Donnerstag, 28. Juni 2007

Eine Geschichte kehrt immer zu sich zurück... Juli 2007

In John von Düffels Text "Schwimmen und Schreiben. Über den Autor als Amphibium" (aus "Wasser und andere Welten", DuMont Buchverlag 2002), vergleicht er das Schreiben mit dem Schwimmen.
Zuerst muss der Autor sich entkleiden, so Düffel, seine Sachen zurücklassen, und dann in das ewig weiße der Blätter eintauchen, um dann Bahn um Bahn darin zu schwimmen. Er lässt dabei seine Umgebung zurück, seine Gedanken, um nur noch zu schwimmen. Und es sind nicht einige wenige Bahnen, es sind Hunderte. Und es kostet enorme Überwindung, um zu springen, alles um sich herum für diese Zeit aufzugeben.
Diesen Vergleich finde ich wunderbar, weil ich sowohl das Kontemplative, als auch die Überwindung sehe.
Ich habe nur das Problem, dass ich eben nicht Bahn für Bahn ziehe, und mich dem Ende nähere, sondern das Gefühl habe ein wenig wahnsinnig zu sein.
Weil mir die Abfolge nicht klar ist, ein Roman ist nun einmal nicht eine klare Bahn in einem Schwimmbecken, und ich so durch offenes Gewässer schwimme, und manchmal die Orientierung verliere. Wie z.B. kürzlich, als ich bemerkt habe, dass der Ablauf der Szenen ab dem 10. Kapitel nicht stimmt. Und einige Figuren zu wenig Raum bekommen haben, und einige Szenen zu allegorisch sind, weil ich sie nicht anders schreiben konnte oder wollte.
Ich habe ungefähr 100 Manuskriptseiten fertigen Text. Und noch eine Datei mit 200 Seiten Text, die als Steinbruch für den weiteren Verlauf des Romans dienen. Ich werde sie sorgfältig nach Szenen aufmeißeln, einzelne übernehmen (incl. umschreiben und kürzen), ungefähr die Hälfte löschen und vor allem noch jede Menge Kleinigkeiten übernehmen. Letztlich werde ich trotzdem ca. 120-150 Seiten verlieren.
Gleichzeitig wird der Roman jedes Mal klarer, sobald ich merke, dass ich die Orientierung verloren habe... und mich wieder zurück auf den richtigen Weg mache. Das erste Mal seit April 2005 Jahren habe ich das Gefühl irgendwann einmal anzukommen, auf der letzten Bahn. Auch wenn ich dann für meine 450 Seiten vermutlich 1500 Bahnen geschwommen bin.
Und vielleicht klappt es auch irgendwann damit, dass ich einen Verlag finde, der es mit mir und diesem Roman versuchen möchte....

Dienstag, 26. Juni 2007

Testleser

Die unterschiedlichen Meinungen der Testleser richten sich auf ein Konzept, dass man sich als Autor ausgedacht hat. Und eine wichtige Frage ist, wie fest das Konzept ist in der eigenen Vorstellung ist, wie sicher man sich in seinen Vorstellung von den Einzelheiten des Romans ist. Denn Testleser dürfen mit ihren Vorschlägen das Konzept verbessern, aber nur der Autor darf das Konzept verändern. Sie können Einzelheiten anmerken, aber nicht alles in Frage stellen. Sie "dienen" dem Autor sein eigenes Konzept reifen zu lassen, vielleicht auch manchmal zu verwerfen und neu zu beginnen. Aber sie sind nicht die Leser. Sie sind auch nicht die Lektoren.
Wenn man den Testleser seinen Roman überlässt, werden sie ihn kaputtmachen. Weil sie ein Autorenkonzept mit ihrem Konzept vermengen und daraus etwas so ähnliches wie einen Roman machen. Sind es gleich mehrere Testleser... dann wird es nur noch schlimmer. Dann ist es ein halbfertiges Autorenkonzept.. mit unendlich viel Testleserelementen. Oder man hat Claquere für das eigene Selbstbewusstsein, das ist völlig in Ordnung. Denn die applaudieren und motivieren, und haben genau da ihre Qualität.

Kurz:
Testleser nur, wenn man genug Selbstvertrauen in sich und das Konzept hat, und sie als externe Berater zur Rate zieht, ohne ihren Anmerkungen zwingend zu folgen. Ansonsten besser Claquere statt Testleser.

Sonntag, 24. Juni 2007

Beschreibung: Details und Bewegung

Die meisten Menschen nehmen ein Buch in die Hand, wenn sie es in der Buchhandlung entdecken. Sie schlagen es auf, meistens auf der ersten Seite, manchmal am Ende, oft auch irgendwo dazwischen. Und lesen einige Sätze. Und je nachdem was dort steht, entscheiden sie sich, ob sie das Buch mitnehmen. Und auch wenn die meisten Autoren es nicht verraten, eines der großen Geheimnisse des Schreibens ist die Verwendung von Bewegung, Einbeziehung und Details bei den Beschreibungen.

Figuren:
Das beginnt bei den Figuren. Üblicherweise werden Figuren oft so beschrieben:

"Petra hatte lange, blonde Haare, die zu einem Pferdeschwanz gebunden waren....."

Die Beschreibung der Figur erfolgt so, als wäre Petra photographiert worden. Sie scheint während der Beschreibung still zu stehen. Dazu erfolgt die Beschreibung nach klassischen, mittelalterlichen Mustern von oben (Haaren) nach unten.
Der erste Schritt ist es neben den Körpermerkmalen auch die Körpersprache dazu zu nehmen, indem man die Figur in Bewegung setzt.

"Petra kam schwungvoll durch die Tür, riss schon die Hand hoch, um sich zu entschuldigen. Ihre Haare wippten...."

So gibt es auch die Wirkung der Körpersprache, die die Beschreibung erweitert. Im nächsten Schritt kann man noch Marken verwenden, um eine Figur zu charakterisieren. Viele Autoren lehnen das ab, weil man damit dem Markenwahnsinn vorschub leistet. Aber Marken sagen halt oft viel über ihre Träger aus, weil sich viele Leute Kleidung nach gewissen Markenimages auswählt.
Danach kommt das besondere, persönliche und individuelle. Meine Vorstellung dazu ist, dass die meisten Personen sich eben nicht über das äußere von anderen Menschen abgrenzen, sondern durch bestimmte Kleinigkeiten. Diese Details führen dazu, dass die Leser den Rest der Figur mit ihrer Vorstellungskraft ausfüllen, statt nur der Beschreibung zu folgen.

"Als Petra die beiden am Tisch entdeckte, berührte ihre Hand kurz das kleine Silberkreuz um ihren Hals."

Hier in dem Beispiel gibt die kleine Geste einen Einblick in das persönliche der Figur, vielleicht ihre Unsicherheit, vielleicht ihren Glauben.

...., während Petra beim Lesen der Speisekarte eine Schnute zieht. Wie sie das immer macht, wenn es ums Essen geht. Ihr Mund überlegt halt mit....

Diese kleine Schwäche macht sie einerseits sehr individuell, gibt ihr eine Schwäche, und erlaubt es dem Leser sich das genau vorzustellen, und die Figur dabei auszumalen.

Hintergrund:
Die gleiche Sache gilt für den Raum, den Hintergrund der Geschichte. Dieser Raum wird meistens statisch beschrieben, von einer Seite zur anderen.

"Rechts neben dem Fernseher befand sich auf einem Tisch eine griechische Vase, schräg unter einem Portrait...."

Die erste Möglichkeit wäre die Beschreibung von der Figur abhängig zu machen.

"John sah sich zuerst nach einem Fluchtweg um. Direkt am Fenster mit der Feuerleiter...."

Dazu gäbe es die Möglichkeit den Hintergrund einzubeziehen.

"Draußen fuhr ein Laster vorbei, und brachte die Teetassen zum wackeln. John ging zum Fernseher und schaltete ihn aus. Der Fernseher machte ihn einfach verrückt."

Und wieder ein paar Details, die viele weitere Beschreibungen überflüssig macht.

"Auf dem Chippendaletisch lag eine weiße Spitzendecke, die bis runter zu den Beinen ragte, und die Fernsehzeitung und die vielen Rätselzeitschriften verdeckte. Darauf eine klassizistische Vase mit Rosen, ein Teegeschirr mit einer Waldszene...."

Fazit:
Insgesamt wird eine Beschreibung dann interessant, wenn mehrere Dinge miteinander verbunden werden. Aber gerade mit Bewegungen bei Figuren und die Einbeziehung des Hintergrundes, sowie bei Details, wird die Beschreibung flüssiger, sie ist mehr in die Handlung eingebunden und wird farbiger.

Wall of Fame

Es gibt ja für Musik und viele amerikanische Sportarten die "Hall of Fame", also eine Halle, in der die berühmtesten und wichtigsten Persönlichkeiten ihren festen Platz haben.
Und irgendwann braucht jeder Mensch die Vorstellung, dass es irgendwo einen solchen Platz auch für ihn gibt. Also einen Ort, an dem man das Gefühl hat, das sich der gesamte Weg gelohnt hat. Einen Ort, an dem man irgendwann ankommen kann- statt immer weiter nur seinen Weg gehen zu müssen. Ich brauche diese Vorstellung immer, wenn es mir gerade nicht so gut geht. Wenn es mit dem Schreiben nicht so läuft, wie ich mir das vorgestellt habe. Deshalb sammele ich die Kritiken, die uneingeschränkt positiv sind, die ich ansonsten kaum beachte- weil sie eigentlich zu positiv sind. Kritiken, bei denen ich das Gefühl habe: Diesen Leser habe ich wirklich erreicht und diese Leser halten mich für einen besonderen Autor.

"Ich habe deinen Lumpenkerl mit in den Schlaf genommen".
"Wir haben uns noch stundenlang über deine Geschichte unterhalten."
"Du verarscht uns doch, oder? Du kannst nicht unveröffentlicht sein!"

Natürlich hängen nur solche Kommentare an meiner Wall of Fame, alle schön nebeneinander. Weil es Tage gibt, wo man das eigene Selbstbewusstsein aufbauen muss. Und ja, es gibt auch die "Wall of Shame", also die Wand mit den Verrissen, den persönlichen Kritiken, den ehrlichen- aber vernichtenden Kritiken.

"Liest sich wie eine RTL2 Dokumentation."
"So etwas würde niemand je machen. Was für ein Schwachsinn."
"Der Text ist wohl das mieseste, was ich in den letzten Jahren gelesen haben. Der Stil ist mies, die Figuren mies, eigentlich alles mies."

Die brauche ich, wenn ich gerade das Gefühl habe, dass ich gleich abhebe, weil es einfach zu gut läuft. Wenn ich nur noch Kritiken für die "Wall of Fame" bekomme. Dann ist es gut zu wissen, dass man längst nicht so gut ist, wie man manchmal nach solchen Kritiken denkt. Und bevor jemand fragt:

Meine Wall of Fame hängt gut sichtbar neben meinem Fernseher, dort, wo ich jeden Tag hinsehe. Direkt neben einigen schönen Kunstdrucken, neben einem kleinen Gemälde von mir beim Malen (Danke, Christiane) und einem Bilderrahmen mit jede Menge alten Geldscheinen aus dem Kaiserreich, der Weimarer Zeit und auch Geld aus der amerikanischen Besatzungszeit. Da hängen sozusagen Milliardensummen an der Wand, auch wenn der reele Wert der Scheine vielleicht zehn Euro ist. Eine kleine Mahnung. Die "Wall of Shame" ist dagegen in einem Ordner verborgen. Warum?

Ich muss mich nur extrem selten daran erinnern, dass ich als Autor noch lange nicht da bin, wo ich gerne wäre. Meine Niederlagen erinnern mich ständig daran. Und nur ganz selten haben ich einen solchen Hochflug als Autor, dass ich mich selber bremsen muss. Denn das ist manchmal auch ziemlich gut, weil man dann mehr Selbstvertrauen hat, als man beim Schreiben ausgeben kann- und mutig an die Sache herangeht. Und ganz heimlich... ich habe in den letzten Tagen wieder eine Nachricht für meine "Hall of Fame" bekommen. Von zwei Menschen, die ich besonders schätze. Und kann es kaum glauben, weil ich im Moment gerade so viel arbeiten muss, dass ich kaum weiterkomme mit dem Schreiben. Und mich das Schreiben im Moment verlassen hat, für einige Tage.

Donnerstag, 21. Juni 2007

Ich habe etwas auf der hohen Kante

Wie die meisten Schriftsteller habe ich etwas auf der hohen Kante (auf dem Betthimmel der mittelalterlichen Betten). Bücher. Vielleicht ist es für die meisten Menschen unverständlich, dass ich meine kleine Wohnung mit Stapeln von Büchern teile, insgesamt so ungefähr anderthalbtausend. Wobei ich nur die wichtigsten behalten habe, die meisten Bücher hatte ich nur ausgeliehen, habe sie nach dem Lesen verschenkt, sie verkauft. Weil man sich als Bücherliebhaber sonst mit Büchern einmauern könnte.
Aber wie könnte ich anders, als zumindest die wichtigen zu behalten. Allein die Vorstellung, ich würde nach Hause kommen, und dort gäbe es keine Bücher. Schrecklich. Oder ich hätte alle Bücher gelesen. Noch schrecklicher. Auch wenn ich viele meiner Bücher mehrfach gelesen habe. Und sicherlich noch einmal lesen werde. Weil Bücher für mich etwas sinnliches sind. Wenn ich sie aufschlage, das Papier an meinen Händen spüre (hey, ich stamme aus einer Papiermacherdynastie), und der Geruch von Büchern in meine Nase steigt. O.k. vielleicht riechen Bücher für die meisten Menschen nicht besonderlich gut. Weil sie den Geruch ihrer Umgebung annehmen, dieser Geruch sich mit dem Geruch von Papier und Druckerschwärze verbindet.
Aber ich habe diesen Geruch immer geliebt, schon als Kind. Weil Bücher nach Geschichten riechen, neuen Geschichten, einem Abenteuer. Und die Buchstaben nur für einen Moment wirklich da sind, bevor mein Verstand sie wieder zu den Abenteuern ausformt, die der Autor sich gedacht hat. Oder zumindest ähnlich gedacht hat. Denn ich stelle mir meine Version seiner Geschichte vor, nehme seine Ideen nur als Vorlage für meine eigene Vorstellungskraft.
Und wie könnte ich ohne Bücher leben?? Also habe ich auch S.U.B.S., also Stapel mit ungelesenen Büchern, wobei die Betonung auf Stapeln liegt. Allein weil ich die Vorstellung wunderbar finde, dass, egal, was passiert, einige Wochen Bücher auf mich warten, die ich noch lesen kann. Und im Moment warten da Bücher auf mich:
Salman Rushdie, John Irving, Stefan Zweig, Antonia S. Byatt, und viele weitere für die Sprache und den Genuss, und jede Menge historische Romane, einige Kinderbücher, und mehr für die Unterhaltung und den Genuss.Ich habe sogar einige Romane zurückgelegt, die ich schon sehr lange lesen möchte, und auf die ich wirklich warte. Bis ich ein paar neue Romane auf den Stapel gelegt habe, die ich unbedingt lesen will.

Aber das können wahrscheinlich nur andere Buchsüchtige verstehen.....

Dienstag, 19. Juni 2007

Die Freuden einer trashigen Parodie

Ich habe heute das erste Mal seit Wochen beim Schreiben so heftig gelacht, dass mir nachher die Füße weh taten. Warum es gerade die Füße sind, naja, ich musste danach einen langen Spaziergang machen, um die trashigen Sätze aus meinem Kopf zu kriegen und habe es nicht geschafft. Warum?

Ich gebe mal ein Beispiel für eine trashige Parodie, wobei das ein wenig zu gut für Trash ist.

Ich rannte nackt in den Raum. Das Monster war hinter mir her. Ich nahm die Schrottflinte von der Wand, die da die ganze Zeit gehangen hatte. Und lud sie mit der Munition in meiner Hosentasche. Ich war schließlich vorbereitet. Und schoss Peter in den Kopf, der rein zufällig in den Raum kam. Sein Gehirn spritze an die Wand wie Spaghetti mit Tomatensoßen, die man aus einem Zug geworfen hatte. Voll eklig. Er hatte noch ein dümmliches Lächeln im Gesicht. Verdammt. Ich hatte ihn gemocht. Und nun hing das Lächeln an der Wand. Und er würde nie wieder lachen. Mist. Aber egal...

Eine trashige Parodie ist eigentlich eine völlig überdrehte Hommage an ein Genre, in diesem Fall einer klassischen Horrorgeschichte. Und gleichzeitig werden die Fehler der Autoren, übrigens eben nicht nur von Anfängern ,gnadenlos überzeichnet, und mit kleinen Gemeinheiten gegen die Klischees des Genre gespickt und die Allgemeinplätze lächerlich gemacht. Die andere Geschichte kann ich leider nicht einstellen, weil die Gefahr besteht, dass sie eventuell in einen Sammelband kommt. Aber bei meinem Glück... naja... klappt es wieder nicht. Aber eines kann ich versprechen: Das nächste Mal, wenn es mir Scheiße geht, werde ich wieder eine trashige Parodie schreiben. Weil das unheimlich viel Spaß macht, auch wenn mir die Beine wehtun, vom vielen Lachen. (Und natürlich kann ich in der Zwischenzeit auf einen Post mit einem Auszug der Parodie verweisen, siehe hier )

Montag, 18. Juni 2007

Wenn Figuren vielsagend schweigen

Da habe ich die gesamte Wohnung voller Figuren, die mir unbedingt ihre Geschichte erzählen wollen, und ich höre meinen Figuren in letzter Zeit nicht richtig zu. Da sitzt die Nebenfigur meines Romans schon seit Monaten irgendwo schmollend in der Ecke, weil ich irgendwie nicht verstanden habe, was sie zu sagen hat. Und habe sie schlecht geschrieben. Und ganz ehrlich, sie ist nicht der laute Typ, der unangenehme Typ, der sich dann neben mich setzt und mir ins Ohr brülle. Sondern sanft und stur. Und furchtbar beleidigt.
Und nun habe ich nach Wochen festgestellt, mit tatkräftiger Hilfe meines Autorenpartners, dass sie nicht die richtigen Szenen hatte, nicht die richtige Einbindung in die Handlung. Ich habe sie so passiv gemacht, wie sie in der Ecke in meiner Wohnung saß.... Aber sie ist gar nicht so passiv, sie bindet verschiedene Handlungen zusammen, erweitert Probleme. Und sie hat nicht viel zu sagen, aber was sie zeigt, das macht den Roman weiter, breiter und größer. Ihr Gesicht ist ein Gradmesser für meine Hauptfigur, sie ist in gewisser Sichtweise ihr Spiegel. Und obwohl ich als das weiß, habe ich sie schlecht geschrieben. Und muss mich entschuldigen.

Und ja, ich habe schon damit angefangen, heute. Ich habe ihr eine Szene gemacht, ein Kapitel gewitmet. Und lerne sie näher kennen. Und ja, sie ist viel interessanter, als erwartet. (Kein Wunder, passive Figuren erscheinen sehr langweilig). Und nun habe ich einen neuen Sklaventreiber. Diese Figur hat sich zu den anderen gesellt, und teilt mir mit, was ich noch so alles vergessen habe. Und der Roman wird wieder ein Stück länger in der Planung.

Oh, ich Narr des Schicksals....

Freitag, 15. Juni 2007

Perfektionismus

Vielleicht meine schlimmste Eigenschaft. Und meine Beste.Der Perfektionismus bringt mich dazu, mich immer daran zu messen, was ich theoretisch leisten kann. Im Guten, wie im Schlechten. Im Guten bringt es mich dazu ständig über das Schreiben und seine Möglichkeiten nachzudenken. Und an meinem Schreiben zu arbeiten, jeden Tag ein Stückchen. Im Schlechten, weil ich mich ständig daran messe, was ich leisten könnte- und mich nie mit dem ordentlichen, mittelmäßigen oder guten zufrieden gebe. (Und ja, ich täusche mich oft, weil ich nicht immer einschätzen kann, ob der Text wirklich gelungen ist, oder nicht. Aber ich täusche mich selten, wenn ich einen Text als "nicht gut" bezeichne.) Die Folge für mein Schreiben sind Zweifel und die ständige Arbeit gegen meine Zweifel. Das verlängert meine Arbeit natürlich enorm, und macht mich im Vergleich zu anderen sehr langsam. Aber was für ein Genuss, wenn ich meine eigene Ansprüche erreiche, oder an ihnen wachse.

Ich bin halt ein wenig verrückt...

Mittwoch, 13. Juni 2007

Hat mein Roman genug Inhalt?

Seit ich vor über zwei Jahren diesen Roman begonnen habe, stelle ich mir immer wieder in unterschiedlichen Konstellationen diese Frage: Wann hat mein Roman genug Inhalt?
Der Grund dafür ist recht einfach. Im Vergleich zu den meisten anderen Romanen hat meine Geschichte wenig Handlung und einen überschaubaren Bereich an Hintergrundmotiven. Im Vordergrund meines Romans steht eine ablaufende Handlung, die ich mit verschiedenen Verbindungen der Figuren mit ihrer Geschichte, untereinander und den Konflikten verbinde, die daraus entstanden sind und entstehen. Und ehrlich: Obwohl das alles so in meiner Vorausplanung drin war, verunsichert mich das immer wieder. Weil ich das Gefühl habe, dass die Leser meinen Roman schrecklich inhaltsleer finde werden. Weil kaum etwas passiert, zum Mindest im Verhältnis zu der Seitenzahl.
Schreiben ist Verunsicherung, zumindest für mich. Denn irgendwann in meiner Naivität und Selbstunterschätzung habe ich mir enorm viel für meinen Roman vorgenommen. Dementsprechend ist der Roman geplant. Und nun lasse ich mich von den Konsequenzen verunsichern. Weil alles viel schwerer ist, als geplant. Und ich deshalb immer wieder Fehler begehe, die für mich vorher nicht als Fehler abzusehen war.
Wie z. B. der Versuch immer wieder mehr Handlung hineinzunehmen, mehr Dinge gleichzeitig zu bearbeiten- statt auf meine Planung zu vertrauen, in der ich mir Zeit lassen würde.
Aber ich bin lernfähig, und lerne nun ein zweites Mal: Weniger ist manchmal mehr. Und niemals zwei Dinge miteinander zu vergleichen, die nicht viel miteinander zu tun haben. Wie das viel Handlung automatisch mehr Inhalt bedeutet.
Oder anders gesagt: Ich bin ein Trottel mit viel Geduld. Und mit der Tendenz viele Dinge so lange falsch zu machen, bis ich es so bitter gelernt habe, dass ich es so schnell nicht wieder vergesse. Aber ich bin auch ein glücklicher Trottel: Denn mit jedem Schritt komme ich doch weiter. Auch wenn es manchmal nur ein Stolpern ist.

Dienstag, 12. Juni 2007

Der Roman ruft... und der Autor hat keine Zeit

Ich bin gerade dabei eine sehr schwierige Szene zu schreiben. Und ich bin voller Willen, Tatendrang und Ideen.
Nur leider ist der Rest der Welt gerade der Meinung, dass ich viel Zeit habe, oder zumindest haben sollte. Also habe ich gestern noch kurz eine Magisterarbeit dringend vor Abgabe lektoriert, ein Buch gelesen, habe einen Computer geschrottet (mit Rauch und Kurzschluss) und soll einen neuen beschaffen, muss noch eine Lieferung über einen Postdienstleister klären, noch mit einem Elektriker einen Termin machen,....Und die Szene geht in meinem Kopf immer weiter. Und vielleicht ist es auch gut, dass ich warte, während die Szene im Kopf langsam wächst. Aber es nervt schon ziemlich- auch wenn ich mir die Arbeit aufladen lasse.

Sonntag, 10. Juni 2007

Die Feigheit der Person hinter dem Autor

Manchmal muss man Szenen schreiben, die man eigentlich gar nicht schreiben will, zumindest als Mensch hinter dem Autor. Die aber für den Roman notwendig sind und der Autor in einem sagt immer zu "Mach es einfach!". Wenn z.B. eine Figur stirbt, die man gerne durch den eigenen Roman begleitet hat. Oder man muss einer Figur wehtun, wirklich wehtun. Vielleicht muss man sich auch einer Konfrontation stellen, der man sich in diesem Augenblick nicht stellen möchte.
Und ja, wie bereits erwähnt, manche Szenen führen den Autor an Orte oder Ereignisse zurück, an die er nicht gehen möchte. Weil eine überzeugende Szene zu schreiben Empathie erfordert, und Empathie bedeutet die eigenen Gefühle und Erinnerungen zu verwenden, um die Gefühle anderer nachvollziehen zu können.
An solch einer Stelle stehe ich nun seit einer Woche. Meine Hauptfigur muss in einen Konflikt gehen, und ich will sie nicht begleiten. Ich will lieber etwas andere schreiben, etwas leichtes, erfrischendes. Aber ich kann nicht. Zuerst muss diese Szene in die Tasten. Also schleiche ich um mein Manuskript herum, mache hier und da noch etwas anderes, und gehe nicht an die Szene heran.

Diese Szene wird mich an meine Grenzen bringen, vielleicht darüber hinaus, ich werde emotional sein, verletzt, traurig. Ich werde es kaum aushalten vor meinem Computer zu sitzen. Und ich werde weinen, denn ich bin einer der Autoren, die manchmal grausame Sachen schreiben, und dabei weinen. Weil manche Dinge so unerträglich sind, aber sie geschildert werden müssen.
Aber heute bin ich noch nicht so weit. Weil ich ein wenig krank bin, und müde. Aber das sind nur Entschuldigungen der Person hinter dem Autor und für einen Autor gelten sie nicht. Der darf nicht zurückweichen, der muss an diese Szenen ran. Also werde ich mich hinter der Person noch etwas vergraben, und morgen dran gehen. Dann aber ohne Zurückzuweichen. Und heftig unter meiner Entscheidung leiden. Aber das kann noch einen Tag warten, oder??

Samstag, 9. Juni 2007

Gedanken zum Roman

Ich habe vor einigen Tagen diesen wunderbaren Essay entdeckt: Jonathan Rée:The democracy of Don Quixote vom Juni 2007 im Prospect Magazin aus England. Und muss immer wieder über einige Ideen daraus nachdenken:

Der Autor führt den 1605 geschriebenen Roman "Don Quixote" als den ersten modernen Roman an, weil er den auktorialen Erzähler einführte, und eine Identifikationsfigur für den Leser schuf. Und gerade durch die durch einen solchen Erzähler entstandenen Möglichkeiten entstand der Roman mit seinen vielen Möglichkeiten.
Jeder Autor kann unter verschiedenen Perspektiven wählen, narrative und szenische Elemente können unterschiedlich miteinander variiert werden, neben dem Dialog gibt es auch die Gedanken, es gibt unterschiedliche Techniken wie Rückblenden, Übergänge, es gibt verschiedene Handlungsstränge,...
Milan Kundera, so zitiert Rée, meint, dass die größte Leistung Cervantes die Fähigkeit sei "den magischen Schleier, das gewobene Tuch der Legenden" zu zerteilen, die sich zwischen uns und der Welt um uns herum sich befindet. Wahrscheinlich in dem Sinne, dass früher die Welt in die Welt um uns herum, und die unerklärte, magische Welt geteilt war, die nur durch Götter und Legenden zu erfassen war. Vielleicht musste dieser Schleier heruntergerissen werden, um zu zeigen, dass beides eins ist und das vieles scheinbar magisches durchaus erklärbar ist, und zwar u.a. auch durch den Roman. Vielleicht auch in dem Sinne, dass unsere Welt oft nicht aus einem Stück zu bestehen erscheint. Cervantes zeigt dies, wie Rée anführt, als Don Quixote auf dem Sterbebett liegt. Eine Szene, die üblicherweise in den alten Literaturformen mit dramatischen Monologen belegt worden wäre, mit dem Eingreifen der Götter und der bitteren Erkenntis, dass die Menschen von den Göttern verlassen worden sind, vorgetragen durch den Chor.
Aber bei Cervantes geht das Leben einfach weiter, als Don Quixote auf dem Sterbebett liegt. Die Nichte isst, der Verwalter geht einen trinken, ... Also ist kein Raum für die oft überzogen scheinende Dramatik eines Sterbemonologs. Es ist Raum für eine "prosaische Schönheit", wie Kundera sie nennt, oder wie Rée sie nennt, eine "geminderte Sentimentalität". Eine der großen Leistungen und Möglichkeiten des Romans. Nicht mehr das Starke in der Maximierung der Gefühle zu suchen, im Großen, sondern im Kleinen.
Rée ergänzt, dass Kafka diesen Schleier endgültig zerissen hat, und beide Welten wieder zusammengeführt, das menschliche und das göttliche, indem der Roman zum Zeugnis einer "unvermeidbaren Relativität der menschlichen Wahrheiten" wurde. Kundera ergänzt, so Rée, dieses weiter, indem er sagt, "dass niemand die Person ist, die er glaubt zu sein, und dass dieses Missverständnis allgemein ist, grundlegend und das es auf die Menschen einen sanften Strahl des Komischen zaubert." Und das die Erkenntnis Grundlage des modernen Roman ist.
Die Überlegungen über die politische Bedeutung des Romans überspringe ich, auch wenn gerade die Pluralität den Roman zu dem literarischen Werkzeug der Vielfalt und damit der Demokratie macht. Was u.a. auch die die Autorenverfolgung in nicht-demokratischen Ländern erklärt.
Rée greift im weiteren Verlauf seines Essays auf Susan Sontag zurück, die ihrerseits in einem tiefgreifenden Essay über Victor Serge herausarbeitet, dass dieser gerade über die narrative Verdopplung (Autor und Erzähler, sowie die Hauptfiguren) sich von seiner vereinfachten Vorstellung einer Auseinandersetzung zwischen Ideologien wie Kapitalismus und Sozialismus befreien, und so Bücher schreiben, die wie Sontag schreibt: „besser, weiser und wichtiger waren, als die Person, die sie schrieb.“

Somit ist die Leistung des Romans, den Erzähler und eine Identifikationsfigur zu schaffen, eine Leistung auch für den Autor, der über die Empathie und das Hineinversetzen in Erzähler und Figuren über sich selber und seine Meinungen hinauswachsen kann, um Antworten auf große Fragen im Verlauf des Romans zu suchen, die eben nicht nur an seine Haltungen und Vorstellungen gebunden sind. Eine weitere Leistung des Romans, Rée fasst dies aus mehreren Essays Sontags zusammen, sei es klar zu machen, dass, wie allseits bekannt ist, dass es, egal was passiert "irgenwo immer weitergeht. Vargas Llosa, so Rée stellt in einem seiner Essays fest, dass Isak Dinesen zwar sagt, dass sie sich nicht für die "soziale Frage" interessiert, aber er in ihren Gothic Tales weit mehr politische Schilderungen darüber findet, als in der realistischen Bekenntnisliteratur. Gerade der Versuch Wirklichkeit abzubilden, und zwar eben nicht nur realistisch, schafft Aussagen über die Wirklichkeit, die bedeutend sein können. Eine weitere Dimension des Romans.

Aus allen diesen Gründen ist Cervantes "Don Quixote", so Rée, ein Roman des 21. Jahrhunderts.

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So viele wunderbare Gedanken über den Roman, seine Stärken, seine Möglichkeiten.... Wundervoll

Freitag, 8. Juni 2007

Warum schreibe ich, was ich schreibe

Ich habe früher versucht Fantasy zu schreiben, aber ich habe es nicht geschafft. Das lag nicht nur an mangelnder Erfahrung und mangelndem Handwerk, sondern weil es für mich der falsche Bereich war.
Schreiben ist für mich denken. Dementsprechend sind meine Texte der Versuch Antworten auf bestimmte Fragen zu bekommen. Die Figuren kommen zu mir, und dienen mir, indem sie mich "vervielfachen" (um aus dem Essay "Die Demokratie von Don Quixote" aus dem Link zu zitieren), ich aus meiner eigenen Sichtweise und Perspektive hinausgehen muss, um für sie und für mich verschiedene Möglichkeiten zu entwickeln, wie man diese Frage beantworten könnte. Mehrere Möglichkeiten, weil ich nicht glaube, dass es nur eine Antwort auf eine Frage gibt.

Und nach einigen Versuchen etwas anderes zu schreiben: Es geht einfach nicht. Ich bin grenzenlos unzufrieden, wenn ich anders schreibe, gradliniger arbeite und mich mit einfachen Antworten zufrieden gebe, oder mit nur auf Spannung ausgelegten Plots. Dementsprechend kann ich nur etwas schreiben, das mir die Möglichkeit lässt so zu arbeiten. Somit bestimmt mein Denken was ich schreibe.
Das bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass ich das, was ich schreibe, auch schreiben kann. Dementsprechend habe ich, wie ein befreundeter Autor es mal genannt hat "das Denken verbessert, um besser zu schreiben". Ich bin noch nicht da, wo ich sein möchte. Und habe sehr viel Zeit investiert, um besser zu werden.

Aber welche Wahl habe ich schon?? Schreiben ist für mich denken. Also denke ich und schreibe. Und vielleicht überzeuge ich irgendwann einen Verlag und Leser mit mir mitzudenken.

Die Szene (Grundformen der Geschichte)

Eine Handlung kann man entweder narrativ oder szenisch auflösen. Narrativ bedeutet, ein Erzähler erzählt die Handlung, szenisch bedeutet, dass der Erzähler die Situation vorbereitet, in der sich die Handlung dann abspielt.

Einleitung:
Üblichweise beginnt eine Szene mit einer Einleitung. Oft wird zuerst der Hintergrund, also der Handlungsort und die Figuren vorgestellt, um eine Stimmung zu erzeugen.

Hinter dem grauen Horizont wirkte die Sonne merkwürdig kraftlos. Und genauso kraftlos fühlte sich ....

Dabei wird oft die Einleitung mit längeren Sätzen gestaltet, oft in der Form der Aufzählung, um später in der Szene durch kürzere Sätze das Gefühl der "Atemlosigkeit" zu erzeugen.

Er war erst einmal in diesem Café gewesen. Und es hatte ihm direkt gefallen hier zu sein, umgeben von den Bücherregalen mit den ganzen Büchern, in die man hineinlesen dürfte, die man tauschen und mitnehmen konnte. Und besonders hatte ihm die Kellnerin gefallen. Eine kleine Person, mit großer Stimme, nach der sich immer alle im Raum umdrehten. Und die dann mit ihrer Schürze und einem Lächeln an den Tisch kam...

Je nach Vorliebe wird manchmal der Handlungsort erst ausgiebig beschrieben, während andere Autoren die Beschreibungen auf den ersten Teil der Szene verteilen. Beeinflusst durch moderne Filmschnitte ist es heutzutage nicht mehr nötig lange in eine Szene einzuleiten, da der Leser schnelle Schnitte von Szene zu Szene gewohnt ist. Deshalb wird oft die Einleitung weggelassen, oder die Einleitung später in die Szene hineingenommen.

Konflikt:
Nun wird der Konflikt dargestellt, also worum es in dieser Szene geht. Konflikt deshalb, weil eine Szene meist erst interessant wird, wenn zwei Menschen ein unterschiedliches Ziel oder unterschiedliche Interessen verfolgen.

"Wo bist du die gesamte Nacht gewesen?", fragte sie ihn. Er sah aber nur zum Fenster, beobachtete die Wassertropfen auf ihrem Weg zum Fensterbrett.
"Das geht dich nichts an."

Das ist die Grundsituation der Szene, der Ausgangspunkt, aus dem sich alles weitere entwickelt.
Dabei wird oft ein Hinweise zitiert: Steige möglichst spät in eine Szene ein, und möglichst früh wieder aus der Szene aus. Die Idee dahinter ist, dass zwei Personen, die sich nur begrüßen, ohne das irgendetwas weiteres passiert, unglaublich uninteressant sind. Also wäre es vielleicht besser zu sagen: Fange dort mit einer Szene an, wo es interessant wird.

Steigender Konflikt:
In diesem Teil soll der Konflikt nun sehr langsam eskalieren. Die Betonung liegt auf sehr langsam, damit der Leser dies verfolgen kann und die spätere Eskalation nachvollziehen kann.

"Immer bist du Abends weg." Murmelte sie. Und rührte den Haferbrei um. "Und nie sagst du mir, wo du warst. Vertraust du mir nicht?"

Er sagte immer noch nichts, sondern trank erst einmal einen Schluck Bier. Warum hatte er sie nur geheiratet, dachte er. ....

....

"Ich will das jetzt aber wissen!" Sie sagte es energisch, und drohte ihm unabsichtlich mit dem breibeschmierten Kochlöffel.

Retardierendes oder verzögerndes Element:
Üblichweise wird nun der Konflikt für einen Moment unterbrochen. Vielleicht kommt nun ein Kind in den Raum, vielleicht klingelt das Telefon. Auf jeden Fall wird die Spannung gerade nicht aufgelöst, sondern bleibt im Raum.... und der Leser hat einen Moment um über die Lösung nachzudenken.
Es gibt aber auch die Möglichkeit nun eine zweite Szene einzuschieben, und so die Lösung auf später zu verlangern, also eine Doppelszene daraus zu machen.
Eine weitere Lösung wäre ihn auch eine unzureichende Erklärung murmeln zu lassen, und es für einen Augenblick so aussehen zu lassen, als würde ihr das genügen.

Eskalation:
Nun wird der Konflikt wieder aufgenommen, und der Konflikt in Worten und Handlungen deutlicher. Dabei können auch die Sätze im Verlauf kürzer werden, um die Spannung zu betonen und ein Gefühl hastiger Konfliktentfaltung zu schaffen.

"Das reicht jetzt!" Sagte er. "Es ist genug. Ich werde es dir nicht sagen. Punkt". Sie warf wütend den Kochlöffel nach ihm. "Zum Kochen bin ich gut genug. Ja." Sie raffte ihre Röcke und eilte zur Tür. Um sie mit voller Wucht hinter sich zuzuwerfen.

Und wie immer fiel dann der Kessel aus der Halterung, und der Haferbrei floss auf die Glut. "Mist!" Brülle er ihr hinterher. "Su machst immer nur Mist."

Höhepunkt:
Im Prinzip wird nun der Konflikt gelöst, zumindest vorübergehend. In diesem Fall könnte er ihr erzählen, warum er so spät kommt. Aber er könnte sich auch gegen sie durchsetzen und es ihr nicht sagen. Oder alles mögliche andere.

Ausleitung aus der Szene:
Genau wie die Einleitung wird die Ausleitung oft weggelassen, und die Szene geht danach sofort in die nächste Szene auf. Ein Beispiel wäre, dass die beiden zusammen im Bett liegen, vielleicht läuft er ihr auf der Straße hinterher.... Oder es kommt noch ein kurzer narrativer Teil:

Er saß noch eine ganze Zeit in dem Raum, während der scharfe Geruch nach verbranntem Haferbrei die Luft schwer und dick machte. Sie hatte sich überzeugen lassen, dass er weiterhin Abends weggehen konnte, zu den heimlichen Treffen. Aber sie würde ihn nie in Ruhe lassen. Das war ihm klar.

Wichtig ist nicht zu lange bei der Szene zu bleiben. Wie oben erwähnt ist eine Szene ohne Konflikt oft uninteressant und langweilig. Weshalb auch hier gilt, nach dem Höhepunkt dann die Szene zu beenden, ohne noch einen langen Salmon dranzuhängen, wie z.B. die Figur noch die Küche saubermacht, den Kessel und die Halterung repariert, noch im Stall über das Leben sinniert, dann noch rasch.... Ihr wisst jetzt, was ich meine.

Donnerstag, 7. Juni 2007

Darstellung von Liebe (durch Körpersprache und Details)

Liebe kann auf sehr unterschiedliche Arten in einem Text dargestellt werden, genau wie es sehr unterschiedliche Arten von Liebe gibt. Ich möchte hier verschiedene Liebesarten und Möglichkeiten ihrer Darstellung vorstellen.

Eine neue Liebe:
Auch ohne intensive Beschäftigung mit Körpersprache werden die meisten Autoren bestimmte körperliche Signale beschreiben- weil selbst die wörtliche Äußerung "Ich liebe dich!" ohne die Bestätigung durch körperliche Signale kaum etwas bedeutet.
Bsp.: Sie sah ihn verliebt an, strich eine Haarsträhne aus ihrem Gesicht./// Er wischte sich die feuchten Hände an der Hose ab, und rutschte auf der Parkbank näher./// Ihre Knie zitterten, als sie auf ihn zuging./// Er stand vor ihr, sah sie an- und konnte doch nichts besseres als " Hallo" sagen, bevor ihm Blut in die Ohren schoß und er hastig über den Gang floh...

Alle diese Beschreibungen kann man in vielen Büchern finden. Eine Beschreibung wie "sah ihn verliebt" an ist die Zusammenfassung mehrer körperlicher Signale. Es ist recht einfach zu beschreiben, wie Menschen körperlich reagieren, wenn sie sich verlieben. Die meisten Menschen können hier aus einem reichhaltigen Reservoir eigenen Erfahrungen schöpfen. Besonders interessant wird es aber, wenn man Körpersprache sehr bewußt einsetzt.


Bsp.: Micha näherte sich langsam Sarah, die mit ihren Freundinnen bei den Basketballkörben auf dem Schulhof standen. Seine Knie schienen so weich zu werden, wie der Gummiplatz, während er seine feuchten Hände an der Baggypants abwischte.
"Hast du Lust mit mir ins Kino zu gehen?"
Murmelte er, bewegte dabei den Kopf zu beiden Seiten. War das wirklich ein guter Satz, oder sollte er es wie sein Freund Mehmet machen.
"Dein Vater muss ein Dieb sein, wenn er für deine Augen die Sterne von Himmel geholt hat."
Unbewußt senkte er den Kopf, spürte wie sein Atem schneller ging. Sarahs Freundin hatte ihn entdeckt, und sich demonstrativ zwischen sie und ihn gestellt.
"Ich lass es besser."
Mitten auf dem Platz blieb Mischa stehen. Sah sich um, sah wie Mehmet ihm mit den Augenbrauen den Weg zu Sarah wies. Er atmete laut aus, steckte die Hände in die Hosentaschen und ging weiter....

Hier habe ich immer wieder Körpersprache ganz bewusst eingesetzt, um die Situation für den Leser sehr glaubwürdig zu machen und gleichzeitig den Leser in diese Geschichte hineinzuziehen.
Es handelt sich natürlich nur um eine kurze Skizze- und sicherlich kann ein Autor noch weit mehr aus einer solchen Szene herausholen. Mir geht es aber um die Wichtigkeit von Körpersprache- und was damit alles möglich ist.

Eine erkaltete Liebe
Auch in diesem Fall kann man sehr mit Körpersprache machen. Gerade in den Gesten wird sehr schnell deutlich, wie es um eine Liebesbeziehung bestellt ist. Ich will es direkt in einem Beispiel verdeutlichen.


Bsp.:Bernd betrat das Schlafzimmer. Laura war schon auf dem Bett und las im Licht der Nachtischlampe ein Buch, ihre Kleidung lag sorgsam sortiert auf einem Stuhl.
"Hallo, Schatz."
Bernd öffnete den Wäschekorb und zog das Hemd aus. Laura war immer noch mit ihrem Buch beschäftigt und sah ihn nur kurz über den Buchrücken an.
"Wie war dein Tag."
Bernd warf seine Jeans in den Korb, drehte sich zu Laura um. Die hatte ihre Augen wieder in dem Buch versenkt.
"Danke, ganz gut."
....
Laura hob die Bettdecke an, Bernd kroch unter die Decke. Laura legte das Buch auf den Nachtisch und knipste das Licht aus. Er rutschte über das Laken zu ihr rüber, seine Hand legte sich auf ihren Bauch.
"Gute Nacht, Schatz."
"Gute Nacht."
Laura dreht ihm den Rücken zu, Bernd seufzte. Dann rutschte er über die Laken zurück und sah zur Wand.

In dieser ebenfalls skizzenhaften Szene gibt es einen mehrere Kontraste. Eigentlich ist eine Schlafzimmerszene sehr intim, aber die Dialoge bleiben sehr allgemein. Er zieht sich aus, aber das scheint sie nicht zu interessieren. Sie liest lieber ihr Buch. Offensichtlich "knistert" es nicht mehr.
Die Berührung an ihrem Bauch zeigt an, daß sie eine intime Beziehung haben oder hatten. Das sie das Licht ausmacht zeigt aber, dass sie nicht sehr interessiert ist. Die aufeinander "gerichteten" Hintern zeigen an, dass es um ihre Liebe nicht sonderlich gut steht.

Eine bestehende Liebe
Viele Darstellungen von einer bestehenden Liebe enthalten großen Pathos und große Worte. Es werden Blumen mitgebracht, romantische Abende verlebt, toller Sex und ein freundlicher Umgang sollen den Leser zusätzlich auf die richtige Fährte setzen. Aber die meisten Darstellungen dieser Art wirken dadurch unecht und wenig glaubwürdig.

Bsp.: Jean-Pierrre hatte einen Strauß langstiliger Rosen zu ihrem Treffen im Park mitgebracht. Claudia wartete schon auf der Parkbank. Sein Herz klopfte, als er näher kam. Sie sah bezaubernd aus mit ihren blonden Locken, dem dezent geschminkten Gesicht.
Er kniet sich in seinem guten Anzug vor sie auf den feuchten Erdboden.
"Ich liebe dich über alles."
Claudia lächelte. Jean-Pierre war auf Wolke sieben.
"Ich dich auch, Jean-Pierre."

Ich gebe zu hier einige zusammenfassende Beschreibungen eingebaut zu haben, damit ich nicht zuviel Körpersprache einsetze. Diese Darstellung ist auch wieder sehr skizzenhaft.
Bis auf das übertrieben wirkenden hinknien zeigt der Autor keine körperliche Reaktion der beiden aufeinander. Das Lächeln ist zu allgemein, um ihre Gefühle auszudrücken. Aber es findet sich hier keine Erklärung, warum die beiden ineinander verliebt sind, es wirkt sogar fast unpersönlich, weil seine Geschenke und der Ort mit ihrer persönlichen Beziehung nichts zu tun haben.

Bsp.:Jean-Pierre hatte extra eine dieser kitschigen Elfenfiguren in einem Strauß Tulpen versteckt, weil Claudia die so mochte. Vorsichtig öffnete er die Tür und schlich sich in ihre gemeinsame Wohnung.
Claudia wickelte gerade Henry, ihren gemeinsamen Sohn auf dem Wickeltisch, und Jean-Pierre seufzte. Kinderkacke hatte aber auch gar nichts romantisches. Er hörte das Giggeln seines Sohnes, und wie seine Frau wieder in dieser komischen Babysprache mit ihm sprach
" Dudududu hast KackaKacka gemacht!"
Seufzend blieb er neben der Tür stehen und betrachtete sie. Sie hatte nachlässig ihre Haare hochgesteckt und hob spielerisch die Beine seines Sohnes an. Hier wollte ich mein Leben lang sein, dachte er, spürte wie sich Tränen in seinen Augen sammelten.
" Hallo, Schatz."
Claudia drehte sich um, lächelte mit vielen Fältchen um die Augen. Dabei strich sie etwas Kinderkacke in ihr Haar. Das machst du immer, Schatz, dachte er.
" Hallo, mein Schatz."
Claudia hob ihre beschmutzen Hände und hielt sie nach oben, während sie schon einem einen Kußmund formte. Jean-Pierre kam näher, er spürte die Tränen in seinen Augen, wie seine Knie weich wurden, als er sie nur einfach so ansah.
" Ich liebe dich, Claudia."
.....

Skizzenhaft habe ich nun eine andere Szene umrissen und mit vielen Details ausgefüllt. Der Ort und die Situation ist weit weniger romantisch. Aber die Körpersprache und die Gedanken (sowie die Geste- Elfenfiguren) unterstreichen hier das Gefühl- er liebt sie, und sie liebt ihn.

Was macht denn Liebe aus?
In vielen Beziehungen entwickelt sich über die Jahre eine ziemlich genaue Kenntniss des anderen. Im Film "Good Will Hunting" erzählt Robin Williams in der Rolle als Psychiater von seiner Frau. Auch hier gibt es Pathos und große Worte. Am glaubwürdigsten wird die Darstellung der Liebe zu seiner Frau jedoch an anderen Stellen. Wenn Robin Williams in seiner Rolle von den Besonderheiten seiner Frau erzählt, die außer ihm niemand kennt.
Ich habe also vor einigen Jahren einmal verliebte Menschen befragt, was sie an ihrem Partner besonders lieben- und die Antworten waren zum größten Teil sehr überraschend oder auch wieder nicht überraschend.
Bei der Partnerwahl spielt das Aussehen eine große Rolle- bei Liebe scheint das Aussehen nicht mehr so wichtig zu sein.
Ein Mann erzählte mir von dem seltsamen Lachen seiner Freundin, die immer ein wenig zu grunzen anfing, wenn sie sehr stark lachen musste. Er beschrieb auch eine kleine Narbe an ihrem Bauchnabel, die sich immer bewegt, wenn er den Bauchnabel küsst.
Ein weiterer erzählte von der Eigenart seiner Freundin überall in der Wohnung aufgeschlagene Bücher zu verteilen. Er beschrieb auch einen bestimmten Gesichtsausdruck, wenn sie versuchte ihn zu verführen. Sie verdrehte die Augen, lächelte und ein kleines Grübchen an ihrer linken Wange wurde sichtbar.
Ein Mann erzählte, wie seine Freundin immer morgens stundenlang vor dem Spiegel mit einigen Pickeln sprach um sie zu Überzeugen wegzugehen. Sie hatte auch die Eigenheit ihre Unterwäsche in einer Falte des Sessels zu parken, wenn Besuch kam.
Im Film erzählt der Psychiater von der Eigenart seiner Frau in den unpassensten Momenten zu furzen- und er übernahm dann häufig die Schuld, damit es nicht peinlich für sie wurde.

Menschen verlieben sich, weil sie die andere Person attraktiv finden. Aber sie lieben (und wenn es schief geht- hassen) bestimmte Details an dem anderen.
Vielleicht wie jemand spricht, oder wie er die Augen rollt, wie er bestimmte Dinge angeht oder wie er es schafft, trotz aller Widerstände immer weiter zu machen. Somit wirken solche Details besonders überzeugend, wenn jemand deutlich macht, warum er jemanden liebt. Wenn dazu die Körpersprache paßt und der Umgang miteinander.

Mittwoch, 6. Juni 2007

Weibliche Hauptfigur, männlicher Autor

Diese Kombination führt in Kurzgeschichtenforen und bei vielen Testlesern zu recht seltsamen Ergebnissen.
Dann wird die weibliche Hauptfigur von vielen Leserinnen mit bestimmten Archetypen verglichen und es wird festgestellt ob und wie weiblich sie ist. Da wird dann festgestellt: So etwas tun Frauen nicht. So verhalten sich Frauen nicht. Und so etwas kann nur ein Mann so schreiben. Ich will gar nicht leugnen, dass das alles vielleicht stimmen kann, und in vielen Fällen (auch bei mir) stimmt. Aber kann man das alles so generalisieren? Sind Frauen in so unterschiedlichen Dingen so ähnlich?
Dass viele Autoren bei der Darstellung von Frauenfiguren erbärmlich versagen, hat Ruth Klüger in ihrer Essaysammlung "Frauen lesen anders" wunderbar herausgearbeitet. Überall in der Literatur tauchen bestimmte Archetypen auf: Sie heilige Hure in unendlichen Variationen, eine schöne Frau als Statussymbol eines Helden, die sich selbst aufopfernde Mutter oder Begleiterin,... Und diese Figuren wirken nicht lebendig, es sind Abziehbilder, Schatten einer Abbildung.
Genau deshalb habe ich mir einigen Jahren sehr intensiv mit diesem Thema beschäftigt. Und habe Bücher von Autorinnen gelesen, und dadurch so wundervolle Autorinnen wie Sylvia Plath, Ingeborg Bachmann, Toni Morrison, Francoise Sagan, Virginia Woolf, die Geschwister Brontè und viele andere kennengelernt. Ich habe unendlich viel über das Schreiben gelernt, über die Bedingungen des weiblichen Schreibens früher, und über die Darstellung von Frauenfiguren. Oder ich hoffe das zumindest.

Und nun diese Rückmeldungen. Habe ich etwas nicht verstanden? Habe ich es falsch gemacht? Kann ich mich nicht in eine weibliche Figur hineinversetzen??

Besonders verstörend sind aber weitere Rückmeldungen. Es gibt Rückmeldungen von Leserinnen, die in exakt die andere Richtung gehen. Dort wird die Darstellung nicht an einem fiktiven "Wie weiblich ist die Figur" gemessen, sondern es wird die Glaubwürdigkeit der Figur analysiert "Könnte eine Frau so sein?" Und diese Leserinnen lassen im Rahmen von Individualität eine Vielfalt an Frauenfiguren zu, akzeptieren die Möglichkeit, so dass ich hier oft die Rückmeldung bekomme, meine Figur wäre besonders gelungen.
Nun wäre es einfach zu sagen, die erste Gruppe hätte Unrecht und die zweite Gruppe recht. Ich würde es mir zu einfach machen. Denn natürlich hat die erste Gruppe ziemlich gute Argumente für ihre Position. Denn meine Frauenfiguren sind sehr individuell und kompliziert gestaltet. Viele strukturieren ihre Gedanken nicht logisch, sondern assoziativ, was sicherlich näher an normalen Gedankengängen für Männer und Frauen liegt. Zudem befinden sich viele meiner Figuren in Extremsituationen, und entsprechen nicht üblichen Frauenbildern. Zudem ist die Wortwahl meiner Figuren oft derb, und ihre Sexualität entspricht nun wirklich nicht der Vorstellung von Kuschelsex, die viele Menschen Frauen zuordnen. Und ich könnte noch viel mehr aufführen, was meine Frauenfiguren schwierig macht.

Und es gibt einen weiteren Indikator:
Ich kriege manchmal Kommentare von Männern, oder habe sie bekommen, wo jemand schreibt: "Endlich spricht das jemand mal über Frauen aus". Und wenn jemand das so sagt, dann möchte jemand seine negativen Vorstellungen über Frauen durch meine Texte bestätigen.
Und das habe ich nie gewollt. Mir geht es darum glaubwürdige Figuen zu schaffen, die stark sind, vielfältig und sehr individuell. Also komme ich nicht zu einem Ergebnis. Außer dazu beide Sichtweisen anzunehmen, und zu versuchen meine Frauenfiguren noch besser zu schreiben und ihnen noch mehr zuzuhören.

Schreiben ist Scheiße

Warum? Ich bin gelernter Versicherungskaufmann und könnte von diesem Beruf viel besser leben, als die momentane Mischung von Student und Schriftsteller. Und nein, damit meine ich nicht das Geld. Als Versicherungskaufmann hatte ich eine bestimmte Anzahl klar definierte Aufgaben, die nach bestimmten Mustern erledigen musste. Nur leider gibt es so etwas bei einem Roman nicht. Denn Schreiben ist Scheiße.

Als Schriftsteller sitzt man mit seinem Manuskript zu Hause, und ist letztlich für alles verantwortlich. Sowohl für die Erfolge, als auch die Misserfolge. Und die sind viel häufiger als die Erfolge. Und diese Misserfolge zehren an den eigenen Kräften, dem eigenen Selbstbewusstsein. Und genau das braucht man, um sich jeden Tag an ein Manuskript heransetzen zu können, ohne alles zu hinterfragen. Denn dann kommt man nirgend hin, nicht einmal zu Scheitern. Schreiben ist halt Scheiße.

Ständig muss man die eigene Erlebenswelt (im Sinne selber erlebt, gehört,...) verwenden, um tief in die Gefühls- und Lebenswelt seiner Figuren einzusteigen. Also verwendet man die eigenen Erfahrungen, erlebt sie immer wieder, und erweckt Dinge wieder, die man am gerne vergessen hat. Ein ständiges Aufwühlen der eigenen Gefühle, auch oft über die eigenen Grenzen hinaus. Deshalb ist Schreiben Scheiße.

Und klar, man vernachlässigt seine Freunde, seine Wohnung, einfach alles, wenn es mit dem Schreiben läuft. Oder nicht läuft. Weil das Schreiben so unendlich viel Zeit und Energie erfordert. Um dann zu scheitern. Das sind alles gute Gründe das Schreiben aufzugeben. Weil Schreiben Scheiße ist. Und wenn die Literatur nicht in meinem Nacken säße, und mir süß ins Ohr flüstern würde, würde ich einfach aufhören zu schreiben. Aber ich kann nicht aufhören. Weil dann auch mal eine Leserin schreibt, dass sie "diesen Text mit in ihre Träume genommen hat". Oder ein Leser sagt, dass diese Geschichte vom gefühlten Erleben wie "die Trennung von der Exfreundin" war. Und ich in diesem Augenblick weiß, dass ich gar nicht aufhören möchte. Weil ein solcher Satz all das wert war, was ich auf mich genommen habe, um zu schreiben. Und weil ich gar nicht anders kann, als zu schreiben. Weil ich krank werde, wenn ich nicht schreibe, wirklich krank. Und anfange in meinem Kopf meine eigene Erzählstimme zu hören, die mein Leben kommentiert. Und ich eigentlich immer nur schreiben will. Deshalb ist Schreiben auch Scheiße.

Entwicklung einer Geschichte

Vielleicht hört es sich seltsam an, aber als Autor finde ich nur die Themen. Manchmal ist es ein Bericht im Fernsehen, manchmal nur eine kurze Nachricht, was auch immer. Sobald ich einmal angefangen habe mich für ein Thema zu interessieren, finde ich immer wieder Berichte im Fernsehen und in Zeitschriften, die sich mehr oder minder damit beschäftigen. Selektive Wahrnehmung vermutlich.

Die Figuren tauchen von selber an meiner Tür auf, mit einer eigenen Geschichte und setzen sich dann irgendwo in meine Wohnung, bis ich ihre Geschichte erzähle.Und ja, das ist manchmal kaum auszuhalten, wenn eine Figur eine ganze Zeit in meiner kleinen Wohnung wartet, dass ich ihre Geschichte erzähle. Und mir dabei noch über die Schulter schaut.Aber selbst wenn Thema und Figur schon da sind, ich brauche auch die richtige Zeit, um eine Geschichte zu erzählen. Denn schließlich habe ich nur Zeit für einen Roman, und der regiert die Zeit, die ich für Kurzgeschichten habe.

Irgendwann beginne ich die Geschichte dann mit dem ersten Satz. Oft genug brauche ich Stunden, Tage oder Wochen, bis ich einen brauchbaren ersten Satz habe, der mir eine Vorstellung gibt, wie diese Geschichte werden wird. Denn der erste Satz bestimmt die Stimmung und den Rhythmus vom zweiten Satz, und vom dritten. Und daraus entwickelt sich dann erst wirklich, wie die Geschichte sein wird.

Oft genug mache ich einen ersten Versuch eine Geschichte zu erzählen, aber es ist der falsche erste Satz, die falsche Stimmung. Und dann klappt es vielleicht beim nächsten Mal. Und ja, nur ungefähr jede zweite Geschichte, vielleicht sogar nur jede dritte Geschichte, schafft es an meinem Zensorhund vorbei, und bekommt eine Chance von anderen gelesen zu werden. Und ja, sobald ich die erste Fassung einer Geschichte fertig habe, wird sie dann in einen Überarbeitungskreislauf gelegt, und am nächsten Tag noch einmal überarbeitet, einige Tage später, einige Wochen später, Wort für Wort, Satz für Satz, bis sie insgesamt stimmig ist. (Was aber nicht heißt, dass sie Fehlerfrei ist. Ich weiß nicht, wie andere Autoren das machen. Ich finde immer wieder Rechtschreib-, Grammatik- und Logikfehler).

Talent zum Schreiben??

Die meisten Menschen glauben, dass es ein Talent "Schreiben" oder Schriftsteller gibt. Ich glaube, dass es verschiedene Dinge gibt, die zusammen das "Talent Schreiben" ausmachen.

1. Das Sprachtalent:
Die Sprache besteht nicht nur aus der Grammatik und dem Wortinhalt, sondern auch aus Klang, Zusammenhängen, Wortschatz. Ein Autor muss sich mit all diesem beschäftigen, um dann die Sprache für seinen Text zu gestalten und nutzbar zu machen.

2. Beobachtungsgabe:
Die Fähigkeit das besondere, einprägsame, kennzeichnende einer Person, eines Ortes zu erkennen, und dies in den Text einzuarbeiten.

3. Wille
Die meisten Menschen sind in der Lage einen Text zu schreiben. Aber eine Kurzgeschichte und ein Roman haben eigene Gesetzlichkeiten, die man als Handwerk zusammenfassen kann. Dieses zu erlernen und immer weiter daran zu arbeiten, erfordert viel Willen. Denn Widerstände und Probleme, Scheitern und persönliche Niederlagen sind Teil des Schreibprozesses.

4. Zusammenhänge
Eine Geschichte hat einen Plot, als eine klare rote Linie. Zumindest meistens. Darüber hinaus wirken sich aber die Figuren mit ihren Eigenschaften, die Handlungen und vieles weitere immer wieder in einem Roman aus, oder sollten es zumindest. Dementsprechend ist es besonders wichtig zu erkennen, wie bestimmte Dinge zusammenhängen, welche Folgen Dinge haben und wie sich verschiedene Dinge zu einer Folge vermischen.
Ein Autor kann dies nutzen, indem er in seinem Text Ereignisse und Figuren verknüpft, verschachtelt, aufeinander aufbauen lässst und so über die lineare Struktur des Plotes Verbindungen schafft.

5. Erzählen
Viele Menschen glauben eine Geschichte richtig erzählen zu können, aber ehrlich gesagt: Nur wenige Menschen können eine Geschichte so erzählen, dass man ihnen zuhören muss.

6. Empathie
Wie sehr kann man sich in andere Menschen, in andere Sichtweisen und Lebensumstände versetzen und dies produktiv für die Gestaltung der Figuren und Situationen im Roman nutzen, um den Figuren und Situationen "Glaubwürdigkeit im fiktiven Raum" zu verleihen.

7. Selbsterkenntnis
Das ist die Fähigkeit die eigenen Stärken und Schwächen zu erkennen, und diese darüber in anderen Menschen erkennen zu können. Für einen Autor ist das besonders wichtig, wenn er seine eigenen Erfahrungen und Erlebnisse verwendet (eigene Erlebnisse im Sinne von selbst erlebt, gehört, miterfahren, gelesen,...) um Geschichten zu erzählen, die er nicht erlebt hat, aber wo er sich wirklich vorstellen kann, was das für ihn bedeuten würde.
Es geht darum sich dem Unangenehmen zu stellen, sich nicht immer zu ernst zu nehmen und auch die eigenen Grenzen zu erkennen und an sie mit dem Schreiben heranzugehen.

8. Textanalyse:
Ein Autor muss in der Lage sein einen Text zu analysieren, um zu erkennen, wie der Text aufgebaut ist, und wie der Text "funktioniert". Er kann daraus für das eigene Schreiben wichtige Erkenntnisse ziehen, eigene Schwächen und Stärken erkennen, sowie seine eigene Fertigkeiten überprüfen.
Besonders gut ist es, wenn ein Autor das auch bei den eigenen Texten kann, um Schwachstellen und Stärken herauszufinden.

9. Mut und Zweifel
Der Zweifel ist notwendig, damit man sich nie in seinem eigenen Schreiben zu sicher fühlt. Denn dann hört man auch sich weiterzuentwickeln. Und der Mut ist notwendig, um sich der Kritik anderer auszusetzen, sie auszuhalten
.

Das Talent "Schreiben" ergibt sich aus dem Zusammenwirken dieser recht unterschiedlichen Faktoren und Talente. Dementsprechend ist es häufig recht schwer zu erkennen, ob ein Autor Talent hat, oder nicht. Denn bestimmte Schwächen können die vorhandenen Talente überdecken, genau wie Stärken dies auch können.
Glücklicherweise kann man aber das meiste davon schulen und weiterentwickeln. Ob man alle diese Dinge perfektionieren kann?? Ich weiß nicht, und hoffe mal, dass es nicht so ist. Denn so sehr ich die Stärken meiner Lieblingsautoren schätze, manchmal liebe ich sie gerade wegen ihrer Schwächen.

Freitag, 1. Juni 2007

Aufbereitung für das Literarische Colloquium Berlin... Mai 2007

Der Abgabetermin für das Literarische Colloquium Berlin liegt genau in der Mitte des Monats, und ich musste noch den Anfang kürzen. Denn schließlich habe ich nur 30-50 Seiten um meine Leser dort zu überzeugen, und wenn da könnte straffen die Chancen deutlich erhöhen.
Also habe ich angefangen ziemlich radikal alles zusammenzukürzen, das erste Kapitel um über 30%, und habe in einigen Tagen die ersten 5 Kapitel um ca. 40% gekürzt, ohne das ich etwas wichtiges herausgenommen habe. Ich habe viele schöne Stellen herausgenommen, gelungene Stellen, heiß geliebte Stellen- und es hat weh getan. Aber für den Text war jede Streichung eine Verbesserung, weil der Fokus deshalb viel genauer auf der Handlung lag und die Spannung deutlicher wurde.
Wie sehr bin ich meinen Testlesern dankbar, die mich darauf hingewiesen haben. Ich habe alles in Fassung gebracht, aufgebaut, einen Klappentext geschrieben.

"Im Leben gibt es viel zu viele Zäune. Und manchmal steht man wieder vor einem Zaun, den man schon einmal überwunden hat. Vor genau so einem Zaun stehe ich heute wieder".


Die junge Schriftstellerin Laura Lulei ist aus ihrem Leben in Köln herausgefallen. Eine Fehlgeburt hat scheinbar alles verändert und weder Alkohol noch Sex können sie davon ablenken. Mit der Trauer und der Verzweiflung sind die Erinnerungen an ihren alkoholkranken Vater zurückgekommen und die Angst, er könne sie in Köln finden und alles würde neu beginnen. Ein Leben nur um den Vater und den Alkohol herum, um die Gewalt. Laura reist zurück in ihren Heimatort, um sich ihre Kindheit wiederzuholen und sich dem Vater zu stellen.

Und am Ende musste ich dann einen neuen Titel finden "Zwischenleben". Weil der alte Arbeitstitel irgendwie nicht mehr passte.