Montag, 31. Dezember 2007

Dinner for One oder die Macht der Tradition

Natürlich könnte ich in Frage stellen, ob ich fast jedes Jahr dieses "Dinner For One" sehen muss, schließlich gab es auch Jahre, in denen ich es aus verschiedenen Gründen nicht sehen konnte. Vielleicht ist es die Größe der Schauspieler, die mich jedes Jahr erneut dazu überredet mich an diese warum ich es immer sehe, die Qualität ihrer Darstellung. Denn diese Darsteller, Freddie Finton und May Warden, bringen mich jedes Jahr wieder zum Lachen. Wobei das Lachen gleichzeitig auch die Traurigkeit beinhaltet. Denn hier wird der "Dinner For One" gefeiert, weil Miss Sophie sich eben nicht mehr mit ihren Freunden treffen kann und der Butler diesen Verlust ersetzen muss. Und das kann ich spüren, wenn ich "Dinner For One" sehe. Denn eines ist sicherlich festzuhalten: "Dinner For One" ist sicherlich eines der großartigsten Theaterstücke, sicherlich auch durch die Besetzung, die ich bisher gesehen habe.
Aber es ist halt auch eine Tradition. Und Traditionen sind Dinge, die wir bewahren, weil sie uns mit einem guten Gefühl zurücklassen. "Dinner For One" ist eine meiner Traditionen, da ich mich noch daran erinnern kann als kleines Kind dieses Theaterstück des WDR gesehen zu haben. Jedes Sylvester.
Vielleicht ist es also auch das Gefühl, dass viele Dinge sich ändern mögen, aber letztlich einige Dinge gleichbleiben. Also der kleine Rettungsanker, der in diesem Stück enthalten ist. Die Gewissheit, dass man Dinge bewahren muss, die einem etwas bedeuten, in einer Welt die sich stetig verändert.

Auf jeden Fall werde ich heute "Dinner For One" sehen, und es genießen. Denn manche Dinge zu hinterfragen führt nur dazu, dass man sehr lange über etwas nachdenkt, was man letztlich trotzdem tun wird. Weil man sicher weiß, dass es einem etwas bedeutet und wichtig ist. Wie bei mir das Schreiben,

Sonntag, 30. Dezember 2007

Fragmentarisches Leben- der moderne Roman

Wenn man über den ersten "modernen, deutschen Roman" spricht, meist wird hier Rilkes "Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge" genannt, obwohl es sich nicht im klassischen Sinne um einen Roman handelt, sondern um 71 Aufzeichnungen, die Prosagedichten ähneln. Wie bei vielen modernen Romanen bleiben viele Teile fragmentarisch, die Darstellung ist in klarer Subjektivität gehalten und auf einen durchgängigen Handlungsstrang wird verzichtet- das verbindende Element sind die inneren Konflikte der Hauptfigur. Die Art des Schauens der Hauptfigur ist zwar anders gestaltet, als bei James Joyce, aber es gibt viele gute Gründe hier ebenfalls die Darstellung als Bewusstseinsstrom zu bezeichnen: Weil hier verschiedene Themenkreise nur über die Subjektivität zusammengehalten werden, die Schilderungen aus Maltes Kindheit, die Pariser Erlebnisse und Maltes Bearbeitung historischer Geschichten und Begebenheiten fliessen ineinander und sind kaum zu trennen.

Bei Rilke finden sich also auch jede Menge Kennzeichnen für den postmodernen Roman, den Gero von Wilpert (im Sachwörterbuch der Literatur) folgendermaßen zusammenfasst:
Der Blick der dichterischen Erzählung richtet sich „auf die einmalig geprägte Einzelpersönlichkeit oder eine Gruppe von Individuen mit ihren Sonderschicksalen in einer … Welt, in der nach Verlust der alten Ordnungen und Geborgenheiten die Problematik, Zwiespältigkeit, Gefahr und die ständigen Entscheidungsfragen des Daseins an sie herantreten und die ewige Diskrepanz von Ideal und Wirklichkeit. … Das in das Weltgeschehen eingebettete Schicksal spielt sich in ständig erneuter Auseinandersetzung mit den äußeren Formen und Mächten ab, ist ständige individuelle Reaktion auf die Welteindrücke und –einflüsse und damit ständige eigene Schicksalsgestaltung“ (Zit. nach Wikipedia , da ich es in meinem Gero v. Wilpert nicht finde).
Der moderne oder postmoderne Roman gibt also die lineare Erzählweise nach einer Handlungskette auf, gibt den Versuch auf objektiv zu erzählen und dieses immer auszuarbeiten. Auch wird die Vorstellung aufgegeben auf die Wirklichkeit konstruktiv einwirken zu können- nur das Schauen und das Erleiden erscheint möglich.

Hier übrigens ein wunderschöner Link aus der Welt zu diesem Thema: "Anmerkungen zu Haffner" ; von Jacques Schuster, in dem Schuster Aussagen des berühmten Historikers und Publizisten Sebastian Haffner über den Unterschied zwischen Geschmack und Weltanschauung wunderbar zusammenfasst.
Denn eine Weltanschauung ist etwas absolutes, eine scheinbar absolute Wahrheit, die verhindert, dass man sich eine eigene Meinung bilden muss. Statt dessen gibt sie selber die Meinungen vor, und weil sie absolut ist, ergibt sich ein Vorrecht der Weltanschauung für dessen Jünger, so dass hierdurch Schlechtes auf Grund der Weltanschauung als dessen Preis akzeptiert werden muss- und wird. Geschmack ist eine relative Wahrheit, und dadurch erstens angreifbar, aber gleichzeitig veränderbar, und zweitens ist Geschmack immer etwas zu rechtfertigendes, demokratisches.
Ein moderner Roman kann also keine Weltanschauung beinhalten, weil er sonst kein moderner Roman wäre. Milan Kundera schreibt in seiner Essaysammlung "Die Kunst des Romans", dass der moderne Roman eine Fortsetzung der Geburt des Romans bei Cervantes sei, wo Gott den Platz als Weltenlenker räumt und Son Quichote aus seinem Haus tritt und die alte Ritterwelt nicht mehr erkennt. Die göttliche Wahrheit zerfällt in Hunderte relative Wahrheiten und der Roman ist der Spiegel dieser relativen Wahrheiten. (Nochmals verweise ich auf den wundervollen Essay "The democrazy of Don Quichote) von Jonathan Rée )

Die Vorstellung der relativen Wahrheiten in den Beobachtungen ermöglichst es übrigens auch, dass der Autor über seine Weltanschauungen und Meinungen hinaus in seinem Roman weitergeht und der Autor größer als der Mensch ist. Einige Postmodernen Romane haben auch die Orientierung an festen Figuren aufgegeben oder verzichten auf eine einheitliche Erzählperspektive oder stellen diese in Frage: Hier sei als Beispiel Thomas Pynchon erwähnt. (Und zwar als leuchtendes Beispiel.)Somit ist der moderne Roman die Antwort auf die Aufgabe der mittelalterlichen Welt und Weltanschauung, und der Vorläufer und Vorkämpfer der Aufklärung.

Der Verlust der absoluten Wahrheit macht einen allwissenden Erzähler heute zu einem Auslaufmodell, weil auch in der Perspektive die Subjektivität eingekehrt ist. Im Zentrum eines Romans stehen nicht mehr homerische oder euripideische Helden, halbgöttliche Gestalten, die in der Überwindung großer Hindernisse die Welt besser machen und wo Götter aus der Maschine (an einer Theaterangel: Deus ex machina)erscheinen um bei der Überwindung zu helfen.
Das entbindet Autoren nicht davon starke Figuren für den modernen Roman zu erschaffen, aber das Scheitern und die Zweifel der Figuren gehören in den Roman, genau wie die Vermeidung von Deus-ex-Machina oder der sehr bewusste Umgang damit. Der Held ist stark, weil er mit seinem Zweifeln und Ängsten umgeht, sich ihnen stellt, nicht weil er sie überwindet.

Die Frage ist nur, ob die Auflösung der Literatur in ein Konstrukt, also die Kenntlichmachung und Infragestellung des Fiktiven (der Perspektive, der Handlung und vielem mehr) und somit ihrer Geschichte dem modernen Roman dient. Denn dies ist dem Leser durchaus bekannt, auch wenn er sich für die Illusion einer wundervollen Geschichte auf die Fiktion einlässt. Somit wirkt dieses Konstrukt ein wenig eitel und löst die Verbindungen in der Geschichte soweit auf, dass der Lesegenuss verloren geht: Und selbst wenn ein wunderschöner Satz mehrfach gelesen werden muss, um ihn zu verstehen, dann ist es trotzdem ein Genuss.
Viele Autoren machen aus der Fiktion ihrer Romane ein Spiel, wenn z.B. Walter Moers in "Der Stadt der Träumenden Bücher" nur als Übersetzer des Herrn von Mythenmetz funktioniert, der als zarmonischer Autor Verfasser und Autor dieser Geschichte ist.

Andere Autoren verzichten heute darauf ihre Geschichte selber in Frage zu stellen und widmen sich wunderbaren Geschichten, die obwohl fiktiv immer auch wahr sind.
Peter Urban-Halle schreibt in Kosler: "Schauplatz Menschenkopf" zu einer Geschichte des deutschen Autoren Gert Hofmann: Wer die Wahrheit sucht, muß – die Wirklichkeit im Blick – gegen diese anschreiben (...). Wer die Wahrheit sucht, muß sie erfinden.“ Wobei Wahrheit sich natürlich auf relative Wahrheit bezieht.
Vielleicht ist dies eine der besonderen Wahrheiten des modernen Romans, die oft vergessen wird. Das das Leben manchmal zu ungeordnet ist, um es so abzubilden wie es ist, weil dies Ungeordnetheiten den Blick verwirren und somit die Fiktion, in der Verkürzung und Verdichtung, sich ein wenig wahrer anfühlt, auch wenn sie nur eine relative Wahrheit ist.
Deshalb sollte man dem modernen Roman, und dem zeitgenössischen Roman eine Chance geben. Denn vielleicht ist es wie bei der modernen Kunst: Manchmal muss man nur gesagt bekommen, wo die Schönheit dieser Kunst liegt, um sie zu verstehen und einen Zugang zu bekommen.
Denn natürlich sehen Jackson Pollocks Bilder aus wie "überbackene Nudeln", aber wenn man versteht, dass sie nicht zufällig sind, und das die Tropftechnik eine Funktion hat ein Gefühl abzubilden, und das man sich nur Pollocks Bilder ansehen muss, ohne nachzudenken, sich hineinzufühlen, in die eigenen Gefühle, die diese Bilder auslösen: dann weiß man, dass Pollock ein genialer Maler war.
Denn er hat die Stimmung seiner Zeit in den Gefühlen eingefangen, die er seinen Gemälden mitgeben hat.

Genauso ist es mit dem modernen Roman: Wer sich auf die Figuren mit ihrer Subjektivität einlässt, akzeptiert, dass sie nicht siegen müssen, um stark zu sein, dass es keine absoluten Wahrheiten mehr gibt, und das das hinsehen oft ein verstehen ist- dann ist der moderne Roman unser Zeitzeuge.

Samstag, 29. Dezember 2007

Ein schwieriges Jahr, ein gutes Jahr... Dezember 2007

Vielleicht liegt es daran, dass in den letzten Jahren so viel ungenutzter Zeit vorbeigegangen ist und das Jahr deshalb so lang und wundervoll schien.
In in diesem Jahr ist die Zeit anders vergangen, und ich habe es an mir gespürt, in der Luft überall. Es war ein gutes Jahr, wenn auch ein schwieriges Jahr. Die vergehende Jahr war nicht nur das weiße Haar in meinem Bart, oder die Hundert grauen Haare an meinem Hinterkopf. Denn es ist viel zu schnell an mir vorbeigezogen, weil ich eigentlich das ganze Jahr beschäftigt war. Ich habe einige Hausarbeiten geschrieben und bestanden, (und ich brauche wirklich lange für Hausarbeiten), ich habe meine Unterlagen für den Uniabschluß zusammengesucht und mich für die Abschlußarbeit angemeldet... und bin seit einiger Zeit an dieser Arbeit dran.
Einerseits hat dies an meinen Kräften gezehrt, und ist auch sicherlich an so manchem grauem oder weißen Haar Schuld. Aber es hat mir auch Kräfte gezeigt, die ich seit Jahren nicht mehr verwendet habe.... und es war ein gutes Gefühl diese Kräfte wieder zu spüren. Andererseits hat dieses Jahr mir auch einige Ängste genommen, meist irrationale Ängste, die mich gehindert haben Dinge in Angriff zu nehmen und weiterzukommen.
Ich habe meinen Roman weggelegt, um ihn wieder in die Hand zu nehmen. Denn die vergangenen Worte, die einmal niedergeschrieben, immer lauter wurden, bis sie selber zu Geschichten wurden, sind bei meiner seltsamen Pilgerreise zu mir zurückgekehrt. Und das, obwohl ich an manchen Stellen in diesem Jahr unsicher war, ob ich wirklich diese Worte zum klingen bringen könnte- denn ich hatte meine Arbeitsweise und mein Selbstbewusstsein in diesem Jahr vielleicht einmal zu oft in Frage gestellt.
Deshalb musste ich auf meine Pilgerreise gehen. Und auf dieser Pilgerreise habe ich einiges über meine Arbeitsweise und mich entdeckt. Nicht immer schöne Dinge, nicht immer das was ich gesucht habe. Aber das ist oft so. Am Ende diesen Jahres bin ich dann zum Ausgangspunkt meiner Reise zurückgekehrt, weil ich dort so viel über mich und mein Schreiben gelernt habe: Montsegur. Und ich habe es in diesem Jahr endlich geschafft eine Internetseite einzurichten, diese, und endlich auch literarisch ein wenig aufzuschreiben, was sonst wohl nicht niedergeschrieben worden wäre. Und inzwischen schreibe ich sogar recht regelmäßig, was zwischenzeitlich nicht so war.
Einiges ist dieses Jahr aber schiefgegangen, die im Gegensatz zu meinem Selbstbewusstsein und meinen Arbeitsentscheidungen, nicht so einfach zu kitten ist- und sicherlich habe ich einiges davon selber verschuldet oder zumindest nicht verhindert. Ich denke oft daran.

Freitag, 28. Dezember 2007

Schreibregeln brechen

Schreibregeln entstehen aus dem menschlichen Bedürfnis das Chaos des Schreibens in Regeln zu fassen, um das Schreiben analytisch zu verstehen. Und wie alle Schreibregeln funktionieren sie in so wunderbaren reduzierten Hauptsätzen wie:

1. Beginne nie mit einer Konjunktion einen Satz.

2. Verwende möglichst wenig Adjektive.

3. Halte deine Perspektive

4...

Die meisten dieser Schreibregeln findet man in Listenform, in Büchern über das kreative Schreiben, in Literatur, Autoren- und Kurzgeschichtenforen und es handelt sich immer nur um Hauptsätze.
Das unterscheidet Schreibregeln von den meisten (nicht allen) meiner Handwerkthreads. Ich versuche bestimmte Anregungen an konkreten Beispielen zu geben und nie etwas zu verteufeln... naja, manche Dinge schon... und Vor- und Nachtteile zu nennen. Das gelingt mir sicherlich nicht immer, aber ich bemühe mich.
Wer das Risiko scheut, der bleibt in einem festen Regelsystem verhaftet, indem es genaue Aussagen gibt, was funktioniert und was nicht. Man kann den eigenen Text selber in seine Segmente zerlegen, und jede Entscheidung logisch begründen, und aus den Schreiberfahrungen (die verkürzt zu Schreibregeln werden) erahnen, was passiert, wenn er es auf die gängige Weise macht.
Das Regelsystem wird zu einem Schutzkorsett für den Autor. Er ist in diesem Korsett zwar gefangen, aber das Korsett beschützt ihn vor Fehlern und gibt ihm das Gefühl von Berechenbarkeit. (Auch wenn die Wirklichkeit noch ein wenig komplexer ist), er ordnet sich in einem System ein, dass die meisten anderen so akzeptieren und nicht hinterfragen.
Wer aber dieses Regelsystem im großen Umfang erst einmal in Frage stellt, verliert damit den großen Vorteil der Berechenbarkeit. Natürlich kann man immer noch kalkulieren, wie bestimmte Dinge auf den Leser wirken könnten- aber aus dem analytischen wird eine intuitive Annäherung an den eigenen Text.
Er verlässt somit das Berechenbare und begibt sich mit jedem Bruch gegen das Regelsystem auf den kleinen Spiegel der eigenen Erfahrungen mit solchen Versuchen.
Dies ist unvorstellbar entmutigend, es verkratzt das eigene Selbstbewusstsein und bringt den Autor oft an den Rande der Zurechnungsfähigkeit, weil das Ungewisse nun an seiner Selbstdefinition "Ich weiß, was ich tue" herumnebelt.

Je größer der Bruch nun mit den Schreibtraditionen (und deren Verkürzung Schreibregeln) ist, desto größer wird die Verunsicherung, die oftmals exponential steigt. Es ist nicht mehr möglich eine Szene zu schreiben, deren Wirkung klar ist. Jede Entscheidung für eine eigene Schreibregel muss immer wieder überprüft werden, abgewogen werden, immer wieder muss hinterfragt und überarbeitet werden. Das führt zu relativ viel Ausschuss, weil bestimmte Experimente nicht funktionieren- was die Verunsicherung wieder erhöht.
Und selbst bei gelungenen Szenen ist die Verunsicherung immer dar- weil die Wirkung nicht berechenbar ist, sondern nur erahnbar.
Wenn dazu dann noch die produktiven Selbstzweifel kommen, entstehen oft sehr unproduktive Selbstzweifel.... bis zur vollständigen Blockade.
Dann werden alle Schreibregeln gegen die eigenen Schreibentscheidungen aufgewogen, man nimmt sich irgendwelche Schreibregeln und entdeckt zum eigenen Entsetzen, wie sehr man davon abweicht. Und dann kommt noch ein Kommentar, eine Kritik, die genau in diese Selbstzweifel hineinsäht.

Oder um es anders zu sagen:
Wer das Risiko scheut lebt deutlich gesünder. Er erspart sich dauernde Selbstzweifel, die Gedanken das Schreiben aufzugeben, Depressionen, Anfälle von Fluchtgedanken (Kloster, Auswanderung, Annahme eines seriösen Berufes, reiche Musen oder Mäzene), den Ausfall des Selbstbewusstseins, Weinkrämpfe, massiven Schokoladenüberkonsum,.... Und er genießt das Schreiben- zumindest meistens.
Aber er verzichtet auf das Gefühl der vollständigen Erfüllung, wenn sich dann wieder mal ein Leser findet, der erkennt, was in diesem Text geschieht, und das das funktioniert. Und das Gefühl, wenn irgendwann alles funktioniert, oder es zumindest so scheint, und man weiß, wofür man so lange gelitten hat.
Jeder Bruch einer Schreibregel führt übrigens zu einem Ergebnis: nicht immer dem gewünschten, aber oft zu sehr interessanten. Und so entsteht nach und nach ein Wissen über Dinge, mit denen sich die meisten Autoren nicht beschäftigen- welches eine große Bereicherung für das eigene Schreiben sein kann.

Man muss ein wenig Egomane sein, ein bischen besessen, und manchmal ziemlich bescheuert, wenn man das Risiko eingeht. Weil einige Autoren sich selber ins persönliche Desaster tragen und dann in den Abgrund ihrer Selbstzweifel werfen. Aber man kommt auch da wieder raus, wenn man Egomane ist, besessen. Weil man dann weiter macht, alles ignoriert, kämpft, und auf all das verzichtet, was die Situation scheinbar leichter macht. Alkohol, Drogen, Schokolade. Meistens zumindest.
Letztendlich führt die Überschreitung dieser Grenzen dazu, dass auch andere Grenzen aufhören zu existieren, und das man viele Erfahrungen macht, die man gar nicht machen wollte. Viele Autoren zerbrechen nicht an den ersten Schritten, sie zerbrechen hier. Wenn sie sich weit genug von den Regeln entfernt haben aber noch nicht in der Selbstsicherheit angekommen sind, bzw. nach und nach von Misserfolgen und schlechten Kritiken ermüdet werden. Und selbst die großen Autoren zerbrechen, ich verweise nur auf das "family exit" der Hemingways.... die Schrottflinte auf der Veranda. Weil die besonders intensive Erfahrung alles für sich neu zu erfinden (obwohl das meiste schon entdeckt und erfunden wurde) irgendwann auch dazu führt, dass man erkennt: Manchmal kann man sich selber nicht mehr übertreffen und manchmal fressen einen die Zweifel auch noch nach großen Erfolgen auf.

Mein Autorenpartner wird verfilmt- und heute steht es in der Zeitung

Heute gibt es einen Artikel in der Mittelbayerischen Zeitung über die kommende Verfilmung des Debutromans "Das Mondgeheimnis" meines Autorpartners Stefan Fischer. O.k., ich bin schon länger informiert, aber heute kann ich stolz auf meiner Seite den ersten Zeitungsartikel dazu anbieten.
(Unter Links gibt es natürlich einen Link auf Stefans Homepage.)

Was soll ich sagen: ich bin mächtig stolz und glücklich.

Donnerstag, 27. Dezember 2007

Heinrich VIII.

Wer sich einmal mein Foto in der Über-mich Seite angesehen hat, wird sicherlich festgestellt haben, dass ich ein wenig wie Heinrich der VIII. aussehe, der ältere, dicke Heinrich VIII.
Und heute kann ich es verkünden: Ich habe endlich auch die Kleidung dazu. Ich habe mir von einer befreundeten Schneiderin ein Kostüm anfertigen lassen, dass sich an einem Kleidungsstück Heinrichs orientiert und werfe darüber auch einen uralten Nerz- weil das zu dem Kleidungsstück gehört.
Sobald ich ein Photo von mir und dem Kostüm habe, werde ich es nachreichen. Solange spingse ich heimlich in meinen Kleiderschrank, wo dieses Kostüm hängt und freue mich. Immerhin warte ich schon seit 2,5 Jahren darauf und es ist weit schöner geworden, als ich mir das jemals vorgestellt habe.

Mittwoch, 26. Dezember 2007

Bezug

Dieser Punkt einer Überarbeitung ist besonders wichtig, um gerade in Szenen mit viel Hintergrund und vielen Personen systematisch zu arbeiten. Gerade in solchen Szenen steht eine riesige Auswahl von Dingen aus dem Hintergrund zur Verfügung, die beschrieben werden könnten. Da gibt es einen Raum oder einen Ort, der angefüllt ist mit Dingen, die sich geradezu für eine Beschreibung anbieten würden.
Als Bsp. aus dem Projekt Gutenberg Adalbert Stifter: "Nachsommer" im Kapitel "Die Einkehr" :

"Eines Tages ging ich von dem Hochgebirge gegen das Hügelland hinaus. Ich wollte nehmlich von einem Gebirgszuge in einen andern übersiedeln und meinen Weg dahin durch einen Teil des offenen Landes nehmen. Jedermann kennt die Vorberge, mit welchen das Hochgebirge gleichsam wie mit einem Übergange gegen das flachere Land ausläuft. Mit Laub- oder Nadelwald bedeckt ziehen sie in angenehmer Färbung dahin, lassen hie und da das blaue Haupt eines Hochberges über sich sehen, sind hie und da von einer leuchtenden Wiese unterbrochen, führen alle Wässer, die das Gebirge liefert und die gegen das Land hinaus gehen, zwischen sich, zeigen manches Gebäude und manches Kirchlein und strecken sich nach allen Richtungen, in denen das Gebirge sich abniedert, gegen die bebauteren und bewohnteren Teile hinaus."

Stifter verwendet eigentlich immer eine recht komplizierte Erzählstruktur, bei der es verschiedene Erzähler untereinander verschachtelt gibt. Hier geht ein Ich-Erzähler ins Allgemeine und beschreibt das Gebirge. Das ist für heutige Leser (und ich habe noch eine sehr kurze Stelle für Stifter ausgewählt) ungewohnt, weil heute die meisten Leser sich ein Gebirge selber vorstellen können. Und der Bezug auf den Erzähler fehlt.
Bezug bedeutet, dass die Aussagen über das Gebirge nichts mit der direkten Handlung oder den Figuren zu tun haben.
Diese Art des Erzählens wurde hauptsächlich von Autoren des 19. und frühen 20. Jh. verwendet und wirkt heute ein wenig antiquiert: Der personifizierte Märchenonkel, der einem eine Geschichte erzählt.
Heute würde man einen solchen Text wohl nur noch in bestimmte Unterarten der Literatur finden, die gerade mit so antiquierten Erzähltechniken arbeiten. Also einerseits bei sehr trivialer Literatur, bei Literatur mit einem Bezug zu diesen Autoren oder dieser Zeit, oder sehr ausgefallener Literatur.

Aber mal konkreter: Als Beispiel ein Romananfang.

"Um die Straßenlaternen kreisten einige vom Licht berauschte Blumenfeen, während ich am Parkeingang den Sitz des Mikrophons an meinen rosa Jogginganzug überprüfte. Mein Chef hatte ihn extra für diesen Einsatz gekauft. Aber ausgerechnet Rosa. Freiwillig hätte ich so etwas nie angezogen. Aber wir brauchen einen Lockvogel, hatte er gesagt, und dazu passe nun einmal rosa. So ein Arschloch. Ich war ein knallbuntes Bonbon für die Bestien, das war meine Interpretation. Und genau die lauerten im Zwielicht auf mich, wenn ich einmal den Park betreten würde.
„Schmitti?“ fragte ich leise ins Mikrophon.
„Verbindung klar, Vika.“ "

Die Geschichte wird aus einer Ich-Perspektive geschildert, im Präteritum. Somit muss ich immer von meiner Hauptfigur ausgehen, mit ihren Augen sehen, und aus ihren Gedanken beschreiben.
Natürlich gäbe es die Möglichkeit bei diesem Romananfang ebenfalls wie Stifter mit einer Beschreibung des Parks anzufangen. Aber der Leser weiß noch nicht, worum es in dieser Geschichte geht. Und da wäre eine Beschreibung des Parks einfach langweilig. Denn es fehlt der Bezug zur Geschichte (denn noch ist nicht klar, ob der Park eine Funktion in der Geschichte hat). Zudem hätte ich das Problem, dass ich alles aus der Figur machen muss- und da würde so etwas komisch wirken.
Also fang ich hier mit den Blumenfeen an- und setze hier einen Bezug für den gesamten Roman. Denn ich kläre sofort, dass es sich um eine phantastische Geschichte handelt. -> Plotpunkt phantastischer Roman.

Der nächste Bezug ist die Hauptfigur. Ich beschreibe die Figur. Aber im Gegensatz zu einer normalen Beschreibung:
"Vika war eine hübsche, junge Frau, mit blonden Haaren...."
Diese Beschreibung, o.k. nicht gerade eine besonders kreative Beschreibung, hat wieder keinen direkten Bezug zu der Geschichte, außer das der Leser weiß, so sieht die Figur aus. Zudem bin ich diese Figur, und wer würde sich schon so beschreiben.
Statt dieser Beschreibung nehme ich eine Beschreibung, bei der ich einen Bezug zur Geschichte setze: Meine Hauptfigur agiert als Lockvogel und trägt deshalb rosa Joggingsachen- was sie ziemlich unglücklich macht. Und sie ist ein Lockvogel für irgendwelche Bestien.
Somit habe ich zusammen mit der Beschreibung den weiteren Verlauf der Geschichte vorgestellt. Und nun habe ich auch einen Grund wieder auf den Park zurückzukommen... auch wenn noch ein paar Zeilen dazwischenliegen, die ich auslasse:

"In den Stadtwald (...). Die Bäume schienen mit ihren Wipfeln zu wispern, und überall neben den Wegen waren Büsche und allerlei seltsame Pflanzen gewachsen. Das war schon während des Tages unheimlich. Aber in der Nacht, mit den wenigen künstlichen Lampen von der entfernten Straße, war der Park mit ein wenig Nebel in ein fahles, blaues Licht getaucht und richtig unheimlich."

Hiermit baue ich dann die Atmosspähre auf, die ich für die Szenen im Park mit meiner Hauptfigur als Lockvogel brauche. Deshalb sind die Beschreibungen hier wichtig und haben einen direkten Bezug zur Geschichte und dem Spannungsaufbau.

"Meine Hände zitterten. Prima. Wer war nur so bescheuert Abends in einem solchen Wald joggen zu gehen. Außer mir natürlich, den beiden vorherigen Opfern und ein paar anderen Verrückten. Denn in den Wäldern gab es Trolle, Wölfe und Bären, Gestaltwandler und Nymphen, Feen, Zwerge und Koboltartige. Und wenn ich richtig Pech hatte, dann gab es noch etwas größeres, gemeineres."

Hier setze ich einen weiteren wichtigen Bezug: Ich erzähle etwas über meine Figur, indem ich zeige, dass sie zwar weiß, was sie tut, gleichzeitig aber auch Sorge hat über das was sie da tut. Und ich habe einen weiteren Bezug: es wird noch deutlicher, dass es eine phantastische Geschichte ist- und welche Elemente auf jeden Fall vorkommen.
Der Bezug dient also dazu festzustellen, wann etwas in einer Geschichte kommt und warum es kommt (bzw. auch ob es überhaupt kommen muss). Das gilt im gleichen Umfang für Beschreibungen des Hintergrunds wie auch für Figurenbeschreibungen und vieles mehr.
Ein weiteres Beispiel, aber viel später (es hat sich herausgestellt, meine Heldin ist eine Hexe und arbeitet als Expolizistin für eine Detektei für Übersinnliches)

"Sara (ein Hund) atmete längst gegen die Autoscheiben, als Frau Schmitz uns durch den Ort vorbei zu einem der Bauernhöfe führte. Eine lange Auffahrt mit Streuobstbäumen, eine riesige Weide an der einen, Felder auf der anderen Seite. Eine alte Scheune stand neben dem Haus, das noch wie früher auf einer Seite in den Kuhstall überging. Eine alte Sense, der Griff faulig, die Klinge verrostet hing dort weithin sichtbar und griffbereit. Am Haus die Balken des Vorgängerbaus, mit einem gesegneten Spruch und sicherlich im Fundament eine geopferte Katze.
Als ich den Volvo neben der Scheune parkte, kam der Bauer aus dem Haus. Um die dreißig Jahre alt, eine Jacke aus einem der Jägerkataloge, Gummistiefel zur Seuchenprävention und ein kariertes Hemd. Er nickte uns zu, kam aber nicht herüber. Das hatte ich auch nicht erwartet. Die nichtmenschlichen Monster waren auf dem Land viel wirklicher, als die menschlichen."

Hier habe ich eine Szene, die direkt mit der Szene von Stifter verwandt ist. Denn ich führe hier einen neuen Schauplatz ein, an dem ein Mord stattgefunden hat- und muss natürlich das phantastische Element mithineinbringen. Die Beschreibungen sind recht kurz, sollen nur eine ungefähre Vorstellung bieten, wo der Mord stattgefunden hat. Dazu die Sense und die geopferte Katze als phantastisches Element. (Ich brauche diese Beschreibung auch für meine Hauptfigur, damit der Leser sieht, was sie sieht und das nachvollziehen kann.) Der Bauer ist letztlich ein Verweis auf die Situation für meine Hauptfigur, wie ihre gesellschaftliche Position ist, und darauf, dass die Umgebung ein wenig täuscht. Das mit den Monstern ist wichtig, um die weiteren Ereignisse um den Mord anzukündigen.

Der Bezug ordnet also
1.) die Perspektive:
Welche Sichtweisen sind möglich und was erscheint dazu passend und was nicht.

2.) wann und wie lange etwas erzählt wird:
Wenn klar ist, wo ich mit meiner Perspektive bin, dann ist auch klar, was in welcher Reihenfolge für meine Geschichte zu erzählen ist. Wichtig ist das Grundschema einer Szene im Kopf zu haben, weil das eine ungefähre Einteilung bietet- und immer zu überlegen, welche Funktion diese Sätze an dieser Stelle haben.
Dinge, die gleich mehrere Funktionen haben, dürfen länger sein: Wenn ich eine Beschreibung einer Figur mit der Handlung verbinde, dann darf das länger sein als eine reine Beschreibung. Wenn ich eine Vorausdeutung mache, sollte die kurz sein.
Dann ist zu überlegen, nach dem Bezug, wie ich die verschiedene Bezüge gegeneinander und miteinander verwende, siehe die obigen Beispiele:

Ich brauche immer etwas über den Ort, manchmal nur drei Worte: Am Lagerfeuer, manchmal auch komplizierte Beschreibungen. Das steht fast immer am Anfang.
Entweder kann ich dann kurz erwähnen, wer dort ist, aber ich kann auch mit Gedankengängen anfangen: Wie ist diese Szene mit dem Roman oder den letzten Handlungen verbunden.
Dann muss ich ankündigen, was hier geschehen wird, manchmal nur durch Erwähnung der Figuren, manchmal durch einen Dialog. Die Beschreibungen kann ich nun ausbauen....

Wichtig ist immer:Bezug, Bezug, Bezug: Dinge ohne direkten Bezug kann man mal unter Atmossphäre verbuchen, aber das sind nur Ausnahmen: Ansonsten gilt: (Auch wenn es manchmal schwer ist: Raus damit)

Montag, 24. Dezember 2007

Weihnachten ist gerettet, oder auch nicht? (Kurzprosa)

Weihnachten liegt ja nicht mehr in den Rauhreifnächten der kleinen Eiszeit, aber ein wenig Rauhreif ist dennoch übrig geblieben, wenn Knecht Ruprecht und der Nikolaus sich langsam in die von der Coca Cola-Company geplante Rente verabschieden, irgendwo hin, wo der Brausegetränkehersteller noch nicht die Gedanken der Menschen verändert hat.
Die Familie trifft sich immer noch, diesmal aber in der Vorstellung von Weihnachten als dem größten aller Familienfeste, der Hoffnung auf Harmonie, und wie in jedem Jahr sieht es etwas anders aus. Der Großvater flitsch seine Zähne durch den Mund, weil die Haftcreme ihm unangenehm ist, und das Fleisch wird von ihm nur ausgesaugt, wie von einer Spinne, und dann vorsichtig auf den Teller zurückgeschoben. Der Bruder wartet schon mit verängstigten Augen auf die Geschenke, weil er ahnt, dass er Socken und einen Pulli bekommt, und bereitet schon heftigen Widerstand vor. Weil Weihnachten doch keine Socken und Pullis bedeuten kann, wenn unklar ist "Was soll das bedeuten".
Die Mutter hat so viele Dinge versucht zu koordinieren, dass der Reis nicht genug Wasser bekommen hat, und eindeutig nicht al dente sondern nur cum maximo dente zu essen ist. Und hat schon die Tränen in den Augen, als der Großvater von den Infanterie Gänsen spricht, die direkt aus Polen hierhin marschiert sind, weil sie so zäh sind.
Der Onkel runzelt nach dem Nachtisch nur die Falten über einem Auge, als der Großvater mitteilt, abseits von allen, dass die nette Freundin des Enkels, nach alter Sitte mit einem Tuch über dem Gesicht durchaus tauglich wäre. Bevor mein Onkel dann sein Opus in Gestalt eines Manuskripts auf den Tisch legt, und um Rückmeldungen bittet... während der Bruder entsetzt die Socken und den neuen Pulli betrachtet, die in feinem Weihnachtspapier auf ihn warten, neben der Colaflasche.
Die Mutter läuft in die Küche, weil gerade der Nachtisch zu wenig Geschmack hat. Der Vater setzt sich in den Lehnsessel und seufzt, weil der Bruder gerade wieder erklärt, dass Socken und Pullis eindeutig keine Weihnachtsgeschenke sind. Der andere Onkel schweigt, und bestellt sich eine Flasche Riocha zum Nachtisch, seine Lebensgefährtin kichert, und erklärt, dass das Manuskript des anderen Onkels ihr gefallen hat. Während sie ganz heftig zu ihrer leeren Weihnglas sieht, das Infanteriehuhn begutachtet, und dann ihre Serviette zerknüllt.
Der Streit um den Pulli und die Socken wird härter, wird verbunden mit der Diskussion über die große Koalition, der Bruder ist dafür, der Vater dagegen, der Großvater erzählt wie er seine Zähne zum Zähneputzen an seine Betreuerin reicht, sich aber noch selber wäscht. Er ist gegen die große Koalition, und war es immer, zumindest in den letzten 40 Jahren. Etwas Zucker und ein paar Früchte retten den Nachtisch, das Huhn nicht, der Riocha ist fort, der Onkel erzählt von den wenigen Reaktionen auf sein Manuskript, und der Großvater trinkt etwas Riocha, und erzählt das sein Tastsinn nachlässt, und er nicht klagen wolle, und klagt dann ausgiebig, auch über die Räuber der großen Koalition. Der Bruder hat den Zusammenhang der großen Koalition im Elternhaus verstanden, Mutter, Vater und Familie, ist nun dagegen. Der Onkel schließt sich dem anderen Onkel und dem Riocha an. Die Mutter ist fertig, weil niemand den Nachtisch beachtet. Und auf dem Tisch steht eine Flasche Cola.

Weihnachten ist gerettet. Oder auch nicht.

-Fin-

(c) Thomas Roeder

Warum man aus schlechten Büchern so viel mehr lernt, als aus guten Büchern

Es ist ein Genuss zu lesen, wie ein Meister wie Hemingway seine Geschichten schreibt: Wie mit kleinen Worten großes angedeutet wird, sich das eine aus dem anderen ergibt, und wie sehr unterschiedliche Elemente auf sehr harmonische Weise einen großen Roman ergeben. Man kann daraus sehr viel für das eigene Schreiben lernen-- es ist nur unheimlich schwierig bei einem Meister des Schreibens wirklich zu erkennen, wie das alles so funktioniert. Oder um einen Vergleich zu wählen: Wie ein Zauber funktioniert, sieht man bei einem Meisterzauberer nicht, sondern nur bei seinem Kollegen, der patzt.
Das liegt daran, dass man an einem schlechten Roman nicht so in dessen Größe und Wunderbarkeit versinkt. Im Gegenteil: An den Fehlern eines Romans hält man oft inne, für einen Moment, und sieht, was an dieser Stelle nicht gelungen ist.

Und wenn man innehält, und sich Zeit nimmt, noch einmal zurückliest, dann wird deutlich, was dort nicht funktioniert hat. Warum kann man bei diesem Dialog nicht erkennen, wer spricht, ohne darauf zu achten?? Warum kommt es bei diesem Konflikt nicht zu einem Höhepunkt?? Welche Metaphern sitzen nicht und warum nicht? Kann man sich das alles aus den Beschreibungen vorstellen? Warum ist diese Figur nicht glaubhaft??...
Wer sich an schlechten Romanen schult, an schlechten Geschichten, wird nach und nach Muster erkennen, die nicht immer gleich sind, denn es gibt unendlich viele Arten zu scheitern und etwas nicht gelingen zu lassen. Aber auch an schlechten Romanen gibt es einiges, was gelungen ist: nur wird es hier nicht durch die verschiedenen Ablenkungen verborgen, und fällt in einem Umfeld von nicht so gelungenem wesentlich besser auf.
Das Scheitern verdeutlicht hier verschiedene Grundprobleme, an dem man das eigene Erkennen schulen kann, und das Gelingen an anderen Stellen schult ebenso.
Das Erkennen ist der Versuch die Tricks der Schriftsteller zu erkennen, die ja immer auch Zauberer (der Worte) sind, nur recht unterschiedlich gut in dieser Arbeit. Und wer die Grundmuster des Zauberns durchschaut, kann sich langsam hochschulen, wenn er die Ablenkungen bemerkt, aber bei einem Kartentrick trotzdem dem Magier die ganze Zeit auf die Finger schaut.
An den Grundkenntnissen geschult, arbeitet man sich dann weiter hoch, indem man langsam bessere Romane liest und erkennt, wie die Grundmuster immer feiner kombiniert und ausgestaltet werden, und immer wieder neue Elemente dazukommen.
Deshalb kann man an schlechten Romanen mehr lernen, als an wundervollen, weil man die Geheimnissen eines Hemingways erst wirklich erkennen kann, wenn man viele schlechtere Bücher studiert hat.

Frohe Weihnachten, oder so?

Weihnachten ist die wunderschöne Zeit, in der das Leuchten der Kerzen und der Kinderaugen ein wenig die familiären Schwierigkeiten an den Rand verdrängen. Und für einen Moment scheint es so, als würde es diese Schatten nicht geben, und als wäre Weihnachten wirklich das Fest, das es behauptet zu sein und als das es angesehen wird. Es gibt doch kaum etwas wunderbares als für ein paar Stunden Harmonie zu fühlen, bis sich diese Harmonie dann auflöst, meist über eine Kleinigkeit, und die Gegenwart der eigenen Familie und der Freunde nach und nach unerträglich wird, denn Weihnachten dauert oft viel länger, als die eigene Geduld reicht.
Aber vielleicht ist es all das wert, um kurz diese gemeinsame Harmonie zu feiern, im engen Familienkreis, und zu fühlen, was diese Familie sein könnte. Ich weiß es nicht. Ich zumindest genieße Weihnachten, bis ich dann irgendwann verschwinden kann, um in Ruhe einen trinken zu gehen. Zynikerweihnachten.

Alle, die meinen, ich habe Unrecht: Wünsche ich ein harmonisches Weihnachtsfest, dass seine schöne Energie über Wochen an euch weitergibt.
Den anderen: Ihr werdet auch dieses Weihnachten überleben. Haltet euch einen Fluchtplan bereit.

Samstag, 22. Dezember 2007

Die Stimmen in meinem Kopf und eine Pilgerreise

Einer meiner Lektionen auf meiner Pilgerfahrt war, dass ich mich von einigen Stimmen befreien musste, die immer klingend in mein Ohr geflüstert haben. Und was sie geflüstert haben, kannst du dir wohl vorstellen. Immer das übliche. Das Problem ist, dass diese Stimmen dich nicht weiterbringen. Im Gegenteil: Sie haben mich zwischenzeitlich dazu gebracht, dass ich nicht mehr wusste, warum ich noch schreibe.
Weil ich immer nur von außen auf mich und mein Schreiben geschaut habe und da ist es halt mit Ergebnissen bisher recht düster. Und diese Abhängigkeit von fremden Entscheidungen und Meinungen führt dann zu einer generellen Unsicherheit. Und dann wird es sogar selbstverletzend, wenn man sich und sein Schreiben von außen seziert, und es wird sehr unschön.

Das Gute an meiner Pilgerreise war dann die Stille, als ich die Stimmen einfach aufgegeben habe (und sie mich wahrscheinlich auch). Und ich habe mir überlegt, warum ich eigentlich schreibe. Dann ist es mir wieder eingefallen: Weil es mich glücklich, traurig, wütend, böse, und vieles mehr macht. Weil ich es gut kann. Weil ich Geschichten erzählen muss. Und mir ist wieder eingefallen, wie ich schreibe und was meine Themen sind.
Und ich habe mir die Frage gestellt: Was würde passieren, wenn ich nie eine Geschichte verkaufe, nie einen Roman fertigstellen oder verkaufen würde? Und mir ist aufgefallen, dass mir das eigentlich nur nicht egal ist, weil ich gerne mir aussuchen würde, wie viel Zeit ich zum Schreiben habe. Ich würde einfach weiterschreiben, für mich und die Leute, die es trotzdem lesen würden. Ich empfand das als große Befreiung...
Seitdem schreibe ich, weil ich es liebe. Und ich schreibe wieder das, was ich liebe. Klar mache ich Kompromisse, aber keine mehr, weil irgendetwas meine Geschichten besser zu verkaufen (die Stimmen) machen würde, sondern nur, damit sie besser (und besser zu lesen) werden- und Maßstab bin ich als Leser.

Und ich habe akzeptiert, dass mein Schreiben recht eigenwillige Bedingungen hat. Ich brauche sehr viel Zeit für meinen Roman, weil ich mir die Zeit nehme eine Szene so lange zu überarbeiten, bis sie perfekt ist. Und so muss ich immer wieder Teile meines Romans aussortieren, weil ich nicht ganz mit der Idee/ Umsetzung einverstanden bin. Ich muss immer die gleiche Musik hören, wenn ich an einem Text schreibe. Und ich habe mir die Seltsamkeit angewöhnt, dass ich sehr gerne Umgangssprachliches verwende, weil das so einen schönen Klang hat. Und noch vieles mehr.

Ernest Hemingway: Der alte Mann und das Meer

Ernest Hemingway „Der alte Mann und das Meer“ (1952).

Ernest Hemingway schreibt über einen alten Fischer, der seit vierundachtzig Tagen keinen Schwertfisch mehr gefangen hat und deshalb zum Spott seiner Kollegen wird. Sein Helfer, ein Junge, kann ihm zwar die Köder leihen, aber er kann nicht mit ihm aufs Meer herausfahren. Also fährt der alte Mann alleine raus.
Nach einigen Tagen beißt doch ein riesiger Schwertfisch an. Der alte Mann kann den Fisch nicht alleine an Bord holen und dann kommen auch noch die Haie. Ihm gelingt es also nur mit einem zerstückelten Fisch zurück in den Hafen zu kommen, während er spürt, dass etwas in seiner Brust zerrissen ist.

Was dieses Buch zu einem Klassiker macht ist seine Komposition. Hemingway gelingt es in den Beschreibungen in eher kurzen Sätze eine Präzision zu erreichen, die ihresgleichen in der Literatur sucht.

„Sein Hemd war so oft geflickt, daß es dem Segel glich, und die Flicken waren durch die Sonne verschiedenartig verblaßt.“

„Aber während der alte Mann beobachtete, sprang ein kleiner Thunfisch in die Luft, drehte sich und fiel mit dem Kopf voran ins Wasser. Der Thunfisch schimmerte silbrig in der Sonne, und nachdem er ins Wasser zurückgefallen war, stieg einer und noch einer auf, und sie sprangen in alle Richtungen und peitschten das Wasser zu Schaum und setzten in langen Sprüngen dem Köder nach.“

Dabei verwendet er einen Erzähler wie einen Begleiter, der immer bei dem alten Mann bleibt und seine Handlungen und Gedanken für sich stehen läßt, ohne sie zu kommentieren und einzuordnen. Der Erzähler schildert nur den Kampf des alten Mannes mit sich, mit dem Meer, mit seinen Fischerkollegen, mit dem riesigen Schwertfisch und den Haien. Dabei bleibt der Erzähler in seiner eigenen Sprachlichkeit eng an der Sprach- und Erlebniswelt des alten Mannes eingebunden. In jeder seiner Beschreibungen findet sich jedoch ein durchgehender Rhythmus, der diese Geschichte zu einem besonderen Erlebnis macht.
Der Leser wird durch diese Sprachgewalt des Erzählers gefesselt, die sich als stille und leise Stimme tarnt. Die gesamte Geschichte ist auch symbolisch, wird aber nie als symbolische Geschichte behandelt. Es bleibt alleine dem Leser überlassen, dieser Lektüre über die eigentliche Geschichte hinaus eine Tiefe und Bedeutung zu geben.
Aus dem Kampf des alten Mannes mit dem Meer, den Haien und dem Schwertfisch entsteht eine mythische Geschichte über den Kampf eines alten Mannes um den Platz in seiner Welt, indem er einerseits scheitert, ohne wirklich gescheitert zu sein. Er verliert den Kampf, aber nie seine Würde und seinen Willen. Nur seine Kräfte waren dem Kampf und der Niederlage nicht gewachsen.

Ich kann dieses Buch nur empfehlen. Denn „Der alte Mann und das Meer“ ist nicht nur ein wunderbares Buch, sondern gleichzeitig eine unglaublich interessante Charakterstudie über einen alten Mann und eine wundervolle symbolische Erzählung.

Freitag, 21. Dezember 2007

Wohnung umstellen

Manchmal ist man so müde von sich, von allem, dass man etwas verändern muss. Ich bin gerade ziemlich fertig, weil ich so viele Dinge gleichzeitig erledigen muss, dass ich meine Wohnung umgestellt habe.
Und hey, wer auf 21 QM rund 1.500 Bücher, Hunderte CD`s und DVD`s, sowie eigentlich überall Schränke sehen hat, der muss sich wirklich anstrengen, um seine Wohnung umzuräumen. Und jetzt sieht es zumindest etwas anders aus. Wundervoll. Ich habe auch alle Briefe gestern beantwortet, noch das Tagebuch aktualisiert und die Weihnachtseinkäufe gemacht.

Und ich bin nun nicht mehr ganz so müde. Schließlich habe ich mir noch gestern die Haare schneiden lassen und beginne heute mit den Weihnachtsferien, die bis zum 26.12. laufen. In dieser Zeit werde ich nicht an der Abschlußarbeit arbeiten, sondern nur zu Feiern gehen und essen und trinken. Und vielleicht etwas an meinem Roman schreiben: Das ist ja nicht Beruf,.... das ist was anderes. Berufung.

Mittwoch, 19. Dezember 2007

Erzählzeit und szenisches/ dramatisches Präsenz

Die meisten erzählenden Texte sind im Präteritum gehalten, weil dies die "übliche Zeit des Erzählens" ist. Denn das Präteritum bietet die Möglichkeit durch den Einsatz verschiedener Zeiten (erzählerisches Präsenz, Präteritum, Perfekt und Plusquamperfekt) und durch einen personifizierten oder nichtpersonifizierten Erzähler recht frei zu arbeiten. Der Erzähler kann zu einer anderen Zeit die Geschichte erzählen, so dass es kaum Einschränkungen bei der zeitlichen Struktur einer Geschichte gibt, denn der Erzähler ordnet die Handlung durch. Zudem sind wir gewohnt Geschichten im Präteritum zu lesen, so dass der Leser an diese Erzählzeit gewöhnt ist.

Das Präsenz als Erzählzeit gibt bestimmte Einschränkungen für den Autor. Durch die Gegenwärtigkeit der Geschichte wird der Handlungsablauf weitgehend bestimmt, so dass die Geschichte nicht so frei aufgebaut werden kann. Zudem sind die Leser an das Präteritum so gewöhnt, dass sie Geschichten im Präsenz oft als anstrengend wahrnehmen, weil hier alles zeitgleich passiert und das Präsenz oft gehetzt wirkt (weil hier die Geschichte anders geordnet werden muss und ein Erzähler nicht diesen allwissenden Erzählergestus verkörpern kann: Ich erzähle euch diese Geschichte, die in einer Zeit handelt...)
Der Vorteil des Präsenz ist, dass es weniger Distanz zwischen Text und Geschichte gibt, weil eben hier das virtuose Spiel mit der Zeit wegfällt- was Distanz schafft- , genau wie der allwissende Erzähler, der ein recht gemühtlicher Geselle ist, der uns daran erinnert, dass wir eine fiktive Geschichte lesen. Aber: Viele Leser lesen ungern Geschichten, die komplett im Präsenz gehalten sind, weil es so gehetzt ist und die Distanz fehlt.

Der Mittelweg ist das dramatische oder szenische Präsenz:
Es wird in einer Präteritumerzählung eingesetzt, um an einer Handlungstelle die Distanz zwischen Text und Leser wegzunehmen, und damit die Spannung zu steigern.
Das wirkt für manche Leser etwas antiquiert, weil es nicht mehr so häufig gemacht wird, (manche Leser meinen sogar, der Autor hätte sich mit der Zeit vertan), es bildet aber immer noch eine Veränderung der Distanz und damit eine dichtere Einbindung des Lesers.
Letztlich kann man so oder so erzählen, wichtig ist immer nur, ob es zur Geschichte und dem geplanten Aufbau der Geschichte passt. Präsenz oder Präteritum haben als Erzählzeit beide ihre Vor- und Nachteile.

Das szenische oder dramatische Präsenz kann, geschickt eingesetzt für wenige Zeilen, sehr zur Dramatik einer Geschichte beitragen, aber wenn sehr lange Szenen so gehalten sind, auch sehr angestrengt und bemüht wirken und einige Leser verzweifeln lassen- weil die sich fragen: Gibt es keine Lektoren in dem Verlag??

Dienstag, 18. Dezember 2007

Loreena McKennitt

Seit ich meinen Roman schreibe, läuft im Hintergrund immer die gleiche Musik: Loreena McKennitt.
Diese Musik brauche ich, um einerseits in die richtige Stimmung zum Schreiben zu kommen, und andererseits, weil meine Sprache sich ein wenig an dieser Musik ausrichtet, vom Sprachrhythmus her. (Und ja, ich kann heute noch an meinen verschiedenen Texten erkennen, mit welcher Musik ich sie geschrieben habe- auch wenn es neben der Musik natürlich noch weitere Dinge gibt, die den Rhythmus bestimmten).
Leider gibt es nur ein Problem: Inzwischen habe ich jedes Album von Loreena über 250 Mal gehört- und das ist noch eine recht pessimistische Schätzung. Leider kann ich aber nicht wechseln, weil ich diese Musik für diesen Text brauche- und andere Musik aus dieser Richtung eben leider nicht genau passt.
Glücklicherweise höre ich beim Schreiben die Musik kaum oder gar nicht mehr. Aber ich habe die dringende Bitte an Loreena noch ein Paar Alben zu schreiben. Ich brauche Hilfe!!!

Montag, 17. Dezember 2007

Umarbeitung meines Manuskripts

Im Moment besteht mein Roman aus unterschiedlichen Teilen und Schnipseln, die insgesamt wohl einen Umfang von knapp 350 Seiten haben, wovon aber sehr viel gestrichene Teile oder Elemente sind.
Das einzige, was relativ sicher war, waren die ersten sieben Kapitel mit knapp 75 Seiten und die Fortsetzung, noch einmal ca. 7 Kapitel mit ungefähr dem gleichen Umfang.
Heute habe ich die Umarbeitung der ersten sechs Kapitel abgeschlossen und habe nun das Problem, dass sich ein Anschlussfehler ergeben würde, wenn ich nicht das siebte Kapitel in eine ganz andere Richtung bringe. Ein recht übliches Problem bei einer Überarbeitung dieses Umfangs: Wenn sich Dinge logisch aus den vorherigen Schritten ergeben, wird jede Abweichung vom Weg eine weitere Umarbeitung zur Folge haben.
Nun stellt sich gerade die Frage, was in meinem siebten Kapitel kommen muss: Denn es fehlt ein logischer Anschluss, und die bisherige Konstruktion taugt nicht mehr.

Bisher entsteht aus einer Konfrontation der Zwang in die Vergangenheit zurückzugehen, indem meine Heldin an Orte ihres Lebens zurückreist. Nun habe ich die Konfrontation geändert und zwar sehr stark, weil sie eigentlich nicht gepasst hat. Aber wie bekomme ich meine Heldin auf die Reise geschickt?
Ich muss also etwas finden, was sie von alleine bewegt oder zumindest ihre Entscheidung unterstützt diesen Weg zu gehen. Und das muss etwas mit meinen Hauptthemen zu tun haben, verbunden sein mit meiner Figur und nebenbei noch stark sein.
Oder anders gesagt: Ich brauche dazu eine verdammt glaubwürdige Idee, weil die im Prinzip das Buch (und meine Überarbeitung) auf den nächsten Seiten tragen muss. Und das Problem mit solchen Ideen ist, dass sie viel schwieriger als Zwang sind, als einfache Lösungen, eine rasche Wende und vieles mehr.

Diese Idee muss eigentlich wachsen, und dafür habe ich ein Kapitel Zeit, vielleicht auch zwei Kapitel. Mist und wundervoll. Denn der Roman wird auf jeden Fall gewinnen. Nur mich kostet das wieder unendlich viel Zeit.

Statistik: 6000 Besucher? Nein, eher so Zweihundert

6000 Besucher

Irgendwie ist es ein komisches Gefühl, wenn man nach etwas mehr als sechs Monaten auf eine solche Zahl kommt. Denn einerseits erscheint diese Zahl gewaltig: Wer hätte gedacht, dass jemand regelmäßig in meinen Blog reinsehen würde??
Andererseits ist diese Zahl nicht sehr groß, wenn man daran denkt, dass eine Gruppe von ca. 15 Stammlesern im Verlauf eines Monats schon ziemlich viel von der Besucherzahl ausmachen werden. Denn die meisten Besucher sehen nur auf die aktuelle Seite und rufen keine Unterseiten auf- nur 8.500 Visits.
Also vielleicht 400 Besucher, davon ein paar Stammkunden, wenn man die Robots rausnimmt, die ein- bis zweimal monatlich die Besucherzahl hochtreiben.

400 Besucher

O.k., einige dieser Besucher haben sich verklickt, oder wollten eigentlich den interessanten Thread lesen, der irgendwo als Titel bei Myblog (dem alten Bloganbiete) angekündigt war... und der sich nun als weniger interessant rausgestellt hat. Oder ein paar Besucher haben einfach irgendwie seltsame Stichworte gegoogelt oder wollten für irgendetwas werben. Diese Besucher zählen nicht, schließlich ist das ein Blog und der lebt vom immer wieder besuchen.
Dann bleiben vielleicht 200 Leute übrig, die mehr als einmal reingeschaut haben, darunter auch einige, die immer wieder reinsehen.

200 Besucher

Aber: Da ich insgesamt nur sehr wenige Kommentare haben, bisher unter 15 Gästebucheinträgen und nur ein Mal angeschrieben wurde.... sind es vermutlich eher 100 Besucher.

100 Besucher

Wenn das kein Grund zum feiern ist. Einige Leute scheint es wirklich zu interessieren, was ich hier mache.Vielen Dank!!!!! Und das ist ernst gemeint. Sechstausend Besucher sind nur eine Statistik, einige Stammleser sind es nichtUnd es ist persönlicher: Ich kenne viele meiner Leser sicherlich beim Namen. Seid gegrüßt und vielen Dank

Sonntag, 16. Dezember 2007

Sehnsucht nach der Krankheit Schreiben

Das ist Schreiben für eine Krankheit halte, die bei mir durch Nichtbehandlung am Anfang leider chronisch geworden ist, dürfte manchen meiner Blogleser klar sein. Wie sehr ist davon befallen, gleichzeitig aber auch verfallen bin, dürfte nur den wenigsten klar sein. Ich fühle mich innerhalb meiner Krankheit besser, als ich es tue, wenn ich gerade nicht krank bin... denn dann werde ich krank, nur bekomme ich dann solange eine andere Erkrankung, bis ich zu meiner ursprünglichen Krankheit, dem Schreiben, zurückkehre.
Und das ist gerade wieder so: Ich habe durch mein Studium, und die Weihnachtszeit leider viel zu wenig Zeit und Raum um zu arbeiten, zumindest nicht so viel Zeit und Raum wie ich gerne hätte- und meine Krankheit. Ich schaffe gerade 15 Stunden die Woche. Und ich leide erbärmlich. Meine Stimme geht gelegentlich ein wenig weg, ich habe Kopfschmerzen: und noch viel schlimmer. Ich habe Sehnsucht nach meinem Roman.

Aber vielleicht ist es auch das, was mich zu einem Schriftsteller macht: Die masochistische Sehnsucht nach dem, was mich daran hindert so richtig am Leben teilzuhaben und einen Teil meines Lebens in Buchstaben zu suchen, zu finden, zu schreiben.

Samstag, 15. Dezember 2007

Stressige Dezember

Irgendwie ist Dezember nicht wirklich mein Monat... Zuerst kommt die Dunkelheit, die nicht gerade besonders gut für mein seelisches Wohlbefinden ist, und daraufhin die Müdigkeit. Ich schlafe im Moment sehr viel... aber das macht mich nicht leistungsstärker, sondern ich schlafe nur mehr. Dann kommt der gesamte Stress, der mit Weihnachten verbunden ist. Das beginnt bei den Geschenken, den verschiedenen Terminen rund um das Weihnachtsfest, und auch ein wenig der Stress wegen des Geldes. Im Dezember ist halt das Geld besonders knapp- normalerweise.
Dazu macht mich der Dezember nachdenklich... vielleicht weil ich so viel Zeit habe in der Dunkelheit. Dann lese ich besonders viele Zeitungen und Zeitschriften, schaue in interessante Berichte hinein. Und finde meine Themen.
In diesem Dezember habe ich in der Welt einen langen Artikel über eine Frau gefunden, die irgendwann ihre Identität aufgegeben hat, um unter einer anderen Sozialversicherungsnummer in der USA, und damit unter einem anderen Namen zu betrügen. Besonders interessant war die Überlegung, was das aus ihr macht, den eigenen Namen und die Vergangenheit aufzugeben.
Ich arbeite gerade an meiner Abschlußarbeit für mein Studium über den deutschen Autor Gert Hofmann, der ungerechtfertigterweise ein wenig mit seinen Texten in Vergessenheit geraten ist. Er hat sich immer wieder mit Künstlern in seinen Texten beschäftigt. Und ich habe in letzter Zeit einiges über Künstler nachgedacht, da ich ja einen Roman über eine Schriftstellerin verfasse und auch lange im Studium über Künsterromane vom 18. Jh. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts gearbeitet habe.
Ein anderes Thema, das mich umgeht und mich nicht mehr loslässt, ist immer noch Geisteskrankheit in recht unterschiedlichen Ausprägungen. Aber mehr kann ich gerade nicht erzählen...

Es ist bald Weihnachten, und ich habe leider wieder einen Termin.

Donnerstag, 13. Dezember 2007

Logik, Semantik, Wortwahl, Klischees und Trash

Während man noch im Schreibprozess ist, fehlt oft genug der nötige Abstand zu dem eigenen Text, bzw. dessen Schwächen. Oft hilft es schon den Text laut zu lesen, oder sich vorlesen zu lassen, um wieder etwas Abstand zu bekommen. Manchmal braucht es aber einfach Zeit, manchmal Wochen, manchmal Monate.
Ich habe vor einigen Monaten einen Blogeintrag über "Die Freuden einer trashigen Parodie" verfasst und werde aus dieser trashigen Parodie nun einen Auszug bringen, weil daran Logik, Semantik (Wortbedeutung), Wortwahl Klischees und trashige Elemente gut zu erkennen sind und gehäuft auftreten- weil das eben die Absicht dieser Parodie war.
Ich werde zuerst Logik, Semantik und Wortwahl untersuchen und Probleme fett markieren, sowie Trash: als Überzeichnung von bestimmten Elemente zur unfreiwilligen (oder hier freiwilligen) Komik, oft auch durch falsch gesetzte Bezüge.
Durch die Vorlage gibt es hier natürlich viel mehr Fehler als in den meisten normalen Texten. Ich habe aber inzwischen genug fremde und eigene Texte lektoriert, um sagen zu können, dass sich solche Fehler bei Anfängern und Profis zu finden sind... und zwar immer wieder, wobei es von der Sprachfähigkeit des Autoren und der Überarbeitungsstufe abhängt, wie viele dieser Dinge sich finden.
(Wobei einige trashige Übersteigerungen über mehrere Elemente sich hauptsächlich in Anfängertexten finden, weil die Vielzahl der falschen Bezüge sehr auffällig ist und deshalb rasch von Profis entdeckt wird).
Und auch in gedruckten Büchern finden sich immer wieder solche Fehler: von den Kartoffeln in historischen Romanen (die es aber erst seit Columbus in Europa gibt, und die erst später als Nahrungsmittel kultiviert wurden), von falscher Bekleidung, Steigbügel bei römischen Soldaten vor dem 3. Jh., bis hin zu wundervoll furchtbaren trashigen Stellen oder Bezügen.

Und ja, ich finde immer wieder solche Fehler in meinen eigenen Texten, meist in frühen Fassungen. Manchmal fehlt ein Buchstabe und eine neue Bedeutung entsteht, ein Komma fehlt und schafft falsche Bezüge, oder etwas ist so mehrdeutig, dass es falsch gedeutet werden kann.... Und klar, manchmal sind auch große Patzer dabei, wo mit mir etwas durchgegangen ist.
Es ist also keine Schande so etwas zu finden. Im Gegenteil: ich liebe es manchmal so etwas zu finden, weil es ein wundervolles Lachen über das eigene Schreiben ist. Es holt einen aus dem Gefühl ein perfekter Autor zu sein zurück, was immer gut ist, und vermittelt einem, dass Fehler Teil der Arbeit sind. Zudem schärft es die Augen für weitere Fehler.Und es ist einfach lustig so etwas bei sich zu finden.

Nun aber konkreter:

Teil 1: Der lockere Lord Arturo
Ganz in schwarzen Lederklamotten gekleidet, mit weit aufgeknöpfter Brust, stand Arturo in der Nähe des brennenden Kamins und strich seine wallende Mähne zurück. Er würde heute Jack, eigentlich Jackeline Labote Vondermer, die, als Diener verkleidet in seinen Dienst getreten war, von seiner wahren und aufrichtigen Liebe überzeugen, da er, schon am ersten Abend, erkannt hatte, dass Jack niemals ein Mann hätte sein können, bei diesem schwankenden Hüftbewegungen und den hübschen, wenn auch weggebundenen Brüsten. Vor allem, weil sie ihn die ganze Zeit angestarrt hatte, seine männlich behaarte Brust, den schwellenden Stolz seiner Männlichkeit in der engen Hose. Sie hatten auch miteinander gesprochen, über Krieg und so, und er hatte sie mit seinen gewichtigen Argumenten von allen Seiten überzeugt.

Schwarze Lederklamotten: Die Wortwahl Klamotten ist umgangssprachlich und dementsprechend für einen mittelalterlichen Text ungeeignet. Dazu kommt, dass die Menschen im Mittelalter so nicht gekleidet waren. Im Mittelalter wurden Übergewand (Surcoat) und ein Untergewand getragen.
Ganz in ... Lederklamotten: Niemand ist ganz in Lederklamotten gekleidet, es sei denn, er arbeitet in der SM-Branche und trägt zu Handschuhen, Hosen, Schuhen auch eine Vollmaske. Da hier jemand noch eine aufgeknöpfte Brust hat, passt das ganz nicht. falscher Bezug.
weit aufgeknöpfte Brust: Bezug stimmt nicht, denn die Brust kann nicht aufgeknöpft werden- es sei denn, man hat ziemlich ernst, medizinische Probleme. Hier müsste zumindest Hemd stehen, aber das passt nicht zu medizinischen Problemen. Trashig.

Arturo: Namenswahl wirkt sehr liebesromanig, dieser Name passt nicht zu einem englischen Adligen, weil der eigentliche Name Artur romanisiert wurde.
wallende Mähne: Wird heute nur noch in Liebesromanen verwendet- deshalb Wortwahl pürfen.
Er würde heute Jack, eigentlich.... Satzbau überprüfen
schwankende Hüftbewegung: meint sicherlich den Hüftschwung, passt aber überhaupt nicht, weil schwankende Hüftbewegungen eher zu einem Betrunkenen passen.

schwellenden Stolz seiner Männlichkeit in engen Hosen: schwellender Stolz ist wieder Liebesromanniveau, genau wie die Männlichkeit. Die engen Hosen passen natürlich nicht in einen mittelalterlichen Text.
über Krieg und so: Umgangssprachlich und unpassend, weil hier signalisiert wird, dass man sich nicht wirklich ernsthaft unterhalten hat. Es wirkt so, als hätte der Autor kein Interesse das auszuarbeiten und hätte das ziemlich umgangssprachlich weggeschrieben. Schlechter Stil, zumindest hier.

Aber Arturo hatte auch fürchterliche Angst. Sie war nun einmal die Tochter seines Erzfeindes, des schrecklichen Grafen Vondermer, einem brüllenden schottischen Ungetüm mit roten Haaren und Kilt, der mit seinem Breitschwert mit Haut und Haaren schon die halbe Verwandtschaft ausgerottet hatte. Sicherlich war sie in seinen Dienst getreten, um ihm zumindest den Schlüssel zu stehlen, mit dem sie den in einem dunklen Kerkerloch eingekerkerten Bruder befreien könnte, den er aber dicht an seinem Körper trug, und nie ablegte, nicht einmal wenn er badete.
Schon oft hatte Arturo schon den Vater mit seinem mächtigen Zweihänder auf dem Hügel vor der Burg zu erkennen geglaubt, wenn er Abends, in kalten Schweiß getaucht, sich fürchterlich windend, aus furchtbaren Träumen erwachte. Denn er war ein mutiger Mann, aber ein fürchterlich böser Schotte würde jeden Engländer um Gnade winseln lassen, wenn er ein Zweihänder hat. Und immerhin war er im Recht, im Gegensatz zu den beiden grausamen Verwandten seiner Geliebten.

brüllendes schottisches Ungetüm: Das Pars pro Totum, das Schimpfwort Ungetüm für die Person zu setzen, wirkt ziemlich verflachend für die Charakterisierung- der Böse wird "entmenschlicht".
mit seinem Breitschwert mit Haut und Haaren schon die halbe Verwandtschaft ausgerottet hatte: mit Haut und Haaren kann sowohl auf das Breitschwert, als auch auf die Ausrottung der Verwandtschaft bezogen werden- und ein Breitschwert mit Haut und Haaren ist trashig.
Und die halbe Verwandtschaft ist ziemlich lapidar und falsch. Lapidar, weil jedes Gefühl fehlt, falsch, weil der englische Landadel so weit mit dem Adel der Umgebung verwandt war, dass dies der Ausrottung des Adels in ganzen Landstrichen entsprochen hätte. Trashig.

im Kerkerloch eingekerkerten Bruder: Wortwiederholung
fürchterlich, böser Schotte: Überzeichnung, deshalb Probleme bei der Charakterisierung.
wenn er einen Zweihänder hat... Bezug: deshalb winselt jeder mutige Mann- trashig. Insgesamt ist der gesamte Satz deshalb daneben.

Und was war, wenn sie ihn nicht liebte. Wenn er die sorgfältig zusammengelegten Hemden, die parfümierten Briefe, das Augenzwinkern bei dem Turnier neulich, als Jack sich davongestohlen hatte, um als Dame auf der Brüstung mit den anderen Zuschauern zu sitzen, während er verzweifelt suchend, um Hilfe bittend, keine Ahnung habend wo sein treuer Diener abgeblieben war, endlich Hilfe bei seinem guten Freund Marschall, der ebenfalls an dem Turnier teilnahm, und der ihm die Riemchen und die Rüstung umlegte, fand, damit er beim Turnier voll seinen Mann stehen konnte.
Und er hatte seinen Mann gestanden, gleich gegen sieben Gegner hintereinander, die er alle mit seinem mächtigen Lanze umgestoßen hatte. Und sie hatte gelächelt. Nur gelegentlich gekeucht, wenn ihm ein besonders trefflicher Stoß gelungen war.

sorgsam zusammengelegte Hemden: Hemden gab es nicht
parfümierte Briefe: gab es auch nicht, die ersten Parfümerien gab es deutlich später, in Deutschland z.B. mit dem Haus Farina ca. 1709.
verzweifelt suchend, um Hilfe bittend, keine Ahnung habend: Partizipialkonstruktionen. Die wirken oft ungelenkt, vor allem in der Häufung. Besser wäre es sie durch Nebensätze zu ersetzen (vor allem habend ist besonders grausam zu lesen), die über eine andere Verbform verfügen, wobei einige Partizipalformen in Ordnung sind, weil sie im Deutschen keinen gleichwertigen Ersatz haben, siehe bittend.

voll seinen Mann stehen: wirkt wie ein falscher Bezug, weil hier Männlichkeit und Turnierkampf gleichgesetzt werden und dieser Satz üblicherweise nur auf Sex bezogen wird, zumindest heute. Trashig
hatte seinen Mann gestanden: Wortwiederholung, mit der Ergänzung gleich gegen sieben Gegner- wird hier deutlich ein sexueller Bezug gesetzt.
mächtige Lanze: der Sexbezug wird hier weiter fortgesetzt: das Wort wirkt albern, und im Bezug trashig.
nur ein Keuchen, wenn ihm ein besonders trefflicher Stoß: Hier Fortsetzung des trashigen Sexbezug.

Mittwoch, 12. Dezember 2007

Kreativität: Hektik und eine lange Weile haben

Bei mir ist Kreativität ein Verhaltensmuster, dass nur wenig mit dem genialistischen Konstrukt: "Flupps, da war die Idee" zu tun hat. Gerade die Ideen für Texte und Geschichten haben weit mehr mit einem Whisky zu tun, der aus verschiedenen Bestandteilen (Figuren, Thema, Sätze, Wörter) destilliert wird, dann eine ganze Zeit sortiert nach Ideen in verschiedenen Fässern lagert, und eine Zeit Farbe und Geschmack gewinnt, bevor er dann irgendwann zu einem Blend aufgegossen, also gemischt wird, oder direkt vom Fass in die Abfüllung kommt.
Der Lumpenkerl ist in einer Zeit entstanden, in der ich mich sehr intensiv mit dem 3. Reich beschäftigt habe, ohne eine Geschichte darüber schreiben zu wollen. Ich habe mit einigen Personen gesprochen, darunter auch Verwandte, aber auch viele Senioren, die ich in diesem Jahr an meinem Schreibplatz getroffen hatte. Und aus all diesen Stimmen habe ich nach und nach einige wesentliche Dinge destilliert, die für mich des Aufschreibens würdig waren. Da war das Geld aus der Besatzungszeit, das mein Vater mir in dieser Zeit überlassen hatte, nachdem ich selber auf einem Flohmarkt ein paar Milliarden Reichsmark aus der Kaiserzeit gekauft hatte (und andere Scheine). Da war die Geschichte meiner Tante über Flüchtlinge, Berichte im Fernsehen über die Wehrmachtsausstellung, in der Zeitung Artikel über die Rheinlager der Amerikaner, über die Ardennenoffensive, über die Flucht aus dem Osten und vieles mehr.
Ich habe auch Wolfgang Borchert noch einmal gelesen, einmal für die Uni, aber auch für mich privat und habe gerade die Geschichte "Das Brot" und "Draußen vor der Tür" besonders gemocht.
Und für mich ganz zentral: Ich habe mit einem Mann über das "fringsen" gesprochen, einen Ausdruck der sich auf den Kölner Kardinal Frings, der in der Not den Diebstahl von Kohlen und Nahrungsmittel "erlaubt" hat und Namenspatron dafür wurde. Und über den Geschmack von Ananas und über den Schwarzhandel in Köln.

Und ich habe sicherlich 90% inzwischen wieder vergessen, was mich noch in dieser Zeit beschäftigt hat. Aber ich habe dann irgendwann für eine Internetseite eine Geschichte schreiben wollen, über zwei Bäume, die dicht an dicht im Winter standen. Da habe ich den ersten Satz gehabt: Da drüben, bei den beiden Bäumen, da haben sich mich aufgehängt. Und bevor ich auch nur nachdenken konnte, hatte ich den Lumpenkerl und meinen Anfang. All die Ideen, Informationen, Aussagen flossen auf einmal zusammen, während ich schrieb, und erschafften für mich die Welt um den Lumpenkerl herum.
Nicht sehr genialistisch, wenn man eine Geschichte so entstehen lässt: Denn dieses Vorgehen braucht ungemein Zeit. Ich sammele jede Menge Informationen, die sich irgendwann zu einer Geschichte ausentwickeln. Aber ich kann nicht einfach eine Geschichte runterschreiben: Ich brauche erst dieses Sammeln, Destillieren, Wachsen lassen. Aber es sorgt dafür, dass ich meine Geschichte aufschreiben, meine Gedanken so reifen lasse- und wenn so auch nur wenige Geschichte entstehen, so haben sie für mich viel Bedeutung (wenn vielleicht auch nicht für andere).

Deshalb arbeite ich so. Und verzichte oft genug darauf eine Idee direkt umzusetzen, und entwerfe sie nur aus, schreibe ein paar Sätze und blicke später noch einmal drauf.

Dienstag, 11. Dezember 2007

Adjektive und Beschreibungen

In dem ersten Teil dieses Blogeintrags habe ich über die ersten Schritte bei der Überarbeitung gesprochen und dann ein Beispiel gebracht. Für den zweiten Teil möchte ich direkt mit einem Beispiel aus einer Rohfassung anfangen, geschrieben 2002- die ich seitdem nicht mehr gelesen habe. (Etwas Theorie über Adjektive in den Blogeinträgen: Adjektive und Adjektive II , etwas zu Beschreibungen hier ).

Rohfassung: (291 Worte, 1599 Zeichen ohne Leerstellen)
Aus dem dunklen Wohnzimmer flackerte das diffuse Licht eines Video 8 Films in die Küche, und eine verzerrte Stimme rief aus dem Off zu den Personen auf der Leinwand.
Fried saß auf einem wackligen Holzstuhl in seiner Küche und sah zu den verblichenen Prilblumen auf den Kacheln neben dem alten Boiler. Er schien die Stimmen gar nicht wahrzunehmen, die dem Kameramann von der langen Bahnreise in die Toskana erzählten, von den Alpen und dem klaren Wasser am Strand in der Nähe von Sienna.
Mit gelb-fleckigen Händen legte er seine Rothändle in den Speckstein Aschenbecher, an dem noch die Reste unzähliger anderer Zigaretten papten. Fried nahm die beiden Scheiben Graubrot von einem Holzbrett auf der karobunten PVC- Tischdecke und trug eine extra dünne Schicht Butter auf. Die zweite Scheibe erhielt als Zubrot ein dünne Schicht feiner Kölner Leberwurst, deren beigen Rand er sorgsam mit dem Messer ausgekratzte.
Fried stützte sich auf den Tisch ab und drückte sich mühsam an ihm hoch. An seiner Küchenarbeitsplatte schüttete er aus seiner Alexanderwerk Kaffee in eine verbeulte Blechtasse. Lange verweilten seine Augen an den vergilbten Bildern neben dem alten Boschkühlschrank, wo ihn sein Sohn Stefan aus irgend einem Urlaub anlachte. Und Maria mit einem gelben Plastikball an einem Strand. Fried meinte sich an Frankreich zu erinnern, oder Spanien.
„ Fried.“
Die Stimme drang aus dem Wohnzimmer in die Küche. Die karstige Mondlandschaft von Frieds Gesicht riß für einen Sonnenstrahl auf, die dunklen Augen erhellten sich und die Gaumenstümpfe schienen zahnlos zu grimmeln.
„ Ja, Maria.“
Fried nahm einen tiefen Schluck des schwarzen Kaffees, bevor er zu seiner Zigarette zurückkehrte, die dünne Rauchschleier durch seine Küche schickte. Er dachte an seine Maria und wurde schwach. Immer noch.
„ Ich habe einen Seestern gefunden.“

Die erste Auffälligkeit bei diesem Text ist der enorme Umfang an Beschreibungen, die nicht notwendig für die Geschichte sind- darunter die ständige Ergänzungen von Substantiven durch Adjektive.

1. Ich werde erst einmal alle Adjektive dick markieren, und unnötige Beschreibungen in Klammern setzen, sowie mit W die Wiederholung in der Küche:
Aus dem dunklen Wohnzimmer flackerte das diffuse Licht eines Video 8 Films (W in die Küche), und eine verzerrte Stimme rief aus dem Off zu den Personen auf der Leinwand.
Fried saß (auf einem wackligen Holzstuhl) (W in seiner Küche) und sah zu den verblichenen Prilblumen auf den Kacheln (neben dem alten Boiler). Er schien die Stimmen gar nicht wahrzunehmen, die dem Kameramann von der langen Bahnreise in die Toskana erzählten, von den Alpen und dem klaren Wasser am Strand (in der Nähe von) Sienna.
Mit gelb-fleckigen Händen legte er seine Rothändle in den (Speckstein) Aschenbecher, (an dem noch die Reste unzähliger anderer Zigaretten papten). Fried nahm die beiden Scheiben Graubrot (von einem Holzbrett auf der karobunten PVC- Tischdecke) (und trug eine extra dünne Schicht Butter auf. Die zweite Scheibe erhielt als Zubrot ein dünne Schicht feiner Kölner Leberwurst), (deren beigen Rand er sorgsam mit dem Messer ausgekratzte).
Fried (stützte sich auf den Tisch ab und) (drückte sich mühsam an ihm hoch). (An seiner Küchenarbeitsplatte) schüttete er (aus seiner Alexanderwerk) Kaffee (in eine verbeulte Blechtasse). Lange verweilten seine Augen an den vergilbten Bildern (neben dem alten Boschkühlschrank), wo ihn sein Sohn Stefan aus irgend einem Urlaub anlachte. Und Maria mit einem gelben Plastikball an einem Strand. Fried meinte sich an Frankreich zu erinnern, oder Spanien.
„ Fried.“
Die Stimme drang aus dem Wohnzimmer in die Küche. (Die karstige Mondlandschaft von Frieds Gesicht riß für einen Sonnenstrahl auf, die dunklen Augen erhellten sich und die Gaumenstümpfe schienen zahnlos zu grimmeln.- zuviel insgesamt)
„ Ja, Maria.“
Fried nahm einen tiefen Schluck (des schwarzen) Kaffees, (bevor er zu seiner Zigarette zurückkehrte), (die dünne Rauchschleier durch seine Küche schickte). Er dachte an seine Maria und wurde schwach. Immer noch.
„ Ich habe einen Seestern gefunden.“

Wenn man sich die verwendeten Adjektive ansieht, dann sind nur wenige Adjektive wirklich stark (diffuses Licht, verzerrte Stimme, karobunte PVC-Tischdecke), einige Adjektive starkt mit dem Substantiv (verblichene Prilblumen, vergilbte Bilder), die meisten Adjektive schaffen keinen Mehrwert für den Text und sind dementsprechend überflüssig. Die überflüssigen Beschreibungen kommen alle raus und erst einmal alle Adjektive die nicht stark sind (mit oder ohne Substantiv.

Version 1: (167 Worte, 856 Zeichen ohne Leerzeilen)
Aus dem Wohnzimmer flackerte das diffuse Licht eines Video 8 Films in die Küche, und eine verzerrte Stimme rief aus dem Off zu den Personen auf der Leinwand.
Fried saß dort und sah zu den verblichenen Prilblumen auf den Kacheln. Er schien die Stimmen gar nicht wahrzunehmen, die dem Kameramann von der Bahnreise in die Toskana erzählten, von den Alpen und dem Wasser am Strand Siennas.
Mit gelb-fleckigen Händen legte er seine Rothändle in den Aschenbecher, (Ersetzung: schmierte sich) (Ersetzung: zwei) Scheiben Graubrot und schüttete
(Ersetzung: sich eine Tasse) Kaffee (Ersetzung: ein). Lange verweilten seine Augen an den vergilbten Bildern, wo ihn sein Sohn Stefan aus irgend einem Urlaub anlachte. Und Maria mit einem Plastikball an einem Strand. Fried meinte sich an Frankreich zu erinnern, oder Spanien.
„ Fried.“
Die Stimme drang aus dem Wohnzimmer in die Küche. (Ersetzung: Frieds kratiges Gesicht bekam freundliche Falten um die Augen).
„ Ja, Maria.“
Fried nahm einen Schluck Kaffee. Er dachte an seine Maria und wurde schwach. Immer noch.
„ Ich habe einen Seestern gefunden.“

Diese Version hat nur noch etwas mehr als die Hälfte an Worten, beschreibt aber exakt die gleiche Situation. Sicherlich hat sich die Stimmung des Textes ein wenig verändert, die langen Beschreibungen aus der ersten Version wirkten langatmig und langsam, während diese Version viel schneller wirkt- der Kontrast schneller Film, langsames Leben nimmt ab; sowie es gibt weniger Eindrücke über den Lebenstil der Figur.
Vielleicht könnte man wieder ein wenig mehr Beschreibungen mit hineinnehmen. (Die ich in Unterstrichen setze)

Version 2: (189 Wörter und 990 Zeichen)
Aus dem Wohnzimmer flackerte das diffuse Licht eines Video 8 Films in die Küche, und eine verzerrte Stimme rief aus dem Off zu den Personen auf der Leinwand.
Fried saß dort vor seiner karobunten PVC-Tischdecke und sah zu den verblichenen Prilblumen auf den Kacheln neben dem Boiler. Er schien die Stimmen gar nicht wahrzunehmen, die dem Kameramann von der Bahnreise in die Toskana erzählten, von den Alpen und dem Wasser am Strand bei Siennas.
Mit gelb-fleckigen Händen legte er seine Rothändle in den verschmutzten Aschenbecher, (Ersetzung: schmierte sich) (Ersetzung: zwei) Scheiben Graubrot, eine mit Butter, eine andere mit einer dünnen Schicht Leberwurst und schüttete
(Ersetzung: sich eine Tasse) Kaffee (Ersetzung: ein). Lange verweilten seine Augen an den vergilbten Bildern, wo ihn sein Sohn Stefan aus irgend einem Urlaub anlachte. Und Maria mit einem Plastikball an einem Strand. Fried meinte sich an Frankreich zu erinnern, oder Spanien.
„ Fried.“
Die Stimme drang aus dem Wohnzimmer in die Küche. (Ersetzung: Frieds kratiges Gesicht bekam freundliche Falten um die Augen) und er lächelte.
„ Ja, Maria.“
Fried nahm einen Schluck Kaffee. Er dachte an seine Maria und wurde schwach. Immer noch.
„ Ich habe einen Seestern gefunden.“

Nun hängt es sicherlich vom persönlichen Stil und dem Text ab, ob man bei der Überarbeitung so stark wie bei Version 1 runterkürzt oder ein wenig mehr wie bei Version 2 oder noch ein wenig mehr behält.
Das grundsätzliche Vorgehen bei Problemen mit Adjektiven und Beschreibungen ist " verkürzende Ersetzung", "Austausch" oder "Kürzung".
Alles, was man streichen kann, ohne das der Text an Inhalt, Logik, Stimmung verliert, sollte auch gestrichen werden. Die Prüfung ist es ein Adjektiv einfach mal anzusehen, ob es bildlich und inhaltlich stark ist- wenn es das nicht ist, es zu ersetzen oder zu kürzen.
Bei Beschreibungen sollte man überprüfen, ob diese Beschreibung zum Textverständnis notwendig ist, für die Stimmung, später noch einmal darauf zurückgegriffen werden soll, oder keines von all dem- dann kürzen. Ansonsten beibehalten oder je nach Länge der Beschreibung einfach mal verkürzend ersetzen oder austauschen und sehen, was daran wichtig ist.

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Nach einem freundlichen Hinweis per E-Mail heute (27.12) möchte ich noch etwas ergänzen, auch wenn sich das etwas ungewöhnlich anhört.

Wenn man sich den stark verkürzten Text und den ersten Text laut durchliest, unterscheidet sich der Sprachrhythmus der beiden Texte deutlich.

Mark Twain hat einmal gesagt: "Wenn der deutsche Schriftsteller in einen Satz taucht, hat man ihn die längste Zeit gesehen; bis er auf der anderen Seite seines Atlantiks wieder hervorkommt mit seinem Verbum im Mund." - A Connecticut Yankee in King Arthur's Court, Kap. XXII. (Zit. nach Wikiquote)
Eine der Besonderheiten der deutschen Sprache ist, dass die Leser wirklich darauf warten, dass irgendwann einmal das Verb auftaucht, auch wenn sie oft genug wissen oder ahnen, welches Verb das sein wird.
Auf dem Weg zum Verb hat jeder Satzteil und jeder Nebensatz oder Einschub eine gefühlten Sprachrhythmus:

Das blonde Mädchen mit den schulterlangen Haaren stand an der gelben Mülltonne, und las in der zerknitterten Zeitungen die Nachrichten, die kluge Leute sich gestern ausgedacht hatten.

Adjektive erklären immer Substantive, und deshalb gibt es beim Lesen immer ein kurzes innehalten beim Lesen bei ihnen, ein verbleiben im Tonfall als würden Adjektiv und Substantiv zusammengehören, während sich im restlichen Satz der Sprachrhythmus stetig verändert. Gerade bei gehäuften Adjektiven wie im ungekürzten Beispiel liest es sich scheußlich- der Sprachrhythmus liest sich laut, als würde der Sprecher Kaugummi kauen oder würde die Jamben eines schlechten Gedichts totreiten.

Sie warf ihre schulterlangen, blond gebleichten, splissigen Haare

Sprachrhythmisch hört sich das wie ein Schluckauf an, es zerbricht den schönen Klang der Sprache und wirkt wie ein Fremdkörper. Oder anders gesagt: Wer bei den Adjektiven spart und nur die wichtigen verwendet, wird reichhaltig beim laut lesen und im Sprachrhythmus mit einem vollen Klang belohnt. Es liest sich einfach besser. Und ja, relative Einschübe (statt Adjektive) wirken übrigens oft wie eine Unterbrechung des Sprachrhythmus, ein Verschlucken, und sollten ebenfalls selten verwendet werden.

Sie warf ihre Haare, die sie blond gebleicht hatte und die nun splissig und schulterlang ihr Gesicht umrahmten, nach Hinten.

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Und ja, ich werde bei Gelegenheit etwas zu Satzbau und Sprachrhythmus ausführen.

Montag, 10. Dezember 2007

X-te Überarbeitung? Bin ich ein Idiot? Ja, aber...

Ich überarbeite gerade meinen Roman, wie sicherlich in den letzten Blogeinträgen ziemlich deutlich geworden ist, und versuche gerade mein Hauptthema stärker herauszuarbeiten. Nun bin ich an einer Stelle im sechsten Kapitel, wo ich für das Hauptthema eine meiner Nebenhandlungen umgestaltet habe. Nur leider hat diese Szene mich (und meine Testleser) immer ein wenig gestört, weil irgendetwas nicht stimmte- welch Wunder: schließlich habe ich etwas aus der Haupthandlung die Nebenhandlung bestimmen lassen.
Heute habe ich diese Szene ausgekürzt und reduziert, und das ursprüngliche Thema abgewandelt wieder hinein genommen- und dadurch ein Türchen geöffnet, wie ich auch die nächsten Seiten bis zum Ende des siebten Kapitels umarbeiten muss, damit es passt. Und dann passt es wirklich: Die ersten sieben Kapitel bieten dann genau das, was ich für meine Haupthandlung brauche und den ersten Wendepunkt des Romans (ich bin mir nicht sicher, ob der der eigentliche Startpunkt ist).
Nun, aus dieser Erfahrung stellt sich dann wieder die Frage: Ich muss anscheinend jede Szene immer wieder neu schreiben und überarbeiten, bis ich irgendwann, nach der x-ten Variante zufrieden bin (oder vorläufig zufrieden). Ich schreibe also von der Arbeit und den Seitenzahlen der gestrichenen Versuche eigentlich drei oder vier Romane, um einen Roman zu schreiben. Ich arbeite also so wie Stanley Kubrick an seinen Filmen an meinem Roman.: So lange wiederholen, bis es fast perfekt ist.

Der Unterschied ist nur, Stanley Kubrick hat die Zeit und das Geld dazu bekommen, ich habe es eigentlich nicht. Zudem dürfte auch klar sein, dass Stanley Kubrick eine wundervolle künstlerische Vision hatte- und bei mir ist noch nicht klar, ob das eine Vision oder eine Halluzination ist.

Naja. Was soll ich sagen: ich bin verwirrt und glücklich, und raus aus meiner Herbstdepression.

Sonntag, 9. Dezember 2007

Den Traum wieder zu träumen

Wenn ich an meinem Roman schreibe, dann sehe ich irgendwann nicht mehr die Worte vor meinen Augen: Der Roman läuft vor meinen Augen ab- nicht direkt wie ein Film, sondern laufende Bilder schemenhaft, wie ein Theaterstück im Nebel. Nach und nach gestalte ich alles aus. Ich verbildliche also die Figuren und ihre Verbindungen, geben den Bilder Hintergrund und Bezug zueinander und auch zu den Figuren, entwickele nach und nach alles aus. Im Prinzip entspricht das alles nicht wirklich einen Film, auch wenn ich einen sehr bildlichen Zugang habe. Denn dazu streiche ich in meinen Gedanken zu sehr durch die Bilder und ich stoppe den Film, sehe woanders hin, variiere. Und klar, die Bildlichkeit unterscheidet sich je nach Szene, je nachdem was ich versuche und mache- manchmal weg von der Bildlichkeit zu einem rhythmischen Gefühl bei Gedanken oder Metaphern.
Der Vorteil an diesem "Film" ist, dass ich so nicht mehr die Worte sehe, sondern eine Vorstellung der Wirkung meines Textes auf meinen Leser habe . (O.k., ich habe zuerst nur einen Leser.... mich, der mir eine Vorstellung vermittelt). Das vereinfacht das Schreiben enorm, weil ich nicht mehr bewusst nach Worten suche, sondern direkt meinen "Film" zusammenstelle und näher am Text bin. Zudem muss ich mir so weniger Sachen notieren, weil ich genau weiß, wie meine Figuren aussehen, zumindest die meisten. Und ich ernte sehr präzise, weil ich mir Bilder einfacher als Details merken kann.

Samstag Morgen

Es gibt wenige Gründe, um sich morgens um 6.15 Uhr von den Träumen und einem warmen Bett zu verabschieden- und es waren wirklich schöne Träume. Heute habe ich die überarbeiteten Stellen der letzten Tage voller Genuss noch einmal gelesen. Und es passt, obwohl ich sicherlich noch ein paar Mal Kanten ausschleifen muss. Danach habe ich dann weitergearbeitet und habe das sechste Kapitel angepackt und herausgefunden, was mich bisher gestört hat. Ich werde hier ordentlich erst einmal auskürzen- und das ursprüngliche Thema rausnehmen oder zumindest zum Teil rausnehmen. Danach muss aber etwas neues kommen, eine neue Szene. Und das wird sicherlich interessant. Denn ich bin mir noch nicht sicher, was kommen wird. Aber das wird dann entschieden, wenn der Rest passt...

Was für ein schöner Samstag morgen, wenn es mit dem Schreiben gut läuft.

Freitag, 7. Dezember 2007

Beispiel zu "Die Überarbeitung"

Hier ein Beispiel für die grundlegende Umarbeitung eines Textes, Basis ist der Anfang einer meiner Kurzgeschichte aus dem Jahr 1994:
Ein Mann ging über die Kreuzung und schien recht nachdenklich. Verwundert kratzte er sich am Kopf. Wo war er?
Dunkel erschien in seinem Kopf ein Bild und verschwand, bevor er sich erinnern konnte. Er blieb stehen. Wer war er. Er fischte in den Tiefen seines Gehirns, doch er fand nur Namen, sinnlos aneinandergereiht. Thomas, Heinz, Peter, Jacob, sie schienen sinnlos, aus der Zusammenhang gerissen- leer. Er schlenderte eine Straße entlang, ohne zu wissen wo er war. Autos aller Farben rasten an ihm vorbei und ihre Scheinwerfer warfen tiefe Schatten in diese Stadt. Große Häuserblocks waren durch die Dunkelheit zum Leben erwacht und die Laternen vor ihnen schienen ihm wie Augen. Menschen mit zugeknöpften Jacken eilten an ihm vorbei, ohne den Funken eines Wiedererkennens in ihren Augen. Seelenlose Fremde, er schlenderte weiter. Die langsam aufblitzenden Straßenlichter ließen seine Verlorenheit kleiner erscheinen, denn er erinnerte sich. Er hatte sie schon oft gesehen, doch wo? Sein Gedächtnis lies ihm im Stich.

Offensichtlich wird diese Geschichte von einem Er/Sie Erzähler im Präteritum berichtet, der in die Gedankengänge des Mannes hineinsehen kann (ein Erzähler mit Innensicht), aber darüber hinaus mehr als die Figur weiß, bzw. mehr als die Figur jetzt weiß. Vermutlich ist der Erzähler allwissend, aber das steht noch nicht fest.
Über den Mann wird bisher sehr wenig berichtet, vom Thema vergessen einmal abgesehen, und dass er andere Menschen als "Seelenlose Fremde" bezeichnet, so dass der Leser sich diese Figur noch nicht richtig vorstellen kann- es fehlen alle Hinweise, die etwas über die Figur sagen, wie Namen, Beschreibung, persönliche Handlungsweisen und auch die Gesten sind zu allgemein und nichtssagend. Wenn der Leser mehr über die Figur wüsste, könnte er besser nachvollziehen was da passiert und würde "mitempfinden".
Das Hauptthema scheint "Vergessen" zu sein, offensichtlich ist der Mann irritiert und verwirrt, noch ist aber nicht klar warum. Das Thema wird aber deutlich hervorgestellt.
Dem Vergessen werden Bilder entgegengestellt, die um den Mann herum passieren. Er hat keinen Einfluss und kann die Bilder nicht einordnen- die Bilder sind mit den üblichen Großstadtimpressionen verwandt, die oft Verlorenheit darstellen.

Diese Bilder sind nicht sehr originell, aber im Grundprinzip erst einmal in Ordnung, obwohl personalisierte Bilder besser wären- das hängt aber auch davon ab, ob das absichtlich unpersönlich ist, siehe Thema "Vergessen", oder unabsichtlich.
Der Einstieg selber: "Ein Mann ging über die Kreuzung und schien recht nachdenklich" ist eher schwach, und sehr unpersönlich. Vielleicht wäre es noch besser, diesen Einstieg zu personalisieren:
"Der Mann an der Kreuzung hatte keinen Namen mehr, oder vielleicht hatte er ihn nur vergessen. Aber gab es ihn wirklich, dachte er, wenn er keinen Namen mehr hatte? Er war sich nicht sicher."
O.K. nicht gerade optimal, aber das Grundprinzip ist klar: Das Thema wird sofort angesprochen, und das Problem angedeutet. Also diesen Anfang vielleicht noch mal überarbeiten, die Idee wirkt aber stärker, da das Thema durch eine konkrete Sache dargestellt wird.
Vielleicht wäre es eine Idee über diesen Anfang dann mit den Namen weiterzumachen und die Figur etwas zu beschreiben.
"Er musste doch irgendwo einen Namen haben, vielleicht in seiner Tasche. Oder wie früher auf dem Etikett in seinem Nacken, weil da seine Mutter früher immer seinen Namen drauf geschrieben hatte. Daran konnte er sich noch erinnern, aber nicht mehr, was sie darauf geschrieben hatte. Er zog die Jacke aus, .... "

Hier dann die Beschreibung der Jacke, vielleicht bemerkt er, wie alt er ist... Die Logik des Anfangs passt, aber es ist auch noch nicht genug erzählt, um die Logik durchzugehen.

Wunderbare Abstraktion

Eine der großen Lektionen eines Studiums war für mich die Idee der Abstraktion.
Viele Probleme sind relativ einfach zu erkennen, weil sie aus ihrer Umgebung hervorstechen oder von ihr abweichen. Ein falsch geschriebenes Wort fällt auf, weil das Wort einen Teil der grundsätzlichen Systematik Rechtschreibung ist. Ein unpassendes Wort verstößt gegen unser Sprachgefühl, so dass wir meist sofort merken, hier stimmt etwas nicht. Und so geht es mit vielen recht grundsätzlichen Problemen.

Andere Probleme sind aber so sehr Teil ihrer Umgebung und passen so in die Systematik, dass sie weniger auffallen, siehe den anderen Blogeintrag von heute.
Um das Problem zu erkennen, muss man entweder intuitiv oder durch eine Abstraktion/ eine Theorie überhaupt schon einmal festgestellt haben, dass es diese Art Probleme überhaupt gibt.
Es gibt z.B. oft viele Wörter, die eine Sache in einem bestimmten Zusammenhang darstellen können, aber es gibt meistens nur ein Wort, das nicht nur in den Zusammenhang passt, sondern auch sprachlich und rhythmisch zu dieser Stelle passt und mit ihren Nebenbedeutung die Sache konkretisiert.
Sehr deutlich wird dies, wenn man z.B. eine Sexszene schreibt. Bestimmte Wörter für Sex oder die Geschlechtsteile wirken schwülstig oder kitschig, andere übertrieben oder überzeichnet, andere öbszon oder medizinisch, manche peinlich oder beleidigend.
Schreibt man eine ernste Sexszene in einer bedrückten Atmosphäre sind die Lustknöpfe (statt Brustwarzen) der sichere Weg zu unfreiwilliger Komik. Auch Norman Mailers Vergleich eines schlaffen Penis mit einer Kotwurst aus seinem letzten Werk ist vielen Lesern unangenehm aufgefallen. Oder auch "die Kobra, die viermal gezischt hat" für mehrmaligen Sex in kurzer Zeit
aus einem anderen Werk wirkt ziemlich daneben.
Ein anderes Beispiel sind bestimmte systhemische Probleme: Sind die Szenen optimal gewählt, wird das Grundthema mit den richtigen Szene umgesetzt,... Also alles, was sich nicht an einer konkreten Stelle, an einem Wort oder Satz festmachen lässt.

Oder wie in dem konkreten Fall: Wie finde ich heraus, ob ich mein Hauptthema klar genug stelle, oder ob ich die Gefühle an der richtigen Stelle stark habe, und an einer anderen Stelle zu recht schwach.
Hier hilft entweder eine gute Intuition oder ein Gespür bei solchen Sachen, ein guter Testleser, Lektor oder Agent, oder jede Menge Erfahrung. Die Grundlage für alle persönlichen Entwicklungen ist die Abstraktion- auch wenn diese oft eben nicht bewusst stattfindet.
Bei manchen Autoren reicht es gute Bücher zu lesen, um danach zu wissen, warum etwas funktioniert oder nicht. Das erlesene wird durch einen kurzen Blitz des Verständnis aufgenommen und nach und nach beim Lesen anderer Bücher erweitert und dann in die eigenen Vorstellung über das Schreiben übernommen. Und aus dieser Kenntnis entsteht dann die Intuition, weil nicht bewusstes Wissen eben auch zur Intuition gehört.
Das funktioniert bei mir leider nur sehr begrenzt. Ich muss erst bemerken, dass etwas nicht stimmt- und das Problem theoretisch angehen (und leider oft genug recherchieren), bevor ich erkenne, wo das Problem liegt. Und das ist alles Abstraktion:

Ich spüre, etwas stimmt nicht. Ich überprüfe kurz worauf ich achten muss, wenn es um systemische Fehler geht: und lese den Text darauf. Und dann bemerke ich, welche Stellen nicht optimal funktionieren. Dann darauf achten, warum das nicht klappt, wieder lesen. Und feststellen: etwas stimmt mit dem Aufbau nicht, ich gehe von bestimmten Problemen zu früh weg oder setzte mit starken Gefühlen ein Highlight auf die falsche Stelle.

Und schwupps, Problem ist klar.

Wundervolle Abstraktion, oder??

Probleme bei der Überarbeitung

Ich überlege gerade theoretisch über die Überarbeitung, weil ich ein Problem an meinem Roman gefunden habe, dass ich noch nicht benennen kann. (Sonst hätte ich längst meinen Autorenpartner angerufen, und seine Meinung danach abgeklopft. Denn Stefan/ Quidam hat oft eine andere Sicht auf bestimmte Dinge, die mich enorm bereichert.)
In den letzten Tagen habe ich das Problem abstrahiert, indem ich über die Überarbeitung nachgedacht habe, und was besonders wichtig ist. Und habe überlegt, wie ich die grundlegenden Dinge behandele, die ich in meinem ersten Teil des Blogeintrags darüber bearbeite.

Und dann habe ich es verstanden:
Ich wechsele das Erzähltempo aus dem starken ersten Teil des Anfangs in einen ziemlich guten zweiten Mittelteil, ich habe aber dazwischen einen Augenblick, in dem ich mein Hauptthema anreiße, aber es dann wieder fallen lasse- zumindest vorerst. Und das ist das erste systemische Problem. Ich muss das noch problematisieren, und klar machen, dass es mein Hauptthema ist. Das zweite systemische Problem ist das ich in der Stärke der dargestellten Gefühle zu stark auf ein schwaches Thema reagiere, aber dann nicht die Bedeutung eines anderen Themas darstelle. Und es gibt peinlicherweise noch ein drittes Problem: Im weiteren Verlauf kommt ein zweites Thema, von dem ich an einem zentralen Punkt ablenke, ohne darauf noch einmal zurückzukommen. Aber genau das müsste ich.

Woher kommen diese Probleme:
Ich habe unterschätzt, wie wichtig diese Betonung für die Klarstellung der wichtigen Themen sind. Weil diese Teile gelungen sind, fällt es nicht so stark auf und ich dachte, ich hätte mehr Zeit um das Hauptthema aufzubauen. Aber das ist nicht so.
Vor allem wird dieses Problem im dritten und letzten Teil des Anfangs sehr schwerwiegend, weil ich danach den eigentlichen Startpunkt des Romans habe, wo meine Heldin zu ihrer "Reise" aufbricht, um sich den Problemen zu stellen. Ich schleppe an dieser Stelle aber immer noch das Problem des unklaren Anfang/ Mittelteils mit, und dadurch wirkt der Startpunkt nicht sauber motiviert.
Oder anders gesagt: Ich muss so einiges überarbeiten und lerne wieder recht viel über mein Schreiben und das Schreiben allgemein. Und werde hoffentlich wieder ein bisschen besser oder zumindest ein bisschen wahnsinniger. (Und interessanterweise hilft mir da mein okkulter Krimi wieder, weil ich da ein ähnliches Problem hatte, aber dort alles viel klarer war- und somit einfacher zu lösen).

Irgendwie ist das eine der seltsamen Geschichten um das Schreiben: Aus dem Scheitern lernt man am meisten, und gerade manche Experimente klären Dinge, die sich sonst wohl nicht geklärt hatten. Oder anders gesagt: Ich träume seit Wochen wieder von diesem Roman, weil ich auf einmal viele Lösungen für Probleme gefunden habe, die mir vorher nicht lösbar schienen oder die ich gar nicht bemerkt habe.
Ich bin ordentlich müde, und ziemlich motiviert. Eine wundervolle Schriftstellermischung.

Und gleich schreibe ich etwas über mein Vorgehen....

Mittwoch, 5. Dezember 2007

Hat ein Autor nur ein Thema

Manche Theorien werden so oft wiederholt, bis man kaum noch die Wahl hat daran zu glauben oder nicht zu glauben: Denn was etwas so oft wiederholt wird, muss es doch eigentlich richtig sein. Ich habe kürzlich ein Interview mit Anne Rice gelesen, die in diesem Interview verkündete, dass sich durch eine Krankheit im Familienkreis vom Thema Blut nahezu besessen wurde. Dies würde dann z.B. erklären, warum Anne Rice sich so lange mit dem Thema Blut in die Chroniken der Vampire oder die Blutlinie der Mayfairhexen beschäftigt hat. Auch bei anderen Autoren lässt sich ziemlich rasch so etwas wie ein Thema konstruieren:
Der Autor meiner Abschlußarbeit für die Uni, Gert Hofmann, hat sich immer wieder mit Künstlerfiguren beschäftigt, mit Vater-und-Sohn Konflikten, sowie der Nazizeit. Aber sein eigentliches Thema ist mißlungene Kommunikation- es gibt zwar scheinbar Dialoge in seinem Werk, aber die meisten Gespräche sind eigentlich Monologe, weil es nicht wirklich zu einem Verständnis zwischen den Figuren kommt.
Wenn man zu dieser Theorie aber andere Autoren mit recht umfangreichen Ouvre befragt, dann wird es ziemlich eng.

Wie man die verschiedenen Dramen und Romane von Goethe unter den Hut eines Themas bekommen möchte, ohne auf ein extrem abstraktes Level zu kommen, der hat ehrlich eine große Leistung geschafft.
Oder wie "Die Buddenbrooks", "Der Zauberberg", "Doktor Faustus" und
"Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull" unter einen Hut bekommen?
Steinbeck hat sich in seinem Werk mit dem Kapitalismus, dem Zusammenhalt von Außenseitern und Familien beschäftigt. Aber was ist nun sein Hauptthema, oder gehören diese Thema zusammen: Dem Kapitalismus unterworfene arme Außenseiter, die eine echte oder falsche Familie bilden...
Oder wie bekommt man Hemingsways Werke zusammen: Männlichkeit?? Als Thema in "Der alte Mann und das Meer" und in den anderen Romanen??? Aber dann verbiegt man zumindest diesen Roman bis zu seiner Entstellung, meiner Meinung nach.

Die Idee der Theorie ist, dass letztlich alle Werke eines Autors geschrieben werden, um dieses Thema möglichst gut zu behandeln, und das dies erst in dem Hauptwerk gelingt. Ich halte ehrlich gesagt diese Theorie für recht dünn. Denn sie verwechselt Ursache und Wirkung. Max Frisch hat oft davon gesprochen, vor allem in seinen Tagebüchern, dass seine Romane der Versuch sind Fragen zu beantworten, die er sich stellt. Und natürlich verändern sich diese Fragen in unserem Leben, denn einige Fragen sind mit unserem Alter oder mit unserem Umfeld verbunden, andere mit unseren Erfahrungen oder äußeren Ereignissen.
Manche Fragen begleiten uns unser Leben lang, und somit kann daraus ein Thema entstehen, dass sich in allen Werken wiederfindet. Meistens gibt es aber in jedem Roman ein anderes Thema, wobei sich bestimmte Fragen als Unterthemen wiederholen- auch wenn ein Roman oft klüger sein kann als sein Autor (siehe "The Democrazy of Don Quichote), so sind die meisten Romane um die Fragen des Autoren herum gestaltet.
Deshalb sehe ich auch nicht die Entwicklung, dass man irgendwann sein Thema perfekt bearbeitet- weil es immer mehr Fragen gibt, als Antworten, und letztlich kaum eine Frage wirklich beantwortet werden kann.
In den Artikeln zu Joseph Conrads 150. Geburtstag wurden einige Artikel geschrieben: In einem sehr interessanten Artikel stand, dass Conrad gerade darin eine besondere Weisheit sah, eben keine Fragen in seinen Romanen endgültig zu beantworten, sondern mehrere Antworten dem Leser anzubieten. Hier wird die Idee eines Themas, welches nach und nach vollendet werden kann, fast absurd und ist nur zu retten, wenn die Darstellung des Themas natürlich auch breit sein kann und nahezu perfekt.

Letztlich ist die Theorie leicht auszuhebeln, sobald man sich auf konkrete Autoren konzentriert und versucht aus Sicht von unterschiedlichen Lesern die Hauptthemen der Autoren zu suchen.
Bücher sind so vielfältig, so reich an Themen und Motiven, da bleibt nur ein Prämisseähnliches Konstrukt aus dem sehr Abstrakten übrig. Und dann ist diese Idee nicht mehr sehr charmant, wenn man damit über sein eigenes Thema nachdenkt.