie sie aussahen, hatten sie mich behandelt, als ich nicht mehr klein und niedlich war, sondern groß, mutig und mächtig.

Ich war wohl langsamer geworden, auf jeden Fall hing der Hund mir mit den Zähnen in der Seite, an einer kleinen Speckfalte, obwohl ich nicht fett bin. Nur ein wenig ungeübt, weil der Käfig ja nicht so lange ist, und die Muskeln bei kurzer Belastung so schnell zu reißen neigen. Und das tat gemein weh, so genau an der Speckfalte.
„Da ist er! Schießt ihn doch einer tot.“
Ich rollte mich etwas unköniglich über den Boden, auf dem harten Kies, aber immerhin war ich den Hund los. Dabei bemerkte ich, dass zwei Menschen auf mich zukamen, mit Metallstäben. Und der Hund kläffte schon wieder, dieser blöde Hund.

Zwei Sprünge auf die Menschen zu, dann geschickt in einen Busch ausgewichen, damit sie mich nicht erwischen. Wobei das geschickt übertrieben ist, denn da war mitten im Busch ein Ast, der eigentlich ein Stamm war, wogegen ich stolperte und mir ganz doll die Schulter verrenkte. Gleichzeitig schoss etwas an mir vorbei, eine überschnelle Mücke oder so und blieb surrend in einem Baum hängen. Und dann sah ich auch schon das Tor nach draußen, ein kleines Tor, davor eine andere Metallstange. Und meine Schulter tat mir weh.
„Verdammt.“
Rief einer der Zoowächter. Ich sprang auf die Metallstange, rutschte leicht, stieß mit dem Kopf gegen das Tor, war benebelt, aber den Hund los, und warf mich irgendwie über das Tor, fiel dann ziemlich auf die vier Buchstaben, die auch Bein heißen könnten, wenn sie nichts anderes heißen würden.

Freiheit, süße Freiheit. Noch einen Satz, und dann war ich frei, wie mein Vater es beschrieben hatte, die Freiheit der Serengeti. Und dann war ich frei, nach einem Satz, aber... wo war die warme Sonne, die riesigen Flächen voller Grün, Gnus und Zebras, die Hunderten von kleinen Antilopen, und der Rest? Die Freiheit der Serengeti ? Nicht viel tun zu müssen, um zu essen, faul den ganzen Tag herumzuliegen, und einige scharfe Löwenmädchen.
Ich brüllte also erst mal, um mich zu beruhigen, denn das hier war sehr beunruhigend. Überall grau, Menschenhäuser, dazu Autos. Autos kenne ich, zweimal bin ich sogar in einem mitgefahren, aber die sind nicht gut, mir wird immer schlecht in ihnen. Aber wo war die Freiheit, die Serengeti, die anderen Löwen? Ich brüllte noch mal vorsichtig nach anderen Löwen, vorsichtig, weil ich ja schon in dem Revier eines anderen sein könnte. Und mir ja schon alles wehtat, die Pfoten, die Schulter, die vier Buchstaben und die Speckfalte.

Aber da entdeckte ich etwas, meine Rettung. Ein Schild „Afrikaner zurück nach Afrika“. Ein vernünftiger Vorschlag, so aus meiner Sicht, als afrikanischer Serengetikönig. Zustimmend brüllend legte ich mich unter das Schild, denn wie im Zoo steht da ja immer die Wahrheit, was man so tut, was man macht, was man frisst. Und wartete darauf, dass man mich dahin brachte, wo es Gnus, Antilopen gab, andere Löwen, etwas zu fressen und so. Was ist das denn für eine Freiheit, die gar nicht aussieht wie Freiheit, und so schmeckt wie Kirschen?
Und dann kamen die Zoowärter zum Tor, mit den Metallstäben und ich beklagte mich, wie die Menschen es machen. Weil mich niemand abholte und hier nicht die Serengeti war. Nur spreche ich kein Menschisch, sondern verstehe es nur, ein kleines Problem mit den Mandeln und den Stimmbändern, vom Brüllen halt, und den Löwendamen, die sonst nicht hören.
Dann piekste es in meiner Seite, und mir war ganz schummrig, und ich taumelte weiter, um mich erneut zu beschweren. Der Boden war auch glatter und für die Pfoten besser, wurde dann nur glitschig, wie Eis. Und das kennt man als afrikanischer Löwe ja.

Als ich erwachte, war ich in Afrika, es gab zu fressen, ohne viel zu tun, ich konnte faul rumliegen, und scharfe Löwenmädchen gab es auch. Und dankte Tausendfach dem Schild für meine Freiheit.
Nur, als meine Augen wieder klarer wurden, die schlechten Augen, bemerkte ich, man hatte mich betrogen, ich war gar nicht in Afrika. Und der Zoo auch, da war gar nicht der Ausgang zur Serengeti gewesen.
Als Löwe und König bin ich mutig, grazil, stark, klug und einfallsreich. Und so lecke ich meine Wunden, meinen Hintern, eigentlich alles. Warte, bis die Wunden verheilt sind, meine Pfoten nicht mehr schmerzen, die Schulter, die Speckfalte. Der Wächter Peter wieder nachlässig ist, keine Hund da, keine alten Damen, keine Gebüsche und das Tor am Eingang fort.

Und dann fliehe ich in die Freiheit, die Freiheit der Serengeti, wo alles besser ist als hier. Und das dann ohne Schwierigkeiten. Hilfe brauche ich dann auch nicht, nicht von den gemeinen Löwenmädchen, vom Zoo und den Schildern. Denen ist allen nicht zu trauen, und den Schildern der NPD besonders nicht, diese Betrüger. Menschen ist eben nicht zu trauen, niemanden ist zu trauen, außer Wächter Peter, der ist pünktlich mit dem Essen.

-Fin-

(c) Thomas Roeder

Duisburg und Ich (Erzählung)

Duisburg und Ich

Einige gehen ins Centro einkaufen, andere in die Disco, ich bin erst vierzehn, ich beobachte meine Nachbarin.
Im Wohnzimmer läuft der Fernseher, mein Alter sitzt davor. Mein Alter hatte einen neuen Job, eine neue Frau, als wir hierher gezogen sind, wieder einmal umgezogen, in Duisburg. Die Wohnung ist ganz ordentlich, ordentlicher als die letzte. Die Türrahmen sind nicht ausgeschlagen, an den Wänden klebt noch Raufasertapete. Wir haben sogar eine Einbauküche mit Geschirrspülmaschine, diesmal keine Kakerlaken. Aber sauber ist es nie. Ich versuche es, wische, sauge, aber die Bierdosen kommen immer wieder. Und der Staub kommt auch immer wieder. Der Bergbau ist längst weg aus Duisburg, fast überall, bis auf Walsum, sein Staub aber nicht.

Vielleicht ist mir deshalb der Garten so aufgefallen, ein fast unglaublicher Garten. Überall sonst sind hier Garagen, Sperrmüll und Staub. Nur in ihrem Garten ist etwas Grünes, Rotes, unglaubliches. Und Kinder.

Ein paar Mal bin ich reingegangen. Klatschmohn, Wildkräuter und Kornblumen. Einmal habe ich durchs Fenster ihre Stimme gehört und Kinderstimmen. Wer spielt mit mir Twister, hat sie gefragt. Es war schwer, nicht „Ich“ zu rufen, anzuklopfen, aber das konnte ich nicht. Du bist vierzehn, sagte mein Vater, und ein Mädchen. Da geht man nicht zu Fremden. Und die Neue, bald verflossene, sagte das auch. Man muss Verantwortung übernehmen in dem Alter, und meinte meine Verantwortung für ihn, nicht seine.

Es ist nämlich so, mein Alter hat einen Job neben Harz IV. Er wäscht Leichen, frisiert sie. Er riecht auch wie sie, wenn er nach Hause kommt. Eigentlich ist er aber Schlosser, aber für Schlosser gibt es nicht viel, für Säufer fast gar nichts mehr. Den Leichen ist das mit Saufen egal, sie stinken so vor sich hin. Den Verwandten nicht immer, wegen ein paar verschnittenen Frisuren, ein bißchen Kackegeruch am offenen Sarg. Deshalb hat er solche Jobs verloren, ein paar Mal schon. Ist ja auch ein Scheißjob, sagt er dann, sage ich dann auch.

Aus der Wohnzimmer dröhnt das Duisburgspiel vom Alten, ich gehe zum Fenster, höre die Hauptstraße, einen Hund vom Innenhof und das Pärchen nebenan. Beruflich ist der arbeitslos wie mein Alter, sie noch nicht. Aber das ändert sich bald in Duisburg, auch wenn sich sonst nichts ändert. Sie streiten über ihre Arbeit, über sein frisiertes Auto. Manchmal vögeln sie auch, kiffen oder hören Musik, laute Musik. Die Bässe lassen die Bilder von Mama an den Wänden zittern. Hoffnung hat nur sie, er nicht mehr. Die anderen mit Hoffnung sind fast alle weggezogen, die mit Kindern, als alles kaputt gegangen ist, in den Zechen, bei den Hochöfen, dann die Geschäfte.

In der Entfernung höre ich ihr Auto, einen kleinen Nissan. Die Nachbarin kommt. Das hört man an dem sperrigen Getriebe. Ich gehe zum Fenster.
Auf dem Nachbarbalkon richtet der Spanner schon einmal sein Fernglas aus, ich lächele ihm zu, er mir. Nachbarn halt. Die Nachbarin zieht sich immer erst um, bevor sie zu den Kindern geht, das weiß er. Ich habe sie einmal dabei beobachtet, aber darum ging es nicht. Nackt habe ich zu Hause genug. Mein Vater ist mit seinen Frauen genauso diskret wie mit seinen Bettlaken, ein Spermafleck auf himmelblau, wie eine Schäfchenwolke.

Die Sonne über den Reihenhäusern hat etwas angestaubtes, wie alles hier, von den Autoabgasen, den restlichen Fabriken, auch wenn es weniger geworden ist, sagt mein Alter. Die Nachbarin steigt aus dem Nissan, drei Alditaschen mit Einkäufen. Vor der Haustür klapperte sie mit den Schlüsseln, das macht sie immer. Sie trägt ein Kostüm, Nadelstreifen. Sie ist Bankerin, habe ich gehört, von dem Kioskbesitzer. Aber das glaube ich nicht, so jemand wohnt hier nicht. Irgendwo muß es im Süden und außerhalb von Duisburg Orte gehen, wo Banker wohnen, und Ladenbesitzer. Und alles ist grün, und Kinder gibt es, keinen Staub.

Der Alte ruft, er ruft nach Bier. Ich hole ihm eines aus dem Kühlschrank. Ich kaufe sie beim Aldi, wo ich auch die anderen Nachbarn treffe. Hier wohnen viele mit russischem, mit türkischen Namen, die mit vielen Kindern. Auch die Geister mit Lungenkatarrh, alte Bergleute, deren Schritte so laut schleifen wie ihre Lungen.
Der Alte nimmt das Bier und sieht sich das Spiel vom MSV Duisburg, seinen Zebras an, Siege oder Niederlagen. Mit Niederlagen kennt er sich aus. Das Bier wird nicht lange reichen, das tut es nie.

Die Nachbarin steht vor ihrem Kleiderschrank. Sie trägt nur Unterwäsche, schöne Unterwäsche. Weiß, etwas mit Spitze. Neben ihr steht ihre kleine Tochter, vielleicht vier. Sie hat ein Stoffkrokodil in der Hand, lacht, springt immer wieder hoch in ihrem rosa T-Shirt mit Diddelmaus. Der Spanner nebenan fängt an zu stöhnen, onaniert heftig, während er die Mutter ansieht. Er war mal Lehrer, keine Kinder, sagt der vom Kiosk, er hat versucht was zu bewegen. Doch dann brannte der Krebs seine Frau aus, dann ihn, obwohl er nicht krank war. Seitdem onaniert er, sieht nach draußen, hat aufgegeben. Duisburg halt.

Im Wohnzimmer steht der Babysitter, wartet ihr Sohn, zehn Jahre vielleicht, ein heller Schopf, traurige Augen. Ich sehe ihn manchmal in der Schule, nicht immer. Sie ziehen ihm das Geld ab, jeden Morgen, nur ein bißchen Schläge. Er kriegt nämlich Essensgeld, hat Markenklamotten, Fishbone. Seine Mutter merkt es nicht, oder sie will es nicht merken. Wie alle anderen. Ich helfe ihm, wenn ich es sehe, wenn ich kann. Wegen ihr. Kann ich aber meistens nicht.

Ich horche zu meinem Alten, das Spiel ist in der Pause, er auf dem Klo. Das höre ich auch. Und hoffe das die Zebras nicht verlieren, denn ein Sieg oder Unentschieden bedeutet Kneipe, keine Schläge.

Die Nachbarin zieht ein blaues Abendkleid an, trägerlos, vornehm, vielleicht Satin. Der Spanner auf dem Nachbarbalkon kommt, weint, nebenan fängt das junge Paar an zu streiten. Sie schreit wieder, er hat sich was gekauft, sie haben kein Geld. Ich reiche dem Spanner ein Taschentuch über die Brüstung, ein wenig Trost. Trost habe ich noch, aber wenig. Nebeneinander sitzen wir auf dem Balkon. Er sagt nichts, wie er fast immer nichts sagt. Er nimmt das Taschentuch und wischt die Tränen weg, dann das Sperma.
„Früher war das ganz anders, hier.“
Ich nicke. Das sagen sie alle. Wir sitzen oft hier, wir beide, wenn er fertig ist. Ihm ist das egal, mir auch.
„Da waren die Busse voll von Bergleuten, von Schiffern und Schauerleuten, von den anderen. Da roch es auch nach Staub, aber es waren die Menschen, die ihn durch die Straßen trugen.“
Ich nicke, sehe hinunter zu der Nachbarin. Sie geht ins Wohnzimmer, nimmt die Kleine mit, legt den Schlüssel auf den Esstisch. So ernst wie nur Kinder blicken, sieht ihr Sohn sie an, erzählt. Um ihre Augen entstehen Falten, als sie lächelt, ihn streichelt. Der Babysitter geht in die Küche.

„Da gab es hier überall Kinder, überall hast du sie gesehen. Sie haben mit selbstgemachten Fußbällen gespielt, oder sind durch die Schrebergärten gelaufen, als es noch Schrebergärten gab.“
Ein Mercedes kommt von der Hauptstraße. Die kommen eigentlich nie hierhin, in diese Arbeitersiedlung aus den 50ern. Hierhin kommen nur die Bewohner, die Verwandten, der Gerichtsvollzieher mit dem roten Astra. Der kommt dafür öfters.
„Du bist nicht häufig in der Schule, oder?“
Der Mercedes hält vor dem Garten mit den Kornblumen, mit dem Briefkasten, den gepflegten Steinplatten. Er hupt. Die Nachbarin verabschiedet sich von den Kindern. Feuchte Küsse, viele Umarmungen, ein blaues Satinkleid.

In der Nachbarwohnung rumpelt das Bett gegen die Wand, das Pärchen vögelt, die Frau stöhnt. Auf dem Hemd des Spanners sind Essensreste, ein wenig Zahnpasta. Er sieht mich so an, wie er die Nachbarin ansieht, aber auch anders.
„Willst du wie die werden, wie dein Vater? Oder wie ich?“
Es ist schwer jemand ernst zu nehmen, der sich beim Spannen einen runterholt. Und dann weint.
„Ich bin doch längst so.“
Sage ich und hole eine Zigarette aus dem Versteck unter dem Balkonkasten. Er schüttelt nur den Kopf, seine wirren Haare.
„Geh zur Schule, mach deinen Abschluss, geh weg. Hier wartet nichts auf dich.“
Ich schüttele auch den Kopf, sehe ihn an. Zünde die Zigarette an.
„Doch. Meine Mutter wartet, irgendwo, bestimmt. Mit kleinem Garten, in Duisburg. Das hat sie versprochen, als sie ging.“
Deshalb beobachte ich sie, die Nachbarin. Weil sie es sein könnte. Auch wenn sie es nicht ist. Die andere hat mich
längst vergessen. Auch das ist Duisburg.
„Du weißt, daß das nicht stimmt, oder??“
„Vielleicht.“

-Fin-

(c) Thomas Roeder

Lumpenkerl (Erzählung)

Lumpenkerl

Da stehen die beiden Bäume, an einem von ihnen hat man mich aufgehängt. Wochenlang schwang ich im Wind, während mein Fleisch fror, später herunterfaulte. Nur die Krähen sangen in mein Ohr. Sie sangen von dem harten Winter, der da war, als man mich aufhängte. Von dem Geschenk Gottes an sie- meinen Leib. Unter den schwarzen Federn waren sie dünn geschmolzen, während das Wasser gefror, sie waren krank geworden, müde. Meine Augen pickten sie, dann meine Wangen, meinen Mund, nach und nach brachen sie mich auf, kehrten ins Leben zurück. Ich bin nicht böse, der Lumpenkerl gehört hier hin, ich ziehe in den Süden.

Angefangen hatte es im Winter 44. Im Februar kehrte ich in Lumpen aus der Ferne zurück, aus dem Krieg. Eine schöne Gegend, die Ardennen. In Gelsenkirchen gibt es keine solchen Wälder, so dicht und tief, wie die Gedanken es nicht mehr waren. Der Krieg hungert die Gedanken aus, macht stumpf.
Wie die Pfadfinder hatten sie uns dort reingeschickt, so viele Kinder, so wenig Soldaten. Mit dreißig Jungs sind wir reingegangen, im Dezember. Nach zwei Wochen Beinschuss. Wir waren noch vier, als sie uns kriegten, uns in ihre Lager brachten, eskortierten. Mir war es stumpf, mir war es egal.
Im Lager in der Nähe eines Flusses habe ich Durst gehabt, in der Nähe der Feuer gefroren. Und ich habe Ananas gesehen. Ich hatte noch nie eine Ananas gesehen, die zuckersüß geborstene Lippen erfrischt, die so süß ist wie Frieden. Um mich herum starben die Lumpenkerls, die anderen. Ich starb wieder nicht. Das Bein heilte. Aus Essen kannte ich die Ruhr, diese Ruhr kannte ich nicht.
In einem Wald von feldgrauen Lumpen lag ich, bei den Lumpenkerls, Kuhlen überall, und manchmal etwas Feuer. Sie haben uns die Bilder gezeigt, von den Lagern. Ich kannte sie schon. Im Krieg ist Zeit eine Ewigkeit. Irgendwann einmal, als meine Wangen voll waren, mein Bauch noch voller Hoffnung, war ich dort. Ich kann mich kaum erinnern, der Hunger, der Tod im russischen Winter haben meine Erinnerungen gefressen.
Ich lag in meiner Kuhle, der Lumpenkerl neben mir hatte mir Stiefel vermacht, gute Stiefel, als der Krieg vorbei ging, Keitel am 8. Mai kapitulierte. Die Wachen feierten, wir starben weiter, wenn wir nicht schon tot waren. Morgens war das Gesicht neben mir wie Wachs, dann kamen die Fliegen, legten Eier in den Mund, ich holte Brot für meinen Kameraden Wachs. Gestank ist relativ, Stiefel und Brot sind es nicht.

Die Amerikaner holten uns für Gespräche, wir taumelten über die matschigen Wiesen, es war Frühling, es war Sommer. Wer fiel, der stand nicht mehr auf. Lumpenkerle sind wie Krähen, dünn geschmolzene Krähen, feldgrau.
Einer fragte mich nach der tätowierten Nummer auf meinem Arm, ich erzählte es, bekam Zigaretten, Ananas und Schokolade. Ich war in der katholischen Jugend, habe ich gesagt, als es noch einen Gott gab, bevor der Krieg begann, die Bomben fielen. Dein Wort ist mein Schild, so sagte man damals, ich erinnerte mich aber nicht. Habe ich es mal gesagt, mal geglaubt?? Ein paar Worte über den Führer. Das machte mich zum Politischen, als es noch einen Gott gab, eine Hoffnung. Die Gestapo konnte beides nicht austreiben, der Hunger schon. Ich war nur ein Junge, damals, ein Junge. Danach war ich nur noch Fleisch für die Gewehre, Frontbewährung, habe mich um sie gewickelt, bin in sie geschmolzen.

Auf den neuen Stiefeln entließen die Amerikaner mich, ich war entnazifiziert, war es aber nicht. Das fehlende Hakenkreuz an einer Uniform macht nicht frei, Ananas erinnert nur an Freiheit. Wie auf Stelzen taumelte ich die Straßen entlang, mit einem leicht lecken Bein, lag in den Scheunen mit anderen Lumpenkerls, mit den Vertriebenen hinter geborstenen Wänden. Ich war auf dem Weg heim, und war es nicht. Nur die Erinnerung ließ mich gen Norden ziehen, in Richtung Gelsenkirchen, der Stadt der Tausend Feuer. Die Haut juckte, spannte auf den Knochen, der Kopf erinnerte sich.
Auf dem Weg buddelte ich mit Löffeln, stahl Rüben und Rübenstile von den Feldern, mein Anblick verscheuchte die Krähen, einige zumindest. Irgendwann war da ein Schild, ein Kübelwagen, ein paar Soldaten- britische Zone. Ein weiter Weg hinter mir, ein weiter Weg nach vorne. In einem zerschossenen Panzer erinnerte ich mich an den Lumpenkerl, an mich erinnerte ich mich nicht.
Bei Porz brach das Bein, ich war nicht einmal gefallen, war ich doch, aber nicht dort. Gefallen war ich im Reichsprotektorat Mähren, in Norwegen, in der Ukraine. Angeschossen in den Ardennen. Ein Stock trug mich leicht, ich ihn schwer, aber die Stiefel waren gut. Ein Frau eines Lumpenkerls sammelte mich ein, die Reste von mir. Nach den Kartoffeln musste ich weinen, weil ich satt war, wieder satt war. Das berührte mich mehr, als das Ende des Krieges, der Tod der Pfadfinder, irgendwas. Ergriffen nahm sie mich in ihr Bett, es war warm, sie auch. Doch der Lumpenkerl war am nächsten Morgen weg, der Rest der Kartoffeln auch. Stumpf, keine Schwäche, nur das Bein, ich wandelte weiter, dreibeinig, alt, unendlich alt in Gedanken.

Blaues Besatzungsgeld, kein Hakenkreuz, die alten Scheine flatterten auf den Straßen, manchmal. Besser als die Bibel, als Nachrichten, wischten sie den Arsch. Für verlorene Söhne und Freunde fütterte man mich, Verlobte, und Greise, und Plattfüße, manchmal gab es ein Hemd, oder etwas Brot. Trecks zogen an mir vorbei, ganze Dörfer, stolz, arisch, waren sie nicht, doch überall Flecken an der Kleidung, statt Parteiabzeichen. Sie erzählten von Breslau, vom kurischen Haff, von Puppenkindern auf den Wegen. Ich aß mit ihnen und zog meines Weges.
Trotz allem wuchs wieder Obst an den Bäumen. Ich wunderte mich, Äpfel sind paradiesisch, wenn man hungrig ist, fern von sich, fern seiner Gedanken. Doch mein Bauch wollte kein Paradies, keine Äpfel, heiß spuckte er sie wieder aus. Das Bein schwärte, mein Stock zog mich weiter.

Später Herbst, bei Burscheid fand ich im Hühnerstall zwei Kinder, keine Hühner, keine Eier. Abgehärmte Gesichter, sonst wie Störche: lange Beine, dicker Bauch, der Schnabel vom Krieg verschlossen. Ein dummer Lumpenkerl, drei Beine, nahm sie mit, zog mit zwei Kinder die Straße entlang. Die verlorenen Söhne helfen Kindern nicht, Kinder gibt es überall im Dutzend, niemand will sie, ihre Suchkarten stapeln sich beim Roten Kreuz.

Vor der Ruhr geflohen, zur Ruhr zurückgekehrt, in den Ruinen der Heimat, irgendwie, Gelsenkirchen ganz nahe. Der Winter da, ein schrecklicher Winter, Rußland, Norwegen, irgendwie. Verbrannte Häuser auch, Flüchtlingstrecks, Lumpenkerls, aber kein Krieg mehr.
Ein langer Tisch, Flüchtlingshilfe, einer der Störche zog nach Süden, Kakao, ordentlich Butter- das war zuviel. So gut hatten sie`s gemeint, so falsch gemacht. Dreibein und das Storchen-Mädchen zogen weiter, sie ganz traurig. Gelsenkirchen ganz nah, Storchenbein wollte nach Hause, Dreibein ging nicht mehr. Der Winter zu hart, das Bein brandig. Der gute Stiefel.
Ein Arzt, kein Federlesen, Storchenkind klaute wie ein Lumpenkerl, drehte Zigarrettenkrumen neu, auf einem LKW ging es der Heimat nahe. Wir fraßen das Moos von den Bäumen, die Rinde der Birken, die beiden Zweibein, das Kind, mein Bein, der Stock und ich.

Ein Hof, Winter, der Hunger nagte sogar an den Bauernbäuchen. Blaues Besatzungsgeld war nichts wert, weil es nichts dafür gab, außer Ruinen. Storchenkind blieb liegen, atmete mühsam, einfach so.
Und dann habe ich ihn tot gemacht, einen dicken Kerl, wegen Kartoffeln. Blaues Besatzungsgeld ist nichts wert, der Winter russisch, Suppe aus Kartoffelschalen, der zweite Storch ist vorm Wegfliegen nach Süden.
Kein Prozeß, bin nur ein Lumpenkerl, das Storchenkind sieht, wie sie einen Baum für mich suchen, zwei finden. Brüderlich berühren sich die Äste, tanzen im Winter 45. Mit Hanf ist man nicht sparsam, da hat man genug. Der Strick bricht das Genick nicht, die Luft wird kostbar wie Kartoffeln, dann hat der Lumpenkerl genug, er entnazifiziert gen Süden, ein Storchkind folgt ihm bald.

-Fin-

(c) Thomas Roeder


Sonntag, 1. Juli 2007

Zwischenleben... Juni 2007

Ich habe dann im Mai eine kleine kreative Pause gemacht, in der ich dann die Überarbeitung der nächsten Kapitel geplant habe. Denn während die ersten sieben Kapitel nur gekürzt werden müssen, habe ich im weiteren Verlauf auch einige plotmäßige Fehlgriffe drin.
Das entscheidende Konflikt meiner Hauptfigur habe ich leider nur allegorisch aufgelöst, und auch wenn dieser Teil sehr stark ist, so reicht es für die Auflösung nicht aus. Allegorische Auflösungen haben für mich immer so ein Beigeschmäckle von Feigheit vor dem Text. Also muss ich den Roman noch ein wenig umstellen, um hier die allegorische Stelle einzubauen und gleichzeitig eine andere Auflösung zu finden. Also habe ich schon verschiedene Varianten skizziert, wie ich an dieses Problem mit einem klaren Spannungsbogen herangehen kann.
Ich habe zwei lange Szenen, die in dieser Form sehr viel Stimmung transportieren, aber beide letztlich eine massive Überarbeitung bedürfen. Die erste Szene muss um 80% gekürzt werden, weil ich Dinge in einer Szene ausgearbeitet habe, die dafür nicht interessant genug sind. Und bei der zweiten Szene wird es noch schlimmer. Da habe ich viel geschrieben, aber ich bin nicht wirklich in die Szenen hineingekommen... weswegen die Szene auch unfertig am Ende steht. Und wohl die Überarbeitung nicht mehr erleben wird.
Ansonsten möchte ich ganz herzlich bei meinen Testlesern bedanken, dir mir sehr viel Mut gemacht haben, dass die bisherigen Kürzungen den Text deutlich verbessern und die weiteren Umarbeitungen einfach notwendig sind um diesen Roman irgendwann dahin zu bekommen, wo er hinsoll. Auf den Tisch eines Lesers.

Ingeborg-Bachmann-Preis 2007

Man sieht sich ja gerne an, was die Konkurrenz macht. Also habe ich heute die Texte des ersten Tages einmal durchgelesen und werde unten eine kleine Kritik einstellen.

Der erste Tag:

Der erste Tag des Ingeborg-Bachmann Preises

Denn hey, dazu sind diese Tage da. Um in Ruhe über Literatur zu diskutieren, über die Entwicklungen und Trends, natürlich auch immer, was die Kritiker an Literatur ausgewählt haben.
Insgesamt gibt es für die meisten Entwicklungen der letzten Jahre und Jahrzehnte einen Text. Ein konventioneller Text im Stile klassischer Erzähltraditionen, die leicht melancholischen Gedankenfiguren narzisstischer Erzähler wie oft in der Popliteratur- auch mit Konsumkritik, die leicht melancholischen Gedankenfiguren der 80er Jahre mit den vielschichtig verwirrend schimmernden Erzählern, eine Mischung aus verschiedenen Medien in einer verwirrenden Kollage, und noch ein wenig mehr. Und das Beste des Mehr ist diesmal ein ziemlich guter Text, der sich zwar an einige Klassiker anlehnt, aber weit eigenständiger ist als die meisten anderen Texte.

Aber zu den Einzelkritiken:
1. Jagoda Marinic: Dieser Text wirkt so, als hätte die Autorin nicht viel zu erzählen. Die Protagonistin beschreibt, ohne einen Hintergrund für die Geschichte zu finden, einen recht ereignislosen Tag, an dem sie eigentlich nur ohne Grund verärgert ist. Dabei bekommt keine der Figuren einen Hintergrund, eine klare Stimme oder etwas eigenes. Stilistisch ist dieser Text eher mittelmäßig, und überrascht eigentlich an keiner Stelle. Das schlimmste ist aber, dass die Gefühle ohne Hintergrund, der stete Ablauf ohne Ziel ist, und die Geschichte mich so nie packen kann.

2. Christian Bernhardt: Der Eindruck des ersten Textes, dass hier jemand viel zu sagen, aber nichts zu erzählen hat, wiederholt sich. Die Geschichte eines Paares, wieder ohne eine grundlegendes Handlungsgerüst, wieder mit der etwas misantropen und gelangweilten Grundlage, dazu einigen eher reizlosen Gedanken zu Terrorismus und zum Kapitalismus. Allein die Idee mit der Verbindung Liebe zu einer Autopsie finde ich wirklich gelungen. Deutlich verschlimmert wird der Text durch die fehlenden handwerklichen Mittel, die Beschreibungen sind einfach schlecht gemacht, es fehlt eine gute Beobachtungsgabe, es fehlt eine Dynamik in der Sprache. Insgesamt ist der Text ziemlich schwach.

3. Jochen Schmidt: Dieser Autor mit seinem Text über einen offensichtlich depressiven und narzisstischen Astronauten vermittelt im Gegensatz zu den ersten beiden Texten den Eindruck er hätte etwas zu erzählen. Obwohl dieser Text sich eine depressive, misanthropische Gefühlslage leistet, so ist der Text wesentlich dynamischer in seiner Sprache, ausgefeilter in seinen Figuren und auch die Gedankengänge gehen über die Figur und platte Gesellschaftskritik hinaus. Trotzdem wirkt der Text ein wenig geschwätzig, weil er immer wieder assoziativ das Thema wechselt, dann einem anderen Gedankengang folgt, um dann wieder auf ein vorheriges Thema zurückzukommen, dieses aber erneut nur anzureißen.
Vom Stil und dem Sprache her ist dieser Text überdurchschnittlich, und im Gegensatz zu den ersten beiden Texten eigentlich gut zu lesen, nur das er ein wenig geschwätzig ist.

4. Andrea Grill: Bei dieser Autorin hatte ich durchaus das Gefühl, sie hätte etwas zu erzählen. Nur hatte ich auch das Gefühl, dass entweder sie nicht wusste, wie sie das erzählen müsste oder das ich einfach nicht in der Lage bin diesem Text zu folgen. Die Protagonistin führt nach einer zerbrochenen Beziehung ein fingiertes Gespräch mit einem Mann, und kann einerseits die Wohnung nicht verlassen- sie sieht in allen Reisen, Aufbrüchen Katastrophen. Gleichzeitig imaginiert sie die Zeit mit dem Mann in einem Urlaub oder auch in ihrem Umfeld. Stilistisch war dieser Text weitgehend durch sehr schnelle Sätze ohne Kommas geprägt, und hat durchaus interessante Stellen. Alleine, ich kann ihm nicht folgen, was nicht gerade das Lesevergnügen erhöht. Dafür gibt es reichlich Raum für Ratespass und Ratefrust, welches Geschlecht hat der Prot. und sein Gesprächspartner, wie hängt alles zusammen. Stilistisch ist dieser Text recht einfach, immer wieder deutet sich aber an, dass die Autorin durchaus ihr Handwerk Sprache beherrscht, nur leider nicht die logisch nachvollziehbare Geschichte.

5. Jörg Albrecht: Wieder ein Text, bei dem ich mir nicht ganz sicher bin, ob der Text zu klug für mich, oder ich nicht klug genug für den Text bin. Anscheinend vermischt der Text die Vorstellungen zu Web 2.0 mit Musik-, Video- und Internetelementen, vermischt die Lebenswelt mit Begriffen daraus, und bildet eine enorme Linkabilität. Die eigentliche Geschichte scheint uninteressant, und wird dementsprechend auch so behandelt, wichtig ist die Collage, die Vermischung von Medien, die Filmschnitte und die Verwirrung von all dem und noch viel mehr. Stilistisch ist der Text an einigen Stellen sehr stark, an anderen Stellen schwach, so daß sich hier keine einheitliche Stilistik ergibt. Der Handlung vermag ich nicht zu folgen, obwohl durchaus interessante Gedankengänge vorhanden sind. Insgesamt zu verwirrend, um gut zu sein, und unklar.

6. Fridolin Schley: Wieder der Text eines Autoren, der durchaus viel zu erzählen hat. Dabei scheint der Autor sich klar an klassischen Vorbildern orientiert zu haben, einerseits in dem meist präzisen Satzbau des Textes über viele Zeilen, und andererseits in vielen Bildern und Beschreibungen. Der Text ist sowohl positiv konventionell, weil er gut gemacht ist, und negativ konventionell, weil er keine eigene Sprache für die Ereignisse findet und dazu noch an vielen Stellen mit Gefühlen durch ein eingeschobenes "schrieb Brand" die Gefühle distanziert und herunterkühlt durch die Distanz. Dabei erscheint die Geschichte gegen Ende abgeschlossen, nur fehlen an einigen Stellen Motivationen, was in Ordnung wäre, aber auch ein wenig Handlungslogik. Insgesamt ein stilistisch und handwerklich gut gemachter Text, der aber leider über das hinaus keine weitere Qualität gewinnt.

7. Lutz Seiler: Bei diesem Text hat man nicht das Gefühl, der Autor habe etwas zu erzählen, sondern der Autor sei ein Erzähler, was ich als großen Unterschied empfinde. Gerade im Vergleich zu dieser Geschichte wird deutlich, wie sehr sich die Qualität der Geschichten unterscheiden. Dieser "Reisebericht" enthält gleichzeitig tragische und komische Elemente, ist in seinen Beschreibungen sehr genau gesetzt und sprachlich eigenständig. Es sind nicht nur die gelungenen Figuren, die teilweise erstklassigen Szenen, sondern auch der Grundton, der diese Geschichte deutlich aus den anderen heraushebt. Stilistisch und handwerklich ist dieser Text einfach besser als alle anderen, und verbunden mit der sehr gelungenen Geschichte und den gelungenen Figuren ist der Text für mich bisher der klare Favorit.

Der zweite Tag:

Der zweite Tag war nicht so überraschend. Wieder viele Texte, bei denen die Vorbilder klar zu erkennen waren, und bei denen ich mich manchmal gefragt habe, wie diese Texte es nach Klagenfurt geschafft haben. Aber das fragt man sich immer bei Wettbewerben... und viele würden sich das ebenso fragen, wenn sie meinen Text dort lesen würden (wenn das je funktionieren würde).

Der zweite Tag des Ingeborg-Bachmann-Preises

8. Silke Scheuermann: Ich habe es nicht geschafft diesen Text wirklich bis zum Ende zu lesen, weil die Autorin vielleicht etwas zu erzählen hat, aber dem Text jede Dynamik fehlt. Und insgesamt hatte ich die ganze Zeit das Gefühl, dass dem Text etwas fehlt, nicht nur Dynamik, sondern auch das Besondere.
Stilistisch ist der Text eher mäßig, und an keiner Stelle wirklich gut. Statt dessen gibt es einige Sätze, die ziemlich daneben gegangen sind.

9. Ronald Reng: Dieser Autor hat etwas zu erzählen, hier hatte ich nur das Gefühl, dass er das erzählte nicht wirklich im Griff hatte. Denn wie der vorherige Text fehlt dem Text die Dynamik, alles ist nett erzählt, nur an einigen wenigen Stellen, wo poetische Figuren eingeführt werden, geht es schief. Insgesamt ist aber hier die Leerstelle fühlbar, immer wieder fühlbar, die Krankheit der Mutter, und auch die Konstellation erscheint interessant. Stilistisch ist der Text sehr mittelmäßig, und alle Versuche das zu verbessern scheitern. Ansonsten fehlt eine Dynamisierung und Akzentuierung, sowie für mich eine Kontrastebene.

10. Dieter Zwicky: Hier hat jemand zweifellos etwas zu erzählen. Aber die Sätze wirken an vielen Stellen aufgeblasen und nicht in sich geschlossen gewachsen, sie blatzen sinnlos auf oder verdrehen sich ins Nichts. Gerade das Fehlen von Pausen, also diese Sätze kurzen Sätzen gegenüber zu setzen, machen diesen Text schwer zu lesen und schwer zu ertragen. Alles wirkt überschäumend, so dass die inhaltliche Ebene überblasen wird.
Stilistisch ist der Text gut, wenn auch an einigen Stellen sichtlich daneben gelangt wird. Sprachlich sieht es ähnlich aus. Mein Fazit ist dadurch schwierig: Der Text ist mir zu aufgeblasen, zu überschäumt und bemüht angestrengt. Allein, es fehlt die Substanz.

11. Michael Stavaric: Dieser Text lässt mich ein wenig ratlos zurück, insgesamt. Einerseits gibt es ziemlich platte Formulierungen über Männer und Frauen, die Ausführungen zum Krieg finde ich nicht sonderlich gelungen, oft verallgemeinernd, pathetisch und platt. Dazu kommt auch die Sexualisierung des Textes, auch wenn es meiner Meinung nach nicht in Richtung Jelinek geht, die manchmal platt ist, aber gleichzeitig auch stark. Andererseits hat der Text eine innere Kongruenz, viele starke Szenen und ist auch manchmal stilistisch stark.
Stilistisch und Sprachlich schwankt der Text zwischen platt und poetisch. Insgesamt überzeugt der Text mich nicht ganz, aber er macht mich neugierig.

12. Milena Oda: Ich habe schon das Gefühl, die Autorin habe etwas zu erzählen, allein die Ich-Perspektive, die Form über Briefe, und die beständigen Verweise auf Literaten finde ich in dieser Zusammenstellung nicht so gelungen. Die Stimmung ist wieder etwas misanthropisch, wobei der Text dies nicht durchhält, und ständig wechselt die Sprache ein wenig, schwankt fast. Stilistisch und sprachlich ist alles schwankend, ohne jemals auf hohes Niveau zu gelangen. Insgesamt ist der Text mäßig.

13. Kurt Oesterle: Dieser Autor hat schon etwas zu erzählen, er tut es nur so, wie es schon sehr viele andere getan habe: ein wenig Süskind, ein wenig Treichel. An diesem Text gibt es ansonsten nicht viel zu bemängeln, auffällig ist dafür, was fehlt. Es fehlt das überraschende, das aus dem Text herausweisende, den vieles wirkt eher anekdotenhaft, und allein die Idee des Einzelkindes als Schicksal reicht meiner Meinung nach nicht.
Stilistisch und sprachlich gut, aber der Text ist nur guter Durchschnitt, weil es kein Mehr hat.

14. PeterLicht: Wieder ein Text, bei dem ich mir nicht sicher bin, ob der Autor wirklich etwas erzählen kann. Besonders gelungen ist der Aufbau mit einer positiv besetzten Sache, die dann nach und nach dekonstruiert wird, in einem temporeichen, fast hysterischen Ton. Gleichzeitig wiederholt sich das immer wieder, wird dann ins Übermaß gesteigert, ohne einen Gegenton zu setzen- für mich einfach zuviel hintereinander. Das Hinterfragen der Sprache, die Dekonstruktion der Wirklichkeit ist aber auch nicht in dieser Form meine "Lese-"Welt. Stilistisch und sprachlich ist der Text sehr gelungen. Aber zu gut fehlt mir noch etwas, zu mittelmäßig ist der Abstand aber auch zu groß. Schwierig.

Der dritte Tag:

Irgendwie war heute nur der letzte Text wirklich überraschend, weil einer der Texte wieder misanthropisch war, ein Text sich wieder auf das absurde bezog, und ein Text letztlich gescheitert war. Das komische hat den Preis letztlich für mich abgerundet.

Der dritte Tag des Ingeborg-Bachmann-Preises

15. Jan Böttcher: ich glaube schon das der Autor hier etwas zu erzählen hat, weil er es leise, fast langsam, ein wenig lethargisch seine Geschichte erzählt, die in sich geschlossen ist, und deshalb nur wenig Raum lässt für den Leser. Der Text ist in sich stimmig, gelungen. Stilistisch und sprachlich ist der Text fast gut, aber er ist mir zu lethargisch um mich mitzureißen, zu geschlossen, um mich zu überzeugen.

16. Björn Kern: wieder ein Text, der mich etwas ratlos zurück lässt. Der Autor erzählt aus der Sichtweise einer dementen 97jährigen und aus der Sicht eines zynischen Pflegers. Die Schilderung der dementen alten Dame finde ich einfach nicht gelungen, weil sie durch eine unglückliche Perspektive bloß gestellt wird und der Pfleger genau hier hineingeht. Genau wie der Text auch in bestimmten Passagen einfach auf alte Standarts an Bildern zurückgreift oder einfach wild Bilder vermengt. Stilistisch und sprachlich greift der Text manchmal daneben.

17. Thomas Stangl: Ich bin wieder ratlos, eine Erfahrung, die mich dieses Jahr das x-te Mal bei einem solchen Text überfällt. Einerseits ist hier ein Autor, der sicherlich erzählen kann, und der sich mit einem den Menschen abgewandten Ich beschäftigt, das sich einerseits in der Umgebung spiegelt ohne sich zu erkennen, und überall sucht, ohne finden zu wollen. Letztlich bleibt also nur die Misantrophie eines selbstunsicheren Ichs.
Stilistisch und Sprachlich ist das stark, aber durch den überkomplexen, immer wieder aufschwemmenden Satzbau recht kompliziert gemacht, was letztlich den Text schwer zugänglich macht, zusätzlich zu dem Gefühl, der Text sucht ohne zu finden. Einordnen kann ich den Text nicht wirklich. Er überzeugt mich nicht, er nimmt mich nicht mit. Sondern verläuft wundervoll so vor sich hin, ohne das ich es wahrnehme.

18. Martin Becker: Dieser Autor hat auch wieder etwas zu erzählen, und er tut es ein wenig trashig, humorig und manchmal mit einer galanten Idee für das Absurde. Leider ist das etwas getrübt dadurch, dass die Pointen manchmal nicht ganz zielsicher sitzen, und die hinterliegende Tragik ein wenig zu absurd ist. Nichts desto trotz ein ordentlicher Text, sprachlich und stilistisch gelungen.